Glossar

  • Backcasting = Planungsmethode, bei der zunächst das erforderliche Ziel definiert und nachfolgend die zur Erreichung dieses Ergebnisses erforderlichen Schritte festgelegt werden. Z.B. in Dänemark Standard, in der deutschen Politik weitgehend Terra incognita.
  • BGE = Bedingungsloses Grundeinkommen. Konzept, um künftig angesichts der absehbaren Durchführung von Sachbearbeitung durch Künstliche Intelligenz (KI) und den daraus resultierenden Arbeitsplatzverlusten weiterhin die finanzielle Grundversorgung der Bürger*innen sicherzustellen.
  • BIP = Bruttoinlandsprodukt = GNP = Gross National Product. Wird derzeit genutzt, um die Wirtschaftsleistung eines Landes etc. darzustellen – ist aber allzu simpel: „Wann immer Geld fließt für einen Kauf oder Verkauf, nimmt es zu“ (Heuser/Pletter 2020, 21) – also auch, wenn die Folgen bspw. einer Ölkatastrophe zu beseitigen sind. Soziale oder Umweltaspekte fließen nicht ein. Bedarf dringend der Ersetzung durch komplexere Messinstrumente; Definition s. Fußnote auf S. 32.
  • BMU = Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
  • Brückentechnologien = Zwischenlösungen, für die i.d.R. ganze Industrien und globale Logistikketten hochgezogen werden (vgl. LNG), für die aber angesichts der Dringlichkeit der CO2e-Reduktion keine Zeit mehr ist. Zwischenlösungen lenken i.d.R. von der Erfordernis einer umfassenden Transformation ab.
  • Club of Rome = Ein Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen aus aller Welt aus diversen Fachbereichen. Berühmt wurde der Club of Rome 1972 durch die Veröffentlichung des Bestsellers Die Grenzen des Wachstums, welches der Menschheit global erstmals klarmachte, dass es ein unendliches Wachstum in einer begrenzten Welt nicht geben kann und mit Umweltverheerungen einhergehen muss. (s.a. Aspekt Wir haben’s nicht gewusst in Abschnitt Klimawissenschaftsleugner*innen auf Partys bzw. bei Diskussionen, S. 223).
  • CO₂e – Das „e“ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“: Es ist üblich die neben CO2 existierenden weiteren Treibhausgase wie z.B. Methan und Lachgas auf Basis des Grades ihrer klimaschädigen Wirkung in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umzurechnen, um auf diese Weise die Gesamtemissionen von Treibhausgasen in einer Zahl darstellen zu können, vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase, S. 145).
  • COP = Conference of the Parties; Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen (UN = United Nations): Madrid 2019 =  COP 25, Paris 2015 = COP 21, Berlin 1995 = COP 1, geleitet von Angela Merkel als Bundesumweltministerin
  • EE = Erneuerbare Energien = Stromproduktion aus Windenergie an Land (Onshore) und auf See (Offshore), Photovoltaik (=Solarzellen, PV-Anlagen), Wasserkraft sowie Wärmeproduktion aus Geothermie und Umweltwärme (z.B. Abwärme) und biogenen Brennstoffen und Gasen (mit denen in geringerem Maße auch Strom produziert wird) aus Biogasanlagen, die Biomasse wie z.B. Gülle/Festmist, Material aus der Biotonne und Silagen von Energiepflanzen wie Mais, Getreide oder Gras zu Methan (s.u.) vergären.
  • Effektivität = Maß für das Verhältnis zwischen erreichtem und zuvor definiertem Ziel. Beschreibt die Wirksamkeit, d.h. den Grad und die Qualität der Zielerreichung. Anders formuliert: Die richtigen Dinge tun. Ein qualitatives Maß.
  • Effizienz beschreibt die Wirtschaftlichkeit, die Kosten-Nutzen-Relation, d.h. das Verhältnis zwischen Ergebnis und Aufwand. Es geht um den rationellen Umgang mit knappen Ressourcen. Je effizienter z.B. Rohstoffe genutzt werden, desto weniger Ressourcen benötigt man, um das gleiche Ergebnis zu erzielen oder um das Produkt herzustellen. Ein quantitatives Maß. Anders formuliert: Die Dinge richtig tun. Läuft allerdings oft darauf hinaus, dass man insgesamt mehr produziert, weil ja durch den reduzierten Materialaufwand Zeit und Geld zur Verfügung stehen, die für eine höhere Gesamtproduktion eingesetzt werden können.
    • Unterschied Effektivität/Effizienz: Es mag sein, das eine Firma dank neuer Maschinen, die pro Produkt weniger Ressourcen verbrauchen, effizienter produziert. – Wenn sie aber dadurch mehr Produkte produziert, ist der gewünschte Effekt – das Einsparen von Ressourcen – nicht eingetreten.
  • Externalisierung = das Auslagern von Kosten. Wenn eine Firma unter Verschmutzung z.B. der Atmosphäre Produkt X zum Preis Y herstellt, dann fehlen im Preis Y die Umwelt- und Entsorgungskosten. Wenn Arbeitskräfte im Globalen Süden ausgebeutet werden, spart man Kosten, die bei ethisch korrekter Herstellung einzurechnen wären. Folge: Das Produkt kann nur deshalb so wenig kosten, weil es umweltschädlich und unethisch ist.
  • Extraktivismus = gemeint ist der Neo-Extraktivismus, bei dem nicht-nachhaltig, per Raubbau, d.h. i.d.R. unter Missachtung der Rechte oftmals indigener Bevölkerungsteile verbunden mit massiven Umweltschäden meist von internationalen Firmen in Eigenregie oder per Joint-Venture mit der jeweiligen Regierung Rohstoffe ausgebeutet werden. Dies geschieht i.d.R. zudem zukunftsblind und somit nicht Generationen-gerecht.
  • Finanzialisierung = Machtverschiebung seit den 1980er Jahren zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft, begünstigt durch die zunehmende Deregulierung der Finanzmärkte; konkret prägt die wachsende Durchdringung z.B. des Nahrungsmittel- und Rohstoffgeschäft durch Finanzinvestor*innen sowohl Investitions- und Unternehmensentscheidungen als auch via Spekulationsgeschäfte die Weltmarktpreise.
  • Globaler Süden ist der heute i.d.R. verwendete Begriff, mit dem lange Jahre die sog. ‚Dritte Welt‘ und zwischenzeitlich der sog. ‚Trikont‘ umschrieben wurde.
  • Gt = Gigatonne: 1 Gt = 1.000 Megatonnen (Mt) = 1.000.000 Kilotonnen bzw.
    1 Mio kt = 1.000.000.000 Tonnen bzw.          
    1 Mrd t = 1.000.000.000.000 Kilogramm (kg) bzw. 1 Billionen kg
  • IPBES = Weltbiodiversitätsrat der UN = Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services
  • IPPC = Weltklimarat der UN = Intergovernmental Panel on Climate Change
  • Klima ist im Unterschied zum Wetter ein langfristiger Zustand. Klima ist das statistische Mittel des Wetters innerhalb einer Zeitspanne von üblicherweise 30 Jahren einer Region bzw. des Planeten, sodass einzelne Wetterereignisse eine untergeordnete Rolle spielen und sich ein Gesamtbild des durchschnittlich herrschenden Klimas ergibt.
  • Klimakrise = Krise des Lebens angesichts des menschengemachten Klimawandels, die ohne massives Umschwenken katastrophal endet. Oft wird der Begriff übergreifend für die „umfassende und multiple Zerstörung der Lebensgrundlagen für die menschliche Spezies – Biodiversität, Stickstoffkreislauf, Versauerung der Ozeane, Wasserversorgung“ (Neef 2020, 4) verwendet, obgleich die Klimakrise nur ein Teil dieser ‚globalen anthropogenen Umweltkatastrophe‘ (vgl. S. 677) ist.
  • Klimawandel = Veränderungen des Klimas; hier gemeint: anthropogener (=menschengemachter) Klimawandel, ein Prozess der durch die Menschheit insbesondere durch vermehrten Eintrag von Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre und Landnutzungsänderungen in Gang gesetzt wird. Das Wort ‚Wandel‘ legt einen linearen Verlauf der Veränderungen nahe, was angesichts immer schnellerer Veränderungen und sog. Kipppunkte nicht zutrifft.
  • Klimaneutralität = CO2e-Bilanz in Balance = das Erreichen von Netto-Null-Emissionen, d.h. es wird jährlich nur noch so viel CO₂e emittiert, wie durch die Natur, d.h. durch die sog. natürlichen Senken wie z.B. via Wälder, aus der Atmosphäre entfernt wird.
  • Kohärenz = Wenn bspw. eine Regierung kohärent arbeitet, dann werkelt kein Ministerium und keine Behörde allein vor sich hin, sondern man entwickelt die Politik, die Gesetzesvorhaben und die Maßnahmen koordiniert, schlüssig, ineinandergreifend und widerspruchsfrei.
  • Kohlendioxid = CO2 = Kohlenstoffdioxid, vgl. S. 145.
  • Lachgas = N2O (= Distickstoffoxid = Distickstoffmonoxid) = 298 x so klimaschädigend wie CO2, vgl. S. 145.
  • LNG = liquefied natural gas, fossiles Methan, welches energieintensiv und trinkwassergefährdend meist in den USA gefrackt und nachfolgend energieintensiv tiefgekühlt über den Atlantik verschifft wird, um dann z.B. energieintensive Industrien oder auch Kreuzfahrtschiffe anzutreiben. Wird derzeit mitten im Dekarbonisierungsprozess als sog. Brückentechnologie forciert.
  • Methan = CH4 = allgemein als ‚Erdgas‘ bekannt, auf die entscheidenden kommenden 20 Jahre gerechnet 84x so klimaschädigend wie CO2, vgl. S. 145.
  • ÖPNV = Öffentlicher Personennahverkehr unter Einschluss des Regionalverkehrs
  • ppm = parts per million = Anteile pro Million – z.B. der Anteil von CO₂-Molekülen an der Atmosphäre
  • Rebound-Effekt = Effizientere und/oder günstigere Produkte führen oftmals zu Mehrverbrauch von Ressourcen und Energie, d.h. der Gesamteffekt ist negativ, ausführlich siehe S. 257.
  • Resilienz = Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit. Eine resiliente Gesellschaft/Ökonomie ist so aufgebaut, dass Störungen/Probleme leicht aufgefangen werden können. Es gibt einen Plan B, man hat mögliche Zukünfte im Blick und ist auf Eventualitäten vorbereitet.
    Komplementärbegriff ist die Vulnerabilität, die Verletzlichkeit einer Gesellschaft/Ökonomie.
  • Shareholder Value = Unternehmensprinzip, demzufolge Gewinnmaximierung zu Gunsten der Dividenden (‚Gewinn-Ausschüttungen‘) der Aktionär*innen ‚über allem‘ stehe. Der ‚Erfinder‘, Jack Welch, bezeichnete dieses wohl 1981 entstandene Prinzip im Jahre 2010 als „die blödeste Idee der Welt“ (zit. in Büschemann 2020).
  • Senken (natürliche Senken) = natürliche CO₂e-Speicher wie z.B. Wälder, Moore, Humus und Ozeane.
  • SRU = Sachverständigenrat für Umweltfragen, kurz: Umweltrat, wissenschaftliches Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung
  • Stickoxide = Stickstoffoxide = Sammelbegriff für gasförmige Oxide des Stickstoffs (NOx); Dieselfahrzeuge „verursachen schwere Atemwegserkrankungen wie Asthma [und] belasten unser Herz-Kreislauf-System … Dieselfahrzeuge sind die Hauptquelle für Stickoxide in unseren Städten“ (BUND 2020).
  • Suffizienz bedeutet „die Reduktion von Rohstoff- und Energieverbrauch durch Reduktion von Konsum- oder Komfort-ansprüchen“ (Paschotta 2019). Ein ‚Weniger‘ ist im Unterschied zu sämtlichen Reformbemühungen und technischen Lösungen sofort umsetzbar und zeitigt umgehend Ergebnisse.
  • systemisch = im System liegend, das System (als Ganzes) betreffend. Einem systemischen Problem kann nicht mit Einzelmaßnahmen begegnet werden. Bspw. greift die Antwort, durch das Verkehrsministerium einen neuen Abgastest einzuleiten, bei der Bearbeitung des Dieselskandals zu kurz. Zur Aufarbeitung bzw. zur Verhinderung neuerlicher ähnlich gelagerter Skandale sind Fragen der Gesundheit von Bürger*innen, des Steuer- und Wettbewerbsrechts, der Vorgaben für Vorstände und Behörden, Haftungsfragen, Sammelklagen, der Transparenz, etc. mit einzubeziehen.
  • UBA = Umweltbundesamt: Der Bundesregierung zuarbeitende, unabhängige, wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium: Das UBA ist eine äußerst fundierte und umfassende Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/
  • Umwelt = Mitwelt. Manfred Folkers und Niko Paech finden den deutschsprachigen Begriff ‚Umwelt‘ eher unglücklich gewählt und nutzen stattdessen den Begriff ‚Mitwelt‘, der, so Folkers, „die Augenhöhe zwischen der Natur und der Menschheit als Verursacherin ökologischer Probleme wieder her[stellt]“ (2020, 220).
  • WGBU = Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, wissenschaftliches Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung

>> Quellen zu diesen Einleitenden Erläuterungen siehe unterhalb Abschnitt Intro.


Inhaltsverzeichnis

…des Handbuch Klimakrise mit (fast) allen z.B. für (Party-)Diskussionen relevanten Fakten, Zahlen und Argumenten inkl. möglichen politischen, gesellschaftlichen und individuellen Veränderungen und Chancen für diese Welt.

  • Energie & Zukunft
    • Ein Blick in die fossile Vergangenheit: Erdöl. Erdgas. Kohle.
    • Energiewende in Deutschland
    • Erdgas, LNG und die ‚Wasserstoffstrategie‘
    • Windkraft
    • Weitere Aspekte der Energiewende: Arbeitsplätze, Stromtrassen, Kostenwahrheit
  • Sechstes Massenaussterben
    • Der Weltvielfaltsrat IPBES
    • Insekten- und Bienensterben
    • Massenaussterben & Krefelder Studie – See the Picture
    • Fazit Sechstes Massenaussterben

>> Zurück zum Inhaltsverzeichnis kommt man mit dem „Back“-Knopf im Browser.



Nächster Abschnitt:



Über den Autor

Marc Pendzich, Komponist, promovierter Musikwissenschaftler und Klimaaktivist. Mitglied des Zukunftsrat Hamburg. Hat einen gleichermaßen wissenschaftlichen, kreativen und ganzheitlichen Blick  auf die Welt. Vermisste ein Buch, dass die wesentlichen Informationen über Klimakrise, Klimagerechtigkeit, Massenaussterben und über die notwendige sozial-ökologische Transformation sowohl für Deutschland als auch weltweit allgemeinverständlich, ganzheitlich und durchgehend mit Quellen belegt zusammenfasst. Schrieb es dann selbst. Zunächst in Form des Webportals handbuch-klimakrise.de. Hiermit nun darüber hinaus auch als Buch bzw. E-Book vorliegend.


Fazit.

Fazit Nr. 1: Luftschlösser einreißen.

Menschen reden derzeit über und investieren viel, viel Geld in neuerliche Mondlandungen, Mars-Expeditionen, selbstfahrende Autos und Flugtaxis – lauter letztlich verzichtbare Luftschlösser – aber für die gigantischen irdischen Probleme gibt es hingegen kaum ein Bewusstsein.

Dieser Realitätsverlust ist… unmenschlich.

Ja, klar, Menschen brauchen Visionen – die Apollo-Missionen u.ä. haben die Menschheit sicher in vielerlei und auch in technologischer Hinsicht vorangebracht.
Angesichts der drohenden Existenzkrise der Menschheit gilt es aus meiner Sicht nunmehr vor allem eine Vision zu entwickeln: Wie es für uns weitergeht.

Gesellschaftlich. Politisch. Wirtschaftlich. Global.

Es geht gar nicht mehr um die Fragen:
> „Was ist ein gutes Leben?“ oder
> „Wie wollen wir leben?“

Es geht um unsere: Existenz.

„There are no gray areas when it comes to survival.“
(Greta Thunberg in Davos, 2019)

Jeder Cent von Luftschlössern hat daher m.E. in die Entwicklung von politischen, Lösungen der tiefen Krise unseres Planeten gesteckt zu werden.

Es geht nicht um’s gute Leben, sondern um unser Überleben.

Daher ist das hier auch kein bloßes Handbuch.

Es ist ein Survial-Kit.


Fazit Nr. 2: Wir haben die Wahl.

Wir Menschen haben derzeit noch – nach menschlichem Ermessen und auf Basis des Standes der Wissenschaft – die Wahl zwischen

  • einem eher unangenehm warmen und streckenweise stürmischen Planeten mit der Chance auf einen gemäßigten Wohlstand, wenn wir jetzt individuell Handeln, die Zukunft aktiv mitgestalten und vor allem die Politik vor uns hertreiben und
  • einem Planeten,
    • auf dem Menschen schon in wenigen Jahrzehnten das Leben ihrer Großeltern für eine böse Anekdote halten werden,
    • Zivilisation und Wohlstand historische Begriffe sein werden und
      • unsere Kinder,
      • erst recht unsere Enkel*innen und
      • ganz sicher alle nachfolgenden Generationen
    • für hunderte, wenn nicht tausenden von Jahren in einer dauerhaften Krisensituation des Mangels und des Kampfes ums Überleben kämpfen und diesen Kampf milliardenfach verlieren werden.

Haben wir wirklich eine Wahl?

Nein.

Lasst uns Anfangen.

Jetzt.

Nicht halbherzig.

Mit voller Kraft.

Sofort.

Heute.


Noch ’n Fazit:

Ich habe bei der Recherche – so detailliert, umfassend und langwierig sie war (und ist) – trotz allem letztlich lediglich an der Oberfläche von unendlich vielen Tabellen und abertausenden Zahlen und Millionen von engbedruckten Seiten von wissenschaftlichen Studien gekratzt – der Klimawandel gilt nicht umsonst als das am besten erforschte Wissenschaftsfeld überhaupt.
Forschung ist eine gute Sache – aber diese dient seit vielen Jahren zu einem guten Teil dazu, ein paar Menschen von etwas zu überzeugen, die sich nicht überzeugen lassen wollen: Man kann sich hier im wahrsten Sinne totforschen.

Das ist eine Falle, die von den fossilen Gewinnlern mit ihren systematisch vorgebrachten ‚ewigen Zweifeln‘ gestellt wurde und wird, und in die die Klimawissenschaft und mit ihr gemeinsam die Politik und alle, die aufrichtig gern einen wohltemperierten Planeten behalten möchten, tief hineingetappt sind.

Ja, natürlich kann man z.B. das Insektensterben erforschen, bis sie alle, alle tot sind. Muss man aber nicht.


Es wäre m.E. hilfreich, das grundlegende Forschungsergebnis endlich und in seiner allumfassenden Dramatik als gegeben zu akzeptieren, und den Fokus von Forschung in erster Linie auf die gesellschaftliche sog. große Transformation sowie auf zukunftsfähige technische Ideen zu richten, z.B. auf die Optimierung von Technologien zur Zwischenspeicherung von Energie von erneuerbaren Energien.

Ihr seid dran.

Marc Pendzich.

PS:
#Film4Climate – Prince Ea „Three Seconds“ – Länge: 4:18 Minuten.
>> 1st Prize Short Film Winner – auf dem Klimagipfel in Marrakesch 2016
>> Prince Ea ist Spoken Word Artist und Rapper
>> Die einstellbaren (automatischen) englischen Untertitel helfen sehr!



#Film4Climate – 1st Prize Short Film Winner auf dem Klimagipfel in Marrakesch 2016
Prince Ea (2016): Three Seconds, online unter www.youtube.com/watch?v=sacc_x-XB1Y (Abrufdatum 6.7.2019)

s.a. Schilling, Sabine (2016): „Anthropozän: Der Zustand des Planeten aus Sicht von Prince Ea“. in: Spektrum, online unter https://www.spektrum.de/video/der-zustand-des-planeten-aus-sicht-von-prince-ea/1467337 (Abrufdatum 6.7.2019)

sowie das Video:
Prince Ea (2015): Dear Future Generations: Sorry, online unter www.youtube.com/watch?v=eRLJscAlk1M (Abrufdatum 6.7.2019)


Mein Manifest.

Apropos
‚Bitte mach mir den Teppich nicht nass, während du löschst!‘

Philipp Schröder, Experte für erneuerbare Energien und Ex-Tesla-Chef Deutschland, fasst die derzeitige Klimapolitik-Situation – Stand 2018 – wie folgt in ein Bild:

  • „Man versucht ein Feuer zu löschen – das ist die Klimakatastrophe.  Und diejenigen, die die Feuerlöscher sind, sind … [die]  Politiker  … und um sie rum hüpfen Lobbyverbände, die sagen, ‚bitte mach mir den Teppich nicht nass, während du löschst.‘ … Allerdings sind wir alle … in einer Komfortzone, … und möchte[n] [auf dem] Sofa sitzen bleiben und … nicht nass werden – und das ist sehr schwer zu lösen.“ (13. Dezember 2018, Hervorhebung Pendzich)

Ich möchte nass werden.

Für mich selbst.

Für meine Kinder. Für alle unsere Nachkommen, die verdammt noch mal das gleiche Recht haben, in einem funktionierenden Ökosystem zu leben.

Für meine Enkel, denn es wäre schön, wenn es sie eines Tages geben könnte.

Für alle Menschen, die ich liebe. – Ja, und auch für die Menschen, die ich nicht mag.

Für ‚mein‘ Hamburg, für ‚meine‘ Nordfriesischen Inseln und sonstige von mir geliebte Orte.

Für Europa, als dessen EU-Bürger ich mich zugehörig fühle.

Für uns Menschen der sog. Industrienationen, in der Hoffnung, dass immer mehr Mitmenschen ebenfalls das Bedürfnis entwickeln, ’nass‘ zu werden, denn es ist eine pure Illusion, dass die Klimakatastrophe uns weniger treffen könnte. Die Erde ist ein ziemlich kleiner Planet für aktuell 7,6 Milliarden Menschen. Erst recht in einer globalisierten Welt, in der alles miteinander zusammenhängt.

Für die Menschen der Länder des Südens, die seit Jahrhunderten und bis zum heutigen Tag mit einem niemals eingelösten ‚Entwicklungsversprechen‘ von Politikern, Weltbankern und IWF-lern, von Unternehmern und auch den Verbrauchern der Industriestaaten verarscht und missbraucht werden – und nun auch noch zuerst und am heftigsten ‚den Kopf hinhalten‘ für die von ihnen garantiert nicht verursachte Klimakrise (‚Klimagerechtigkeit‘).

Für alle diejenigen Menschen, die aufgrund unserer westlichen ‚imperialen Lebensweise‘ und der daraus entstehenden sozialen Verwerfungen bzw. als einer von jetzt schon 20 Millionen ‚Klimaflüchtlinge‘ alles zurücklassen müssen. Würden wir G20-Bewohner unser anmaßendes ‚Leben im Überfluss‘ beenden, uns auf das ‚menschliche Maß‘ beschränken und statt dessen kosmopolitisch handeln, würden wir auch den „kollektiven Suizidversuch“ aufgeben oder zumindest die Chance wahren, ihn zu beenden (Rühle 2018 u. vgl. Brand/Wissen 2017).

Für das Wunder ‚Leben‘; für alles Leben auf dieser Erde, ob es nun CO2 generiert oder absorbiert; für alle Lebewesen, die mit unserem absurden Egotrip, der schlicht und einfach ins Nichts führt, nichts zu tun haben und doch fatalerweise uns Menschen bedingungslos ausgeliefert sind – und:

Für diese wunderbare Oase inmitten unbelebter Sterne, also: für diesen zum Kasino herabgewürdigten Planeten, für diese zutiefst geschundene Erde, auf dem wir rumtrampeln, anstatt uns so zu benehmen wie es sich für Gäste gehört (vgl. Rahbi 2018 u. Laurent 2016).

Für alles. Denn ohne alles ist alles nichts.


„Komm, tanz‘ im Regen ganz verwegen,
wild und ungestüm für Dich,
Du sollst nur du selber sein.“

(… statt Konsument.)

aus: ‚Regenzeit‘ (Song), Marc Pendzich, 1994


Quellen zu Mein Manifest.

Eingangszitat Philip Schröder:
>> n.n. (2018): „Klimaretter Deutschland – gut gedacht, schlecht gemacht?“ [Philipp Schröder im Gespräch mit Maybrit Illner.] in: Maybrit Illner, Talkshow im ZDF, 13.12.2018, online unter  https://www.zdf.de/politik/maybrit-illner/klimaretter-deutschland-gut-gedacht-schlecht-gemacht-sendung-vom-13-dezember-2018-100.html (Abrufdatum 14.12.2018)


Stichwörter „Oase inmitten unbelebter Sterne“ und „Planet zum Kasino herabgewürdigt“, siehe die beiden folgenden Quellen:
>> Laurent, Melanie und Dion, Cyril (2016): Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. Film-Doku. Darin: Pierre Rabhi im Gespräch.
Hier heißt es: „Diese unersättliche Menschheit sieht den Planeten nicht als wunderbare Oase inmitten unbelebter Sterne, in der das Leben herrlich ist: ein wahres Wunder eben.“

>> Rahhi, Pierre (2018): Manifest für Mensch und Erde. Matthes & Seitz Berlin, S. 89. Französische Originalausgabe 2008 unter dem Titel Manifeste pour la terre et l‘humanisme.
Hier heißt es: Unser Planet ist „durch Plünderung und die Gesetze des Marktes von einer Oase zum Kasino herabgewürdigt“ worden.


Stichwort „menschliches Maß“, siehe:
>> Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. oekom. S. 52.


Stichwort „Klimaflüchtlinge“:
>> Buse, Uwe (u.a.): „Was der Anstieg der Meere für die Menschheit und ihre Lebensräume bedeutet“. in: Der Spiegel Nr. 49/2018, 1.12.2018, S.12-22.
Hier heißt es:
„Auf der Weltklimakonferenz 2017 in Bonn … schätzten UNO-Experten, dass bereits heute 20 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hitze, Dürren, Stürmen oder Überschwemmungen seien. Laut einer Weltbank-Studie könnten es bis zum Jahr 2050 mehr als 140 Millionen werden“ (22)

Anmerkung dazu, 25.5.2019: Einer der (vielen) Mitautoren dieses Artikels ist Claas Relotius, der im Dezember 2019 vom Spiegel der Fälschung überführt wurde; der hier aufgeführte Teil des Artikels ist gemäß Überprüfung des Spiegels nicht zu beanstanden, ist also korrekt , vgl. https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-welche-texte-gefaelscht-sind-und-welche-nicht-a-1249747.html (Abrufdatum 25.5.2019).

Sehr zu empfehlen in diesem Zusammenhang ist die ARTE-Doku
>> Aders, Thomas (2018): Klimafluch und Klimaflucht. TV-Doku, 59 min, online unter https://www.youtube.com/watch?v=tSiRvHzU_JY (Abrufdatum 22.12.2018)


Stichwort „Imperiale Lebensweise“, siehe:
>> Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. oekom.


Stichwort „kollektiver Suizidversuch“, siehe     
>> Rühle, Alex (2018): „Klimawandel: ‚Gleicht einem kollektiven Suizidversuch'“. [Gespräch mit Hans Joachim Schellnhuber]. in: Süddeutsche Zeitung, 14.5.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/klimawandel-gleicht-einem-kollektiven-suizidversuch-1.3978878?reduced=true (Abrufdatum 14.12.2018)


Weitere Quelle:
>> Luley, Peter (2018): „Klima-Talk bei ‚Maybrit Illner‘: Im Weinbergschneckentempo.“ in: Der Spiegel, 14.12.2018, online unter http://www.spiegel.de/kultur/tv/maybrit-illner-ueber-klimapolitik-mit-christian-lindner-im-schneckentempo-a-1243627.html (Abrufdatum 14.12.2018)


Mehr zum Thema ‚menschliches Maß‘ bei LLL:
>> Beitrag „Hybris vs Hygge / Hygge contra Hybris“: https://blog.lebelieberlangsam.de/hybris-vs-hygge-hygge-contra-hybris



Klimakrise: Weiterlesen im Netz:



Quellenverzeichnis „Klimakrise“

Tiefer einsteigen:
>> 4800 Seiten und 450 Minuten Basis-Wissen in alphabetischer Reihenfolge und nach Medium geordnet:

[fett gedruckt: Einige besonders empfehlenswerte Quellen des „Handbuch Klimakrise“]


>> Literaturverzeichnis:

  • Bonner, Stefan und Weiss, Anne (2017): Planet planlos. Sind wir zu doof die Welt zu retten? München: Knaur. 320 Seiten. (Für Einsteiger)

    • Das Buch ist im Mai 2019 als überarbeitete Neuausgabe unter dem Titel Generation Weltuntergang: Warum wir schon mitten im Klimawandel stecken, wie schlimm es wird und was wir jetzt tun müssen bei Droemer erschienen.

  • Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. 224 Seiten.

  • Brasseur, Guy et al. (Hg.) (2017): Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven. Springer Open. Auch als kostenfreies E-Book verfügbar: https://play.google.com/books/reader?id=KNhCDwAAQBAJ&hl=de&pg=GBS.PA24 (Abrufdatum 19.12.2018) (die nationale Version der IPCC-Berichte) ca. 350 Seiten.

  • Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi. 336 Seiten. 

  • Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing. 240 Seiten.

  • Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer. (Der Originaltitel ist besser gewählt: This Changes Everything: Capitalism vs. Climate.) 704 Seiten.

  • Kopatz, Michael (2016): Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München: oekom Verlag. 416 Seiten.

  • Lesch, Harald u. Kamphausen, Klaus (2016): Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän. München: Knaur. 516 Seiten.

  • Lesch, Harald u. Kamphausen, Klaus (2018): Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen. München: Penguin. 366 Seiten.

  • Nelles, David u. Serrer, Christian (2018): Kleine Gase – große Wirkung. Der Klimawandel. 132 Seiten. s.a. www.klimawandel-buch.de

  • Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme. Ullstein. 242 Seiten.

  • Papst Franziskus (2015): Laudatio Si‘ – Die Umwelt-Enzyklika des Papstes. Leipzig: benno. 200 Seiten.

  • Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. 144 Seiten.

  • Weizsäcker, Ernst Ulrich von u. Wijkman, Anders u.a. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. 400 Seiten.

  • Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer. 336 Seiten.

>> Kino-Dokumentationen zur Klimakrise:

  • Anote’s Ark. Film-Doku von Matthieu Rytz über den Klimakampf des Ex-Präsidenten von Kiribati, Anote Tong, und das Emigrationsschicksal einer nach Neuseeland emigrierenden kiribatischen Familie, DVD, 2018.

  • Before The Flood. Film-Doku von UN-Friedensbotschafter Leonardo DiCaprio und Fisher Stevens, DVD, 2016.

  • Chasing Ice. Film-Doku von Jeff Orlowski über das per ‚Dauerfotografie‘ sichtbar gemachte Verschwinden des Polar-Eises, DVD, 2012.

  • Immer noch eine unbequeme Wahrheit. Die Zeit läuft. Film-Doku-Update von Al Gore, DVD, 2016.

  • System Error – wie endet der Kapitalismus? Film-Doku von Florian Opitz, DVD, 2018.

  • Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. Film-Doku von Melanie Laurent und Cyril Dion, DVD, 2016.


Und immer wieder schön-schockierend, die Exxon- und Shell-Geheimstudien von 1982 bzw. 1988, in denen alles steht, was heute Realität ist:

>> weitere Links zu besonders lesenswerten Artikeln zur Klimakrise:


… sowie die Website des Bundesumweltamtes, die übrigens auch den Mitarbeiter*innen des Bundestages zur Verfügung steht: https://www.umweltbundesamt.de/



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Vorwort

Als Achtjähriger hatte ich meinen persönlichen Öl-Schock. Ich wurde im Rahmen der zweiten Ölpreiskrise 1979 erstmals der großen Weltpolitik gewahr und verstand, dass die Welt komplett durch Öl angetrieben wird und ebendieses Öl endlich ist. Alle Forscher*innen müssten umgehend nach Alternativen suchen, damit das Leben weitergehen kann, erkannte ich mit meiner Kinderlogik die Dramatik dieser Nachricht – wie wahrscheinlich damals viele Kinder meiner Generation. Erfände jemand einen Wasserantrieb o.ä., würde die Erfindung umgehend für immer im gepanzerten ‚Giftschrank‘ der Ölunternehmen verschwinden, erklärten mir meine Eltern wenig hoffnungsvoll. Mich regte das auf – es war meine erste Erfahrung mit der Irrationalität, welche dazu führt, dass Macht über Vernunft siegen kann. Es regt mich auch 40 Jahre später noch auf. Denn weiterhin sind es fossile Energien, die maßgeblich den Antriebsmotor unserer Gesellschaft schmieren. Inzwischen ist nicht mehr die Endlichkeit des Öls das Problem, sondern das Zuviel. Zwar gibt es mittlerweile mühsam erkämpfte Alternativtechnologien, aber: Wir könnten schon so viel weiter sein. Vom Klimawandel hörte ich erstmals etwa 1990, zur Zeit des Abiturs – nie hätte ich seinerzeit damit gerechnet, dass ich selbst betroffen sein könnte. So schlug ich den damals als absurd empfundenen, aber den rückblickend erstaunlich weisen Vorschlag der archaischen Software des Hamburgischen Berufsinformationszentrums (BIZ) aus, Meteorologe zu werden. Aber Öko war und blieb ich – immer schon trieb mich das grundlegende Gefühl an, welches Albert Schweitzer mit dem Schlagwort „Ehrfurcht vor dem Leben“ belegte, persönlich möglichst wenig zur Zerstörung der blauen Perle beitragen zu wollen, sodass ich auch deshalb mein Hobby zu einem meiner beiden Berufe machte: Komponierte Schallwellen schaden dem Planeten nicht, günstigstenfalls helfen sie ihm.

Am Anfang dieses Projektes stand der Wunsch, ein abendfüllendes Tanztheatermusikstück über die Klimakrise zu kreieren – dann jedoch schlug der akribische Geisteswissenschaftler in mir durch: Es folgte eine Art privates Zweitstudium in Form einer sechsjährigen Recherche, die in das hiermit vorliegende ‚Handbuch Klimakrise‘ mündet. Das Musikwerk gibt es bis heute nicht. Dies ist das Werk. Ohne Musik.



Das Handbuch Klimakrise versammelt die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente rund um die Klimakrise bzw. zur großen Transformation, die unweigerlich kommen muss, kommen wird und in vielerlei Hinsicht schon längst begonnen hat.

Dieses Webportal handbuch-klimakrise.de ist ein work in progress-Projekt und liegt mit dem Book on Demand (BoD) nunmehr ab dem 10. November 2020 in erster Edition auch als Print-Ausgabe sowie als E-Book vor. ‚Book on Demand‘ ist das Mittel der Wahl, um Buch, E-Book und Webportal auf dem neuesten Stand zu halten.

Am 10.11.2020 erscheint das Handbuch Klimakrise als Book on Demand (BoD), Din A4, 700 Seiten, 68.– EUR sowie als E-Book, 19,99 EUR.

>>Buch, E-Book und Website verfügen über die gleichen Inhalte – i.d.R. wird die Website etwas aktueller ausfallen als die beiden anderen Medien. Deren Vorteil liegt wiederum in der Haptik bzw. im Falle des E-Books in der schnellstmöglichen Recherche für den User bei gutem Überblick.

>> Oktober 2020: Aktuell sind das Buch und das E-Book etwa 300 Word-Seiten umfangreicher als die Website. Diese wird derzeit aktualisiert und auf den Stand des Buches gebracht.



Die Menge an Informationen unterschiedlichster Qualitätsniveaus zur Klimakrise, zum sechsten Massenaussterben und den weiteren Nachhaltigkeits- und Reformthemen ist schlicht unüberschaubar.

  • Dieses Handbuch bringt die auf tausenden Websites, Nachrichtenportalen und Büchern verstreuten Informations-Puzzleteile, die man als Nicht-Fachfrau/-mann bei Diskussionen gerne parat hätte, aber allzu oft nur ‚so ungefähr‘ drauf hat, zusammen in eine Veröffentlichung.
  • Alles hängt mit allem zusammen. Daher muss dieses Projekt letztlich uferlos sein – somit kann ein Anspruch auf Vollständigkeit nicht bestehen. Mit dem Mut zur Lücke und angesichts der drängenden Zeit hat m.E. die Priorität auf der Bereitstellung der so noch nirgends in eine Publikation zusammengetragenen Informationen zu liegen und nicht auf einer letztlich ohnehin unmöglichen Vollständigkeit: Mit diesem Handbuch ist es wie mit Software, die mit jedem Update und jeder Version neue, aktualisierte und erweiterte Features erhält.
  • Hingegen ist es mein Anspruch als Geisteswissenschaftler, der einst in Musikwissenschaft über rechtliche, ökonomische und pophistorische Aspekte von Musikbearbeitungen bzw. Coverversionen promovierte und sich seit rund sechs Jahren intensiv durch die Klima- und Nachhaltigkeitsliteratur arbeitet, dieses Projekt auf einer detaillierten, tiefgehenden Recherche mit wissenschaftlicher Quellenarbeit fußen zu lassen.    
  • Die Pluralität der Quellen sichert die Ausgewogenheit – das naturwissenschaftliche Fundament, das Pariser Abkommen sowie die Grundannahme ‚Wir sind Erde‘ geben die Richtung vor.


Das Handbuch Klimakrise richtet sich an Leser*innen ohne Spezialkenntnisse. Es ist sowohl Lesebuch als auch eine Handreichung und bietet als solche den schnellen Zugriff auf die relevanten Zahlen, Fakten und Argumente. Tatsächlich schließt es eine große Lücke, weil es das Thema aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet und diese unterschiedlichen Blickwinkel ganzheitlich in einer Veröffentlichung zusammenbringt:

  • Klimatolog*innen analysieren die naturwissenschaftliche Seite,
  • Biolog*innen erforschen u.a. das eng mit der Klimakrise verknüpfte sechste Artensterben,
  • Ärzt*innen benennen mögliche Gesundheitsgefährdungen,
  • Ingenieur*innen entwickeln die meist schon bestehenden Zukunftstechnologien weiter,
  • Soziolog*innen beleuchten die gesellschaftlichen, gruppendynamischen Prozesse,
  • Agrarökolog*innen untersuchen die Herausforderungen für die Landwirtschaft,
  • Psycholog*innen beobachten z.B. die gefühlte Hilflosigkeit angesichts dieser Krise,
  • Jurist*innen versuchen global, Klimaschutz einzuklagen,
  • etc. pp. pp.

Details: Gendering in diesem Buch | Begriff 'Klimaschutz'

Why? Sprache formt das Denken, „Sprache konstruiert Realität … [und] lässt Bilder in unseren Köpfen entstehen. Wenn Sprache nicht alle mitdenkt, dann reproduzieren wir bestehende Ungleichheiten und Machtverhältnisse“ (Jeffries 2020, 35). Gewissermaßen ist Sprache Framing – sie setzt den Rahmen im Gespräch. Und: Wenn ich über einen Vorstandsvorsitzenden spreche, entsteht tendenziell das Bild eines männlichen Vorstands, zumal die Erfahrung dies für die Vergangenheit i.d.R. auch bestätigt. Wenn ich also die weibliche Form oder die inklusive Form in meiner Sprache mit einbeziehe, rüttle ich automatisch an diesen Strukturen und formuliere einen Subtext: ‚Alles könnte anders sein. Es soll künftig anders sein.‘ Weissenburger fügt hinzu, das „Forscher*innen der Freien Universität Berlin festgestellt [haben], dass sich Grundschulkinder bestimmte Berufe eher dann selbst zutrauten, wenn diese gegendert vorgelesen wurden“ (2020, 35).

Das Wort ‚Klimaschutz‘ trifft nicht den Kern der Sache. Wir schützen nicht das Klima um des Klimas willen. „Das Klima braucht unseren Schutz nicht – was wir eigentlich schützen wollen, ist nicht weniger als unsere eigene Lebensgrundlage“ (Wieczorek/ Mathis 2020). Wir schützen das Klima nicht vor uns, wir schützen das Klima um unseretwillen: Durch ‚Klimaschutz‘ schützen wir uns vor den Folgen eines gefährlichen Klimawandels (vgl. Soziologe Nico Stehr in Beyer 2019, 21). In den Worten von Eckhart von Hirschhausen: „Wir müssen nicht ‚das Klima‘ retten – sondern uns!“ (vgl. S. 246). Wieczorek/Mathis führen aus, dass „Sprache … Ausdruck unseres Denkens [ist]. Die Sprechweise vom ‚Klimaschutz‘ verdeutlicht, dass wir das eigentliche Problem noch nicht verinnerlicht haben oder es gar verdrängen. Wir reden so, als ginge es darum, etwas für jemand anderes zu tun – für jemanden, der weit entfernt ist. Dieser jemand ist das Klima. Folglich könnte man auch etwas anderes tun… [Diese] Redeweise [verschleiert] … den tatsächlichen Handlungsgrund und den akuten Handlungsdruck. Der Handlungsgrund ist, dass wir … unseren Lebensraum auf der Erde [zerstören]“ (2020). Statt isoliert vom Klimaschutz könnte man m.E. vom ‚Lebensgrundlagenschutz‘ sprechen – und dieser Begriff schließt auch den Aspekt ‚Massenaussterben‘ mit ein, vereint also die Zwillingskrisen in einem Wort.


Sich als Bürger*in mit der Klimakrise auseinanderzusetzen kann mühsam sein, aber das Thema ist vom Prinzip her nicht schwierig zu verstehen:

  • Es ist ein mühsames Thema. Mühsam, weil die Informationen gewöhnlich so weitläufig verstreut sind, dass das ohnehin vielschichtige Thema unnötig komplex gerät.
  • Kompliziert hingegen ist das Thema nicht, die Grundfakten sind eigentlich vollkommen simpel: Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Die Natur setzt uns die Pistole auf die Brust. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher.
    Aber diese an sich simple Wahrheit auch emotional zuzulassen und darüber nicht passiv zu verzweifeln – das empfinden viele Menschen als schwierig.

Sollten Ihnen die Ausführungen des ‚Handbuch Klimakrise‘ zuweilen heftig oder ‚krass‘ vorkommen, so möchte ich darauf hinweisen, dass hier vor allem, ja, fast ausschließlich Autor*innen von Mainstream-Qualitätsmedien wie Süddeutsche Zeitung, tageszeitung, Spiegel und Zeit, renommierte Klimaforscher*innen wie beispielsweise Friederike Otto, Stefan Rahmstorf, Hans Joachim Schellnhuber sowie etablierte Wissenschaftler*innen wie u.a. Maja Göpel, Michael Kopatz und Harald Welzer zitiert werden.

Was die Ausführungen des Handbuches m.E. drastisch erscheinen lässt, liegt in erster Linie an der hohen Konzentration des Materials: Sie halten hier das Kondensat, Destillat, gewissermaßen den Nukleus dessen in der Hand, was in den letzten Jahren über das Themenspektrum Klimakrise/sechstes Massenaussterben seriös veröffentlicht wurde. Und eine solche Zusammenschrift hat eine ganz andere Dimension als die Lektüre eines vereinzelten Zeitungsartikels oder eines Buches zu einem Teilthema. Hinzu kommt, dass die Vielzahl der Quellen und Zitatgeber*innen m.E. eine möglicherweise einschüchternde Wirkung haben könnte, weil eben der Befund so vielstimmig und in diesem Sinne Kompetenz-geballt daherkommt.

Falls Sie diesen ‚Thriller der Realität‘ mal beiseitelegen möchten – tun Sie das. Alternativ könnten Sie sich zu dem Abschnitt Ohnmachtsgefühle & erlernte Hilflosigkeit: Klimakrisen-Depression begeben, dessen Inhalt weniger negativ ausfällt, als der Titel nahelegt, sondern vielmehr Angebote unterbreitet, wie man konstruktiv mit dem in der Tat psychologisch zunächst schwierigen Befund ‚Existenzielle Gefährdung der Lebensgrundlagen der Menschheit‘ umgehen kann.


Liebe Leser*innen, so absurd und grotesk es angesichts der langen Menschheitsgeschichte anmutet: Wir – Sie und ich, genauer: ausgerechnet uns, den derzeitigen etwa drei Erwachsenengenerationen, fällt die historisch einmalige Rolle zu, Entscheider*innen zu sein über das weitere Schicksal der Menschheit bzw. der Biosphäre, wie wir sie kennen. Unser Handeln oder Nicht-Handeln wird den Unterschied machen. „[D]ie Zukunft aller kommenden Generationen ruht auf unseren Schultern“ sagt der Dalai Lama (zit. in Alt 2020,43). Und: Wir sind, frei nach Barack Obama, die letzten Erwachsenen, die noch die Option haben, die ganz große Katastrophe abzuwenden.

Details: Obama-Originalzitat

Barack Obama 2014 auf Twitter: „We are the first generation to feel the effect of climate change and the last generation who can do something about it“. vgl. https://twitter.com/barackobama/status/514461859542351872?lang=de (Abrufdatum 2.2.2020)

Dabei erwächst in Deutschland den hiesigen Rentner*innen eine besondere Verantwortung, da sie aufgrund der hiesigen Bevölkerungsstruktur eine entscheidende Wähler*innengruppe stellen. Auf ihr politisches Verhalten wird es unmittelbar mit ankommen. Charmant ausgedrückt: Liebe Generation 60+, wir benötigen Ihre Unterstützung, insbesondere als Grannys & Grandpas for Future. Politischer ausgedrückt: Ich nehme Sie, liebe*r ältere*r Leser*in, hier explizit in die Pflicht und fordere Sie auf, zugunsten der Familien Ihrer Kinder und für Ihre Enkel*innen die Zukunft zu wählen und darüber hinaus im Rahmen Ihrer persönlich Möglichkeiten politisch aktiv zu werden: Kreuzfahrt oder Enkel – das kann hier nicht die Frage sein.

Doch egal, welcher Erwachsenengeneration wir angehören und wo wir Industriestaatler*innen auf dem Planet verortet sind: Es ist unser aller Aufgabe und Gebot, von unserem hohen Ross namens ‚Bequemlichkeit/Verdrängung‘ herunterzusteigen und alles und wirklich alles zu unternehmen, um die Zivilisation zu bewahren. Es liegt in unserer Verantwortung, mindestens einen grundlegenden Wohlstand für unsere eigenen Kinder und Enkel*innen sowie für alle Kinder und Kindeskinder dieser Welt – der ganzen Welt – zu bewahren.

Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus?

  • Wie alt werden Sie, Ihre Kinder und Ihre Enkel*innen im Jahre 2050 bzw. 2100 sein?
  • Wünschen Sie sich, dass Ihre Nachfahren gesund leben können und genau wie Sie Nachfahren haben werden können?


Es heißt des Öfteren, wir hätten kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit (vgl. z.B. Mojib Latif 2019a). Richtig ist, dass die Kernbotschaft eines anthropogenen Klimawandels mittlerweile angekommen ist – und ja, wir müssen sofort ins Handeln kommen. Doch ist Greta Thunberg immer wieder zu recht darüber erstaunt, wie bestürzend wenig Politiker*innen und Bürger*innen über die Klimakrise wissen: „When I talk to people they don’t even have the basic facts… people don’t know that we have actually a carbon budget“ (Thunberg 2019). Das deckt sich exakt mit meiner persönlichen Wahrnehmung:

Wir haben ein Tragweitendefizit – vielen Menschen ist der Ernst der Lage, die Dimension, Vielschichtigkeit und Dringlichkeit der Klimakrise und des sechsten Massenaussterbens vollkommen unklar.

Lücken dieser Art füllt das ‚Handbuch Klimakrise‘.


Transparenz durch Offenlegung

Ich, Marc Pendzich, Autor dieses Buches,

  • stehe keiner Partei besonders nahe, agiere unabhängig und bin politisch eher links der Mitte zu verorten,
  • beziehe mein Einkommen ausschließlich aus meinen Tätigkeiten rund um die Musik, d.h. als Musiker, als Autor und als freier Dozent im Fachbereich Systematische Musikwissenschaft. Ich habe weder einen Sponsor, einen Mäzen noch bin ich mit einem in diesem Buch bzw. auf dieser Website relevanten oder verlinkten Nicht-Musik-Unternehmen finanziell oder geschäftlich verbunden.
  • erhalte im Zusammenhang mit diesem Buch/E-Book/Webportal weder bis dato noch für die Zukunft vereinbart bzw. in Aussicht gestellt irgendwelche Gelder oder andere Zuwendungen. Gleiches gilt für meine Familie. Einzige Ausnahmen bilden das Autorenhonorar, welches mir BoD für das vorliegende Buch bzw. E-Book zahlt, dessen Höhe jede*r Leser*in via BoD-Website nachvollziehen kann und die Tantiemen von der VG Wort. Ich gehe nicht davon aus, dass das Projekt Handbuch Klimakrise jemals Gewinn abwerfen wird – und das ist ja auch nicht die Motivation.
  • bin über mein Musiklabel vadaboéMusic Mitglied des Zukunftsrat Hamburg und dort ehrenamtlich im ‚Arbeitskreis Klimakrise‘ sowie im Leitungsgremium ‚Koordinierungskreis‘ tätig.
  • bin Mitglied des Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) und Autofrei leben! e.V. sowie Fördermitglied von Greenpeace e.V. und der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH).
  • habe gemäß der Statuten von Autofrei Leben! e.V. keinen eigenen Pkw und nutze Autos nur im dringenden Ausnahmefall.

Viele Menschen finden es offenbar enorm wichtig, Politiker*innen und die Greta Thunbergs dieser Welt nie und niemals Wasser predigen und doch Wein trinken zu sehen. Diesen Menschen möchte ich entgegenhalten, dass Fakten, Daten und Argumente nicht wahrer oder falscher werden, gleich aus welchem Mund sie kommen und wie sich die argumentierende Person persönlich verhält.

Nun, dieses sog. ‚Argumentum ad hominem‘ (vgl. S. 213) ist offensichtlich ein (zumindest westlich geprägten) Menschen regelrecht eingepflanztes Reaktionsmuster, das selbstredend nicht durch das Verfassen des vorherigen Absatzes verschwinden wird. Daher möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich lieber langsam lebe und das Webportal LebeLieberLangsam.de betreibe, weder perfekt bin noch sein möchte, jedoch tatsächlich und ausnahmslos nicht fliege, als Städter niemals ein Auto besessen habe, vegetarisch lebe (‚alles was keine Augen hat‘), Milchprodukte i.d.R. Bio kaufe, keine Erdbeeren im November esse, kein Smartphone besitze, persönlich eine jährliche CO₂-Bilanz von 5,05 Tonnen habe (vgl. S. 74, Durchschnitt in Deutschland = 11,6t), Ökostrom beziehe, mein Konto bei einer Ökobank habe und Palm-frei lebe. Das alles fällt mir leicht – mit Askese hat das nichts zu tun: Ich lebe ein einfaches Keep it simple-Leben und genieße meinen auf diese Weise möglichen Zeitwohlstand: Liebe*r Leser*in: Die härteste Währung der Welt ist nicht Geld, sondern Zeit.

Manche Leser*innen mögen mich nun vielleicht angeberisch finden. Wegen des seltsamen ‚Argumentum ad hominem‘ aber möglicherweise auch glaubwürdiger.     


Es ist zwar gut und richtig, seine CO₂-Emissionen in den Griff zu bekommen und vor allem das Fliegen zu unterlassen. Prima also, wenn Sie sich umwelt-/klimabewusst verhalten – aber überfordern Sie sich damit nicht: Wichtiger als Teebeutel korrekt zu kompostieren ist – aufs Ganze gesehen –, daran mitzuwirken, dass die Politik eine andere wird. Das ist der große Hebel. Ohne eine andere Politik werden wir es nicht schaffen. 

Ergo: Das Leben wie wir es kannten, ist vorbei. Viele von uns haben es nur noch nicht gemerkt. Lassen Sie uns bzw. lasst uns schon mal los-, voraus- und vorangehen. Das birgt aufgrund des Gefühls der Selbstwirksamkeit auch depressiven Gefühlen angesichts der desolaten Weltlage vor. 

Wir – als Einzelperson und als Menschheit – haben die Wahl, wie wir mit der Klimakrise und dem sechsten Massenaussterben umgehen: by design or by disaster.       

Marc Pendzich. 

Details: Form der Ansprache Sie/Du/Wir/Euch | Inspiration 'by design or by disaster'

Auf den 700 Seiten verändere ich ab und zu die Form der Ansprache und wechsle vom ‚Sie‘ zum ‚Euch‘. Oder ich schreibe ‚wir‘ und dann wieder ‚ich‘. Der Autor dieses Buches würde sich freuen, wenn Sie/Du ihm das nachsehen und es als einen Akt kreativer Freiheit betrachten könnten/könntest: Beispielsweise fühlen sich motivierende Aussagen gesiezt tendenziell gestelzt an, an anderen Stellen bedarf die Ansprache genau dieser Distanz…

Dass wir derzeit noch die Wahl haben, den immensen Herausforderungen ‚by design or by disaster‘ zu begegnen, stellte Niko Paech schon 2012 in seinem Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie (S. 143) überaus treffend heraus: Das Zeitfenster ist seither erheblich geschrumpft.

Quellen des Abschnitts Vorwort
  • Alt, Franz (2020): Der Klima-Appell des Dalai Lama an die Welt. [Der Dalai Lama im Gespräch mit Franz Alt]. Benevento, S. 43.
  • Beyer, Susanne (2019): „‚Mehr Demokratie wagen‘“. [zit. den Soziologen Nico Stehr]. in: Der Spiegel Nr. 41/5.10.2019, S. 21.
  • Gottschalk, Katrin (2020): „Ästhetisch einwandfrei“. in: tageszeitung, 14.10.2020, S. 12.
  • Jeffries, Victoria (2020): „Wie Sprache Realität formt“. [Gesprächsprotokoll aufgezeichnet durch Peter Weissenburger und Simon Sales Prado]. in: tageszeitung, 6./7.6.2020, S. 35.
  • Latif, Mojib (2019a): „Nach uns die Sintflut?“. [Bericht über Vortrag von Latif, ohne Autor]. in: Westfälische Nachrichten, 27.6.2019, online unter https://www.wn.de/Muenster/3845867-Prof.-Dr.-Mojib-Latif-in-Muenster-Nach-uns-die-Sintflut (Abrufdatum 2.7.2020)
  • Thunberg, Greta (2019) im Interview mit Tagesschau/NDR auf dem Rathausmarkt in Hamburg, 1.3.2019, online unter https://www.youtube.com/watch?v=QDni0yoPBrs (Abrufdatum 18.5.2020), ab Minute 30.
  • Weissenburger, Peter (2020): „Inklusiv schreiben und sprechen“. in: tageszeitung, 6./7.6.2020, S. 35.
  • Wieczorek, Florian u. Mathis, Okka Lou (2020): „Klimagerechte Sprache: Mensch, dein Lebensraum!“. in: Klimareporter, 26.9.2020, online unter https://www.klimareporter.de/gesellschaft/mensch-dein-lebensraum (Abrufdatum 28.9.2020)



Nächster Abschnitt: Intro/Einleitung

Sechstes Massenaussterben

Was ist der Mensch ohne die Biosphäre, deren Teil er ist und die ihn umgibt?
Nichts.


Definition ‚Biosphäre‘: (griechisch bíos = Leben u. sphaira = Kugel)

  • „[D]er von Organismen bewohnbare Raum der Erde“ (Kompaktlexikon der Biologie 2001)


Definition ‚Biodiversität‘:

  • „Auch als ‚biologische Vielfalt‘ bezeichnet, beschreibt er die Mannigfaltigkeit des Lebens auf der Erde. Dies umfasst weit mehr als die Vielfalt der Arten. Es geht um die genetische Unterschiedlichkeit der Individuen innerhalb einer Art, die Verschiedenheit der Arten untereinander und – in der dritten Ebene – um die Lebensgemeinschaften mit ihren Interaktionen, Prozessen und Stoffkreisläufen“ (Niekisch 2019, 20).


Klimakrise und sechstes Massenaussterben sind Zwillingskrisen (vgl. Baier 2019).

Sie bedingen und durchdringen sich, sodass es sinnvoll ist, Klima- und Umweltschutz nicht getrennt voneinander zu betrachten (vgl. Klimaforscherin Almut Arenth, Karlsruher Institut für Technologie, zit. in Habekuss 2019, 41), sondern gemeinsam zu analysieren, wie hier im Handbuch zumindest zum Teil – mit dem größeren Fokus auf der Klimakrise, doch mit wiederholtem Verweis auf das sechstes Massenaussterben – geschehen. Viele Punkte zum Thema ‚sechstes Massenaussterben‘ sind daher auf den vorangegangenen ca. 670 Seiten bereits erläutert worden. In diesem Abschnitt des ‚Handbuch Klimakrise‘ ist der Blick noch einmal explizit auf das sechste Massenaussterben (‚Mass Extinction‘) zu richten:

Status quo:

  • „Der Mensch verursacht gerade das größte globale Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier“ (Eberhard Brandes, WWF Deutschland, zit. nach Lesch/Kamphausen 2018, 94).
  • „[D]ie gegenwärtige Aussterberate [liegt] 1.000- bis 10.000-fach über der sogenannten normalen“ (Lesch/Kamphausen 2018, 93).
  • „Bis zu 58.000 Tierarten verschwinden jedes Jahr“ (Hartmann 2018, 17).
  • „Der Rückgang bei rund 21.000 beobachteten Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien zwischen 1970 und 2016 betrage [laut der WWF-Studie Living Planet Report 2020] im Durchschnitt 68 Prozent… Insekten wurden nicht einberechnet.“ (SZ 2020). Lateinamerika stehe bei den beobachteten Populationen mit 90% verheerend da, in Europa sei die große Dezimierung schon früher erfolgt, sodass nun seit 1970 weitere 25% zu beklagen seien (vgl. ebd.)
  • „Bei den Primaten finden sich inzwischen 94 Prozent auf der Roten Liste in einer der drei höchsten Gefährdungskategorien (Stand 2014). Die Artenvielfalt hat seit den Siebzigerjahren stark gelitten; die Zahl der Säugetiere, Vögel, Reptilien und Fische habe sich seither im Schnitt halbiert, die Welt verliert täglich 380 Tier- und Pflanzenarten“ (Lesch/Kamphausen 2018, 93).
  • „Zwischen einer halben und einer Million Arten sind … [gemäß dem Report des Weltbiodiversitätsrat IPBES] vom Aussterben bedroht. Ein Viertel aller katalogisierten Tier- und Pflanzenarten soll bereits verloren sein. Der Artenschwund verlaufe ‚zehn- bis hundertmal schneller als im Durchschnitt während der letzten zehn Millionen Jahre‘ … Drei Viertel der Landfläche, 40 Prozent der Ozeane und die Hälfte der Flüsse und Seen seien ‚stark verändert‘ – mit katastrophalen Folgen für Wildtiere und Menschen… 96 Prozent der Säugetierbiomasse [besteht] aus Menschen und ihren Nutztieren. Die Wildtierpopulation dagegen habe sich [laut WWF] seit 1970 weltweit um 60 Prozent verringert, in Süd- und Mittelamerika sogar um 89 Prozent“ (Bethre 2019, 101; vgl. IPBES 2019).
  • „Allein die vom Menschen verursachte Erderhitzung könnte rund fünf Prozent der Arten auslöschen, wenn der Schwellenwert von zwei Grad Celsius globaler Temperaturerhöhung überschritten werde“ (Schwägerl 2019).

Das Pendant zum Weltklimarat IPCC:

Der Weltvielfaltsrat IPBES

Seit 2012 gibt es die UN-Organisation IPBES = Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services = „Weltvielfaltsrat“.

Sie ist vergleichbar dem IPCC, dem Weltklimarat – jedoch wesentlich unbekannter. Und doch genauso wichtig. Denn, noch einmal: „Genau wie Luft, Wasser oder Klima ist die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten eine grundlegende Säule unserer Existenz“ (Uhde 2020).

>> Begriff ‚Weltvielfaltsrat‘: Habekuss 2019, 41

  • Im aktuellen Bericht des IPBES, dem „Global Assessment Report“… ist u.a. zu lesen, dass „[e]ine Million Tier- und Pflanzenarten … vom Aussterben bedroht [sind]. Eine gigantische Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass gerade einmal 1,9 Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben sind und die unterschiedlichen Schätzungen darüber wie viele Spezies überhaupt gibt zwischen acht und zehn Millionen liegen“ (Habekuss 2019, 41).


Damit ist zweierlei angedeutet:

  1. Beschrieben sind logischerweise i.d.R. die Tier- und Pflanzenarten die für unser Leben und unsere Ernährung eine konkrete Rolle spielen – und:
  2. Wenn also die überwältigende Mehrheit von Pflanz- und Tierarten schlicht noch nicht entdeckt bzw. beschrieben ist, bedeutet das, dass wir extrem wenig über unsere Biosphäre wissen.


Denn in Wirklichkeit kennen wir Menschen allenfalls einen Bruchteil der Biosphäre dieses Planeten:

  • „Neuesten Schätzungen zufolge sind allerdings 86 Prozent aller an Land und 91 Prozent aller in den Ozeanen lebenden Arten noch unentdeckt Wir kennen also nur einen sehr kleinen Teil des Arteninventars der Erde. Dabei bedeutet ‚kennen‘ nur, dass sie hinsichtlich ihrer Existenz erfasst sind. Über ihre Rolle in den Ökosystemen und auch über ihre potenzielle Verwendbarkeit für den Menschen wissen wir nur bei den allerwenigsten ‚bekannten‘ Arten Bescheid… Von den schätzungsweise 1.000.000 Insektenarten sind gerade einmal 7.639 evaluiert“ (Niekisch 2019, 20-21).


Bill Bryson erwähnt in seinem kongenialen dokumentarischen Reisebericht Frühstück mit Kängurus:

  • „Mindestens ein Drittel [der Pflanzen Australiens] ist nie bekannt oder erforscht worden, und dauernd tauchen neue auf, oft an den unwahrscheinlichsten Stellen. 1989 fanden Wissenschaftler zum Beispiel in Sydney eine völlig neue Baumart namens Allocasuarina portuensis. Da leben die Leute zweihundert Jahre mit diesen Bäumen, doch weil sie (die Bäume) nicht sehr zahlreich sind – es sind bisher erst zehn gefunden worden –, waren sie noch niemandem aufgefallen“ (2002, 372-373).


Als die entscheidenden fünf Treiber des Biodiversitätsverlustes werden im IPBES-Bericht folgende Faktoren ausgemacht:

  • Die „veränderte Nutzung von Land und Ozeanen“.
  • „Die direkte Ausbeutung von Tieren und Pflanzen“, vgl. z.B. Überfischung.
  • „Parallel dazu wird der Einfluss des Klimawandels größer“, Arten weichen aufgrund sich verändernden Klimabedingungen zurück, z.B. ins Kühle nach Norden. Nur: Wo geht der Eisbär hin?
  • „Die Abfälle des Menschen, von Schwermetallen über Umweltgiften und Plastik bis hin zu einem Übermaß an Dünger, überlasten viele Ökosysteme“.
  • Eingeschleppte Arten z.B. durch Welthandel und Tourismus machen sich breit „auf Kosten der dort heimischen Spezies“ (alle Zitate: Habekuss 2019, 41).

Der Mensch ist auf sog. ‚Ökosystemdienstleistungen‘ angewiesen:

  • „Ökosystemdienstleistungen sind definiert als Vorteil, Nutzen oder Gewinn (benefits), den die menschliche Gesellschaft aus Ökosystemen zieht und die maßgeblich das Wohlergehen und die Lebensqualität des Einzelnen (human well being) mitbestimmen. Dabei werden sowohl materielle wie immaterielle Güter (tangible and intangible benefits), d.h. sowohl Waren (goods) als auch Dienstleistungen i.e.S. (services) berücksichtigt“ (Bürger-Arndt 2011).

Unterschieden werden dabei laut Bürger-Arndt folgende Ökosystemdienstleistungen:

  • „[U]nterstützende (supporting) wie Bodenbildung, Nährstoff- und Wasserkreislauf, Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffbindung oder Primärproduktion,
  • regulierende (regulating), die sich auf das örtliche Klima und die Luftqualität, den Wasserhaushalt und die Wasserqualität, die Bodenbildung und -reifung oder das Auftreten von Schädlingen bzw. Krankheiten auswirken,
  • bereitstellende (provisioning), welche die Nutzung erneuerbarer Ressourcen in Form von Nahrung, Holz, Fasern, Trink- und Brauchwasser usw. durch den Menschen ermöglichen,
  • kulturell bedeutsame (cultural), die infolge der ästhetischen, kontemplativen, spirituellen, religiösen, erkenntnis-, bildungs- und erholungsfördernden Wirkung der Ökosysteme immaterielle Bedürfnisse des Menschen befriedigen und denen daher eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird“ (ebd.).


Bei der Beschreibung dieser Systemleistungen bleibt es nicht.

Für sie wird i.d.R. ein Geldwert errechnet. Inwieweit sich der Wert von Natur in Geld ausdrücken lässt, ist – zu Recht – hoch umstritten, d.h. es ist die Frage aufzuwerfen, ob es sinnvoll ist, dazustellen, dass bspw. allein der „globale ökonomische Wert der Bestäubung [z.B. durch Bienen] … auf eine Summe von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar im Jahr geschätzt [wird]“ (Chemnitz 2020b, 38).

  • „Laut Befürwortern dieser Idee hatten ‚Ökosystemdienste‘ – das, was die Natur uns an Ressourcen bietet – für die Weltwirtschaft im Jahr 2011 einen Wert von rund 120 Billionen Euro, mehr als das Doppelte des weltweiten BIPs“ (Maxton 2018, 75) – anders ausgedrückt übertrifft der Wert der Ökosystemdienstleistungen „die Weltwirtschaftleistung damit um mehr als die Hälfte“ (Bethge 2019, 102).

So eindrucksvoll solche Zahlen sind und eben auch zur Relativierung des BIPs beitragen, so ist doch sehr problematisch, dass Natur auf diesem Weg, in dieser Perspektive quasi zu einer Handelsware wird – gegen die man dann auch von Fall zu Fall argumentieren könne:

  • „Auf dieser Grundlage können Unternehmen argumentieren, dass es mehr einbringt, einen Wald zu roden… Sie können leicht nachweisen, dass [z.B. mit dem Palmöl ein höheres Einkommen zu erzielen ist als [z.B.] mit dem Regenwald…“ (ebd., 76).
  • „Natur zu monetarisieren… bestärkt die Menschen in der Vorstellung, über die Geschicke der Natur entscheiden zu können…“ (ebd.).

Doch macht das Konzept ‚Systemdienstleistungen‘ zumindest deutlich, wie viel schlechter wir Menschen gemäß den Zahlen, die Ökonom*innen üblicherweise verstehen, hinsichtlich unserer Lebensqualität dastehen würden.

>> zum Konzept ‚Ökosystemdienstleistungen‘ siehe ausführlich Ederer, Nora (2020): „Umweltschutz: Was wir der Natur schulden“. in: Süddeutsche Zeitung, 10.8.2020, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/umweltschutz-oekologische-kosten-oekosystemdienstleistung-1.4976424 (Abrufdatum 1.9.2020)


Was solche Zahlen hingegen nicht einmal andeuten, ist, dass der Zusammenbruch solcher Ökosystemdienstleistungen nicht in Geld auszudrücken ist, weil Geld in diesem Falle mutmaßlich schlicht ein Relikt der Vergangenheit wäre.

Und letzteres wird i.d.R. bzw. allzu oft übersehen.

Der Mensch verhält sich gleichwohl schon immer, mehr und mehr und insbesondere auch in der Gegenwart, als seien diese Ökosystemdienstleistungen unbegrenzt und unkaputtbar:

  • „Menschen pumpen heute zehnmal schneller Treibhausgase in die Atmosphäre als die Vulkane während des Großen Sterbens“ (Foer 2019, 100).
  • „In den Weltmeeren gibt es über 400 sogenannte Todeszonen [eigentlich: Totzonen], die wegen Überdüngung so sauerstoffarm sind, dass dort nichts mehr lebt“ (Habekuss 2019, 41).
  • „Schätzungen zeigen, dass ungefähr 80 Prozent der marinen Ökosysteme von Eutrophierung betroffen sind … Seit 1960 hat sich die Zahl der Totzonen in denen am Meeresboden Sauerstoffmangel herrscht in jedem Jahrzehnt verdoppelt (1960: 10 Gebiete; 2008: 405 Gebiete)… Die drei größten Totzonen befinden sich in der Ostsee (bis zu 84.000 km²), im Schwarzen Meer (bis zu 40.000 km²) sowie im Golf von Mexiko (bis zu 22.000 km²)“ [Stand 2010!, UBA 2010).
  • „Die menschengemachte Zerstörung nimmt viele Formen an. Zu den sichtbarsten gehört das Artensterben. Dieses liegt zurzeit beim 10.000-fachen dessen, was der natürlichen Rate entspräche… – und dieses Artensterben nimmt immer weiter zu“ (Maxton 2020, 19).

Eine der bekanntesten Ökosystemdienstleistungen erbringen blütenbestäubende Honigbienen:


Insekten- und Bienensterben

  • „In Deutschland ist die Biomasse der Insekten seit 1990 um über 75 Prozent gesunken“ (Bradley 2019, 26).
  • „Bienen besuchen etwa zehn Millionen Pflanzen, um Nektar für etwa ein halbes Kilo Honig zu sammeln“ (Unmüßig 2020, 6).
  • „70% unserer Nahrung hängt direkt von der Bestäubung durch Bienen und andere Insekten ab“ (Gonstalla 2019, 61).
  • „41 Prozent der Wildbienenarten, eine der wichtigsten Bestäubergruppen Deutschlands, sind in ihrem Bestand gefährdet“ (Decken 2019, 28).
  • „Drei Viertel der weltweit wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturpflanzen profitieren in ihrem Ertrag von Bestäubern und garantieren damit rund ein Drittel der Produktion von Nahrungsmitten. In Deutschland kann die Förderung der Wildbienen – meist sind sie wichtigere Bestäuber als die Honigbienen – den Ertrag an Erdbeeren und Kirschen verdoppeln (Tscharntke 2020, 12).
  • „Etwa 80 Prozent aller wilden Pflanzen seien von Bestäubung durch Insekten abhängig, 60 Prozent aller Vögel seien auf Insekten als Nahrungsmittel angewiesen“ (Berger 2017).
  • Beim Wegfall tierischer Bestäubung würde die Ernte z.B. von
    • Wassermelonen, Kürbissen und Kakao um über 90%
    • Gurken, Pflaumen, Kirschen, Äpfeln, Mandeln um 40 bis 90%
    • Erdbeeren, Kokosnüssen, Sonnenblumen und Kaffee um 10 bis 40%

zurückgehen (vgl. Tscharntke 2020, 13).

  • Die Versorgung mit den Grundnahrungsmitteln „Mais, Reis und Weizen [wäre zwar] nicht in Gefahr, aber die [Ernten] im Obst- und Gemüseanbau würden magerer ausfallen. Diese Kulturpflanzen versorgen den menschlichen Körper [im Ggs. zu Mais, Reis und Weizen] mit Vitaminen und Nährstoffen“ (Klein 2020, 44).


Nach Abwägung einer Reihe von Faktoren sehen Forscher es als erwiesen an, dass die Intensivierung der Landwirtschaft beim Rückgang von Insekten- und Bienenbeständen massiv hineinspielt (vgl. Berger 2017).

  • „Die industrielle Landwirtschaft mit ihren immer größeren Feldern, Pestiziden und monotonen Landschaftstrukturen stellt eine der größten Bedrohungen für Insekten dar… beim Schutz der Insekten muss die Landwirtschaft Teil der Lösung werden“ (Unmüßig et al. 2020, 6).
  • Im Oktober 2017 meldete die ‚Krefelder Studie‘, dass die Biomasse von (Flug-)Insekten in deutschen Naturschutzgebieten in den letzten 27 Jahren, seit 1989 „um mehr als drei Viertel seit Beginn der Untersuchungen gesunken ist“ (Berger 2017). Das war dann nur kurzfristig „Tagesgespräch“ – das eigentlich Erschreckende war m.E. gar nicht der vernichtende Befund, sondern die mangelnde Aufregung in weiten Teilen der Medien und in der Bevölkerung.
    • Im November 2017 hat der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt entgegen der Absprache mit der damaligen Umweltministerin Barbara Hendricks und entgegen der Geschäftsordnung der Bundesregierung, die für diesen Fall eine Enthaltung vorsieht, in Brüssel der Verlängerung der Zulassung für das hochumstrittene Glyphosat um weitere fünf Jahre zugestimmt. Ohne sein „Ja“ wäre das Zeug schon jetzt aus der EU verbannt (vgl. Cieschinger et al. 2017). So wird Glyphosat in Deutschland erst ab dem 1.1.2024 verboten (vgl. Balser/Ritzer 2019, 17).

>> vgl. Aspekt Gesetzesvorhaben und Lobbyismus, S. 406 inkl. Plagiatsvorwürfen gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Zusammenhang mit der Bewertung von Glyphosat.

  • Mittelfristig haben diese bestürzenden Zahlen und evtl. auch die hochumstrittene Verlängerung von Glyphosat doch dazu geführt, dass in Bayern 1,75 Mio Menschen das Referendum für mehr Naturschutz unterstützt haben (vgl. Unmüßig et al. 2020, 6): „Auch eine Europäische Bürgerinitiative mit der Forderung ‚Save Bees and Farmers‘ im Namen wurde auf den Weg gebracht“ (ebd.).

Massenaussterben & Krefelder Studie – See the Picture

Wenn dreiviertel der Belegschaft eines Unternehmens fehlen, wie viele Mitarbeiter*innen sind dann noch da? Gähnend leere Hallen – und funktionsfähig ist der Laden dann garantiert nicht mehr.

  • „Der deutsche Bauernverband warnte hingegen vor einer übereilten Verurteilung der Landwirtschaft… [und verwies darauf, dass] ‚die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand… [und es somit] noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt‘“ (ebd.).
  • Gewissheit wird man wohl erst haben, wenn sie alle, alle tot sind.


In Weiterführung der Auswertung der Forschungsergebnisse der Krefelder Studie stellen die Forscher*innen fest:

  • „Bei den Schwebfliegen – neben den Bienen die wichtigsten Bestäuber – sank die Zahl der Exemplare an sechs Standorten in einem nordrhein-westfälischen Schutzgebiet zwischen 1989 und 2014 von knapp 17.300 auf rund 2.700 – ein Verlust von 84 Prozent“ (Sparmann 2020, 17).

Weitere Studien zum Thema ‚Insekten- und Bienensterben‘:

  • Do-it-yourself-Plausibilitäts-Studie: Sie sind ein Mensch der vor ca. 1980 geboren wurde? Dann überlegen Sie mal, wie unendlich viele Insektenleichen Sie in früheren Jahren z.B. im Dänemarkurlaub auf der (elterlichen) Windschutzscheibe klebten – und wie wenige in der Gegenwart.
  • 2019er Übersichtsstudie des Sydney Institute of Agriculture:
    • „[E]ein Drittel aller Insektenarten ist von Aussterben bedroht“ (Chemnitz 2020a, 14).
    • „Weltweit geht der Bestand von mehr als 40 Prozent aller Insektenarten zurück. Schon in hundert Jahren könnten viele ausgestorben sein. Darunter sind vor allem Schmetterlinge, aber auch Hautflügler, zu denen Ameisen, Wespen und Bienen gehören“ (Römer 2019).
    • Dazu im gleichen Artikel Tierökologe Johannes Steidle:
      • „Ich bin geschockt. Zwar gab es Hinweise, dass das Insektensterben nicht nur auf Deutschland und Europa beschränkt ist. Aber dass es ein globales Problem ist, das überall in einem ähnlichen Umfang auftritt, hat mich erschreckt. Das war zumindest mir, und ich glaube auch meinen Kollegen, so nicht bekannt.“
  • US-Studie: In den letzten 21 Jahren gibt die Schmetterlingspopulation in Ohio um 33% zurück (vgl. Merlot 2019).
    • „Der Schmetterlingsschwund in Ohio sei damit größer als der weltweit geschätzte Wert von 35 Prozent in 40 Jahren“ (ebd.).
    • „Schmetterlinge dienten als wichtige Indikatoren, um feststellen, wie groß die Biodiversität in einem Ökosystem sei… Sie reagierten ähnlich auf Veränderungen der Umwelt wie viele andere Insekten. Somit sei die Studie ein weiterer Beleg für den Insektenschwund“ (ebd.).

Ein ganz anderer, im Werden begriffener Ansatz:

  • Soundscape Ecology:
    • Hier wird die Akustik eines Ökoystems aufgezeichnet – die ‚Klangschaft‘ –, um daraus Schlüsse auf den Grad an Biodiversität dieser begrenzten Region zu ziehen.
    • „Ein Netzwerk von etwa 300 Mikrofonen, die in der deutschen Landschaft verteilt sind und ein Jahr lang einmal pro Stunde für eine Minute die Geräusche des umgebenden Ökosystems aufnehmen: Auf diese Weise will Michael Scherer-Lorenzen, der die Professur für Geobotanik an der Universität Freiburg innehat, die Biodiversität in verschiedenen Landschaften messen“ (Uni Freiburg 2020).


Fazit Sechstes Massenaussterben

Das Thema ‚sechstes Massenaussterben‘ teilt mit dem Thema ‚Klimakrise‘ den Aspekt, dass sie vordergründig – oberflächlich – für viele Menschen unsichtbar, nicht fassbar erscheint.

BUND-Expertin für Nachhaltigkeitspolitik Nicola Uhde:

  • „Beim Klima haben wir relativ klare Zusammenhänge zwischen bestimmten Aktivitäten und deren Wirkungen. Treibhausgasemissionen, CO2-Gehalt der Atmosphäre und Erderhitzung sind gut messbar, finanzielle Auswirkungen leichter zu berechnen. Bei der Biodiversität ist das etwas verschlungener. Die Auswirkungen ihrer Zerstörung sind oft nicht so direkt spürbar. Doch diese Zerstörung bedroht die Menschheit ebenso so sehr wie die Klimakrise“ (2020).

Wie auch immer die genauen Prozente der verschiedenen vorgenannten Extinction-Studien jeweils exakt aussehen:

  • Wir haben uns klar zu machen, dass die Nahrungskette bzw. die Biodiversität auf dieser Welt einem engmaschigen Netz gleicht.
  • Jedes Lebewesen – ob Tier, Pilz oder Pflanze –, das ausstirbt oder zahlenmäßig nicht mehr relevant vorhanden ist, repräsentiert eine durchgeschnittene Masche des Netzes.
  • Es wird grobmaschiger, instabiler – und irgendwann reißt es an einigen und an immer mehr Stellen und Lebewesen sterben vermehrt aus, weil ihre Nahrung/Lebensumgebung ausstirbt, was dazu führt, dass andere Pflanzen nicht mehr bestäubt werden oder andere Tiere keine Nahrung mehr finden…
  • Dieses Netz trägt uns, einer Hängematte gleich – und wir sind: schwer.


Wer ein eher technisches Bild für das Massenaussterben bevorzugt, dem gibt der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in einem Interview in der taz eines an die Hand:
„Es ist als ob man auf einer Computerfestplatte leichtfertig immer mehr Teile löscht, ohne die Funktion der Dateien zu beachten. Irgendwann stürzt das gesamte System ab“ (zit. in Jensen 2020, 15).


Ute Scheub und Stefan Schwarzer weisen in diesem Zusammenhang auf die kaskadenartig aufgebauten Ökosysteme hin:

  • „Jede Pflanzenart ernährt eine oder viele Insektenarten und diese wiederum Vögel. Kriech- und Säugetiere. Stirbt eine Pflanze aus, reißt sie von ihr abhängige Tiere mit in den Tod. Das gilt auch umgekehrt, Vögel tragen Samen von Bäumen und Büschen weiter… Je weniger Arten… desto anfälliger das Gesamtsystem. … Vielfalt macht ein System krisenfester… Biodiversität… ist das ‚Immunsystem der Erde‘“ (2017, 33).


Systemdienstleistungen sind so viel mehr als ‚Blütenbestäuben‘:

Vielfalt = Biodiversität = Resilienz

Monokultur = Arteneinfalt = Verletzlichkeit

Neubauer/Repenning fassen die Situation wie folgt zusammen:

  • „[D]er Leiter des IPBES-Reports, Sir Robert Watson, bezeichnete die Ergebnisse [des Reports] als ‚beängstigend‘. ‚Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und andere Spezies abhängen, verschlechtert sich schneller als je zuvor.‘ Die Menschheit sei dabei, die Grundlagen von Einkommen, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität zu beseitigen“ (2019, 142).

    Wichtig ist zu erkennen, dass im Zusammenhang mit dem Artensterben „längst nicht mehr über einzelne Pflanzen- oder Tierarten diskutiert [wird] – sondern über die Vitalität ganzer Lebensgemeinschaften und des gesamten Erdsystems… Es geht um die Basis menschlicher Ernährung, sauberer Luft und trinkbaren Wassers. 

Es geht um alles.“ (ebd.)

Letztlich ist die Mass Extinction, d.h. der extreme bis totale Verlust von Biodiversität, schlicht ein weiterer Aspekt einer gigantischen multiplen Krise, die zutreffend mit dem Begriff

‚globale anthropogene Umweltkatastrophe

zu beschreiben ist.

Es geht um alles. Aber es geht nicht wirklich um ‚Klimaschutz‘(1). Nicht um die Vermeidung von Biodiversitätsverlust.

Es geht um Lebensgrundlagenschutz.

Begriff 'Klimaschutz'

Der Begriff ist schief – er suggeriert, es ginge darum, das Klima zu schützen. Das ist nicht unser Handlungsgrund. Es geht darum, unsere Lebensgrundlagen zu schützen; vgl. Fußnote auf S. 16.


Quellen des Abschnitts Sechstes Massenaussterben


Nächster Abschnitt:

Klimaschäden vor Gericht: Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise


Der Klimawandel ist längst auch zur juristischen Frage geworden: Während bislang Konzerne durch Nutzung der Allmende (=Gemeingut) „Umwelt“ bzw. „Atmosphäre“ als Müllhalde ihre Gewinne maximieren, die Schäden bzw. Kosten aber auf die Allgemeinheit abladen, gibt es auf der anderen Seite bereits jetzt eine Vielzahl von Menschen, deren Leben, Arbeit, Firma, Bauernhof, Ertrag geschmälert, bedroht oder gar unmöglich gemacht wird.

>> vgl. auch die vorigen Abschnitte Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) – und der ‚globale Süden‘ und Konfliktpotenziale der Klimakrise: Zuerst trifft es immer die Armen.


In einigen Fällen – wie z.B. beim größten deutschen Stromkonzern, RWE, – ist der Anteil an den jährlichen weltweiten CO₂-Emissionen nicht nur berechenbar, sondern in der Tat global relevant, sodass in solchen Fällen – theoretisch (und hoffentlich auch praktisch) – die prozentuale Mittäterschaft bei der Verursachung der Klimakrise gerichtlich inkl. Urteil festgestellt werden kann.


Gleichzeitig ist globales Umwelt- und Klimarecht weitgehend juristisches Neuland. Auf bestehende Gesetze und Normen kann hier nur bedingt zurückgegriffen werden. Doch vollkommen ‚mittellos‘ sind die Jurist*innen nicht – so gibt es mittlerweile rund

900 Klagen in 24 Ländern.

>> DLF Kultur: Ziegs 2019
>> Anmerkung: Der Spiegel spricht von „mehr als 800 Klagen“, die weltweit im Jahre 2017 anhängig waren, s. Bethge 2018, 119.


Jeder Mensch auf diesem Planeten hat ein Recht auf Klimaschutz. Das ergibt sich z.B. für Deutschland aus dem Grundgesetz

  • GG Art. 2 „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“
  • GG Art. 20a „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“ (n.n. 2019a)

und allgemein bzw. global aus der sog. Menschenrechtscharta („Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution 217A (III) der Vereinten Nationen (UN) vom 10.12.1948“), Artikel 3:

  • Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person. (Meisen 2019)

>> siehe zu Grundgesetzverletzung auch Aspekt einseitige Kündigung des Generationenvertrages.



Bei Klagen gegen Staaten bzw. den eigenen Staat geht es vornehmlich darum, dass unterlassene bzw. unzureichende Klimapolitik Grundrechte gefährdet.

So simpel der Sachverhalt, so schwierig dessen „Justiziabilität“: Wer ist befugt zu klagen („Aktivlegitimation“)? Wen verklagen? Und wie kann dem Konzern, der Institution oder dem Staat nachgewiesen werden, dass er Verursacher/Verletzer ist und die Rechte Dritter verletzt? Und wie kann sichergestellt werden, dass ein Gerichtsurteil (z.B. gegen ein weltweit operierendes Unternehmen) auch umgesetzt wird?



Klimaklagen gegen Konzerne

Der Peruaner Saúl Luciano Lliuya verklagt RWE

Es ist eine Art Musterprozess gegen die Klimakrisen-Verursacher: Der peruanische Kleinbauer Saúl Luciano Lliuya verklagt mit Hilfe von Germanwatch und eines deutschen Anwaltteams um die Anwältin Roda Verheyen RWE, weil RWE als CO₂-Emittent „0,47 Prozent der weltweiten Treibhausgase“ (ZEIT: n.n. 2017) ausstößt und somit Mitverursacher des Gletschertauens oberhalb seines Dorfes, dass sein Haus zu zerstören droht, ist. Das Oberlandesgericht Hamm sieht, dass die Klage zulässig und schlüssig begründet ist – und hat deshalb die Beweisaufnahme eröffnet. (vgl. ebd. und Bethge 2018, 119)

Bei dieser Art von Klimaklagen können nunmehr die Forschungsergebnisse der jungen aber schon etablierten Wissenschaftsdisziplin ‚Attribution Science‚ (‚Zuordnungsforschung‘) – die errechnen kann, um wie viel wahrscheinlicher es ist, dass ein bestimmtes Klimaereignis unter den derzeitigen klimatischen Voraussetzungen eintritt als in einer vorindustriell geprägten Atmosphäre – die Vorwürfe der Kläger*innen untermauern.

>> siehe dazu auch Aspekt Die stets aufkeimende Diskussion nach jedem Extremwetter…


Derzeit sind hunderte solcher Klagen weltweit anhängig, die klären sollen, inwieweit die Verursacher der Klimakrise zur Verantwortung gezogen werden können. Damit haben wir die interessante Situation, dass Großkonzerne auf klimabedingte politische Entscheidungen, die Einschränkungen ihres Betriebes zur Folge haben, mit Schadensersatzklage bzw. Investitionsschutzklage reagieren – und umgekehrt selbige vor den Kadi gezogen werden, weil sie dem Klima schaden. (vgl. Klein 2015, 85ff.)

  • Problem: Wir haben eigentlich zu wenig Zeit, um das Klima auf dem zweifellos langwierigen juristischen Weg zu retten. Gleichwohl ist es selbstredend richtig, auch diesen Weg zu gehen, erhöht er doch den politischen bzw. juristischen Druck auf Staaten und Großkapital.

Auch Exxon wird mittlerweile verklagt, weil der Konzern bereits 1982 (vgl. taz: Hahn 2019) genau wusste, dass sein Geschäftsmodell und Konzernpolitik zerstörerisch ist – leider klagen hier die Anleger, die hier am Ende mutmaßlich finanziell profitieren werden. Doch was ist für die Erde und die Menschheit hiermit gewonnen?

>> vgl. auch Abschnitt Historie des Klimawandels.



Klimaklagen gegen Staaten

(und Staats-ähnliche Institutionen wie z.B. die Europäische Union)

>> Quelle Zitat und Video: n.n. (2019b): „Was ist eine Klimaklage? – Anwältin Roda Verheyen
erklärt“. in: Greenpeace Deutschland,
19.1.2019, online unter www.youtube.com/watch?v=ecKBlfInhL0
(Abrufdatum 4.7.2019)

Die auf dem Rechtsgebiet „Klimaklagen“ Pionierarbeit leistende Anwältin Roda Verheyen erklärt, was eine Klimaklage ist:

  • „Wir sind aus der Zeit hinaus, in der Klimaschutz eine diplomatische oder politische Ermessensentscheidung ist. Es geht hier um Menschenrechtsschutz und den muss man aus meiner Sicht auch einklagen können.“

Roda Verheyen ist Mitbegründerin des 2002 ins Leben gerufenen Netzwerkes Climate Justice Program (CJK) – einer NGO bestehend aus Anwälten, Wissenschaftlern und Aktivisten, die eine Art juristisches Handwerkszeug für Anwälte in der ganzen Welt entwickelt haben, das es ermöglicht, Klimaklagen im Sinne der Climate Justice vor Gericht zu bringen.


Der ‚People’s Climate Case‘:

  • Zehn (vorwiegend) in Europa lebende Familien verklagen die EU

„Mit der Klimaklage „People’s Climate Case“ haben zehn Familien aus Portugal, Deutschland, Frankreich, Italien, Rumänien, Kenia und Fidschi sowie der samische Jugendverband der Sáminuorra, ein Gerichtsverfahren angesichts des Klimawandels und seiner bedrohlichen Folgen angestrengt. Ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlagen, ihre traditionelle Familienarbeit und ihre Kultur sind vom Klimawandel betroffen. Deshalb verklagen diese Menschen die EU-Institutionen: um ihre Grundrechte zu schützen und um den gefährlichen Klimawandel zu verhindern.“ (Gohr 2019)

>> Video-Kurzporträts einiger Kläger*innen: https://www.protect-the-planet.de/video/uebersicht/ (Abrufdatum 10.7.2019, jeweils ca. 3 min)


Die „Greenpeace Klimaklage“

  • Drei deutsche Biobauern-Familien verklagen die deutsche Regierung vor dem Berliner Verwaltungsgericht (Vollzugsklage eingereicht im Oktober 2018; im Juni 2019 ist nach verlängerter Frist die Erwiderung der Bundesregierung eingegangen.)

Deutschland verfehlt deutlich das Klimaschutzziel des Aktionsplanes Klimaschutz 2020, demzufolge die CO₂-Emissionen um 40% gegenüber 1990 zurückgefahren werden mussten (vgl. ebd. 9[]). Dieses Scheitern ist derzeit Gegenstand der sog. Greenpeace-Klimaklage, in der Greenpeace den Standpunkt vertritt, dass der Aktionsplan Klimaschutz 2020 verbindlich ist und daher nicht einfach – wie geschehen – in den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr 2018 quasi per Nebensatz vom Tisch gefegt werden kann.

>> siehe auch Abschnitt Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland.


Konkret klagt Greenpeace gemeinsam mit drei Familien, die allesamt in der Bio-/Öko-Landwirtschaft tätig sind auf der Insel Pellworm (Bio), im Alten Land (an der Elbe bei Hamburg, Bio-Obst) und in Brandenburg (Öko) – sowie mit 213 Bürger*innen und Bürger als Antragsteller*innen auf Beiladung zur Klage (die aus 4500 Interessierten ausgewählt wurden) (vgl. Greenpeace: n.n. 2019c).

>> Video-Kurzporträts der Kläger-Familien: youtu.be/B9SNZxf5KHk | www.youtube.com/watch?v=l8w6ToNrCOo | www.youtube.com/watch?v=9V1NfFeCIr4 (Abrufdatum 9.7.2019, jeweils ca. 4 min)

Rechtsanwältin Roda Verheyen:

  • Verklagt wird hier die „die Bundesregierung als Teil der Verwaltung der Bundesrepublik Deutschland… Verwaltungsgerichte sind dazu da, die Handlungen oder auch das Unterlassen von Verwaltungsorganen zu überprüfen. Das Ungewöhnliche an dem Fall ist, dass wir auf die Einhaltung einer Norm klagen, die nicht als Gesetz verabschiedet ist… Im Kern hängt der Erfolg der Klage davon ab, ob das Gericht uns folgt, dass es sich bei dem Klimaschutzziel 2020 um einen justiziablen Rechtsakt handelt.“ (Greenpeace: Weiland 2018)

Transparenz durch Offenlegung: Der Autor dieses „Handbuch Klimakrise“ hat im Januar 2019 einen 23-seitigen Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gestellt.

... mehr

Begründung: Nicht nur (Öko-)Bauern oder Menschen in besonderen geologisch vulnerablen (verletzlichen) Gegenden sind schon gegenwärtig und in absehbarer Zukunft persönlich, unmittelbar und evtl. sogar existenziell von den Folgen der Klimakrise betroffen, sondern auch ich als im Jahrgang 1971 geborener Bürger der Stadt Hamburg. Und wenn ein Durchschnittsbürger wie ich in dieser eindeutigen Weise betroffen ist, dann ist quasi jede(r) Bürger*in Deutschland in gleichartiger Weise betroffen. Diese Betroffenheit wird dann ausführlich erörtert und zeichnet ein gleichermaßen fundiertes wie detailliertes Bild, was uns in Deutschland gemäß aktuellem Forschungsstand mutmaßlich ‚blühen‘ wird. Siehe LLL-Beitrag Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gegen die Bundesregierung.


Update 1.11.2019.
Obige Klage wurde nunmehr am 31.10.2019 vor dem Verwaltungsgericht Berlin verhandelt und abschlägig beschieden; man sehe die Klagenden nicht in ihren Grundrechten gefährdet – und der Kabinettsbeschluss zum Aktionsplan Klimaschutz 2020 sei nicht bindend, sondern eine politische Absichtserklärung. Doch die Richter wiesen darüber hinaus „explizit darauf hin, dass der Staat geeignete ‚Vorkehrungen zum Schutz der Grundrechte‘ treffen müsse. Damit bauten sie eine Brücke zwischen Grundrechten und Klimawandel, deren Tragfähigkeit Kläger künftig austesten können…“. (SZ: Bauchmüller 2019). Die Berufung wurde zugelassen. (vgl. Spiegel: n.n. 2019d)


Greenpeace-Klage in Österreich

Im August 2019 haben auch in Österreich Betroffene der Klimakrise gemeinsam mit Greenpeace eine Klimaklage beim Verfassungsgericht eingereicht. Im Fokus stehen offensichtlich klimaschädliche Gesetze. (vgl. OE24: n.n. 2019e)


Die Urgenda-Klage in den Niederlanden

  • 900 Niederländer verklagen ihren Staat auf ihre Grundrechte

Im April 2015 gingen ca. 900 Niederländer mit Hilfe der Umweltschutzgruppe Urgenda vor Gericht, um die niederländische Regierung auf Basis der Fürsorgepflicht zu relevantem Klimaschutz zu verpflichten – und setzten sich sowohl in der ersten Instanz, vor dem Berufungsgericht als auch aktuell, in Dezember 2019, endgültig vor dem Obersten Gerichtshof durch (vgl. Hecking 2019).

  • „Der Klimawandel stelle eine konkrete Bedrohung dar, sagte die Vorsitzende Richterin Marie Anne Tan-de Sonnaville. ‚Der Staat ist verpflichtet, dagegen Schutz zu bieten.‘ Das Gericht skizzierte die hohen Risiken für die Niederlande wie Überflutungen, Krankheiten, Dürre, Waldbrände, Mangel an Trinkwasser und Schäden des Ökosystems.“ (FAZ: n.n. 2018).


Nunmehr haben die Niederlande bis 2020 die CO₂-Emissionen um 25% gegenüber dem Wert von 1990 zu senken. Zudem wurde im Mai 2019 ein Klimagesetz verabschiedet, dass vom GroenLinks-Chef Jesse Klaver als „das ehrgeizigste Klimagesetz der Welt“ (n.n. 2019f) bezeichnet wird. Wobei festzuhalten ist, dass die Niederlande weniger die Musterschülerin der EU als vielmehr eines der Schlusslichter ist, dass nunmehr aufholen möchte(n muss). (vgl. DLF: Schweighöfer 2019).

  • Die wichtige Botschaft lautet hier: Ja, man kann seinen Staat auf juristischem Weg zu mehr Klimaschutz zwingen.
  • Interessant auch, dass das Oberste Gericht sich bei seiner Entscheidung auf die von mehr als 40 Staaten unterzeichnete Europäische Menschenrechtskonvention stützt (vgl. Hecking 2019)

>> weitere Informationen zu ‚Gerichtsverfahren zum Klimawandel‘ siehe gleichnamigen Artikel bei wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Gerichtsverfahren_zum_Klimawandel (Abrufdatum 13.12.2019).


Quellen des Abschnitts Klimaschäden vor Gericht: Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise

>> Bauchmüller, Michael (2019): „Die Beweisaufnahme beginnt“. in: Süddeutsche Zeitung, 1.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/klage-klimawandel-politik-1.4663981 (Abrufdatum 4.11.2019)

>> Bethge, Philip (2018): „In der Badewanne“. in: Der Spiegel, Nr. 44/2018, 27.10.2018, S. 119.

>> Gohr, Markus (2019): „Das sind die Kläger“. in: Protect The Planet, online unter https://www.protect-the-planet.de/klimaklage-die-klaeger/ (Abrufdatum 10.7.2019)

>> Hahn, Dorothea (2019): „Exxon wusste alles“. in: tageszeitung, 7.11.2019, online unter https://taz.de/Prozess-gegen-Oelkonzern/!5639408/ (Abrufdatum 8.11.2019)

>> Hecking, Claus (2019): „Urteil zu Klimaschutz in den Niederlanden: Die rigorosen Richter von Den Haag“. in: Der Spiegel, 20.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/niederlande-klimaaktivisten-siegen-gegen-eigene-regierung-a-1302412.html (Abrufdatum 20.12.2019)

>> Klein, Naomi (2015): Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. S. 85 ff.

>> Meisen, Silvia (2019): Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, online unter https://www.menschenrechtserklaerung.de/die-allgemeine-erklaerung-der-menschenrechte (Abrufdatum 10.7.2019)

>> n.n. (2017): „Klimawandel: Peruanischer Bauer bringt RWE vor Gericht.“ in: Die Zeit, 30.11.2017, online unter http://www.zeit.de/wirtschaft/2017-11/klimawandel-rwe-klage-bauer-peru (Abrufdatum 24.2.2018)

>> n.n. (2018): „Regierung verliert vor Gericht: Niederlande werden zu Klimaschutz gezwungen“. in: Frankfurter Allgemeine, 9.10.2018, online unter https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/gerichtsurteil-niederlande-werden-zu-klimaschutz-gezwungen-15829057.html (Abrufdatum 10.7.2019)

>> n.n. (2019a): „Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland“. in: Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz, online unter https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html (Abrufdatum 10.7.2019)

>> n.n. (2019b): „Was ist eine Klimaklage? – Anwältin Roda Verheyen erklärt“. in: Greenpeace Deutschland, 19.1.2019, online unter www.youtube.com/watch?v=ecKBlfInhL0 (Abrufdatum 4.7.2019)

>> n.n. (2019c): „Das Gerichtsverfahren zur Klimaklage: Der aktuelle Stand“. in: Greenpeace, online unter https://www.greenpeace.de/klimaklage-aktuell (Abrufdatum 10.7.2019)

>> n.n. (2019d): „Klimaziele 2020: Verwaltungsgericht weist Klimaklage gegen Bundesregierung ab“. in: Der Spiegel, 31.10.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/berlin-verwaltungsgericht-weist-klimaklage-von-bauernfamilien-ab-a-1294262.html (Abrufdatum 1.11.2019)

>> n.n. (2019e): „VfGH soll klimaschädliche Gesetze kippen: Opfer reichen erste Klima-Klage ein“. in: OE24, online unter https://www.oe24.at/oesterreich/politik/Opfer-reichen-erste-Klima-Klage-ein/394117434 (Abrufdatum 18.10.2019)

>> n.n. (2019f): „Klima: Erste Kammer segnet Klimagesetz ab“, in: WWU Münster/NiederlandeNet. [Universität Münster], 4.6.2019, online unter https://www.uni-muenster.de/NiederlandeNet/aktuelles/archiv/2019/0604-Klimagesetz.html (Abrufdatum 10.7.2019)

>> Schweighöfer, Kerstin (2019): „Energiewende in den Niederlanden: Der schwierige Einstieg in den Ausstieg“. in: Deutschlandfunk Kultur, 24.6.2019, online unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/energiewende-in-den-niederlanden-der-schwierige-einstieg-in.976.de.html?dram:article_id=452155 (Abrufdatum 10.7.2019)

>> Weiland, Michael (2018): „Regierung zur Rechenschaft. Wer trägt die Schuld an den Folgen der Erderhitzung? Rechtsanwältin Roda Verheyen erklärt, warum Greenpeace und Betroffene gegen die Bundesregierung klagen.“ in: Greenpeace, online unter https://www.greenpeace.de/themen/klimawandel/regierung-zur-rechenschaft (Abrufdatum 10.7.2019)

>> Ziegs, Beate (2019: „Bürger für mehr Klimaschutz: Klimawandel vor Gericht“. in: Deutschlandfunk Kultur, 29.1.2019, online unter https://www.deutschlandfunkkultur.de/buerger-fuer-mehr-klimaschutz-klimawandel-vor-gericht.976.de.html?dram:article_id=439588 (Abrufdatum 10.7.2019)



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Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) – und der ‚globale Süden‘


„Unser Lebensstandard basiert auf dem globalen Reichtum, der nicht gerecht verteilt ist.“
(taz: Hamed Abbaspur in König 2017)


Das Privileg von Wenigen geht auf Kosten Vieler.


Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber dazu:

„[L]etzlich gibt es doch nur eine robuste und moralisch vertretbare Antwort: Jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre, die zu den wenigen ‚globalen Allmenden‘ zählt.“ (2018, 108)

Soziale Gerechtigkeit…

„lässt sich im Kontext der anthropogenen Erderwärmung in zwei ethische Grundüberzeugungen zusammenfassen:

  1. Jeder Mensch ist nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch vor der Natur gleich.
  2. Wer den Klimaschaden anrichtet, soll auch dafür geradestehen (‚Polluter Pays Principle‘).“

(Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 107)

  • Die Klimakrise ist weit mehr als ein ‚Umweltproblem‘. Hier geht es um Menschen, um Menschenleben – und hier wiederum um das Leben von den ärmeren Menschen, um die Menschen der Dritten Welt (=globaler Süden), die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben und am meisten von dieser Katastrophe betroffen sind und künftig am meisten darunter leiden werden.


Rahmstorf und Schellnhuber bringen es exakt auf den Punkt:

Die „Nutzung der Atmosphäre als Müllkippe den kommenden Generationen in den besonders klimasensiblen Entwicklungsländern auf[zu]bürden… empfänden [v]iele nichtstaatliche Umweltgruppen … als amoralische Krönung der historischen Ausbeutung der ‚Dritten Welt‘ durch die Industrieländer…“ (2018, 90).



Übersetzen wir diese Aussage mal für die Gegenwart in Zahlen:

Aktueller Stand der ‚Climate Justice‘:

  • 3,5 Milliarden Menschen = die ärmere Hälfte der Menschheit = 10% der globalen Emissionen
  • 700 Millionen Menschen = die reichsten 10% der Menschheit = 49% der globalen Emissionen

Zurzeit ist es so, dass „[d]ie ärmere Hälfte der Menschheit … nur für 10% der globalen Emissionen verantwortlich [ist], während die reichsten 10% die Hälfte aller Emissionen produzieren.“ (Kontext: Goeßmann 2019)

Und:

„[D]ie am wenigsten Verantwortlichen [bekommen] zugleich die Auswirkungen der Klimakrise am härtesten zu spüren…“ (ebd.)

Weitere Zahlen aus der Studie von Oxfam:

  • „The average footprint of someone in the richest 1% could be 175 times that of someone in the poorest 10%“.

    • „The average emissions of someone in the poorest 10% of the world population is 60 times less than that of someone in the richest 10%.“

      • „Women bear the heaviest burden in a warming world, generally more heavily dependent on climate-sensitive livelihoods and with least to fall back on in harsh times.“ (Oxfam: n.n. 2015)

Die globale Ungerechtigkeit wird auch anhand der finanziellen Besitztümer der Weltbevölkerung deutlich:

  • Das reichste eine Prozent der Welt, und noch abscheulicher, die reichsten

    acht Menschen der Welt haben jetzt so viel Reichtum wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung,

    wie Oxfam während des Weltwirtschaftsforums 2017 berichtete. (CoR: Weizsäcker et al. 2017, 23-24.)

Wir werden globale Ungerechtigkeit niemals ganz besiegen können. Aber ein derart abstruser Auswuchs sollte doch abzustellen sein?


Der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) zur mangelhaften ‚Climate Justice‘:

  • „Ich frage mich, wie ‚Fridays for Future‘ in Afrika aussähe. Das Durchschnittsalter der Menschen dort liegt bei zwanzig Jahren, sie sind unfassbar arm, suchen Arbeit, wollen diesen Teufelskreis durchbrechen. Wir müssen die Situation dieser Menschen mitdenken, wenn wir über Klimaschutz diskutieren. Es genügt nicht, weniger zu fliegen oder mit dem Rad ins Büro zu fahren, so wichtig das auch ist… Wir müssen die beiden großen Herausforderungen unserer Zeit miteinander verbinden: Beseitigung von Armut und erfolgreiche Klimarettung.“ (Haberl 2019)

Anders ausgedrückt:

  • „Solange wir den Klimawandel und die Ungleichheit nicht gleichzeitig angehen, kann man weder das eine noch das andere lösen. Wir müssen also verstehen, wir diese beiden verknüpft sind.“

(Kontext: Goeßmann 2019)


Es gilt: Nur eine globale Klimagerechtigkeit führt relevant zu Klima- und Umweltschutz – aus einem ganz einfachen Grund:

  • “Die Armen neigen dazu, für ihr Überleben und ihre Bedürfnisse die Ressourcen zu übernutzen, oft sogar zu zerstören. Die Reichen dagegen übernutzen die verfügbaren Ressourcen erst recht und dies oft aus reiner Gier. Demgegenüber werden soziale Gerechtigkeit und die Überwindung der Armut zu einem Schlüssel für den Umweltschutz.“ (CoR: Weizsäcker et al. 2017, 208)


Anders gedreht:

Die Verknüpfung der Aspekte ‚Klimakrise‘ und ‚Beseitigung der globalen Ungleichheit‘ birgt – in jeder Hinsicht – eine große Chance für die Menschheit.

Es geht auch nicht anders, denn der globale Süden wird beim Klimaschutz nur mitmachen, wenn er davon profitiert, in dem er z.B. vergünstigt und u.U. patentrechtefrei bzw. lizenzfrei Zugang zu Technologien betreffend erneuerbare Energien erhält.

  • Denn so wie es bisher lief mit dem post- bzw. neokolonialen Imperialismus, ist es schlicht äußerst zynisch vom Kapitalismus als dem ‚bestmöglichen System‘ zu sprechen.
    Das ist eine zutiefst westliche Sichtweise, die man wohl nur einnehmen kann, wenn man gerade auf dem Sofa die Füße hochlegt, weil man ach so hart gearbeitet hat – oder Trump heißt. Die Realität ‚da draußen‘ ist eine andere.


Selbstverständlich geht es anders als bisher. Die angebliche Unausweichlichkeit von Politik und Geldwirtschaft – There Is No Alternative (TINA) – ist die vielleicht nachhaltigste Lüge von denjenigen, die alles so lassen wollen wie es derzeit ist.

Es geht immer auch anders.


TAALOA – There are always lots of alternatives!

in Anlehnung an die angeblich so oft alternativlose Politik der Regierung Merkel und an TINA – „There ist no Alternative“.

(Schein-Argument von Margret Thatcher, um den Neo-Liberalismus durchzudrücken: Operation gelungen, Patient derzeit dem Koma nahe.)


Was Ressourcenausbeutung, CO₂-Emissionen und Lebensstil der Industrienationen zu Ende gedacht bedeutet:

  • Die „imperiale Lebensweise [ist] derzeit im Begriff…, sich zu Tode zu siegen.“ (Brand/Wissen 2017, 14)

Climate Justice, Neokolonialismus und unsere imperiale Lebensweise

Womit wieder das Thema „Wachstum“ auf der Agenda steht:

„Wachstum kann nur erzeugt werden, wenn andere „auf ihren proportionalen Anteil verzichten“ (müssen).

(Brand/Wissen 2017, 14)
>> zu Wachstum s.a. Abschnitt Glaubenssätze dechiffriert: Von „Wachstumszwängen“ und anderen Glaubenssätzen.

Und weiter:

„Die imperiale Lebensweise beruht auf Exklusivität, sie kann sich nur so lange erhalten, wie sie über ein Außen verfügt, auf das sie ihre Kosten verlagern kann.“ (ebd. 15) 

Und in diesem Sinne, d.h. aufgrund der Kostenexternalisierung (Kostenauslagerung) – und in Kombination mit Shareholder Value (d.h. der Verpflichtung von Börsennotierten Unternehmen, den Gewinn zugunsten der Aktienbesitzer zu maximieren) – kann es unter den heutigen Gegebenheiten generell (so gut wie) keine wirklich nachhaltigen Produkte geben.


Warum?

Gegenfrage: Warum verlagert man denn Produktionen z.B. nach Südostasien?

Antwort: Weil es dort aufgrund mangelnder Gesetzgebung, niedrigeren Umweltstandards, Korruption und niedrigen Löhnen billiger und somit lukrativer ist, zu produzieren. Die Sache ist systemisch – d.h. im System so angelegt.
Daher ist eine grüne bzw. nachhaltige Wirtschaft/Produktion ohne tiefgreifende Änderungen im Betriebssystem der globalen Wirtschaft und Politik grundlegend nicht möglich.

  • Kathrin Hartmann spricht daher vollkommen zu Recht von der Grünen Lüge.

>> vgl. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing. 240 Seiten. | s.a. Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.

Ulrich Brand und Markus Wissen gehen in diesem Punkt noch einen Schritt weiter:

  • „Ausgeblendet wird, dass Ökosysteme nicht deshalb zerstört werden, weil ihnen kein Preisschild anhaftet, das die Kosten ihres Verlusts quantifizieren würde [was aber nicht gegen eine CO₂-Steuer spricht!]. Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Rechte der Menschen (häufig Kleinbauern und indigene Gemeinschaften), die in den entsprechenden Territorien leben, systematisch missachtet werden.“ (2017, 150)

Quellen des Abschnitts Klimagerechtigkeit ('Climate Justice') - und der 'globale Süden'

>> Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.

>> Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. S. 14.

>> Goeßmann, David: „Extreme Klima-Ungerechtigkeit: Die reichsten 10% für Hälfte der Emissionen verantwortlich / Industrienationen müssen bis 2030 um 80% reduzieren“ [Sendemanuskript]. in: Kontext, 10.3.2016, online unter http://www.kontext-tv.de/de/sendungen/extreme-klima-ungerechtigkeit-die-reichsten-10-fur-halfte-der-emissionen-verantwortlich (Abrufdatum 29.6.2019)

>> Haberl, Tobias (2019): „Klaus Töpfer im Interview: ‚Wir leben mit einer Wohlstandslüge'“. in: Süddeutsche Zeitung, 28.9.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/klaus-toepfer-umweltminister-naturschutz-natur-1.4617465-2 (Abrufdatum 1.10.2019)

>> Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing. 240 Seiten.

>> König, Lisa (2017): „Heute in Hamburg: Elektroautos sind schwach nachhaltig’“ in: taz 2./3. Oktober 2017, S. 24.

>> n.n. (2015): Extreme Carbon inequality. Studie von Oxfam, 2.10.2015. online unter https://www.oxfam.de/presse/pressemitteilungen/2015-12-02-oxfam-reichsten-10-prozent-verursachen-haelfte-weltweiten (Abrufdatum 29.6.2019)

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage.

>> Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. 23-24.



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Klimagerechtigkeit


Konfliktpotenziale der Klimakrise: Armut, Klimakriege, ‚Natur‘-Katastrophen, Flucht.

Zuerst trifft es immer die Armen.

… und da reicht schon eine Missernte.

  • In Deutschland würde in einem solchen Fall die Regierung die entsprechenden Erzeugnisse von außen dazukaufen, also importieren.
    (Das was importiert wird, fehlt evtl. an andere Stelle!)
  • Im gleichen Fall würde sich in sog. Failed States (Staaten mit einer unzureichenden oder gar keiner Grundordnung) die Missernte u.U. umgehend zu einer Hungerkatastrophe ausweiten.

Und derartige Versorgungsengpässe können sich zu einem sog. Klimakrieg ausweiten.

  • Auch „[d]er Krieg in Syrien hat für viele seine Ursache in der Dürreperiode, die dem Kriegsausbruch vorausging. Sie führte dazu, dass viele Menschen vom Land in die Städte gehen mussten. Statt das mit Hilfeleistungen vor Ort zu verhindern, reagierte das Assad-Regime mit Kürzungen der Unterstützungsleistungen, was die Rebellionsbereitschaft – wir befinden uns in der Zeit der um sich greifenden ‚Arabellion‘ – heftig schürte.“ (Welzer 2018)


Welzer führt weiter aus, dass der ‚Arabellion‚ „drastisch gestiegene Lebensmittelpreise vorausgegangen [waren], und die hatten wiederum mit Umweltereignissen zu tun.“ (ebd.)

  • Die Tatsache, dass klimakrisenbedingte Katastrophen vorrangig die Ärmeren trifft, trifft selbstverständlich auch in Industrieländern zu: Der Hurrikan Katrina (2015) traf in New Orleans vor allem die ärmere Bevölkerungsteile, die in den niedriggelegeneren Stadtteilen lebte – und bis heute lassen die Wiederaufbaumaßnahmen zu wünschen übrig. (vgl. Welzer 2018)

>> vgl. auch die Situation in Jakarta, wo die ärmeren Menschen teils ‚illegal‘ direkt an der Küste wohnen, während die Wohlhabenden in den höher gelegen Regionen leben. (vgl. Aders 2018a).


Es fragt sich, wie reibungslos die Katastrophenhilfe im Falle einer Klimakrise-beförderten „Natur-„Katastrophe abläuft – und welche Bevölkerungsgruppen bzw. Stadtteile die Hilfe zuerst erreicht.

  • In New York City jedenfalls hat das bei den heftigen Wassereinbrüchen in ganze Stadtviertel in Zuge des Hurricane „Sandy“ (2012) für die ärmere Bevölkerung bzw. die ärmeren Stadtviertel so gar nicht geklappt – hier ist u.a. die medizinische Versorgung weitgehend zusammengebrochen. (vgl. Klein/Lewis 2015, ab ca. Min 20)


Allgemein wird in den USA des Öfteren „Umweltrassismus“ beklagt – so wurden/werden „Sondermülldeponien vor allem in Gegenden gebaut…, in denen die ärmere Bevölkerung und Schwarze, Indigene und Latino lebten… Die Gefahr, in den USA an den Folgen von Luftverschmutzung zu sterben, sind für Schwarze drei Mal höher… [Auch] die Flint-Wasserkrise, [bei der bleiverseuchtes Wasser den Bürger*innen in die Trinkwasserleitungen gepumpt wurde,] traf eine überwiegend schwarze Gemeinden in den USA.“ (Dziedzic 2019)


Klima-Geflüchtete

Schon ein verändertes Niederschlagsregime kann grundsätzlich ausreichen, um höchste Not auszulösen:

  • 2017 mussten „allein 900.000 Afrikaner ihren Grund und Boden aufgeben“. (Welzer 2018).

… womit diese Menschen heimatlos werden und ins nächste Dorf gehen, von dort in die nächste Stadt, von dort in die Hauptstadt oder in eine Stadt im Grenzgebiet des Nachbarlandes in den Slum gehen – das passiert überall in Afrika an den Rändern der Sahelzone – und einige wenige der vielen machen sich dann auf den Weg nach Europa, von denen es manche bis über das Mittelmeer schaffen. (vgl. Aders 2018a)


Der Mitautor des Atlas der Umweltmigration, François Gemenne auf der Klimakonferenz in Bonn 2017 über den globalen Süden:

  • „‚Das ist die Region der Welt, die am stärksten leidet, es ist eine extrem verletzliche Zone’… Die Auswirkungen seien besonders gravierend, denn ‚dort ist der größte Teil der Weltbevölkerung konzentriert'“. (Aders 2018b)


Die Klimaforscherin Friederike Otto hebt indes hervor, dass laut einer im Mai 2017 veröffentlichten Studie der Uni Hamburg und Greenpeace der Klimawandel bislang i.d.R. nicht die alleinige maßgebliche Fluchtursache ist:

  • „Lösten Wetterextreme Naturkatastrophen aus, flohen die Menschen nur dann, wenn auch andere politische und soziale Faktoren mit hineinspielten“. (Otto 2019, 150).


Dem muss m.E. mindestens bzgl. einer Weltregion klar widersprochen werden, denn:

Lange bevor Koralleninseln physisch ‚untergehen‘, sind sie längst unbewohnbar.

  • Eine Koralleninsel ist i.d.R. unbewohnbar ab dem Moment, in dem die Brunnen, die gleichfalls Trinkwasser beinhalteten Binnenseen und/oder die wenigen Ackerflächen unwiderruflich versalzen sind, sei es durch Überschwemmungen, sei es durch Unterspülung.

    Die klimabedingte Emigration von Südseebewohner*innen hat längst begonnen.

    Z.B. nach Neuseeland oder auch auf das von Kiribati (gesprochen: kir-ah-bahss) erworbene Land auf den Fidschi-Inseln (vgl. Kino-Dokus ThuleTuvalu und Anote’s Ark: Gunten 2015 u. Rytz 2018 u. n.n. 2017)

>> zu Kiribati s.a. LLL-News-Beitrag Was haben das russische Zarenreich und Kiribati gemeinsam?


Und selbst wenn Klima zurzeit noch nicht die Hauptursache von Migration ist, sind mehr Geflüchtete auf der Welt unterwegs denn je – und das hängt zumindest auch mit Umwelt- und Klimafragen zusammen:

  • „Ende 2018 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei 70,8 Millionen. Im Vergleich dazu waren es Ende 2016 65,6 Millionen Menschen. … 84 Prozent der Flüchtlinge leben nach wie vor in Entwicklungsländern.“ (UNHCR: n.n. 2019a)

Wichtig ist, hervorzuheben, dass wir Menschen in Europa von den meisten Geflüchteten derzeit schlicht nichts mitbekommen.


Ein prägnantes Beispiel für unsere Unkenntnis bietet dafür das Schicksal der Nomadenvölker im Himalaya, das der Dokumentarfilm Der zerbrochene Mond aus dem Jahr 2010 (!) beleuchtet.

Hier wird hervorgehoben, dass

  • Haut- und Augenkrankheiten unter den Bedingungen der Erderwärmung inkl. verändertem Sonnen- und (Nicht-)Niederschlagsregime zunehmen,

  • die unwirtlichen Lebensbedingungen durch zunehmende Trockenheit nunmehr lebensfeindlich sind (u.a. weil die Tiere kein Weideland mehr vorfinden) und demzufolge

  • schon 2010 (!) mehr als 80% der Nomaden ihr traditionelles Leben hinter sich gelassen haben in die Städte gegangen sind und dort als Geflüchtete i.d.R. ein Schattendasein am Straßenrand führen. (Rangel/Negrão 2010)


Auch von sog. Binnenflüchtlingen erfahren wir i.d.R. nur, wenn sich in der betreffenden Region sich die Situation zur Katastrophe auswächst:

Kolumbien – 7,8 Millionen | Syrien – 6,2 Millionen | DR Kongo – 5 Millionen | Äthiopien – 2,6 Millionen | Somalia – 2,6 Millionen (vgl. UNHCR: n.n. 2019a)


Der deutsche Klimaschutzbericht 2018 prognostiziert, dass die Bedeutung des Faktors „Klimakrise“ als maßgebliche Fluchtursache künftig weiter und deutlich zunehmen wird:

  • „Die mit dem Klimawandel einhergehenden Veränderungen bedrohen mit Extremwetterereignissen wie Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und Hitzewellen heute schon ganze Regionen und werden künftig voraussichtlich eine der bedeutendsten Fluchtursachen sein.“ (BMU: n.n. 2018)


Relevant und wichtig ist des Weiteren, dass „[s]chon heute [… in den Küstenregionen] laut dem [IPCC-Sonder-]Bericht 680 Millionen Menschen [leben]; bis 2050 dürfte es mehr als eine Milliarde sein. Hinzu kommen 65 Millionen Menschen, die in kleinen, ärmeren Inselstaaten leben.“ (Weiß 2019).


Schon 2002 (!) wurde von der UN herausgestellt, dass der Klimawandel für viele Menschen bereits Anfang des 21. Jahrhunderts eine tödliche Klimakatastrophe darstellt:

  • „In der bislang umfassendsten Studie hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2002 die Folgen des Klimawandels untersucht, Sie kommt zu dem Ergebnis, dass schon heute [Stand 2002!] jährlich mindestens 150.000 Menschen an den Folgen der globalen Erwärmung sterben. Die meisten Opfer sind in Entwicklungsländern zu beklagen und sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Durchfall, Malaria und anderen Infektionen oder an Nahrungsmangel.“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 77)
  • Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber ergänzen hier, dass Malaria sich künftig mutmaßlich auf afrikanische Hochlandregionen ausbreiten wird, wo Menschen leben, die gegen den Erreger mangels Kontakt keine Immunität besitzen (vgl. ebd.).


Laut Spiegel prognostiziert „[d]ie Weltgesundheitsorganisation [WHO] … bereits ab 2030 weltweit jedes Jahre 250.000 zusätzliche Todesfälle infolge des Klimawandels, also Gründe führt sie zunehmend Unterernährung, Malaria, Durchfallerkrankungen und Hitzestress an.“ (Thelen 2019, 95)

Also quasi demnächst.


Eine Studie der ETH Zürich hält im Juli 2019 unter Annahme „einer eher konservativen Entwicklung der CO₂-Emissionen“ die für 2050 fest:

  • „’22 Prozent (der Großstädte) werden sich zu klimatischen Bedingungen hin verschieben, die derzeit in keiner großen Stadt auf dem Planeten herrschen.‘ Zu dieser Gruppe gehören gigantische Städte wie Peking, Jakarta, Seoul, Rangun und Kuala Lumpur. Was passiert, wenn diese Städte unbewohnbar werden, durch Hitzewellen und Flutkatastrophen?“ (Stöcker 2019).


Der/m aufmerksamen Leser*in wird nicht entgangen sein, dass sich die hier genannten Prognosen und Zahlen mal mehr, mal weniger widersprechen. Das wird auch nicht besser unter Hinzunahme der Daten aus der Film-Doku Klimafluch und Klimaflucht (2018). Hier wird in den Schlussminuten der Doku Wissenschaftler*innen explizit die Frage gestellt, „[w]ie viele Menschen … bis 2050 zu Klimaflüchtlingen geworden sein“ werden. Die Antworten fallen – sagen wir – bunt aus:

  • Dina Ionesco, International Organization für Migration:

    „Man kann ehrlicherweise nicht sagen, wie viele Menschen zur Migration gezwungen sein werden.“

  • Walter Kälin, Platform on Disaster Displacement PDD:

    „Wir haben bewusst keine Schätzung, weil, was wir vorschlagen, ist, dass wir jetzt alles, was wir tun können, investieren müssen, damit eben Menschen ihr Land nicht verlassen müssen.“

  • Robert Oakes, UN University:

    „Wir wissen dass jedes Jahr rund 20 Millionen Menschen vertrieben werden. Das gilt für die letzten Jahrzehnte. Dazu kommt der Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Entstehung von mehr schutzlosen Menschen. Wir können davon ausgehen, dass diese Zahlen ansteigen werden.“

  • Nina Birkelund, Norwegian Refugee Council:

    „Jedes Jahr fliehen 25 Millionen. Wenn man das hochrechnet kommt man auf, konservativ gerechnet 500 Millionen.“

    Im Vorspann wird sie abweichend davon wie folgt zitiert:

    „Heute sprechen wir von einigen Millionen Flüchtlingen. In Zukunft sprechen wir von Milliarden.“ (Hier meint sie mutmaßlich nicht nur Klima-Geflüchtete)


Birkelund rechnet der Autor des Filmes Klimafluch und Klimaflucht, Thomas Aders, zum „Mittelfeld“ – „Und dann gibt es die Pessimisten, zu denen François Gemenne gehört“ (Aders 2018b):

  • François Gemenne, Universität Liège und Sciences Pro sowie Mitautor des Atlas der Umweltmigration:

    „Wenn ich schätzen soll. Meiner Meinung nach werden wir leicht bei einem Fünftel oder einem Viertel der Weltbevölkerung liegen, die Migranten sein werden. Das bedeutet ungefähr zwei bis drei Milliarden Menschen.“

>> Alle Interview-Zitate aus: Aders, Thomas (2018a): Klimafluch und Klimaflucht, 2018, SWR, siehe ARD Mediathek.


Aus einem Entwurf des Sonderberichts „Ozeane“ des IPCC, dessen finale Fassung am 25.9.2019 der Weltöffentlichkeit präsentiert wird und der französischen Nachrichtenagentur AFP vorliegt, geht hervor, dass der

  • „IPCC … bei einer Erderwärmung von höchstens zwei Grad Celsius mit 280 Millionen Flüchtlingen [allein] wegen steigender Meeresspiegel [rechnet]. Selbst wenn die Reduzierung der Erderwärmung auf unter zwei Grad gelingt, gehen die Experten [für das Jahr 2100] noch von 250 Millionen Klimaflüchtlingen aus.“ (n.n. 2019b)


Nun, keine dieser Aussagen und Zahlen ist beruhigend. Und die immer wieder gern aufgeworfene Frage, inwieweit es sich bei Geflüchteten um lupenreine Klima-Geflüchtete handelt oder handeln wird – ist letztlich ohnehin egal, entscheidend wird schlicht die Anzahl von Menschen sein, die aufgrund von diversen, meist Umwelt-bezogenen Gründen ‚ihre Scholle‘ verlassen werden, weil sie es müssen.
Alleine dieser Aspekt mit der mutmaßlich hohen Zahl an künftigen Geflüchteten rechtfertigt m.E. für sich genommen eine massive Hilfe-zur-Selbsthilfe-Entwicklungspolitik ab heute: Aus ethischen Gründen – und wer es weniger edel möchte: Aus purer Egozentrik bzw. eurozentristischen Interessen. – Ich wiederhole mich, aber warum auch nicht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

Quellen des Abschnitts Konfliktpotenziale der Klimakrise: Armut, Klimakriege, 'Natur'-Katastrophen, Flucht

>> Aders, Thomas (2018a): „Klimafluch und Klimaflucht – Massenmigration – Die wahre Umweltkatastrophe“, ARTE, 13.11.2018. online unter https://www.dw.com/de/klimaflucht-die-wahre-umweltkatastrophe/av-48537071 (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Aders, Thomas (2018b): „Folgen des Klimawandels: Wo Leben verschwindet“. in: Die Zeit, 16.12.2018, online unter https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-12/folgen-klimawandel-sahelzone-russland-indonesien-auswirkungen-erderwaermung (Abrufdatum 27.7.2019)

>> Dziedzic, Paul Léonard (2019): „Umweltrassismus: Warum nicht alle gleich von Umweltproblemen betroffen sind“. in: Bento – das junge Magazin vom Spiegel, 4.11.2019, online unter https://www.bento.de/politik/umweltrassismus-warum-nicht-alle-gleich-von-umweltproblemen-betroffen-sind-a-46e476ca-4f3f-40c8-9432-2934010ca4c0#refsponi (Abrufdatum 4.11.2019)
> bezieht sich u.a. auf Cox, Bartees (2018): „No Coincidence: Environmental racism has left black Americans three times more likely to die from pollution“. in: Quartz, 13.3.2018, online unter https://qz.com/1226984/environmental-racism-has-left-black-americans-three-times-more-likely-to-die-from-pollution/ (Abrufdatum 4.11.2019)

>> Gunten, Matthias von (2015): ThuleTuvalu, Film-Doku, DVD, 2015.

>> Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.

>> n.n. (2017): „As climate change threatens islands, Kiribati’s president plans development“. in CBS News, 20.11.2017, online unter https://www.cbsnews.com/news/climate-change-kiribati-president-taneti-maamau/ (Abrufdatum 6.10.2018)

>> n.n. (2018): „Klimaschutzbericht 2018“. in: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. online unter https://www.bmu.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_PDF/Klimaschutz/klimaschutzbericht_2018_bf.pdf (Abrufdatum 21.6.2019)

>> n.n. (2019a): „Zahlen & Fakten zu Menschen auf der Flucht“. in: UNO Flüchlingshilfe/UNHCR, online unter https://www.uno-fluechtlingshilfe.de/informieren/fluechtlingszahlen/ (Abrufdatum 11.12.2019)

>> n.n. (2019b): „Weltklimarat rechnet mit 280 Millionen Flüchtlingen durch Meeresspiegel-Anstieg“. in: AFP, 29.8.2019, online unter https://www.afp.com/de/nachrichten/3966/weltklimarat-rechnet-mit-280-millionen-fluechtlingen-durch-meeresspiegel-anstieg-doc-1ju5el7 (Abrufdatum 4.9.2019)

>> Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein.

>> Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage.

>> Rangel, André und Negrão, Marcos (2010): Der zerbrochene Mond. [The broken Moon]. Doku-Film.

>> Rytz, Matthieu (2018): Anote’s Ark. Filmdoku, DVD, 2018.

>> Stöcker, Christian (2019): „Klimapolitik: Es gibt jetzt keine Ausreden mehr“. in: Der Spiegel, 14.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/gutachten-zur-co2-steuer-es-gibt-jetzt-keine-ausreden-mehr-a-1277096.html (Abrufdatum 14.7.2019)

>> Thelen, Raphael (2019): „Apokalypse jetzt“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 95.

>> Weiß, Marlene (2019): „Erderwärmung: Klimarat warnt vor starkem Meeresspiegelanstieg“. in: Süddeutsche Zeitung. 25.9.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-meeresspiegel-arktis-ozeane-1.4615208?reduced=true (Abrufdatum 11.12.2019) [paywall]

>> Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)



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11 Milliarden Menschen

Weltbevölkerungsentwicklung & Ernährung der Weltbevölkerung: Zwei gute Nachrichten inmitten der vielen schlechten.


Ein oft bemühtes, aber dennoch vollkommen falsches Man-kann-ohnehin-nichts-machen-Argument ist das von der
angeblichen Bevölkerungsexplosion. Diese fällt aus.

Gute Nachricht:
Weltbevölkerungsentwicklung

Daten zur Weltbevölkerungsentwicklung, in Generationen gedacht:

  • 1924 1,9 Mrd (1.931.439.861) (Geburtsjahr meines Opas)
  • 1950 2,5 Mrd (2.525.149.312) (Geburtsjahr meiner Mutter)
  • 1971 3,8 Mrd (3.757.734.668) (mein Geburtsjahr)
  • 1998 6,0 Mrd (5.971.882.825) (Geburtsjahr der jungerwachsenen Generation) (vgl. Roser 2019)
  • Aktuell 7,83 Mrd (Stand: 9/2020) (vgl. Countrymeters 2020)
  • 2050 9,7 Mrd (vgl. Tagesspiegel 2019)
  • 2100 UN-Prognose ca. 11 Mrd – „Die UN geht davon aus, dass sich die Weltbevölkerung im Jahr 2100 zwischen 10 und 12 Milliarden einpendeln wird“ (Rosling 2018, 106).

Eine aktuelle UN-Studie vom Juni 2019 prognostiziert „10,9 Milliarden Menschen im Jahr 2100“ (Stöcker 2019).

Das sind natürlich eine Menge Menschen, aber der entscheidende Punkt ist, dass die Kurve eben NICHT exponentiell nach oben zeigt, sondern sich mehr und mehr abflacht. 


Der Background:

Hans Rosling, Arzt und Experte für internationale Gesundheit, hebt hervor, bis etwa ins Jahr 2000 immer mehr junge Erwachsene (langsam aber sicher) immer weniger Kinder bekommen haben. Zuvor war es nach Rosling so, dass immer größere Eltern-Generationen jeweils viele Kinder zur Welt brachten. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren es weltweit im Schnitt fünf Kinder pro Frau – aber: Nach 1965 sank diese Zahl allmählich und überaus deutlich auf knapp 2,5 Kinder. Parallel dazu wurde die gesundheitliche Versorgung extrem verbessert, die Überlebensrate von Kindern stieg stark an – und die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben nahm stark ab (vgl. 2018, 107).

Rosling führt aus:

  • „Die überwiegende Mehrheit der Milliarden Menschen, die ihre extreme Armut hinter sich lassen konnten, entschied sich dafür, weniger Kinder zu haben. Sie benötigten nicht mehr die Großfamilie und die Arbeitskraft zahlreicher Kinder, um die familiäre Landwirtschaft betreiben zu können. Und man brauchte auch keine kinderreiche Familie mehr, um sich gegen die Kindersterblichkeit abzusichern. Männer wie Frauen bekamen Zugang zu Bildung und begannen, besser ausgebildete und besser ernährte Kinder haben zu wollen, und weniger davon zu haben war die offensichtliche Lösung“ (Rosling 2018, 107-108).


Stabiles Niveau der Weltbevölkerung = 2,1 Kinder pro Frau (Stotz 2019)

Von Rosling stark vereinfacht (und hier nochmals simplifiziert) ausgedrückt, leben seit etwa dem Jahr 2000 stets zwei Milliarden Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren auf der Erde. Die UN prognostiziert, dass dies auch im Jahr 2100 so sein wird. Ergebnis: Die Zahl der Kinder steigt nicht mehr an.
Und das bedeutet etwas – vom Mechanismus her – sehr Einfaches:

  • Nachdem einige Generationen lang mit jeder Generation mehr Menschen auf der Erde leben, weil eben jeweils erstmals eine 2-Milliarden-Generation die nächste Alterskohorte erreicht, nivelliert sich dies, wenn die erste 2-Milliarden-Generation aus dem Jahre 2000 die nunmehr älteste Kohorte darstellt, auf 10 Milliarden – d.h. fünf 15-Jahres-Generationen à zwei Milliarden Menschen.

2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
2-Mrd-Kohorte-Senior*innen
200020152030204520602075
Eigene Darstellung, beruhend auf Gedankengebäude, Daten und Grafik von Rosling 2018, 109


Noch einmal anders ausgedrückt:

  • Fünf 15-Jahres-Generationen lang wird diese Zahl ‚Zwei Mrd Menschen‘ durch die (zuvor nur eine Mrd Menschen umfassenden) Altersklassen weitergereicht, sodass hiermit nach fünf Generationen – etwa im Jahre 2060 – ein Plateau erreicht wird.


Hinzu kommt:

  • Die UN rechnet damit, „dass die Lebenserwartung sich bis zum Jahr 2100 etwa um elf Jahre verlängert haben dürfte, wodurch bis etwa 2075 eine [weitere] Milliarde ältere Menschen hinzukommen…“ (Rosling 2018, 110) – sodass die Weltbevölkerung bei etwa 11 Milliarden Menschen plus/minus eine Milliarde eingepegelt ist.

Hans Rosling:

  • „Es wird erwartet, dass der dramatische Rückgang an Geburten pro Frau sich fortsetzen wird, solange mehr Menschen aus der extremen Armut herausfinden und mehr Frauen Zugang zu Bildung, sexueller Aufklärung und Verhütungsmitteln bekommen. Drastische Maßnahmen sind nicht nötig…. [D]ie globale jährliche Anzahl an Geburten [hat] bereits aufgehört, weiter anzusteigen, was bedeutet, dass die Phase des schnellen Bevölkerungswachstums bald vorbei sein wird. Wir erreichen gerade ‚peak child‘, die maximale Kinderzahl“ (Rosling 2018, 108-109).


Manchmal wird – gerade auch in der Medienberichterstattung – eine Bevölkerungsexplosion das Wort geredet, mit der Begründung, Menschen würden die Verwendung von Verhütungsmitteln z.B. aus religiösen Gründen ablehnen. Rosling bezeichnet derartige Medienberichterstattungen zu besonders kinderreichen Gegenden bzw. zu der Verweigerung von Verhütungsmitteln aus religiösen Gründen als: Ausnahmen (vgl. ebd., 112f.

>> Hier geht es i.d.R. um nicht durchschnittliche Alltagsgeschichten, sondern um das Haschen nach sensationellen Stories, die als ‚exemplarische Argumentation‘ nicht wirklich hilfreich sind, vgl. S. 680.


In diesem Sinne verweist der Demograf Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, darauf, dass der

  • „Iran… den schnellsten Fertilitätsrückgang weltweit erlebt – von 6,5 auf 1,8 Kinder innerhalb einer Generation. Kluge Politik ist unabhängig von der Religionszugehörigkeit“ (Schmundt 2019a, 113).


Im gleichen Zusammenhang weist Rosling darauf hin, dass das Überleben von Kindern durch bessere medizinische Versorgung zu weniger geborenen Kindern führt:

  • „Sobald die Eltern… sehen, dass die Kinder überleben, sobald die Kinder nicht mehr als Arbeitskräfte benötigt werden und sobald Frauen eine gewisse Bildung haben und über Verhütungsmittel Bescheid wissen und Zugang zu diesen haben, werden Männer und Frauen [wie bislang überall auf der Welt] Kultur- und Religions-übergreifend danach streben, weniger, aber dafür gut ausgebildete Kinder zu haben“ (Rosling 2018, 115).

Es könnte laut dem Club of Rome sogar noch besser laufen für die Menschheit:

  • „Eine … Studie von KC und Lutz [aus dem Jahre 2014] schätzt, dass eine bessere Bildung zu einer Milliarde weniger Menschen im Jahr 2050 führen kann, als dies derzeit erwartet wird“ (Weizsäcker et al. 2017, 70-71).

Im Mai 2019 zitiert der Spiegel ein zu einem ähnlichen Ergebnis gelangendes Buch von Darell Bricker und John Ibbitson namens „Empty Planet“ sowie noch eine weitere Studie, deren „Autorenliste … sich [liest] wie ein Who’s who der Demografenbranche“ (Schmundt 2019b, 103).

  • Beide Forscherteams – KC und Lutz sowie Bricker/Ibbitson – kritisieren die UNO-Zahlen als deutlich zu hoch und klagen,
    • dass die UNO dem Faktor ‚Bildung‘ eine zu geringe Berücksichtigung schenke und zudem
    • übersehe, dass „[g]egen Mitte des Jahrhunderts… der [Bevölkerungs-]Schwund [analog zu den Industrienationen]… auch riesige Schwellenländer wie Chile, Indonesien oder Brasilien [erfasst]“ (ebd.).

Einer der Autoren der erstgenannten Studie, Demograf Lutz, geht von dem Weltbevölkerungsmaximum von neun Milliarden Menschen aus und erklärt:

  • „Das Gehirn ist das wichtigste Reproduktionsorgan… Schon wenig Bildung macht einen Unterschied. Wenn Frauen verstehen, dass Kinderkriegen nicht gottgegeben ist, sondern eine bewusste Entscheidung sein kann, ihre Entscheidung, bekommen sie automatisch weniger Kinder. Je besser sie die sozialen und ökonomischen Kosten verstehen, die ein Kind mit sich bringt, desto strategischer planen sie. Teenager-Schwangerschaften werden weniger, Frauen beginnen zu verhüten, und da sie ihrem Nachwichs die besten Chancen ermöglichen wollen, fördern sie lieber wenige Kinder viel als viele Kinder wenig“ (Berbner 2019, 17).


Ein weiterer, auf die Geburtenrate wirkender Faktor ist die Urbanisierung.

  • Bezogen auf die Landflucht im Zeichen der Industrialisierung Europas aber auch auf die heutige Entwicklung hält Bastian Berbner in der Zeit fest:
    • „Auf dem Land waren Kinder hilfreich gewesen. Zwei Hände mehr zum Säen und Ernten. In der Stadt lebten viele Arbeiter in winzigen Wohnungen… Beim Geldverdienen konnten Kinder kaum helfen, essen mussten sie aber trotzdem“ (ebd., 16).


Die Urbanisierung schreitet fort:

  • „Keine Region der Welt wird sich laut Prognosen der Vereinten Nationen schneller urbanisieren als Afrika“ (ebd., 16).
Rosling, Hans (2014): „Will saving poor children lead to overpopulation?“ in: Gapminder Foundation, 20.1.2014, online unter https://youtu.be/BkSO9pOVpRM (Abrufdatum 15.11.2019)


Zurück zu Hans Rosling, der wie oben ausgeführt zeigt, dass das Überleben von Kindern durch bessere medizinische Versorgung zu weniger geborenen Kindern führt. Im Ergebnis reduziert die medizinisch ermöglichte Überlebensrate von Kindern sogar das globale Bevölkerungswachstum:

  • „Die einzige Methode, die sich bei der Reduzierung des Bevölkerungswachstums bewährt hat, besteht darin, extreme Armut zu beseitigen und den Menschen ein besseres Leben, einschließlich Zugang zu Bildung und Verhütungsmitteln, zu ermöglichen. Überall auf der Welt haben Eltern dann für sich selbst beschlossen, weniger Kinder zu bekommen. Aber dieser Wandel trat nie ein, wenn es nicht gelang, die Kindersterblichkeit zu senken“ (Rosling 2018, 115).


Nun, diese einfache und m.E. naheliegende Methode hätte auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts funktioniert. Mit etwas mehr Weitsicht, relativ wenig Geld und durch Vermeidung einer (neo-)kolonialistische Politik hätte man die Kurve der Weltbevölkerungszunahme deutlich flacher halten können, was natürlich viele weitere Weltprobleme – darunter die hier analysierte Zwillingskrise – positiv beeinflusst hätte. Ein weiterer Grund, weshalb man dem 20. Jahrhundert nicht nachtrauern sollte.


In diesem Sinne stellt auch Reiner Klingholz fest:

  • Wer die Kindersterblichkeit senkt, „[w]er in Gesundheit, Bildung und Jobs investiert, wer darüber hinaus die Familienplanung unterstützt und sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt, kann gar nicht verhindern das der Wohlstand wächst und die Geburtenziffer sinkt“  (Schmundt 2019, 112).
    • „Staatlicher Zwang [wie bei der Ein-Kind-Politik Chinas] ist weder erstrebenswert noch nötig.
    • Thailand hat den gleichen Geburtenrückgang wie China erlebt – ohne Zwangsmaßnahmen. In Thailand haben sich drei Instrumente bewährt…: Gesundheitsversorgung, Bildung und Jobs“ (ebd.).

>> Anmerkung: Zu Zeiten der Ein-Kind-Politik hat die Chinesin Yanghua Wu vier Kinder bekommen, weil sie sie wollte. Weil sie sich seinerzeit der Zwangsabtreibung entzieht, „plündern [die Beamten]… das Haus …[,] zertrampeln die wenigen Besitztümer der Familie“ und belegen die Familie mit exorbitanten Geldstrafen und absurden Zahlungsfristen (24h), siehe: Jin, Justin (2018): „Eine Frau, vier Kinder. Ein Traum“. in: Geo Perspektive 2018, S. 22ff.


So gelingt gemäß Reiner Klingholz der sog. ‚demografische Übergang‘:

  • „Der demografische Übergang ist die einzige Theorie, welche die sozio-ökonomische Entwicklung sämtlicher Länder weltweit erklärt – von Deutschland bis Dschibuti. Grob vereinfacht beschreibt das Modell die Entwicklung von einer bäuerlich geprägten Gesellschaft mit vielen Kindern und hoher Sterblichkeit zu einer Gesellschaft mit geringen Kinderzahlen, hoher Bildung, Wohlstand und hoher Lebenserwartung“ (Schmundt 2019, 113).
  • „In Südkorea kommen all die Effekte, die zu einem Rückgang der Bevölkerung führen, wie unter einem Brennglas zusammen. Bildungshunger. Aufstiegslust. Urbanisierung. Teure Wohnungen. Wohlstandsegoismus. Südkorea ist die extreme Ausprägung eines Effekts, der sich inzwischen fast überall auf der Welt zeigt.“


Interessanterweise funktioniert es i.d.R. nicht, die über o.g. Werte geprägte Bevölkerung angesichts der drohenden Überalterung und Unterbevölkerung dazu zu bringen, wieder mehr Kinder zu bekommen.

>> vgl. Beispiele bei Berbner wie u.a. der „‚National Night’…, in der Paare [in Singapur] Sex haben sollen“

  • „‚Jetzt müsste sich das Land strategisch verkleinern‘, sagt … [der Demograf Lee Sang Lim]. ‚Aber das haben wir nicht gelernt…. Südkorea ist der Testballon für andere. Leider sieht es im Moment so aus, als werde er platzen.‘“ Und: „Diese Gesellschaft wird zerstört werden“ (Berbner 2019, 17).
  • „In einige Regionen wird es … noch [Bevölkerungs-]Wachstum geben, während die meisten Gesellschaften schon mit der Alterung kämpfen. Spätestens dann dürfte der Wettbewerb um Einwanderer einsetzen. Um die letzten jungen Leute. Sie werden aus Afrika kommen… – zumindest für einige Jahrzehnte. Bis auch Afrika schrumpft“ (ebd.).

>> In anderen Worten beschreibt auch Patrick Stotz im Spiegel die hier skizzierte globale Bevölkerungsentwicklung, siehe
> Stotz, Patrick (2019): „Globale Bevölkerungsentwicklung Ist die Welt bald zu voll?“. in: Der Spiegel, 13.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/warum-waechst-die-weltbevoelkerung-bei-sinkender-geburtenquote-a-1292974.html (Abrufdatum 14.11.2019)


Diese in den voranstehenden Absätzen aufgestellte Bevölkerungsentwicklungs-Rechnung funktioniert selbstredend nur, wenn künftig allen Menschen neben o.g. Rahmenbedingungen weiterhin (noch mehr) moderne Verhütungsmittel zur Verfügung stehen:

  • Dies wird bedauerlicherweise derzeit von den USA sabotiert, die noch 2015 viertgrößter Geldgeber (75 Mio US-$) für UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, dessen Aufgabe es ist, „sicherzustellen, dass jede Schwangerschaft erwünscht ist, jede Geburt sicher und das Potenzial jedes Kindes erfüllt wird“ (NZZ 2017), waren und 2017 unter dem 45. US-Präsident die Gelder komplett strichen (vgl. auch Welt 2017).

Wie dramatisch diese Kürzung ist, verdeutlicht dieses Statement:

  • „Meeting the unmet need for modern contraception of women aged 15-19 would reduce unintended pregnancies among this age-group by 6.0 million annually. That would mean averting 2.1 million unplanned births, 3.2 million abortions and 5.600 maternal deaths“ (Darooch et al. 2016).

Bevölkerungsentwicklung und Klimakrise

Die vorgenannten Ausführungen zum Thema ‚Geburtenrate‘ bzw. ‚Weltbevölkerungsentwicklung‘ erweiternd ist herauszustellen, dass die Geburtenrate im Südsudan oder sonst wo im Globalen Süden nicht das Grundproblem unserer Welt ist.

Franziska Bulban fasst das treffend wie folgt zusammen:

  • „[D]ie Tatsache, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, kann man nicht Menschen in Südsudan unterschieben.1
    • Wenn wir alle wie sie lebten, kämen wir mit unseren Ressourcen aus … – hätten aber auch oftmals keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Elektrizität oder Bildung.
    • Wenn hingegen alle auf der Welt ungefähr so lebten wie Menschen in Deutschland, wäre es um die Welt schlechter bestellt. Mit meinem Verbrauch (mittelgroße Wohnung in Hamburg, Fahrrad, eine große Urlaubsreise pro Jahr und etwa vier paar Schuhe) bräuchte es beispielsweise schon drei Erden… [vgl. Aspekt Earth Overshoot Day, S. 450f.]
  • Wenn es also darum geht, die Zahl an Menschen zu reduzieren, um den Planeten zu retten, dann hätten weniger Menschen in Industrienationen den größten Einfluss auf die Rettung der Welt“ (Bulban 2019).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Stefan Lessenich weist daher überaus treffend darauf hin, dass wir Industrienationler*innen keineswegs über unsere Verhältnisse leben: „Wir leben über die Verhältnisse der anderen“ (2018, Buchrücken).


Im Gleichklang damit konstatiert auch Bastian Berbner:

  • „Sollte die Welt daran scheitern, den Klimawandel zu stoppen, dann wird das nicht an den zusätzlichen Menschen im Niger liegen, sondern daran, dass die Industrieländer es nicht schaffen, rechtzeitig ihre Emissionen zu senken“ (2019, 16).


Franz Alt wählt ein anderes Beispiel:

  • „Allein im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen werden mehr Autos gefahren als in allen 56 afrikanischen Ländern zusammen. Das Problem sind wir, nicht die Afrikaner oder die Inder“ (2020b).

Drastischer formuliert es Graeme Maxton:

  • „Ein Kind, das heute in Europa oder Nordamerika geboren wird, belastet die Umwelt um ein Dreißigfaches mehr als ein Kind, das in einem armen Land zur Welt kommt“ (2018, 67).


Womit der Autor dieses Handbuches nicht dem Antinatilismus das Wort reden möchte, sondern nur klarstellt, dass das entsprechende Vorurteil ‚Bevölkerungsexplosion im Globalen Süden aus religiösen Gründen‘ eben nur das ist, was es ist: Ein Ablenkungsmanöver, eine billige Ausrede.



„Unser größtes Problem ist die nicht übergroße Anzahl an Menschen, sondern unser Mangel an Menschlichkeit.“ (Franz Alt 2020a)

Eine zweite gute Nachricht:
Ernährung der Weltbevölkerung

Auch die prognostizierten 11 Milliarden Menschen können dauerhaft (und zwar selbstredend besser und zuverlässiger als derzeit) ernährt werden, indem der Fokus auf pflanzliche Ernährung gelegt wird. Das ergibt sich ganz simpel aus der Tatsache, dass zurzeit extrem große Ackerflächen für Massentierhaltung und die entsprechende Tiernahrung genutzt werden – etwa 80% (vgl. S. 621).

>> vgl. Aspekt Planetary Health Diet, S. 188


Umgekehrt funktioniert eine ‚Fleisch für alle‘-Taktik definitiv nicht:

  • „Weltweit steigt die Nachfrage nach Agrarprodukten. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft spricht von 60 Prozent bis 2050. Damit einher gehe eine Ausweitung der Agrarflächen – abhängig von den zunehmenden Erträgen pro Hektar – um bis zu 100 Millionen Hektar. Diese Entwicklung muss aber nicht so kommen. Wenn in Industrieländern weniger Fleisch gegessen wird und Agrarprodukte nicht weiter als Treibstoff verwendet werden, könnte das den Druck auf die Flächen entscheidend verringern“ (Chemnitz 2020, 15).


Die 2016er Studie Human appropriation of land for food: The role of diet, die in den IPCC-Sonderbericht Climate Change and Land aufgenommen wurde, stellt heraus, dass

  • nur die Hälfte der aktuellen Felder benötigt würden, wenn alle Menschen sich so ernähren würden wie die Bürger*innen Indiens – und
  • nahezu die dreifache Menge an Feldern, wenn die Menschheit die Essgewohnheiten der US-Amerikaner*innen übernehmen würden (vgl. Alexander et al. 2016 u. Mast 2019).


So wird es auch in der 2015er Film-Doku Cowspiracy dargestellt. Auf der Facts-Webpage zum Film finden sich folgende Zahlen:

  • „1.5 acres can produce 37,000 pounds of plant-based food.“
  • „1.5 acres can produce 375 pounds of beef.“
    und:
  • „15x more protein on any given area of land with plants, rather than cows“ (Kip/Kuhn 2015).
  • Monokulturen für Tierfutter machen „inzwischen fast 40 Prozent der globalen Ackerfläche [aus]… Nur zwei Drittel der globalen Pflanzenernte wird als Lebensmittel genutzt; knapp ein Viertel wird zu Tierfutter und knapp ein Zehntel zu Agrotreibstoff“ (Scheub/Schwarzer 2017, 56).
  • „[T]äglich werden pro Kopf etwa 4.600 Kalorien produziert, doppelt so viel wie nötig“ (ebd., 57).

Auch die Zeit konstatiert:

„Schon heute wird genug Nahrung für elf Milliarden Menschen produziert.“ (Berbner 2019, 16)


Wir sind aber ‚nur‘ 7,83 Mrd Menschen (vgl. S. 613), haben genug Nahrungsmittel für 11 Mrd und bekommen es trotzdem nicht hin, alle Menschen satt zu bekommen. Rund 800 Mio Menschen gelten als chronisch unterernährt, d.h. hungern1.

Wie deprimierend ist das denn?

> 800 Mio Menschen = mehr als 1/10 der Menschheit.
> Jeder zehnte Mensch hat nicht genug zu essen.
> 10% der Menschen hungern.
> 10 von 100 Menschen sind dauerhaft hungrig.


Details: Erläuterungen zu (1)

1 vgl. Gonstalla 2019, 96. Lesch/Kamphausen nennen die Zahl 815 Mio hungernde Menschen 2016, vgl. 2018, 303. Über 2019 schätzt die FAO: „Insgesamt litten 2019 fast 9 Prozent der Menschen, rund 690 Millionen, dauerhaft Hunger, insgesamt rund 2 Milliarden zumindest zeitweise. Für 1 weitere Milliarde Menschen ist gesundes Essen unbezahlbar, sie kommen gerade so über die Runden. Übrigens leben laut FAO auch in Deutschland 600.000 Menschen, die ernste Schwierigkeiten haben, sich genug Nahrung zu leisten“ (Arzt 2020, 8). „[D]er ökonomische Einbruch durch Covid-19 treibe global 83 bis 132 Millionen Menschen zusätzlich in die Unterernährung“ (ebd.).


Es ist folglich definitiv ein Verteilungsproblem und betrifft die Art der tierischen Ernährung. Und ein Problem des Willens derjenigen, die zu viel haben bzw. ein systemisches Problem des neoliberalen Kapitalismus‘. Aber: Ein Mengen-Problem ist es nicht.

  • „Allein die 300 Millionen Tonnen Nahrungsmittel, die jährlich in den Industrienationen weggeworfen und vernichtet werden, würden ausreichen alle hungernden Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen“ (Lesch/Kamphausen 2018, 304).


Was anhand obiger Zahlen ebenfalls nochmals deutlich wird, ist:

Und so viele Menschen zu ernähren, geht – anders als Agrarlobbyisten es predigen, weil es ihr Job ist – hervorragend ohne westlich-industrielle Landwirtschaft und Gentechnik.

  • Das wird täglich dadurch bewiesen, dass wir jetzt schon genug Lebensmittel für 11 Mrd Menschen haben, obwohl 80% der Äcker in irgendeiner Form für Massentierhaltung statt für die sachgerechte Ernährung aller Menschen genutzt werden.
  • Des Weiteren leisten wir es uns in Deutschland, 30 bis 40 Prozent aller Lebensmittel im Müll landen zu lassen:

    „In Deutschland sind es pro Jahr knapp sieben Millionen Tonnen. Landwirte, Handel, Gastronomie und Haushalte vernichten damit zusammen jährlich größtenteils noch genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro… Weltweit kostet der Nahrungsmittelmüll jährlich rund 400 Milliarden Dollar“ (Kopatz 2016, 110).

>> All diese weggeschmissenen Lebensmittel kosten Ressourcen und verursachen Treibhausgase.


Und es muss auch so sein, dass es ohne industrielle Landwirtschaft geht, denn industrielle Landwirtschaft laugt die Böden aus, wie der Co-Präsident des Club of Rome (bis 2018) Ernst Ulrich von Weizsäcker explizit herausstellt:

  • „Die intensive Bewirtschaftung durch Monokulturen laugt die Böden aus, sodass sie nur noch in geringem Umfang CO₂ aufnehmen können. Dabei sind gesunde Böden einer der größten Absorbierer von CO₂, das wiederum ihre Fruchtbarkeit stärkt“ (zit. in Ruppel 2017).

>> siehe ausführlich Abschnitt Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft, S. 567, Aspekt Nur regenerative Agrarkultur ernährt den Planeten, S. 569f.


Daneben verunreinigt der Einsatz von Kunstdünger bzw. Fäkalien das Trinkwasser mit Nitrat.

>> vgl. Abschnitt Nitratbelastung des Trinkwassers, S. 591f.

  • Industrielle Landwirtschaft bedeutet nicht weniger als das, dass wir an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen.

>> Der Biologe und Philosoph Andreas Weber weist bzgl. des „am eigenen Ast sägen“-Bildes darauf hin, dass wir eben nicht nur jenen Ast absägen, auf dem wir sitzen. Im Sinne des Postulats dieses Handbuches „Wir sind Erde“ (S. 46 u. 699) schreibt er: „Wir sägen des Ast ab, der wir sind“ (2020, 22).


Zu dem Aspekt ‚industrielle Landwirtschaft löst das Problem nicht‘ meint der Agrarökologe Nick Green:

„Im Moment ernähren Kleinbauern mit Familienbetrieben die Welt.

Äußerst produktive Kleinstbetriebe liefern weltweit den Hauptanteil der Nahrung. Von industriellen Betrieben kommt nur ein Bruchteil. Was die Produktion angeht, sind industrielle Betriebe total ineffizient. Sie sind gut darin, Geld zu machen. Und schlechten darin, Nahrung anzubauen. Wenn die Leute selbst das Land besitzen, produzieren sie viel mehr.“

  • „Es stimmt nicht, dass nur industrielle Landwirtschaft die Welt ernähren kann. … Es ist ein Märchen, das uns die Chemieindustrie, die Hersteller landwirtschaftlicher Geräte und die Banken erzählen müssen, damit sie selbst überleben. Aber es ist nicht wahr. Es ist gelogen.“
  • (Laurent/Dion 2016, ab Minute 19:36)


‚Goliath‘ erzeugt etwa 30% der globalen Lebensmittel. David ca. 70%.
(vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 14)

  • „Die Mehrheit der ‚Davids‘ ist übrigens weiblich“ (Scheub/Schwarzer 2017, 16) –

Mit anderen Worten: Die Förderung einer bodenbewahrenden Agrarkultur bedeutet auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu Parität, Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen.


>> s.a. Abschnitt Klima, Ökofeminismus und Parität, S. 423, Aspekt Frauen sind von der Klimakrise stärker betroffen als Männer, S. 423.


Vor dem Hintergrund, dass die Böden degradieren stellt der zweite Vorsitzende des Weltagrarberichts (IAASTD), Hans Herren:

  • „Ob Bio die Welt ernähren kann, ist nicht die Frage. Bio muss die Welt ernähren“ (Lesch/Kamphausen 2018, 308).


Hilfreich wäre es indes, die Ozeane am Leben zu lassen – möglichst mit Fischen darin:

„Das Meer ist noch immer die größte Nahrungsquelle der Welt, auf die mehr als eine Milliarde Menschen direkt angewiesen sind.“ (Jarchau 2019)

Ohne Fisch wird’s düster.


Fazit und Schlussgedanke zum Abschnitt 11 Milliarden Menschen

Die Bevölkerungsentwicklung pendelt sich also – so es zu keiner großen Klimakatastrophe kommt – bei 11 Milliarden Menschen ein. Das ist eine gute Nachricht – und eine wichtige Nachricht, weil sie ein ‚Allgemeinnichtwissen‘ korrigiert. Noch eine bessere Nachricht ist, dass wir – sofern es zu keinem katastrophalen Klimawandel kommt und wir die bodenbewahrende Agrarkultur fördern, diese Menschen auch ernähren können.

  • Diese beiden an sich guten Nachrichten sollten aber nicht dahin wegtäuschen, dass 11 Milliarden Menschen auf dem Planeten „ohne aktive Emissionsreduktion … zu einer Treibhausgaskonzentration von 1370 ppm führen (RCP 8.5) [würde]“ (Gonstalla 2019, 31), – was unweigerlich und deutlich vor 2100 zur Katastrophe führen würde.
Details: Erläuterungen zu IPCC-Szenarien wie z.B. RCP 8.5

Der IPCC zeichnet in seinen Berichten Szenarien, wie es im Falle einer deutlichen CO2-Reduktion, wie es bei einem ‚Weiter so‘ und wie es bei einer noch größeren Emittierung von CO2 auf dem Planeten aussehen würde. Seit dem fünften IPCC-Bericht verwendet man die sog. repräsentativen Konzentrationspfade (RCPs). Die Zahl hinter RCP steht für die Energie, die im Treibhaus ‚Erde‘ überschüssig verbleibt (vgl. Fußnote auf S. 53). Im Falle des pessimistischen RCP 8.5 würden also gegenüber einer ausgeglichenen Energiebilanz 8,5 W/m2 für eine starke Aufheizung des Planeten sorgen, siehe dazu eine Szenario-Beschreibung des Deutschen Klimarechenzentrums https://www.dkrz.de/kommunikation/klimasimulationen/de-cmip5-ipcc-ar5/ergebnisse/meereis/rcp8.5 (Abrufdatum 17.8.2020).

>> vgl. Abschnitt Eckdaten: °C, CO₂ & Co, Aspekt CO₂-Gehalt der Atmosphäre, S. 49f..

  • Direkt daran anknüpfend ist festzuhalten, dass man davon ausgeht, „dass ein Temperaturanstieg von nur vier Grad die Ernteerträge um ganze 60 Prozent reduzieren könnte“ (Wallace-Wells 2019, 262).

Würden die beiden letztgenannten Punkte Realität, wird es keine 11 Milliarden Menschen auf dem Planeten geben (können).

  • In diesem Fall schätzt Maxton, dass „[d]ie Weltbevölkerung … nie die 10 oder 11 Milliarden erreichen [wird], die von den Vereinten Nationen einst prognostiziert wurden“;
  • Rahmstorf weist ähnlich wie Maxton darauf hin, dass viele Kolleg*innen davon ausgehen, dass „wir niemals auf vier Grad Erwärmung kommen würden, weil uns vorher die Wirtschaft zusammenbricht und die Welt in Konflikten versinken würde“;
  • Schellnhuber nennt die Zahl „Eine Milliarde Überlebende“;
  • Welzer vermutet: „Eine Milliarde Menschen vielleicht. Eher weniger“ – und
  • andere Forscher*innen sprechen von einer Weltbevölkerung von nur 500 Millionen.

>> Zahlen stammen aus Abschnitt Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheider*innengeneration – in Deutschland, S. 114, Abschnitt Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen?, S. 216 sowie Abschnitt Konfliktpotenziale der Klimakrise: Armut, Klimakriege, ‚Natur‘-Katastrophen, Flucht, S. 632.


Quellen des Abschnitts 11 Milliarden Menschen



Nächster Abschnitt:



Landwirtschaft

>> Der Abschnitt Landwirtschaft ist der bodenbewahrenden Agrarkultur gewidmet inkl. der Aspekte Gülle, Stickstoffe, sauberes Trinkwasser, globale Landwirtschaft.
>> Die weiteren Aspekte der Massentierhaltung finden sich im Abschnitt Fleisch, Fisch & Ernährung.


Bodenbewahrende Landwirtschaft

Inhalt:


„[J]eder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.“
Karl Marx

Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft

Die konventionelle industrielle Landwirtschaft hat weltweit einen Anteil von etwa 25-30% an den CO2e-Emissionen (vgl. Gonstalla 2019, 54), maßgeblich über (die in CO2e umgerechneten) Methan- und Lachgasemissionen.

Und:

  • „Ein Drittel aller Agrarflächen ist von Bodendegration betroffen, das heißt ihre Ökosystemfunktionen sind eingeschränkt, bis hin zum vollständigen Verlust“ (ebd.).
  • „24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens gehen jährlich verloren“ (Hartmann 2018, 17).


Vorweg:

  • „Als wichtigsten Faktor des Artensterbens benennt der [2019er] Bericht [des Weltbiodiversitätsrats (IPBES)] die Auswirkungen durch die Landwirtschaft… [Einer der Leitautoren des Berichts, Josef Settele, hebt hervor:] Auch wenn die Landwirtschaft als Hauptverursacher beschrieben sei, sollten sich Bauern nicht als Buhmann fühlen. ‚Sie werden durch die Subventionen behindert oder gar bestraft‘, wenn sie umweltfreundlich wirtschafteten. Das gelte es zu ändern“ (Schwägerl 2019).

Dieser Ansicht schließe ich mich hiermit und im Lichte der folgenden Ausführungen unbedingt an.


Konventionelle industrielle Landwirtschaft

Grundzug der industriellen Landwirtschaft ist, mit

  • schweren Maschinen, die der Bodenstruktur schaden,
  • tiefem Pflügen,
  • synthetischem, auf der Basis von Erdgas (Methan) hergestelltem Stickstoffdünger (Kunstdünger),
  • Pestiziden, d.h. sog. Pflanzenschutzmitteln, unterteilt in
  • Herbizide à la Glyphosat (= Roundup) gegen ‚Beikräuter‘
  • Insektizide gegen schädliche Insekten
  • Fungizide gegen Pilze
  • gentechnisch veränderten Pflanzen (in fast allen Regionen der Welt)

auf großflächigen Monokulturen unter erheblichen Kapitaleinsatz standardisierte Lebensmittel per Massenproduktion herzustellen.

  • „Weltweit ist die Menge der eingesetzten Pestizide seit 1950 um das Fünfzigfache gestiegen“ (Wenz 2020, 18).

>> Die Folgen sind eklatant, siehe Abschnitt Sechstes Massenaussterben Aspekt Insekten- und Bienensterben, S. 673f.

An dieser Stelle sei hier hinsichtlich des Insekten- und Bienensterbens nur kurz darauf verwiesen, dass das Insektensterben sogar an Kuhfladen abzulesen ist, die mittlerweile gern mal als ‚Betonfladen‘ tituliert werden, weil sie sich vielerorts aufgrund des Fehlens von Dungkäfern nicht mehr zersetzen (vgl. Sparmann 2020, 17).

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Alexandra-Maria Klein merkt darüber hinaus an, dass „[o]hne die auf sie spezialisierten Käfer … der Boden mit Dungplatten übersät [wäre]. Dieses ökologische Problem gab es schon einmal: Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts Rinder in Australien eingeführt wurden, fehlten die Dungkäfer dort. Erst als auch sie importiert wurden, war das Problem behoben“ (2020, 45).

  • „Als eine der Ursachen gelten Insektizidrückstände im Kraftfutter, die mit dem Kot von Nutztieren ausgeschieden werden – um dann ihre tödliche Wirkung bei den nützlichen Käfern zu entfalten“ (ebd., 17).

Man kann sich leicht vorstellen, dass eine „Weidehaltung [ohne Insekten] … nur schwer möglich [wäre]. Insektenlarven beugen gemeinsam mit Regenwürmern und Mikroorganismen der Erosion vor, indem sie die Böden stabilisieren“ (Klein 2020, 45).


Europa ist der letzte gentechnikfreie Kontinent (vgl. Asendorpf 2017), sodass außerhalb Europas noch der Einsatz von genveränderten Pflanzen, zu denen es ‚passende‘ chemische Produkte gibt, die alles Leben außer der gentechnisch veränderten Pflanzen abtöten, hinzukommt und der eine m.E. erschreckende Normalität besitzt

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So sehr sich europäische Verbraucher*innen an dem Gedanken stören gentechnisch manipulierte Pflanzen essen, so emotional unempfindlich sind sie gleichzeitig gegenüber der Tatsache, dass sie Milch trinken oder Fleisch essen von Nutztieren, deren Ernährung vorwiegend oder ganz aus Gen-Soja besteht.

Während Glyphosat auf einem gentechnikfreien Feld ausschließlich vor der Wachstumsphase der Nutzpflanzen zum Einsatz kommt, geschieht dies bei dem gegen Glyphosat resistenten Genpflanzen etc. darüber hinaus auch während der Wachstumszeit. Hier wird also i.d.R. noch mehr und zu einem hinsichtlich möglicher Rückstände in Nahrungsmitteln (noch) kritischerem Zeitpunkt ‚gespritzt‘ – zum Nachteil von Mensch, Tieren inkl. Insekten und allem ‚Ackerleben‘.

>> Empfehlung: Film-Doku ‚Roundup – der Prozess‘. [Eine Doku mit einem symbolischen Tribunal gegen Monsanto inkl. diverser Fakten zum Thema ‚Glyphosat‘/‚Roundup‘]. ARTE 2017, s. https://www.youtube.com/watch?v=KjtCccl0Wus (Abrufdatum 11.2.2020)


Das geplante Freihandelsabkommen EU-Mercosur (vgl. S. 414) zwischen Schlüsselländern Südamerikas und der EU soll u.a. die Sojamärkte für Europas industrielle Massentierhaltung sichern.

  • „[K]aum bekannt [jedoch] ist, dass das Abkommen auch eine weitreichende Liberalisierung des Handels mit Chemikalien umfasst. Die größten Pestizidkonzerne der Welt – die deutschen Unternehmen Bayer und BASF sowie Syngenta aus der Schweiz – wird das freuen. Die Insektenwelt der Mercosur-Länder nicht“ (Santos 2020, 21).

Hiermit ist nun grob die typische Vorgehensweise der industriell-konventionellen Landwirtschaft umrissen.

Weitverbreitet ist die Sichtweise, dass allein dieser konventionelle, agrarindustrielle Ansatz die (globale) Nahrungssicherheit gewähre und somit alternativlos sei.

Details

Dieses Argument wird auch verbunden mit der Behauptung, Bio sei stets weniger ertragreich als Konventionell. Nun, das wird in vielen Fällen auf dem Papier so sein, weil konventionell ja auch die Faktoren ‚Ausbeutung‘ und ‚Externalisierung‘ beinhaltet, doch gibt es – auch davon unbenommen – diverse Zahlen und Studien, die das die These so nicht haltbar erscheinen lassen. „Ein Langzeitversuch von [der in Bereich Bio-Agrikultur forschenden NGO] Rodale ergab, dass gerade in Trockenzeiten Öko-Ernten höher ausfallen, bei Biomais waren sie fast ein Drittel höher als bei konventionellem“ (Scheub/Schwarzer 2017, 63). Eine Metastudie der Uni Michigan errechnete, dass Ernteerträge in den gemäßigten Klimazonen lediglich 92%, in den tropischen hingegen über 180% in Relation zu den konventionellen Erträgen betrugen (vgl. ebd., 82). Besonders ertragreich scheinen Permakulturen (vgl. ‚Nahrungswald‘) zu sein, was sowohl Scheub/Schwarzer als auch die Film-Doku Tomorrow anhand des Beispiels Bec Hellouin in Frankreich hervorheben, deren Produktivität „das Zehnfache einer traktorbetriebenen Biofarm [beträgt]“ (Scheub/Schwarzer 2017, 101, vgl. Laurent/Dion 2016, s.a. https://www.fermedubec.com/english/ (Abrufdatum 7.7.2020).

Tatsächlich ist es umgekehrt:

Die Alternative ist gar keine Alternative, sondern der einzige dauerhaft gangbare Weg.

Warum?

Weil die industrielle Landwirtschaft mittelfristig die Ackerböden zerstört und damit ihre – und damit auch unsere – Existenzgrundlage.


Ohne Humus kein Homo Sapiens. Wir sind der Homo Humus.
Und nebenbei ist es nicht ganz unbedeutend und garantiert kein Zufall, dass unser Planet genau so heißt wie der Boden auf dem wir stehen: Erde ist in jeder Hinsicht unsere Lebensgrundlage.

>> Der Begriff ‚Homo Humus‘ entstammt einer Artikelüberschrift von Ingo Arend in Der Freitag, 2001.


Die industrielle Landwirtschaft befördert zudem massiv die Klimakrise und das Artensterben.


Unter anderem durch die…


Stickstoffdüngung in der industriellen Landwirtschaft

Stickstoffdünger ist das, was man gemeinhin als Kunstdünger bezeichnet.

Der Name trifft zu, denn Kunstdünger ist wie z.B. auch Kunststoff ein Produkt der Petrochemie: Er entsteht u.a. mit dem Haber-Bosch-Verfahren in sehr energieintensiven mit hohen Temperaturen (bis zu 500 °C) einhergehenden Produktionsprozessen, meist auf der Basis von Erdgas (Methan) sowie mit – je nach Produktionsvariante – schwerem Heizöl und zusätzlichem Strombedarf (vgl. Bundestag 2018, 4-5).

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„Mit größter Energie widmet er [Fritz Haber] sich [1914] dem Aufbau der Ammoniakproduktion der BASF, mit der Deutschland große Mengen Sprengstoff und Kunstdünger herstellen und den Krieg über Jahre durchhalten konnte. Für das dabei eingesetzte Haber-Bosch-Verfahren wird er 1919 den Nobelpreis für Chemie erhalten – eine bis heute umstrittene Entscheidung“ (Sietz 2014), auch weil Haber maßgeblich den Einsatz von Chlorgas im Ersten Weltkrieg ermöglicht, gefördert und vor Ort begleitet hat (vgl. ebd.).

Bei der Ammoniak-Synthese, die Teil des Produktionsprozesses ist, werden „[p]ro Tonne produziertem NH3 [Ammoniak] … zwei Tonnen klimaschädliches Kohlenstoffdioxid CO2 freigesetzt. (Bundestag 2018, 4).

  • „Mit einem Anteil von einem bis drei Prozent am weltweiten Energiebedarf ist die Ammoniaksynthese einer der größten industriellen Energieverbraucher“ (Bundestag 2018, 4).
  • „Insgesamt entfallen global gut 2% der Treibhausgase auf die Produktion von mineralischen Stickstoffdüngern und deren Anwendung [auf dem Feld –] sowie 3,8 % auf organische N-Quellen[, d.h. organische Stickstoff-Quellen wie z.B. Gülle]“ (BLW 2013).
  • „Kunstdünger bleibt nur kurz[e Zeit] im Boden. 40 Prozent wird als Nitrat ausgewaschen, insgesamt rund 55 Prozent als Lachgas und Stickstoff oder als Ammoniak [– Stichwort: Feinstaubbildung –] in die Atmosphäre abgegeben“ (Scherber 2020, 26)

Das bedeutet auch, dass ein relevanter Teil des global geförderten Erdgases [=Methan] für die Düngemittelproduktion verwendet wird.

  • „Die eingesetzten fossilen Brennstoffe (Erdgas, Erdöl, Kohle) dienen der Bereitstellung des Wasserstoffs für das Haber-Bosch-Verfahren“ (Bundestag 2018, 4). Dieser Wasserstoff kann und muss künftig durch erneuerbare Energien wie Wasserelektrolyse hergestellt werden – und das ist nur dann möglich, wenn z.B. in Deutschland ausreichend Windenergie- und Solaranlagen (etc.) aufgebaut werden.


Die Düngung mit Stickstoff ermöglichte tatsächlich dort „zwei Halme wachsen zu lassen, wo bisher nur einer wuchs“ – so legt Heinrich Spoerl die Worte Friedrich ‚des Großen‘ in den Mund Hans Pfeiffers in der ‚Feuerzangenbowle‘ – allerdings ist dafür ein Preis zu zahlen, der dauerhaft sehr hoch ausfällt:

Apropos 'Feuerzangenbowle'

In der Feuerzangenbowle (nur in der Film-Produktion) weist Heinz Rühmann/Hans Pfeiffer verkleidet als Professor Crey in der letzten Unterrichtstunde übrigens auf den ‚großen Chemiker‘ hin, der die moderne Agrikulturchemie erfand, der es fertigbrachte zwei Halme wachsen zu lassen, wo bisher nur einer wächst: „Wir können ihn gewissermaßen den Vater des Kunstdüngers nennen“ (Spoerl 1944). Gemeint ist Justus von Liebig (1803-1873), der die Grundlagen für das spätere Haber-Bosch-Verfahren legte.

  • „Die negativen ökologischen Folgen der mineralischen Düngung haben inzwischen ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Das betrifft vor allem die Düngung mit Stickstoff. Die Folgen sind Humusabbau, Verlust von Biodiversität, Bodenversauerung und Lachgas-Emissionen, mit negativen Auswirkungen auf die zukünftige Nahrungsproduktion. Die zunehmende Bodenversauerung verringert die Phosphat-Aufnahme, erhöht die Konzentration toxischer Ionen im Boden und hemmt das Pflanzenwachstum; verstärkter Humusabbau im Boden verringert sein Nährstoff-Speichervermögen, und Treibhausgase aus überschüssigem Stickstoff belasten das Klima. So zerstört synthetischer Stickstoff zentrale Produktionsgrundlagen der Landwirtschaft und gefährdet zukünftige Ernährungssicherung“ (WWF/Böll 2013, 7).

    „Auf synthetischen Stickstoff sollte deshalb [künftig] vollkommen verzichtet werden, andere Nährstoffe müssen in den Kontext einer umfassenden Bodenfruchtbarkeitsstrategie integriert werden. Zentral sind dafür Techniken, die die Erhaltung und den Aufbau von Bodenhumus gewährleisten. Von wesentlicher Bedeutung sind hierbei Kompostierungsverfahren, tierische Dünger, Agroforstwirtschaft, Gründüngung und Intensivbrache“ (ebd.).


Und, noch einmal auf den Punkt gebracht:

  • „[D]ie heutige Stickstoffdüngung gefährdet die Ernährungssicherung von morgen“ (ebd.).

Und nur weil ein Verfahren ab dem frühen 20. Jahrhundert zunächst augenscheinlich gut funktionierte für Ackerböden der gemäßigten Klimazonen, bedeutet das noch lange nicht, dass der umfangreiche Einsatz von Kunstdünger dauerhaft und global eine gute Idee ist:

  • Kunstdünger [hat] auf übernutzten Böden im subsaharischen Afrika kaum Wachstumswirkung“ (Scheub/Schwarzer 2017, 137).
  • „Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass in vielen kleinbäuerlichen Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas die durch Mineraldünger erzielbaren Mehrträge gering sind. Der Grund dafür ist die weit verbreitet geringe Fruchtbarkeit von Böden, die jahrzehntelang übernutzt, ausgelaugt, versauert oder der Erosion preisgegeben wurden. Das Vermögen degradierter Böden, gedüngte Nährstoffe pflanzenverfügbar zu machen und auch sonst günstige Wachstumsbedingungen zu ermöglichen, ist häufig auf ein Minimum reduziert“ (WWF/Böll 2013, 29).


…sodass das ernüchternde Fazit wie folgt lautet bzw. zu lauten hat:

  • Berücksichtigt man Kollateralschäden der industriellen Landwirtschaft wie verstärkte Bodenerosion, das Artensterben oder Wasserverschmutzung, dann ist sie der bäuerlichen Landwirtschaft keineswegs überlegen. Das zumindest ist das Ergebnis des Weltagrarberichts, den 400 Wissenschaftler 2008 für die Weltbank und die Uno erstellt haben. Die Zukunft der Landwirtschaft müsse eher kleinteilig, vielfältig und regional sein“ (Klawitter 2019, 81).


Wenn die Sache so klar ist, warum läuft es dann komplett andersherum?

Landwirtschaft, Energiesektor, Großindustrie, Dieselskandal, Naturschutz – es ist immer das gleiche: Wo zu viel Geld im Spiel ist, sorgen mächtige Lobbys dafür, dass die Logik des Geldes und nicht die der Natur bzw. der Nachhaltigkeit zum Tragen kommt. Man sollte nie übersehen, das sich im derzeitigen System eine nicht-nachhaltige Natur- und Ressourcenausbeutung lohnt bzw. belohnt wird (vgl. Aspekt ‚Roboterbienen S. 455).

Und: Ein CEO eines börsennotierten Unternehmens kann nur dann tun, was für die Shareholder des Unternehmens maximalen Profit abwirft. Es sei denn, Gesetze und Regulierungen sorgen dafür, dass das Unternehmen samt Konkurrenz entsprechende Auflagen erhält (vgl. Michael Kopatz auf dem Ersten Hamburger Klimagipfel sowie Kopatz 2016).

>> siehe dazu auch LebeLieberLangsam-Beitrag Pressemeldung: Verlust hunderttausender Arbeitsplätze befürchtet, https://blog.lebelieberlangsam.de/pressemeldung-verlust-hunderttausender-arbeitsplaetze-befuerchtet

  • „So schätzen die IPCC-Autoren [des Sonderberichtes Klimaschutz und Landsysteme], dass etwa ein Viertel der eisfreien Landfläche von Bodendegeneration betroffen ist, rund eine halbe Milliarde Menschen lebt in Regionen, in denen die Wüstenbildung voranschreitet. Beides ist vor allem eine Folge nicht-nachhaltiger Nutzung; durch konventionelles [tiefes] Pflügen geht… hundert- bis tausendmal mehr Boden verloren, als neu gebildet wird. Aber auch der Klimawandel beschleunigt… Erosion und Wüstenbildung“ (Weiß 2019, 12).

Und:

  • „Je kürzer [durch Kunstdünger degradierte] Ackerflächen nutzbar sind, desto höher ist der Druck, beispielsweise durch Rodung neue fruchtbare Flächen zu erschließen“ (Berkel 2019).


Es geht also darum, sich als Menschheit nicht mit jedem Jahr, in dem ein Boden agrarindustriell genutzt wird, quasi mit der Sense der Petrochemie den Boden unter den Füßen wegzuschlagen.



Kommen wir also zu der Alternative, die keine ist, sondern unabdingbar – kommen wir zur: bodenbewahrenden Agrarkultur:

Diese ‚Alternative‘, deren Nutzung in ihrer Pluralität der Anbauformen existenziell ist, hat viele Bezeichnungen.

Scheub und Schwarzer (vgl. 2017, 16-18) heben hervor, dass der Begriff ‚Landwirtschaft‘ eben auf ländliche Räume abhebt, während das Wort ‚Agrar‘ neutraler auch städtische Regionen mit einbezieht. In Abgrenzung vom industriellen Prinzip und der Betonung der Förderung des lebendigen, des bewahrenden, des Humus-aufbauenden und des regenerativen sowie des im globalen Maßstab tendenziell kleinbäuerlichen Ansatzes liegt es des Weiteres nahe, dem Begriff ‚Kultur‘ gegenüber ‚Wirtschaft‘ den Vorzug zu geben. Daher wird im Folgenden der Begriff ‚bodenbewahrende Agrarkultur‘ verwendet.


„Kleinbauern kühlen die Erde.“ (Naomi Klein 2015, 189)

Bodenbewahrende Agrarkultur: Humus und Kompost statt Stickstoff

„[I]n most places on Earth, ‚we stand only six inches form desolation, for that ist he thickness of the topsoil layer upon which the entire life depends‘“ (Chiras 2006, 171).

  • „In einer Handvoll gesunder Erde gibt es mehr Lebewesen als Menschen auf dem Planeten, in einer Handvoll agroindustriell behandeltem Boden hingegen nur noch einen Bruchteil davon“ (Scheub/Schwarzer 2017, 11).
    • Neben Regenwürmern, Ameisen, Spinnen, Schnecken, Käfern, Larven, Ohrenkneifern und diversem Kleingetier wie Asseln, Tausendfüßler, Insekten/Kerbtieren inkl. Spinnen ist hier von diversen Mikroorganismen die Rede, darunter Bakterien; symbiotische Mykorrhizia-Pilze, die riesige, den Boden stabilisierende Fädennetze bilden; Algen; Geißeltierchen; Wurzelfüßler/Amöben/ Wechseltierchen; Wimperntierchen; Rädertierchen; Fadenwürmer; Milben; Springschwänze; Borstenwürmer/Ringelwürmer, … etc. (vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 125-130) – sie alle bilden eine humusanreichernde Lebensgemeinschaft zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit, welche die Ernteerträge befeuert (vgl. ebd., 131).
    • Von diesen Tieren und Mikroorganismen macht der Agrarindustrie täglich einen großen Teil platt. Es ist irritierend, so viele verschiedene Lebewesen von vorneherein als Feinde der Ernte zu sehen – denn wir haben davon auszugehen, dass die Evolution keine Fehler macht.
    • Die allgemeine Annahme, „der Boden sei ein Gefäß, dem ständig Nährstoffe entzogen werden, welche man wieder nachfüllen muss… [ist falsch und] blendet komplett aus, dass Mikroorganismen und Pflanzen über ihre Wurzeln Nährstoffe freisetzen können. Durch diese biogenen Prozesse stehen in der Regel sogar mehr Nährstoffe zur Verfügung als über Düngemittel. Gründüngung und Zwischenfrüchte sind hier deutlich leistungsfähiger als eine klassische organische Düngung“ (Scheub/Schwarzer 2017, 142).


Gesunde, d.h. fruchtbare Erde ist Humus. „Als Humus wird die Gesamtheit der abgestorbenen und zersetzten organischen Substanz eines Bodens bezeichnet“ (Scheub et al. 2013, 18). Diese gesunde Erde, Humus, enthält alles, was unsere Nahrung-liefernden Pflanzen zu einem kräftigen Wachstum benötigen. Und mehr: Hauptbestandteil von Humus ist Kohlenstoff (vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 12).


In dem die Menschheit die erodierten, degenerierten, kohlenstoffarmen Böden regeneriert, zieht sie massiv Kohlenstoff aus der Erdatmosphäre und sichert gleichzeitig die auf diese Weise rekarbonisierten Böden für künftige Generationen als Grundlage der Ernährung der Menschheit.


Ute Scheub und Stefan Schwarzer zitieren den US-Agrarwissenschaftler Timothy LaSalle mit den Worten:

  • „Planetarisches Bio-Engineering sei billig und überall anwendbar – sein Name: Photosynthese. Pflanzen holen Kohlendioxid aus der Luft sowie Wasser und Nährstoffe aus dem Boden, mittels Sonnenenergie produzieren sie daraus lange Kohlenhydratketten: Zucker, Stärke, Zellulose. Einen Teil des Kohlenstoffs verbrachten sie über ihre Wurzeln unter die Erde… Sterben die Pflanzen, gelangt im Rahmen des globalen Kohlenstoffkreislaufs ein Anteil wieder als CO2 in die Atmosphäre, ein anderer verbleibt im Boden und wird unter günstigen Bedingungen zu stabilem Humus“ (2017, 13).


Im weltweiten Maßstab gibt es nicht die eine ideale bodenbewahrende Agraranbaumethode – statt dem unangepassten Gießkannenprinzip der Agrochemie bzw. der industriellen Landwirtschaft gilt es, die jeweils optimale klima- und wetterangepasste Anbaumethode aus einem ganzen Konglomerat bewährter alter und neuer Methoden herauszufinden.

Dazu gehören „Permakultur, Waldgärten, Biointensivkulturen, pfluglose Bodenbearbeitung [‚No-till‘ genannt]1, Untersaaten, Mischkulturen, Agroforstsysteme, Holistisches [=ganzheitliches] Weidemanagement, Wassersammelsysteme bis zu Wüstenbegrünung“ (Scheub/Schwarzer 2017, 14) – „[i]mmer [geht es] um Kreislaufwirtschaft, das Arbeiten mit der Natur und nicht gegen sie“ (ebd., 18).

  • Weitere Aspekte sind kleine Felder mit unterschiedlicher Nutzung, Blühstreifen2, Hecken – sowohl als Rückzugsräume als auch als Windschutz gegen Erosion, Feldraine3, Zwischensaaten/Gründüngung/Intensivbrache z.B. mit Leguminosenanbau4 per stickstoffbindender Lupine, Soja, Ackerbohne, Erbse, Luzerne und Klee, wechselnde Fruchtfolgen, der gezielte Einsatz von Nützlingen, die mechanische (statt chemische) Entfernung von ‚Beikräutern‘, Verwendung von Sorten, die den Bodenverhältnissen entsprechen und zum Klima passen (vgl. Decken 2020, 24-25 u. Wenz 2020, 40).
Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 „Nackte Böden, tiefes Pflügen, unangepasste Bodenbewirtschaftung – alle das fördert den Abbau organischer Substanz, Kohlenstoff oxidiert zu CO2“ (Scheub/Schwarzer 2017, 38). An anderer Stelle heben Scheub und Schwarzer hervor, das tiefes Pflügen „den Boden komplett durcheinander [bringt]: Sauerstoffunabhängige Bodenlebewesen geraten in Schichten, wo sie nicht mehr atmen können und ersticken, Sauerstoffunabhängige werden nach oben in die Luft befördert, wo sie ebenfalls absterben. Und liegt der Acker ohne schützende Gründecke da, werden seine Freunde Wasser und Wind zu seinen Feinden, die ihn zerstören“ (2017, 42). Humus-arme Böden sind porenarm und können daher weniger Wasser speichern (vgl. ebd., 48). Zur Wasserhaltefähigkeit tragen auch die Mikroorganismen eines lebendigen Bodens bei (vgl. ebd. 60.), es gilt die Formel „pro Prozentpunkt Humus und Quadratmeter 16 Liter“ (ebd., 150).

2 Blühstreifen sind ein gutes Beispiel dafür, dass ‚gut gemeint‘ nicht unbedingt hilfreich ist und Eingriffe in die Natur eben wohlüberlegt zu sein haben. „Seit dem Volksbegehren [in Bayern] gebe es für die Wildbienen [auch in Städten] gezielte Maßnahmen, wie Flächen mit heimischen Blütenpflanzen. Problem aber sei, dass bei den meisten Blühflächen die ausgesäten Pflanzen häufig nicht die geeigneten sind. ‚Das sieht zwar nett aus, ist aber nur Kosmetik und bringt den Wildbienen gar nichts‘, kritisiert [Wolfgang] Willner [vom Bund Naturschutz (BN)]. Gerade auch, da die Flächen im Herbst umgeackert werden und dadurch die Brut im Boden zerstört wird (Regelein 2020).

3 Diesen Begriff kennt die/der gemeine Städter*in heute wohl nur noch aus Gedichten, die in der Schule durchgenommen werden: Er beschreibt einen Randstreifen oder Grenzstreifen zwischen zwei Äckern.

4 „Leguminosen … sind in der Lage, Stickstoff aus der Luft in Eiweiß zu verwandeln. Doch in Deutschland werden … [sie] kaum noch angebaut“ (Asendorpf 2018b, 2). „Leguminosen [sind] nicht auf Stickstoff im Boden angewiesen. Im Gegenteil: In ihren Wurzelknöllchen siedeln Bakterien, die den Stickstoff direkt aus der Luft aufnehmen und an die Pflanze weitergeben“ (ebd., 6).


Regenerative Agrarkultur unter Extrembedingungen

Burkina Faso, Niger und Mali: Die Rückkehr der Bäume und Agrarkultur

Über die Arbeit von Yacouba Sawadogo wurde schon im Abschnitt Bäume pflanzen/globale Aufforstung (vgl. S. 470f.) berichtet, der in Burkina Faso in der Sahelzone mit Hilfe der von ihm weiterentwickelten Kompost-basierten Zai-Technik aus einer wüstenartigen Region tatsächlich ‚blühende Landschaften‘ machte, sodass durch die Rückkehr von Bäumen und Büschen das lokale Klima und die Böden wieder relevante Agrarkultur zulassen.

2018 erhielt neben Yacouba Sawadogo auch Tony Rinaudo den Right Livelihood Award – den sog. alternativen Nobelpreis.

  • „Als Tony Rinaudo Anfang der [19]80er-Jahre erstmals in den Süden Nigers kam, entdeckte er, dass von Bäumen entblößte Ackerflächen dort biologisch keineswegs tot waren. Vielmehr hatten im Untergrund zahllose Baumwurzeln, Stümpfe und Samen überlebt. Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alte Waldreste, die regelmäßig zur Regenzeit neue Triebe entwickeln. Diese Triebe wurden bis dahin allerdings genauso regelmäßig von Ziegen abgefressen oder beim Abbrennen der Felder vernichtet“ (Kruchem 2018).

Niemand in der Bevölkerung hatte Anlass, daran etwas zu ändern, zumal die Annahme weitverbreitet war, dass „Bäume ihre Böden unfruchtbar machten; dass sie Schlangen und Vögel, die die Saaten fressen, anlockten“ (ebd.). Doch nach einer Hungersnot, viel Überzeugungsarbeit und

  • „[n]ach einer Gesetzesänderung, wonach Bäume ihnen gehören, haben Bauern in Niger seit 1985 ungefähr fünf Millionen Hektar mit Bäumen und Büschen wiederbegrünt. Mit der Vegetation kehrte der Regen zurück, kleine Wasserkreisläufe regenerierten sich“ (Scheub/Schwarzer 2017, 183-184).
  • „Heute stehen im Süden Nigers 280 Millionen Bäume – 40 mal mehr wie vor 30 Jahren“ (Kruchem 2018) – und das ist eine wichtige Voraussetzung für alles weitere, Rinaudo wird an gleicher Stelle zitiert mit dem Hinweis, „Nahrungsmittelproduktion in der Sahelzone funktioniere nur mithilfe von Bäumen“.

Wie wichtig gesetzliche und soziale Rahmenbedingungen sind verdeutlich eine ähnlich verlaufene Entwicklung in Mali:

  • „In Mali wurde 450.000 Hektar regeneriert, nachdem 1994 das Waldgesetz demokratisiert worden war“ (Scheub/Schwarzer 2017, 183-184).


Ägypten: Die Sekem-Farm: Humus schlägt Wüste

Die Sekem-Farm am östlichen Rand von Kairo beeindruckt auf seine Weise ebenfalls sehr stark:

Hier hat Ibrahim Abouleish (1937-2017), der in Österreich und Deutschland Chemie und Medizin studierte, schließlich promovierte sowie mit den Prinzipien der Demeter-Agrarkultur vertraut wurde (vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 184) seit 1976 gemeinsam mit einem inzwischen mehr als 2.000 Menschen großem Team (vgl. Pachernegg/Wagner 2019) ein umfangreiches Sozialunternehmen mit Kindergarten, Schule, Theater, Stiftung, einer eigenen Demeter-Produktlinie, Forschungsinstitut und einer gemeinnützigen Universität aufgebaut. Kaum würde dieser Umstand in diesem Kapitel Erwähnung finden, wenn das Ganze nicht im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut wäre: Mittlerweile „sind fast 700 Hektar Wüstensand mit Kompost und Demeter-Präparaten [zu Humus und damit] fruchtbar gemacht worden; hinzu kommen 1.700 Hektar, die von 800 Vertrags-Ökobauern bewirtschaftet werden“ (Scheub/Schwarzer 2017, 184; wikipedia nennt hier die Zahl 200 Kleinbauern, vgl. 2020a).

>> Sekem = altägyptische Hieroglyphe für ‚sonnenhafte Lebenskraft‘ oder auch ‚Lebenskraft der Sonne‘

Machen wir uns das klar:

Wüstensand + Demeter-Kompost + Wasser + jede Menge Arbeit = Humus


>> Sehr empfehlenswerte Film-Doku: Pachernegg, Ramon u. Wagner, Jasmine (2019): Sekem – Das Wunder in der Wüste.

Helmy Abouleish, der Sohn des Gründers, beschreibt den Kompost in der hier erwähnten Doku als auf Demeter-Prinzipien basierendem

  • „Gemisch aus Dünger, Kuh-Dünger und Pflanzenmaterial, welches in unserem Fall dann mit bestimmten Mikroorganismen angereichert wird“ (Pachernegg/Wagner 2019, Min 5ff.), –

und berichtet dann über den Prozess der Wiederbegrünung folgendes:

  • Dieses mit bestimmten Mikroorganismen angereicherte „Gemisch aus Dünger, Kuh-Dünger und Pflanzenmaterial … [verwandelt] sich innerhalb von 60 bis 90 Tagen in ein neues Material namens Kompost …[,] welcher dann, wenn er dem Wüstensand beigefügt wird, über die Jahre einen lebendigen Boden erzeugt. Man sieht es an der Farbe. Der weiß-gelbliche Wüstensand wird zu Erde und allmählich brauner und brauner, bis sie ganz schwarz ist. Aber das dauert mehrere Jahre und es ist immer ein Prozess, in dem man mehr und mehr lebende Organismen in der Erde erzeugt. Diese lebenden Organismen helfen letztendlich der Pflanze beim Wachsen und helfen uns dabei, Themen wie Wasserknappheit zu bewältigen und sie helfen der Pflanze dabei, das Salz aufzunehmen, das immer an der Oberfläche des Wüstenbodens besteht, wenn man ihn künstlich bewässert. Das Wunder braucht sechs, sieben, acht Jahre, bis wirklich sichtbar ist“ (ebd.), aber teilweise dauert es nur 18 Monate, bis wir soweit sind Pflanzen anbauen zu können (vgl. ebd.).

Abouleish konstatiert:

  • „Sekem hat ein neues Biotop kreiert, indem es Wüstensand mittels Kompost und biodynamischen Methoden zu fruchtbaren und lebendigen Böden machte“ (zit. in Scheub/Schwarzer 2017, 184).


Wenn man sich per Google Earth, alte und neue Fotos und auch über Film-Dokus die Landschaft der Sekem-Farm, die Bäume, das Grün, die Blüten und vor allem den, jawohl, saftigen Boden anschaut, erscheint dies tatsächlich wie ein kleines Wunder.

Keine Pestizide.

Keine angeblich alternativlose industrielle Landwirtschaft.

Nur und ausschließlich auf Basis von biodynamischem Demeter-Kompost erschaffen.

Chapeau.

Wenn das geht, erscheint vieles möglich. Und die ewigen Behauptungen, was angeblich alles nicht geht, entpuppen sich als: billige Ausreden.


Kaum verwunderlich, dass im Jahre 2003 auch Ibrahim Abouleish – genau wie Yacouba Sawadogo und Tony Rinaudo – den Right Livelihood Award, d.h. den alternativen Nobelpreis erhalten hat.

>> Die Liste der Preisträger*innen liest sich wie ein Who’s Who der die Menschheit wirklich voranbringenden Menschen: Neben den genannten Menschen erhielt in jüngerer Zeit Greta Thunberg (2019), Davi Kopenawa (2019, Brasilien, Schutz von Ureinwohner*innen), Guo Jianmei (2019, China, Frauenrechte), Aminatou Haidar (2019, Westsahara, gewaltloser Widerstand), Thelma Aldana (2018, Guatemala, Korruption), Iván Velásquez Gómez (2018, Guatemala, Korruption), Yetnebersh Nigussie (2017, Äthiopien, Inklusion), Khadija Ismayilova (2017, Aserbaidschan, Korruption), Robert Bilott (2017, USA, Aufdeckung chemischer Umweltverschmutzung) (vgl. wikipedia (2020b)


Wenn man das Wort ‚Wüste‘ vernimmt, könnte man auf den Gedanken kommen, es gäbe dort (in Sekem) gar kein Wasser. Doch wird es in Sekem, damals, als man anfing, am Rande von Kairo in der Umgebung des Nils, unweit des Mittelmeers, kein unmögliches Unterfangen gewesen sein, an Wasser zu kommen – aber Wasserknappheit herrschte definitiv (vgl. Pachernegg/Wagner 2019, Min 5ff.).

Aus Sekem lässt sich neben vielem Anderen lernen, dass man sich tatsächlich erfolgreich Stück für Stück in die Wüste vorarbeiten kann, um den Boden nach und nach wieder urbar zu machen.

Und nebenbei wird in einem ehemals toten Wüstenboden – Klimaschutz pur – viel Kohlenstoff gebunden. Somit bedeutet der Erfolg des Sekem-Projektes innerhalb dieses Handbuches, dass nicht reich an positiven Befunden ist, eine wirklich gute Nachricht.


China: Das desertifizierte Löss-Plateau ergrünt

Im Nordosten Chinas liegt die Wiege der chinesischen Zivilisation, das Lössplateau. Seinen Namen verdankt das Frankreich-große, etwa 1.000x700km umfassende Hochland dem gelbbraunen Löss, einem verfestigten Flugstaub, der als sehr nährstoffreich bekannt ist, sodass es nicht verwundert, dass hier bereits seit etwa 25.000 Jahren Menschen leben und eine der frühesten Agrarkulturen begründeten (vgl. Liu 2009, ca. Min 5).

Es schloss sich die Übernutzung der Biosphäre an: Der Entwaldung der Täler zugunsten Land- und Holzwirtschaft folgte die Entwaldung der Berghänge; der Rückgang der Ernten durch übernutzte Böden führte als Ersatz zu wiederum immer umfangreicherer (Zaun-loser) Haltung von Ziegen und Schafen, die wieder die Pflanzen und Triebe derart stark abfraßen, dass die einst geschlossene (versteppte) Bodendecke mehr und mehr aufriss und schließlich zu 90% (vgl. Liu, Min 18) zerstört wurde: „[D]ie Erde blieb kahl und fast humuslos zurück“ (Scheub/Schwarzer 2017, 185).

Als Liu 1995 mit seiner Arbeit an der hier vornehmlich als Quelle dienenden Film-Doku begann, fand man einen dersertifizierten, ‚Platz‘, genauer den „most eroded place on earth“ (ebd., Min 7), vor. Ohne Pflanzendecke war der Boden dem Regen schutzlos ausgeliefert – und floss (Humus und Löss mitnehmen) sofort und quasi ohne einzusickern in die Flüsse und von dort in den Gelben Fluss. Jürgen Vögele von der Weltbank schildert das Geschehene äußerst plastisch:

  • „Originally, you had a complete vegetation cover with a fully intact hydrocycle. All the rainfall that fell down, stayed where it was initiall,y it slowly infiltrated into the ground, was absorbed by the whole system, went into the groundwater and eventually drained toin the yellow river, over a long period of time, hundreds of days, between the rainfall and the time in the yellow river. As the vegetation cover was removed gradually, the run-off increased dramatically, every century, every decade, to the point when now when it rains, 95 percent of the water immediatly is lost to the environment where it is coming down. Immediatly it runs off in the valley, takes a lot of the top soil with it and elapses in the yellow river. So we have the situation where literally 95 percent of the water is gone, and this is the reason why this area is so dry, why the rainfall has been decreased, why the vegetation cover can’t hardly be sustained right now, because everything is so dried up“ (Min 12f.).

Die Folge waren bis nach Peking reichende Sandstürme, extreme Sedimentablagerungen an den Ufern des Gelben Flusses, massive, regelmäßige Überschwemmungen während der Regenzeit, gefolgt von ausbleibendem Regen und Dürre in der übrigen Zeit eines Jahres (vgl. Min 15). Hunger, Armut, Obdachlosigkeit, Leid und Tod folgten.

In den 1990er Jahren startete ein Team aus chinesischen und ausländischen Forschern das ‚Loess Plateau Watershed Rehabilitation Project‘:

  • „Over 3 years, Chinese planners from the Ministry of Water Resources and international planners from the World Bank worked together with experts in hydrology, soil dynamics, forestry, agriculture and economics, [and interviewed the local people], to design [involving the farmers and their needs] a workable project plan. The team divided their work into 2 areas: economic and social well being of the people, and ecologic health of the environment“ (EEMP 2013).

Die Expert*innen und Berater*innen zogen durch die Dörfer und vereinbarten nach vielen Gesprächen schließlich vertraglich, einvernehmlich und transparent mit den Bauern, unzählige Bäume zu pflanzen, einige Landstriche nicht landwirtschaftlich zu nutzen, die Schafe und Ziege einzuhegen, das Regenwasser bremsende kleine Dämme an die Hänge und vor allem Terrassen gegen die Erosion zu bauen, wobei letztere die Bauern selbst besitzen und nach Fertigstellung selbst bewirtschaften sollten: „The people‘s participation became the center part of the project“ (Min. 25).

  • „One of the most common arguments against change ist hat poor people are so focused on survial they can’t think about sustainablity or enivironmental conservation. In order to help the local people to make the trsition the Loess Plateau Watershed Rehabilitation Project hired them to implement new practises… The project made their work central tot he restore the ecological balance. In short: The people became the solution“ (Min. 26).

Innerhalb von zehn Jahren konnte man die ‚Früchte der Arbeit‘ sehen. In der Film-Doku wird im Vorher-/Nachher-Schnitt im Abstand von 10 Jahren das gleiche Tal zwei Mal gezeigt (Min 34), einmal in Gelb, einmal in Grün: „It’s hard to recognize this place now“, freut sich ein alter Bauer, der die meiste Zeit seines Lebens vor allem gelben Löss vor Augen hatte (Min 42). Heute gibt es dort eine kontinuierliche Bodendecke, einen immer besser funktionierenden Wasserkreislauf, stabilisierte verwurzelte Böden, eine wesentlich höhere Biodiversität inkl. der Rückkehr zahlreicher Blütenpflanzen und Insekten – und in der Bevölkerung einen funktionierende Ökonomie sowie einen sehr viel höheren Bildungs- und Lebensstandard.

>> siehe Film-Doku Liu, John D. (2009): „Lessons of the Loess Plateau“. in: YouTube.com, 20.6.2011, online unter https://www.youtube.com/watch?v=HjNDiBCb-mE (Abrufdatum 10.7.2020) – Die Doku „Lessons of the Loess Plateau“ kommt im Gegensatz zu vielen anderen Doku-Filmen nicht hochglanzverpackt daher, aber ich rege an, geben sie ihr Zeit, es lohnt sich.


Burkina Faso, Niger, Mali, Sekem in Ägypten und das Lösshochland in China sind herausragende Beispiele, aber stehen keineswegs allein. Ihnen gemeinsam ist, dass sie zeigen, dass es tatsächlich möglich ist, stark beschädigte Ökosysteme zu regenerieren, den Kreislauf von Regen, Verdunstung und Pflanzenwachstum wieder in Gang zu bringen und sogar aus totem Wüstensand puren, äußerst fruchtbaren Humus zu machen – und auf diese Weise auch den Kohlestoffkreislauf zu befeuern in dem Sinne, dass Kohlenstoff dort landet, wo er vornehmlich hingehört: in die Erde.

Und das dient den Menschen vor Ort. Und allen anderen auch.


Um all dies in Gang zu setzen, wurde teilweise Intuition, ganzheitliche Agrarkultur-Erfahrung (Sekem) und – insbesondere im Lössplateau – wissenschaftliche Expertise benötigt. Nur eines kam eigentlich gar nicht relevant zum Tragen: Die Prinzipien der europäisch geprägten konventionell-industriellen Landwirtschaft.


In Relation zu den vorgenannten Extrembeispielen erscheint die humusaufbauende Regeneration degradierter Böden der konventionell-industriellen Landwirtschaft eine vergleichsweise leichte Aufgabe zu sein, wenngleich eine äußerst große und umfangreiche Aufgabe, weil es hier um die weltweite Regeneration der allermeisten agrarkulturell genutzten Böden geht.

Es ist eines der wichtigsten Klimaschutzprojekte überhaupt – und dient ebenso der Vermeidung eines weiter fortschreitenden sechsten Massenaussterbens.


Auch der Prozess der Regeneration solcher Landflächen, damit sie künftig als Klimaschutzinstrument dienen können, kostet Ressourcen und Energie – Ressourcen und Energie, die wir nicht für andere Dinge übrig haben.

Die Priorität hat auf Zukunft zu liegen.

>> siehe auch Film-Dokus
> Liu, John D. (2009): Hope in a Changing Climate, online unter https://www.youtube.com/watch?v=6iJKiFSQLn4 (Abrufdatum 10.7.2020) und
> Hattum, Rob van und Meyer Swantee, Gijs (2014): Regreening the Desert, online unter https://www.youtube.com/watch?v=OC_Y1ZTZXQ4 (Abrufdatum 10.7.2020)


Historischer Humusaufbau in den Tropen: Terra Preta

Böden in tropischen Gegenden und im Regenwald sind typischerweise rot: Ferrasol (in etwa: Eisen-Aluminium-Boden).

  • „Solche Böden sind durch die seit Jahrmillionen anhaltende große Hitze und Feuchtigkeit stark verwittert und versauert… Die Konzentrationen an Aluminium werden so hoch, dass sie auf landwirtschaftliche Nutzpflanzen toxisch wirken. Das gesamte Potenzial dieser Böden liegt daher in einer vergleichsweise geringen Humusschicht. Sie gibt Nährstoffe frei und hält sie [die Humusschicht] in einem engen Zusammenwirken mit den Pflanzen des Waldes im [geschlossenen] System… Wird der Wald gerodet, wird der Humus in kürzester Zeit [ausgewaschen und] abgebaut“ (Scheub et al. 2013, vgl. Ullum 2016, 5).

Mit anderen Worten: Eine Landwirtschaft (und damit Sesshaftigkeit) im traditionell-europäischen Sinne hatte und hat in tropische Gegenden per se erst einmal keine guten Startbedingungen – und Landbau ist auf den besonders schnell degradierenden Böden nur über einen eher kurzen Zeitraum und nur mittels extremen Stickstoffeinsatz möglich. Ersatz für erodierte Böden wird i.d.R. geschaffen, in dem weiter und mehr Regenwald gerodet wird.

Vor diesem Hintergrund „galt es in der Anthropologie als ausgemachte Sache, dass sich in den Regenwäldern am Amazonas [historisch gesehen] unmöglich eine höher entwickelte Zivilisation [mit großen einwohnerstarken Städten] entwickeln konnte“ (Scheub et al. 2013, 40). Daher irritierten die in den 1960er Jahren entdeckten große vorkolumbianische Zivilisationen (vgl. ebd., 41). Doch fand man schließlich „Terra Preta do Indio[,] … Schwarzerde[,] … Oberböden[,]… über 2.000 Jahre alt und immer noch fruchtbar[,] oft einen halben Meter dick, manchmal sogar zwei Meter und mehr“ (ebd., 41-42). Diese Terra Preta do Indio ist anthropogen, d.h. von Menschen hergestellt (vgl. ebd., 55), basiert auf der „Wiederverwendung aller täglich anfallenden Rest- und Abfallstoffe“ (ebd., 44) inkl. „Tonscherben, Knochen, Spuren von menschlichen Fäkalien, Asche und Fischgräten“ (ebd., 42 u. vgl. Ullum 2016, 5) und ist eine Form von Holzkohle bzw. Pflanzenkohle (vgl. ebd., 44). Das Wissen um das Herstellungsverfahren der Terra Preta do Indio ging spätestens im Zuge der Kolonisierung verloren (vgl. ebd., 45).

Anmerkungen

Auch in im asiatischen Raum, konkret in China, Japan, Indien und Korea soll es laut Scheub et al. (2013, 62) sowie gemäß Grefe (2011) systematischen Humusaufbau mittels Pflanzenkohle gegeben haben.

Interessanterweise gibt es „Berichte über das Nachwachsen von teilweise abgegrabenen Terra-Preta-Böden… Möglicherweise [– und das ist bislang nur eine Hypothese –] ist dafür der Schimmelpilz Aspergillus niger verantwortlich, der den Kohlenstoff aus abgestorbenen Holz produzieren kann“ (Scheub et al. 2013, 50-51).

Über die Art und Weise, wie die Menschen der südamerikanischen Hochkulturen Terra Preta do Indio konkret herstellten, gibt es lediglich Hypothesen (vgl. ebd., 45f.): Naheliegend ist, das große Tongefäße mit Deckel, deren Scherben bei den Feldern gefunden wurden (vgl. ebd., 47 u. Grefe 2011) für die notwendige Fermentierung unter Luftabschluss verwendet wurden.

Terra Preta ist also eine Pflanzenkohle vermischt mit vornehmlich organischen Siedlungsabfällen von Menschen inkl. Exkrementen.

Das generelle Verfahren für die Produktion von Pflanzenkohle entspricht quasi dem der Holzkohleherstellung z.B. fürs Grillen und ist prinzipiell im industriellen Maßstab (vgl. Grefe 2011) einsetzbar: Die Pyrolyse – die kontrollierte Erhitzung unter Luftausschluss –, auch ‚thermische Karbonisierung‘ genannt.

Mit Terra Preta gelang es Menschen schon vor Jahrtausenden, Humusaufbau zu betreiben und für Ackerbau zuvor ungeeignete Böden fruchtbar zu machen – und auf dieser Basis Bevölkerungen ganzer Städte zu versorgen und Hochkulturen zu schaffen. Das ist staunenswert, ja, sensationell, zeigt ein weiteres Mal, was alles ohne Petrochemie möglich ist und schließt an die beeindruckenden Methoden und Maßnahmen von Yacouba Sawadogo (vgl. S. 470), Tony Rinaudo und Ibrahim Abouleish an.


Terra Preta als Verfahren, der Atmosphäre Kohlenstoff zu entziehen

Über diesen Humus-bildenden und damit potenziell regenerativen Ansatz hinaus gilt Terra Preta in der Jetztzeit auch deshalb Manchem quasi als ‚Wundererde‘, weil sie in einem hohen Maße die Fähigkeit besitzt, Kohlenstoff ‚unter die Erde zu bringen‘ und damit der Atmosphäre zu entziehen.

Ute Scheub und ihre Mitautoren Haiko Pieplow und Hans-Peter Schmidt gehen in ihrem 2013 erschienen Buch davon aus, dass Terra Preta einen wichtigen Beitrag zur Abwendung einer Klimakatastrophe leisten könnte (vgl. Scheub et al. 2013, 68).

>> Was definitiv nicht passieren darf, aber ökonomisch auf Grund des derzeitigen Wirtschaftsmodells verführerisch daherkommt: Die Verkoksung von intakten Waldflächen (vgl. Grefe 2011).

Folgen wir der Argumentation:

Ohne weiteren Eingriff gibt generell jede Pflanze mit ihrem Ableben beim Prozess der Verrottung ihr CO2 (zu einem guten Teil) wieder frei.

  • „Wenn man pflanzliche Reststoffe mittels Pyrolyse verkohlt, verwandeln sich 25 bis 50 Prozent des darin enthaltenen Kohlenstoffs nicht in das Treibhausgas CO2, sondern in stabile, schwer abbaubare, porenreiche Pflanzenkohle“ (ebd., 66).
  • „Die Pflanzenkohle … besteht bis zu 95 Prozent aus reinem Kohlenstoff, der mikrobiell kaum abbaubar ist und so jahrhundertelang [und in Teilen auch wesentlich länger] dem Kohlenstoffkreislauf entzogen werden kann“ (ebd., vgl. Zimmerman/Gao 2013, 32).
  • Bei der Pyrolyse „entsteht aus Biomasse Pflanzenkohle; die Energie liefert dafür das dabei frei werdende energiereiche Synthesegas. Aus diesem kann man [vor allem bei industrieller Anwendung] gleichzeitig Strom, Wärme, Kälte oder Treibstoff herstellen“ (Scheub et al. 2013, 66).
  • „Moderne Pyrolyseanlagen können Pflanzenabfälle so gut verkohlen, dass der Luft mit jedem Kilogramm in der erzeugten Pflanzenkohle rund 3,6 Kilogramm Kohlendioxid entzogen werden. Weitere Treibhausgase werden bei der Terra-Preta-Technik durch die Fermentierung der organischen Abfälle eingespart. Durch die Milchsäurefermentierung von biologischen Abfällen wird Fäulnis verhindert. Ohne Fäulnis … [gibt es] keine Freisetzung weiterer Treibhausgase wie Methan und Lachgas“ (ebd., 67).

Hiermit ist ein Verfahren, dass tatsächlich und für sich genommen betrachtet grundsätzlich funktioniert – womit die Frage aufzuwerfen ist, weshalb auch Anfang der 2020er Jahre inmitten der zunehmenden Bedrohung durch die Klimakrise Terra Preta in erster Linie ein Liebhaberprojekt von Kleingärtner*innen ist, die entweder per Erdgrube oder metallenem trichterförmigen ‚Kon-Tiki‘-Pyrolyse-Ofen für ihren Eigenbedarf produzieren.


Auf den Punkt gebracht:

Terra Preta besitzt in erster Linie zwei wichtige Eigenschaften: Terra Preta kann

  • als ‚komponierte‘ Komposterde die Erträge der bodenbewahrenden Agrarkultur steigern sowie
  • massiv Kohlenstoff im Boden binden und ist damit eine ‚Kohlenstoffsenke‘.

Der BUND hat 2015 eine Einschätzung der Umweltrelevanz von Terra Preta/Pyrokohle herausgebracht und zielt dabei vorrangig auf die Frage ab, inwieweit diese beiden vorgenannten Eigenschaften nicht auch anderen humusbildenden Verfahren eigen sind. Anders ausgedrückt: Besitzt Terra Preta gegenüber anderen Verfahren einen so großen Mehrwert, dass die Fokussierung auf Terra Preta zu Ungunsten anderer, etablierterer Verfahren Sinn macht?

Bedauerlicherweise lesen sich diese m.E. gutbegründeten, umfangreich quellenbelegten und profund erarbeiteten Seiten recht ernüchternd:


Thema ‚Terra Preta zur Ertragssteigerung‘:

  • Ertragssteigerungen durch ‚aufgeladene‘ Pflanzenkohle1 werden beobachtet, sind aber bislang wissenschaftlich nur unzureichend dokumentiert (vgl. 2015, 5 u. Ullum 2016). Terra Preta besitzt hinsichtlich der Dimension der Ernte- bzw. Produktionssteigerungsrate zwar Potenzial, hat aber in Relation zu anderen Kompostierungsmethoden nicht den Charakter eines ‚Wunders‘: Ähnlich hohe Steigerungsraten können offensichtlich durchaus auch bei der Zugabe anderer – und erheblich einfacher herzustellender – Komposte verzeichnet werden (vgl. ebd., 5 u. 13).
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Die Pflanzenkohle wird mit Nährstoffen ‚aufgeladen‘, d.h. mit Gülle vermischt, in die ‚Stallunterlage‘ gebracht oder mitkompostiert: „Würde unbeladene PK in den Boden eingebracht, würde diese zunächst die Nährstoffe aus dem Boden binden, und die Pflanzen werden unterversorgt“ (Fachverband Pflanzenkohle 2020d).


Thema ‚Terra Preta als Kohlenstoffsenke‘:

  • Das industrielle Herstellungsverfahren ist wesentlich aufwändiger als obige Beschreibung nahelegt und hochgradig kompliziert, so es (und nur das macht Sinn) umweltschonend und energiearm sein soll:
    • „Die Pyrolysetechnik ist grundsätzlich mit erheblichen Emissionsrisiken verbunden, da sich giftige Gase und Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) bilden können, bei Anwesenheit von Chlor aber auch Dioxine. Nur bei sauberster und kontrollierter Prozessführung kann dieser Technik überhaupt zugestimmt werden“ (2015, 5 u. vgl. Ullum 2016, 11).
  • Privatanlagen werden i.d.R. nicht die für einen ‚sauberen‘ Prozess notwendige Temperatur erreichen (vgl. 2015, 6), womit hier insgesamt schon überdeutlich anklingt, dass das Verfahren für eine globale Nutzung zur Reduktion von CO2 nicht taugt.
  • Die für umwelteffizientes Verfahren notwendigen hohen Temperaturen werden ohne weitere (die Ökobilanz schmälernde) Energiezugabe nur erreicht, wenn Hartholz mindestens Teil des Ausgangsmaterials ist1, sodass im Einklang mit der deutschen Düngemittelverordnung (DüMV) derzeit nur Pflanzen- bzw. Holzkohle z.B. aus Stark- und Kernholz zugelassen ist (vgl. Solokow 2019).
  • Ohnehin scheint es (die Temperaturfrage und DüMV mal beiseitelassend) viel zu wenig Ausgangsmaterial zu geben, um z.B. in Deutschland durch eine umfangreiche Terra Preta-Produktion CO2-Budget-relevant Kohlenstoff in den Boden einzutragen (vgl. Solokow 2019).
    • Der BUND schließt viele von Befürwort*innen vorschlagende Ausgangsmaterialien2 aus und argumentiert, dass diese bei einer Betrachtung des Gesamtsystems ‚Natur‘ auf andere Weise vorteilhafter verwertet/genutzt werden können. So werden „Getreidestroh und andere Ernterückstände (Kartoffelkraut und Rübenblätter) … wie andere als Grundlage für den Humusaufbau gebraucht…, Waldrest- und Schwachholz sollten aus dem gleichen Grund im Wald verbleiben, Grünschnitt aus Kompensationsflächen sollte nur bei gewollter Verhagerung entfernt werden… Selbst bei Nutzung all dieser [vom BUND als möglich erachteten] Ressourcen ließ sich tatsächlich nur 1 bis ca. 3% der [für den Klimabeitrag] benötigten Biokohle herstellen“ (2015, 8).
    • Der BUND sieht im Bereich organischer Abfallstoffe wie „Klärschlamm und Abfälle aus Gewerbe und Industrie“ (ebd.) des Weiteren die „große Gefahr kriminellen Missbrauchs, wie er jetzt schon im Abfallbereich nicht selten ist“ (ebd., 6), sodass das Bundesbodenschutzgesetz (BBodSchG) und die Düngemittelverordnung (DüMV) hier mit gutem Grund zurzeit nur „den Einsatz von Holzkohle … im Kultursubstrat zur Pflanzenanzucht oder als Träger für Düngemittel“ (ebd., 7). Und das Ausgangsmaterial dieser Holzkohle ist reguliert und hat derzeit zugunsten des Bodenschutzes – wie die Wortwahl schon zeigt – aus Holz zu bestehen. Würde Pflanzenkohle lukrativ und stark nachgefragt, bestünde die Gefahr, dass ungeeignetes, anders umweltgerechter zu verwendendes sowie extra angebautes Ausgangsmaterial (‚Anbaubiomasse‘) zum Einsatz käme (vgl. ebd., 5). Der regulative Aufwänd würde entsprechend hoch ausfallen.

Und:

  • „Ginge es nur um den Klimaeffekt der Pyrolysekohle, so ließen sich holzige Abfälle stattdessen besser in effizienten KWK-[Kraftwärmekopplungs]Anlagen zum Ersatz von fossilen Brennstoffen verstromen“ (ebd., 13).
  • Das Fazit des BUND lautet deshalb, dass es durchaus weiterhin Forschungsbedarf gebe, [a]ber zum jetzigen Zeitpunkt … eine breite Anwendung nicht empfehlenswert [ist:] Die möglichen positiven Effekte als Kohlenstoffsenke können die genannten Risiken nicht kompensieren“ (ebd., 14-15).
Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Auch bei niedrigeren Temperaturen kann man Terra Preta herstellen, wie es eben auch den historischen Produzent*innen gelang – aber das geschah in einer leeren Welt und es war seinerzeit auch nicht das Ziel, das Verfahren umweltgewinnend als CO2-Senke einzusetzen. In unserer ‚vollen‘ Welt hingegen haben wir aufzupassen, dass wir uns nicht durch die Hintertür einer zunächst vielversprechenden ‚Neu’erfindung andere neue Probleme schaffen.

2 Zur Verwertung werden pflanzliche Abfälle vorgeschlagen wie bspw. Laub, Hecken- und Grünschnitt, Getreidespreu „sowie anderer [eher trockene, nährstoffarme] Rest-Biomassen z.B. aus der Lebensmittelindustrie“ (Fachverband Pflanzenkohle 2020a). Seit Januar 2020 ist Pflanzenkohle im EU-Bioanbau zugelassen (vgl. Fachverband Pflanzenkohle 2020b).


Somit ergibt sich m.E. das Gesamtbild, dass die Herstellung von Terra Preta zwar eine sehr hoch zu bewertende historische Leistung ist und isoliert für sich genommen und theoretisch betrachtet eine Kohlenstoffsenke sein kann, aber alles in allem insbesondere an den Realitäten ‚zu wenig Ausgangsmaterial‘, ‚zu komplexer Produktionsprozess‘, ‚zu hoher Regulierungs- und Kontrollaufwand‘ nicht wirklich sinnvoll ist.

  • Hier spielen ein weiteres Mal auch mögliche Rebound-Effekte (vgl. S. 257), hinein. Für jeden Produktionsprozess bedarf es erheblicher, zu bauender Infrastruktur. All das Ausgangsmaterial hat modellhaft ausgedrückt beschafft, transportiert, gelagert, auf Schadstoffe geprüft, aufbereitet, zwischengelagert, ein weiteres Mal transportiert und erneut gelagert zu werden. Einfach erscheinende Lösungen, die auch mal suggerieren, eine Verhaltensänderung des Menschen in der Klimakrise sei gar nicht notwendig, scheitern oftmals an diesem simplen Punkt, nämlich, dass der Gesamtenergiebedarf der ‚einfachen Lösung‘ übersehen wird. Letztlich führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass nur ein absolutes ‚Weniger‘ in allen Lebensbereichen wirklich weiterhilft
…mehr

Im Juli 2020 berichtet der Spiegel über eine Studie zu einem weiteren Verfahren, mit dem möglicherweise Kohlendioxid durch Einbringung von Stoffen in die Felder aus der Atmosphäre gezogen werden könnte: Enhanced Rock Weathering (ERW), also die ‚Beschleunigte Gesteinsverwitterung‘. Hier möchte man sich zunutze machen, was ohnehin Gebirgen relevant mit Basaltgestein geschieht: Es verwittert CO2-bindend zu Karbonaten. Der ohnehin beim Bergbau abgetragene und als in der Zement- und Stahlproduktion übrigbleibende Basalt soll demnach zerkleinert als Steinstaub in großem Maßstab auf Felder aufgebracht werden und zugleich einen nährstoffsteigernden Effekt haben. Bei nachfolgender Einspülung ins Meer wirke es der Versauerung entgegen. Die Studie spricht von 2 Mrd t CO2; eine Studie des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sprachen schon vor zwei Jahren von 5 Mrd t CO2 (vgl. Götze 2020). Wie bei Terra Preta klingt das erst mal vielversprechend. Bis man sich klar macht, wie viel Energie und Kontrollen notwendig sind, bis das Zeug auf den Feldern gelandet ist. Dann sind wir wieder beim: Rebound.


Der BUND gibt ergänzend zu bedenken, dass die Einbringung von Terra Preta nur bei ökologischer, humusaufbauender Agrarkultur angezeigt ist, weil eben nur sie diesen humusaufbauenden Prozess stützt und bei konventionell-industrieller Stickstoffdüngung keinen Sinn macht (vgl. ebd., 10) – was bedeutet, dass in Deutschland derzeit überhaupt nur 6% der Feldflächen in Frage kämen (vgl. ebd.).

Und dieser Aspekt bzw. dieser Gedanke führt uns zurück zu dem allgemeineren Thema ‚Humusaufbauende Agrarkultur‘, welche eben ja auch unabhängig von Terra Preta erheblich zur Kohlenstoffbindung im Boden beiträgt – und eben auf 94% der Felder noch gar nicht als Kohlenstoffsenke genutzt wird. Hier liegt ein unglaublich hoher Mehrwert, der einen speziellen, aufwändigen Produktionsprozess wie bei Terra Preta gar nicht benötigt:


Humusaufbau als große CO2-Senke

„Ein Humusaufbau von nur einem Prozentpunkt auf diesen [bisher global als Acker- und Weideland genutzten, zurzeit etwa durchschnittlich 2% Humus enthaltenen] Flächen könnte 500 Gigatonnen CO2 oder 135 Gigatonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre holen, was einer Reduzierung von 64 ppm (parts per million) entspräche. Das brächte den heutigen CO2-Gehalt in der Atmosphäre auf weitgehend ungefährliche 336 ppm. Steigen die Emissionen allerdings weiter auf 550 ppm an und sollen dann auf das vorindustrielle Niveau von 280 ppm zurückgebracht werden, müsste der Humusanteil in den globalen Böden im Extremfall auf gut vier Prozent gesteigert werden – höchst anspruchsvoll, aber auch nicht völlig unmöglich“ (Scheub/Schwarzer 2017, 63, vgl. ebd., 65).

Generell ist das so unmöglich nicht:

Wichtig dazu ist zu wissen, dass die globalen Böden ohnehin und derzeit etwa 2 bis 3 Mal so viel Kohlenstoff enthalten wie die gesamte Atmosphäre (vgl. 4p1000, 2015a).

Und:

Scheub/Schwarzer weisen darauf hin, dass ein Geologe im Südosten Australiens Mitte des 19. Jahrhunderts Böden auf ihren Kohlenstoffgehalt hin untersuchte:

  • „Die zehn produktivsten Böden wiesen Niveaus an organischer Substanz zwischen 11% und 37,75% auf. Die zehn am wenigsten produktiven Böden bewegten sich zwischen 2,2% und 5%. Heutzutage gilt jeder landwirtschaftlicher Boden mit einem Anteil von 5% als extrem reich“ (2017, 65).

Womit überaus deutlich angedeutet ist, wo die Menschheit heute steht in Sachen Bodendegration – und was eigentlich möglich wäre.

Scheub/Schwarzer bieten hier also – ähnlich wie die Verfechter*innen einer umfassenden globalen Aufforstung – eine umfassende Lösung an, wie der Atmosphäre mittelfristig riesige Mengen CO2 entzogen und gleichzeitig die erodierten Böden dieser Welt zugunsten der Ernährungssicherheit der Menschheit regeneriert werden könnten. Bei allem hier verlautbarten Optimismus wird es niemals die eine Lösung sein, die die Klimaherausforderung meistert. Was hier jedoch definitiv abzulesen ist, dass Humus-Aufbau eine scharfe Waffe ist, die wir Menschen nutzen können, um einen wichtigen großen Schritt nach vorn zu kommen.

Wichtig ist dabei herauszustellen, dass uns ein solches Vorgehen lediglich Zeit verschafft, um unsere ölgetränkte Fossilwirtschaft umzustellen, denn der Humusboden nimmt ja nicht künftig noch mehr und noch mehr CO2 auf. Wir können vereinfacht ausgedrückt einmal eine relevante Menge CO2 in die Böden bringen und den so gesättigten Boden weiterhin pflegen. Aber eine Klimaneutralität ist allemal trotzdem – und zwar sehr schnell – erforderlich.

Die ‚4 per 1000‘-Initiative rechnet derweil auf dem Boden der eher konservativen Angaben des IPCC vor, dass ein jährlicher Humusaufbau von 4 Promille, d.h. 0,4%, ausreichen würde, um bei Umsetzung entsprechender Maßnahmen – die neben Bodenregeneration durch die Nutzung von Kompost z.B. auch Wiederaufforstung und Bäumepflanzen beinhalten –, umgehend alle jährlich hinzukommenden CO2-Emissionen wieder aus der Atmosphäre zu ziehen (vgl. 4p1000, 2015 u. 2018).

Details

Der IPCC geht laut Scheub/Schwarzer von einen globalen jährlichen Kohlenstoff-Speicherpotenzial von 0,8-1,2 Gt aus, FAO von 3 Gt, Rattan Kal von der Uni Ohio von 2,5-5 Gt (vgl. 2017, 69).

Wenn also der „zertifizierte Ökoanteil der Landwirtschaft [in Europa] bei 5,7 Prozent [liegt]“ (Scheub/Schwarzer 2017, 113), in Deutschland bei 6,5 (vgl. ebd.), dann bedeutet das, dass allein durch die Umstellung von konventionell auf Kompost riesige Mengen an CO2 in den Boden gebracht werden könnten:

Scheub/Schwarzer weisen darauf hin, dass man „[m]it Leguminosen … etwa 2 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr speichern, mit organischem Dünger etwa 3,5 Tonnen, mit Kompost 8,2“ (2017, 113).

Es folgt:

  • „Weltweit könnten durch klimaschonende Verfahren im Ackerbau und bei der Tierhaltung laut IPCC langfristig 2,3 bis 9,6 Milliarden Tonnen Treibhausgase pro Jahr gespart werden“ (Berkel 2019).

Davon sind wir weit entfernt.

Absurd ist, dass mit Terra Preta, Steinstaub etc. immer wieder neue Methoden vorgeschlagen werden. Es liegt viel näher, einfach durch eine umfassende Agrarwende den Stickstoff aus der Rechnung zu nehmen.

  • Nicht nur würden diese Emissionen verschwinden, sondern gleichzeitig würden die regenerativen Methoden aktiv Kohlenstoff in die Erde bringen. Und diese Form der Kohlenstoffbindung im Grunde ist genommen nichts anderes als natürliche negative Emissionen – etwas was in diesen Zeiten sehr erstrebenswert ist.


Es gibt weitere Argumente, auf regenerative/bodenbewahrende Agrarkultur zu setzen und das System ‚konventionelle Landwirtschaft‘ auf den Kopf zu stellen:


Konventionelle Landwirtschaft & Artenvielfalt

„Schädlinge profitieren von großen Monokulturen und davon, dass die immer gleichen Pflanzen auf dem Acker stehen. Eine Diversifizierung mit vielen Kulturarten, langen Fruchtfolgen und kleinen Feldern hilft, die Vielfalt der Insekten zu erhalten und damit ein für die Landwirtschaft günstigeres Gleichgewicht zwischen Schädlingen und Nützlingen sicherzustellen“ (Tscharntke 2020, 13).

Umgekehrt bedeutet das:

„Die Vielfalt an Insekten in Agrarlandschaften ist immer dann besonders hoch, wenn viele kleine Felder mit unterschiedlicher Nutzung aneinandergrenzen“ (Scherber 2020, 27).

  • „Eine in Deutschland erstellte Metastudie aus vielen Einzeluntersuchungen weist nach, dass auf ökologisch bewirtschafteten Flächen 23 Prozent mehr blütenbesuchende Insektenarten vorkommen als auf konventionellen Flächen. Es gibt im Mittel 30 Prozent mehr Wildbienen- und 18 Prozent mehr Tagfalterarten. Nicht nur die Vielfalt der Insekten ist beim ökologischen Landbau besser, auch ihre Anzahl erhöht sich: Im Durchschnitt sind 26 Prozent mehr Blütenbesucher auf den Bioflächen vorhanden, und die Anzahl der Tagfalter ist sogar um fast 60 Prozent erhöht. Ein häufig genutzter Indikator für Biodiversität und Insekten sind Feldvögel. Auf Ökoflächen finden sich 35 Prozent mehr Arten, die dort zudem um 24 Prozent häufiger vorkommen“ (Wenz 2020, 40).

Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung, Olaf Brandt vom Nabu und Barbara Bauer von Le monde diplomatique fassen zusammen:

  • „Insektenschutz zahlen wir nicht an der Ladenkasse. Die Bäuerinnen und Bauern bekommen ihn nicht entlohnt. Genau das muss aber passieren – am besten in dem die EU die fast 60 Milliarden Euro jährlich, mit denen sie die europäische Landwirtschaft unterstützt, zielgerichtet für eine Insekten- und klimafreundliche Landwirtschaft einsetzt“ (Unmüßig et al. 2020, 7).

Status quo der EU-Förderprinzipien für die industrielle Landwirtschaft

Zurzeit läuft die Landwirtschaftsförderung der EU nach dem Flächenprinzip: „Wer viel Fläche hat, bekommt viel Geld. Sie[, die EU,] formuliert weder konkrete Ziele für den Arten- und Klimaschutz, noch verpflichtet sie die Mitgliedsstaaten, einen bestimmten Anteil der Agrarförderung für ökologische Ziele einzusetzen“ (Bender 2020, 37).

Die finanziellen Mittel der der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) betragen fast 60 Milliarden pro Jahr. „Das Geld wird pro Hektar Fläche vergeben. Die größten Betriebe bekommen das meiste, während Programm für den Erhalt kleiner Bauernhöfe völlig unterfinanziert sind“ (Unmüßig et al. 2019, 6): „Im Jahr 2016 erhielten… rund 1 Prozent aller Betriebe rund 20 Prozent der Direktzahlungen“ (Schmid/Häger 2019, 20).

  • „70 Prozent der EU-Gelder werden pro Hektar ohne weitreichende Auflagen ausgegeben. Wer viel Land bewirtschaftet, bekommt viel Geld“ (Agrar-Atlas 2019, 8).
  • „Auf der anderen Seite machen kleine Höfe mit weniger als zehn Hektar und einer zumeist vielfältigen Produktion rund 80 Prozent aller Agrarbetriebe in der EU aus. Doch sie nehmen nur zehn Prozent der verfügbaren Landes in Anspruch“ (Becheva/Rioufol 2019, 18).
  • „In der EU haben zwischen 2003 und 2013 ein Drittel aller Bauernhöfe aufgegeben. Heute bewirtschaften 3,1 Prozent aller Betriebe mehr als die Hälfte des Agrarlandes“ (Agrar-Atlas 2019, 9).
  • „[I]m Jahr 2013 [wurden] mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen in der Europäischen Union von nur 3,1 Prozent der Betriebe genutzt, während, drei Viertel von ihnen mit nur 11 Prozent der Fläche auskommen musste… In vielen EU-Staaten werden [die entscheidenden] Direktzahlungen … nur an Betriebe mit mindestens einem Hektar Anbaufläche ausgezahlt. Das macht Millionen Betriebe, die kleiner sind, praktisch ‚unsichtbar‘. Ohne Beihilfen oder andere Unterstützung bleibt ihnen nur die Wahl, den Betrieb zu verkaufen oder aufzugeben. Auf diese Weise ist beispielsweise in Bulgarien die Produktion von Gemüse und Fleisch, die auf kleiner Fläche erfolgreiche funktionierte, zurückgegangen und machte Getreidemonokulturen Platz“ (Bîrhala 2019, 24-25).


Eine neue im Sommer 2020 veröffentlichte Studie zeigt ein weiteres Mal, wie wenig die bisherige EU-Agrarpolitik geeignet ist, die bisherige Landwirtschrift zukunftsfähig zu machen:

  • „Von den 54 Milliarden Euro Subventionen, die jedes Jahr an die Landwirte überwiesen wurden, waren demnach nur vier Prozent ausdrücklich für klima- und umweltfreundliche Produktionsmethoden vorgesehen“ (Finke/Liebrich 2020).


Auf dem Papier gibt es in der EU durchaus Regelungen, die den Einsatz von Pestiziden und Bodenerosion reduzieren sollen. So verlangt die EU seit 2015 zur Vermeidung von großflächigen Monokulturen, „dass Betriebe mit einer Ackerfläche von mehr als zehn Hektar mindestens zwei, ab 30 Hektar mindestens drei Fruchtarten anbauen müssen… [Soweit ein Schritt in die richtige Richtung, doch hält d]as deutsche Umweltbundesamt … diese Vorschrift für wirkungslos. Denn die EU hat ein Schlupfloch eingebaut: Auf 75 Prozent der Flächen eines Betriebs gilt diese Regel nicht. Dort werden Monokulturen geduldet“ (Neumeister 2019, 30).

Gerne beruft man sich dann darauf, dass man als Einzelstaat nicht gegen die Vorgaben aus Brüssel handeln könne. Nun, Dänemark kann. Wie sooft ist das Land Vorbild, in diesem Fall mit einer Pestizidsteuer:

  • „Sie hat dazu beigetragen, dass sich der Pestizideinsatz zwischen 2013 und 2015 halbiert hat, und sie führte zu Einnahmen von 70 Millionen Euro jährlich, mit denen dänische Bauern und Bäuerinnen für geringere Erträge entschädigt wurden“ (Chemnitz 2020, 38).

Update Juli 2020:

Die GAP wird alle sieben Jahre neugefasst: Derzeit wird für den Zeitraum ab 2021 verhandelt. Deutschland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne und könnte daher die Federführung übernehmen, um in der Schlussverhandlungsphase eine nachhaltigere Landwirtschaft zu befördern:

  • „Rund 387 Milliarden Euro wollen die EU-Staaten bis 2027 bereitstellen, um die Landwirtschaft zu fördern. Das ist ein Drittel des gesamten EU-Haushalts. Das Geld könnte auch dafür genutzt werden, den Klimawandel zu bekämpfen. Für keine andere Branche steht ein derart mächtiges [Klima-]Steuerungsinstrument zur Verfügung“ (Schaible 2020).

Tilman von Samson, FFF, kommentiert die Verhandlungen zum GAP wie folgt:

  • „Man muss sich klarmachen, dass die GAP eine Klimaentscheidung ist – wahrscheinlich eine der größten des Jahrzehnts“ (zit. ebd.).

Nach Ansicht von 3.600 Wissenschaftler*innen geht der grundlegende, die Verhandlungen massiv beeinflussende

  • „Vorschlag der Europäischen Kommission für den Zeitraum nach 2020 … nur unzureichend auf Umweltprobleme und auf Herausforderungen der Nachhaltigkeit ein … und führt mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem ‚Business-as-usual-Szenario‘“ (Nabu 2020, 2).

Fazit Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft

Gegen Bio wird gern eingewendet, die Produktion sei teuer. Sie ist fraglos arbeitsintensiver – ergo: Sie schafft mehr Arbeitsplätze. Bio ist auch deshalb weniger billig, weil keine (bzw. entscheidend weniger) Kosten externalisiert werden. Die Preise sind folglich: realistisch. Würde Bio zum Standard, würde die Massenproduktion kostenreduzierend wirken. Auch würde der Kostenaufwand der Zertifizierung entfallen.

Eine globale bodenbewahrende Agrarkultur mit einer Tierwohl-orientierten und in diesem Sinne begrenzten Tierhaltung besitzt folgende vorteilhafte Eigenschaften:

Keine statt sehr hohe Lachgasemissionen | Wesentlich weniger Methan-Emissionen | CO2-bindender Humus-Aufbau mit relevanten, zeitverschaffenden globalen CO2-Emissions-Reduktionen | Bewahrung/Verbesserung der Trinkwasserqualität | Zukunftssicherung von lebendigen Böden zugunsten globaler Ernährungssicherheit | Regenerierung von Böden, die komplett erodiert waren – auch in wüstenähnlichen Gegenden; wirkt der Desertifikation entgegen, daher massiver Beitrag zu Klimagerechtigkeit | In diesem Sinne auch Konflikt-vermeidend und somit friedensstiftend | Mehr Tierwohl (auch im Boden!) | Weniger/keine Pestizide, kein Glyphosat, d.h. gesündere Produkte | Starker Beitrag zur Reduzierung des begonnenen sechsten Massenaussterbens

insbesondere hinsichtlich Insekten und Vögel | keine Handbestäubung, keine Roboterbienen1 | kleinere Höfe, mehr Selbstbestimmung, weniger Kapital- und Konzernlogik, weniger Abhängigkeit von dem Geschäftsgebaren von Großunternehmen, teilweise regionalere Lieferketten | keine Hybridpflanzen2, daher keine Abhängigkeit von Saatgutunternehmen | keine Gen-Technik | Weniger Landgrabbing, weniger Vertriebene | Regenwalderhaltung | Global viel mehr Arbeitsplätze


Diese Liste ist zweifellos ebenso lang wie beeindruckend – was also steht einer hinsichtlich Mensch, Tier, Umwelt, Klima so vielfältig vorteilhaften und m.E. keine Nachteile mit sich bringenden bodenbewahrenden Agrarkultur im Wege?

Das Geld, wie es derzeit ‚funktioniert‘ | Der Finanzialismus, Shareholder Value, Aktionär*innen, Pensionsfonds, Agrarkultur entzieht sich ein stückweit der Quantifizierung und dem kurzfristigen Geschäft | Agrarchemie-/Landmaschinen/Saatgut-Großkonzerne bzw. Großkonzernlogik | Großgrundbesitzer*innen | Lobbyist*innen als Handlanger*innen | Korruption –

in einem Satz:

Das viele Geld der Wenigen.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Aspekt ‚Roboterbienen‘ vgl. Abschnitt Klimakrise als Chance, S. 455; Handbestäubung: In China, konkret in Hanyuan, einer hoch gelegenen Bergregion Sichuans und dort auf einige Dörfer eingegrenzt, wurden vornehmlich in den 1980er und 1990er Jahren Blüten mit der Hand bestäubt, „weil übermäßiger Pestizideinsatz den Bestand der Bestäuberinsekten stark reduziert hatte. Außerdem hatten viele Obstbauern selbststerile Apfelbäume, nicht aber die erforderlichen Apfelsorten für eine Kreuzbestäubung gepflanzt. 25 bis 30 Prozent solcher Kreuzbestäuber werden in einer Plantage gebraucht, in den betroffenen Dörfern gab es aber weniger als 10 Prozent… Inzwischen sei die Handbestäubung in Han­yuan aufgrund stark gestiegener Löhne unrentabel und weitgehend eingestellt worden… Die Zahl der Bienenvölker ist in China in den vergangenen 50 Jahren kontinuierlich von 3,7 auf über 9 Millionen angestiegen“ (Asendorpf 2018; vgl. Film-Doku ‚More Than Honey‘, in der dieser Vorfall offensichtlich nicht zutreffend ungleich dramatischer geschildert wird).

2 Hybridpflanzen sind ‚Einwegpflanzen‘, gehen aus Hybridsaatgut hervor, welches durch Kreuzung zweier genetisch deutlich unterschiedlicher Inzuchtlinien, die über mehrere Generationen auf bestimmte Eigenschaften zielend gezüchtet werden, entstanden ist und sozusagen dann ‚best of both worlds‘ beinhaltet. Die so entstandenen Pflanzen bzw. Feldfrüchte gelten als größer und widerstandsfähiger (‚Heterosis-Effekt‘). Hybridsorten sind oftmals nicht saatfest. Selbst wenn sie nicht steril sind, weist die Folgegeneration nicht mehr stabil die optimalen Eigenschaften der Hybridgeneration auf. Daher hat das Saatgut Jahr für Jahr neu erworben zu werden – was Abhängigkeiten schafft und gerade auf globaler Ebene äußerst problematisch sein kann. Der Übergang zwischen ‚Züchtung‘ und ‚Gentechnik‘ ist bei Hybridsorten heute als fließend zu bezeichnen, vgl. die in der EU als nicht gentechnisch verändert geltenden sog. CMS-Hybride, d.h. Hybride mit cytoplasmatischer männlicher Sterilität (vgl. Pflanzen.Forschung.Ethik 2017, Pflanzenforschung 2020, Ländle o.J., Gartenrevue o.J., Heistinger o.J., transgen 2013). Bei „Mais und Roggen … haben sich Hybridsorten weitgehend durchgesetzt. Bei Zuckerrübe, Raps oder Sonnenblumen sind sie weit verbreitet, ebenso wie [bei] Tomaten, Brokkoli oder Rosenkohl. In Deutschland wird der Anteil der Hybridsorten bei den gängigen Gemüsesorten auf etwa 70 Prozent geschätzt“ (Pflanzen. Forschung. Ethik 2017). Die Agrarwissenschaftlerin Andrea Heistinger ergänzt: „In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil von Hybridsorten rasant gestiegen. Zum Beispiel liegen bei Tomate, Paprika oder Chinakohl die Anteile mittlerweile bei rund 80 Prozent Hybridsorten. Mit dem Aufkommen der Hybride wurden viele samenfeste Sorten vom Markt genommen… [Kein Wunder:] Etwa 95 Prozent des EU-[Saatgut-]Marktes liegen in den Händen von nur fünf Unternehmen“ (o.J.). | Kurz sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass „Pink Lady … der Name eines Apfels [ist], der zur globalen Marke wurde. Während Sorten wie Braeburn oder Boskop von jedermann angebaut werden dürfen, kontrollieren die Inhaber der Pink-Lady [-Sorten-und-Marken]-Rechte die gesamte Wertschöpfungskette“ (Fulterer 2020, 27). „Wer sie anbaut, unterwirft sich totaler Kontrolle“ (ebd.). Da für diesen ‚Premiumapfel‘ höhere Marktpreise üblich sind, erwirtschaften die anbauenden Betriebe mehr, zahlen allerdings auch hohe Preise für die Bäume sowie auf Grundlage der Erntemenge rund 5% Lizenzgebühr (vgl. ebd.).


Quellen des Abschnitts Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft



Zu viele Tiere auf zu wenig Raum >> Trinkwasserschädigung durch Nitrat

Nitratbelastung des Trinkwassers

Stephan Schumüller, Chef des Wasserverbands Garbsen-Neustadt:

  • „Nitrat im Wasser … [können] Sie … weder sehen noch schmecken“ (Jüttner 2019, 34).

Stickstoff als Dünger: Aus Stickstoffüberschüssen (=Überdüngung) wird Nitrat.

  • Gülle und Kunstdünger sorgen durch den hier enthaltenen Stickstoff für besseres Pflanzenwachstum und reichere Ernten.
  • Alles, was die so gedüngten Pflanzen nicht aufnehmen, geht ins Trinkwasser bzw. geht via Auswaschung/Regenwasser in Gewässer, Bäche und Flüsse.
  • Alle mit Stickstoff versorgten Pflanzen wachsen ‚besser‘ – also auch
    • die zwangsweise gedüngten Bäume, die durch unnatürlich verstärktes Wachstum anfälliger werden und
    • die Algen in Gewässern. (Es entstehen großflächige Algenblüten, deren Zersetzung dem Gewässer Sauerstoff entzieht, der dann anderen Lebewesen des Meeres nicht mehr zur Verfügung steht. Der Prozess nennt sich Eutrophisierung – es entstehen aufgrund des Sauerstoffmangels Totzonen in Ozeanen (s.a. Abschnitt Sechstes Massenaussterben, S. 669ff., vgl. Jüttner 2019, 34 u. UBA 2010).


Auch für den Menschen ist Nitrat unmittelbar schädlich:

  • „Menschen sollten möglichst wenig Nitrat aufnehmen, weil es im Körper in Nitrit und Nitrosamine umgewandelt werden kann, Stoffe, die als krebserregend gelten“ (Jüttner 2019, 34).


Nitratentfernungsanlagen sind sehr teuer1, sowohl einzeln als auch hochgerechnet auf den potenziellen Bedarf an solchen Anlagen in Deutschland – wesentlich sinnvoller und zudem günstiger ist es, das Problem an der Wurzel zu packen und noch punktgenauer und letztlich eben deutlich weniger mit Gülle und Kunstdünger zu düngen (vgl. ebd., 35).

Details: Nitratentfernungsanlagen

In Frankreich investieren die Wasserwerke mit Stand 2011 jährlich 1,5 Mrd Euro, „um die Grenzwerte für Pestizide und Nitrat einhalten zu können“ (Löwenstein 2015), was die Verbraucher*innen über den Wasserpreis bezahlen, „obwohl die Landwirtschaft den Schaden verursacht hat“ (ebd.). Die Reinigung des gesamten Grundwasserreservoirs Frankreichs würde 50 Mrd Euro kosten. „Das entspricht der Bruttowertschöpfung der französischen Landwirtschaft eines ganzen Jahres. …Die Schäden, die zum Beispiel mit der Muschelzucht verursacht werden oder durch den Verlust an Tier- und Pflanzenarten, kommen oben drauf. Außerdem erleidet der Tourismus Einbußen durch die Algenplage, es gibt gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Pestizide in der Luft und in der Nahrung“ (ebd.).

  • Es ist explizit herauszustellen, dass das Nitrat-Problem ausschließlich durch
  • konventionell-industrielle Landwirtschaft inkl. Massentierhaltung bzw.
  • die Agrarpolitik und der Art der Ausgestaltung von Subventionen z.B. von EU und Deutschland

verursacht wird.


Eine Nuance entschärft werden diese Aussagen durch folgenden Hinweis:

  • „Allerdings nehmen Menschen schätzungsweise [derzeit] nur ein Viertel der täglichen Nitratmenge aus Trinkwasser auf. Größere Mengen stecken in Gemüse und Salat“ (ebd., 36).

Ein Viertel ist ein Viertel – und diese Aussage ändert nichts daran, dass wir das Grundnahrungsmittel ‚Trinkwasser‘ möglichst sauber von Nitrat und Pestiziden zu halten haben.

  • Das sieht auch die EU-Kommission so, die alles andere als zufrieden mit dem Zustand des Trinkwassers in Deutschland bzw. der hiesigen Düngepraxis ist. In der Folge hatte die EU-Kommission Deutschland am Europäischen Gerichtshof verklagt. Das Urteil erging 2018. Somit lagen hohe Strafzahlungen in der Höhe von täglich 850.000 Euro an die EU in der Luft. Diese wurden nun durch die Neuregelung des Düngerechts, welches etwas strengere Dünge-Auflagen vorsieht ohne das grundlegende Problem anzugehen, abgewendet (vgl. Spiegel 2020).


Das Schlusswort gehört hier Michael Kopatz:

  • „Viele Wasserwerke sind inzwischen dazu übergegangen, gutes mit schlechtem Wasser zu vermischen, um Grenzwerte einzuhalten. … Gegenwärtig fördern die Wasserwerke teilweise schon 150 Jahre altes, unbelastetes Wasser, um das Nitratproblem in den Griff zu bekommen“ (2016, 84).

Quellen des Abschnitts Zu viele Tiere auf zu wenig Raum >> Trinkwasserschädigung durch Nitrat



„Wir sind Soja-Junkies – und haben es gar nicht gemerkt.“ (Asendorpf 2018)

Landwirtschaft global: Der destruktive Kreislauf rund um die Fleischindustrie

Globaler Kreislauf Station 1:
Tierfutter-Produktion in (Süd-)Amerika.

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen auf der internationalen Agrar-Konferenz Hunger auf Veränderung 2016:

  • „Wir nehmen allein in Südamerika als Bundesrepublik Deutschland eine Ackerfläche von der Größe von Mecklenburg-Vorpommern in Anspruch, um die Tierfabrik (mit jährlichen 800 Mio Schlachttieren) in Deutschland am Laufen zu halten“ (Hofreiter 2016).

Bei diesem Tierfutter handelt es sich i.d.R. um Soja. Genauer: Um Gen-Pflanzen, deren Saatgut patentiert ist, also jährlich neu gekauft werden muss – und zwar vom gleichen Unternehmen, dass auch das ‚passende‘ Unkrautvernichtungsmittel bereithält: Die Pflanzen sind resistent gegen Glyphosat, das z.B. unter dem Markennamen ‚Roundup‘ von Bayer/Monsanto hergestellt wird.

  • Soja „bringt es … [in Brasilien] auf zwei Ernten pro Jahr, im kälteren Europa höchstens auf eine“ (Asendorpf 2018).
  • „Heute liegt der Anteil transgener Soja in allen Hauptanbaugebieten über 90 Prozent“ (ebd.).


Mit anderen Worten: Die heilige Kuh namens ‚keine Gen-veränderten Lebensmittel‘ ist zwar nach wie vor einen Aufreger wert – aber was die angeblich Gentechnik-freien Kühe gegessen haben, interessiert dann doch keine Sau.

  • Für den immer größer werdenden Bedarf an Tierfutter wird in Südamerika weiterhin und umfassend Regenwald gerodet (vgl. Aspekt Fleisch & Treibhausgase, S. 549f.).
    • Ein Fleischstück ist ein Stück Regenwald.
    • Umweltschützer*innen werden nicht selten umgebracht. Mindestens 212 wurde allein im Jahre 2019 getötet (vgl. SZ 2020). „Die meisten Morde an Umweltaktivisten wurden dem Bericht zufolge in Kolumbien (64), den Philippinen (43) und Brasilien (24) verübt … Besonders häufig hatten sich die getöteten Aktivisten gegen umweltschädlichen Bergbau (50), Landwirtschaft (34) und Forstwirtschaft (24) eingesetzt“ (SZ 2020).
    • Indigene und ‚kleine‘ Bauern werden von ihren seit Generationen bestellten Feldern vertrieben und um ihre Existenz gebracht, arbeiten des Öfteren nun auf ihren ehemaligen Feldern für einen Hungerlohn – und tatsächlich, viele hungern (vgl. Doku ‚We Feed The World‘ von Erwin Wagenhofer, 2005 – und
    • der brasilianische Bundesstaat „Mato Grosso“ muss sich eigentlich einen neuen Namen suchen, denn „Großer Wald“ trifft nicht mehr zu, mehr noch, „[h]eute ist der Bundesstaat fast gänzlich entwaldet“ (Franzen/Aders 2020, 9).
    • Fläche Sonja-Anbau in Brasilien: 1990 = 11 Mio Hektar | 2018 36 Mio Hektar (vgl. Santos 2020, 20)
    • USA, Argentinien und Brasilien = 80% der globalen Sojaproduktion (vgl. ebd.)


>> Alles hängt mit allem zusammen:
„[F]ür neues Weideland oder Futtermittelanbau Wald [wird] gerodet oder Grünland zu Ackerland umgebrochen … So schwinden die Lebensräume der Insekten“ (Santos 2020, 20).


Interessanterweise werden zumindest Rinder in Deutschland seit einigen Jahren zu einem großen Teil nicht mehr mit Soja, sondern mit billigem Rapskuchen gefüttert. Das ist der eiweißhaltige Rest, der von Raps bleibt, wenn man ihn für den Biodiesel ausgepresst hat. Eine merkwürdige Entwicklung, zu der die ‚Beimischungspflicht von Pflanzenöl bei Dieselkraftstoff‘ geführt hat. Diesen Rapskuchen zu verfüttern ist nicht nur billig, sondern erhöht den Wert des Rindfleisch- und Milchproduktes, weil man es als in jeder Hinsicht Gentechnik-frei verkaufen kann (vgl. Asendorpf 2018).


Station 2:
Jungtier-Import

Z.B. kommen Ferkel aus Dänemark und den Niederlanden, die die Zucht optimiert haben (vgl. Asendorpf 2018).


Das Futter kommt über den Atlantik, die Jungtiere aus Nachbarländern – es folgt:


Station 3:
Die Tiermast erfolgt in Deutschland

Die Gülle fällt hier an. Gülle ist organischer Dünger, der Stickstoff enthält.

  • Stickstoff in der Landwirtschaft
  • „Pflanzen brauchen Stickstoff, um Eiweiß zu bilden. In der Luft ist Stickstoff zwar reichlich vorhanden, doch die meisten Pflanzen können diesen Luftstickstoff nicht direkt aufnehmen. Sie benötigen ihn in gebundener Form im Boden. Auf natürliche Weise werden diese Stickstoffverbindungen dort von Bakterien erzeugt. Eine intensive [konventionelle/industrielle] Landwirtschaft ist jedoch nur mit zusätzlichem Stickstoff aus Mineraldünger möglich. Der wiederum wird aus Erdgas gewonnen – aus sehr viel Erdgas. Fast fünf Prozent der globalen Erdgas-Produktion werden dafür verbraucht. Über 100 Millionen Tonnen Stickstoffdünger landen jährlich auf den Äckern der Welt“ (Asendorpf 2018, s.a. vertiefend Aspekt Stickstoffdüngung in der industriellen Landwirtschaft, S. 569f.).
  • Pflanzen (ver-)brauchen Stickstoff – mit der Ernte der Pflanzen entfernt man auch den aufgenommenen Stickstoff.
    • „Insgesamt jedoch liegt der Stickstoff-Eintrag jedes Jahr deutlich über dem Austrag, der Überschuss beträgt im Schnitt rund 100 Kilo pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche“ (Asendorpf 2018).
  • Und dieser Stickstoff bleibt nicht einfach ‚geduldig‘ bis zur nächsten Bepflanzung unverändert im Boden:

    Stickstoff
    • gast aus als Lachgas,
    • versickert,
    • wird ausgewaschen und
    • landet auf die eine oder andere Weise als Nitrat im Wasser.


Laut einer im November 2019 veröffentlichten Studie gelangt durch die genannte Überdüngung deutlich mehr Lachgas in die Atmosphäre als bisher angenommen.

  • „Demnach entwich zuletzt etwa 2,3 Prozent des eingesetzten Stickstoffs aus Dünger als Lachgas in die Atmosphäre. Der Weltklimarat IPCC rechnet in seinen Berichten mit einem Wert von 1,4 Prozent…. Die Studie erhöhe die Bedeutung der Lachgas-Emissionen aus der Landwirtschaft für den Klimaschutz, erklärt Fortunat Joos, Klimaexperte an der Universität Bern, der nicht an der Studie beteiligt war. ‚Die Ergebnisse legen nahe, dass die Lachgas-Emissionen aus Dünger in den nationalen Klimaberichten an die Uno rund 70 Prozent zu niedrig angesetzt sind‘“ (Merlot 2019).
  • Möglicherweise wird auch schlicht übersehen, dass „in jedem Kilogramm Soja[importfutter] … fast 30-mal mehr Stickstoff als in heimischem Mais [steckt]“ (Kopatz 2016, 83).


Das Fazit kann daher eigentlich nur lauten:

  • „Wir brauchen eine an die Fläche gebundene Tierhaltung, also nur noch so viele Tiere, wie eine Fläche vertragen kann“ (DUH 2019).


Zustand des Trinkwassers in Deutschland bzgl. Nitrat:

  • „Besonders gravierend ist die Situation … in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Gut zehn Millionen Schweine, 2,7 Millionen Rinder und über hundert Millionen Hähnchen, Hühner und Puten werden dort gehalten“ (Asendorpf 2018).
  • „Rund die Hälfte aller Grundwasser-Messstellen in Niedersachsen melden bereits Grenzwertüberschreitungen. Und die Böden sind immer weniger in der Lage, das Nitrat auf dem Weg bis ins Trinkwasser wieder abzubauen“ (ebd.).
  • „In Niedersachsen mit seiner Massentierhaltung sind nur noch 40 Prozent aller Grundwasserbrunnen ohne Nitratfilter nutzbar“ (Scheub/Schwarzer 2017, 37).
  • „36 Prozent der Grundwasserkörper unter allen Landnutzungen sind [in Deutschland] in einem schlechten chemischen Zustand. In Deutschland verfehlen knapp 74 Prozent dieser betroffenen Grundwasserkörper die Ziele wegen zu hoher Nitratkonzentrationen“ (BMU 2019).
  • „Hauptverursacher der hohen Nitratwerte ist die Landwirtschaft: durch Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen, die auf Felder aufgebracht werden, und durch das Streuen von Kunstdünger“ (Jüttner 2019, 34).


Die Düngeverordnung sieht vor, dass – je nach Beschaffenheit des Bodens – lediglich eine jeweils definierte Menge Gülle (z.B. als Dünger) in den Boden gelassen werden darf – mit der Folge, dass es in den Worten von Renate Künast zu „Gülletourismus“ kommt, soll heißen, ein verkehrsintensiver Handel mit Gülle hat eingesetzt (vgl. Grefe/Theile 2019, 31). „[A]llein in den beiden Landkreisen Cloppenburg und Vechta [in der Region Oldenburg, die ‚Gülle-Gürtel‘ genannt wird, fielen mit Stand 2013] jährlich 7,4 Millionen Tonnen der Brühe an. Auf die Äcker darf aber [mit Stand 2013] nicht mal die Hälfte ausgebracht werden. Der Rest müsste in weniger belastete Regionen geschafft werden. Dazu braucht man wiederum 120.000 Tankwagenfuhren“ (Amann et al. 2013, 67).


Ich zweifle, dass es in diesen beiden Landkreisen jährlich 120.000 Tankwagenfuhren gibt. Und wenn es so wäre: Auch das wäre für sich genommen Wahnsinn.


Egon Harms, Leiter der Qualitätsüberwachung beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband:

  • „Es gibt ein großes Gülleproblem im oberflächennahen Grundwasser, das ist der Bereich bis etwa zehn Meter unter Geländeoberkante. Dort haben wir hohe Nitratbelastungen1. Die Trinkwassergewinnung, die findet in größeren Tiefen statt – zwischen 50 und 100 Meter unter Gelände. Und dort ist die Nitratbelastung noch so gering, dass wir einwandfreies Trinkwasser auch liefern können … [Was] wir nicht wissen: Macht der Untergrund das noch in zehn Jahren, in 50 Jahren oder in 500 Jahren? Wenn wir jetzt feststellen, dass in einigen Förderbrunnen das Nitrat bereits ankommt, dann sehen wir natürlich dort, dass diese Systemleistung, Nitrat abzubauen, sich allmählich da auch erschöpft hat schon. Das sind natürlich Alarmzeichen, die wir sehr ernst nehmen“ (zit. in Asendorpf 2018, vgl. Amann et al. 2013, 67).
Details: Erläuterungen zu (1)

Das sagte Egon Harms auch schon fünf Jahre früher im Spiegel – und bezog sich dort auf die „vergangenen sieben, acht Jahre[, in denen] … die Nitratwerte im oberflächennahe Grundwasser … besorgniserregend gewachsen [sind] (Amann et al. 2013, 67). Macht zusammen ‚zwölf, dreizehn Jahre‘.


Und Egon Harms legt den Finger tief in die Wunde:

  • „Wenn wir überlegen, dass wir in Deutschland als Informationsgesellschaft mittlerweile zu teuer sind, um Schiffe zu produzieren, um Fernseher zu produzieren, wieso können wir dann noch Schweinehälften für den Weltmarkt produzieren und das zu weltmarktkonformen Preisen?

    Ich glaube, das liegt im Moment daran, dass wir in der Umweltgesetzgebung nicht das tun, was wir tun müssen, beim Tierwohl haben wir sehr hohen Nachholbedarf und auch die Arbeitsverhältnisse der Menschen in diesen Fleischfabriken ist ja völlig indiskutabel.

    Das heißt, in drei Rechtsbereichen verstoßen wir eklatant gegen gesetzliche Normen und Spielregeln, die von der Bevölkerung auch zunehmend eingefordert werden“ (zit. in Asendorpf 2018).

Station 4: 
Tiertransport 

Dazu möchte ich nur kurz die Albert-Schweitzer-Stiftung zitieren:

  • „Rinder dürfen bis zu 29 Stunden am Stück transportiert werden“ (2014).


Wo um Himmels Willen sollen diese Tiere hingekarrt werden?

>> siehe vertiefend Abschnitt Fleisch & Tierhaltung: Tiertransporte XXL, S. 561f.


Station 5: 
Schlachthof & Ethik?

  • Zustände beim Schlachten 
  • ‚billige‘ Arbeitskräfte (vornehmlich) aus Osteuropa1

>> s.a. Abschnitte Fleisch & Ethik, S. 555 sowie Fleisch & Tierhaltung, S. 556f.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Hier sorgt ein labyrinthisches Geflecht von Subunternehmen dafür, dass die konkreten Arbeitsbedingungen inkl. Arbeitsschutz intransparent bleiben und kaum nachvollziehbar ist, ob tatsächlich Mindestlöhne gezahlt werden. Das ging früher durchaus anders: „[B]is in die [19]90er Jahren hinein gab es ganz normale Arbeitsverhältnisse. Nach und nach wurden diese dann ausgegliedert, dadurch sind die ganzen Subunternehmen entstanden. Das war eine Strategie der Fleischkonzerne. In der Nahrungsmittelindustrie ist das heute die Branche mit den schlechtesten Arbeitsbedingungen. Ich will den Konzernen aber nicht die alleinige Schuld geben, die Politik interessiert sich auch zu wenig dafür. Die Öffentlichkeit und die Verbraucher haben über die Jahre fast immer weggeschaut und sich keine Gedanken gemacht, welchen Preis ihr Billigfleisch im Supermarkt wirklich hat. Jetzt wird deutlich: Ausbeutung und Elend sind [neben mangelndem Tierwohl] der wirkliche Preis für billiges Supermarktfleisch“, sagt Mohamed Boudih, der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) von Nordrhein-Westfalen 2020 in der SZ. Robert Habeck fordert im Frühjahr 2020 eine Generalunternehmerhaftung, sodass unabhängig von den konkreten Vertragsverhältnissen der Schlachthofbetreiber die Verantwortung trägt und der Betriebsrat für alle im Unternehmen arbeitenden Menschen zuständig ist (vgl. Maurin 2020, 8). M.E. reicht im Sinne von Transparenz und Verantwortung die Beschränkung auf ein einfaches Subunternehmertum im Sinne traditioneller Zeitarbeit vollkommen aus, um die erforderliche Flexibilität herzustellen, d.h. die Vergabe von Sub-Subaufträgen etc. ist gesetzlich zu unterbinden. Die Bundesregierung hat im Juli 2020 im Zusammenhang mit Covid-19-Ausbrüchen in Schlachthöfen ein Gesetzesentwurf zum Verbot von Werkverträgen für Schlacht-Unternehmen mit mehr als 49 Beschäftigten auf den Weg gebracht (vgl. taz 2020). Mitte Juli hat Tönnies – die Firma, in der diese vielen Covid-19-Fälle aufgetreten – 15 neu eingetragene GmbHs ins Handelsregister eintragen lassen (vgl. Preker 2020).


Station 6: Großhandel >> Einzelhandel/Restaurant >> Teller >> Magen

Produziert wird aber nicht nur für die fleischliebenden Deutschen, sondern auch und zunehmend für den Export:


Station 7: 
Export, d.h. globaler Transport z.B. nach China und Afrika

  • „Bei Geflügel und Schweinen hat sich die Exportmenge in den vergangenen zehn Jahren glatt verdoppelt“ (Asendorpf 2018).

Schweinehälften werden also – unter Einhaltung einer energieintensiven Kühlkette – um den halben Globus containert, was hinsichtlich der Umwelt selbstredend wenig sinnvoll ist.

  • Pfoten, Schwänze und Köpfe gehen nach Asien. „Die Gebärmutter [vom Schwein] exportiert … [Clemens Tönnies] nach China, die Luftröhren nach Thailand, die Spareribs in die USA und nach Kanada, die Schwarten in 18 verschiedenen Varianten in den Rest der Welt“ (Amann et al. 2013, 71). Der Rest „geht in die sogenannte stoffliche Verwertung… Lachszüchter beispielsweise verfüttern das Blutplasma der Schweine an ihre Fische, damit deren Fleisch sich schön rosig färbt“ (ebd., s.a. Aquakultur und Lachs, S. 565).

Station 8:
‚Wochenmarkt‘ in Afrika

Auch abseits des CO2-lastigen Transports hat dieses industriell-billige Export-Fleisch den extremen Nachteil, dass es (wie auch im Bereich von Export-Gemüse) heimische Märkte (und damit auch die (Markt-)Kultur insbesondere in Afrika kaputtmacht: Die dortigen Kleinbauern können auf den Märkten nicht gegen die EU-Produkte konkurrieren.

  • „Das Filet finanziert meist das gesamte Huhn. Der Rest – vor allem Flügel, Hälse, Füße, Knochen, Innereien – ist für viele Erzeuger Abfall, der teuer entsorgt werden müsste. Doch die Fleischindustrie hat einen Weg gefunden, diese Kosten einzusparen: Was in Europa keiner essen will, wird als Gefrierfleisch nach Afrika verschifft und dort zu Niedrigstpreisen auf den Märkten verkauft. In Togo – 5.000 Seemeilen und 18 Tage Schiffsreise von Hamburg entfernt – ist deutsches Hühnerfleisch bis zu zwei Drittel billiger als einheimisches. Die Frachtkosten fallen kaum ins Gewicht“ (Obert 2014, 50). Und die Tatsache, dass „über die Hälfte des Importfleisches für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet [ist]“ (ebd., 53), weil die Kühlkette allzu oft nicht durchgehend gewährleistet werden kann, auch nicht. Das Geschäft lohnt sich dennoch:
  • „Seit 2010 hat die EU ihre Geflügelfleisch-­Exporte nach Afrika um 182 Prozent gesteigert, Deutschland die seinen im gleichen Zeitraum fast ver­dreifacht. Im vergangenen Jahr [2013] überschwemmten 42.700 Tonnen deut­sches Geflügelfleisch die afrikanischen Märkte. Mit verheerenden Folgen: In Togo deckten vor den Massenimporten jährlich rund zehn Millionen Hühner den Fleischbedarf; heute sind nur noch die wenigen übrig, die in den Dörfern meist zur Selbstversorgung dienen. Auch im benachbarten Benin, in Ghana, selbst im Kongo – überall kämpfen Bauern angesichts der Importflut ums Überleben. In Liberia und Sierra Leone, warnen Agrar­experten, blockiere das Billigfleisch aus den Industrienationen nach dem Ende jahrelanger Bürgerkriege den Aufbau der Landwirtschaft und die Ernährungssicherung und gefährde damit den fragilen Friedensprozess“ (ebd., 50).
Details: Importe Benin

Benin = 10 Mio Einwohner = 175.000 Tonnen deklarierte Geflügelimporte im Jahr 2013, noch einmal fast so viele nicht deklarierte Importe (vgl. Obert 2014, 54). Was passiert damit? Obert zitiert einen Informanten mit den Worten: „Wir laden das Zeug nachts aus den Kühlcontainern in Klein­lastwagen um … [,] packen es in Eistruhen und bringen es [– ein Großteil des Fleisches –] auf Schleich­wegen über die Grenze – nach Nigeria. … Ein Milliardengeschäft“ (ebd. 55).

  • „Togos Nach­barland Ghana entschied 2003, die Einfuhrzölle auf Geflügel zu erhöhen. Das Gesetz wurde mit großer Mehrheit vom Parlament beschlossen. Doch der Internationale Währungsfonds (IWF) – eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich eine Politik zugunsten der Armen auf die Fah­nen schreibt – machte Druck und drohte dem verschuldeten Entwicklungs­land, keine neuen Kredite mehr zu gewähren, falls es auf den Schutzzöllen beharre“ (ebd., 56).

Bis Juli 2013 wurden solche Exporte sogar noch EU-weit direkt subventioniert – und damit von jeder/m Bürger*in (vgl. BMEL 2019). Robert Habeck erwähnt im Zusammenhang mit Exportfleisch und EU-Geldern im Jahre 2018 weiterhin erfolgende „indirekte Exportsubventionen“ (Fleischwirtschaft 2018).

Diese Exporte – ob nun subventioniert oder nicht – konterkarieren die ebenfalls von uns Bürger*innen bezahlte Entwicklungshilfe. Welches Wort außer ‚Wahnsinn‘ könnte treffender sein?

Neben den bisherigen und nunmehr abgestellten direkten Export-Subventionen gibt es weitere indirekte Subventionen: Das Ganze wird subventioniert über Stallbauprämien, allgemeine Subventionen für die großangelegte konventionelle Landwirtschaft, Tierschutz- und Arbeitsschutzregelungen (in Schlachtbetrieben), die ihrem Namen nicht gerecht werden, mangelnden Kontrollen durch zu wenig Personal, Inkaufnahme von Trinkwasserverunreinigung etc. pp.


Station 9:
Erntehelfer*innen in Südspanien

Die Bäuerinnen und Bauern, für die es sich z.B. aufgrund des billigen EU-Fleisches oder -Gemüses nicht mehr lohnt, die Felder zu bestellen, geben die ohnehin extrem mühsame Arbeit auf, lassen den Boden erodieren, der Humus geht verloren, oft setzt vermehrt Wüstenbildung ein. Die Bäuerin bzw. der Bauer verlässt nicht selten ihr/sein Dorf, landet zunächst in der nächsten Stadt, wo sie/er auch nicht willkommen ist – und arbeitet schließlich, falls sie/er die Flucht durch die Wüste, durch rechtsfreie Räume und über das Mittelmeer überleben sollte, als Erntehelfer*in… in Südspanien z.B. auf den Gemüsefeldern oder in den Gewächshäusern, deren Produkte z.B. nach Deutschland und Afrika exportiert werden.
Und dort macht sie/er die mehr oder weniger gleiche Arbeit wie vorher, nun aber als mittellose*r und allzu oft rechtelose*r Migrant*in, entwurzelt, wahrscheinlich ohne ihre/seine Familie und sorgt unbeabsichtigt und unbewusst, dass dieses u.a. Afrika (weiter) ruinierende System am Laufen bleibt, indem sie/er letztlich (unbewusst) dazu beiträgt, dass weitere Bäuerinnen und Bauern in Afrika aufgeben müssen.

>> Station 9 erklärt einen Mechanismus, der prinzipiell richtig ist, jedoch selbstredend notwendig den Sachverhalt vereinfacht darstellt.

OMG.


Fazit zu Station 1 bis 9:

In Südamerika wird der Regenwald gerodet; viele traditionelle Bauern werden entrechtet und ihrer Existenz beraubt. In Deutschland wird bei der Tiermast mit Jungtieren z.B. aus Dänemark mit dem über den Atlantik verschifften Gen-Soja durch zu großen Stickstoffeintrag das Trinkwasser mit Nitrat verunreinigt. Das alles nur, damit nicht nur der ungesund-übermäßige Fleischappetit der Deutschen befriedigt werden kann, sondern – um des Mammons willen – auch noch weltweit Exportmärkte bedient werden können. Nach dem CO2-intensiven Transport um den halben Globus macht das billige (und faktisch hoch subventionierte) Export-Fleisch z.B. afrikanische Märkte kaputt, verhindert den geordneten Aufbau von Ländern des Globalen Südens, konterkariert Hilfe zur Selbsthilfe, sorgt für langfristig zerstörte Böden, entwurzelt Menschen, die dann u.U. als Erntehelfer*innen in Südeuropa landen.


Und da alles mit allem zusammenhängt geht es noch weiter mit diesem destruktiven Kreislauf…


Station 10
Spaniens Böden und das Trinkwasser

…oder:
Ackerböden in Deutschland von Tiernahrung und Tieren besetzt: 
Wo kommt unser Gemüse her?

In Deutschland werden sehr viele Agrarböden in irgendeiner Form für die Massentierhaltung genutzt. Wo also kommt unser Gemüse her? Zum Beispiel aus Spanien:

In Südspanien liegt das Herz der spanischen Agrarproduktion. Von hier starten ungezählte Lastwagen pro Jahr nach Nordeuropa und Deutschland mit Gemüse und Obst, damit es für den Konsumenten ganzjährig, Saison-unabhängiges, günstiges Obst gibt.

Natürlich hat es Folgen, wenn man aus einem so heißen (und Klimawandel-bedingt immer heißeren) Gebiet eine gigantische Gemüseplantage macht:

  • „85 Prozent des an die Oberfläche gepumpten Grundwassers fließt in die Agrarproduktion. Überall wird künstlich bewässert… Weite Landstriche sind verkarstet [d.h. vereinfacht ausgedrückt: ausgelaugt], der Grundwasserspiegel ist stellenweise unter 500 Meter gesunken. In den Küstenstreifen um Huelva am Atlantik, Europas größtem Erdbeeranbaugebiet, und in den großen Gemüseplantagen um Almería am Mittelmeer hat der übermäßige Süßwasserverbrauch dazu geführt, dass [salziges] Meerwasser unters Festland nachgeflossen ist“ (Urban 2019).

    Intensiv-großindustrieller Gemüseanbau auf einer riesigen Fläche in einer ohnehin übermäßig trockenen und nun von der Klimakrise befördert regenarmen Gegend ist keine gute Idee. Letztlich haben wir es hier mit einer schleichenden Wüstenbildung (‚Desertifikation‘) zu tun:
  • „Aber nicht nur der Klimawandel verschärft die Desertifikation, die Desertifikation verschärft umgekehrt den Klimawandel, da sie natürliche Regenerationskreisläufe zerstört. Es ist ein Teufelskreis, der kaum wahrgenommen wird“ (Dürmeier 2019).


Wenig überraschen: Nicht die Großindustriellen, sondern die traditionellen Bauern (‚Trockenbauern‘) leiden „am stärksten unter Desertifikation und Klimawandel, denn sie sind auf regulären Regen angewiesen“ (ebd.).


Kleiner Sprung innerhalb der EU von Spanien nach Rumänien:

In Rumänien wird ein 800 Quadratkilometer großes Gebiet mittlerweile als „Sahara an der Donau“ bezeichnet:

  • „Sie ist weitgehend waldfrei und voller stark sandiger Böden, stellenweise gibt es sogar Sanddünen-Landschaften. Während der Ceausescu-Diktatur wurde hier, wie überall in der südrumänischen Tiefebene, intensive Landwirtschaft betrieben. Inzwischen liegen viele Flächen brach, sind verödet und erodiert“ (Verseck 2020, vgl. Aspekt China: Das desertifizierte Löss-Plateau ergrünt, S. 576ff.).

Im gleichen Artikel wird die Klimaforscherin Roxana Bojariu mit den Worten zitiert:

  • „Die Ursache ist ein komplexes Zusammenspiel menschengemachter und natürlicher Faktoren.“ Inzwischen versucht man hier mit widerstandsfähigen Pflanzen zu arbeiten, die wenig Wasser benötigen und die für die Gegend eher ungewöhnlich sind, darunter Erdnüsse und Süßkartoffeln (vgl. ebd.).


Hitze, ausbleibender Regen, Wasserknappheit, sinkende Grundwasserstände, Desertifikation – alles entscheidend verschärft und befördert durch die Klimakrise – haben auch das Phänomen der sog. Mondscheinlöcherhervorgebracht. Das sind jene ungenehmigten, d.h. illegalen, u.U. nicht abgesicherten/abgedeckten Bohrlöcher, die als private Tiefbrunnen überall in Spanien gebohrt werden, um an Wasser zu kommen. Bekannt geworden sind diese Mondscheinlöcher durch den tragischen Tod eines zweijährigen Jungen im Januar 2019, der 71 Meter in ein über 100 Meter tiefes und gerade mal 25 cm breites Loch fiel und starb. Was seinerzeit weniger publik wurde, ist, dass diese nach Greenpeace-Schätzungen (2019) über eine Millionen Löcher[1] letztlich eine Folge der Klimakrise sind.

>> Björn Römer beruft sich 2020 im Spiegel auf Expert*innen und schreibt von „[h]underttausende[n] solcher schmalen Schächte … in Spanien… [Gemäß einer aktuellen Studie] werden zwischen 30 und 50 Prozent der jährlichen Wasserressourcen gestohlen.“


Quellen des Abschnitts Landwirtschaft global: Der destruktive Kreislauf rund um die Fleischindustrie



Palmöl als Produkt globaler Land- und Industriewirtschaft

Palmöl besitzt einen Vorteil, der Kritiker*innen oft entgegengehalten wird und den ich hier gleich zu Anfang nennen möchte:

  • „Mit Palmöl kann auf vergleichsweise geringer Fläche ein großer Teil des weltweiten Bedarfs an Pflanzenölen gedeckt werden“ (WWF o.J.)
…mehr

Kathrin Hartmann hebt hervor, dass der WWF „[e]ine besondere Rolle bei der Erfindung des nachhaltigen Palmöls spielt… Nach Meinung vieler NGO’s, insbesondere lokaler Aktivisten wie Feri [Irawans Perkumpulan Hijau], ist es der Mitbegründer WWF, der dem Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl grüne Glaubwürdigkeit verleiht“ (2018, 113).

Das ist für sich genommen wahrscheinlich richtig.

Doch relativiert sich diese Aussage erheblich, wenn man sich klarmacht,

  • wo, d.h. in welchen Gegenden Palmölplantagen stehen – und was sich vorher auf diesem Gelände im Regelfall befand,
  • dass die Menschheit schlicht kein Platzproblem hat – sie nutzt die für eine gesunde und ökologische (Palm-arme) Landwirtschaft erforderlichen Flächen zu 80% im Zusammenhang mit der Massentierhaltung (vgl. S. 621),
  • dass „Palmöl vor allem für Produkte verwendet [wird], die in Wahrheit kein Mensch braucht“ (Hartmann 2018, 117).


Nun, wenn erstgenannter Aspekt nun also der Vorteil ist… Der Rest dieses Abschnittes ist den anderen, weniger vorteilhaften Aspekten des Palmöls gewidmet.


Zunächst einige Zahlen: Ähnlich wie beim ‚schwarzen Gold‘ der fossilen, hängt unsere Welt heute darüber hinaus auch massiv an der Nadel des Palmöls.

  • „Anfang der 1980er-Jahre wurde nur etwa fünf Millionen Tonnen Palmöl weltweit produziert“ (Schumacher 2017, 65).
  • „Palmöl gehört zu den am häufigsten eingesetzten Ölen der Welt; die Produktion hat sich seit 1995 mehr als vervierfacht. Heute werden etwa 70 Millionen Tonnen jährlich produziert. Mehr als zwei Drittel davon kommen in Lebensmittel“ (Uhlmann 2019).
  • „Der Löwenanteil stammt … aus Malaysia und Indonesien [zusammen: rund 90%]. In den letzten 25 Jahren haben sich dort die Anbauflächen verzehnfacht. Tendenz steigend“ (Dallmus 2019; Zahl aus Schumacher 2017, 65).
  • „[S]eit 1990 hat Indonesien durch Abholzung und Brände eine Waldfläche verloren, deren Größe an die der Bundesrepublik Deutschland heranreicht: 310.000 Quadratkilometer. … Waren 1990 noch zwei Drittel des Inselstaates mit Wald bedeckt, ist es 2015 schon nur noch die Hälfte“ (Hartmann 2018, 87).
  • „Die EU ist weltweit der zweitgrößte Importeur von Palmöl“ (DUH 2019).


Ein Blick in den Einkaufskorb:

Palmöl ist selten ‚sichtbar‘, aber quasi unbemerkt überall drin, konkret in etwa jedem zweiten Supermarktprodukt (vgl. Greenpeace 2019):

Fertiggerichte | Tütensuppen | Kekse | Salzgebäck | Margarine | Schokolade (Kombisorten) | Pralinen | Pflegeprodukte, Seife, Kosmetik (Tenside, Emulgatoren) | Brotaufstriche | Schokocremes | Babynahrung | Butter (!) (vgl. Leiterer 2019)

‚Die Industrie‘ liebt zwei Eigenschaften an Palmöl besonders: Es hat bei Zimmertemperatur eine feste Konsistenz, braucht also nicht lebensmitteltechnisch gehärtet werden – und, viel, viel wichtiger: Es ist überaus günstig auf dem Weltmarkt zu bekommen.

>> Palmfett braucht nicht gehärtet zu werden: Das ist tatsächlich ein Vorteil von Palmfetten/-ölen: Es braucht nicht gehärtet zu werden und ist daher frei von Transfetten, die bekanntermaßen gesundheitsschädlich sind (vgl. WWF o.J.).


Palmöl & die Gesundheit der Verbraucher*innen

Palmöl ist günstig für Industrieunternehmen, doch die tatsächliche Gesamtrechnung ist hoch:

  • „Palmöl ist nicht das hochwertigste Pflanzenfett: Es hat einen relativ hohen Gehalt an (ungesunden) gesättigten Fettsäuren und einen niedrigen Gehalt an (gesunden) ungesättigten Fettsäuren“ (Leiterer 2019). „Zahlreiche [ungesättigte] Omega-3-Fettsäuren hemmen Entzündungen, einige [gesättigte] Omega-6-Fettsäuren hingegen begünstigen sie. … Omega-3-Fette… halten die Zellmembranen geschmeidig und … [und haben] Effekte auf die Alterungsprozesse Ihres Gefäßsystems und damit die Prophylaxe von Herzinfarkt und Schlaganfall“ (Marquardt 2007, 93). Der Anteil von gesättigten Fettsäuren „beträgt beim Palmöl etwa 45 bis 55 Prozent. Olivenöl bringt es nur auf zehn bis 25 Prozent“ (Uhlmann 2019). Und: „Sonnenblumenöl enthält nur ein Zehntel der Fettschadstoffe des Palmöls“ (ebd.) – und selbst Sonnenblumenöl zählt im Unterschied zu Rapsöl, Olivenöl, Walnussöl, Hanföl und Leinsamenöl längst nicht zu den gesünderen Ölen (vgl. Marquardt 2007, 93).
  • „[B]ei der Raffination des Öls entstehen [Schadstoffe]. Bei diesem Produktionsschritt wird das Öl auf etwa 200 Grad Celsius erhitzt; Geschmack und Geruch verflüchtigen sich, es wird dadurch vielseitig einsetzbar. Es bilden sich aber auch kritische Fettsäureester. In keinem anderen Fett ist ihr Anteil so hoch wie im Palmöl. Dazu gehören jene Ester, die mit 3-MCPD abgekürzt werden und die die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO als möglicherweise krebserregend einstuft… [werden. V]or allem Kinder laufen Gefahr, diese Grenzwerte [der europäischen Lebensmittelbehörde Efsa] zu überschreiten“ (Uhlmann 2019).

Es ist trotz der hohen Palm-Durchsetzung unserer Supermarktregale durchaus machbar, Palmöl zu vermeiden – hier vermag die Website bzw. App https://www.codecheck.info/ (Website: Suchfunktion oben rechts) zu unterstützen – auch bei der Suche nach möglichen Ersatzprodukten. Nur bei Keksen wird es schwierig. Das ist, so denke ich, angesichts der Thematik dieses Buches zu verschmerzen sein.

>> Ausnahme: Codecheck kann hier leider nur bei Produkten weiterhelfen, die in irgendeiner Form das Wort ‚Palm‘ in der Zutatenliste aufführen, was bei sehr vielen auch der Fall ist. Glycerin hingegen kann, muss aber nicht, aus Palmöl hergestellt werden. Woraus jeweils das Glycerin hergestellt wurde, braucht derzeit bedauerlicherweise nicht angegeben werden.

Doch mit den bisherigen Ausführungen haben wir allenfalls die oberste Spitze des Eisbergs erfasst:

  • „Beim Griff ins Supermarktregal und beim Tanken entscheiden wir auch über das Schicksal bedrohter Arten wie Orang-Utan oder Tiger – und des Regenwaldes. Mittlerweile erstreckt sich der Anbau weltweit auf eine Fläche von etwa 19 Millionen Hektar, rund um den Äquator in artenreichen Regionen, wie Indonesien und Malaysia. Für neue Plantagen werden weiterhin zahlreiche Hektar Regenwald gerodet“ (WWF 2018 – Den im Zusammenhang mit Palmöl kritisierten WWF zu zitieren erscheint m.E. möglich, weil das Zitat (des deutschen Verbandes) nicht in dem Verdacht steht, die Situation zu verharmlosen.)


Für das Jahr 2015 zog die Global Fire Emissions Databank bereits im Oktober des Jahres Bilanz:

  • „[T]here have been nearly 100.000 active fire detections in Indonesia so far in 2015, which since September have generated emissions each day exceeding the average daily emissions from all U.S. economic activity. Following several recent intense outbreaks of fires – in June 2013, March 2014 and November 2014 – the country is now on track to experience more fires this year than it did during the 2006 fire season, one of its worst on record“ (Harris et al. 2015).

Mehr als die Hälfte dieser Feuer fand in tropischen Moorgebieten statt (vgl. ebd.). Nicht nur die Vegetation bzw. Regenwald wird gerodet – auch der besonders kohlenstoffhaltige Boden wird zerstört:

  • „The burning of tropical peatlands [= Moore] is so significant for greenhouse gas emissions because these areas store some of the highest quantities of carbon on Earth, accumulated over thousands of years“ (ebd.).


Diese für die Palmwirtschaft trockengelegten Moore braucht die Menschheit dringend als CO2-Senke:

  • „Dabei entweichen riesige Mengen an Kohlenstoff, die zwölf Prozent der weltweiten Emissionen ausmachen. Zwischen 1990 und 2015 wurden in Indonesien 24 Millionen Hektar Regenwald zerstört, das entspricht annähernd der Größe Großbritanniens“ (Greenpeace 2018, 10).


Kathrin Hartmann beschreibt das hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, unter denen Palmöl hergestellt und geerntet wird, wie folgt:

  • „Gern heben die Konzerne hervor, wie sehr ihnen die Kleinbauern am Herz liegen, bewirtschaften sie doch ein Drittel der Plantagen. Allerdings arbeiten sie im sogenannten Nukleus-Plasma-System. Dahinter verbirgt sich wenig mehr als legalisierter Landraub, der in Ausbeutung mündet. Kleinbauern werden dazu überredet, ihre Gewohnheitsrechte auf ihr Land an die Palmölfirma abzutreten, die ihnen im Gegenzug das Landrecht für zwei Hektar mit Ölpalmen am Rand (Plasma) der Plantage (Nukleus) plus einen halben Hektar für Haus und Garten abgibt. So sollen sie sich selbst versorgen und mit der Bewirtschaftung der Miniplantage Geld verdienen. Doch in den drei bis vier Jahren, die die Palmen wachsen müssen, bis sie Früchte tragen, sind die Kleinbauern auf Kredite angewiesen. Die gewährt ihnen die Firma – zu horrenden Zinsen. Außerdem müssen sie Dünger und Herbizide selbst bezahlen, oft auch die Palmsetzlinge. Die meisten Bauern landen in der Schuldenfalle und bleiben ihr Leben lang abhängig von der Palmölfirma, an die sie per Vertrag und zu miserablen Preisen liefern müssen. Von ihrer harten Arbeit können sie nicht leben: Sie verdienen nur etwa 500 Dollar im Jahr“ (2018, 91).
  • „Die Arbeitsbedingungen auf den Ölplantagen sind knallhart. Bezahlt wird oft nicht nach Stunden, sondern nach Quoten. Bis zu 1.500 Kilo am Tag müssen die schlecht bezahlten Arbeiter schleppen. Menschenrechtsorganisationen berichten von schweren Vergiftungen durch Pestizide. Auch die weitere Verarbeitung in der Ölmühle ist oft umweltschädlich. Abwässer und Abfälle gelangen meist ungeklärt nach draußen“ (Dallmus 2019).

    Und, wie eigentlich immer im Zusammenhang mit Arbeit im (land-)industriellen im Globalen Süden ist das Thema ‚Kinderarbeit‘ zu nennen (vgl. ebd.), auch auf den RSPO-zertifizierten Plantagen gibt es „Kinder- und Zwangsarbeit sowie Menschenhandel“ (Hartmann 2018, 101).

>> Die USA verhängten Ende September 2020 ein Importverbot für Palm-Erzeugnisse des malaysischen Weltmarktführers (und RSPO-Mitglieds, vgl. RSPO 2020) FGV im Zusammenhang mit „Anzeichen auf „sexuelle Gewalt auf den Plantagen“ (Spiegel 2020) sowie Zwangs- und Kinderarbeit (vgl. ebd.).


Alledem soll dem der 2004 gegründete ‚Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl‘ (RSPO) abhelfen, der zudem Siegel/Zertifikate für nachhaltiges Palmöl vergibt.

Karthrin Hartmann analysiert, wer an diesem Runden Tisch Platz nimmt:

RSPO =1561 Vollmitglieder | 727 Konsumgüterfirmen | 174 Palmölproduzenten | 529 Palmverarbeitern | 65 Handelskonzerne | 14 Banken & Investmentfirmen, u.a. Aldi, BASF, Bayer, Cargill, Commerzbank, Credit Suisse, Ferrero, Mars, McDonald’s, Procter&Gamble, Rewe, Unilever, Walmart | 52 Umweltschutz- und Entwicklungsorganisationen, darunter Rainforest Alliance und WWF (vgl. 2018, 97)

>> Werner Boote und Kathrin Hartmann besuchten für die Kino-Doku Die grüne Lüge (2018) die indonesische Palmöl-Konferenz GAPKI – sehr sehenswert.


Man könnte meinen, dass ein bereits 2004 gegründeter ‚Runder Tisch‘ inzwischen einiges bewirkt haben sollte. Doch lautet nach Ausführungen von Hartmann Aufgabe des ‚Runden Tisches‘ „[d]ie Erfindung des nachhaltigen Palmöls“ (2018, 96). Wie Palmöl grün wird, beschreibt sie so:

  • „Unilever wirbt damit, hundert Prozent nachhaltiges Palmöl zu kaufen. Trotzdem kann der Konzern nicht ausschließen, dass in seinen Produkten blutiges und illegales Palmöl steckt. Denn Unilever bezieht drei Viertel des Rohstoffs über das sogenannte Book&Claim-System. Darüber kaufen Firmen lediglich Zertifikate für die von ihnen benötigten Mengen Palmöls mit Nachhaltigkeitssiegel. Sie können so nur garantieren, dass irgendwo auf der Welt die entsprechende Menge nachhaltig gesiegelten Palmöls in den Mengen produziert wurde, für das sie Zertifikate gekauft haben. Nur dreißig Prozent des Palmöls, das Unilever verwendet, ist überhaupt zertifiziert. Den größten Teil bezieht Unilever über das Massenbilanzsystem, das aber in den Tanks mit nicht zertifiziertem Palmöl gemischt wird. Nur ein winzig kleiner Teil ist Palmöl, das in der Lieferkette von nicht zertifiziertem Fett getrennt wird (RSPO Segregated). Vom meisten Palmöl also, das Unilever bezieht, kann das Unternehmen nicht wissen, woher es wirklich kommt. Wie aber das rückverfolgbare Palmöl tatsächlich hergestellt wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt“ (2018, 112-113).


Gesundheit, Arbeitsbedingungen, Green Washing… da war doch noch was?

Nicht unerheblich: palmgetränktes Benzin.

  • „Der Großteil des [nach Deutschland importierten] Palmöls … geht in Bio-Energie – ganze 41 Prozent“ (WWF 2016).

>> Der gleichen Quelle ist zu entnehmen, dass 40% in industriellen Nahrungsmitteln und 17% in Waschmitteln, Kosmetika und Produkten der Chemie- und Pharmaindustrie landen.

  • „90 Prozent des globalen Anstiegs der Nachfrage nach Pflanzenölen seit 2015 entfallen auf Biokraftstoffe“ (taz 2020).
  • „Allein die EU verbraucht demnach jährlich vier Millionen Liter Palmöl, um es Biodiesel beizumischen“ (ebd.).
  • „60 Prozent des in die EU importierten Palmöls landen im Tank“ (ebd.).
  • „Deutschland [ist] größter Hersteller von Bio-Diesel in der EU“ (ebd.).

Auch wenn man sich rückblickend nur an den Kopf fassen kann: Tatsächlich wollte man mit Beimischungen von Raps, Palm & Co die CO2-Bilanz von fossilen Dieselkraftstoffen verbessern und verfügte deshalb, das mit Stand 2020 die Biokraftstoffquote 6,25% beträgt, d.h. „Biokraftstoffe müssen einen Anteil von 6,25% am gesamten Kraftstoffmarkt haben“ (wikipedia 2020).

  • „Aufgrund der mit Öl-Palmen verbundenen Regenwaldabholzung ist das Biodieselgemisch dreimal schädlicher für das Klima als herkömmlicher Diesel“ (DUH 2019, 23).

Die EU-Kommission legte im März 2019 fest, „dass die Beimischung von Palmöl zum Dieselkraftstoff ab 2023 schrittweise reduziert und bis 2030 beendet sein soll“ (DUH 2019, 22).


Quellen des Abschnitts Palmöl als Produkt globaler Land- und Industriewirtschaft


Weitere Aspekte der Agrarkultur

Digitale Landwirtschaft

Konventioneller und Öko-Landbau könnten sich künftig – möglicherweise – via Robotik annähern: Wo ein Ökostrom-angetriebener High-Tech-Jäte-Roboter im Rahmen des ‚precision farming‘ seinen Dienst tut, sind keine/weniger Unkrautvernichtungsmittel erforderlich.

Bleibt die Frage, inwieweit die sog. ‚Landwirtschaft 4.0‘ eine utopisch-luxuriöse Idee des Westens ist.

  • Wichtig ist jedoch auf jeden Fall, dass die in den letzten Jahren immer gewaltigeren Landmaschinen wieder kleiner und leichter werden (vgl. Pander 2019).


Wenn hier auch ein paar Chancen drinstecken. Letztlich geht es – mal wieder – um das ganz große Geld:

  • „Analysten von Goldman Sachs prognostizieren, dass der Markt für digitale Agrartechnologie von heute schätzungsweise rund fünf Milliarden Dollar bis 2050 auf 240 Milliarden Dollar wachsen wird“ (Bethge 2020).


Man hat immer zu schauen, von wo der Applaus kommt. Es ist davon auszugehen, dass dem Globalen Süden dieser kapitalintensive Ansatz nicht weiter bringen bzw. an ihm vorbeigehen wird. Das ist nicht hilfreich.

Dass dieser Ansatz hier überhaupt Eingang findet in das Handbuch Klimakrise, verdankt sich der Tatsache, dass Robotik tatsächlich und immerhin ein Weg sein kann, um die tonnenschweren Maschinen vom Acker zu holen, die den Boden und das dort vorhandene Leben im wahrsten Sinne plattmachen und um präziser, d.h. auch weniger Pestizid-orientiert zu arbeiten.


Indoor Urban Farming / Vertical Farming

In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von neuen Konzepten und Start-ups entstanden, die gemeinsam haben, dass Pflanzen erdlos (Hydroponik) indoors unter (mit grünem Strom betriebenen) LED-Licht gezogen werden – in manchen Fällen in Kombination mit Fisch-Aquakulturen, sodass das mit Nährstoffen versehende (Fisch-)Wasser der Aquakulturen für die Aufzucht der Pflanzen weiterverwendet wird. Das Ganze nach Aussagen der Betreiber*innen ohne den Einsatz von Pestiziden und Antibiotika. Was insofern funktionieren kann, weil die Bedingungen ungleich kontrollierter sind als in der konventionellen Landwirtschaft. Auch spare man sich lange Lieferwege und damit auch eine Kühlkette, heben die Betreiber*innen hervor. Hightech-Gemüse-Aufzuchtschränke stehen mittlerweile offensichtlich schon in einigen EDEKA-Filialen. Was die Hightech-Farmer nicht sagen: All diese Hallen, Zuchtschränke, Becken etc. pp. müssen hergestellt, gebaut, gewartet und irgendwann ersetzt werden. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass es bislang vielfach Gastronomen gehobener Restaurants sind, die diese Angebote nutzen (vgl. Rosenbach 2019).


Gefährlich: ‚Landgrabbing‘

  • „Rund die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU ist gepachtet. Die Landbesitzer und -besitzerinnen können einen Gutteil der [GAP-EU-]Subventionen selbst einstreichen, indem sie einfach die Pacht erhöhen“ (Matthews 2019, 15).

Nils Klawitter beschreibt die Situation rund um das Thema ‚Landgrabbing‘ für Deutschland wie folgt:

  • „In Mecklenburg … sind die Flächenpreise seit 2005 um fast 400 Prozent in die Höhe geschossen. Das übertrifft selbst den Preisanstieg in München, wo sich die Bodenpreise im selben Zeitraum um 177 Prozent erhöht haben…. Zu den neuen Landbesitzern gehören Immobilienfirmen, Möbelhändler oder Fondsgesellschaften, fast immer mit Sitz in Westdeutschland. ‚In solchen Konglomeraten, die mit Stoßtrupps osteuropäischer Arbeiter die Felder traktieren, abernten und dann weiterziehen, zählt nicht, ob die nächste Generation den Boden noch bewirtschaften kann‘, sagt Reinhard Jung vom Brandenburger Bauernbund“ (Klawitter 2019, 80).

Michael Bauchmüller weist in der SZ exemplarisch darauf hin, dass mehr als 6.000 Hektar in Thüringen der „Lukas-Stiftung des Aldi-Nord-Eigentümers Theo Albrecht junior [gehören – ] … der jüngste Fall einer unseligen Entwicklung, die vor gut zehn Jahren ihren Lauf nahm: Investoren greifen nach Bauernland … [Bäuerinnen und Bauern] sind mittlerweile eingezwängt zwischen den Kapitalinteressen von Verkäufern und Verpächtern einerseits und dem berechtigten Interesse nach einer nachhaltigeren Landwirtschaft andererseits“ (2020). Bauchmüller hebt des Weiteren hervor, dass es üblich ist, Firmen zu kaufen, die bereits Land besitzen, sodass nicht einmal Grunderwerbssteuern anfallen – während ein Bauer, der Land erwerben würde, selbige zu entrichten hätte (vgl. ebd.).


In Rumänien gibt es viel fruchtbaren Ackerboden – aber Mely Kiyak zeigt, dass dieser zunehmend in ‚falsche Hände‘ gerät:

  • „Vierzig Prozent seiner Agrarflächen sind an ausländische Investoren verkauft. Wenn ‚der‘ arme Rumäne zu uns kommt, handelt es sich nach Ansicht der Rechten um Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme. Wenn deutsche Unternehmen wie die Allianz-Versicherung mit ihren Ablegern den Rumänen Land wegnehmen, nennt man es Business“ (2019).


Silvia Liebrich betont, dass es sich

  • „[f]ür finanzstarke Geldgeber lohnt…, in Ackerland zu investieren. Felder, auf denen Getreide oder Soja für Futtertröge wächst, sind zu begehrten Spekulationsobjekten geworden. Keine andere Anlageklasse hat in den vergangenen Jahren eine solche Wertsteigerung erzielt. Hinzu kommt die sichere Prämie von Jahr 250 bis 300 Euro pro Hektar und Jahr, die als von der EU überwiesen wird.


Michael Kopatz bekräftigt indes die Notwendigkeit,

  • „gegen die Nutzung von Flächen als reine Kapitalanlage vorzugehen. Denkbar wäre ein neues Grundstücksverkehrsrecht, das etwa ein Vorkaufsrecht für örtlich ansässige Landwirte vorsieht. Ein zentraler Ansatzpunkt ist zugleich die Subventionspolitik der Europäischen Union. Es gilt zu verhindern, dass große Betriebe am meisten profitieren, obwohl sie die geringsten Kosten je Ertragseinheit haben. Nicht mehr zeitgemäß ist es zudem, den Maisanbau mit Steuermitteln zu unterstützen. Eine faire Agrarpolitik fördert kleinräumige Strukturen statt Agrarkonzerne. Das stärkt auch die regionale Wertschöpfung und sichert Arbeitsplätze“ (2016, 107).

Diesen Trend zum ‚Landgrabbing‘ gibt es nicht nur in Deutschland und Osteuropa, sondern massiv auch in Afrika – was Kopatz völlig zu Recht als „neue Form des Kolonialismus“ (ebd., 107) einordnet.

Nicht zu vergessen die „Fleischwiesen“ in Brasilien, die z.B. im entwaldeten Bundesstaat ‚Mato Grosso‘ (‚Großer Wald‘) geschaffen wurden.

Mattheus Vieira, Cattle Farming Expert:

  • „In den [19]70ern lebten in dieser Region nur indígenas, hier war nur Regenwald. 34 Jahre Besiedlung haben diese Gegend zur wichtigsten Landwirtschaftsregion des Landes gemacht. Es ist der perfekte Ort für neue Investitionen und um Geld zu verdienen“ (zit. in Opitz 2018, Min 20).

Was Vieira vergisst zu erwähnen: Das jene Indígenas dieses Land eigentlich besitzen. Sie werden für Gensoja, Fleisch und das ganz ‚große Geld‘ von ihrem eigenen Land verdrängt und vertrieben…


Anleitung: Man statte – unterstützt von ein paar schwerbewaffneten ‚Sicherheitskräften‘ – einer Bauersfamilie einen Besuch ab und sorge für Recht und Ordnung:
 „Wo ist der Landtitel, der beweist, dass dieses Stück Land Dir und niemandem anders gehört?“

Details

Landtitel = Urkunde über den Besitz eines Stück Land.

„Die Kleinbauern nennen sie [– die bewaffneten Banden –] wegen ihrer Pistolen Pistoleiros und verdächtigen sie, von den benachbarten Großbauern bezahlt zu werden. Die Pistoleiros stecken Häuser in Brand, sägen Strommasten ab, töten Hunde und Milchkühe und schießen mit Revolvern in die Luft und vor die Füße der Landbevölkerung. Sie besprühen sogar Felder und Siedlungen von Flugzeugen aus mit Gift“ (Fischermann et al. 2018). „[I]n den vergangenen 15 Jahren [sind] mindestens 20.000 Familien im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso vertrieben worden… In ganz Brasilien werden 30 bis 40 Menschen pro Jahr im Konflikt um Land und Macht getötet“ (ebd.).

…und fristen nachfolgend i.d.R. verarmt, rechtelos, landlos, würdelos und z.T. hungernd ihr Leben (vgl. Wagenhofer 2005, Doku We Feed The World, vgl.Franzen/Aders 2020, 8-9, vgl. Fischermann et al. 2018).


Quellen des Abschnitts Weitere Aspekte der Agrarkultur


Fazit des Abschnitts Bodenbewahrende Agrarkultur

Ein Dreisatz.

Wir brauchen

  • für lebendige, humusaufbauende Böden und für Insekten z.B. zur Bestäubung eine
    • ökologische Landwirtschaft, die u.U. etwas geringere Erträge hat1 und somit
      • mehr Fläche zur Sicherstellung der Ernährung.

Gleichzeitig haben wir tendenziell weniger Flächen zur Verfügung durch

  • degradierende Böden z.B. durch Erosion.
    • die Erderwärmung und
      • die notwendige Wiederaufforstung von größeren Teilen der Regenwälder.

Wir brauchen

  • künftig mehr Lebensmittel für mehr Menschen, d.h.
    • die Äcker, auf denen bislang Tiernahrung angebaut wird bzw. Massentierhaltung betrieben wird, für eine pflanzliche Ernährung der Menschheit und damit
      • ein sich mindestens weitgehend vegetarisch ernährender Globaler Norden.
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Inwieweit Bodenbewahrende Agrarkultur geringere Erträge erwirtschaftet, ist umstritten. Der Vergleich zu konventionell-industrieller Landwirtschaft fällt definitiv nicht so klar aus wie allgemein angenommen – vgl. Fußnote auf S. 569.



Nächster Abschnitt:

Fleisch, Fisch & Ernährung

Das Thema ‚Fisch‘ ist derzeit noch under construction.


Fleisch & Treibhausgase

Jonathan Safran Foer:
„Unser Planet ist ein Tierhaltungsbetrieb.“ (2019, 95 u. 184.)

…und das hat einen enormen Impact auf unsere Biosphäre:

  • „Noch immer stehen 80 Prozent der weltweiten Abholzung in direktem Zusammenhang mit der Landwirtschaft, vor allem betrifft das den Anbau von Futtermitteln.“ (n.n. 2019, 12, vgl. Weindl et al. 2017))
  • „Viehhaltung ist der Hauptgrund für Entwaldung.“ (Foer 2019, 110)
  • „Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91% der Rodungen im Amazonas.“ (ebd.,109)
  • „Laut UN-Klimarahmenkonvention stünden Rinder der Welt in Sachen Treibhausgasausstoß an dritter Stelle hinter China und den USA.“ (ebd., 110)


Viehhaltung bzw. Fleischkonsum hat folglich einen massiven Anteil am Klimawandel und am Massenaussterben.

Und hier wird es interessant:
Im Gegensatz zu unserer Mobilität und unserer Energieproduktion könnte man die Ernährung – prinzipiell – schnell und vergleichsweise unkompliziert umstellen. Foer konstatiert:

  • „Unsere Ernährung umzustellen wird nicht ausreichen im die Erde zu retten, aber wir können sie nicht retten, ohne uns anders zu ernähren.“ (Foer 2019, 100)


Der Anteil, der Viehhaltung an den CO₂e-Emissionen zugeschrieben wird, wird sehr verschieden beziffert.

  • Doch selbst die Zahl am unteren Ende der Angaben – 14,5% von der UN – verdeutlicht, dass hier extremer Handlungsbedarf besteht (in diesem Sinne auch: Foer 2019, 197).

Erläuterung CO₂-e und Details zur Angabe 14,5%

Das „e“ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“:
Zur Vereinfachung werden die anderen Treibhausgase wie Methan und Lachgas i.d.R. nicht gesondert aufgeführt, sondern auf Basis ihrer bekannten Klimawirkung in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet.

14,5%
>> Foer weist darauf hin, dass die ursprüngliche, aus dem Jahre 2006 stammende Zahl der UN-Organisation FAO von 18% von selbiger bald nach Gründung einer „neuen Partnerschaft zwischen der FAO und der [US-]Fleischindustrie“ nach unten, also auf 14,5%, abgesenkt wurde. (2019, 274)

>> FAO = Food and Agriculture Organization of the United Nations = Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen

Die Studie Livestock and Climate Change aus dem Jahre 2009 dimensioniert den durch Nutztierhaltung verursachten Anteil unserer globalen CO₂e-Emissionen vollkommen anders.

Sie taxiert diesen Anteil auf

51%.

  • „The key difference between the 18 percent and 51 percent figures is that the latter accounts for how exponential growth in livestock production (now more than 60 billion land animals per year), accompanied by large scale deforestation and forest-burning, have caused a dramatic decline in the earth’s photosynthetic capacity, along with large and accelerating increases in volatilization of soil carbon.“ (Goodland 2012)


Die 14,5 bzw. 18%-FAO-Studie berücksichtigt laut Foer (der sich auf Goodland bezieht) nicht, dass durch die Viehhaltung CO₂-Reduktionen verloren gehen, wenn man dort zu einem beträchtlichen Teil Regenwald nachwachsen ließe. (Allgemein darf angenommen werden, dass der Regenwald nicht gerodet worden wäre, sodass es statthaft ist, die entgangenen Reduktionen einzurechnen). Zudem sei Tierzucht am gemessenen Standort (Minnesota) wesentlich effektiver als z.B. im globalen Süden, „wo der Sektor am schnellsten wächst. … Ebenfalls ausgelassen würde die ‚wesentlich höhere Menge an Treibhausgasen‘, die bei der Verarbeitung tierischer Produkte im Vergleich zu pflanzlichen Alternativen entsteht.“ (Foer 2019, 268). Weitere unberücksichtigte Aspekte seien die erforderliche Kühlkette, die Zubereitung und die Entsorgung von Nassmüll bzw. Nebenprodukten, die Nutzung veralteter Zahlen, die Tatsache, dass das sich in 12,5 Jahren abbauende Methan idealerweise nicht auf 100, sondern auf die Klimaschädlichkeit von 20 Jahren gerechnet werde. Auch die Atmung der Nutztiere sei nicht berücksichtigt. Tierische Produkte seien „für menschliches Leben nicht unabdingbar“ – „[G]roße Teile der Menschheit [essen] wenig bis gar keine Tierprodukte…

Kurz:

Im Gegensatz zu den Büffelherden des präkolonialen Amerikas gehört Nutzvieh nicht zum natürlichen Kohlenstoffkreislauf. “ (Foer 2019, 270-271)

Daher sei es sinnvoll, die Rechnung eher entlang der Studie des Worldwatch Institute zu gestalten.


Foer konstatiert, dass „vermutlich keine von den beiden“ Zahlen stimme, halte aber „die höhere für die deutlich überzeugender“. Im Übrigen beziehe sich „[e]in Bericht der UN-Vollversammlung [sowie des Weiteren ein UNESCO-Bericht]… auf die 51 Prozent statt auf die [UN!]-FAO-Einschätzung (ebd. 2019, 274): Nicht mal die UNO selbst glaubt an die FAO-Zahlen.


Zudem stoßen Rinder eben nicht CO₂, sondern Methan aus – was die Sache besonders kritisch macht und was dazu beiträgt, dass wir besonders dringend an das Thema Ernährung ranmüssen:

  • „[N]icht alle Treibhausgase sind gleich wichtig[:]… Auf ein Jahrhundert gerechnet hat Methan vierunddreißigmal so viel ‚Treibhauspotenzial‘ (die Fähigkeit Hitze einzuschließen) wie CO₂. Auf zwanzig Jahre gerechnet, hat es sechsundachtzigmal mehr…

    Da Methan und Stickoxide kurzfristig sehr viel höhere Treibhausausgaben bedeuten als CO₂, müssen sie am dringendsten gestrichen werden. Weil sie hauptsächlich dadurch entstehen, was wir essen, können sie am leichtesten gestrichen werden.“ (Foer 2019, 105-106)

Anmerkung

>> Das UBA rechnet mit dem CO₂-Äquivalent (Treibhauspotenzial) von 25 und nicht 34. Aber auch „34“ ist eine gängige, oft genannte Zahl in diesem Zusammenhang (vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels). Die Verweildauer von Methan beträgt 12,5 Jahre – sodass man tatsächlich mit politischen Entscheidungen in den Bereichen Ernährung/Landwirtschaft recht schnell in den Methan-Gehalt der Atmosphäre eingreifen kann. Und: Es macht wenig Sinn die Wirkung von Methan auf 100 Jahre hoch zu rechnen.


Foer verteilt in der Folge gleichermaßen stark Lob und Tadel an Jean Ziegler:

  • „Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, schrieb, es sei ein ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘, einhundert Millionen Tonne Getreide und Mais zu Biokraftstoffen zu verarbeiten, während fast eine Milliarde Menschen auf der Welt an Hunger leiden. Man könnte es als Körperverletzung mit Todesfolge bezeichnen.

  • Er sagte aber kein Wort davon, dass in der Nutztierhaltung jährlich etwa die siebenfache Menge an Getreide und Mais verfüttert wird – genug, um alle hungernden Menschen der Erde zu ernähren -, an Tiere, die von den Wohlhabenden gegessen werden. Dieses Verbrechen können wir als Genozid bezeichnen.

    Es ist also keineswegs so, dass die Massentierhaltung ‚die Welt ernährt‘.

    Die Massentierhaltung lässt die Welt hungern und richtet sie gleichzeitig zugrunde.“ (Foer 2019, 192)


Weitere Zahlen zum Thema Fleisch, CO₂ und benötigte Ackerfläche:

  • 1kg Rindfleisch = 13,3kg CO₂e (Geflügel 3,5kg CO₂e | Schwein 3,2kg CO₂e) (nach Wintermantel 2019, vgl. n.n. 2017))


Statistiken von der Facts-Seite der Film-Doku Cowspiracy (2014):

  • Land, dass benötigt wird, um eine Person ein Jahr lang zu ernähren
    • vegan = 674 qm | vegetarisch = 2.023 qm (=Faktor 3) | Fleisch-essend = 12.141 qm (Faktor 18) (vgl. Anderson/Kuhn 2019)
    • „A person who follows a vegan diet produces the equivalent of 50% less carbon dioxide, uses 1/11th oil, 1/13th water, and 1/18th land compared to a meat-lover for their food.“ (ebd.)
    • Auf 6070 qm können 170Kg tierische Lebensmittel produziert werden (ebd.)
    • Auf 6070 qm können 16,8t pflanzliche Lebensmittel produziert werden (Faktor 44) (ebd.)

Quellen des Abschnitts Fleisch & Treibhausgase

>> Anderson, Kip u. Kuhn, Keegan (2019): Cowspiracy – the facts, online unter http://www.cowspiracy.com/facts (Abrufdatum 1.7.2019)

>> Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi.

>> Goodland, Robert (2012): „FAO Yields to Meat Industry Pressure on Climate Change“. in: New York Times, 11.7.2012, online unter https://bittman.blogs.nytimes.com/2012/07/11/fao-yields-to-meat-industry-pressure-on-climate-change/ (Abrufdatum 19.10.2019) [paywall]

>> n.n. (2017): „Lebensmittel und ihre Klimabilanz“. [Tabelle] in: Zukunftsfelder Agrarforum Leipzig. online unter http://zukunftsfelderleipzig.de/wp-content/uploads/2017/12/Workshop_Ern%C3%A4hrgKW_Handout.pdf (Abrufdatum 30.6.2019)

>> n.n. (2019): „Amazonas: Konsum frisst Regenwälder“. in: Greenpeace Nachrichten 3/19, S. 12

>> Weindl, Isabelle et al. (2017): Livestock and human use of land: Productivity trends and dietary choices as drivers of future land and carbon dynamics. online unter https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0921818117301480 (Abrufdatum 10.8.2019)

>> Wintermantel, Benita (2019): „Rindfleisch nur auf Platz 2: Diese Lebensmittel sind die schlimmsten Klimakiller“. [Butter auf Platz 1] in: Ökotest, 21.2.2019, online unter https://www.oekotest.de/essen-trinken/Rindfleisch-nur-auf-Platz-2-Diese-Lebensmittel-sind-die-schlimmsten-Klimakiller-_600836_1.html (Abrufdatum 30.6.2019), s.a.



Fleisch & gesunde Ernährung

  • „Es stimmt, dass eine gesunde Ernährung teurer ist als eine ungesunde – etwa 550 $ pro Jahr. Und jeder sollte das Recht auf Zugang zu gesunden, bezahlbaren Lebensmitteln haben. Aber eine gesunde vegetarische Ernährung kostet pro Jahr im Schnitt etwas 750 $ weniger als eine gesunde fleischbasierte Ernährung.“ (Foer 2019, 193)


Foer weist dann noch auf die Kosten hin, die durch Fleisch-beförderte Zivilisationskrankheiten entstehen.

  • „Es ist also nicht elitär, wenn man sich für eine preisgünstigere, gesündere und ökologisch nachhaltigere Ernährungsweise einsetzt.

    Was mir dagegen elitär erscheint:

    Wenn jemand die Existenz von Menschen, die keinen Zugang zu gesunder Nahrung haben, als Ausrede nutzt, nicht zu verändern, statt als Antrieb, um diesen Menschen zu helfen.“ (ebd.)

>> Quelle: Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 193.



Fleisch & Ethik

Ein Gedanke vorweg:

Tierstrafrechtler Jens Bülte:
„Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren – den Aufschrei in der Bevölkerung können Sie sich ausmalen.“
(Theile 2019, 6)


Nutztiere sind zum Sterben da?

  • „Tiere fühlen nicht, Tiere denken nicht, sie haben auch kein Bewusstsein, so [sah die Menschheit es traditionell und so] sehen es viele noch heute…“ (Abé 2019, 29) – und ignorieren bzw. rechtfertigen damit die Massentierhaltung bzw. das Wegschauen (vgl. ebd.)

Da frage ich mich: Wenn das so gesehen wird, warum hält man sich dann so gerne nicht-fühlende, nicht-denkende, bewusstseins-lose Tiere?
Vielleicht hält man sie sich, weil man intuitiv weiß, dass Tiere viel mehr sind als nicht-fühlend und nicht-denkend.
Und: Jede(r) Tierbesitzer*in weist stets auf die besonderen Charaktereigenschaften und die Intelligenz ihres/seines tierischen Lieblings hin.

Auch die Wissenschaft beweist mittlerweile, dass die Intuition von Tierbesitzer*innen keineswegs trügt:

  • Tiere, das ist die Kernbotschaft, seien dem Menschen näher als lange angenommen. Sie sind soziale Wesen mit vielfältigen Gefühlen und haben sogar eine Art Bewusstsein.“ (Abé 2019, 29)


Den bekannten Marshmallow-Test, dem Kinder so gern unterzogen werden („Hier ist ein Bonbon – wenn Du lieber 2 Bonbons möchtest, musst Du Bonbon Nr. 1 fünf Minuten auf dem Teller liegen lassen“), bestehen auch Schweine:

  • „Binnen Tagen wird sie [ – die Sau ‚Madame‘ – ] in der Lage sein, genau das nicht zu tun. Sie wird ihre Impulse kontrollieren und auf sofortigen Genuss [zugunsten ihrer später servierten Lieblingsspeise] verzichten.“ (ebd. 30)


Unseren Blick auf Nutztiere kann man darüber hinaus in einen größeren Zusammenhang stellen:

  • „Der Ethiker Peter Singer… gebraucht das Wort ‚Speziesismus‚, um den Blick des Menschen auf das Tier zu beschreiben. Er meint seine verzerrte Perspektive zugunsten der eigenen Spezies, nur sie unterliege danach einem moralischen Wertegefüge. Der Philosoph zieht Parallelen zum Sexismus, mit dem eine schlechtere Stellung von Frauen gerechtfertigt wird, sowie zur Rassenlehre des 19. Jahrhunderts, nach deren Logik Schwarzafrikaner versklavt werden durften. Das andere Geschlecht, die andere Rasse, und nun eben die andere Spezies, wird als minderwertig betrachtet. Gerechtfertigt werde die Ausbeutung von Tieren mit Verweise auf die Unterschiede zum Menschen. …

    [Doch i]m Grunde sei es irrelevant, wie wenig sich Tiere und Menschen unterscheiden. … Einzig relevant sei, ob es leidet.“ (Abé 2019, 30-31)

Quellen dieses Abschnitts

>> Abé, Nicola (2019): „Wie lebende Maschinen“. in: Der Spiegel, Nr. 33/2019, 10.8.2019, S. 29ff.

>> Theile, Merlin (2019): „‚Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren.‘ Der Strafrechtler Jens Bülte über die unterschiedliche Behandlung von Haus- und Nutztieren sowie fehlende Kontrollen in deutschen Ställen.“ in: Die Zeit, Nr. 12/14.3.2019, S. 6.



Fleisch & Tierhaltung: ‚Nottötungen‘ – wtf ist das?

Nein, das sind nicht alles Einzelfälle.

  • „Jedes fünfte in Deutschland für die Fleischindustrie geborene Schwein erreicht das Schlachtalter gar nicht, weil es erkrankt oder verletzt wird. In Zahlen bedeutet das: Mehr als 13,5 Millionen sogenannter Falltiere werden vorzeitig ’notgetötet'“. (Kwasniewski 2019)


Da stellt sich die Frage, wie so eine „Nottötung“ abläuft.

  • „Schon länger gibt es Hinweise darauf, dass kranke oder verletzte Schweine in der Intensivtierhaltung nicht fachgerecht getötet werden“ (Kwasniewski 2019). Das würde ja auch Geld kosten. Die Sprecherin der Tierrechtsorganisation, Sandra Franz, dazu im Spiegel: „Die betroffenen Tiere sind von vornherein als ‚Verluste‘ einkalkuliert. Da eine Behandlung der Tiere nicht rentabel wäre, werden sie einem langsamen und leidvollen Tod überlassen“ (ebd.). Und die Tierärztin große Beilage kommt in einer Studie über ankommende Tierkadaver in Tierkörperbeseitigungsanlagen zu dem Schluss: „Fast 62 Prozent der von große Beilage kontrollierten Schweinekadaver waren mangelhaft betäubt und/oder getötet worden.“ (ebd.)

  • 300.000 Schweine pro Jahr – das hat nichts mit einzelnen schwarzen Schafen zu tun (vgl. ebd.) – das ist ein systemischer Fehler.


In meiner Wahrnehmung übernimmt man mit jedem Lebewesen in der eigenen Obhut auch die Pflicht, dieses artgerecht zu halten und im Krankheits-/Verletzungsfalle einem Tierarzt vorzustellen. Eine „Nottötung“ kann daher von der Logik der Sache her nur erfolgen, wenn dadurch größeres Leid verhindert wird – aber eben definitiv nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wie abgestumpft ist unsere Gesellschaft eigentlich, dass es offensichtlich notwendig ist, diese Zeilen zu schreiben?


Frage: Aber warum werden überhaupt so viele Jungtiere krank, noch bevor sie ihr Schlachtgewicht erreichen?

Antwort: Der „Ausschuss“ ist aufgrund der beengten und nicht-artgerechten Haltungsbedingungen derartig hoch.

  • Ein beliebtes und selbstberuhigendes Argument von Fleischliebhaber*innen ist, dass die Haltungsbedingungen schließlich durch Tierärzte und Kontrollbehörden überprüft würden und sie sich somit keine Gedanken machen müssten.

    Ja, so sollte es sein. Ist es aber nicht – und jeder weiß es.

Und jeder weiß, dass jeder es weiß. Das hat System. Das ist verlogen.

Wer hier mitspielt, nach dem Motto: „Was kann ich dafür, wenn Regeln allzu oft nicht eingehalten werden“, handelt angesichts des eigenen Wissens, dass die Regeln systemisch nicht eingehalten werden m.E. verantwortungs- und gewissenlos.


Dazu hält der Spiegel fest:

  • „Die Kontrollen sind mangelhaft, die Veterinärämter so unterbesetzt, dass statistisch gesehen ein Tierhalter in Nordrhein-Westfalen nur rund alle 15 Jahre mit einer Überprüfung rechnen muss. Trotz vieler Verstöße kommt es nur selten zu Strafverfahren – in der Regel stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Geringfügigkeit oder mangels Beweises ein.“ (Kwasniewski 2019)

  • „Im Jahr 2017 waren nach Auskunft der Bundesregierung 562.864 Betriebe in Deutschland tierschutzrechtlich kontrollpflichtig, es gab aber bloß 29.854 Kontrollen, weil auch die Veterinärämter völlig überlastet sind. Die Kontrolldichte lag also bei gut fünf Prozent, in manchen Bundesländern sogar noch darunter.

    In Bayern kommt im Schnitt nur alle 48 Jahre ein Kontrolleur vorbei.“ (Theile 2019, 6)


Wenn eine Vorschrift Kontrollen erfordert bzw. wenn ein Gesetz Kontrollen vorsieht, dann hat der Staat – vollkommen egal in welchem Lebensbereich – dafür zu sorgen, dass entsprechend das erforderliche Personal eingestellt wird und selbige durchgeführt werden. Andernfalls – und insbesondere, wenn jahrelang viel zu wenig Personal da ist – muss von einem bewussten Wegschauen oder zumindest eine bewusste Inkaufnahme des Staates ausgegangen werden. Damit macht sich der Staat zum Komplizen.

Und die/der um diesen Umstand wissende, konventionelles Fleischessende – moralisch gesehen – ebenfalls.


Quellen dieses Abschnitts

>> Kwasniewski, Nicolai (2019): „Warum 13 Millionen Scheine im Müll landen“. in: Der Spiegel, 22.10.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/nottoetungen-in-der-schweinemast-qual-fuer-den-profit-a-1290250.html (Abrufdatum 22.10.2019)

>> Theile, Merlin (2019): „‚Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren.‘ Der Strafrechtler Jens Bülte über die unterschiedliche Behandlung von Haus- und Nutztieren sowie fehlende Kontrollen in deutschen Ställen.“ in: Die Zeit, Nr. 12/14.3.2019, S. 6.


Fleisch & Tierhaltung: Kastration von männlichen Ferkeln

Argumentation von Befürwortern:

  • Betäubungen dürften nur Tierärzte, davon gäbe es zu wenige (Anmerkung der Redaktion: Kostenfaktor!), das Fleisch unkastrierter Eber rieche beim Braten unangenehm, wolle man das vermeiden, müssten die männlichen Schweine früher geschlachtet werden und hätten dann nur 80 statt 120 Kg Schlachtgewicht = Thema Effizienz – und: Schlachtbetriebe seien auf 120 Kg eingerichtet und wollen keine 80-Kg-Schweine (vgl. Ausführungen des Landwirtes Marcus Holtkötter in: Grefe/Theile 2019, 32)

In anderen Worten:
Es wäre ethisch angebracht, männliche Schweine früher zu schlachten. Das ist eine Zeile Gesetzestext. Simpel. Kann gleich morgen erledigt werden.

>> Quelle: Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): ‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren.“ in: Die Zeit Nr. 45/30.10.2019, S. 32.


Fleisch & Tierhaltung: Kastenstand für Muttersauen

Argumentation von Befürwortern. So äußert sich bspw. der Landwirt Marcus Holtkötter:

  • „Die Sau [liegt] nach dem Abferkeln [ – was für ein Wort! – ] bis zu 28 Tage im Kastenstand [und wird] in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt… Aber wenn wir darauf verzichten würden…, würden 30 bis 40 Prozent der Ferkel von ihr erdrückt.“ (Grefe/Theile 2019, 32)


Renate Künast spricht hier von einer „grundsätzlich falschen Tierhaltung“ und hebt darauf ab, dass bei Massentierhaltung „viele Jungtiere sterben.“ (vgl. Abschnitt Nottötungen). Soll heißen: Die Ferkel überleben dann zwar den Kastenstand, „erleben“ aber vielfach nicht ihr Schlachtgewicht. Künast weiter: „Höhere Überlebenschancen bieten Außenklimaställe und Auslauf.“ (Grefe/Theile 2019, 31)

>> Quelle: Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): ‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren.“ in: Die Zeit Nr. 45/30.10.2019, S. 32.


Mein persönliches Fazit lautet: Mit diesem Schweinesystem möchte ich nichts zu tun haben. Ich möchte daran keinen Anteil haben.

Jeder Kauf von Billig-Fleisch stützt das System Massentierhaltung / Tierelend / Regenwald-Abholzung / Verlust von Artenvielfalt / Massenaussterben / Klima-Aufheizung / Trinkwasserverschmutzung / Dumping-Lohn. Rind geht auch Bio nicht wegen CO₂. Rind/Lamm/rotes Fleisch/verarbeitetes Fleisch (Wurst&Co) geht nicht wegen (Darm-)Krebsrisiko. Konventionelles Geflügel geht nicht wegen Antibiotikarestistenzen-Risiko.

Bleibt nicht viel.

Es bleibt: Veganismus oder selten frisches, nicht-rotes Biofleisch bzw. Milchprodukte auf der Stufe Bioland/Demeter.



Fisch.

Fisch & Ernährung

Fisch ernährt einen Großteil der Menschheit:

  • „Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) sind heute insgesamt 660 bis 820 Millionen Menschen direkt oder indirekt von der Fischerei abhängig. Bis zu zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben demnach von diesem Wirtschaftszweig“ (Latif 2014, 292).

    „Weltweit ernähren sich allein drei Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch“ (Götze 2019).


Überfischung & Massenfischhaltung

Zur Überfischung trägt der Fischfang im industriellen Maßstab inkl.

  • des Fanges noch nicht geschlechtsreifer Tiere (vgl. Welzer 2016, 15) und
  • direkt umweltschädigender Fangmethoden maßgeblich bei.

Jüngst entdeckte man, dass die Erderwärmung gewissermaßen ‚hilft‘ die verbliebenen Fischbestände ‚aus dem Meer zu quetschen‘:

  • „In wärmeren Gewässern vermischen sich sauerstoffreiche und -arme Schichten weniger gut. Thunfische und Haie brauchen zum Beispiel wegen ihrer Größe und ihres Energiebedarfs viel Sauerstoff. Sie würden in relativ sauerstoffreiche Schichten an höheren Lagen gezwungen und setzten sich dann der Gefahr aus, gefischt zu werden. Das trage zusätzlich zur Überfischung bei, berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Weltnaturschutzunion“ (Zeit 2019).

Um dem ‚Fischhunger‘ gerade auch der Bürger*innen der Industrienationen gerecht zu werden, gibt es mittlerweile in einem ausbordenden Maße sog. Aquakulturen:

  • „Die Aquakultur ist einer der am schnellsten wachsenden Zweige der Lebensmittelproduktion, und der Lachs ist einer ihrer Vorzeigefische. Allein Norwegen hat 2016 1,2 Millionen Tonnen Lachs geliefert“ (Kriener 2019, 32).
  • Aquakulturen = 66 Mio t : „Wildfang“ = 80 Mio t (Zahl der FAO 2012, zit. in Latif 2014, 293)
  • Aquakulturen sind: Massentierhaltung – und oft große Umweltverschmutzer:
    • Fischmehl (= Mehl aus Fisch)
    • starker Antibiotika-Einsatz
    • Fischfäkalien
    • Chemikalien

>> vgl. Latif 2014, 294
>> vgl. Aspekt Antibiotika-Resistenzen, S. 183

  • Und: „[U]m einen Lachs mit einem Kilogramm Gewicht heranzuziehen, benötigen Farmbetreiber zwischen zwei bis vier Kilo Wildfisch als Futter“ (ebd., 295).
  • Der Einsatz von Antibiotika ist auch bei Aquakulturen ein Problem. Jedoch hebt Kriener hervor, dass bezogen auf die Lachszucht in Norwegen der Verbrauch dieser Medikamente massiv zurückgegangen ist:
    • „Ursache sind die Impfungen der fingergroßen Jungfische gegen Infektionskrankheiten. In rasender Geschwindigkeit wird ein Fischlein nach dem anderen maschinell per Spritze geimpft“ (2019, 32).
  • Ein großes Problem sind Parasiten namens Lachsläuse, die „gegen die eingesetzten Insektizide teilweise resistent geworden [sind]“ (ebd.).
    • Entflohene Zuchttiere mit degeneriertem Erbgut gefährden Wildlachs-Bestände:
    • „Das Einsickern entwichener Zuchtlachse verändert den Genpool der Wildlachse, der sich über Jahrhunderte an die lokalen Ökosysteme angepasst hat. Farmlachse sind ganz auf Wachstum getrimmt, sie sind aggressiver und größer, weniger fit, sie haben eine geringere Fruchtbarkeit und – Lachse können bis zu zehn Jahre alt werden – eine kürzere Lebenserwartung“ (34).

      Und:

      „Allein der Marktführer Norwegen meldete während eines 14-jährigen Beobachtungszeitraums [offiziell] durchschnittlich 450.000 entkommene Fische pro Jahr“ (33).
  • Noch bis in die 1990er Jahre hinein wurden Zuchtlachse vorwiegend mit Fischmehl und Fischöl. Seither versucht man, „den Raubfisch Lachs zum Veganer zu erziehen“ (33).
    • „Wichtigster Bestandteil des Lachsfutters ist heute Soja. Die … Studie von Ytrestøyl beziffert den Sojaanteil am Lachsfutter auf 21,3 Prozent. Rapsöl kommt auf 18,3 Prozent, dazu kleinere Anteile Weizen, Sonnenblumen, Bohnen und Erbsen. Der Fischmehlanteil ist auf 19,5 Prozent gesunken, Fischöl auf 11,2 Prozent des Lachsfutters. Raubfische wie der Lachs vertragen das Pflanzenfutter allerdings denkbar schlecht, sie reagieren mit Durchfällen. Deshalb müssen die pflanzlichen Rohstoffe von Fasern und Kohlehydraten befreit werden. Dazu werden die Proteine isoliert und mit Aminosäuren angereichert. Die Low-Carb-Diät ist aufwendig und teuer. Und selbst nach der fischgerechten Aufarbeitung werden die pflanzlichen Futterpellets ungern gefressen. Ein Zusatz von Miesmuscheln als Geschmacksträger muss die Pflanzenkost aromatisieren, dann fressen die Fische ohne zu mucken“ (35).

Kriener hält abschließend fest, dass ein Raubfisch, der wenig Fisch frisst, entsprechend weniger Omega-3-Festtsäuren enthält, sodass man statt dessen „auch eine Gemüsepfanne servieren [könne]“ (35).

  • Douglas Tomkins, der vormals North Face und Esprit begründete und in seiner zweiten Lebenshälfte in Patagonien riesige Landschaften renaturiert und zu Nationalparks umgestaltet hat, erzählt im Gespräch mit Florian Opitz im Film bzw. Buch Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit:
    • „‚Damit pflastern sie seit Jahren [ohne Lizenz] die ganze Küste [in einsamen Gegenden in Patagonien] zu… Meistens sind es europäische Firmen, die hier das tun, was sie zu Hause nicht dürfen.‘ … In Chile würde etwa die gleiche Menge Lachs produziert werden wie in Norwegen, aber die hundertsiebzigfache Menge Antibiotika verfüttert. Dazu kämen Farbstoffe, Fungizide, Hormone. … ‚Wusstest du, dass eine einzige Lachsfarm so viel Scheiße produziert wie eine Stadt mit 65.000 Einwohnern? Und die ganze Scheiße fließt ins Meer.‘ … Der Lachs … sei … eingeschleppt worden. Jetzt fresse er die Küsten und Flüsse leer“ (2012, 210).

Quellen des Abschnitts Fisch



Nächster Abschnitt:

Energie & Zukunft

„Mit Abschalten war nicht Euer Gehirn gemeint.“ (Plakat auf einer Fridays for Future-Demo.)


Werfen wir zunächst einen Blick auf die fossile Gegenwart, die bis auf weiteres noch allzu sehr in der Vergangenheit gefangen ist:


Ein Blick in die fossile Vergangenheit: Erdöl. Erdgas. Kohle.

Dass die Nutzung fossiler Energieträger ein Auslaufmodell ist, hat sich bis zu den Erdöl-, Erdgas- und Kohle-fördernden Unternehmen zumindest, was das Tagesgeschäft und weitere Investitionen betrifft, noch nicht wirklich herumgesprochen.


So schiebt man weiterhin auch seit den 2010er Jahren Unternehmungen unvorstellbaren Ausmaßes an.

Allein die Größe der Projekte legt nahe, dass sie im Sinne des ‚Too Big To Fail´ auch deshalb so groß dimensioniert werden, um die kommenden ‚Rückzugsgefechte‘ vor Gericht, gegen Politik und Gesellschaft mit möglichst breiter Brust durchzuziehen und ggf. per Schadensersatz entsprechend auch bei Nicht-Produktion zu profitieren.

  • „Exxon beispielweise wird bis 2016 jährlich 37 Milliarden Dollar für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen und ihre Erschließung ausgeben. Das sind ungefähr einhundert Millionen Dollar pro Tag“ (Welzer 2016, 126).


Das zunehmende Tauen des nordpolaren Meeres macht Förderung dort möglich, wo bis vor kurzem Permafrost und ewiges Eis es verhinderten. So ist das Erdgasfeld Bowanenkowskoje auf der russischen Halbinsel Jamal an der Mündung des Flusses Ob in die Karasee erst seit einigen Jahren nutzbar – seit 2012 wird dort gefördert:

  • „Für rund 23 Milliarden Euro wuchsen nicht nur Verladeterminals ins Eismeer, das seinem Namen immer weniger gerecht wird, es entstanden auch Straßen, Nahstrecken, Siedlungen, ein Kraftwerk, ein Flughafen. Bestandteil des Jamal-Projekts sind außerdem 15 eisbrechende Flüssiggasstanker, jeder fast 300 Meter lang; Stückpreis: 320 Millionen Dollar. Sie sollen dafür sorgen, dass der Transport auch im Winter nicht zum Erliegen kommt“ (Langer 2019).


Derzeit investiert die „Chevron [Cooperation] … voraussichtlich 54 Milliarden Dollar in die Gasförderung auf Barrow Island, ‚einem Naturreservat erster Güte‘ vor der Nordwestküste Australiens… Einer von Chevrons Partnern bei diesem Projekt ist Shell, das Berichten zufolge noch einmal zehn bis zwölf Milliarden Dollar in den Bau der größten jemals realisierten schwimmenden Offshore-Bohrinsel (länger als vier Fußballfelder) steckt, um an einer anderen Stelle an der Nordwestküste Australiens Erdgas zu fördern. … Das Australienprojekt von Chevron soll mindestens dreißig Jahre lang Gas liefern, während die monströse Plattform von Shell mindestens fünfundzwanzig Jahre in Betrieb sein soll“ (Klein 2015, 182). Eine Offshore-Gas-Plattform in der Länge von vier Fußballfeldern? Trotz ‚Paris‘? Was soll ich da noch fragen außer: Habt ihr sie noch alle?


Aufgrund der Tatsache, dass die USA und Kanada möglichst unabhängig vom Nahen Osten bzw. der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) sein wollen, haben sie in den letzten 20 Jahren und durch neue Technologien begünstigt vermehrt angefangen, sog. ‚unkonventionelles Öl‘, das sog. Bitumen, das in Öl- und Teersanden (Oil sands, Tar sands) enthalten ist, abzubauen. Dieser „Prozess ist ungefähr drei- bis fünfmal so klimaschädlich … wie die Förderung von konventionellem Öl“ (Klein 2015, 175).

  • „Inzwischen wird in den USA… so viel Öl gefördert, dass die Zahl der Ölwaggons in der Zeit von 2008 bis 2013 auf 9.500 auf geschätzt 400.000 stieg – also um 4.111 Prozent“ (Klein 2015, 377, Hervorhebung Klein).


Weiterhin hat hier das Stichwort ‚Fracking‘ zu fallen, welches für ein Verfahren steht mittels ungenannter Chemiecocktails (vgl. Klein 2015, 396) Öl oder Gas aus dem Untergrund, meist aus Schiefer herauszupressen, mit dem Risiko von Methanemissionen, Trinkwasservergiftungen, entzündbarem Trinkwasser, kleinen Erdbeben, Geländesenkungen (vgl. ebd., 396f.) und mutmaßlich Krebs (vgl. Maher 2019).

  • Laut einer 2011 veröffentlichten Studie der Cornell Universität „liegen die Methanemissionen bei gefrackten Erdgas um mindestens 30 Prozent höher als bei konventionellem Gas“ (Klein 2015, 179).


Fracking von Öl bedeutet i.d.R. einen erheblichen Methanschlupf(1) – der, soweit man ihn erwischt und das Methan nicht direkt in die Atmosphäre entweicht (‚Venting‘), zu rund 300 Mio t CO2 jährlich verbrannt wird (‚Flaring‘) (vgl. Eichhorn 2020):

  • „Derzeit werden weltweit 150 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr abgefackelt“ (Eichhorn 2020).
  • „[E]s [ist] meist rentabler, nur das [im Schiefergestein] eingeschlossene Öl zu fördern. Um das Gas abzutransportieren, müssten eigens Pipelines verlegt werden. Weil das zu teuer ist oder die Expansion der Ölfelder zu schnell fortschreitet, wird das Gas als sogenanntes ‚assoziiertes Gas‘ häufig an Ort und Stelle verbrannt. 2018 wurden nach Schätzungen allein im Permbecken [in Texas] Gas im Wert von 750 Millionen Dollar abgefackelt, ohne jeglichen öffentlichen Nutzen“ (ebd.).

>> siehe Weltkarte des Online-Projekts Skytruth: Satellite-Detected Natural Gas Flaring https://viirs.skytruth.org/apps/heatmap/
flaringmap.html#lat=32.60445&lon=-1.20972&zoom=3&offset=15&chunk=2018
(Abrufdatum 20.8.2020) – in North Dakota ist es absurd hell >> auf ‚Satellit stellen‘ und reinzoomen, teilweise kommt man sogar mit Streetview, vgl. Jahr 2018, „560 U.S. 82, Plains, Texas, USA“, etwas nach Osten zur Straße 82, dann Streetview.

Erläuterungen zu (1) 'Methanschlupf'

Methanschlupf ist auch ein Problem stillgelegter Öl- und Gasbohrungen – zu Lande und zu Wasser, vgl. Aspekt Erdgas gilt als die am wenigste schlimme Form der fossilen Energieträger, S. 529f. Des Weiteren haben Pipelines Methanschlupf… Hinzu kommen die vielen, vielen kleinen Lecks in Erdgasleitungen in den Städten dieser Welt: „Wir haben im Hamburger Stadtgebiet an 145 Stellen erhöhte Methankonzentrationen entdeckt. Für zwei Drittel sind Lecks im Gasnetz die Ursache… Insgesamt rund 286 Tonnen Methan gelangen jährlich allein über das Hamburger Gasnetz in die Atmosphäre, haben die Forscher ermittelt“, zitiert der Spiegel den Autor einer 2020 veröffentlichten Studie, die sich mit Lecks in globalen Gasnetzen auseinandersetzt (Diermann 2020). – Mit anderen Worten: Methan tritt in weiten Teilen der Produktionskette von Öl und Erdgas in die Atmosphäre aus.

Derweil „deuten die [Methanschlupf-]Daten der NOAA auf rund doppelt so hohe Gasverluste hin wie offiziell angegeben“ (Eichhorn 2020).


Preisfrage: Was passiert, wenn eine Firma plötzlich zahlungsunfähig ist? Und somit die Mitarbeiter*innen nicht mehr bezahlt werden? Räumen Sie und Ihre nicht bezahlten Mitarbeiter*innen dann noch monatelang auf und hinterlassen das Firmengelände besenrein? Oder ist es nicht doch eher so, dass Sie Ihre Sachen packen und unverzüglich das Gelände verlassen?


In den USA wird die hoch subventionierte Öl- und Gas-Fracking-Branche durch fallende Öl- und Gaspreise – auch, aber nicht nur durch Covid-19 – von einer umfangreichen Pleitewelle erfasst (vgl. Kriener 2020, 8).

  • „Der Londoner Thinktank Carbon Tracker schätzt die Kosten für die ordnungsgemäße Schließung eines Bohrlochs auf 300.000 Dollar“ (ebd.).
  • „Die US-Regierung schätzt laut New York Times, dass inzwischen mehr als 3 Millionen Bohrstellen aufgegeben worden sind: davon sollen 2 Millionen nicht sicher verschlossen sein und Methan in einem Ausmaß emittieren, dass den Auspuffgasen von 1,5 Millionen Autos entspricht“ (ebd.).
  • „Einige der Vorstände hätten noch [– so drückt sich Joe Biden aus –] vor dem Bankrott ‚Millionen und Millionen Dollar‘ kassiert“ (ebd.).

>> Übrigens: Auch ‚sicher‘ verschlossenen Bohrlöcher entweicht oft noch relevant und langjährig Gas, vgl. Aspekt Erdgas gilt als die am wenigste schlimme Form der fossilen Energieträger, S. 529f.


Auch darf nicht unerwähnt bleiben, das es in der fossilen Industrie offensichtlich als vollkommen normal angesehen wird, eine Öl-Plattform (‚Deepwater Horizon‘) mitten in den Golf von Mexiko zu stellen und ein 1.500 Meter unter dem Meeresspiegel liegendes Ölfeld anzubohren – und keinen Plan B zu haben, sodass nach einer heftigen Explosion im Jahre 2010 das austretende „Öl von BP drei lange Monate in den Golf rauschte“ (Klein 2015, 401), um dann schließlich mit Chemikalien das Öl unter Wasser verschwinden zu lassen, sodass es wenigstens gut aussah, aber eben bis heute eine gigantische, dauerhafte Umweltkatastrophe bedeutet. Dies ist in allen ölschillernden Details nachzulesen bei Kathrin Hartmann im Kapitel „Wie BP die größte Ölpest aller Zeiten im Meer versteckte“ – und, hinzuzufügen ist: Wie BP das systematische Greenwashing für sich entdeckte (vgl. 2018, 29ff.).

>> siehe Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing.
>> s.a. Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.
>> Konkrete Beispiele zum Thema Greenwashing siehe https://klima-luegendetektor.de/ (Abrufdatum 29.9.2020)


Und dann sind da noch die Teersandabbaugebiete in Alberta, Kanada.

Garzweiler ist schlimm? Ja. Aber ohne Braunkohletagebaue in Deutschland in irgendeiner Form verharmlosen zu wollen: Verglichen mit den Teersandabbaugebieten in Alberta, Kanada ist Garzweiler ein winziges, Stecknadel-kleines Loch in der Erde… Das Ding bei Fort McMurray gilt als das größte Industrieprojekt der Welt, sodass Naomi Klein diese Region zu Recht als eine ‚Opferzone der Erde‘ bezeichnet.

>> Garzweiler I betrifft eine Fläche von 66 km2 (ungefähr so groß wie der Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf).
Garzweiler II = 40 km2 (entspricht etwa Berliner Bezirk Mitte) (vgl. wikipedia 2020c)

>> siehe dazu 52-minütige 360°-Geo-Reportage „Fort McMurray, Kanada im Ölfieber“. [Ein Film von Andreas Gräfenstein, 2014]. in: YouTube, online unter https://www.youtube.com/watch?v=eadcv_oMM9o (Abrufdatum 15.5.2020);

>> Auch Naomi Klein besucht in der Doku This Changes Everything die Tar Sands und dokumentiert, wie es den Angehörigen der First Nations, die juristisch gegen den Abbau der Tar Sands und gegen Keystone-XL-Pipelines (siehe Fußnote S. 519) vorgehen, und anderen Bürger*innen entlang der Keystone-Pipeline ergeht: Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.

>> Eine Bilderserie über die Tar Sands: Leahy, Stephen (2019): „This is the world’s most destructive oil operation—and it’s growing“. in: Nationalgeographic, 11.4.2019, online unter https://www.nationalgeographic.com/environment/2019/04/alberta-canadas-tar-sands-is-growing-but-indigenous-people-fight-back/ (Abrufdatum 15.5.2020)


Ich habe mich gefragt, wie groß ist eigentlich dieses Abbaugebiet in Alberta?(1). Derzeit realistisch gilt ein Abbau auf einer Fläche von 4.800 km2, tatsächlich wird mit Stand Ende 2016 auf 953 km2 aktiv Tagebau betrieben – also auf einer Fläche, die deutlich größer ist als Berlin (891,12 km2). (vgl. Alberta.ca 2017)(2).

  • „[A]lles an diesem größten Industrieprojekt der Erde… [ist] überdimensioniert[,] auch die in Südkorea hergestellten Maschinen…, die können so lang und schwer wie eine Boeing 747 sein, und manche Schwerlaster sind drei Stockwerke hoch“ (Klein 2015, 284).
  • „Um einen Liter Bitumen aus dem Sand zu waschen, braucht man fünf Liter Wasser – Wasser, das danach ein mit Schwermetallen und zum Teil krebserregenden Kohlenwasserstoffen verseuchter Schlick ist und in Klärteichen gelagert wird. Diese künstlichen Seen voller Giftbrühe sind zusammengenommen mit 130 Quadratkilometern bereits halb so groß wie Frankfurt am Main“ (Teves 2018).
  • Und: Der größte Staudamm der Welt (‚Syncrude tailings pond‘, Kriterium ‚Dammvolumen‘) dient nicht etwa der Rückhaltung von Wasser…, nein, er steht in Alberta und hält die hochtoxische Brühe zurück, die entsteht, wenn man Teersande/Ölsande von ‚überflüssigem‘ Sand/Gestein befreit (vgl. wikipedia 2020a).(3)

Die Beharrungskräfte sind groß. Wir reden darüber, den fossilen Industrien, d.h. der größten und Kapital-kräftigsten Industriebranche der Welt, das bisherige Geschäftsmodell ‚wegzunehmen‘, genauer:

Es muss zerstört werden…

Es hat von der Politik zerstört zu werden.


>> Nichts für schwache Nerven: Wenn Sie bei Google Earth die Stichwörter ‚Fort McMurray, Alberta, Kanada‘ eingeben und dann etwas nach Norden schwenken, können sie diese vielleicht größte Wunde des Planeten besichtigen.

>> Querverweis: Wofür nun also das auf diese Weise dem Boden abgerungene Öl vornehmlich eingesetzt wird, siehe Abschnitt Verkehr & Mobilität: Eine Klima-notwendige Verkehrswende, S. 294 und dort insbesondere den Aspekt Thema ‚Verkehrsopfer inkl. Luftverschmutzung‘, S. 298.

Details: Erläuterungen zu (1), (2) u. (3)

(1) Die theoretische Abbaufläche, also die Fläche der Ölsandvorkommen beträgt 142.200 Quadratkilometer und ist somit größer als England. England = 130.395 Quadratkilometer

(2) Hinzu kommen Flächen, die bereits ausgebeutet sind und renaturiert zu werden haben: Die Fläche, die als per Zertifikat als renaturiert gilt, beträgt Ende 2016 ganze 1,04 km2. Die Fläche der nicht zertifizierten ‚Permanent Reclamation‘ beträgt Ende 2016 rund 61,6 km2.

(3) Bei Athabasca, einem der Ölsand-Abbaugebiete in Alberta, beginnt das hochumstrittene und teilweise im Bau befindliche Keystone-XL-Pipeline-System, „das kreuz und quer über den Kontinent verlaufen soll … [und dessen] südliche Ausläufer von Oklahoma zu den Exportterminals an der texanischen Küste [führt]“ (Klein 2015, 365, vgl. Handbuch Fußnote auf S. 531). Des Weiteren soll Keystone XL „durch den Ogalla-Aquifer … führen, eine ausgedehnte unterirdische Süßwasserquelle in den Great Plains, die Trinkwasser für rund zwei Millionen Menschen und rund 30 Prozent des gesamten in Amerika zur Bewässerung benötigten Grundwassers liefert“ (ebd. 418). Im Juli 2020 hat „[d]as oberste Gericht der USA … ein Gesuch der Regierung abgelehnt, einen Baustopp für Keystone XL aufzuheben, den ein Gericht im Bundesstaat Montana im April verhängt hatte“ (Schwarz 2020, 9).


Ein Blick in die Gegenwart:

Energiewende in Deutschland

Hinsichtlich der deutschen Energiewende fallen immer wieder zwei komplett verschiedene Wahrnehmungen auf: Im Inland gilt sie als verzögert, ausgebremst und zu guten Teilen gescheitert. Im Ausland hingegen wird die Energiewende als innovativ wahrgenommen – und so strömt ihr (und in diesem Zusammenhang auch Angela Merkel) in der Regel deutliche Bewunderung zu.

…mehr

Dass Deutschland einige Jahre lang als Vorreiter beim Klimaschutz galt hängt auch damit zusammen, das die Bilanzen der Wiedervereinigungsjahre aufgrund des Zusammenbruches der alten Industrien der DDR in Relation zu den Vorwendejahren sehr gut aussahen (vgl. Göpel 2020, 78).

Beides ist richtig. In der Tat, Deutschland hier einen das Ausland beeindruckenden Alleingang hingelegt, der aber – bedauerlicherweise – letztlich nur deshalb so hell nach außen strahlt, weil ‚die Anderen‘ noch weniger tun.

Mojib Latif konstatiert:

  • „Es ist übrigens das historische Verdienst Deutschlands, Solar- und Windstrom über das Erneuerbare-Energien-Gesetz bezahlbar gemacht zu haben. Nur deswegen boomen die Erneuerbaren jetzt weltweit“ (2020, 104).


Aber es gilt auch: Wir könnten schon so viel weiter sein.

Ein wesentliches Puzzleteil zur Bewältigung der Klimakrise: Die Energiewende bzw. die massive Nutzung von erneuerbaren (=regenerativen) Energien.

Ohne eine zügige und umfassende Energiewende gekoppelt mit einer ebenso einschneidenden Mobilitätswende gibt es keinen Ansatz zur Eindämmung der Klimakrise:

Die „Energiewende und Verkehrswende sind zwei Seiten einer Medaille.“ (Müller-Görnert 2019, 2)


Status quo:

  • 42,1% beträgt der Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommix 2019 – wohl vorrangig aufgrund der optimaler Wetterverhältnisse (vgl. UBA 2020a), davon sind im Strommix 20,9% auf Windenergie und 7,8 % auf Solarenergie zurückzuführen (vgl. AGEB 2020, 27).(1)
  • „Windenergieanlagen an Land und auf See [haben 2019] … so viel Strom wie kein anderer Energieträger in Deutschland [erzeugt]“ (AGEB 2020, 32).
  • 37,8%, betrug 2018 der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen, was etwa dem Anteil der Verstromung von Braun- und Steinkohle entspricht(2) (vgl. UBA 2019).


Öffentliche Netto-Stromversorgung(3) in Deutschland, Anteile

Regenerativ: 47,5% >> Wind = 25,4% | Solar = 9,5% | Biomasse = 8,6% | Wasserkraft 4,0%
Fossil: 52,2% >> Braunkohle = 20,1% | Atom = 20,1% | Steinkohle 10,0% | Gas = 9,3% (vgl. Pinzler et al. 2019,3)

Das bedeutet: Absehbar können – mit mehr politischem Willen und einem Mehr an Durchsetzungsvermögen– 100% des Strombedarfes in Deutschland auf Basis von erneuerbaren Energien erzeugt werden.

Details: Erläuterungen zu (1), (2) u. (3)

(1) Atomstrom hat der gleichen Quelle zu Folge 2019 noch einen Anteil von 12,3% an der Bruttostromerzeugung. Mit der Abschaltung des AKW ‚Phillippsburg 2‘ Ende 2019 reduziert sich der Anteil weiter (ebd. 25).

(2) Zusätzlich wird Deutschland Kohle selbstredend auch für die Gewinnung von Wärme verfeuert.

(3) Nettostromverbrauch = Endenergieverbrauch = Bruttostromverbrauch abzgl. Netzverluste und abzgl. des Eigenverbrauchs im Umwandlungsbereich bzw. des Kraftwerkseigenverbrauchs.

Aber – und das wird auffälliger- bzw. merkwürdigerweise selten erwähnt in der Debatte – damit ist nicht viel erreicht.

Ein klimaneutrales, dekarbonisiertes Deutschland hat nicht nur seinen Strom, sondern seinen Gesamtenergiebedarf aus erneuerbaren Energien zu erzeugen:

  • Anders als im fossilen Zeitalter benötigen wir künftig Strom für Alles, für Wärme, für die Industrie inkl. energieintensiver Branchen wie Stahl, Aluminium, Kupfer und Zement bzw. Beton sowie für die Mobilität sowohl für den ÖPNV, Carsharing und auch – gemäß derzeitiger politischen Entscheidungen – für E-Autos in privater Hand.

Hierbei besagt der Leitgedanke der sog. Sektorenkopplung, das die bisher eher getrennt wahrgenommenen Sektoren der Energiewirtschaft zusammenwachsen durch „die Umwandlung von Erneuerbaren (Überschuss-)Strom in Gase [à la Wasserstoff] oder Flüssigkeiten“ (Fraunhofer 2018, 1), die dann energetisch für Bereiche genutzt werden, die traditionell mit fossilen Brennstoffen betrieben wurden wie z.B. der energieintensiven Produktion von Stahl.

Definition 'Sektorenkopplung'

Definition ‚Sektorenkopplung‘: „Der Begriff ‚Sektorenkopplung‘ meint, dass mittelfristig erneuerbare Energien nicht nur für den üblichen Stromverbrauch genutzt werden, sondern z.B. via Elektrolyse umgewandelt in synthetische Kraftstoffe z.B. für den Schiffs- und Flugverkehr oder andere besonders energieintensive Industrien zur Verfügung stehen werden. Bei der Umwandlung in synthetische Kraftstoffe ist der Wirkungsgrad recht gering, sodass extrem viele Wind- und Solarkraftwerke benötigt werden, um den Bedarf an Energie zu decken“ (Zukunftsrat 2020, 9).

  • Das Entscheidende dabei ist, dass die mit Strom und nachfolgend via Wasserelektrolyse gewonnenen Gase und Flüssigkeiten CO2-neutral sind, weil deren Verfeuerung letztlich nur genau das Maß an CO2 in die Atmosphäre hineinbringt, was zuvor mittels Stromenergie zur Erzeugung des Wasserstoffs der Atmosphäre entnommen wurde.


42,1% Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bedeuten einen Beitrag zum
Bruttoendenergieverbrauch Deutschlands
(2499 TWh) von 17,1% (vgl. UBA 2020c).

Diese 17,1% (=452 Terawattstunden (TWh)) verteilen sich wie folgt auf:

  • Stromerzeugung per Erneuerbare Energien (EE): 244 TWh
    Windenergie = 126 TWh | Photovoltaik = 47,5 TWh | Wasserkraft 20,2 TWh | Biogene Brennstoffe und Gase 50,5 TWh
  • Wärmeerzeugung per EE: 176 TWh
    Biogene Brennstoffe und Gase, Wärme = 152 TWh | Geothermie und Umweltwärme = 16 TWh | Solarthermie = 8,5 TWh
  • Biokraftstoffe 32 TWh (Palm, Raps, Methan aus Biogasanlagen)


Windenergie und Photovoltaik haben einen Anteil an der derzeitigen Strombereitstellung aus erneuerbaren Energieträgern von 38%.

Windenergie und Photovoltaik haben einen Anteil am Bruttoendenergieverbrauch von 4,8% bzw. 1,8%, d.h. zusammengenommen von 6,6%.

(Alle Zahlen stammen aus bzw. basieren auf UBA 2020a)


Diese Energie wird von etwa 29.456 Onshore-Windenergieanlagen (vgl. BWE 2019)(1) und mehr als 1,7 Mio Solaranlagen (vgl. Stromreport 2020) erzeugt. Es hat etwa 20 Jahre – seit Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – gedauert, diese Anlagen ‚gegen alle Windmühlen‘ unter unendlichen Mühen und vielen Milliarden Euro aufzubauen. Es macht keinen Sinn, zu errechnen, wie lange es dauern würde, in diesem Tempo fortzufahren.

>> 29.456 Onshore-Windenergieanlagen – dies ist die Gesamtzahl der in Deutschland stehen Onshore-Windkraftanlagen. Nicht alle sind in Betrieb.

>> Apropos EEG:
Das EEG garantiert seit 2000 den Erzeugern von Strom aus erneuerbaren Energien den Anschluss ans Stromnetz, die Abnahme des erzeugten Stromes und feste Einspeisevergütungen. Zur Finanzierung gibt es die sog. EEG-Umlage. Bei Einführung galt das Gesetz als großer Wurf und beflügelte seinerzeit insbesondere den Zubau an Photovoltaik. Das EEG wurde jedoch 2004, 2009, 2012, 2015 und 2016/17 reformiert, was zu immer größeren Nachteilen für kleine Erzeuger (Stichwort ‚Bürgerenergiewende‘) führt, die großindustriellen Erzeuger u.a. aufgrund von Ausschreibungsverfahren bevorzugt sowie hinsichtlich der Energiewende eher eine bremsende Wirkung entwickelt. Die hohen Arbeitsplatzverluste im Bereich ‚Photovoltaik‘ und ‚Windkraft‘ sind letztlich mehrheitlich auf diese Gesetzesreformen zurückzuführen. Das EEG geriet um 2013 in den Fokus der Lobby-Kritik, weil das EEG vorgeblich für Verbraucher*innen den Strompreis erhöhe, wie man auch an dem extra ausgewiesenen Posten auf den Stromrechnungen erkennen könne. Was in der Stromrechnung hingegen nicht notiert ist, sind die Kosten, die die Verbraucher*innen für die Subventionierung von fossil erzeugtem Strom zu bezahlen haben: „Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft hat nachgerechnet, was die versteckten Subventionen für Kohle, Gas und Atom im Vergleich mit der Erneuerbaren-Förderung in Deutschland kosten. Ergebnis: Eine ‚Konventionelle-Energien-Umlage‘ läge aktuell rund 50 Prozent über der EEG-Umlage“ (Bah 2017). Im Übrigen ist das m.E. eine Geisterdiskussion – es wäre vollkommen in Ordnung, wenn Strom aus nicht-fossilen Energieträgern teurer wäre. Folge dieser Lobbyaktion war bedauerlicherweise die Altmaier’sche ‚Strompreisbremse‘. „Die verheerenden Folgen der Novellierung der Photovoltaik-Förderung werden in der Energieforschung von den Wissenschaftlern ironisch als ‚Altmaier-Knick‘ bezeichnet, weil Peter Altmaier in seiner damaligen Funktion als Umweltminister erheblichen Anteil an der Novelle hatte. Nach der Novelle brach die boomende Solarzellenproduktion in Deutschland ein“ (Coen 2016, 3). Auch erwähnenswert: „Fast die Hälfte des industriellen Stromverbrauchs ist ganz oder teilweise von der EEG-Umlage befreit“ (Die Anstalt Faktencheck, 77) – etwa 2.000 Betriebe. Begründung: Die Unternehmen stehen im internationalen Wettbewerb, wie z.B. offensichtlich auch die Zugspitzbahn (vgl. ebd.). Auch diese etwa fünf Milliarden Euro (vgl. ebd., 78) zahlen die Steuerzahler*innen. Derweil kommt heute nur noch ein relativ gesehen kleiner Teil der EEG-Umlage tatsächlich bei den Erzeugern an, weil der sog. Umwälzmechanismus verändert wurde: Seit 2010 hat sich die EEG-Umlage für Verbraucher*innen fast verfünffacht, die Einspeisevergütung für die Erzeuger jedoch nur verdoppelt – die Differenz kommt aufgrund eines merkwürdigen Mechanismus, dem sog. EEG-Paradoxon, der sich m.E. dem logischen Denken entzieht, ein weiteres Mal den energieintensiven Branchen zugute. Die höheren Umlagenbeiträge, die die Verbraucher*innen zahlen, kommen nicht den EE-Erzeugern, sondern ermöglichen den energieintensiven Branchen, Strom zu günstigeren Preisen einzukaufen (vgl. Weber 2014). Zu diesem ‚merkwürdigen Mechanismus‘ hält Susanne Götze fest: „Ein beliebter Trick besteht darin, Gesetze so lange zu verkomplizieren, bis sie keiner mehr versteht. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war ursprünglich so gut, dass es weltweit kopiert wurde. Damals umfasste der Gesetzestext fünf Seiten. Mittlerweile ist das auf 140 Seiten angewachsen. Da blickt zum einen niemand mehr durch, eine Heerschar von Anwälten interpretiert das Gesetz immer neu“ (zit. in Rühle 2020). Einen unterhaltsamen und inhaltlich überaus fundierten ‚Grundkurs EEG‘ gibt die ZDF-Satiresendung ‚Die Anstalt‘ vom 1.10.2019, deren 105-seitiger Faktencheck Hauptquelle dieser Fußnote ist, siehe https://www.claus-von-wagner.de/tv/anstalt/oktober (Abrufdatum 16.6.2020), s.a. Eicke Webers Vortrag über die „vorsätzlich aufgeblasene EEG-Umlage“: https://www.youtube.com/watch?v=VjN_J3QA3RI (Abrufdatum 16.6.2020), vgl. Naumann: „Die EEG-Umlage verständlich erklärt“ (2018). Mit Stand September 2020 hat das Bundeskabinett eine Novelle des EEG verabschiedet. Die Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW, Claudia Kemfert, findet, dass „[d]ie Novelle … weniger schlimm als befürchtet, aber trotzdem nicht gut genug“ (2020).


Unter der Annahme eines gleichbleibenden Brutto-Endenergiebedarfs bleibt derzeit für eine komplette Umstellung auf erneuerbare Energien eine Versorgungslücke von etwa 83%.

Erläuterung

Bezugnehmend auf den einige Absätze darüber genannten Sachverhalt, dass 42,1% Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung einen Beitrag zum Bruttoendenergieverbrauch Deutschlands (2499 TWh) von 17,1% (vgl. UBA 2020c) bedeuten.


Global fällt die Bilanz ähnlich aus:

„Immer noch stammen mehr als 80 Prozent der weltweiten Primärenergie aus fossilen Quellen. Wind und Sonne liefern weniger als zwei Prozent“ (Spiegel 2020, 97)

Erläuterung

Fedrich verwendet folgende Zahlen hinsichtlich des Anteils der Energieträger an der weltweiten Stromversorgung: Kohle 38% | Gas 23% | Wasserkraft 16% | Atomenergie 10% | Wind 5% | Biomasse 3% | Öl 3% | Sonne 2% | Erdwärme 1% (2020, 54)


Dazu ist festzuhalten:

  • Das Potenzial von Wasserkraft ist in Deutschland weitgehend ausgeschöpft.
  • Weitere derzeit ausgereifte Technologien im Bereich Erneuerbare Energien sind Brennstoffzellen, Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)(1), Wärmepumpen(2), (Tiefen-)Geothermie(3), Solarthermie zur Erzeugung von Warmwasser (z.B. zum Heizen) – und in Deutschland begrenzt Solarthermische Kraftwerke(4).
  • Biokraftstoffe, die bislang die Bilanz der Erneuerbaren statistisch gesehen verbessern, werden aus obiger Rechnung künftig teilweise wegfallen – mindestens, weil Palm als Kraftstoff wegfallen wird.
Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

(1) Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) bedeutet die gleichzeitige Umwandlung von Primärenergie in Nutzwärme und mechanische bzw. elektrische Energie. Konkret wird die bislang allzu oft ungenutzte Abwärme, die z.B. bei chemischen Prozessen in der Industrie entsteht, per KWK z.B. in ein Fernwärmenetz eingespeist. So koppeln Blockheizkraftwerke die Erzeugung von Strom und Wärme, sodass der Wirkungsgrad gegenüber nicht-gekoppelten Systemen deutlich höher ausfällt.

(2) Wärmepumpen hat man sich wie einen geschlossenen Rohrkreislauf vorzustellen. Wärmepumpen machen sich Temperaturdifferenzen zwischen Haus und entweder dem Boden, dem Grundwasser oder der Außenluft zunutze. Ein flüssiges Kältemittel nimmt Energie aus der in Relation wärmeren Umgebung auf und verdampft (schon bei niedrigen Temperaturen), gelangt in einen (mit hoffentlich EE) strombetriebenen Kompressor, der den Kältemitteldampf verdichtet, d.h. unter Druck setzt und dadurch weiter erhitzt. Die so erzeugte Wärme wird an ein Heiz- und Warmwassersystem abgegeben. Die Temperatur sinkt, das Kältemittel verflüssigt sich wieder, ein Entspannungsventil sorgt für Druckabfall bzw. -ausgleich, das Kältemittel erreicht seine Ursprungstemperatur – der Kreislauf beginnt von Neuem. Derzeit kommen überwiegend „teilfluorierte Kohlenwasserstoffe (HFKW) zum Einsatz[, die] … ein hohes Treibhauspotenzial auf[weisen] und sind beim Entweichen oder bei der Entsorgung der Anlage bis zu mehrere tausend Mal klimaschädlicher als CO2… [Zurzeit] gilt besonders das Kältemittel R290 (Propan) als zukunftssicherer Ersatz für HFKW-Kältemittel“ (Dein Heizungsbauer 2020). Zu Teilhalogenierten Fluorkohlenwasserstoffen ‚HFWK‘ vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase, S. 145f.

(3) Geothermik nutzt Erdwärme in Form von Erdwärmesonden (vgl. Wärmepumpen), Erdwärmekollektoren oder durch flache Grundwasserbrunnen (vgl. Island). Es „existieren auch Erdwärmesonden mit mehreren hundert Metern [Tiefe] und sogar bis zu einigen tausend Metern“ (Erdwerk 2020). Geologe Matthias Franz: „In Norddeutschland sind die Bedingungen für die Tiefengeothermie besonders günstig“ (Römer 2020). „[I]m großen Maßstab, also für Kommunen, wird die Sache erst interessant, wenn es bis zu 5.000 Meter hinuntergeht. In den Wasserreservoiren, im Boden verteilten Blasen, herrschen Temperaturen von teils über 100 Grad. Mit derart warmem Wasser kann nach dem Heizen sogar noch Strom gewonnen werden“ (ebd.).

(4) Ein Verzeichnis sämtlicher technisch ausgereifter, nicht-fossiler Energiegewinnung bzw. -umwandlung siehe Project Drawdown https://drawdown.org/solutions (Abrufdatum 23.6.2020, click ‚Electricity‘; s.a. Inhaltverzeichnis bzw. tabellarische Auflistung im ‚Buch der Synergie‘ von Achmed Khammas http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/inhalt_c.htm (Abrufdatum 16.6.2020).

  • Das bedeutet, dass unter der Annahme eines gleichbleibenden Brutto-Endenergiebedarfs die Versorgungslücke von etwa 83% künftig mehrheitlich durch Windkraft (onshore/offshore) und Photovoltaik gedeckt zu werden hat.
    • Denkbar wäre, vermehrt erneuerbare Energien aus anderen Ländern der EU zu beziehen z.B. aufgrund der höheren Sonneneinstrahlung im Süden Europas. Hierzu gibt es nichts Spruchreifes, weshalb diese Alternative bzw. diese ergänzende Maßnahme hiermit einmal genannt sei und im Folgenden aus den Überlegungen ausgeklammert wird.
  • Strom aus Windkraft und Photovoltaik hat nur dann einen Wirkungsgrad von 100%, wenn er unverzüglich direkt eingespeist wird.
    • Die Versorgungssicherheit zur Vermeidung des Zusammenbruches des Stromnetzes (‚Blackout‘) sowie Nutzungsspitzen sind in den Bedarf an Anlagen einzukalkulieren.
    • Einzukalkulieren sind umgekehrt auch Produktionsspitzen. Der hier erzeugte Strom hat zwischengespeichert zu werden.
  • Mit dem Power-to-Gas-Verfahren (Power to Fuel/Power-to-liquid/Power-to-x) stellt man aus Strom aus erneuerbaren Energien her, in dem man Wasser (H2O) mit der Energie des Stromes per Wasserelektrolyse in (Bio-)Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) zerlegt.

    Dieser Wasserstoff kann nun unter Nutzung (i.d.R.) der Luft entnommenen CO2 methanisiert – und als Methan – d.h. als Biogas – z.B. zur Wärmegewinnung genutzt werden – gerade für zwischenzuspeichernde Überkapazitäten ist das eine Möglichkeit, erzeugten Strom nicht komplett verloren gehen zu lassen. Bei der Verbrennung dieses Biogases entsteht lediglich die Menge an CO2, die zuvor aus der Luft entnommen wurde. Es ist prinzipiell also ein klimaneutrales Nullsummenspiel. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass der dazugehörige Strom, die Industrieanlagen zur Erzeugung und Weiterverarbeitung des Stromes allesamt ressourcenintensiv entwickelt, gebaut, unterhalten und irgendwann ersetzt zu werden haben.
  • Wird Strom per Wasserelektrolyse in Wasserstoff umgewandelt, ergibt sich ein maximaler Wirkungsgrad von 83%, der Median liegt bei 80% (vgl. Milanzi et al. 2018, 9).
  • Wird der Strom als Wasserstoff zwischengespeichert via Wasserelektrolyse, um dann wiederum als Strom ins Netz eingespeist zu werden, geschieht dies mit einem Wirkungsgrad von „40% oder sogar tiefer“ (Energie-Lexikon 2020a).
  • Benutzt man Batterien – die es so noch nicht im industriellen Maßstab für eine Massenproduktion gibt, liegt der Wirkungsgrad höher, bei Lithium-Ionen-Batterien etwa bei 85% (Öko-Institut 2018, 27).

>> Lithium-Ionen-Batterien: Diese Art Akkus werden i.d.R. sowohl in E-Autos als auch in Smartphones, Tablets, Laptops etc. eingebaut, vgl. Abschnitt Der ‚globale Impact‘ eines Smartphones, S. 644ff.

>> Nicht berücksichtigt in dieser Rechnung: Die seltene Erde (!) Lithium und weitere Stoffe haben entdeckt, gefördert, transportiert, weiterverarbeitet, transportiert, zusammengesetzt zu werden. Die gesamte Infrastruktur dafür hat entwickelt, hergestellt, transportiert, zusammengesetzt, gewartet, repariert und ersetzt zu werden. Das alles kostet Energie.

  • „‚Um synthetischen Sprit für eine Strecke von 100 Kilometern herzustellen, brauchen wir die gleiche Menge Strom, die für 700 Kilometer in einem batterieelektrischen Auto reicht‘, sagt Fischedick“ (Ilg 2020), so Manfred Fischedick, Professor am Institut für Klima, Umwelt, Energie an der Universität Wuppertal.
  • Wird der Strom aus erneuerbaren Energien via Wasserelektrolyse in Wasserstoff und dann weiter in synthetische Kraftstoffe, d.h. in sog. strombasierte Kraftstoffe oder E-Fuels à la Power-to-Liquid für Lkw oder in E-Kerosin für Flugzeuge umgewandelt, haben wir „durch die doppelte chemische Umwandlung“ (Agora Verkehrswende 2018,11) „[i]n günstigen Fällen … [einen] Wirkungsgrad in der Größenordnung von 50 %; darin nicht enthalten sind natürlich Energieverluste bei der späteren Nutzung der Brennstoffe oder Kraftstoffe z. B. in Verbrennungsmotoren [z.B. in Lkws] oder Flugzeugturbinen“ (Energie-Lexikon 2020b).
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Betreibt man einen Auto-Verbrennungsmotor mit einem per Strom per Wasserelektrolyse erzeugten E-Fuel, haben wir einen Gesamtwirkungsgrad von 13% (vgl. Agora Verkehrswende 2018,11). Das E-Fuel mit niedrigem Wirkungsgrad treibt einen Verbrennungsmotor an, der seinerseits einen mageren Wirkungsgrad hat: „Das mühsam gewonnene Elektrobenzin landet dann in einem Motor, der zwei Drittel der enthaltenen Energie verpuffen lässt“ (Wüst 2018). Von der ursprünglich durch erneuerbare Energien generierten Energie bleibt als gerade mal rund 1/8 übrig. Für den Bereich ‚Pkw‘ ist das also keine Option.

  • Für Power-to-Liquid (PtL), d.h. z.B. für E-Kerosin bzw. synthetisches Kerosin ergibt sich auch nach Alexander Tremel, der für Siemens in diesem Feld forscht, ein Wirkungsgrad von ca. 50%: „Die Effizienz ließe sich zwar steigern, allerdings zu sehr hohen Kosten“ (zit. in Wüst 2018).
  • Auf Schiffen ist Platz für große Methan-Flüssigtanks, sodass der per Wasserelektrolyse erzeugte Wasserstoff nach Methanisierung als Methan (aus dem auch Erdgas besteht) als Biobrennstoff eingesetzt werden kann. Hier ist in der Praxis von einem Wirkungsgrad von 80% auszugehen (Energie Lexikon 2020c), was bei einem Wirkungsgrad von 70% für die Wasserelektrolyse einen kulminierten Wirkungsgrad von 56% ergibt (vgl. Öko-Institut 2014, 10). 
  • Der Hinweis auf eine mögliche zukünftige Effizienzsteigerung findet sich immer wieder in der Literatur – jedoch ist es: Zukunftsmusik. Wir haben bei aller Zuversicht hinsichtlich der zu ergreifenden Klimaschutzmaßnahmen mit dem zu rechnen, was wir haben.
  • Wie sehr man hier noch am Anfang steht, deutet das EU-Projekt namens Sun-to-liquid an, mit dem in der 100-Kilowatt-Pilotanlage bei Madrid mit Hilfe von eingefangener Sonnenwärme ein Liter synthetisches Kerosin pro Tag mit einem Wirkungsgrad von 5 bis 6% generiert wird (vgl. Grotelüschen 2019).

Zu berücksichtigen ist weiterhin:

  • Energiebilanzen enden (wie auch CO2-Bilanzen) i.d.R. an den Staatsgrenzen. Schiffe und Flugzeuge – ob nun für Urlaubsreisen oder hinsichtlich des Transportwesens – brauchen aber auch dann noch Energie, wenn sie die deutsche Bucht verlassen haben – und um den Globus fahren/ fliegen. Auch diese Energie hat künftig von Erneuerbaren Energien zu kommen.
  • I.d.R. wird üblicherweise des Weiteren davon ausgegangen, dass z.B. China weiterhin viele energieintensive Produkte nach Deutschland exportiert und der Welthandel etwa so weiter geartet wie bislang. Das ist bei einem Zeithorizont von 30 Jahren kein Selbstgänger, sodass sich der Energiebedarf aus diesem Grund ggf. noch weiter erhöhen könnte.


Zu berücksichtigen sind selbstredend auch künftige Effizienzgewinne:

  • So gehen Wissenschaftler*innen von diversen Einsparungen durch Effizienzmaßnahmen aus: „Es ist unfasslich, wie viel Kraft in so einer Kilowattstunde steckt“ (Weizsäcker 2011). Es braucht ja nicht gleich der Faktor Fünf zu sein, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker und mit ihm der Club of Rome je nach Lesart visionär oder plakativ sein Ziel der Energieeffizenz proklamiert (vgl. ebd.).
  • Die Bundesregierung sieht ebenfalls Energieeffizienz und Energiesparen als wesentliche Faktoren für die Umsetzung der Energiewende: So will man auf Basis der sog. Energieeffizienzstrategie 2050 eine Minderung des Primärenergiebedarfes um 50% gegenüber der Zahlen des Jahres 2008 erreichen (BMWI 2019, 6).
  • Der WWF geht für 2050 hingegen von einer Zunahme des Energiebedarfs in Deutschland um 30% aus (vgl. WWF 2018, 61).

Sicher ist hier nur die Unsicherheit.

Selbstverständlich gibt es grundsätzlich ein erhebliches Energieeffizienz-Potenzial. Doch schon das Wort ‚Potenzial‘ deutet an, dass dieses nicht unmittelbar und verlässlich verfügbar ist, sondern vor allem in der Zukunft angesiedelt ist. Die genaue Höhe ist ebenfalls mehr als ungewiss. Daher kann der Aspekt ‚Effizienzsteigerung‘ nur begrenzt und nicht quantifiziert in diese Überlegungen eingehen.


Exkurs:

Hinzu kommt der Fachkräftemangel in Deutschland, der u.a. in den Bereichen ‚Energie‘ und ‚energetische Gebäudesanierungen‘ ein hochrelevanter Problemfaktor ist:

Maßnahmen zur Effizienzsteigerung sind stets mit Investitionen verbunden. Für all diese Maßnahmen werden Menschen benötigt, die die erforderlichen Maßnahmen mit ihrer Arbeitskraft umsetzen. Doch herrscht ein eklatanter Fachkräftemangel in Deutschland, der nicht ohne weiteres beseitigt werden kann.

  • Im Bereich ‚Gebäudesanierung‘, die maßgeblich zu den Effizienzmaßnahmen gehört, ist der Fachkräftemangel derart hoch, dass bei einer Sanierungsquote von 0,6% gemäß Senatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) (vgl. NDR 2020a) in Hamburg sämtliche Auftragsbücher voll sind, sodass es nebulös bleibt, wie die zur Erreichung der Klimaziele erforderliche Sanierungsquote von 2% erreicht werden kann, selbst wenn genug Geld da ist. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt – und sogar wenn hier nachhaltig Abhilfe geschaffen werden sollte durch einen Attraktivitätsgewinn dieser Berufsstände wird es Jahre dauern, bis einer Mehr-als-Verdreifachung der Handwerker*innen Hamburgs umgesetzt ist. Ohne die erforderliche Sanierungsquote gibt es keinen ausreichenden Effizienzgewinn.
  • Das ist selbstredend nicht nur in Hamburg so: Schon der Fachkräftemangel-bedingte Sanierungsstau für sich genommen gefährdet die Einhaltung des Pariser Abkommens durch Deutschland.

Erforderlich ist eine komplette Neufassung der Arbeit in Deutschland:Entlang der Klimaschutz-Bedarfe ist zu eruieren, welche Berufe in Zukunft nach derzeitiger Einschätzung vornehmlich gebraucht werden – und diese Berufe sind in Berufsbild und Gehalt entsprechend attraktiv zu gestalten. Der Umkehrschluss gilt auch – gewissermaßen hat sich die Attraktivität von Berufen an der Systemrelevanz auszurichten.Das wird spannend, wenn z.B. ein*e Handwerker*in zu Recht mehr Geld erhält als ein*e Geldanlageberater*in: Wir brauchen vermehrt Menschen, die Häuser energetisch sanieren, Moore vernässen, Wälder pflanzen, Renaturieren, klimaerforderliches Stadtgrün pflegen sowie Humusaufbau betreiben.

So ist auch die Frage aufzuwerfen, inwieweit für o.g. Tätigkeiten tatsächlich stets und immer ein akademisches Studium sinnvoll ist – oder nicht doch eher eine Art ganzheitliche Ausbildung als Global Climate Worker?

Vielleicht ist es an der Zeit, die Universität wieder zum Ort der Grundlagenforschung und Lebensbildung zu machen.

Helikopter-Eltern kann ich persönlich nicht empfehlen, ihre Kinder auf die 2000er Überflieger-Leistungsgesellschaft vorzubereiten… Ich denke, symbolisch gesprochen, die Helikopter werden am Boden bleiben. Wer seinen Kindern einen Gefallen tun möchte, sollte sie m.E. nicht noch mal eben schnell zum sterbenden Barrier-Reef katapultieren, sondern sie zur Genügsamkeit, Resilienz und Flexibilität erziehen – ich rege an, die lokale Pfadfindergruppe bspw. einem Früherziehungs-Chinesisch-Kurs vorziehen.

>> s.a. Aspekt Künstliche Intelligenz, Digitale Gesellschaft und Arbeitsplätze, S. 457


Also: Effizienzgewinne sind ein ‚ungedeckter Scheck‘ und sollten daher m.E. nicht zu optimistisch in die Kalkulation einbezogen werden.

Zudem sind Rebound-Effekte zu befürchten, auch die zunehmende Digitalisierung legt zunehmenden Strom- und Energiebedarf nahe – und das bis auf Weiteres anzunehmende ‚Wachstum‘ frisst Einspareffekte ebenfalls oftmals auf.

Das größte und allein schon deshalb m.E. unumgängliche Energie-Einsparpotenzial besitzt derweil die Aufgabe des HöherSchnellerWeiter-Lebensstils sowie des Wachstumsdogmas.

Künftiger Zubau von Photovoltaik und Windenergie

  • Es ist nicht seriös zu ermitteln, wie viele Windenergie- und Photovoltaikanlagen benötigt würden, um den Energiebedarf eines klimaneutralen Deutschlands zu decken. Zur Erinnerung: Derzeit sorgen 29.456 Onshore-Windenergieanlagen und 1,7 Mio Solaranlagen gemeinsam mit weiteren Offshore-Windenergieanlagen für 6,6 Prozent und gemeinsam mit den weiteren EE für 17,1% des derzeitigen Endenergiebedarfs (vgl. S. 522).
  • Da die Installation einer massiven Zahl von Windenergieanlagen tatsächlich alternativlos ist, wird auch genug Platz vorhanden sein – das ist eine Frage der Erfordernis, nicht der Ästhetik oder der persönlichen Befindlichkeit.
  • Alle diese Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen benötigen Ressourcen. Die Anlagen haben geplant, genehmigt, hergestellt, transportiert, aufgebaut und ihr Strom per zu installierendem Netzanschluss eingespeist zu werden, sie benötigen – vor allem Windenergieanlagen – Wartung und sie haben eine begrenzte Betriebsdauer, sodass sie irgendwann durch eine Neuanlage ersetzt sowie abgebaut und ressourcengenerierend recycelt zu werden haben. Positiv ausgedrückt schafft das alles: langfristige Arbeitsplätze. Weniger positiv ausgedrückt bedeutet das einen ungeheuren Aufwand, dem wir uns besser heute als morgen stellen.
  • Dieser zu tätigende (Energie-)Aufwand schmälert die sowieso stark ausgeschöpften CO2-Budgets Deutschlands und aller Industrieländer, was einmal mehr bedeutet, dass keine Zeit zu verlieren ist.


Fazit: Was bleibt?

  • E-Fuels & Co sind derzeit deshalb so populär, weil sie als Chance gesehen werden, das Leben einigermaßen auf dem Komfort-Standard von heute weiterleben zu können.
    • Ich denke, in diesem Abschnitt ist sichtbar geworden, dass die derzeitigen E-Fuels- und Wasserstoff-Offensive-Visionen bei näherer Betrachtung keineswegs die Perspektive eines bequemen ‚Weiter so‘ offerieren. Sie sind gleichwohl die beste Option, die wir haben.
  • Es ist heute nicht seriös davon auszugehen, dass Grüner Wasserstoff, synthetisches Kerosin und allgemein E-Fuels künftig ein Massentourismus-Reiseverhalten möglich macht, das dem heutigen auch nur entfernt ähnelt.
    • Angesichts der Herausforderungen, die vor uns stehen, hat das auch keine Priorität.
  • Diesen Abschnitt inhaltlich mit dem Abschnitt Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. Bis auf weiteres: Eine Illusion‘ verbindend bleibt m.E. nur eine Folgerung: Flughafen in bisheriger Größe, Flugzeugindustrie (sorry, Finkenwerder), Massen-Luftfahrttourismus und Klimaschutz gemäß dem Pariser Abkommen schließen sich gemäß aktuellem Stand definitiv aus. Das ist für viele Menschen eine bittere Wahrheit, aber angesichts der Energiebedarfe ist das zurzeit und mittelfristig nicht anders realistisch umsetzbar.
  • Zitate wie das Folgende sind dann – so berühmt sie auch sein mögen – eher theoretischer Natur und somit nur bedingt hilfreich:
    • „Die Sonnenstrahlung, die die Erde in einem Jahr erreicht, könnte 10.000 Jahre lang den Energiebedarf der gesamten Menschheit decken“ (Knauer 2009).


Den Schlussgedanken eröffnet hier Graeme Maxton mit den Worten:

  • „Wollen wir unser verbleibendes CO2-Kontingent, das wir an anderer Stelle für kniffeligere Aufgaben brauchen werden, mit ineffizienter Braunkohle verplempern?“ (2020, 165).


Dieser Punkt kann gar nicht stark genug betont werden:

Der globale Infrastruktur-Umbau zur Klimaneutralität wird selbst alles andere als klimaneutral verlaufen.

Man mache sich klar, wie viel Öl/Kohle/Gas noch dafür eingesetzt werden wird, um sowohl die Industrienationen als auch den Globalen Süden auf eine klimaneutrale EE-Infrastruktur umzustellen.

Und das ist ein wichtiges Argument dafür,

  • sofort, jetzt, heute mit der Umstellung zu starten, um das Budget nicht allein schon durch die Sozial-ökologische Transformation inkl. der Energie-, Mobilitäts- und Agrarwenden zu sprengen sowie
  • allgemein im großen Stil Suffizienz zu betreiben, denn sie allein wirkt konkret unmittelbar klimaeffektiv.


Suffizienz bedeutet „die Reduktion von Rohstoff- und Energieverbrauch durch Reduktion von Konsum- oder Komfortansprüchen“ (Paschotta 2019). Ein ‚Weniger‘ ist im Unterschied zu sämtlichen Reformbemühungen und technischen Lösungen sofort umsetzbar und zeitigt umgehend Ergebnisse.


Erdgas, LNG und die ‚Wasserstoffstrategie‘

Erdgas = Methan

1kg Methan (CH4) verbrennt zu 2,74 kg CO2 sowie zu Wasser (vgl. Energie-Lexikon 2010)


CO2-Emissionen verschiedener fossiler Brennstoffe
Naturgas = 0,2 kg CO2/kWh | Heizöl = 0,28 | Steinkohle = 0,34 | Braunkohle = 0,36
(vgl. Quaschning 2015)


Erdgas gilt als die am wenigsten schlimme Form der fossilen Energieträger.

  • Obige Tabelle bestätigt das zunächst, weil sie ausschließlich den Energieumwandlungsprozess und die damit verbundenen Emissionen betrachtet. Und nur dies interessiert für die offizielle/ formale Klimabilanz von Kraftwerken bzw. von Deutschland.
  • Doch die Reduktionen, die durch die mit Millionengeldern geförderten Umbauten von Kohle- zu Gaskraftwerken in Deutschland entstehen (werden), sehen nur und ausschließlich auf dem Papier gut aus:

    Denn:
    • Bei der Förderung von Erdgas – also von Methan – entweicht eine relevante Menge Gas in die Atmosphäre: Das sog. Methanschlupfloch.
    • Dies trägt deutlich zu den Methanemissionen bei, erscheinen jedoch nicht in den Klimabilanzen Deutschlands. Aber sie sind da. Und es geht nicht um papierende Rechenkünste, sondern um Physik.
    • Greenpeace Energy geht von einer nicht eingerechneten Vorkettenemission von 25% der Gesamtemission aus (2020, 3), was u.a. am erst unlängst erkannten „Umfang von Flaring (Abfackeln von Erdgas) und [an den] Methanemissionen bei der Erdgasförderung [liegt]“ (ebd., 36).
      • Flaring setzt rund 300 Mio t CO2 frei = ca. 1% der globalen CO2-Emissionen und darüber hinaus Methan, maßgeblich befördert durch Öl-Fracking, bei dem auch das eingeschlossene Gas freigesetzt wird.

Hinzu kommen Fahrlässigkeit und Unfälle.

  • Der Spiegel erwähnt dazu, dass „an der Quelle [in Ohio] innerhalb von 20 Tagen ungefähr 120 Tonnen Methan pro Stunde ausgetreten [seien. Bei einem anderen Leck wurden i]nnerhalb von 112 Tagen … in Kalifornien rund 100.000 Tonnen Methan freigesetzt“ (2019f.).
    • Um das Problem im Griff zu bekommen, hat der 2020 amtierende US-amerikanische Präsident „jüngst angekündigt, für Frackingunternehmen in seinem Land die Regeln zum Methanschlupf zu lockern“ (Fischer et al. 2020) – damit kann ab sofort die bislang zwei Mal jährlich erfolgende Untersuchung auf Umweltgefahren und undichte Stellen nunmehr unterbleiben (vgl. Kriener 2020, 8).


Doch es bedarf keiner Unfälle, damit Erdgasförderung zum Problem wird, der Routinefall selbst ist bereits das Problem:

  • In den USA sind Bohrlöcher oftmals 4.000 Meter tief, die nur schwer abzudichten sind.

    Uwe Dannwolf, Chef der Beratungsgesellschaft RiskCom erklärt: „‚Die Zementierung gelingt häufig nicht gut‘… [a]uch weil die Löcher aus Kostengründen oft zu klein gebohrt werden, kann sich der Zement rund um die Förderrohre nicht gut verteilen“ (Fischer et al. 2020).
    Gemeint ist, dass auf diese 4 km Länge/Tiefe bezogen der Zement durch den eher knapp kalkulierten Abstand zwischen Förderrohr und Lochwand schlicht ungleichmäßig und nicht verlässlich luftabschließend nach unten durchrutscht, sodass sich in der Folge Hohlräume bilden können.

    Laut Fischer et al. zeigen Satellitenmessungen, dass die Methanbelastung bspw. in Turkmenistan, einem Land, das viel Erdgas produziert, „sehr groß ist“ (ebd.).

    Und dann ist da noch das Problem mit den Methanschlupflöchern von verlassenen, vorschriftsmäßig und damit vermeintlich ‚sicher verschlossenen‘ Förderstellen:
    • „Einmal geöffnet, kann das Gas hier jahrzehntelang entweichen und somit ein Vielfaches der Emissionen verursachen, die während der Förderung selbst anfallen. So zu beobachten etwa im venezolanischen Maracaibo-See. Die Gegend war eine der ersten großen Ölförderregionen des Landes. ‚Heute blubbert es hier überall im See‘, erzählt Matthias Reich, Professor für Bohrtechnik an der Bergakademie in Freiberg“ (Fischer et al. 2020).
    • Auch aus einem Teil der mehr als 15.000 alten Bohrlöcher der Nordsee „treten erhebliche Mengen des Treibhausgases Methan aus… [E]ine neue Studie des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel[, die] knapp 1.700 … Bohrlöcher[] auf einer Fläche von der Größe Sachsen-Anhalts [untersuchte,] ergab…, dass in diesem Bereich 900 bis 3700 Tonnen Methan austreten können“ (SZ 2020).
      • Das Entscheidende hier ist, dass „das Gas aus flachen Gastaschen [stammt], die weniger als 1.000 Meter tief im Meeresboden liegen und gar nicht Ziel der ursprünglichen Bohrungen gewesen waren“ (ebd.).

>> vgl. Aspekt Flaming, S. 517 und Fußnote zum Thema Pipeline- und Gasleitungslecks auf der gleichen Seite.


Gefracktes LNG ist letztlich Teil der America-First-Taktik des amtierenden US-Präsidenten, der im Bereich ‚Fossile‘ ‚Jobs, Jobs, Jobs‘ schaffen wollte. Und ich gehe davon aus, dass die Bundesregierung mit ihrem LNG-Terminal-Ausbau den gegen die Pipeline ‚Nord Stream 2‘ plärrenden US-Präsidenten bei Laune halten möchte.


Erdgas ist alles in allem Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Denn im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts Erdgas neu als Brückentechnologie zu etablieren kann nicht sinnvoll sein: Deutschland hat 2035/37, der Planet spätestens 2050 klimaneutral zu sein, sodass die entsprechenden Infrastrukturen lange vor ihrem Laufzeitende (und damit gegen den Willen der Betreiber) wieder stillgelegt werden müssen – die Menschheit schafft sich hier vor allem ein: zusätzliches Problem.

  • „‚Es ist ein Irrglaube, Erdgas wäre die Lösung‘, sagt Niklas Höhne vom Kölner New Climate Institute. Die globalen CO2-Emissionen – also auch die aus der Verbrennung von Erdgas – müssten bis 2050 auf null sinken“ (Spiegel 2019).


Brückentechnologien sind Problemverlagerungen und Zwischenlösungen, für die wir keine Zeit haben.

Für Brückentechnologien fließen unglaublich viel Geld, Zeit, Energie und Know-how in die falsche Richtung.

Brückentechnologien sind meist additiv: Sie bilden eine weitere Infrastruktur neben der Vergangenheits- und der Zukunftstechnologie – was sie besonders kritisch macht hinsichtlich der Reboundeffekte.

Brückentechnologien sind Altmaier’sche Tricks, um weiterhin Geld zu verdienen, um das eigentliche Problem nicht anpacken zu müssen und um zu suggerieren, man würde aktiv. Sie lenken von der eigentlichen Ursache ab: Wir haben von der Idee, es könne weiter so gehen bzw. HöherSchnellerWeiter könne noch irgendwie Bestand haben, endlich loszukommen.


Nebenbei: Nord Stream 2 ist auf eine Betriebsdauer von „mindestens 50 Jahren ausgelegt.“ (Rehmsmeier 2019)


Derzeit gibt es dennoch – global und vor allem auch in Deutschland – Bestrebungen, Erdgas stärker (vgl. ‚Nord Stream 2‘(1), ‚Hamburger Klimaplan‘) und im Falle des LNG (liquefied natural gas, vgl. geplante LNG-Terminalanlage im Hamburger Hafen(2)) neu und verstärkt zu etablieren.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) ‚Nord Stream 2‘ ist eine international politisch und ökologisch hochumstrittene, noch im Bau befindliche Pipeline in der Ostsee, die ab 2021 Erdgas von Wyborg in Russland zur deutschen Küste bei Greifswald transportieren soll (vgl. Dornblüth et al. 2020). Diese Pipeline wird mittels erheblichem politischen Druck vonseiten der derzeitigen US-Administration bekämpft, möchte man doch das eigene LNG möglichst konkurrenzlos über den Atlantik verschiffen (vgl. Stephanowitz 2019).

(2) Die German LNG Terminal GmbH plant den „Bau, Besitz und Betrieb eines Import-Terminals für verflüssigtes Erdgas in Norddeutschland (Eigendarstellung: German LNG 2018), mutmaßlich mit dem Standort in Brunsbüttel. Ein weiterer zusätzlicher Standort könnte mit Stade ebenfalls in der Umgebung von Hamburg liegen (vgl. Spiegel 2019e). Entsprechende Terminals entstehen derzeit „für Dutzende von Milliarden Dollar … an der US-Küste“ (Wettengel 2020, 9) – und diese werden gespeist durch das Keystone-XL-Pipeline-System, vgl. Fußnote S. 519.

Aus Erdgas bzw. LNG wird heute vielfach Wasserstoff hergestellt.

  • Grauer Wasserstoff nennt man den heute i.d.R. verwendeten Wasserstoff, der aus Erdgas unter Emission großer Mengen CO2 hergestellt wird (vgl. Greenpeace Energy 2020, 5).
  • Als ‚blau‘ wird Wasserstoff bezeichnet, wenn das bei der Herstellung von grauem Wasserstoff entstehende CO2 zum größeren Teil über das (selbst große Mengen an Energie verbrauchende) Carbon Capture und Storage (CSS) genannte derzeit nicht ausgereifte Geoengineering-Verfahren abgeschieden und unterirdisch eingelagert wird (vgl. ebd.).
  • Grüner Wasserstoff entsteht bei der Wasserelektrolyse und ist, so der Strom mit erneuerbaren Energien produziert wurde, emissionsfrei (vgl. Abschnitt Energiewende in Deutschland, S. 524).


Nun soll also in Deutschland gemäß ‚Nationaler Wasserstoffstrategie‘ vornehmlich grüner Wasserstoff die Energiewende weiter befördern und auf ein neues Niveau zu heben.

  • „Ob der erste grüne Wasserstoff in Deutschland im Industriemaßstab schon vor 2030 produziert werden könne, bezweifelte [Stefan] Kaufmann[, der gerade ins Amt gekommene Innovationsbeauftragte für den Förderschwerpunkt ‚grüner Wasserstoff‘]. Das gesamte Projekt ‚Wasserstoffrepublik‘ sei eher auf einen Zeitraum von zwanzig Jahren ausgelegt“ (Ronzheimer 2020, 18).

Ein Großteil des Wasserstoffs soll dabei aus diversen afrikanischen Staaten importiert werden – die Machbarkeit solcher Projekte würde gerade für 31 afrikanische Staaten geprüft (vgl. ebd.).

Bauchmüller et al. stellen dazu fest:

  • „Als die Bundesregierung kürzlich ihre „nationale Wasserstoffstrategie“ verabschiedete, taxierte sie den Bedarf auf 90 bis 110 Terawattstunden. Doch nur für 14 Terawattstunden sah sie Potenzial im Inland. Der Rest müsste aus dem Ausland kommen. Und auch im jüngsten Konjunkturpaket findet sich der Wasserstoff-Import wieder. Zwei Milliarden Euro verbuchte die Koalition für ‚außenwirtschaftliche Partnerschaften‘“ (2020).
  • „Doch in der Region [Congos], in der das Kraftwerk entstehen soll, macht das neue Engagement aus Deutschland eher Sorgen. Bis zu 37 000 Dorfbewohner könnten hier, 256 Kilometer westlich der Hauptstadt Kinshasa, ihr Zuhause verlieren“ (ebd.).
  • „Unsere Unfähigkeit, den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen, darf nicht dazu führen, dass im Kongo ein Riesenstaudamm ganz Dörfer und Ökosysteme zerstört, um Wasserstoff für den deutschen Markt zu produzieren“ (Averbeck/Graichen 2020, 25) (Die Autorinnen wurden von der Bundesregierung in den nationalen Wasserstoffrat berufen“ (ebd.)).
  • Und: Wollten wir nicht unabhängiger werden von Energie aus Drittstaaten?


Zurück zum LNG. Fassen wir hier noch einmal zusammen:

Gefracktes LNG ist unkonventionelles Erdgas, dass unter erheblichen Umweltschäden und Methan-emittierend produziert, unter gewaltigen Energieverlusten mit einer noch aufzubauenden gigantischen Infrastruktur um die halbe Welt geschifft wird, um dann (unter erheblichen Energieverlusten) in Wasserstoff umgewandelt zu werden und im Jahre 15 bzw. 17 vor erforderlicher Klimaneutralität Deutschlands (vgl. S. 23):

  • von Altmaier & Co als zukunftsfähige Brückentechnologie gehyped wird.

Das alles sind Investitionen, Knowhow und Aufmerksamkeit, die eigentlich einer anderen Branche auf das äußerste fokussiert gebühren: den erneuerbaren Energien.


Noch eine abschließende Randbemerkung:

Im Großen wie im Kleinen gilt: Eine Heizung, die jetzt und in den nächsten Jahren verbaut wird, läuft auch 2050 noch.


Nach der Darstellung der von der aktuellen Koalition und namentlich insbesondere der Union geförderten ‚Zukunftsbrückentechnologien‘, kommen wir nun zu den von der aktuellen Koalition und namentlich insbesondere der Union eher zurückgedrängten erneuerbaren Energien – und hier stellvertretend insbesondere auf die:


„Das Thema Klimaschutz ist für mich ein Herzensanliegen.“ Peter Altmaier, 2012, zit. in SZ, 31.5.2012

Windkraft

  • 30.000 Windkrafträder gibt es in Deutschland ‚an Land‘ (vgl. Witsch 2019).
  • „Bis 2030 will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix von derzeit 38 Prozent auf 65 Prozent erhöhen. Den Großteil davon soll Windenergie schultern“ (Witsch 2019).

Aber:

  • „Die durchschnittliche Dauer von Genehmigungsverfahren hat sich nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Industrie in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Für jedes Vorhaben fordern die Behörden eine Flut von Gutachten ein, um sich gegen mögliche Klagen abzusichern. Und geklagt wird mittlerweile so gut wie jedes Projekt, von betroffenen Bürgern oder Umweltverbänden“ (Bruhns et al. 2020).
  • Beispielsweise wurden 2019 „deutschlandweit 325 Windturbinen mit [insgesamt] mehr als 1.000 Megawatt (MW) Leistung beklagt“ (Fachagentur Windenergie an Land 2019) – was nach Angaben des Spiegel „der Leistung von drei kleineren Kohlekraftwerken entspricht“ (Bruhns et al. 2020) – oder eben dem 2020 ans Netz gegangenen Steinkohlekraftwerk Datteln IV mit seinen 1.000 Megawatt (vgl. Handbuch S. 68).
  • „Kaum mehr ein Windpark wird gebaut, ohne beklagt zu werden. Über 1.000 Bürgerinitiativen in ganz Deutschland engagieren sich mittlerweile gegen den Bau neuer Anlagen – auch vor Gericht“ (Witsch 2019).
  • Doch ist es so:
    • „Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitut forsa im Auftrag der Fachagentur Wind ergab…: Selbst unter den Bürgern, die in der Nachbarschaft ein Windrad haben, sind drei Viertel damit einverstanden“ (Pinzler 2019).
    • Die von Altmaier und Seehofer am 20.9.2019 im ‚Eckpunkte-Papier für das Klimaschutzprogramm 2030‘ (vgl. Bundesregierung 2019) angekündigte und vom ‚Klimakabinett‘ so beschlossene bundesweite Abstandsregel von 1.000 Metern zu (Kleinst-)Siedlungen (‚Splittersiedlungen‘) würde nach Ansicht des Greenpeace-Chefs Martin Kaiser die Energiewende beerdigen.
      • Auch der Fraktionschef der Grünen, Anton Hofreiter, bemüht das friedhöfliche Bild und konstatiert, „[d]er Entwurf sei ‚ein weiterer Sargnagel für die Windkraft‘“.
      • „‚Mit diesem Gesetz wird die Axt an den Grundpfeiler des Klimaschutzes gelegt‘, sagte WWF-Klimaexperte Michael Schäfer. Zumal die Regeln nicht nur neue, sondern auch bestehende Anlagen träfen. In den nächsten Jahren erreichen Tausende Windräder ihre Altersgrenze. Da viele ältere Anlagen im 1.000-Meter-Radius liegen, wäre ihr Ersatz [– das sog. Repowering –] unmöglich“ (Bauchmüller 2019).
      • Sturm gegen die Abstandsregel formiert sich auch von Seiten des Deutschen Gewerkschaftsbundes DBG, des Energieverbandes BDEW, des Windenergieverbandes BWE, des Verbandes Kommunaler Unternehmen VKU, des Maschinenbauverbandes VDMA – und sogar und insbesondere auch von Seiten des Industrieverbandes BDI. Sie alle unterschrieben einen Brandbrief, in dem es u.a. heißt:
        „‚Die geplanten Einschränkungen der Windenergie an Land‘ stellten ‚die Realisierbarkeit sämtlicher energie- und klimapolitischer Ziele der Bundesregierung infrage‘“ (zit. in Spiegel 2019a).
    • „Das Umweltbundesamt fürchtet, dass eine Anwendung des Mindestabstands von 1.000 Metern die Fläche, auf der nach jetzigem Stand Windräder gebaut werden dürfen, um 20 bis 50 Prozent verkleinert. ‚Ein Zubau an Windenergiekapazität gegenüber dem Status quo ist auf der verbleibenden Fläche faktisch nicht möglich‘, heißt es in einer Untersuchung des Umweltbundesamts“ (Spiegel 2019b).
  • Im November 2019 beschließt die GroKo, die umstrittene Abstandsregel sowie weitere zu regelnde Aspekte des Ausbaus der erneuerbaren Energien aus dem ansonsten weitgehend fertiggestellten Kohleausstiegsgesetz herauszulösen und zu einem späteren Zeitpunkt in einem eigenen Gesetz zu verankern (vgl. Spiegel 2019c).
  • Im Mai 2020 – also etwa acht Monate nach den ersten Ankündigungen – haben sich die Koalitionspartner darauf verständigt, „man werde ‚den Ländern die Möglichkeit einräumen, einen Mindestabstand von bis zu 1.000 Metern festzulegen‘… Die Union hat damit zumindest auf dem Papier einen Mindestabstand eingeführt“ (Kreutzfeldt 2020, 8). Was als relevante Siedlung, von der der Abstand zu wahren ist, eingeordnet wird, ist entgegen voriger Gesetzesentwürfe nunmehr doch ebenfalls unbestimmt und somit Ländersache (vgl. ebd.).
  • Der Schaden, den dieses nunmehr teilweise verpuffte Gesetzesvorhaben angerichtet hat, ist immens. Das Bundeswirtschaftministerium, welches auch für Energie und – daran sei hier kurz erinnert – damit auch für erneuerbare Energien zuständig ist, hat, wie seinerzeit durch das Rumspielen am EEG (vgl. Fußnote S. 522), durch Festlegung eines deinvestierend wirkenden (im Juni 2020 doch noch abgesagten) Solardeckels(1) sowie jetzt mit der vielmonatig angekündigten ebenfalls deinivestierend wirkenden Abstandsregel in der EE-Branche Fakten geschaffen, den Industriestandort Deutschland geschwächt, die Energiewende massiv beschädigt, verzögert und weiter verschleppt, die Zukunftsfähigkeit verringert und jede Menge Arbeitsplätze vernichtet.
  • Es ist explizit festzuhalten, dass ja ausschließlich das faktische Verbot des Neubaus von Windkraftwerken vom Tisch ist. Für die Branche wurde nichts getan.

Spielen Sie mal gedanklich die gleiche Politik mit anderen, alteingesessenen Industriebranchen durch, z.B. der Autoindustrie. Dieses Gedankenspiel ist: undenkbar.

Erläuterungen zu (1) 'Solardeckel'

Der sog. ‚Solardeckel‘ wurde bei der Novelle des EEG 2012 eingeführt und besagte, „dass die Förderung neuer PV-Anlagen endet, sobald die Summe der nach §19 EEG installierten, geförderten Photovoltaik-Anlagen in Deutschland eine gemeinsame Leistung von 52 Gigawatt überschreitet. Prognosen zufolge wäre dieser Solardeckel im Herbst 2020 erreicht worden. Anlagen bis 750 kWp (Kilowatt-Peak), die nach dem Erreichen dieser Grenze in Betrieb gehen, hätten dann keine garantierte Einspeisevergütung für den Solarstrom erhalten, der in das öffentliche Stromnetz eingespeist wird“ (EON 2020).


Ein Blick in die Statistik zum Zubau von Windkraft:

2015 = 3.700 Megawatt Windleistung neu installiert
2016 = 4.600 Megawatt | 2017 = 5.300 Megawatt | 2018 = 514 Megawatt (Balser et al. 2019)


2014 = 1.766 Windräder | 2015 = 1.368 | 2016 = 1.624 | 2017 = 1.792 | 2018 = 743

2019, erstes Halbjahr = 86 neu aufgestellt (laut taz: Kreutzfeldt/Pötter 2019)
2019, erstes Halbjahr = 35 „unterm Strich … in Betrieb genommen“ (laut Pinzler et al. 2019, 3)


2018: 8 installierte Windkraftwerke in Bayern (vgl. Dohmen et al. 2019, 17)

>> Wie absurd es in Deutschland in Sachen ‚Windkraft‘ zugeht, zeigt das Beispiel von dreißig Windrädern in Bayern, die genehmigt sind und trotzdem nicht oder bis auf weiteres nicht gebaut werden: Diese Windkrafträder wurden genehmigt, bevor das sog. 10-H-Gesetz (auch 10H-Regel genannt) in Bayern in Kraft gesetzt war.


Warum wird der Zubau weniger statt mehr, wie angesichts einer umfassenden Energiewende zu erwarten wäre?

  • „2017 [wurde] das System der Vergütungen verändert: Statt fester Zahlungen für jede gelieferte Kilowattstunde sollten Windpark-Projekte nun in Konkurrenz treten. Wer also eine Förderung für sein Windrad wollte, musste bei einer Ausschreibung mitbieten. … [Dieses als kostensenkend beworbene] neue System hatte Nebenwirkungen. Zum einen löste es ein [sog.] Dezemberfieber in der Branche aus, weil möglichst viele noch zu den alten Konditionen bauen wollten – so kam es zu den enormen Zuwächsen der Jahre 2016 und 2017. Die wiederum riefen Windkraft-Gegner auf den Plan – und mit ihnen unzählige Klagen gegen neue Windparks“ (Balser et al. 2019).

>> Ebenfalls nicht zielführend ist, dass der Anschluss von Windkraftanlagen gesondert, d.h. extra und einzeln genehmigt werden muss. „Windparkbetrieb und Netzanschluss befinden sich in Deutschland in verschiedenen Händen… Schon der Anschluss eines normalen Solarparks kann zu Geduldspiel werden. In Spanien wird mit der Baugenehmigung zugleich die Netzverbindung garantiert“ (Dohmen et al. 2019, 17). Alles andere macht m.E. auch keinen Sinn.


Windkraft: Gegner*innen

Nein, es ist nicht ideal, eine Windenergieanlage vor das Dorf gestellt zu bekommen.

Hm, andere Dörfer – ganze Landschaften – wurden der Braunkohle geopfert. Manche Menschen leben seit Jahren mit der Ungewissheit, ob ihr Dorf quasi als letzte Zuckung der Braunkohleförderung nicht noch geräumt werden wird. Andere Menschen wiederum wohnen in unmittelbarer Nähe eines Atomkraftwerks und haben auffällig viele Leukämiefälle in der Gegend. Manche Menschen müssen mit einem Zwischen- oder Endlager für Atommüll in der Nachbarschaft ‚leben‘. Andere wiederum finden es wenig lustig, dass die Wände in ihrem Haus tiefe Risse bekommen, weil unter ihrem Haus alte Steinkohle-Stollen zusammensacken. Die Liste könnte weiter fortgesetzt werden mit neuen Flughafenstartbahnen, die quasi an die eigene Grundstücksgrenze stoßen, mit Einflugschneisen-Lärmbelastung, mit stinkenden Klärgruben oder Megaställen, Autobahnen-Lärm und -Abgasen, ICE-Trassen etc. pp.

Aber ein Windrad? Versehen mit einer reichlich üppigen Abstandsregel? (Es müssen ja nicht gleich 1.000 Meter zu Splittersiedlungen sein, wie es im Herbst 2019 der Altmaier’sche Gesetzentwurf vorsah.)

  • Windkraft-Verweigerung im Kontext der existenziellen Klimakrise?
  • Vor dem Hintergrund, dass uns der Planet ohne massive Energiewende Feuer unterm Hintern macht?
  • Ist ein Windrad vor den Toren des Dorfes ein zu großes Opfer für die Enkel*innen?

Wohl (hoffentlich) nicht. Also:

Worum geht es hier eigentlich?


Gängige Argumente gegen Windkraftwerke sind:

Windkraftwerke – eine Todesfalle für Tiere?

  • Michael Diestel, Windkraftbefürworter, hat hier eine deutliche Meinung:
    • „Man verweist immer wieder auf das Sterben der Vögel. Aber wenn es hier wirklich um Artenschutz ginge, müssten wir alle Straßen schließen“ (Witsch 2019).
  • Kopatz fügt hinzu:
    • „Tatsächlich kommen jährlich zwischen 10.000 und 100.000 Vögel um … die Zahl relativiert sich, wenn man bedenkt, dass pro Jahr schätzungsweise 18 Millionen Vögel an Glasscheiben zu Tode kommen. Hohe Verlustzahlen entstehen auch an Freileitungen und beim Vogelschlag an Straßen und Bahnstrecken…“ (2019, 178-179).
  • Benjamin Fredrich beruft sich auf Nabu-Zahlen, wenn er in seinem Katapult-Buch 102 grüne Karten zur Rettung der Welt schreibt:
    • „[B]ei Windkraftanlagen sterben die meisten Vögel, weil sie gegen den Mast prallen, und nicht, weil sie vom Rotor getroffen werden. Wenn Windkraftanlagen farbig gestrichen werden, fliegen deutlich weniger Vögel dagegen“ (2020, 34).

Vögel kommen in Deutschland zu Tode durch:

Windenergieanlagen (maximal 0,1 Mio) | Jäger*innen (maximal 1,2 Mio) | Stromleitungen (maximal 2,8 Mio) | Autos und Züge (maximal 70 Mio) | Hauskatzen (maximal 100 Mio) | Glasscheiben (maximal 115 Mio) (vgl. ebd., 34-35)


Windkraftwerke erzeugen Infraschall?

Ein Argument gegen Windkraftwerke ist tiefenfrequenter Schall <20Hz, der sog. Infraschall. So berichtet das ZDF, dass „sich aus der Wissenschaft und Medizin die Hinweise [mehren], dass Infraschall die Gesundheit beeinträchtigen kann“ (Hermes 2018). Wer allerdings jemals auch nur eine Nacht in einem Einfamilienhaus unweit einer Hauptverkehrsstraße verbracht hat, weiß, dass auch vorüberdonnernde Lastwagen genau diesen tiefen Schall, den man teilweise ausschließlich körperlich spürt, verursachen. So gesehen kann man sagen: Ja, das ist nicht schön, betrifft aber unglaublich viel mehr Menschen, als Nachbar*innen von Windenergieanlagen.

  • Das Ärzteblatt kommentiert: „Windparks erzeugen Infraschall – Meeresrauschen auch.“ (Lenzen-Schulte et al. 2019)
  • Im September 2020 kommt eine neue Studie zu dem Schluss: „[W]er Infraschall vermeiden will, müsste künftig aufs Autofahren verzichten“ (Wille 2020).

>> Und weiter: „Eine dreieinhalbstündige Autofahrt beschert den Insassen genauso viel Infraschall-Energie wie 27 Jahre Aufenthalt in 300 Metern Abstand zu einem Windrad“ (Wille 2020).

Tatsächlich belegen „Studien mit Placebo-Infraschall die durch negative Erwartungshaltung beeinflussten Symptome … Nocebo-Effekte“ (ebd.): Ein typischer Nocebo-Effekt tritt ein, wenn man bei einem neuen Medikament den Beipackzettel liest und daraufhin meint, die dort beschriebenen Nebenwirkungen zu spüren. Das hier zitierte Ärzteblatt bestätigt auch obige Feststellung des ZDF, weist aber darüber hinaus darauf hin, dass auch Beschäftige im Umfeld von landwirtschaftlichen Maschinen und Flugzeugen betroffen sind und schließt mit der Feststellung, dass „es dringend epidemiologischer Studien [bedarf], die das [Thema] genauer untersuchen“ (ebd.; zu ‚Nocebo‘ s.a. auch Abschnitt Glaubenssätze dechiffriert: Von ‚Wachstumszwängen‘ und anderen Glaubenssätzen, S. 390).

Mir persönlich drängt sich der Eindruck auf, dass Infraschall eigentlich ein Sachverhalt ist, der in unserer immer weiter anthropogen gestalteten Welt bislang überwiegend städtisch wohnende Bundesbürger*innen und nun auch vermehrt Menschen auf dem Land – z.B. durch Windenergieanlagen – betrifft.


Windenergieanlagen – ziehen das Grundwasser in Mitleidenschaft?

Ein weiteres Argument von Windkraftgegnern ist, Schmieröle könnten ins Grundwasser gelangen oder gar Chrom.(1)

  • Dazu ist hier festzuhalten, dass eine Recherche mit den Suchwörtern ‚Windkraft‘ und ‚Grundwasser‘ ergibt, dass weder der Spiegel, die Zeit noch die Süddeutsche Zeitung sich dieses Argument in den letzten zehn Jahren zu eigen gemacht haben(2).
  • Umgekehrt ist es so, dass der Nichtausbau der Windenergie bedeutet, dass „der [Braunkohle-] Tagebau Sulfat und Chlorid [entlässt], ins Oberflächenwasser Eisen, was die Flüsse ‚verockert‘ und, so das Umweltbundesamt, ‚aquatische Lebensgemeinschaften‘ stört“ (Stöcker 2019).


Wenn die Besorgnis ums Grundwasser doch immer so groß wäre, wären wir wohl alle mindestens wenig-Fleisch-essende Flexitarier, denn die größte und überaus reale Bedrohung für unser Grundwasser geht von der Massentierhaltung aus. 


>> vgl. Aspekt Zu viele Tiere auf zu wenig Raum >> Trinkwasserschädigung durch Nitrat, S. 591


Keines dieser Argumente ist m.E. stichhaltig.

Da stellt sich nochmals und dringender die Frage:

Worum geht es eigentlich? Um Bevormundung? Um Gerechtigkeit?
Um ein „Warum ausgerechnet wir?“

„Nimby“ – „But not in my backyard.“

Ist nicht die Frage, wie ich darauf reagiere, wenn mich eine Veränderung direkt betrifft, der ‚Lackmustest‘ (Gradmesser/Prüfstein), wofür ich wirklich stehe im Leben?


Wäre es nicht sinnvoller, dafür zu protestieren, dass das Windrad durch entsprechende Stromtrassen und Zwischenspeicher angemessen in das deutsche Stromnetz eingebunden wird – statt dagegen zu sein, dass es gebaut wird?

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) Beliebt ist auch die Befürchtung, das Windkraftwerk könne umfallen. „Wie klein die Gefahr sei, sagt Geschäftsführer [Wolfram] Axthelm[ vom Bundesverband Windenergie], zeige schon die Versicherungsprämie für Haftpflicht. Ein Windrad sei in dieser Hinsicht kaum teurer als ein Moped“ (Dohmen 2019, 20).

(2) Anmerkung: Die SZ ist die einzige der drei Zeitungen, die diesen Aspekt zumindest erwähnt, in dem sie im Zusammenhang mit einem lokalen Streit um den Aufbau von Windkrafträdern im Jahr 2016 darauf hinweist, dass ein Gutachten im geschilderten Fall diese Problematik nicht gänzlich ausschließen konnte, weil in diesem Fall der Grundwasserspiegel möglicherweise so hoch sei, dass das Grundwasser an die Fundamente der betreffenden geplanten Windkrafträder heranreiche, vgl. Bögel, Wieland (2016): „Naturschutz: Wasser gegen Wind“. in: Süddeutsche Zeitung, 12.7.2016, online unter https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ebersberg/naturschutz-wasser-gegen-wind-1.3075436/ (Abrufdatum 10.12.2019).


Sind nun all diese Bürger*innen generell gegen Windkraft und damit letztlich auch gegen Klimaschutz? Geht es wirklich (ausschließlich) um das Thema Not in my Backyard?

In meiner Wahrnehmung sind diese Aspekte ‚Vogelschutz‘, ‚Infraschall‘, ‚Grundwasser‘ lediglich Hilfsargumente von Bürger*innen, die weniger etwas gegen Windenergieanlagen, sondern in erster Linie etwas gegen Fremdbestimmung haben.


Solche Konflikte, wie sie derzeit rund um das Thema ‚Windkraft‘ in Deutschland toben, sind m.E. eigentlich leicht vermeidbar.

  • „Preben Maegard, ehemalige Präsidentin der World Wind Energy Association, hat es einmal so formuliert:
    • ‚Wenn Menschen vor Ort die Eigentümer der Windparks sind und davon profitieren, dann werden sie sie auch unterstützen. Es wird nicht heißen: ‚Bitte nicht vor meiner Haustür‘, sondern: ‚Bitte auf unserem Land‘“ (Klein 2015, 166).

Nun, das war ja bei der ursprünglichen Form des EEG im Jahre 2000 auch durchaus der Gedanke, der dem Gesetz zugrunde lag: die Bürgerenergiewende (vgl. Fußnote auf S. 522).


So wie sich das EEG und die weiteren Rahmenbedingungen heute darstellen, laufen Bürger*innen dagegen Sturm:

Und tatsächlich,

  • wer hat schon Lust auf einen großen, von außen durchaus zu Recht als Eindringling wahrzunehmenden Großinvestor, der an den Dorfrand einen riesige Stahlbeton-Pfeiler, deren Auftriebsläufer bei einer gängigen 3 MW-Anlage 200 Meter Höhe aufweisen, installiert, von dem man selbst in keiner Weise profitiert und lediglich Nachteile in Form von Baulärm und eine Einschränkung des Panorama-Genusses hat?

Das ist trivial.


Und damit ist die folgende Frage aufzuwerfen:

  • Warum amputier(t)en Altmaier und seine Vorgänger die Bürgerenergiewende und entfachen ein gesellschaftliches Feuer gegen eine Energiewende? Die kommen muss und für deren Verzögerung gesamtwirtschaftlich und -gesellschaftlich kein Interesse bestehen kann?


Offensichtlich werden andere Interessen im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie höher gewichtet.


Und damit kommen wir einmal mehr zum ‚good old‘ Thema ‚Arbeitsplätze‘, konkret zum Thema


Weitere Aspekte der Energiewende: Arbeitsplätze, Stromtrassen, Kostenwahrheit

Thema ‚Arbeitsplätze und Erneuerbare Energien‘

  • Was z.B. für die Autoindustrie aber auch für die Braunkohle immer und stets hervorgehoben wird und
  • was im Bereich der Erneuerbaren Energien i.d.R. unter den Tisch fällt sei hier klar und deutlich formuliert:

Die Windkraft-Verweigerung der Politiker*innen und Bürger*innen kostet tausende gerade neu entstandene, zukunftsfähige Arbeitsplätze.

  • Allein das Unternehmen Enercon kündigt im Herbst 2019 an „wegen der schlechten Marktlage bis zu 3.000 Stellen abzubauen … Neben Enercon hat auch die Siemens-Tochter Gamesa den Abbau Tausender Arbeitsplätze angekündigt, der Windanlagenbauer Senvion meldete im April Insolvenz an“ (Zeit 2019).

… und die Kohlekumpel werden in Watte gehüllt(1). Der Aufschrei um Arbeitsplatzverluste ist in den Bereichen Kohle und Auto deutlich lauter als bei Sonnen- und Windenergie.

Warum? Besonders im Zusammenhang mit der Autoindustrie wird gern hervorgehoben, dass das besonders ‚wertvolle‘ Arbeitsplätze seien, weil sie sozialversicherungspflichtig seien und besonders hoch qualifizierte Arbeit böten und dementsprechend dotiert seien. Ja, das wird richtig sein. Das ändert aber nichts daran, dass Arbeitsplätze rund um Erneuerbare Energien Zukunftsjobs sind. Und wenn diese nicht so toll bezahlt werden, sich die Firmen weniger durch Personalräte auszeichnen, die Jobs weniger sozialversicherungspflichtig sind, mag das angehen – aber es sind zukunftsfähige Arbeitsplätze. Neue Super-Arbeitsplätze à la ‚alte Bundesrepublik‘ wird es ohnehin (und zwar branchenunabhängig!) kaum noch geben, denn generell und branchenübergreifend entstehen auch Dank der Agenda 2010 i.d.R. nur noch solche ‚leichtgewichtigen‘ Jobs. Damit haben wir – bis auf Weiteres und vorbehaltlich einer besseren Politik – bedauerlicherweise zu leben.

Selbstverständlich sollten wir um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen. Aber eben um wirklich jeden, und: branchenunabhängig.

Um folgende Arbeitsplätze geht es:

>> 20.336 Arbeitsplätze in der Braunkohle – 2/3 der Beschäftigen geht bis 2030 in Rente (vgl. Statista 2020 u. UBA 2018).

>> 338.600 Arbeitsplätze im Bereich erneuerbare Energien inkl. Zulieferern, davon 160.200 in der Windenergie, Stand 2016, also vor dem Altmaier’schen Windkraftdesaster (vgl. BMWI 2018).

>> 26.000 Stellen wurden 2017 in der Windkraftbranche abgebaut (vgl. Wetzel 2019) – hier gibt es also in einem Jahr höhere Arbeitsplatzverluste als in der Braunkohle überhaupt noch existieren und noch über viele Jahre gepäppelt werden.

>> In den letzten drei Jahren sind im Bereich EE insgesamt mindestens 40.000 Arbeitsplätze verloren gegangen (vgl. NDR 2020b). Da nun der Markt darniederliegt, wird es bei diesen Zahlen wohl nicht bleiben.

>> Zuvor war schon die Solarwirtschaft zusammengebrochen, „wo [nach 2011] die Beschäftigung innerhalb von fünf Jahren um mehr als 110.000 Personen sank“ (UBA 2020b, 10).

Anmerkung zu (1)

Ich finde es weniger schlimm, dass Kohlekumpel in Watte gehüllt werden, als dass Arbeitnehmer*innen zukunftsfähiger Arbeitsplätze einzelner Branchen nicht in Watte gehüllt werden.


Die Energiewende benötigt: Stromtrassen

Kurz ist das (ebenfalls allzu oft vor Gericht landende) Thema ‚Stromtrassen als Grundlage für eine Energiewende in Deutschland‘ anzureißen.

Die riesigen, der künftigen Gesamtenergieversorgung dienenden Strommengen haben über Stromtrassen quer durch Deutschland transportiert zu werden:

  • „[R]und 7700 Kilometer werden mittlerweile als notwendig erachtet. Davon existieren bis jetzt 950 Kilometer. 2017 wurden bundesweit 30 Kilometer fertiggestellt“ (Dohmen et al. 2019, 15).

Michael Kopatz zieht dazu einen spannenden Vergleich zum Straßenbau:

  • „Neue Trassen für Strom werden als politisch heikel empfunden. Neue Trassen für Kraftfahrzeuge müssen aber einfach sein. Überflüssig zu erwähnen, dass eine Überlandleitung nicht annähernd mit der Eingriffstiefe einer neuen Straße zu vergleichen ist. Sie zerschneiden keine Landschaften emittieren weder Schadstoffe noch Klimagase und sind geräuschlos“ (2016, 217-218).

Der Befund lautet dennoch:

  • „2011 brachte die Regierung ein sogenanntes Netzausbau-Beschleunigungsgesetz auf den Weg, um das Großprojekt anzutreiben. Das Resultat: Neun Jahre später[, d.h. 2020,] sind von den geplanten rund 5.900 Kilometern erst rund 800 Kilometer gebaut“ (Bruhns et al. 2020).

Ein Blick in einen Teilaspekt der Zukunft:

Weitere Potenziale erneuerbarer Energien

Abschließend und allgemein ist festzuhalten, dass das Thema ‚Erneuerbare Energien‘ mit Blick in die Zukunft noch viele Möglichkeiten offeriert.

  • Pragmatisch gesehen:
    • Wärmepumpen haben eine Menge bis lang nicht ausgeschöpftes Potenzial.
    • Derzeit gibt es mindestens 35 Projekte an Offshore-Windenergieanlagen, die nicht im Meeresboden verankert sind, sondern schwimmende Konstruktionen vorsehen. Das macht vorbehaltlich des Ressourcenverbrauches Sinn, um auch in tieferen Gewässern (50m und tiefer) vor Steilküsten – nicht alle Meeresküsten sind so aufgebaut wie die Ostsee – Windenergieanlagen betreiben zu können – und auch der spätere Entsorgungsvorgang ist potenziell leichter zu bewerkstelligen (vgl. Janzing 2020, 8).
  • Mit Zukunftsblick:
    • Wenn man sich das online gestellte, über 6.000-seitige ‚Buch der Synergie‘ von Achmed Khammas anschaut, über das ich unumwunden zugebe, dass es mich im Theoriebereich vollkommen überfordert, dass mich aber wiederum hinsichtlich der Akribie, mit der einzelne Energieumformungen bzw. -gewinnungstechniken beschrieben sind, begeistert, dann scheint es so zu sein, als gäbe es derart viele Möglichkeiten, die schier unendliche Energie, die uns letztlich in verschiedenster Form zur Verfügung steht, auszuschöpfen und zu nutzen, dass es geradezu grotesk ist, dass wir Menschen jemals dem Pakt mit dem Teufel ‚Öl‘ eingegangen sind. Hier geht augenscheinlich wesentlich mehr als gemeinhin angenommen.

>> siehe Liste http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/inhalt_c.htm und allgemein http://www.buch-der-synergie.de/ (Abrufdatum jeweils 9.6.2020)


Energieversorgung & Kostenwahrheit

Redet man über verschiedene Arten, Energie zu erzeugen, werden die Bau- und Rückbaukosten sowie sonstige Folgekosten i.d.R. nicht eingerechnet.

Würden diese Kosten eingerechnet werden – und was sollte dagegen sprechen, es geht ja um die Gesamtkosten und den Gesamtenergiebedarf, alles andere macht keinen Sinn – dann würde keine Regierung der Welt auf die Idee kommen, ein AKW auch nur zu planen.

  • Die Baukosten des AKW Stade, 2003 vom Netz gegangen, lagen bei 150 Mio Euro. Bei den Rückbaukosten geht man mit Stand 2017 von 1 Mrd Euro aus (NDR 2017). Die gleiche Zahl wird auch für den bald beginnenden Rückbau von Brunsbüttel genannt (vgl. HA 2019) – insgesamt sind rund 30 AKWs in Deutschland zurückzubauen (vgl. Atom aktuell 2014).

Dadurch, dass diese eine Milliarde Euro Rückbaukosten pro Kraftwerk nicht (bzw. nicht angemessen) in den Strompreis eingerechnet wurde/wird, haben sich also frühere Generationen in einem m.E. unangemessenen Maß auf Kosten der aktuellen/künftigen Generationen bereichert, die die Rückbaukosten tragen.

Von der Kosten und der Sicherung der Endlagerung sowie den Gefahren und mannigfachen Kosten eines möglichen GAUs ist dann noch gar nicht gesprochen worden.


Fazit zum Thema ‚Energie & Zukunft‘

Es kann nicht sein, dass die Umsetzung der Energiewende, an der u.a. die Mobilitätswende hängt und damit insgesamt die Einhaltung des Pariser Abkommens, von einzelnen Bürgerinitiativen und einzelnen Kläger*innen torpediert werden. Menschenrecht schlägt Einzelinteressen.

  • Derweil könnte man – wie Harald Welzer vorschlägt – „fast 13.000 Kilometer deutscher Autobahnen in der nachhaltigen Moderne für die Platzierung von Windrädern genutzt werden, die dann nicht mehr andernorts die Landschaft verspargeln müssten“ (2016, 214)… Manfred Unfried wünscht sich derweil eine „Windmühlen-Allee an der A7 von Flensburg bis Füssen“ (2020, 46).


Jeremy Rifkin weist indessen darauf hin, dass der Staat die neue Energie-Infrastruktur zu „bauen [hat], schnell und entschlossen“ (Heuser 2019, 24).

  • Käme es so, „könnten die fossilen Brennstoffe schon deshalb ihre Bedeutung verlieren. ‚Gas‘, sagt Rifkin trocken, ‚lohnt sich bald nicht mehr‘“.

Für diese Annahme spricht, dass Solarstrom eigentlich günstiger ist, als fossiler Strom je sein kann

Erläuterung

Das ist vollkommen plausibel, wenn man Abbau der erforderlichen Ressourcen, den Auf- und Abbau der Produktionsinfrastruktur sowie die Transportwege für die zu verbrennenden Energieträger in die Kostenrechnung einbezieht. Wenn man die weiteren Umweltkosten einrechnet, wird es geradezu absurd, dass über all das überhaupt eine Diskussion entbrennen (!) kann. Im Spiegel ist zu lesen, dass die Preise für Photovoltaik seit 2010 um mehr als 75% gefallen sind, die „für Windkraft um bis zu 35 Prozent. In weiten Teilen der Welt sind die Erneuerbaren schon jetzt die billigste Energiequelle“ (Evers 2019, 110). „Für die effizientesten Solarparks berechnen die Forscher einen Preis von durchschnittlich 3,71 Cent bis 11,54 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Elektrizität aus konventionellen Kraftwerken kommt der Studie zufolge auf Herstellungskosten bis zu 21,94 Cent pro Kilowattstunde“ (Witsch 2018). „Technische Fortschritte bei der Photovoltaik hätten zu starken Kostensenkungen geführt, ‚so dass sie unter allen Kraftwerkstypen im Mittel die kostengünstigste Technologie in Deutschland ist‘, begründet das [Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme] ISE die Energiewende-Sensation“ (Sorge 2018).


2018 kam eine von der Technischen Universität Lappeenranta (LUT University) und der Energy Watch Group erarbeitete Studie heraus, die errechnete, dass „100% Erneuerbare Energie in ganz Europa [machbar bis 2050 ist und zudem] kostengünstiger [ist,] als das derzeitige Energiesystem“ (Energywatchgroup 2018).

Im Juni 2020 erwähnt der Carbon Tracker-Analyst Kingsmill Bond, dass „Erneuerbare Energien … inzwischen in 85 Prozent der Märkte billiger [seien] als fossile“ (Pötter 2020, 9).

  • „Überlässt man dagegen alles dem Markt, kommt die Wende zu spät oder wird durch Monopolfirmen ausgebeutet“ (ebd.).


Solarenergie und Windkraft als Spielball politischer Bremsprozesse: Wir haben für so etwas keine Zeit mehr.


>> An dieser Stelle ist möglicherweise das Anschauen der positiven Videobotschaft ‚Imagine the Future‘ der Klimaaktivistin Xiye Bastida eine gute Idee? – siehe: https://youtu.be/GBeU6UZyPjY (Abrufdatum 1.7.2020)


Quellen des Abschnitts Energie und Zukunft


Nächster Abschnitt:

Politik für Enkel*innen: Was ist politisch zu tun?

Wer die Vergangenheit wählt, verspielt die Zukunft.

Inhalt


Natur braucht einen Wert.

Ein wesentliches Grundproblem ist, dass Umweltverschmutzung keinen Preis hat. Unternehmensgewinne werden eingestrichen, die zur Erzielung dieser Unternehmensgewinne entstandenen Umweltschäden werden i.d.R. von der Allgemeinheit getragen. Das bedeutet Umweltzerstörung. Das bedeutet eine stillschweigende Subventionierung von umweltschädlichem Wirtschaften/Verhalten. Und es bedeutet, dass umweltschonendes Verhalten finanziell benachteiligt wird.

Übersetzt auf den einzelnen Verbraucher bedeutet das, dass man in diesen Tagen i.d.R. mehr bezahlt, wenn man klimaschonend per Bahn nach Paris reist, als wenn man rund 1t CO₂ in die Luft schleudert, um dort hin- und zurück zu kommen.

Übersetzt auf Firmen bedeutet das, dass umweltschonendes Wirtschaften einen Wettbewerbsnachteil bedeutet.


Es folgt:

Natur braucht einen Wert.

Die Menschheit braucht einen – wirkungsvollen – Preis für Umweltverschmutzung. Spezifisch auf die Klimakrise angewendet, liegt es hier nahe, CO₂ zu bepreisen.

Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dazu:

  • „Wenn wir CO₂-Bepreisung hätten, dann würden die Preise im Supermarkt auch den CO₂-Gehalt reflektieren. Und dann, an der Kasse würden wir weniger bezahlen, wenn wir CO₂-freundlicher eingekauft hätten.“ (Nguyen-Kim 2019)


Anders ausgedrückt:

„Wir übersetzen gewissermaßen Klimaschädlichkeit in Geld.“ (ebd.)


So weit, so gut. Was die mit Wert bemessene Natur definitiv nicht gebrauchen kann, ist hingegen diesen Wert in einen weltweiten Handel mit Emissionsrechten zu übersetzen:

In Madrid (COP 25, Dez 2019) wurde in erster Linie über einen solchen globalen Handel mit CO₂-Emissionsrechten verhandelt. Erfolglos. Zum Glück. Denn auf diese Weise könnten Länder durch (angeblich seriöse) Zertifikate den eigenen Klimaschutz hinauszögern. In der Zeit führt Petra Pinzler dazu aus:

  • „[D]urch einen lax geschriebenen Artikel 6… [könnte es] jede Menge Zertifikate geben, die ihr Geld nicht wert sind – weil die Projekte, durch die angeblich CO₂ eingespart werden sollten, nicht seriös sind.

    Wenn Brasilien also beispielsweise in der einen Ecke den Urwald abfackelt, anderswo aber Wald anpflanzt – dann könnte es dafür Zertifikate bekommen und die weltweit verkaufen.

    Deutschland wiederum könnte sie kaufen und damit ein Verbot des Verbrennungsmotors hinauszögern – weil es ja durch die Zertifikate angeblich weniger CO₂ in die Atmosphäre entlässt.

    Es gab in Madrid noch irrere Ideen: Brasilien hätte gern Zertifikate verkauft, wollte die Einsparungen aber dennoch sich selbst gutschreiben. Diese wären dann also doppelt verbucht worden.“ (2019)

Es ist also gewissermaßen gut, dass hier die EU angesichts eines zu lasch geplanten Art. 6 nicht eingeknickt ist und die Verhandlungen in diesem Punkt lieber vorerst scheitern ließ.

  • So etwas ist im weltweiten Maßstab nicht überprüfbar bzw. nicht zu kontrollieren – es ist gänzlich unrealistisch, auch gerade vor dem Hintergrund der drängenden Zeit.
  • Jedes Land soll vor seiner eigenen Haustür kehren und umgehend seine Hausaufgaben machen. Und:
  • Der globale Handel mit Emissionsrechten würde auch bedeuten, dass der globale Süden ein eigenes (CO₂-Emissionen beinhaltendes) Wachstum unterlassen müsste, was quatsch ist und stark kolonialistische Züge trägt.

Quellen des Abschnitts Natur braucht einen Wert

>> Nguyen-Kim, Mai Thi (2019): „Klimawandel: Das ist jetzt zu tun! (feat. Rezo)“. in: maiLab, 14.9.2019, online unter https://www.youtube.com/watch?v=4K2Pm82lBi8 (Abrufdatum 30.9.2019)

>> Pinzler, Petra (2019): „Klimapolitik: Scheitern kann auch schön sein“. in: Die Zeit, 19.12.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-12/klimapolitik-klimakonferenz-madrid-artikel-sechs-co2-klimaziele (Abrufdatum 19.12.2019)


Mit einem (jeweils nationalen) CO₂-Preis allein ist es indes bei Weitem nicht getan:



Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem.


Überschrift eines Gastbeitrages des Soziologen Harald Welzer in der Süddeutschen Zeitung:

  • „Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen“.


Grundlegende Erwägungen:

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer weist angesichts der viel beschworenen Eigenheit des Menschen, immer mehr zu wollen, pointiert darauf hin, dass es „Folklore“ sei,

  • „es sei ‚der Mensch‘, der mittlerweile zu einer geologischen Kraft geworden sei und das Erdsystem nachhaltig aus dem Takt bringe“. Hieran stört Welzer die Perspektive eines vermeintlich unabänderlichen „kosmischen Verhängnisses“, das keine Verantwortlichen kenne. (vgl. Welzer 2018)

    Aber:

    „Es ist erst der global verbreitete wachstumswirtschaftliche Kapitalismus, also eine historisch extrem junge Wirtschaftsform, der die gigantischen Zerstörungswirkungen entfaltet, die systemisch zu werden drohen.“ (ebd.)

Auch Naomi Klein vertritt die Auffassung, dass es in erster Linie die aktuelle Ausprägung des Kapitalismus sei, die … jawohl: uns in die Scheiße geritten hat – und nicht der Mensch an sich. Womit der Buchtitel

  • „This Changes Everything: Capitalism vs. Climate“.
    (Buchtitel des 2015er Grundlagenwerks zur Klimakrise von Naomi Klein)

viel Sinn macht.

Klimakrise bedeutet mehr als hellgrüne Politik im Sinne einer Energie- Verkehrs- und Agrarwende plus den Kauf grünangestrichener Produkte.

  • Klimapolitik darf, kann und muss – entgegen der Altmaierschen Formel, die das Gegenteil behauptet – selbstverständlich auch auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätze gehen – wo und in welchen Bereichen es notwendig ist.


Frage: Warum?

Antwort: Nun, weil es sonst irgendwann gar keine Arbeitsplätze und erst recht keinen Wohlstand mehr geben können wird.

  • Machen wir uns klar: Ohne eine konsequente Politik, die Wert auf Zukunftsfähigkeit und zukunftsfähige Arbeitsplätze legt, kommen wir nicht vom Fleck. Ohne nicht vom Fleck kommen bedeutet am Ende genau das wo wir nicht hinwollen: Keine Arbeitsplätze mehr und keinen Wohlstand.

Die Klimakrise macht in allen Lebensbereichen Veränderungen erforderlich, mindestens deutliche Mäßigungen des Konsums und Lebensstils von uns Industriestaatler*innen, eine Orientierung an einem noch auszuhandelnden „menschlichen Maß“ (vgl. Niko Paech 2012).



Wir alle, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen, werden uns und unser Verhalten stark ändern müssen – Bernd Ulrich hält dazu in der Zeit treffend fest:

„Wenn es einen Weg gäbe, die Klimawende auch ohne grundlegende Veränderungen bei Produktion, Konsum und Mobilität zu bewerkstelligen, dann hätte die GroKo ihn sicher schon gefunden.“ (Ulrich 2019)

Im Übrigen ist es angebracht einen Unterschied zwischen Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft zu machen.

Es braucht immer ein(n) Mutige(n), die/der die Wahrheit ausspricht – das bin jetzt mal zur Abwechslung ich selber. Für Deutschland auf den Punkt gebracht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

Und genau das ist die Botschaft, die von einer/m (nicht grünen) führenden Politiker*in der deutschen Bürger*innen mitgeteilt werden muss.

  • Mit diesem eingeschenkten „reinen Wein“ wäre endlich die Voraussetzung für ein politisch probate Diskussion und Durchsetzung von Notwendigkeiten zu Veränderungen in allen Lebensbereichen gegeben: Dann hätte man eine fundierte Basis, auf der man miteinander reden kann – und sicher auch mehr Verständnis/Einsicht für Veränderungen.
  • Zurzeit gibt es (noch) eine stillschweigende Abmachung/Komplizenschaft zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und den meisten Politiker*innen, eine gemeinsame Vogel-Strauß-Kopf-in-den-Sack-Taktik: Wir sitzen das Ding aus, machen Symbolpolitik – und ansonsten machen wir einfach weiter wie bisher.
  • Es bleibt am Ende die Frage, inwieweit deutsche Politiker*innen der älteren Semester rechts der (Dunkel-)Grünen die Dimension und Dringlichkeit der Klimakrise begreifen (wollen).

Und:
Mit „weniger Konsumieren, weniger Reisen, weniger kaufen“ ist es nicht getan. Unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem „funktioniert“ nur, wenn wir ein HöherSchnellerWeiter-Leben im Überfluss führen, d.h. mehr konsumieren als notwendig, also: Überflüssiges kaufen, dass nach zwei Wochen in der Ecke steht. Und weil das in diesem System notwendig ist, lobt der Staat auch umgehend „Abwrackprämien“ u.ä. aus, damit die Nachfrage künstlich hoch bleibt – und Menschen kaufen dann Autos, die sie eigentlich zu diesem Zeitpunkt nicht benötigen.


Wenn also unsere Wirtschaft nur „brummt“, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser Wirtschaftssystem hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu reformieren haben.


Auch hierüber erfahren wir nichts von deutschen Politiker*innen. Wenn diese – insbesondere die Vertreter*innen der Union – hervorheben, es liege an den Bürger*innen selbst im Interesse des Klimaschutzes Vernunft walten zu lassen und weniger zu konsumieren, dann ist das eine faustdicke Lüge, weil genau diese geforderte „Vernunft“ im derzeitigen wachstumsorientierten Turbokapitalismus in die Rezession führen würde. Dieses Dilemma muss schnellstmöglich aufgelöst werden. Jeff Daniels bzw. Will McAvoy hält dazu in The Newsroom fest:

„Der erste Schritt, ein Problem zu lösen, ist, zu erkennen, dass es eins gibt.“

Übersetzt auf die Klimakrise bedeutet das:

  • Ein erster Schritt, die Klimakrise zu lösen, ist, zu erkennen und gegenüber den Bürger*innen zu benennen, dass das Dilemma „Vernunft = weniger Konsum = Rezession | mehr Konsum = Klimakollaps“ nur durch grundlegende Reform des derzeitigen deutschen Wirtschaftsmodells hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu lösen ist.

Hier kommt mein Ansatz ‚LebeLieberLangsam‘ ins Spiel (siehe LebeLieberLangsam-Blog-Einführung)

Im 2018er „Wir sind dran“-Bericht vom Club of Rome ist dazu festgehalten:

  • „Dana Meadows lehrte uns: ‚Menschen brauchen keine riesigen Autos; sie brauchen Respekt. Sie brauchen keine überfüllten Kleiderschränke. Sie müssen sich attraktiv fühlen und sie brauchen Vielfalt, Schönheit, etwas Spannung. Menschen brauchen Identität, Gemeinschaft, Herausforderungen, Anerkennung, Liebe, Freude. Dies alles mit materiellen Dingen zu erfüllen, führt zu unstillbarem Appetit auf falsche Lösungen für echte Probleme. Die psychische Leere ist eine der Triebkräfte für den Wunsch nach materiellem Wachstum. Eine Gesellschaft, die ihre immateriellen Bedürfnisse artikuliert, sucht und findet auch immaterielle Wege, diese zu befriedigen. Sie benötigt dann viel weniger Rohstoffe und Energie, böte dafür aber höhere menschliche Erfüllung’“. (Meadows et al. 1992)

Erläuterung Club of Rome und Quellen des Abschnitts Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem

>> Erläuterung Club of Rome: Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern aus aller Welt aus diversen Fachbereichen. Berühmt wurde der Club of Rome 1972 durch die Veröffentlichung des Bestsellers Die Grenzen des Wachstums, welches der Menschheit global erstmals klarmachte, dass ein endloses Wachstum in einer begrenzten Welt nicht geben kann und mit Umweltverheerungen einhergehen muss. (s.a. Aspekt Wir haben’s nicht gewusst in Abschnitt Klimawissenschaftsleugner*innen auf Partys bzw. bei Diskussionen.)


>> Daniels, Jeff (Rollenname: Will McAvoy), The Newsroom; im Original heißt es: “First step in solving any problem is recognizing there is one.” Sorkin, Aaron (2019): „The Newsroom Script Episode 1“. in: goodreads, online unter https://www.goodreads.com/work/quotes/23633463-the-newsroom-script-episode-1 2012 (Abrufdatum 13.7.2019)

>> Meadows, Donella, Randers, Jörgen und Meadows, Dennis (1992): Beyond the Limits. Confronting global collapse. White River Junction: Chelsea Green. Auf Deutsch übersetzt zitiert in: Weizsäcker, Ernst Ulrich von; Wijkman, Anders et al. (2018): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloher Verlagshaus. S. 196.

>> Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.

>> Ulrich, Bernd (2019): „Europawahlergebnis: Angriff aus dem Kinderzimmer“. in: Die Zeit, 26.5.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-05/europawahlergebnis-klimapolitik-fridays-for-future-protestwahl-gruene/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch: Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)



Erforderlich ist ein komplette, gedankliche

Grundlegende Neuausrichtung von Politik und Gesellschaft.


Man kann die Dinge aus einer anderen, proaktiven Perspektive denken:

Was soll sich in Deutschland lohnen: Was soll belohnt und gefördert werden? Und was nicht?

  • Gesundheit – oder: Krankheit
  • Ein gutes Leben für Alle – oder: ein luxeriöses Leben für Wenige
  • Ein Leben basierend auf den Menschenrechten – oder: ein Leben, das im Grunde genommen auf faktischer Sklaverei, Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen basiert
  • Kooperation – oder: Konkurrenz
  • Pflege – oder: Aktienbesitz
  • ÖPNV – oder: privater PKW
  • Schiene – oder: LKW/Autobahn
  • Liebe – oder: Geld/Leistung/Macht
  • Hygge – oder: Hybris
  • Regionale – oder: globale Produkte (z.B. bei Produkten, die auch hier wachsen)
  • Dinge die lange halten – oder: Produkte mit implementierter Obsolenz
  • erneuerbare – oder: fossile Energien
  • CO₂-vermeidendes Leben – oder: CO₂-Prasserei
  • Parität – oder: Männer (Parität =Frauen sind gleichwertig an relevanten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen beteiligt.)
  • Lebendige Städte u.a. mit guter Luft – oder: privater Pendelverkehr (MIV)
  • Strukturierte Städte – oder: zersiedeltes Land
  • Umwelt – oder: Untergang
  • Langfristiges – oder: Kurzsichtiges
  • bodenbewahrende – oder: konventionelle bodenvernichtende Landwirtschaft
  • Sauberes Trinkwasser – oder: Tierställe

>> Wenn man sich die Liste anschaut: Nichts ist, wie es sein sollte.

>> Aber: Die bessere Alternative ist nicht undenkbar, sondern vorhanden und ohne weiteres: denkbar.

Das ist eine Grundentscheidung, die dann ordnungspolitisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet werden kann. So wie es zurzeit in die falsche Richtung ordnungspolitisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet wird (und mit den Merkel’schen freiwilligen Selbstverpflichtungen).



Postfossile Gesellschaft und das Machtgefüge der Welt

Noch ein Aspekt: In einer postfossilen Welt werden i.d.R. keine Kriege um Öl geführt. Dies wird das globale Machtgefüge massiv verändern. Um zu illustrieren, wie viel Macht und umgekehrt Abhängigkeit das fossile Zeitalter – aber auch Krieg – mit sich gebracht hat, sei auf folgenden Aspekt hingewiesen:

  • „Konservativ geschätzt hat die USA zwischen 1999 bis 2003 allein für die Aufrechterhaltung ihrer militärischen Präsenz in der Golfregion 600 Milliarden Dollar aufgewendet.“ (Rammler 2017, 53-54)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 53-54, siehe hier auch zur engen „Verbindung zwischen unseren treibstoffsüchtigen Automobilflotten und Militärapparaten und der jahrzehntelangen Destabilisierung des Morgenlandes durch neoimperiale Ressourcensicherungspolitik der westlichen Industrieländer….“ (S. 48ff.)


Das bedeutet zweierlei:

  • Die Welt hat die Chance ohne diese Öl-Abhängigkeiten friedlicher zu werden.
  • Wenn jemand sagt, die Finanzierung des ökologischen Umbaus sei zu teuer – dann ist auf Basis obigen Zitats klar, dass diese Gelder zweifelsfrei vorhanden sind und wo die benötigten Mittel herkommen können. Sinnvolle Kriege gibt es nicht. In einer untergehenden Welt machen sie erst recht keinen Sinn.

Soweit ein kurzer Hinweis und Ausblick auf eine in Zukunft mögliche Gesellschaft, in der ohnehin zu wenig Arbeit für alle existiert und das Leistungsprinzip nicht mehr so krass identitätsprägend ist wie derzeit in Deutschland und den Industrienationen. Kommen wir zu den konkreten politischen Zielen, die zeitnah umzusetzen sind, damit wir die Chance haben, überhaupt über eine künftige Zivilgesellschaft nachzudenken:



Konkrete politische Ziele:

Vorweg: Fridays for Future’s Forderungen vom April 2019 entsprechen den Vereinbarungen des 2015er Pariser Abkommens (korrekt: „Übereinkommen von Paris“ vom 12. Dezember 2015) – das bedeutet, dass FfF lediglich das einfordern, was Deutschland ohnehin beschlossen hat – und damit sich ausschließlich auf Ziele berufen, zu denen sich Deutschland verpflichtet hat.
Daher mutet es grotesk und mehr als verlogen an, wenn nun die Politik-Hühner im Hühnerstall erschrocken aufflattern und FfF-Forderungen als überzogen/unrealistisch/utopisch bezeichnen.

Letztlich sind die Forderungen von FfF lediglich ein undezenter Reminder an die Regierung Merkel.


In Luisa Neubauers Worten:

  • „Was wir [als Fridays for Future] machen ist: Wir setzen uns dafür ein, dass die Bundesregierung selbst gesteckte Ziele einhält. Schon das ist absurd, dass wir dafür auf die Straße gehen müssen – das sollte selbstverständlich sein.“ (n.n. 2019a)

Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern:

  • Nettonull 2035 erreichen = Klimaneutralität bis 2035
  • Kohleausstieg bis 2030
  • 100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035
    (sog. „Dekarbonisierung“)
  • Subventionen-Stopp für fossile Energieträger bis Ende 2019
  • Abschaltung von 1/4 aller Kohlekraftwerke bis Ende 2019
  • Einführung einer CO₂-Steuer auf alle Treibhausgas-Emissionen. Zügige Preisentwicklung hin zu 180 EUR pro Tonne CO₂ – in Übereinstimmung mit den Vorstellungen des Umweltbundesamtes (nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium) (vgl. n.n. 2019b u. n.n. 2019c)

>> Anmerkung zu „Klimaneutralität“: Gemeint ist damit das Erreichen von Netto-Null-Emissionen, d.h. es darf weltweit jährlich nur noch so viel CO₂ emittiert werden, wie durch die Natur z.B. via Wälder aus der Atmosphäre entfernt wird.

Diese Ziele sind wünschenswert und selbstredend ein großer Schritt nach vorn.

Doch: Neben diesen auf eine Energiewende zielenden Forderungen und Ziele ist zweifellos auch in anderen Bereichen eine tiefgehende Umgestaltung unseres Lebensstiles erforderlich.

  • Eine grundlegende Verkehrswende, die nicht nur auf einen Austausch des Antriebssystems von Pkw setzt, ist erforderlich. Abgesehen von der ungünstigen Energiebilanz bei der Herstellung von E-Autos bzw. deren Batterien und den extremen Problemen rund um die Förderung der dafür nötigen seltenen Erden ist es einfach nicht sinnvoll zu viel fossilen Verkehr durch zu viel E-Auto-Verkehr zu ersetzen.

    • Eine ernstgemeinte Verkehrswende bedeutet die Umstellung von Privatbesitz-PKW-Individualverkehr (MIV) auf multimodale Sharing-Verkehrssysteme unter Betonung von Schiene, Zweirad und ÖPNV.

  • Zum Flugverkehr ist hier nur festzuhalten, dass dieser Wirtschaftszweig nicht weiter wachsen kann/darf – und zweifellos nicht alle Menschen der Welt in Flugzeuge steigen können. Dies wirft auch drängende Fragen der Climate Justice auf.

  • Eine grundlegende Agrarwende beinhaltet die Prioritätensetzung auf Bodenerhaltung und Bewahrung der Biodiversität. Eine Ende der Fleischexportwirtschaft scheint da m.E. der logische Schritt, weil die Nitratbelastung des Grund- und Trinkwassers durch Kunstdünger und Gülle dringend heruntergefahren werden muss. In diesem Sinne ist auch eine übermäßige und in diesem Sinne gesundheitlich schädliche Versorgung mit billigem Tierquäl-Antibiotika-Resistenzen-erzeugendes minderwertiges Fleisch künftig abzuwenden.


Noch einmal: Diese Ziele von FfF sind wünschenswert und auf jeden Fall ein großer Schritt nach vorn – aber:

  • Sie kratzen indes nicht am neoliberalen Wachstumsdogma, dem Finanzialismus, dem Extraktivismus (=übermäßige Ressourcenausbeutung) und dem globalen Kapitalismus inkl. Neo-Kolonialismus dieser Tage.
  • Dieser Party-Kit „Klimakrise“ verdeutlicht mindestens, dass die Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern, keine Maximalanforderungen für die Bewältigung der Klimakrise, sondern eher die allerunterste Kante der tatsächlich notwendigen Maßnahmen darstellen.

  • Zurzeit befindet sich die Weltgemeinschaft tatsächlich auf einem „drei-bis-vier-Grad-Pfad“ bis 2100. (vgl. n.n. 2019d, n.n. 2019e, n.n. 2019h)

  • Der neueste UNEP-Bericht der UNO vom November 2019 wird im Spiegel wie folgt analysiert:

    • „Wenn die Weltbevölkerung so weiterlebe wie aktuell, droht die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 3,9 Grad statt wie angestrebt um nur 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu steigen. Selbst wenn alle Staaten ihre derzeit zugesagten Beiträge zum Klimaschutz auch wirklich erbringen, werden demnach 2030 noch immer 32 Gigatonnen CO₂ zu viel ausgestoßen, um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können.“ (n.n. 2019h)

    • Originaltext des UNEP-Berichts:

      „Assuming that climate action continues consistently throughout the twenty-first century, a continuation of current policies would lead to a global mean temperature rise of 3.5°C by 2100 (range of 3.4–3.9°C, 66 per cent probability). This corresponds roughly to a tripling of the current level of warming as assessed by the IPCC (2018).“ (UNEP: n.n. 2019i)

    • Mit anderen Worten: Wir haben da derzeit ein überaus umfassendes CO₂-Gap, das dringend abgebaut werden muss.

  • In diesem Sinne fordern im November 2019 „mehr als 11.000 Wissenschaftlerinnen aus 153 Ländern … mehr Klimaschutz. Im Fachjournal BioScience (Ripple et al., 2019) konstatieren sie, ohne grundlegendes Umsteuern sei ‚unsägliches menschliches Leid‘ nicht mehr zu verhindern. Fast drei Viertel der 184 Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen, die Länder im Rahmen des Pariser Abkommens eingereicht haben, sind demnach nicht ehrgeizig genug. ‚Aus den vorliegenden Daten [und ohne weitere, ehrgeizige Zusagen] wird klar, dass ein Klima-Notfall auf uns zukommt.'“ (n.n. 2019f)


Im Spiegel ist dazu zu lesen:

  • „Gemessen am Ziel, den Ausstoß von klimaschädlichen Substanzen bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, seien nur die 28 EU-Staaten und sieben weitere Länder auf Kurs… Die Forscher fordern … Veränderungen vor allem in sechs Bereichen…[, darunter auch eine] nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft…“ (n.n. 2019g)

Quellen des Abschnitts Konkrete politische Ziele

>> n.n. (2019a): „Luisa Neubauer rechnet mit Klimapaket ab: ‚Regierung lässt Millionen junger Menschen fallen!'“. in: Stern, 26.9.2019, online unter https://www.stern.de/panorama/gesellschaft/luisa-neubauer-rechnet-mit-klimapaket-ab—regierung-laesst-millionen-junger-menschen-fallen—8923594.html (Abrufdatum 2.10.2019)

>> n.n. (2019b): Quasi wörtlich übernommen aus: https://fridaysforfuture.de/wp-content/uploads/2019/04/Forderungen.pdf bzw. https://fridaysforfuture.de/forderungen/ (Forderungen vom April 2019, Abrufdatum 30.5.2019)

>> n.n. (2019c): „“Fridays for Future“ stellt erstmals konkrete Forderungen an die Politik“. in: Der Spiegel, 8.4.2019, online unter https://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/fridays-for-future-schueler-stellen-forderungen-an-die-politik-a-1261773.html (Abrufdatum 19.6.2019)

>> n.n. (2019d): „CO₂-Reduzierung unzureichend: 11.000 Wissenschaftler warnen vor weltweitem Klimanotstand“. in: Der Spiegel, 5.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-unzureichend-forscher-warnen-vor-weltweitem-klimanotstand-a-1294979.html (Abrufdatum 6.11.2019)

>> vgl. n.n. (2019e): „‚Brown to Green‘-Report zur Klimakrise: Industrieländer treiben die Welt Richtung drei Grad Erwärmung“. in: Der Spiegel, 11.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-kein-g20-staat-ist-auf-1-5-grad-kurs-a-1295841.html (Abrufdatum 11.11.2019)

>> n.n. (2019f): „Tausende Wissenschaftler warnen vor Klima-Notfall“. in: Die Zeit, 5.11.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-11/klimawandel-klimaschutz-pariser-klimaabkommen (Abrufdatum 5.11.2019)

>> n.n. (2019g): „CO₂-Reduzierung unzureichend: 11.000 Wissenschaftler warnen vor weltweitem Klimanotstand“. in: Der Spiegel, 5.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimaschutz-unzureichend-forscher-warnen-vor-weltweitem-klimanotstand-a-1294979.html (Abrufdatum 6.11.2019)

>> n.n. (2019h): „Klimabericht der Bundesregierung: Deutschland hat sich bereits um 1,5 Grad erwärmt“. in: Der Spiegel, 26.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klima-deutschland-hat-sich-bereits-um-1-5-grad-erwaermt-a-1298283.html (Abrufdatum 26.11.2019)

>> n.n. (2019i): „Emissions Gap Report 2019“. in: United Nations Environment Programme, online unter https://wedocs.unep.org/bitstream/handle/20.500.11822/30797/EGR2019.pdf?sequence=1&isAllowed=y (Abrufdatum 10.12.2019)



Klimakrise als Chance.

Die Klimakrise kann auch als Chance betrachtet werden: Anders zu leben. Weltweit. Ohne Sweatshops, ohne faktische Sklaven: Mit einem besseren Leben für Alle. Wir brauchen diesen Turbokapitalismus nicht. Es ist genug für alle da.


LebeLieberLangsam. Dann geht’s auch dem Planeten besser.

  • Es gibt eine ganze Menge Menschen und Gruppen mit Ideen da draußen, wie wir den Laden grundlegend umkrempeln können. Diese Ideen verbergen sich hinter Begriffen wie Postwachstumsökonomie, Gemeinwohlökonomie, Suffizienz, Degrowth, aber kleiner gedacht auch hinter Stichwörtern wie Solawi (=solidarische Landwirtschaft), Repair-Cafés…


  • Die (globale) Finanzwirtschaft – oder anders ausgedrückt: die Art wie Geld derzeit ‚funktioniert‘ wird sich deutlich verändern müssen:

    • ‚Shareholder Value‘ ist antisozial, denn es dient nicht der Gesellschaft oder dem Gemeinwohl, sondern verlangt auf Kosten von Gesellschaft, Menschen und Umwelt Gewinnmaximierung ‚um jeden Preis‘.

    • Nano-Sekunden-Handel ist nicht dem Menschen dienlich,

    • zahlreiche derzeitige Arten der sog. Derivate, die eher Spielcasino-Wetten gleichen, gehören schlicht verboten,

    • eine konsequente Finanztransaktionssteuer könnte hier hilfreich sein,

    • über die Art wie Zins und insbesondere Zinseszins funktionieren wäre nachzudenken,

    • Im kleineren Maßstab wiederum wären lokale Währungen zu unterstützen.

    • Auch Geld, dass nicht gehortet wird, sondern fließt, weil es andernfalls an Wert verliert, kann ein Ansatz sein.

    • Grundsätzlich sind die Verhältnisse zwischen Arm und Reich sowohl innerhalb von Gesellschaften als auch global deutlich anzunähern.



Die einfachste und seit langer Zeit sehr erfolgreich umgesetzte Art um Wirtschaft anders zu gestalten, ist die: Genossenschaft.

  • Fahren wir den Finanzialismus zurück und fördern wir massiv privatrechtliche Betriebe/Unternehmensformen, die keinen Gewinn im eigentlichen Sinne machen können – und wir sind da, wo wir hinwollen: Dann sind wir bei mittelständischen, dezentralen Unternehmen, die dem dienen, wofür Wirtschaft eigentlich gedacht ist. Sie dienen: Der Gesellschaft.

Revolutionär einfach. Und doch so Welt-bewahrend.


Geht nicht – gibt’s nicht. Denn:


Die Natur setzt uns die
Pistole auf die Brust – und das ist insbesondere dem Finanzialismus und dem Neoliberalismus zuzuschreiben.

Die Alternative – alles so lassen, nur an den kleinen Schrauben zu justieren – führt ins:
Aus.



Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz.

  • Bäume pflanzen/globale Aufforstung.

Bäume sind sehr gute, langjährige CO₂-Speicher. Eine im Juli 2019 veröffentlichte Studie namens The global tree restoration potential zeigt, dass eine globale Pflanzung von Bäumen das 1,5°-Ziel „zweifellos“ erreichbar mache. Mittels Satellitendaten wurde ausgewertet, „wo auf der Erde Platz für neue Bäume wäre und wie viel Kohlendioxidmenge diese speichern könnten“ (Dambeck 2019). Die Erde könne „ein Drittel mehr Wälder [aktuell 2,8 Mrd Hektar + Fläche der USA = 900 Mio Hektar] vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden“ (n.n. 2019). Bis zu 60 Jahre dauere es, bis die Wälder herangewachsen wären, dann aber „könnten sie 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern… Das entspricht rund zwei Dritteln der 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die der Mensch seit der industriellen Revolution in die Atmosphäre gebracht hat.“ (Dambeck 2019). Die Wirkung einer solchen Maßnahme sei viel größer als bislang bekannt gewesen sei. „Umso wichtiger sei es nun, schnell zu handeln … [zumal] sich in einem insgesamt heißeren Erdklima die Fläche [reduziere], die überhaupt für Wald geeignet ist“ (ebd.).

  • Ebenfalls in der Studie wird erwähnt, dass „[d]ie Menschheit … den ursprünglichen Baumbestand der Erde wohl bereits halbiert“ (Charisius 2019a) habe.


Diese Bäume global zu pflanzen und zu pflegen (Aufwand!!!/praktische Umsetzung!!!) kann uns Menschen sicherlich ein bisschen dabei unterstützen, das wichtige 1,5°-Ziel statt das ungleich riskantere 2,0°-Ziel zu erreichen – die Dringlichkeit des Handelns und der starken Transformation bleibt auch beim massenhaften Bäume pflanzen angesichts der gigantischen Herausforderung ‚Klimakrise‘ ungebrochen: Zudem ist immer mehr Bäume pflanzen keine Dauerlösung auf diesem begrenzten Planeten, sondern kann allenfalls unterstützend wirken:

  • „Wälder können zwar Kohlendioxid aufnehmen und im Holz binden – aber eben nur in begrenzten Mengen während ihrer bis zu 100 Jahre dauernden Wachstumsphase. Will die Menschheit mit ihrem CO₂-Ausstoß weitermachen wie bisher, dann müsste sie alsbald die zwei-, drei- oder vierfache Fläche der USA freiräumen, um dort Bäume zu pflanzen.“ (Charisius 2019b) – freiräumen? Natürlich nicht.

Allgemein hat die Idee m.E. eine größenwahnsinnige Anmutung – und mich würde auch interessieren, inwieweit der positive Effekt wieder durch den (fossilen?) Energieaufwand bei Pflanzung und Pflege geschmälert wird… Trotzdem: Systematisch Wälder zu schützen und viele, viele neue Bäume zu pflanzen scheint dennoch definitiv richtig – es ist ein weiteres Puzzleteil auf dem Weg der ‚großen Transformation‘.


  • Auf NGO-Ebene gibt es selbstredend schon länger umfangreiche Baumpflanz-Projekte. Hier engagiert sich u.a. die globale Nicht-Regierungsorganisation (Non-governmental organization) Plant for the Planet, die von dem seinerzeit 9-jährigen Felix Finkbeiner (*1997) gegründet wurde, unter der Schirmherrschaft von Fürst Albert von Monaco und Klaus Töpfer.

>> Hier gibt es Diskussionen um die Zahl der gepflanzten Bäume – und das Ziel 1000 Milliarden Bäume liegt offensichtlich in weiter Ferne, aber festzuhalten bleibt: Der Plant for the Planet-Ansatz ist Teil der Lösung.


  • Die Grüne Mauer im Sahel | The Great Green Wall | The Great Green Wall for the Sahara and the Sahel Initiative (GGWSSI)

    ist auch so ein 2007 von der Afrikanischen Union (AU) begonnenes Projekt, dass ein mindestens 15 km breites und etwa 8000 km langes Band quer durch Afrika unterhalb der Sahara in der Sahelzone etwa auf den Breitengraden vom Senegal, von Mali, Niger, Tschad, Sudan und Eritrea vorsieht. Etwa 15% des Projektes sind laut Projektkoordinator Elvis Paul Tangem (Stand 2017) umgesetzt. Inzwischen ist man davon abgekommen, dass dieser Baumwall unbedingt durchgehend zu sein habe – dies habe wohl in erster Linie große Symbolkraft. „Für den Agrarexperten [Chris] Reij geht es … weniger darum, massenhaft Bäume zu pflanzen, als vielmehr [pragmatisch von den örtlichen Gegebenheiten auszugehen, die Menschen einzubeziehen und in diesem Sinne] viele kleine, in den Dorfgemeinschaften verwurzelte Projekte zu unterstützen und existierende Baumbestände zu erhalten… [D]ie Verantwortlichen sprechen mittlerweile lieber von einem Mosaik als von einer Mauer. Außerdem geht die Initiative nun über die Sahelzone hinaus, insgesamt 21 afrikanische Staaten beteiligen sich“ (Goergen 2017). Klar ist auch, dass es hier um mehr geht, als um Bäume pflanzen.

  • Mitten in der Sahel-Zone, im unwirtlichen Norden von Burkina Faso hat ein einzelner Mann in dreißig Jahren harter körperlicher Arbeit (lang Jahre vollkommen allein) entgegen allen Widerständen (auch seiner Mitmenschen) gelungen, was westliche „Entwicklungshelfer“ vergeblich versuchten. Yacouba Sawadogo hat einen Wald geschaffen, „30 Hektar ehemals totes Land, 42 Fußballfelder, auf denen 60 verschiedene Bäume und Sträucher [und Getreide] wachsen, die größte Artenvielfalt in diesem Teil der Sahelzone“ (Jeska 2012) ( „Vor 20 Jahren stand hier nur ein Baum!“, ebd.) – und wurde er 2018 mit dem sog. alternativen Nobelpreis, dem „Right Livelihood Award“ ausgezeichnet (Grefe 2018).

Wenn ein einzelner Mensch in der Lage ist, einen 42 Fußballfelder umfassenden Wald zu schaffen mitten in der Sahelzone – dann zeigt das, wie viel eigentlich möglich wäre – und es ist m.E. äußerst frustrierend, dass es so oft bei einzelnen „Mutmachergeschichten“ bleibt – weil angeblich alles nicht geht. Machen statt reden. In diesem Fall allerdings hat Yacouba Sawadogo zahlreiche Nachahmer gefunden (vgl. Grefe 2018) – andererseits wurde das Projekt der eigene Erfolg zum Verhängnis: Dort, wo Wald und Felder waren und das Land wieder lebenswert war, baute die Regierung: Häuser. Sawadogo „tat das, was er immer getan hat, wenn das Leben sich ihm entgegenstellte: Er fing wieder von vorne an. Wanderte mit seiner Hacke ein Stück weiter: dorthin, wo niemand war und wo niemand sein wollte, hackte neue Löcher“ (Jeska 2012).

Quellen des Abschnitts Bäume pflanzen/globale Aufforstung

>> Bastin, Jean-Francois et al. (2019): „The global tree restoration potential“. in: Science, 5.7.2019, online unter https://science.sciencemag.org/content/365/6448/76 (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Dambeck, Thorsten (2019): „Klimakrise Wälder könnten zwei Drittel aller CO₂-Emissionen ausgleichen“. in: Der Spiegel, 4.7.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/waelder-koennten-zwei-drittel-aller-co2-emissionen-ausgleichen-a-1275799.html (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Charisius, Hanno (2019a): „Lasst uns Milliarden Bäume pflanzen“. in: Süddeutsche Zeitung, 7.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/russland-china-usa-brasilien-klimawandel-wald-baeume-co2-treibhausgas-1.4513739 (Abrufdatum 7.7.2019)

>> Charisius, Hanno (2019b): „Aufforstung allein verhindert keine Klimakrise“. in: Süddeutsche Zeitung, 9.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-wald-1.4515837 (Abrufdatum 14.7.2019)

>> Fischer, Tin (2019): „Plant for the Planet: Weißt du, wie viel Bäumlein stehen?“. in: Die Zeit, 6.3.2019, online unter https://www.zeit.de/2019/11/plant-for-planet-ngo-projekt-aufforstung-daten (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Goergen, Roman (2017): „Afrikas Grünstreifen: Wüstenbildung Einhalt gebieten“. in: Technology Review, online unter https://www.heise.de/tr/artikel/Afrikas-Gruenstreifen-3664743.html?seite=all (Abrufdatum 5.7.2019)
> Website des Projektes Great Green Wall: https://www.greatgreenwall.org/ (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Grefe, Christiane (2018): „Yacouba Sawadogo: Bauer aus Burkina Faso erhält Alternativen Nobelpreis“. in: Die Zeit, 24.9.2018, online unter https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-09/yacouba-sawadogo-alternativer-nobelpreis-landwirtschaft-trockenheit-boeden (Abrufdatum 6.7.2019)
> siehe auch Film-Doku: Dodd, Mark (2010): Der Mann der die Wüste aufhielt. [=The Man Who Stopped the Desert] – kann hier bezogen werden: https://www.journeyman.tv/film/5581/the-man-who-stopped-the-desert (Abrufdatum 6.7.2019)

>> Hörnlein, Katrin (2918): „Felix Finkbeiner: ‚Nicht lange reden, direkt etwas tun'“. [Interview mit Felix Finkbeiner]. in: Die Zeit, 27.6.2018, online unter https://www.zeit.de/2018/27/felix-finkbeiner-umweltschutz-klimawandel (Abrufdatum 5.7.2019)

>> Jeska, Andrea (2012): „Sahelzone: Der Mann, der die Wüste aufhielt“. in: Die Zeit, 29.11.2012, online unter https://www.zeit.de/2012/49/Hunger-Sahelzone-Baeumepflanzer (Abrufdatum 6.7.2019)

>> n.n. (2019): „Bäume pflanzen gegen den Klimawandel“. in: Die Zeit, 4.7.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-07/klimawandel-klimaschutz-aufforstung-baeume-pflanzen-co2-emmissionen (Abrufdatum 5.7.2019)


  • Moore erhalten bzw. renaturieren

Intakte Moore binden große Mengen an CO₂e:

  • „Die dort wachsende Biomasse wird nach dem Absterben nämlich kaum zersetzt, sondern lagert sich in Form von Torf ab. Moore besitzen dadurch die Fähigkeit, Kohlenstoff aufzunehmen und dauerhaft zu speichern – sie sind ‚Kohlenstoffsenken‘. Legt der Mensch das Moor trocken, kehrt sich der Prozess um: Die einstigen Feuchtgebiete setzen dann grosse Mengen an Treibhausgasen frei – vor allem Kohlendioxid, Methan und Lachgas.“ – „Wie gross das Problem ist, verdeutlicht jetzt eine Studie von Jens Leifeld [et al.] am Forschungsinstitut Agroscope in Zürich … Laut ihrer Rechnung könnten die Trockenlegungen in den Tropen ein bis vier Zehntel des Kohlenstoffbudgets aufbrauchen, das zur Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze benötigt wird.“

>> Titz, Sven (2019): „Mit den Mooren das Klima schützen“. in: NZZ, 11.11.2019, online unter https://www.nzz.ch/wissenschaft/klimaschutz-was-der-verlust-der-moore-bedeutet-ld.1521230 (Abrufdatum 12.11.2019)

>> Erläuterung: Sahel = arabisch „As sahil“ = „Ufer der Wüste“ (Jeska 2012.)
>> Erläuterung ‚CO₂e‘: Das ‚e‘ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“:
Zur Vereinfachung werden die anderen Treibhausgase wie Methan und Lachgas i.d.R. nicht gesondert aufgeführt, sondern auf Basis ihrer bekannten Klimawirkung in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet, vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase).


  • Divestment (Kapitalabzug aus fossilen Unternehmen)

Das ist ein äußerst mächtiger Hebel, vgl. dazu die Kampagne Fossil Free, die u.a. von Barack Obama, Prince Charles und Al Gore unterstützt wird – mittlerweile ziehen sich diverse Pensionsfonds, Stiftungen sowie das Land Irland finanziell aus entsprechenden Unternehmen zurück – siehe dazu https://de.wikipedia.org/wiki/Divestment_(fossile_Energien) (Abrufdatum 5.7.2019)) []

  • Norwegen baut nunmehr, Stand Oktober 2019, Stück für Stück seinen Staatsfonds (der den Wohlstand der kommenden Generationen sichern soll) um und trennt sich von Anlagen in der Höhe von ca. 5,4 Milliarden EUR, die in die weltweite fossile Industrie investiert wurden. (vgl. n.n. 2019)

>> n.n. (2019): „Klimaschutz Norwegens Staatsfonds trennt sich von Öl-Aktien“. in: Der Spiegel, 2.10.2019, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/klimaschutz-norwegens-staatsfonds-trennt-sich-von-oel-aktien-a-1289752.html (Abrufdatum 2.10.2019)


  • Klimanotstand ausrufen.

Derzeit haben über sechzig Städte in Deutschland – darunter München, Konstanz, Kiel, Bochum, Wiesbaden und Heidelberg – den sog. ‚Klimanotstand‘ ausgerufen. Des Weiteren hat das EU-Parlament für Europa den ‚Klimanotstand‘ ausgerufen.

Hier streiten sich die Geister, inwieweit dies eine reine Symbolpolitik und somit überflüssig sei – und inwieweit der Begriff ‚Notstand‘, der ja eigentlich „eine Ausnahmesituation darstelle, deren Bekämpfung die Einschränkung von Bürgerrechten in Kauf nimmt“ (Gilbert 2019, 5) angemessen sei. „Manche Städte, darunter Kiel, sprechen deswegen in ihren Beschlüssen explizit vom international benutzten Begriff ‚climate emergency'“. (ebd.) „Berlin hat als erstes Bundesland eine ‚Klimanotlage‘ deklariert.“ (Wetzel 2019)

Was genau ist an Symbolpolitik prinzipiell schlecht? Nach meiner Ansicht sollte derzeit jede Maßnahme ergriffen werden, um den vielen noch vom unendlichen HöherSchnellerWeiter träumenden Bürger*innen zu verdeutlichen, dass wir vor drastischen Umbrüchen und Veränderungen stehen. (Die Nutzung des englischsprachige Begriff ‚emergency‘ könnte evtl. in Deutschland nicht klar genug machen, worum es tatsächlich geht.) Und im Ernst: Es herrscht faktisch Notstand – auch wenn er sich aktuell im Alltag der Deutschen nur bedingt zeigt.

>> Gilbert, Max (2019): „Hochdruck in den Städten“. in: Süddeutsche Zeitung, 12.8.2019, S. 5, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/klimanotstand-klimaerwaermung-staedte-1.4560324 (Abrufdatum 12.8.2019)

>> Wetzel, Jacob (2019): „München ruft ‚Klimanotstand'“ aus.“ in: Süddeutsche Zeitung, 18.12.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-klimanotstand-stadtrat-1.4729777 (Abrufdatum 22.12.2019)


In diesem Sinne auch:

  • Klimaschutz ins Grundgesetz. In die Verfassungen des Bundesländer. Und zwar nicht nur in die Präambel, sondern als eigenständiger Artikel od. Absatz eines Artikels. Und zwar explizit ergänzt um den Aspekt der nationalen und globalen Klimagerechtigkeit.


Ideen pro Nachhaltigkeit.

Hier eine Liste von Ideen, Anregungen und Möglichkeiten, der Klimakrise nachhaltig zu begegnen (in loser Folge):

  • Grundsatz: Money is it >> Nachhaltigkeit muss sich lohnen.

  • Angesichts der Dramatik der Klimakrise ist bei neuen Gesetzesvorlagen ein Klimavorbehalt einzubauen: Alle Gesetzesentwürfe sind durch eine Ethikkommission auf ihre Klimatauglichkeit hin zu prüfen.

  • Unser derzeitiges Wirtschaftssystem ist auf Überfluss angewiesen, um zu „funktionieren“ via „Wachstum“. Überflussgesellschaft und Shareholder Value auf der einen Seite und Wohlstandsgesellschaft und Nachhaltigkeit auf der anderen Seite schließen sich gegenseitig aus. Es bedarf daher einer grundlegenden Umgestaltung, um einen noch zu definierenden – angesichts der ‚Verspätung‘, mit der wir auf die Klimakrise reagieren angenehmen – Wohlstand zu erhalten.

  • Normen, die in der EU gelten, haben auch für Non-EU-Staaten/Unternehmen, die in der EU Produkte verkaufen möchten, zu gelten. Die Einhaltung von EU-Arbeitsschutzgesetzen, EU-Umweltauflagen, EU-Sozialversicherungs-Aspekte haben über von der EU finanzierte in der EU ansässige Non-Profit-Unternehmen zertifiziert zu werden. Damit schützt man nicht nur EU-Arbeitsplätze und verhindert die Abwanderung von Firmen, sondern auch Menschen des globalen Südens vor Ausbeutung und Umweltzerstörung.

    • Bspw. Fast Fashion gehörte – was die EU betrifft – umgehend der Vergangenheit an.

  • Verlängerung der „gesetzlichen Gewährleistung“ (umgangssprachlich „Garantie“ genannt) insbesondere für elektronische Neuwaren von 24 Monaten auf z.B. fünf Jahre. Und zack, plötzlich würden die gleichen Geräte viel länger halten.

    • Dass so viele Geräte bereits nach wenigen Jahren kaputtgehen hat oftmals mit der sog. ‚geplanten Obsolenz‘ zu tun. Hier kommen von Herstellern bewusst eingebaute ‚Sollbruchstellen‘ zum Tragen. Dies kann ein elektronisches Bauteil sein, welches so konstruiert ist, dass es mit Absicht nicht „ewig“ hält; es kann fest verbaut/verklebt sein, ohne dass das nötig wäre, Ersatzteile könnten fehlen oder nicht mehr hergestellt werden, Software nicht mehr mit Updates funktionsfähig/Sicher gehalten werden – geplante Obsolenz fördert den Konsumismus bzw. die Wegwerfgesellschaft und tritt immer dann auf, wenn die/der Kund*in das Gerät weiter verwenden wollen würde, aber aus den erwähnten Gründen nicht mehr kann.

  • Erweiterte Auflagen zur Bereitstellung von Ersatzteilen, zur Rücknahme von kaputten Produkten und zu Recycling-Verpflichtungen mit dem Ziel einer Kreislaufwirtschaft (‚Cradle to Cradle‘). Wenn Produzenten ihre Produkte am Ende der Lebenszeit zurücknehmen und zudem Recycling-Auflagen zu erfüllen haben, werden sie ihre Produkte entsprechend so konstruieren, dass sie mit den zurückkommenden Rohstoffen möglichst viel anfangen können.

  • Nachhaltige Unternehmen könnten mit einer niedrigeren Gewerbesteuer belohnt werden, wie es z.B. Heidelberg plant (vgl. Friedmann 2019, 51.)

  • Gute Maßnahmen sind

    • ein Lobbyismus aufdeckendes/verhinderndes deutsches Transparenzregister,

    • ein Unternehmensstrafrecht sowie

    • die Ermöglichung von Gruppenklagen (statt nur Musterfeststellungsklagen) würden z.B. künftige Dieselskandale offensichtlicher machen.

  • Gegen die Verödung der Städte bzw. des Zusammenbruchs des Einzelhandels aufgrund von Onlinehandel schlägt Richard David Precht vor:

    • „Eine Idee in die richtige Richtung ist, den Erwerb von Konsumgütern über das Internet zu verteuern und den Einzelhandel steuerlich zu begünstigen. Bei einer Internet-Mehrwertsteuer von zusätzlich 25 Prozent wird der Einzelhandel wieder konkurrenzfähig. Und wenn der Bund den gigantischen Erlös an die Städte verteilt, ist auch wieder hinreichend Geld in der Kasse für Stadt- und Strukturentwicklung.“ (Precht 2019, 62)

    • In diesem Sinne auch:

      Die Gewohnheit, sich z.B. Kleidungsstücke systematisch in diversen Größen zu bestellen, um dann alles Nichtpassende und Nichtgefallende porto- und gebührenfrei zurückzuschicken ist klimaschädlich.

      „[J]edes sechste Paket wird wieder zurückgeschickt. Um Müllberge und Klimabelastung zu reduzieren, könnte eine gesetzlich vorgeschriebene Rücksendegebühr helfen… [so eine Studie]. Schon eine Gebühr von rund drei Euro könnte die Zahl der Retouren um 16 Prozent senken, erwarten die befragten Onlinehändler. Bei 490 Millionen zurückgeschickten Artikel im vergangen Jahr entspräche das etwa 80 Millionen Retouren weniger. Das würde dem Klima fast 40.000 Tonnen CO₂ ersparen“ (n.n. 2019, 16)

      Es würde auch dem fairen Wettbewerb dienen, weil kleinere Händler*innen sich gebührenfreie Rücksendung nicht leisten könnten. Zudem seien die Retouren im Preis einkalkuliert, so dass diese unter den neuen Voraussetzungen sinken könnten. (ebd.)

  • „Was möglich ist, wird in der Region produziert. Rohstoffe werden in den Herkunftsländern verarbeitet, sodass der globale Süden seine Abhängigkeit abgeschüttelt hat. Der Welthandel ist stark zurückgegangen, aber nicht unmöglich.“ (Anne Pinnow, Soziologin, Nachhaltigkeitsmanagerin und Ethnologin in: Wilms 2019, 9)
  • Italien führt derzeit das Schulfach Klimakunde ein. „33 Stunden im Jahr, eine Lektion pro Woche also. In allen Schulstufen, von der ersten Primarklasse bis zur Maturità. ‚Obligatorisch mit allem Drum und Dran, also auch mit richtigen Zensuren‘, sagt [der italienische Minister für Erziehung und Forschung] Fioramonti (Meiler 2019).

Quellen des Abschnitts Ideen pro Nachhaltigkeit

>> Friedmann, Jan (2019): „Tropennacht und Tigermücke“. in: Der Spiegel, 45/2.11.2019, S. 51.

>> Meiler, Oliver (2019): „Neues Schulfach: Warum in Italien Klimakunde unterrichtet wird“. in: Süddeutsche Zeitung, 26.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/bildung/italien-schulfach-klimawandel-unterricht-umwelt-1.4683139 (Abrufdatum 26.11.2019)

>> n.n. (2019): „Forscher für Rücksendegebühr im Onlinehandel.“ in: Hamburger Abendblatt, 12.12.2019, S. 16.

>> Precht, Richard David (2019): „Deutschlands Städte veröden. Die Lösung: Eine neue Steuerpolitik.“ in: Stern 48, 21.11.2019, S. 62.

>> Wilms, Beate (2019): „‚Es braucht eine positive Vision'“. [Interview mit Anne Pinnow]. in: tageszeitung, 31.12.2019, S. 9.



Nächster Abschnitt:

Politik für Enkel*innen: Klima, Ökofeminismus und Parität

>> Definition ‚Parität‘: Gleichbehandlung, in gleichem Maße repräsentiert bzw. gleichberechtigt an Entscheidungen beteiligt
>> Der folgende Abschnitt lässt notwendig vereinfachend LGBTQ-Aspekte außen vor. LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender. Eigentlich bräuchte man entgegen der hier vorgeschlagenen Parität wesentlich differenziertere Quoten. Doch ist dieser Aspekt „kein Argument gegen die Abschaffung mancher Diskriminierungen, dass es noch andere gibt“ (Stokowski 2020).


„Feminismus ist… ‚die radikale Vorstellung, dass Frauen Menschen sind'“.
Marie Scheer, 1986, zit. nach Solnit 2019, 211.


Was hat die Klimakrise mit Feminismus zu tun? Eine Menge.



Frauen sind von der Klimakrise stärker betroffen als Männer

Krisen verschärfen ohnehin bestehende gesellschaftliche Probleme und strukturelle Ungerechtigkeiten (vgl. Aspekt Zuerst trifft es immer die Armen, S. 625f.) – das gilt auch und insbesondere für die vielschichtige Klimakrise:

  • „Alle diese Ungerechtigkeiten verschärfen sich, je ärmer die Frauen sind und je weniger reich das Land, in dem sie leben. Entsprechend ist die Vulnerabilität [= Verletzlichkeit] [von Frauen] gegenüber der Klimakrise höher [als die von Männern]. Eine Akkumulation vieler struktureller Ungleichheiten führt im Zusammenspiel mit der Klimakrise dazu, dass eine ohnehin schon schlechte Ausgangslage zur sexistischen Klimakatastrophe wird“ (Neubauer/Repenning 2019, 197, vgl. auch UNFCC 2019).
    • Sehr wichtig ist an dieser Stelle festzuhalten, dass diese Vulnerabilität keineswegs (durch vorgeschobene „biologisch und kulturelle Geschlechterrollen“ (Baudriedl/Hackfort 2016, 95)) ‚naturgegeben‘ ist, sondern ihre Ursachen in „sozialer Ungleichheit entlang patriarchaler, kapitalistischer und postkolonialer Strukturen [hat]“ (ebd.).
  • Frauen prägen maßgeblich die kleinbäuerliche Agrarkultur des Globalen Südens, womit auch auf ihre tragende Rolle bei der Ernährungssicherheit sowie ihre Selbstbestimmung in der Familie hingewiesen ist. Erodierte/degenerierte Böden, Ernährungs-Unsicherheit, Wetterextreme u.ä. machen Frauen das Leben noch schwerer als ohnehin schon (vgl. Aspekt Frauen in der Globalen Agrarkultur, S. 622).
  • „Bereits 2015 nannte der südostafrikanische Staat Malawi Kinderehen als besonderes Risiko für Mädchen nach Katastrophen wie Überschwemmungen. Durch die Erderwärmung steigt das Hochwasserrisiko weltweit dramatisch. Auch in anderen Regionen führten Naturkatastrophen zu Gewalt gegen Frauen. Grund sind posttraumatische Belastungsstörungen, der Verlust von Lebensräumen und eine angespannte gesellschaftliche Lage … [So stieg, n]achdem der Taifun ‚Haiyan‘ 2013 Thailand traf, … der Menschenhandel dort um bis zu 30 Prozent an… Im pazifischen Inselstaat Vanuatu stieg die Anzahl der gemeldeten Fälle von häuslicher Gewalt um 300 Prozent an, nachdem dort zwei tropische Wirbelstürme gewütet hatten“ (Wess 2020).
  • „Kurz: Frauen weltweit gehören zu den größten Verlierer*innen der Klimakrise und kaum jemand spricht darüber. Und wer sind, strukturell gesehen, die Gewinner?“ (Neubauer/Repenning 2019, 198).

Das bedeutet: Im Zeichen der sich mehr und mehr verschärfenden Klimakrise bedarf es noch dringender und nachdrücklicher als ohnehin des women empowerment, um hier im Sinne der Menschenrechte und der Klimagerechtigkeit weiter zu kommen.


Oxfam, ein internationaler Verbund verschiedener Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, arbeitet im Vorfeld der 2020er Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos heraus, dass Männer weltweit 50% mehr Vermögen besitzen als Frauen, aber Frauen ungleich mehr Arbeiten und dabei wesentlich mehr Sorgearbeit betreiben, auf deren Grundlage Männer ihre Vermögen erwirtschaften.

>> vgl. Zahlen im Abschnitt Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) – und der ‚Globale Süden‘, S. 638f.

Oxfam fordert daher, ein „humanes Wirtschaftssystem zu bauen, das feministisch ist und den 99 Prozent nutzt, nicht dem einen Prozent“ (Spiegel 2020).



Dem schließe ich mich zu 100% an. Grundsätzlich – und darüber hinaus im Zusammenhang mit dem Thema dieses Buches, denn:


Parität, paritätische Entscheidungen und eine Reduzierung männlicher Dynamiken und Dominanz können zur Lösung der Klimakrise beitragen.

Sehen wir uns das Thema „Strukturelle Ungleichheit zwischen Frau und Mann“ im Folgenden einmal noch grundlegender an – wobei, eigentlich ist doch alles klar und eindeutig geregelt? Denn:

Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Frauen und Männer sind gleichberechtigt.

Klingt doch prima. Steht so sowohl in der Menschenrechtscharta Art. 2 als auch im deutschen Grundgesetz Art. 3 Abs. 1, ergänzt um eine Durchsetzungsklausel als Staatsziel (Abs. 2).

Nur hat das – weltweit (s.o.) und auch in Deutschland – wenig mit der gesellschaftlichen Realität zu tun. Es mag anders und besser, d.h. weniger schlecht sein als bspw. vor 20 Jahren, aber die patriarchalen Strukturen stecken nach wie vor immer noch extrem tief in unserer Gesellschaft:

  • Letztlich dominieren Männer – auch in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts – immer noch die allermeisten Lebensbereiche – vor allem und insbesondere die Teilbereiche, die mit Macht, Ruhm und Reichtum verknüpft sind.

Ja, sicher, es ist einiges passiert zu Gunsten der Frauenrechte in den letzten hundert Jahren und auch in jüngerer und jüngster Zeit – aber im Ernst, wie weit sind wir aufs Ganze gesehen tatsächlich gekommen? Die Bilanz kann insgesamt m.E. nicht anders als als empörend bezeichnet werden, in Deutschland, in Europa – und global sowieso.

Bleiben wir mal in Deutschland:

  • Wie kann es sein, dass die strukturelle Ungerechtigkeit trotz des im Grundgesetz verankerten Gleichheitsgrundsatzes immer noch so groß und in allen Lebensbereichen zu finden ist?
  • Warum klaffen Anspruch und Realität so weit auseinander, dass Frauen in Deutschland auch im Jahre 2020 bei vergleichbarer Arbeit „bis hinein ins Management von Unternehmen“ (Spiegel 2018) massiv benachteiligt werden auf Grund des Gender Pay Gap und im Schnitt 21% (ebd.) weniger und in der Vorstandsetage sogar „gut 30 Prozent weniger“ (Buchhorn 2017) verdienen?
    • Noch heftiger sieht es beim Lebenserwerbseinkommen (‚Gender Lifetime Ernings Gap‘) aus: Bezogen auf Deutschland verdienen Männer im Laufe ihres Lebens fast doppelt so viel wie Frauen (vgl. Schwarz 2020, s.a. Spiegel 2020).
    • Das macht sich dann logischerweise auch bei der Rente deutlich bemerkbar. Finanzexpertin Heinrike von Platen konstatiert: „Altersarmut ist weiblich!“ (BUND 2020, 25).

>> Henrike von Platen ist nach Auskunft ihrer deutsch-, englisch- und spanischsprachigen Website Kosmopolitin, Wirtschaftsexpertin, Unternehmensberaterin, Fairpayistin, Publizistin und Kämpferin.

  • Wie kann das im Jahr 2020 immer noch so sein? So krass?

    Eine Antwort darauf: Es gibt in allen gesellschaftlichen Bereichen viele Bremser – ich tippe: annähernd 50% der erwachsenen Bevölkerung, manche bremsen bewusst, andere unbewusst.
…mehr

Auf den Vorstoß, in „Konzernen mit mehr als 2.000 Arbeiternehmer und mindestens vier Vorstandsmitgliedern… jedenfalls eine dieser Position [verbindlich] mit einer Frau zu besetzen“ sprach die „Präsidentin des CDU-Wirtschaftsrats hat von ‚Gängelung der Wirtschaft‘…, die FDP sieht den Vorschlag ‚mehr als kritisch‘ und sagt, die Quote sei ‚ideologiegetrieben‘“ (Prantl 2020). Prantl weist dann sehr schön darauf hin, dass die „Frauenquote … ja nicht einfach die Quote ein[führt], sondern sie … eine bestehende Quote [durchbricht]: Sie macht Schluss damit, dass es seit ewigen Zeiten in Spitzenpositionen der Wirtschaft Männerquoten gibt, die bis zu 100 Prozent betragen.“


Die Bedeutung des Gender Pay Gap für die andauernde mangelnde Ungleichheit kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

  • So fallen „[v]iele Paare… nach der Geburt eines Kindes in traditionelle Rollen zurück. … [Henrike von Platen:] Diese Rollenverteilung ist nicht immer das Ergebnis einer freien Entscheidung. Dahinter steckt meist schlichtes ökonomisches Kalkül“ (BUND 2020, 25).

Somit zementiert schon allein das Gender Pay Gap für sich genommen allzu oft die Rollenverteilung in Familien – und damit auch in der Gesellschaft.

Und hier geht es um noch viel mehr:

  • Wie kann es angehen, dass es nach wie vor eine „Pandemie der Gewalt“ (Solnit 2019, 39 – der zitierte Text ist vor Covid-19 entstanden) von Männern gegen Frauen gibt? Wie kann es sein, dass all diese Straftaten immer wieder als Einzelfälle gesehen werden (vgl. ebd., 57), dass diese Gewalt „ständig mit allem Möglichen erklärt [wird], außer mit dem Geschlecht, mit allem, außer dem, was das umfassendste Erklärungsmuster zu sein scheint?“ (ebd., 39).

    „Gewalt hat keine Rasse, keine Klasse, keine Religion oder Nationalität, aber sie hat ein Geschlecht.“ (Rebecca Solnit, zitiert nach Urner 2018)

>> „Für Frauen zwischen fünfzehn und vierundvierzig Jahren ist die Gefahr, durch männliche Gewalt zu sterben oder verstümmelt zu werden, weltweit größer als durch Krebs, Malaria, Krieg oder Verkehrsunfälle zusammengenommen“ (Nicholas D. Kristof in Solnit 2019, 46).


Die Tatsache, dass Gewalt ein Geschlecht hat und weltweit nur ein Bruchteil der Gefängnisinsass*innen weiblich ist – ist das ‚gottgegeben‘ à la ‚So sind sie halt, die Männer‘? – oder könnte es sein, dass das zumindest auch und ein stückweit mit den patriarchalen Strukturen, mit der Geschlechterrollenverteilung zu tun hat?


Zurück zur Ausgangsfrage – wie kann es angehen, dass im Jahre 2020 die strukturelle Ungleichheit immer noch so groß ist?


Fakt ist, dass Männer sowohl in Deutschland als auch weltweit

  • die Entscheidungen wirtschaftlicher, politischer und gesellschaftlicher Art
  • Vorstands-, CEO-, Chefetagen-Posten,
  • das kulturelle, sportliche, gesellschaftliche, politische, wirtschaftliche Leben
  • etc.

dominieren.


Hagen Rether:
„Die DAX-Konzerne, die Vorstände sehen immer noch so aus wie das SED-Politbüro“

Hagen Rether 2018:
„Ich habe neulich in der New York Times gelesen, die haben eine Studie rausgebracht es gibt in deutschen DAX-Vorständen mehr Männer die Thomas heißen als Frauen.“


  • Wo vorwiegend ‚Männer unter sich‘ Entscheidungen treffen, sind diese Entscheidungen auf deren Bedürfnisse zugeschnitten und somit männlich geprägt, d.h. konkret: von männlichen Dynamiken geprägt.
  • Wenn also vorwiegend Männer wirtschaftliche, unternehmerische, politische, gesellschaftliche Entscheidungen treffen, sind dies tendenziell Männerentscheidungen.


>> Und das spielt überall mit hinein – auch in Bereiche, auf die man vielleicht nicht ohne weiteres kommen würde: Selbst der öffentliche Verkehrsraum ist mehr auf die Bedürfnisse von Männern als von Frauen zugeschnitten. So bewegen sich mehr Frauen als Männer ohne Auto durch den öffentlichen Raum. Gendergerecht wäre daher eine weniger Auto-affine Politik, vgl. Aspekt Gender und Mobilität im Abschnitt Thema ‚Immer mehr Autos auf den Straßen in Deutschland‘, S. 308. Daneben ist festzuhalten, das Autofahren für Frauen tatsächlich gefährlicher, d.h. verletzungsintensiver ist als für Männer – aber nicht im Sinne un-fassbar sexistischer „Der siebte Sinn“-„Frau am Steuer“-ARD-TV-Sendungen von ca. 1975, sondern in der Hinsicht, dass Autos traditionell für Männer mit ihrem spezifischen durchschnittlichen Gewicht, ihren Körpergrößen und -maßen entwickelt und Crashtests mit auf diese Maße abgestimmten Dummies vorgenommen werden. Und das gilt nicht nur für längst vergangene Zeiten des ‚Siebten Sinn‘, sondern auch heute noch: „Seitenairbags, Nackenstützen, Gaspedale – alles ist normiert für einen sogenannten 50-Perzentil-Mann“ (Wolf 2019).
In einem übergeordneten Sinne geht es hier um das sog. Gender Data Gap, d.h. Daten aller Art berücksichtigen nicht, dass Frauen und Männer sich teilweise anders verhalten, andere Körpermaße haben und manchmal eine andere medizinische Versorgung benötigen: Daten sind männlich. „Die Welt werde von Männern für Männer designt, schreibt [die britische Journalistin und Feministin Caroline] Criado-Perez[, Autorin des Buches Unsichtbare Frauen]: ‚Das Fehlen der weiblichen Perspektive befördert eine unabsichtliche Verzerrung zugunsten der Männer, die sich selbst – oft ohne böse Absicht – als ‚geschlechterneutral‘ begreifen‘“ (Brinkmann 2020). – Und: „Die männliche Norm ist so tief verwurzelt, dass wir oft gar nicht merken, wie stark sie unseren Alltag und unser Denken prägt“ (zit. in Voigt 2020).

Es kann nicht sein, „Frauen als kohärente Gruppe mit kollektiven Interessen und gleichzeitig als Sonderfall zu thematisieren und Männer als Norm und Referenzgröße der Unterschiedlichkeit zu betrachten“ (Bauriedl/Hackfort 2016, 96).

>> Vanessa Vu schreibt: „Städte sind auf Autos optimiert und Autos auf männliche Bedürfnisse“, s. „Die männliche Stadt“. in: Die Zeit, 26.9.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-09/staedteplanung-maenner-geschlechtergerechtigkeit-berlin-bruessel-barcelona/komplettansicht und Pinzler, Petra (2020): „Nehmt ihnen das Steuer weg“. in: Die Zeit, 24.9.2020, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2020-09/verkehrspolitik-maenner-stadtverkehr-oepnv-dienstwagen-verkehrsminister/komplettansicht (Abrufdatum jeweils 30.9.2020)

>> Hier können Sie sich innerhalb von drei Minuten ein Bild über das Frauenbild der 1970er Jahre machen mit „Der Siebte Sinn“, einer straßenverkehrserzieherischen TV-Serie, die regelmäßig zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde: https://www.youtube.com/watch?v=xixym7vGUQ4 (Abrufdatum 26.6.2020)


Es sind folglich vorrangig männliche Dynamiken, die in der Vergangenheit und vielfach auch gegenwärtig wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Entscheidungen prägten und prägen.

Und das alles bedeutet nicht weniger als, dass es vorwiegend männliche Dynamiken waren und sind, die den Planeten an den Rand des Abgrundes gebracht haben und bringen –

mit alle den Verhaltensweisen, die tendenziell und statistisch eher Männer zuzuschreiben sind, die

Konkurrenz | (Macht-)Kampf | Ruhmsucht | Narzissmus | Aggression | Gewalt | Krieg (!!!) | Platzhirschverhalten | Sexismus | Rechthaberei etc. pp.

befördern.


Wie sehen männliche Dynamiken aus? Was bedeutet dieses ‚Kerle unter sich‘?

Das kann jeder Mann erleben bei
>‚Männerabenden‘, die definitiv anders ablaufen, als wenn Frauen anwesend wären oder
> Mixed-Sportangeboten à la Feierabend-Volleyball, wo oftmals plötzlich ‚der Ehrgeiz ausbricht‘ und alles ganz, ganz ernst wird, wenn ausnahmsweise keine Frauen zugegen sind.


Gar nicht so unterschwellig macht sich das tatsächliche gesellschaftliche Geschlechterverhältnis (z.B. in Industrienationen) bemerkbar, wenn Männer das Bedürfnis verspüren, Frauen die Welt zu erklären, d.h. Mansplaining betreiben:

>> „Sicher, Menschen beiderlei Geschlechtes tun sich bei gesellschaftlichen Anlässen hervor, indem sie über Belanglosigkeiten und Verschwörungstheorien schwadronieren, aber das durch und durch provokative Selbstvertrauen der vollkommen Unwissenden ist meiner Erfahrung nach geschlechtsspezifisch. Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden, oder nicht. Manche Männer jedenfalls“ (Solnit 2019, 14).

>> „Dass fachfremde Männer mich (als promovierte Neurowissenschaftlerin) auch in meinem eigenen Fachbereich belehren wollen, scheint ihnen nicht aufzufallen“ (Urner 2018).

Touché?

Erläuterung des Begriffs ‚Mansplaining'

‚Mansplaining‘: zu Deutsch ‚Herrklären‘: „Wenn ein Mann einer Frau etwas erklärt, ist per se nichts [dagegen] einzuwenden. Mansplaining geschieht allerdings auf eine besserwisserische Art, ungefragt oder gegen den Willen der Frau. Es passiert in der unbegründeten Annahme des Mannes, sich besser in einem Metier auszukennen, und aus seinem Desinteresse daran, was sein Gegenüber weiß. Beim Mansplainen geschieht kein gleichberechtigter Wissensaustausch, sondern es entsteht eine bevormundende Kommunikationshierarchie“ (Kienzl 2020). Perspective Daily-Autorin Maren Urner erwähnt m.E. absolut zutreffend, dass es einen „Fluch mittelmäßiger Männer“ gibt, für die eine „Überlappung von Selbstüberschätzung und Ahnungslosigkeit“ charakteristisch sei. Wiebke Köhler verweist hier auf die KABA-Manager („Kompetentes Auftreten bei Ahnungslosigkeit“) (2019, 23). Zum Mansplaining past natürlich auch, dass Männer weniger darauf achten, was Frauen zu sagen haben – z.B. im Bundestag. Claudia Roth: „Frauen werden demonstrativ missachtet. Wenn eine Abgeordnete redet, egal aus welcher Fraktion, drehen sich viele Männer um, quatschen, hören nicht mehr zu, der Lärmpegel steigt“ (Zeit 2020).


Das Prinzip ‚überwiegend Männer treffen die maßgeblichen politischen/wirtschaftlichen Entscheidungen‘ hat sich in vielerlei Hinsicht – auch in Punkto ‚Klimakrise‘ bzw. ‚Bewahrung der Schöpfung‘ – nicht bewährt. So zeigen laut Maren Urner eine Reihe von Studien, dass jedwede Benachteiligung von Frauen keine gute Idee ist,

  • sind doch Parlamente mit Frauenquote kompetenter,
  • bewirken doch Frauen-geprägte Vorstände mehr Stabilität bei Banken,
  • sorgen doch Frauen für eine bessere Wirtschaft,
  • kooperieren doch – egal wo auf der Welt – Mädchen besser. (1)

Und selbst wenn das nicht so wäre, wäre die strukturelle Ungleichheit endlich unbedingt zu beenden.

Quellen zu (1)

Hier verweist Maren Urner (2018) auf die folgenden Studien:

Darüber hinaus ergibt sich die ökofeministische Perspektive, dass patriarchale Strukturen die Klimakrise mit verursacht haben, diese weiterhin befördern und die Lösung der Klimakrise durch selbige Strukturen behindert und verlangsamt wird.

 
„The climate crisis is a man-made problem and must have a feminist solution.“
Mary Robinson, ehemalige UN-Hochkommissarin für Menschenrechte und erste Staatspräsidentin Islands


>> zit. in Tabary 2018. Das stimmt. Aber es sind weitere Faktoren eingewoben: „Die Klimakrise ist tief verwurzelt in historisch miteinander verwobenen Unterdrückungssystemen: Patriarchat, Rassismus, Kapitalismus und Kolonialismus“ (Cardoso et al. 2020).


Der Ökofeminismus geht davon aus, dass es dem Planeten und den Menschen besser ginge, hätten nicht weitgehend Männer bislang das Sagen gehabt.

Astrid Lindgren hat sich zwar nicht als Ökofeministin bezeichnet, nimmt aber latent in ihren Büchern mit den starken Mädchen-/Frauenfiguren und in ihren Briefen solche Positionen ein. Ihr Biograf Jens Andersen definiert Ökofeminismus wie folgt:

  • „Vereinfacht ausgedrückt vertritt der Ökofeminismus die kontrovers diskutierte Haltung, dass es einen Zusammenhang zwischen Unterdrückung der Frau durch das Patriarchat und dem mangelnden Willen ebendieses Patriarchats gibt, Natur und Umwelt zu schützen“ (Andersen 2017, 394).

Die Analyse der französischen Philosophin Émilie Hache lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:

  • „Weil sich der Mensch und insbesondere der Mann als überlegen empfindet, nutzt er wahlweise die Umwelt, die Tiere oder auch die Frauen aus“ (zit. in Joeres 2020).

Die Wissenschaftlerin, soziale Aktivistin und Globalisierungskritikerin Vandana Shiva fügt hinzu:

  • Strukturell betrachtet gibt es in der Wirtschaft wie in der Kultur und auf dem Gebiet des Wissens einerseits ein Modell, in dem die Intelligenz der Natur und die der Frauen zusammengeführt werden – das ist Ökofeminismus –, und andererseits dasjenige, in dem die Männer und der Kapitalismus ihr Herrschaftssystem aufrechterhalten: das kapitalistische Patriarchat.


Rebecca Solnit formuliert es in ihrem Buch Wenn Männer mir die Welt erklären so:

  • „[W]ir müssen uns noch von vielmehr befreien: vielleicht von einem System, das Konkurrenz und Rücksichtslosigkeit, kurzfristiges Denken und krassen Individualismus hochhält, einem System, das der Umweltzerstörung und grenzenlosem Konsum beste Dienste leistet – jenem Arrangement, das man Kapitalismus nennen kann. Es verkörpert den schlimmst-möglichen Machismo, während es das Gute und Schöne auf Erden zerstört“ (2019, 212).


Es ist an der Zeit, die Menschheit von allen – also Frauen und Männern gleichermaßen und gemeinsam – retten zu lassen: Die Menschheit braucht m.E. den Input von Frauen mehr und dringender denn je.


Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Der Gedanke, Frauen seien die besseren Klimaschützer*innen („powerful change agents“, vgl. Bauriedl/Hackfort 2016, 99) ist bereits gewissermaßen ein patriarchal geprägter Gedanke. Hiermit würden „Geschlechterrollen festgeschrieben und Lasten des Klimaschutzes explizit auf die Schultern von Frauen geladen“ (ebd.). Nein. In diesem Abschnitt geht es schlicht um positive Dynamiken einer geschlechtergerechten Welt.


In ökofeministischer Perspektive bedeutet das:

Wir werden die Klimakrise nur dann ‚by design‘ in den Griff bekommen, wenn wir gleichzeitig – in Deutschland wie überall auf der Welt – patriarchische Strukturen zugunsten einer feministisch und letztlich paritätisch geprägten und organisierten Gesellschaft aufbrechen.

  • „Diese konstruktive Auseinandersetzung mit den Klimawandelfolgen kapitalistisch geprägter Produktions- und Konsumptionsmuster rüttelt … immer auch an den Grundpfeilern patriarchaler Gesellschaftsstrukturen, Institutionen und Alltagspraktiken“ (Bauriedl/Hackfort 2016, 99).

Émilie Hache über die Arbeit französischer Ökofeminist*innen:

  • „Wir wollen diesen simplen Dualismus auflösen: Die künstliche Unterscheidung zwischen Natur und Kultur, zwischen Frau und Mann, zwischen Menschen und der Erde.“

Womit wir wieder beim Ausgangspunkt abgekommen sind: Wir sind Erde (vgl. S. 46 u. 699)


Mein Gedankengang dazu:

Weder Matriarchat noch Patriarchat…

Sind nur Männer in einem Raum, z.B. bei einer Geschäftsbesprechung, werden die Entscheidungen u.U. ganz anders aussehen, als wenn

  • statt dessen ausschließlich Frauen im Raum sind – oder
  • etwa gleich viele Frauen und Männer im Raum sind.

Es geht nicht darum, dass Frauen ‚die besseren Menschen‘ sein könnten.

Auch Frauen unter sich entwickeln zuweilen ungute Dynamiken – hier kommt oft das etwas klischeebehaftete Wort vom ‚Zickenkrieg‘ ins Spiel.

Also:

  • Männer unter sich sind dauerhaft keine gute Idee.
  • Frauen unter sich sind dauerhaft keine gute Idee.

Gemeinsam ergänzen sie sich und gleichen sich aus: Grob kann man von einem eher konkurrierenden Verhalten bei Männern und einem eher kooperierenden Verhalten bei Frauen ausgehen. Gemeinsam – und in dem diese Verhalten/Rollen interagieren – bilden sie die ‚Realität des Lebens‘ ab.


Es ist m.E. extrem wichtig und gerecht, dass alle Menschen – Frauen und Männer – in gleichem Maße repräsentiert und in diesem Sinne in gleichem Maße an den wesentlichen Entscheidungen beteiligt sind.


Und das bedeutet…

… weder Matriarchat noch Patriarchat, sondern:

Parität.

Konkret heißt das vorschlagsweise, in allen relevanten Entscheidungsgremien politischer, gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Art ein paritätisches Geschlechterverhältnis von etwa 50:50 her- und sicher-zustellen mit einer pragmatischen Toleranz von +-10%, d.h., das Verhältnis kann also im Range von 40:60 oder 60:40 liegen: Einzuführen mit einer relativ kurzen Übergangszeit und der Klausel, dass ab einem bestimmten Jahr in der Zukunft derartige Gremien nur dann rechtsverbindliche Entscheidungen treffen können, wenn Parität gegeben ist. Ein Herauskaufen aus der Paritätsregel durch von der Institution billigend in Kauf genommene Strafzahlungen hat verunmöglicht zu sein.


Wichtig:

Das Paritätsprinzip ist keine Quote.

Gerade im politisch konservativen Feld lehnen gerade auch Frauen oftmals eine ‚Quote‘ ab – maßgeblich aufgrund der Befürchtung als ‚Quotenfrau‘ weder ernst genommen noch geachtet zu werden: Sie wollen es selbst schaffen. Verstehe ich. Verstehe ich sehr gut. Aber das wird dauern. Viel zu lange – gerade angesichts der umfassenden Klimakrise und der 7 Jahre, die wir mit Stand Anfang 2021 noch haben, um mit einer Wahrscheinlichkeit von 67% das 1,5 °C-Ziel zu erreichen (vgl. Abschnitt Intro S. 23).

Außerdem: Solche ‚Quoten‘ gehen i.d.R. nicht von 50:50, sondern von einem deutlich geringeren garantierten Frauenanteil aus: Hier sind Frauen weiterhin regelmäßig in der Minderheit. Um eine Quote dieser althergebrachten Art geht es hier nicht. Es geht um wirkliche Parität:

  • Wenn Frauen nicht mehr die Ausnahme, sondern zu 40 bis 60% überall vertreten sind, werden sich die Dynamiken sehr schnell von männlichen zu menschlichen Dynamiken entwickeln.
  • Wenn Frauen paritätisch vertreten sind, wird sich bald kein Mann mehr in der Form wie heute despektierliche Bemerkungen oder Blicke etc. leisten können: Er riskiert vielmehr als bisher, z.B. von seinen eigenen Geschlechtsgenossen gerüffelt zu werden.
  • Ein paritätisch besetztes Gremium wird andere Dynamiken aufweisen als ein männlich oder weibliche dominiertes. Andere Dynamiken und der paritätische Input von Frauen führen zu potenziell anderen und meines Erachtens i.d.R. auch besseren Entscheidungen. Und: Es sind allein schon deshalb bessere Entscheidungen, weil sie prinzipiell die Gesellschaft wirklichkeitsgetreuer abbilden und daher eine größere Legitimität besitzen.
  • Zur Realisierung bieten sich vielfach Doppelspitzen an, so wie die Grünen es uns seit einigen Jahren vormachen. In Frankreich gibt es schon seit 2000 ein – noch zu optimierendes – Paritätsgesetz, das unter Macron vermehrt Wirkung zeigt, wie die Politologin Helga Lukoschat ausführt:
  • „[B]ei den Wahlen zu den Départementsräten wurde ein sehr interessantes Verfahren entwickelt. Die Zahl der Wahlkreise wurde halbiert. Dafür musste in jedem ein sogenanntes Binôme antreten, ein Tandem aus Mann und Frau. Das Tandem mit den meisten Stimmen wird gewählt“ (Oestreich 2017).
  • Update 30.6.2020:

    Seit heute gilt in Brandenburg ein Paritätsgesetz, welches verfügt, dass „[d]ie Listenplätze aller Parteien … bei Landtagswahlen ab jetzt immer abwechselnd mit Frauen und Männern besetzt werden“ (Stokowski 2020) – sodass ab sofort im Brandenburger Landtag etwa gleich viele Frauen und Männer vertreten sein werden.


In der jüngeren Vergangenheit und Gegenwart passen sich Frauen in bislang traditionell männlich geprägten Umgebungen oft dem männlichen Verhalten und Geschäftsgebaren an – ein markantes Beispiel bietet hier m.E. Condoleezza Rice, die sich betont emotionslos-knallhart gebende ehemalige Außenministerin der USA von 2005 bis 2009.

  • Verständlicherweise haben viele Frauen kein Interesse auf diese ihrem Charakter oftmals nicht entsprechende Anpassung und auf dieses eher unangenehme, nach einer extra Portion Testosteron riechende Umfeld. (Das gilt nebenbei bemerkt m.E. auch für viele im Job kreuzunglückliche Männer.)
  • Das ist ein Grund, weshalb viele Frauen aktuell gar keine Lust haben, in Männer-dominierten Gremien zu sitzen – oder auch nur die entsprechende Ausbildung zu machen.
  • Ein weiterer Grund dürfte sein, dass ein Mensch, der weniger Geld als Andere für die gleiche Arbeit bezahlt bekommt, auch weniger nach einem solchen Posten streben wird.


Wenn Parität gegeben ist und auf diese Weise die männlichen Dynamiken nicht länger funktionieren, wird die genannte Anpassung an die dann so nicht mehr existierende ‚Männergeschäftswelt‘ nicht mehr in dieser Form – und zukünftig immer weniger ‚erforderlich‘ sein.Dementsprechend werden sich auch mehr Frauen vorstellen können, solche Positionen zu übernehmen bzw. sich entsprechend aus- und fortzubilden. (Seit 1996 einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab 3 Jahren, der in skandalösem Ausmaß nicht wirklich umgesetzt ist und dringend auf 1,5 Jahre erweitert zu werden hat.)


Dies alles kann man hervorragend mit einer generellen Anpassung von Löhnen gemäß dem Prinzip ‚Gleicher Lohn für gleichartige Arbeit‘ verbinden, sodass neben dem hochzusetzenden Mindestlohn es künftig auch einen Maximallohn/eine Einkommensobergrenze geben sollte und insbesondere vormals traditionell von Frauen ausgefüllte soziale Berufe finanziell extrem aufgewertet werden.


Darüber hinaus rege ich im Sinne eines gleicheren und geschlechtergerechteren Deutschlands an,

  • nach dem Vorbild Islands mit seinem ‚Equal Pay Act‘ ein Gesetz einzuführen, welches Unternehmen mit mehr als 24 Mitarbeiter*innen auferlegt, die faire Bezahlung der Belegschaft zu dokumentieren (vgl. Spiegel 2018, Welt 2018) – Spekulationen und unangenehmes Nachfragen werden so überflüssig. (Übrigens auch für Männer, denen es in diesem Punkt genauso ergehen kann wie Frauen.) Ich denke, das kann jede Firma machen, unabhängig von der Zahl der Beschäftigten.
  • Steuererklärungen extrem zu vereinfachen und Steuerbescheide nach dem schwedischen oder gemäß norwegischem Vorbild transparent zu machen, soll heißen, jede*r kann sich über den Steuerbescheid seiner/seines Nachbar*in kundig machen (vgl. Reise 2013 u. Hannemann 2020). Ich höre förmlich die lauten Einwände beim Schreiben dieses Absatzes und erwidere sofort: Nein, auch in Schweden ist die Gesellschaft deshalb nicht auseinandergeflogen.
  • Gender Mainstreaming, d.h. „die Verpflichtung, bei allen Entscheidungen die unterschiedlichen Auswirkungen auf Männer und Frauen in den Blick zu nehmen“ (BMFSFJ 2016), gesetzlich zu verankern.


>> Auch in Deutschland hat man einen ersten, winzigen Schritt gemacht, um das Gender Pay Gap zu schließen. Es könnte so einfach sein. Aber es ist wie folgt:

„Mit dem neuen ‚Entgelttransparenzgesetz‘ erhalten nun auch Arbeitnehmer in Deutschland die Möglichkeit, eine Antwort auf die Frage zu bekommen, wie viel Geld Kollegen in vergleichbaren Positionen verdienen. Das neue Gesetz gilt allerdings nur für Betriebe mit mehr als 200 Beschäftigten. Außerdem muss es mindestens sechs Kollegen des jeweils anderen Geschlechts geben, die einen ähnlichen Job haben wie der Antragsteller. Und die Firmen müssen nur Durchschnittsgehälter nennen“ (Spiegel 2018).

Da ist es ja schwieriger auszurechnen, ob man als Firma Auskunft zu geben hat, als die Auskunft zu geben.


Die Herstellung von Parität bedeutet einen großen Schritt nach vorne. Indes ist abschließend nochmals hervorzuheben, dass dieser gesellschaftliche Prozess nur eingebunden in eine Abkehr

  • von dem, was Vandava Shiva das ‚kapitalistische Patriarchat‘ nennt (vgl. S. 429) und
  • von der ‚Imperialen Lebensweise‘ (vgl. Brand/Wissen, S. 642),

funktionieren kann.


>> Amsterdam geht hier einen entscheidenden Schritt voran, in dem es künftig das globale Donut-Modell (vgl. 450) auf die eigene Stadt herunterbrechen will: Dazu wurde im April 2020 – inmitten der Covid-19-Krise – das Konzept Amsterdam City Doughnut, auf dessen Basis die Stadt eine sozial-ökologische Transformation vollziehen möchte – der Öffentlichkeit präsentiert; siehe https://www.kateraworth.com/2020/04/08/amsterdam-city-doughnut/ (Abrufdatum 28.8.2020).


Schlussgedanke:
‚Klimakrise und Gender‘

ist über das bisher Geschriebene hinaus auch in der Hinsicht ein relevantes Thema, als

  • dass es mehrheitlich Frauen sind, die sich für das Klima und gegen das Massenaussterben engagieren.
  • dass es vorwiegend – und das ist bedauerlicherweise weit mehr als ein Klischee – ‚alte weiße Männer‘ sind, die gegen dieses Engagement angehen und z.B. in den sog. ‚sozialen Medien‘ gegen engagierte (oft junge) Frauen hetzen und diese vielfach per Hatespeech bedrohen (vgl. Solnit 2019, 171f.).(1)
  • Hier geht es nur manchmal um Sachthemen.
    • Hier geht es allzu oft um Macht. Um Kontrolle. Es ist vielfach: Sexismus(2).
      • Hier geht es vielfach um das „zwanghafte Bedürfnis, Äußerungen von Frauen abzutun, das so oft in genau die Inkohärenz und Hysterie umschlägt, die Frauen routinemäßig vorgehalten wird“ (Solnit 2019, 144).
        • Hier geht es um patriarchale Strukturen, d.h. um die alte, vornehmlich von Männern dominierte Welt, deren Vertreter ‚die Welt nicht mehr verstehen‘ und sich bedroht sehen.
          • Hier geht es also auch um die Frage, was sich ‚alte weiße Männer‘ von Frauen (die dann evtl. auch noch jünger sind) nicht sagen lassen wollen.

Das zeigt zusätzlich und ein weiteres Mal:

Wir brauchen: Parität.

Dringend. Jetzt. Heute.


>> s.a. Interview mit Luisa Neubauer: „Was über mich geschrieben wird, ist schon krass“, August 2020, online unter
https://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/luisa-neubauer-ueber-hatespeech-was-ueber-mich-geschrieben-wird-ist-schon-krass-a-19bd80bb-4fec-4fea-8e11-85b817c05bf3 (Abrufdatum 12.8.2020) [paywall]

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) Auf den Punkt gebracht: „Hass ist keine Meinung.“ – Oberbürgermeisterin Eva Döhla der Stadt Hof (SZ 2020)

(2) Luisa Neubauer: „Wir reden hier nicht über einen Konflikt zwischen mir und dem Hater, sondern über strukturellen Frauenhass, Sexismus und Misogynie, die überall und immer radikaler zum Ausdruck gebracht werden“ (zit. in taz 13.8.2020, 9). Misogynie „ist ein abstrakter Oberbegriff für soziokulturelle Einstellungsmuster der geringeren Relevanz bzw. Wertigkeit von Frauen oder der höheren Relevanz bzw. Wertigkeit von Männern“ (wikipedia 2020); medizinisch: krankhafter Hass von Männern gegenüber Frauen.


Quellen des Abschnitts Klima, Ökofeminismus und Parität'


Nächster Abschnitt:

Politik für Enkel*innen: Klimaschutz in ökonomischer Perspektive.

Die Klimakrise allgemein und die damit einhergehenden immer zahlreicheren Katastrophen kosten:
VIEL Geld.
Von Jahr zu Jahr mehr.

  • Es ist finanziell wesentlich günstiger, frühzeitig ein Feuer zu löschen, als ihm erst einmal eine Weile zuzusehen:

    • „Die Kosten, nicht zu handeln, werden um Potenzen größer sein. Die menschliche Ökonomie funktioniert nur auf Basis einer intakten Ökologie.“ (Spiegel: Schwägerl 2019)


Hanno Charisius hebt in der SZ darauf ab, dass konkret CO₂-Vermeidung ökonomisch das Vernünftigste sei:

  • „Berechnungen zeigen auch, dass es billiger ist, Kohlendioxid zu vermeiden, als das Treibhausgas später wieder aus der Atmosphäre zu holen, etwa durch Aufforstung des Planeten. Politik, die solche Studien nicht berücksichtigt, ist nicht weitsichtiger als ein Schwarm Heuschrecken, der über einen Acker herfällt.“ (2019)


In gleichem Sinne äußerte sich auch schon vor zu vielen Jahren der damalige EU-Kommissionspräsident José Barroso:

„Es ist billiger, den Planeten jetzt zu schützen, als ihn später zu reparieren.“ (2009)

>> EU-Kommissionspräsident José Barroso, Dezember 2009, zitiert in Bonner/Weiss 2017, 138.


Und das er damit nicht übertreibt, zeigen dann Zahlen wie diese:

  • „[A]llein die Hurrikane in der Karibik haben [2017]… Schäden in der Höhe von 320 Milliarden Dollar verursacht.“ (SZ: Welzer 2018)

  • „Die durch Unwetter verursachten Schäden für die US-Wirtschaft werden sich im kommenden Jahrzehnt auf jährlich mindestens 360 Milliarden Dollar summieren… Zu diesem Ergebnis kommt der ‚Universal Ecological Fund.‘ Die [NGO] macht vor allem den Verbrauch fossiler Brennstoffe für das Problem verantwortlich.“ (Spiegel, n.n. 2017a)

Und das ist ja nur der Anfang.

Ab und zu wird darüber berichtet, dass eisfreie Meer- und Landteile wirtschaftliche Vorteile bringen können. Das könnte lokal/regional auch durchaus der Fall sein.
Außer acht wird dabei jedoch gelassen, dass gleichfalls verwüstete (!) Meer- und Landteile nicht mehr für Fischerei, Ackerbau etc. pp. zur Verfügung stehen werden.

Und:

  • „Allein das Entweichen des Methans aus dem Permafrost der Ostsibirischen See würde Kosten in Höhe von 60 Billionen Dollar erzeugen, schätzen Forscher der Universität Rotterdam und Cambridge, was in etwa der Gesamtgröße der Weltwirtschaft im Jahr 2012 entspricht.“ (Thelen 2019, 87)

Hier sei daran erinnert, dass neben der angeführten Ostsiberischen See ganze 20% (=1/5) der weltweiten Landmassen aus Permafrost bestehen (vgl. Abschnitt Kipppunkte).


Fakt ist, wir reden hier allein nur über den potenziellen kompletten Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Das menschliche Leid etc. pp. sind (in diesem Kapitel) da noch gar nicht hinzuaddiert.

Angesichts solcher Zahlen und der noch zu erwartenden, ungleich heftigeren Kosten ist es doch wesentlich sinnvoller, für und nicht gegen die Zukunft zu arbeiten, zumal:

Umgekehrt macht es ökonomisch reichlich Sinn, in Klimaschutz zu investieren:

  • Klimaschutz ist ein gigantisches Zukunftsprojekt. Und das bedeutet globale Marktchancen für Innovationen und Weiterentwicklungen in Bereichen wie Gebäudedämmung und -sanierung, Energieeffizienz, Energiespeicher, neue Formen von Mobilität…

  • „Die notwendigen internationalen Anstrengungen zur Reduktion von Treibhausgasen führen zu neuen Märkten für klimafreundliche Güter und Dienstleistungen im In- und Ausland. Der Klimaschutz eröffnet damit erhebliche Möglichkeiten für die deutsche Wirtschaft.“ (UBA: Kahlenborn et al. 2019)

Schon jetzt machen „Exporte dieser Klimaschutztechnologiegüter machen mit gut 100 Mrd. Euro im Jahr 2013 9,4 Prozent der deutschen Warenexporte aus.“ (ebd.)

  • „Insgesamt gehen gut 530.000 Beschäftigte [=Arbeitsplätze] auf die Nachfrage nach Gütern für den Klimaschutz zurück. Zusammen mit den Beschäftigten durch Klimaschutzdienstleistungen liegen die Beschäftigungswirkungen des Klimaschutzes damit bei rund 1 Million Personen. Werden wegfallende Arbeitsplätze in der Energieerzeugung aus fossilen Energieträgern mit eingerechnet, ergeben sich immer noch deutlich positive Netto-Beschäftigungseffekte der Energiewende.“ (UBA: Kahlenborn et al. 2019)

Auch im Bereich Automobilindustrie ergeben sich durchaus Chancen: So rechnet eine Studie der European Climate Foundation (ECF), an der auch Vertreter von Daimler, BMW und VW mitgewirkt haben, vor, dass bis 2030 durch den Umstieg auf Elektromobilität 145.000 Arbeitsplätze entstehen könnten – anders als pessimistischere Studien bezieht diese Studie andere Branchen mit ein – sowie die Tatsache, dass der benötigte Strom ja nicht wie das Öl aus Saudi Arabien etc. stammt, sondern in Deutschland hergestellt würde. (Zeit, n.n. 2017b)

Apropos Arbeitsplätze:

Im günstigen Fall kann die Bundesrepublik Deutschland mittels eines investitionsorientierten Klimaschutzes sogar ‚Innovationsmotor‘ für die globale Klimawende werden, wovon sie zweifellos wirtschaftlich stark profitieren könnte.

  • Letztlich erscheint es m.E. geradezu fahrlässig, diese Zukunftsmärkte, die kommen müssen, nicht proaktiv zu besetzen.


So konstatiert dann auch das Umweltbundesamt:

  • „Neben der Verwirklichung umweltpolitischer Ziele bietet der Klimaschutz auch zahlreiche ökonomische Vorteile.“ (ebd.)

Oktober 2019: Eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung und der Prognos AG kommt zu dem Ergebnis, dass selbstredend in bestimmten Branchen wie Automobilbranche, Bergbau und konventionelle Energieerzeugung Arbeitsplätze verloren gehen werden, aber „Reformen sich langfristig leicht positiv auf den Arbeitsmarkt auswirken werden.“ (Cwiertnia 2019). Interessant ist, dass diese Studie den Arbeitsmarkt modelliert für den Fall, dass Klimaziele von Paris erreicht werden würden. Demnach würden durch den ambitionierten Klimaschutz auch viele neue Jobs entstehen – allein in der Baubranche sei mit 20.000 neuen Arbeitsplätzen zu rechnen. (vgl. ebd.)

  • Die Deutsche Bahn meldet im Oktober 2019, dass sie „[i]n den nächsten Jahren … 100.000 Mitarbeiter einstellen“ (Kranz 2019, 11) will. []


Fazit des Abschnitts ‚Klimaschutz in ökonomischer Perspektive‘:

Es gibt unvorstellbar große finanzgewaltige Interessen, ausgediente Geschäftsmodelle zu verteidigen – und es gibt diverse innovative Geschäftsfelder, die ohne nationale und internationale gesetzliche Leitplanken bislang riskanter – aber mittlelfristig Chancen-reicher – und vor allem zukunftsfähig (=enkeltauglich) sind.

  • Das alles bedeutet: Umweltschädigendes Verhalten, umweltschädigende Geschäftsmodelle und ebensolche Investments dürfen sich nicht mehr lohnen. Umweltschädigung – die Allmende ‚Umwelt‘ bzw. ‚Atmosphäre‘ – braucht einen angemessenen Preis.

Quellen des Abschnitts Klimaschutz in ökonomischer Perspektive

>> Bonner, Stefan und Weiss, Anne (2017): Planet planlos. Sind wir zu doof die Welt zu retten? München: Knaur, 320 Seiten. (Das Buch ist im Mai 2019 als überarbeitete Neuausgabe unter dem Titel Generation Weltuntergang: Warum wir schon mitten im Klimawandel stecken, wie schlimm es wird und was wir jetzt tun müssen bei Droemer erschienen.)

>> Cwiertnia, Laura (2019): „Bedroht Klimaschutz den Arbeitsmarkt?“. in: Die Zeit, 1.10.2019, online unter https://www.zeit.de/wirtschaft/2019-10/jobs-klimaschutz-arbeitsmarkt-kohleausstieg-sorgen (Abrufdatum 2.10.2019)

>> Charisius, Hanno (2019): „Aufforstung allein verhindert keine Klimakrise“. in: Süddeutsche Zeitung, 9.7.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/klimawandel-wald-1.4515837 (Abrufdatum 14.7.2019)

>> Kahlenborn, Walter et al. (2019): „Wirtschaftliche Chancen durch Klimaschutz. Kurzbericht“. in: Umweltbundesamt. online unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/1410/publikationen/2019-05-07_texte_15-2019_chancen-klimaschutz_kurzbericht_de.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Kranz, Beate (2019): „Deutsche Bahn plant bequemere Sitze für den ICE“. in: Hamburger Abendblatt, 24.10.2019, S. 11.

>> n.n. (2017a): „Hochrechnung: Klimawandel kostet USA 360 Milliarden Dollar jährlich“. in: Der Spiegel, 28.9.2017, online unter http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/usa-klimawandel-kostet-us-wirtschaft-360-milliarden-dollar-im-jahr-a-1170355.html (Abrufdatum 14.7.2019)

>> n.n. (2017b): „Elektromobilität: Mehr E-Autos, mehr Jobs“. in: Die Zeit, 12.10.2017, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2017-10/elektroautos-arbeitsplaetze-studie-umwelt-autoindustrie (Abrufdatum 30.6.2019)

>> Schwägerl, Christian (2019): „Uno-Bericht zum Artensterben Auf dem Weg in die ökologische Insolvenz“. in: Der Spiegel, 6.5.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/artenschutz-ipes-bericht-zeigt-wir-sind-auf-dem-weg-in-die-oekologische-insolvenz-a-1265939.html (Abrufdatum 30.6.2019)

>> Thelen, Raphael (2019): „Bedrohung aus dem Eis“. in: Der Spiegel, Nr. 41/5.10.2019, S. 87.

> >> Welzer, Harald (2018): „Naturgewalt Mensch Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.6.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/naturgewalt-mensch-wer-vom-klimawandel-spricht-darf-vom-kapitalismus-nicht-schweigen-1.4001415 (Abrufdatum 31.5.2019)



Nächster Abschnitt:



Politik für Enkel*innen: Geld regiert die Welt? Tödlicher Lobbyismus, Medienlogik, Freihandelsabkommen

Ja. Aber eigentlich gilt: Geld zerstört die Welt.


Lobbyismus, Finanzialismus & die Klimakrise:

Geld verhindert Klimaschutz:

  • „So beziehen … klimaskeptische Denkfabriken und andere Lobbygruppen – der Soziologe Rolbert Brulle bezeichnet sie als ‚Klima-Gegenbewegung‘ – insgesamt über 900 Millionen Dollar jährlich.“ So spendete allein „ein Netzwerk anonymer amerikanischer Milliardäre zwischen 2002 und 2010 fast 120 Millionen Dollar an ‚Gruppen, die die Forschung zum Klimawandel in ein zweifelhaftes Licht rücken.'“ (Klein 2015, 61)

Und weiter:

  • „[I]n den Vereinigten Staaten hat die Öl- und Gasindustrie im Jahr 2013 knapp 400.000 Dollar pro Tag [ausschließlich] in die Lobbyarbeit bei Kongress- und Regierungsmitgliedern gesteckt“ (ebd., 186).


Konsequenz:

Die Klima-Politik und die Berichterstattung würden ohne diese Beeinflussung gewissermaßen 900-Mio-Dollar-anders aussehen. Was dramatisch ist.



Anders ausgedrückt: In Umwelt- und Klimaschutz bzw. der Arbeit von NGOs [Nicht-Regierungs-Organisationen] steckt insgesamt in Relation verdammt wenig Geld. Greenpeace, Fridays for Future & Co legen sich mit den mächtigsten Lobbys, den bestverdienenden Industrien der Welt und mit allen an, die Gewinnler*innen des fossilen Zeitalters an.

>> Never forget: Exxon und Shell wussten spätestens seit 1982 bzw. 1988 exakt, dass ihr Geschäftsmodell die Menschheit tödlich bedroht – siehe dazu Abschnitt Forschungshistorie Klimawandel.


Meines Erachtens gilt daher:

  • Wo es um zu viel Geld, Ruhm, Einfluss und Macht geht, geht als erstes die Wahrheit [im Ölteich] baden.
  • Egal bei welchem Thema – wir alle sollten niemals auf diejenigen hören, die – auch persönlich – zu viel Geld, Ruhm, Einfluss und Macht zu verlieren haben.

>> siehe dazu auch LLL-Beiträge „Geld UND Wahrheit?“ Unwahrscheinlich. Wesentlich naheliegender ist: „Geld ODER Wahrheit“. und 146.000.000 Dollar/Jahr per Pipeline direkt ins US-Regierungsviertel.



Gemessen am relativen finanziellen Input kann man es sogar so sehen, dass das Thema Klimaschutz von Umweltverbänden und Aktionisten durchaus relativ erfolgreich durchgesetzt wird. Nur nützt uns diese Erkenntnis nichts, weil – symbolisch ausgedrückt – die Eisberge derzeit schneller schmelzen als Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden.


Exkurs: Strategien der Lobbyisten der fossilen Industrien.

Nun, pointiert ausgedrückt und in a nutshell: Die Fossilen hatten von der überaus erfolgreichen Tabakindustrie gelernt – und münzten deren todbringende Strategien einfach auf das ’schwarze Gold‘ um.

  • Das frühe, exakte zur Verfügung stehende Wissen der Fossilindustrie um die Folgen ihres Geschäftsmodells wurde nachfolgend umgehend zur intensiven Verteidigung des Geschäftsmodells um jeden Preis verwendet:

    Man säte an systematisch Zweifel. Auch mit der Kraft der steten Wiederholung.

>> vgl. ausführlich dazu Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer.

  • „Die zentrale Taktik, die von konservativen Denkfabriken im Meinungskampf angewandt wird, ist die Produktion eines endlosen Flusses an Druckmaterial, das von Büchern bis Leitartikeln reicht, aufbereitet zum Briefing von Politiker*innen und Journalist*innen, kombiniert mit regelmäßigen Auftritten von Sprecher*innen im Fernsehen und Radio.“

zitiert Friederike Otto eine Studie der Central Florida University. (2019, 47). Und:

  • „Zwischen 1979 und 2001 kaufte der Ölriese [Exxon] für jeden Donnerstag eine Anzeige zum ermäßigten Preis von jeweils 31.000 Dollar. Und was in den redaktionell aufgemachten Bekanntmachungen des Unternehmens zu lesen war, passte so gar nicht zu dem, was die eigenen Hauswissenschaftler*innen… in ihren Studien schrieben. Eine typische Anzeige aus dem Jahr 1997, kurz vor dem Klimagipfel in Kyoto, der die Industrieländer zum Klimaschutz verpflichten sollte, lautete: ‚Wissenschaftler*innen können nicht mit Sicherheit voraussagen, ob die Temperaturen ansteigen werden, wie stark und wo Veränderungen passieren werden. […] Lassen Sie uns die Entscheidung in Kyoto nicht überstürzen. Klimawandel ist komplex; die wissenschaftlichen Aussagen sind nicht schlüssig; die Auswirkungen für die Wirtschaft könnten verheerend sein.'“ (Otto 2019, 45-46)

>> Offensichtlich gab es auch schon vor der 1982er Studie ein Bewusstsein für die Situation, denn sonst hätte man wohl keine Zeitungsanzeigen geschaltet!

  • „Der Konzern [Exxon/ExxonMobil] brachte sogar Präsident George W. Bush dazu, dem Kyoto-Protokoll den Rücken zu kehren, wie durchgesickerte Regierungsdokumente offenbarte. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman nannte ExxonMobil vor einigen Jahren in der New York Times nicht ganz unzutreffend ‚einen Feind des Planeten.'“ (Otto 2019, 50-51.)

Dieses systematische Zweifel-Säen wider besseres Wissen der fossilen Industrie könnte man wohl durchaus als die
Größtmögliche Anzunehmende Menschenrechtsverletzung (GAM)
bezeichnen?

Quellen des Abschnitts Tödlicher Lobbyismus: Geld regiert die Welt?

>> Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer. (Der Originaltitel ist besser gewählt: This Changes Everything: Capitalism vs. Climate.

>> Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen Hochwasser und Stürme. Ullstein.


… zurück zu Aspekt ‚Berichterstattung würde 900.000 Mio-Dollar anders aussehen‘:

Nun ist es so, dass vielen Menschen nicht ganz unsympathisch ist, was Lobbyisten uns auftischen: Denn die sprechen natürlich alles in allem von einem bequemen ‚weiter so‘:



Nächster Abschnitt:



Politik für Enkel*innen: Glaubenssätze dechiffriert

Von ‚Wachstumszwängen‘ und anderen Glaubenssätzen.

Wir alle haben unsere Unschärfen und haben Dinge qua Erziehung, Sozialisation, Gesellschaft und Medien ohne sie zu hinterfragen übernommen – und diese sind als Glaubenssätze tief in unserem Hirn eingefräst. Das macht die so verankerten Dinge aber nicht notwendig wahr und richtig.

  • Wachstum – ein Naturgesetz? Du kannst es Dir eine Welt nicht ohne Wachstum vorstellen? Bedeutet das automatisch, dass Wachstum per se (immer) richtig ist?

  • Und Kuchen ohne Eier geht nicht? Oops, Du bist nicht auf dem neuesten Stand. Das geht. Sehr gut.

  • Du kannst ohne Fleisch nicht leben? Nur weil Du es seit Deiner Kindheit nicht anders kennst, ist das so? – Kann es sein, dass Du nur nicht über den Tellerrand Deiner Gewohnheiten schauen magst? Ist eine solche gedankliche Unflexibilität nicht eher ein bisschen peinlich?

  • Ein Leben ohne Auto ist für Dich Städter*in nicht vorstellbar? Schau Dir die jungen Stadtbewohner*innen an – für die ist ein eigenes Auto ein Klotz am Bein – ‚Zugang statt Besitz‘ lautet die Formel – und schon ist man ein aufmerksamkeitsintensives Ding los, das 23 Stunden ungenutzt vor der Tür steht.


Aber kommen wir noch einmal konkret zum stärksten Glaubenssatz unserer Zeit: Zur Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang.

Interessanterweise entlarven Kinder ‚ewiges Wachstum‘ meistens sofort als ‚Quatsch mit Soße‘ – Erwachsene brauchen da i.d.R. sehr viel länger, dabei hat es der US-amerikanische Ökonom Kenneth E. Boulding schon vor Jahrzehnten auf den Punkt gebracht:

„Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.“

Kenneth E. Boulding (1910-1993), US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler (“Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist.”)

Fassen wir das doch mal in einen Dreisatz:

  1. Wir haben endliche Ressourcen auf der Welt, die sich nur über lange Zeiträume langsam – und nur teilweise regenerieren.
  2. Wachstum basiert auf Ressourcen. Nicht nur auf physischen Ressourcen, aber definitiv zu einem guten Teil auf physischen Ressourcen.
  3. Daher ist ein weitgehend von Ressourcen entkoppeltes Wachstum – auch wenn Herr Lindner das anders sieht – am Ende des Tages aufs Ganze gesehen nicht möglich.


Moderner – und beeindruckend einfach – drückt sich hier der Club of Rome aus:

„Dass die Wirtschaft ein Subsystem der Ökosphäre ist, scheint zu offensichtlich, um es extra zu betonen.“ (Weizsäcker et al. 2017, 110)

>> Erläuterung Club of Rome: Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern aus aller Welt aus diversen Fachbereichen. Berühmt wurde der Club of Rome 1972 durch die Veröffentlichung des Bestsellers Die Grenzen des Wachstums, welches der Menschheit global erstmals klarmachte, dass ein endloses Wachstum in einer begrenzten Welt nicht geben kann und mit Umweltverheerungen einhergehen muss. (s.a. Aspekt Wir haben’s nicht gewusst in Abschnitt Klimawissenschaftsleugner*innen auf Partys bzw. bei Diskussionen.)


Im Sinne der Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) ist noch in vielen Regionen des globalen Südens Wachstum notwendig, damit die dort lebenden Menschen (endlich!) ein menschenwürdiges Leben erlangen können.


Aber hier in Deutschland? Noch mehr Wachstum? Immer, immer weiter? Dann müssen wir noch mehr Überfluss leben, noch mehr Überflüssiges kaufen, damit der Konsummotor brummt.

  • Wollten wir nicht weniger…?

Dazu der Club of Rome im Jahr 2017:

  • „Die Menschheit steht vor nichts anderem als der Schaffung eines neuen Denken und einer neuen Philosophie, da die alte Wachstumsphilosophie nachweislich falsch ist.

  • Es müssen zwei unterschiedliche Entkopplungsaufgaben verfolgt werden: Entkopplung der Produktion von Naturverbrauch… und Entkopplung der Zufriedenheit der menschlichen Bedürfnisse vom Imperativ zu immer mehr Konsum.“

(CoR: Weizsäcker et al. 2017, 121) (bezieht sich auf Maja Göpel (2016): The Great Mindsgift. Berlin: Springer, 20-21)


Weniger ist mehr in dieser ‚Welt des Zuviels‘:

Individuell:
Mal ernsthaft, was brauchen wir wirklich, um ein gutes Leben zu führen? Wie viel brauchen wir von dem Mist der in unseren Wohnungen und Kellern vor sich hinvegetiert? Wie viele Dinge schaffen wir an, weil andere sie haben, weil es zum guten Ton gehört, weil wir mithalten wollen? Was sind diese Dinge am Ende – am Ende Deines Lebens – wert?


Gesellschaftlich:
Denken wir den Bauboom, den Flächenverbrauch durch Neubausiedlungen, die Trinkwasserverseuchung durch Export-orientierte Massentierhaltung, die immer noch zunehmenden Autozulassungen – den vermeintlichen ‚Wachstumszwang‚ pro Jahr mal zu Ende – konsequent: Dann wäre Deutschland irgendwann eine einzige zersiedelte versiegelte (=zuasphaltierte) Stadt im Dauerstau, die unendlichen Häuserzeilen nur unterbrochen von Massentierställen.

... mehr

>> vgl. zum sog. ‚Wachstumszwang‘ die Film-Doku System Error – wie endet der Kapitalismus? von Florian Opitz, 2018. (Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt? Geht nicht. Doch quasi alle für den Film interviewten Menschen aus Wirtschaft und Politik klammern sich an das Glaubensbekenntnis vom Wachstum. Rational ist das nicht zu erklären. [Website zum Film])


Noch einmal zum Thema ‚Wachstum und Climate Justice‘:

  • Dem globalen Süden und „Afrika Entwicklungschancen einzuräumen heißt, dass sich die Industrie- und Schwellenländer noch viel mehr um Ressourcensparsamkeit kümmern müssen.“ (Demograf Reiner Klingholz in: Schmundt 2019, 113)

Anders ausgedrückt:

Die Industrieländer müssen sich viel mehr um ihre CO₂-Einsparung kümmern, um dem globalen Süden Chancen zu eröffnen und Wachstum zu ermöglichen – in eigenem Interesse.


Im Namen der Freiheit brauchen wir: Grenzen.

Kinder brauchen Grenzen. | Erwachsene „Kinder“ brauchen Grenzen. | Erwachsene brauchen Grenzen. | Gesellschaften brauchen Grenzen. | Wirtschaft braucht Grenzen. | Die Natur setzt Grenzen. | Die wir ignorieren können, bis zu einem gewissen Grad. | Doch irgendwann meldet sich die Natur lauter und lauter. | Und irgendwann wird sie ggf. die sich schlecht benehmenden „Gäste des Planeten“ einfach rausschmeißen.

>> Anmerkung: Den Gedanken, dass wir Teil der Erde und alles andere als Herrschende sind – Gäste sind – nimmt auch Naomi Klein in ihrer Film-Doku explizit auf:
>Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.


Das Schlusswort dieses Abschnitts überlasse ich den Ausführungen des Club of Rome:

  • „Im Angesicht der grausigen Gefahren ist es einfach nicht akzeptabel, dass Selbstsucht und Gier weiterhin positive soziale Wertschätzung als angebliche Triebkräfte des Fortschritts genießen. Fortschritt kann sehr wohl auch in einer Zivilisation gedeihen, die Solidarität, Demut und Respekt für Mutter Erde und künftige Generationen verlangt.“ (CoR. Weizsäcker et al. 28017, 132)

Quellen des Abschnitts

>> Schmundt, Hilmar (2019): „‚Wir sind spät dran‘. Globalisierung: Der Demograf Reiner Klingholz erklärt, wie Afrika aus der Überbevölkerungsfalle entkommen kann – und welche Länder auf diesem Weg bereits erfolgreich sind“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 113.

>> Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.



Nächster Abschnitt:



Politik für Enkel*innen


Sandkastenspiele adé:

Politik trägt Verantwortung. Wir brauchen eine Politik, die uns vor uns selber schützt.

Wo man auch hinschaut:
Inmitten der Klimakrise geht es zu wie im Sandkasten:

Jeder zeigt mit dem Finger auf „die Anderen“: Politik >> Bürger >> Wirtschaft >> Andere Länder… und dann Rolle rückwärts und das Ganze noch einmal: „Sollen die doch Anderen anfangen…“


Das ist eine: Abwärtsspirale ins Aus.

1) Sandkastenspiele im politischen Kindergarten Deutschland

Politik schiebt Verantwortung an Bürger*innen ab. Hier macht sie sich zum Komplizen von Lobbyisten, die auf gleiche Weise argumentieren.

… nämlich in etwa so:

  • „Zucker in unseren Produkten ist nicht das Problem. Wer als mündiger, freier Bürger zu viel von unseren Produkten isst, handelt unverantwortlich. Es ist auch schädlich zu viele Äpfel zu essen.“

  • „Billiges Fleisch gibt es, weil Bürger*innen es kaufen und es somit gewollt ist – wir Politiker*innen können nur an die Vernunft der Bürger*innen appellieren.“ Blablabla.

>> vgl. LLL-Beitrag Ich brauch das alles nicht. Heute: Lobbyismus.

Politik und Industrie suggerieren, es wäre ein Problem, das wir als „mündige Bürger*innen“ und Individuen verantworten und lösen könnten. Die Politik entlastet sich, indem sie die Verantwortung auf die Bürger*innen überträgt:

  • „Wir können nicht gegen die Bürger*innen regieren“ heißt es da – und es ist viel von der Freiheit, individuellen Kauf-/Konsumentscheidungen und von Bildung die Rede…


Mit anderen Worten: Demokratie bedeutet in Deutschland, dass man sich sich totrauchen, tottrinken und krankessen darf – und sicher noch einiges mehr. Natürlich gibt es Eigenverantwortung. Das rechtfertigt aber keine Plakatwerbung für Dinge, die erwiesenermaßen Krebs oder Leberzirrhose verursachen – und auch keine definitiv schädlichen Nahrungsmittel, die nur dann einigermaßen in Ordnung sind, wenn man sie nur selten konsumiert – wovon aber die Branche gar nicht leben könnte.

Selbstverständlich sollten wir Bürger*innen uns eigenverantwortlich – und nicht wie Idioten aufführen, nur weil irgendwas erlaubt und legal ist.


Aber generell ist diese Ansicht von Politiker*innen einfach Bullshit. Und bequem. verlogen. Lobbyisten-freundlich. Gesundheitsschädlich. Umweltschädlich. Und im Falle der Klimakrise: Gemeingefährlich.

Politik ist dafür da, den Bürger*innen den gesetzlichen Rahmen zu bieten, der ein zukunftsfähiges Zusammenleben möglich macht.
Und wenn sie, die Politik, sich dafür mit den Bürger*innen anlegen muss, dann ist genau das ihr Job.

Helmut Schmidt hat auch nicht jeden Bürger einzeln befragt, ob er dem Nato-Doppelbeschluss zustimmen soll.


Eine Regierung hat zu regieren und nicht zu reagieren: Das ist ein entscheidendes Missverständnis von Politik der letzten 30 Jahre.

Frage: Individuelles Handeln rettet nicht die Welt – wie also verhalten?

Antwort: Die Wahrheit liegt wie so oft, in der Mitte: Es geht darum…

…das eine zu tun, ohne das andere sein zu lassen.


„Es geht darum, sich nicht wie ein Arsch zu verhalten und gleichzeitig der Politik in denselben zu treten.“
Marc Pendzich zugeschrieben, 2019


Vornehmer ausgedrückt:

Wir brauchen, wie beim Rauchverbot, bei der Anschnallpflicht und dem weltweiten FCKW-Verbot eine Politik, die uns in der Klimakrise vor uns selber schützt.

  • In Wirklichkeit geht es nur darum, dass wir alle keine Lust haben als vermeintlich „einzige(r)“ der Dumme zu sein, der das Fliegen unterlässt, keinen SUV kauft, nachhaltig einkauft etc. pp.

    • Wenn aber sich der Nachbar aufgrund von Ordnungsrecht o.ä. ökologisch angemessen zu verhalten hat, dann ist es plötzlich selbstverständlich, auch persönlich ökologisch zu handeln.

      • Da neigen dann viele dazu, zu suggerieren, sie wollten es ja schon immer so – und das sei doch vollkommen selbstverständlich.

    • Menschen sind merkwürdig in diesem Punkt – aber so ist es.

  • Besser wir beziehen die Psyche des Menschen, seine Funktionsweise, mit ein in unsere Erwägungen, wie Entscheidungen fallen sollten. []


Und eine Politik, die Zukunftsorientierung bietet, die ein Narrativ entwickelt, wie es weitergehen kann und soll, kann durchaus auf Unterstützung der Bürger*innen setzen.

  • „Nach den zwei drängendsten Herausforderungen gefragt, [zählen laut der Studie ‚Umweltbewusstsein in Deutschland 2016‘ des Umweltministeriums] [f]ür jede und jeden Fünften in Deutschland zählen Umwelt- und Klimaschutz zu den wichtigsten Problemen, denen sich unser Land derzeit gegenübersieht“. (UBA: n.n. 2018)


Konkret steht das Thema nach den beiden Überthemen ‚Migration‘ (2016!) und ‚Kriminalität/Sicherheit‘ an dritter Stelle teilweise sehr weit vor den anderen ‚Klassikern‘ wie soziale Gerechtigkeit, Wirtschaft, Rente, Arbeitsmarkt und Bildung. (vgl. ebd.)


Das UBA hebt explizit hervor:

  • Auch in Krisenzeiten bleibt das Umweltbewusstsein stabil im Mittelfeld der Problemwahrnehmung. (vgl. ebd.)



Geht es wirklich um die Vermeidung jeglicher Verbote? Oder geht es nicht doch eher um Gerechtigkeit? M.E. wissen wir alle (mindestens intuitiv), dass es mit dem HöherSchnellerWeiter nicht so weiter gehen kann.


In Wirklichkeit geht es m.E. weniger um Vermeidung von Ordnungsrecht/Normen/Regulierungen, sondern vor allem darum, dass wir (fast) alle keine Lust haben als vermeintlich „einzige(r)“ der Dumme zu sein, der das Fliegen unterlässt, keinen SUV kauft, nachhaltig einkauft etc. pp.

  • „Wenn es um nachhaltiges Verhalten gehe, zeige der typische Deutsche dabei eine klare Tendenz, sagt [der Psychologe Stephan] Grünewald. ‚Die Menschen befinden sich in einem Konflikt: Sie wollen die Umwelt schonen, aber Plastiktüten sind ja so praktisch.‘ Am einfachsten ließe sich dieser innere Zwist auflösen, indem sie zu Verhaltensänderungen gezwungen würden. ‚Und deshalb wünschen die Menschen Verbote, damit sie sich nicht selbst disziplinieren müssen.“ (Hage et al. 2019, 17)
  • „Die Naturbewusstseinsstudie der Bundesregierung hat ermittelt, das sich eine überwältigende Mehrheit der Bundesbürger strengere Regeln und Gesetz für die Landwirtschaft wünscht.“ (Kopatz 2016, 91. vgl. Bundesamt für Naturschutz (2016): Naturbewusstseinsstudie 2015. Bonn.)

„Bei jungen Menschen zwischen 14 und 17 Jahren sind sogar mehr als 90 Prozent dafür die Städte für Fußgänger, Radfahrer und den Nahverkehr umzugestalten.“ (vgl. UBA: n.n. 2015, 237)



2) Sandkastenspiele im politischen Kindergarten Welt

Was im Spiel zwischen Bürger*innen und Politik innerhalb eines Staates im kleinen Maßstab gilt, gilt auf die gleiche Weise auch im großen Maßstab für das Verhältnis und die Umgehensweise der Staaten untereinander.

Auch hier kann man nicht warten, bis der letzte Staat im Sandkasten ‚Erde‘ konstruktiv ‚mitspielt‘.

Es ist ganz simpel: Einfach anfangen und davon ausgehen, dass die anderen (aufgrund des größer werdenden Drucks aus allen Richtungen) dazu kommen und irgendwann die Frage stellen: ‚Darf ich mitspielen?‘

Und, wer hat in diesem Fall die Regeln bestimmt?

Die, die das Spiel begonnen und zuerst miteinander gespielt haben. Und nicht die, die später dazu gekommen sind. Die passen sich an. Weil sie mitspielen wollen.

Dezember 2019:
Schauen wir mal, was in den nächsten Monaten und Jahren im Sandkasten ‚EU‘ passiert, ob die Polen beim gerade ausgerufenen „European Green Deal“ nicht doch irgendwann lieber mitspielen wollen.


Quellen des Abschnitts Politik trägt Verantwortung. Wir brauchen eine Politik, die uns vor uns selber schützt

>> Hage, Simon et. al. (2019): „Die Weltverbesserer. Nachhaltigkeit: Viele Deutsche versuchen, den Klimawandel zu bremsen. Sie kaufen bewusster ein, fahren mehr Rad, reduzieren Müll. Allein können sie das Problem nicht lösen – aber sie zwingen Politik und Wirtschaft zum Handeln.“ In: Der Spiegel Nr. 29/13.7.2019, S. 17.

>> Kopatz, Michael (2016): Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München: oekom Verlag.

>> vgl. n.n. (2015): Umweltbewusstsein in Deutschland 2014. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage. Berlin.

>> n.n. (2018): „Umweltbewusstsein in Deutschland: Umwelt- und Klimaschutz als Erfolgsfaktor für andere Politikfelder“. in: Umweltbundesamt, 5.12.2018, online unter https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/2378/bilder/umweltschutz_wichtiges_problem.jpg (Graphik) u. https://www.umweltbundesamt.de/themen/nachhaltigkeit-strategien-internationales/gesellschaft-erfolgreich-veraendern/umweltbewusstsein-in-deutschland (Webpage) (Abrufdatum 21.7.2019)



Nächstes Kapitel:



Verkehr & Mobilität: Eine Klima-notwendige Verkehrswende

Verkehrssektor =

>> „etwa 24% der energiebedingten globalen CO₂-Emissionen… 95% davon stammen aus dem Straßenverkehr.“ (Rammler 2017, 70-71)

>> „europaweit fast 30 Prozent der CO₂-Emissionen… In Deutschland liegt der Anteil des Verkehrs bei fast 20 Prozent der Emissionen. Rund 95 Prozent davon verursachen Pkw und Lkw.“ (Zimmer 2019)

>> „Ein Drittel aller EU-Klimagase entsteht beim Transport, mehr als in allen anderen Wirtschaftsbereichen.“ (Groll/Primova 2019)

Quellen

> Groll, Stefanie u. Primova, Radostina (2019): „EU-Verkehrspolitik: Wettbewerb mit Infrastruktur“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 45, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 70-71.

> Zimmer, Wiebke (2019): „Die schwere Last Verkehr“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 26, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]


Vorweg:
Zwei Dinge, die die meisten Autofahrer*innen nicht in der Fahrschule gelernt haben, weil diese Regeln zur der Zeit noch nicht existierten:

>> Autofahrer*innen haben innerorts immer und ausnahmslos 1,5 Meter Abstand von Fahrradfahrer*innen zu halten – selbst wenn das bedeutet, dass sie dann hinter der/dem Radfahrer*in wie hinter einem Landstraßen-Traktor „gefangen“ sind. Außerorts gilt ein Sicherheitsabstand von 2 Metern. (vgl. n.n. 2019)

>> Die Höchstgeschwindigkeit auf Fahrradstraßen ist 30 km/h.
(Das gilt auch in dem Fall, dass Tempo 30 am Ende einer 30er-Zone aufgehoben wird, die in eine Fahrradstraße mündet – das ist lediglich eine Falle des deutschen Schilderwaldes.)

In diesem Sinne liegt es nahe, beispielsweise alle fünf Jahre, eine Update- und Auffrisch-Veranstaltung für Führerscheinbesitzer*innen verpflichtend einzuführen – so wie es m.E. ebenfalls sinnvoll wäre, selbiges prinzipiell für Erstehilfe-Kurse aufzulegen.


>> Quelle: n.n. (2019): „Neue Regeln: Was sich 2020 für Verkehrsteilnehmer ändert.“ in: Der Spiegel, 30.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/bussgeld-rettungsgasse-carsharing-diese-regeln-aendern-sich-2020-a-1302369.html (Abrufdatum 30.12.2019)


Von der ‚autogerechten Stadt‘ zur ‚lebenswerten Stadt‘, die die Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Wir sind Bewegungstiere – keine Sitztiere.


Der IST-Zustand
Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema „Flächenverbrauch“

Derzeitige Aufteilung des ‚ruhenden‘ öffentlichen Raums:

  • 2% = Radabstellflächen | 3% = ruhender öffentlicher Verkehr (Haltestellen u. Bahnhöfe) | 3% = ruhender Fußgängerverkehr (Straßencafés, Parkbänke etc.) >> Summe: 8%
  • 92% = Parkplätze für Autos (1 parkendes Auto benötigt etwa 12 qm Fläche)

und:

  • Autos stehen 23 Stunden still – oftmals im öffentlichen Raum.

  • Pro Tag benötigen Autofahrer*innen 2-5 Stellplätze.

  • Man geht davon aus, „dass über 30 Prozent des innerstädtischen Straßenverkehrs durch Parksuchverkehre verursacht wird.“

    • Bezogen auf die EU-15 werden hinsichtlich des Parkens im öffentlichen Raum „nur 23 Prozent der Kosten durch die Benutzer ausgeglichen …, während die verbleibenden 77 Prozent der Kosten von der öffentlichen Hand getragen werden… Alle Stadtbewohner, ob Autobesitzer oder nicht, zahlen für das Privileg des Parkens im öffentlichen Raum“
      (Alle Zahlen und Zitate: Rammler 2017, 60 u. 62).


Da bleibt letztlich nur eine Folgerung, wie sie z.B. der Verkehrsplaner Georg Dunkel formuliert:

„Wir müssen den öffentlichen Raum neu denken“ (Bartsch et al. 2019, 15).

Hier kommt der Begriff der Flächengerechtigkeit ins Spiel.

Amsterdam:
„Platzbedarf von Verkehrsmitteln … in Bewegung, in Quadratmetern pro Person„:

> Auto in Betrieb mit einer Person bei 50 km/h = 140 Quadratmeter
> Straßenbahn mit 50 Passagieren = 7 Quadratmeter
> Rad mit 15 km/h = 5 Quadratmeter
> Fußgänger laufend = 2 Quadratmeter (Drewes 2019, 12)

  • In Berlin nehmen parkende Autos 19%, fahrende Autos 39% und Fahrräder 3% der Verkehrsflächen ein. Der Anteil an zurückgelegten Wegen beträgt aber 30% bzw. 13%.

    „Wäre die Straßengestaltung ‚flächengerecht‘, müssten die Radwegflächen mehr als vervierfacht werden.“ (ebd. 13)


    • Zahl der Unfälle zwischen Fahrradfahrer*innen:

      2011 = 2837 | 2018 = 5648 >> +47% (vgl. Spiegel: n.n. 2019)

      „‚Ein Grund dafür dürfte sein, dass das vorhandene Radwegenetz dem veränderten Radverkehrsaufkommen [inkl. E-Bikes und E-Scootern] nicht mehr gewachsen ist'“, sagt Unfallforscher Jörg Kubitzki vom Allianz Zentrum für Technik.“ (ebd.)

Quellen des Abschnitts Thema ‚Flächenverbrauch‘

> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 15.

> Drewes, Sabine (2019): „Urbaner Raum: Von der autogerechten zur lebenswerten Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 12, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2019): „Langzeitvergleich: Doppelt so viele Unfälle unter deutschen Radfahrern“. in: Der Spiegel, 13.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/radverkehr-immer-mehr-unfaelle-unter-radfahrern-a-1301132.html (Abrufdatum 13.12.2019)

> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 60 u. 62.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema ‚Verkehrsopfer inkl. Luftverschmutzung‘

Direkte Opfer des MIV [, d.h. des Motorisierten Indiviualverkehrs]

  • Etwa 3000 Menschen sterben in Deutschland jährlich im Straßenverkehr (vgl. Rammler 2017, 25).
  • 2017 = 3180 Menschen (Reek 2019)

Dass es 1970 (keine Gurtpflicht, andere Promillegrenzen etc.) noch 21.332 Verkehrstote waren, macht die Sache nicht besser (vgl. Reek 2019), eine Relativierung ist m.E. nicht zulässig:

Jede(r) tote Verkehrsteilnehmer*in ist eine(r) zu viel.


Und das ist nicht nur so eine dahingesagte, leere Formel:

Vision Zero ist kein bloßer Wunsch, sondern angesichts der heutigen Machbarkeit ein Anspruch und eine Forderung, hinter dem/der wir nicht zurückbleiben sollten.

Stattdessen sieht es derzeit so aus:

  • In den Städten werden pro Jahr rund 250.000 Personen verletzt, davon 35.000 schwer; zwei Drittel der Unfälle werden mit einem Pkw verursacht. Besonders betroffen ist dort, wer zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist.“ (Müller-Görnert 2019, 29)
  • „Laut statistischem Bundesamt waren im vergangen Jahr [2018] gut 50.000 Radfahrer in Unfälle mit Autos verwickelt. Nach Hochrechnungen der Unfallforschung der Versicherer (UDV) für unsere Redaktion auf Basis ihrer eigenen Unfalldatenbank gingen davon rund 3.500 Unfälle auf plötzlich geöffnete Autotüren zurück, das sogenannte Dooring. Dabei gab es rund 700 Schwerverletzte. Zahlen zu Todesopfern gibt es nicht, aber immer wieder Berichte darüber.“ (Schulte 2019, 22)


Die Hamburger Polizei hat 2017 in einer Plakataktion herausgestellt:

1 Toter = 113 Opfer

  • „Wenn ein Mensch bei einem Verkehrsunfall stirbt, sind durchschnittlich 11 Familienangehörige, 4 enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte nachhaltig betroffen sowie 42 Einsatzkräfte wie Rettungssanitäter, Feuerwehrkräfte oder Polizisten mit diesem schweren Schicksal konfrontiert.“

3180×113 = 359.340 zzgl. Schwerverletzte, die versehrt bleiben, vielleicht sogar berufsunfähig sind, und deren Familienangehörige, etc. pp.

Das sind eine Menge Schicksale.


Im Koalitionsvertrag von SPD und CDU/CSU steht, dass sich die Parteien „der ‚Vision Zero‘, also der mittelfristigen Senkung der Anzahl der Verkehrstoten auf null… verpflichtet“ (n.n. 2018) sehen.

Ich für meinen Teil vermag hier bislang keinerlei Bewegung in der Koalition zu erkennen.

“Quellen
„]

>> Müller-Görnert, Michael (2019): „Gesundheit: Atemlos in der Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 29. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2018): Ein neuer Aufbruch für Europa. Eine neue Dynamik für Deutschland. Ein neuer Zusammenhalt für unser Land Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD. 19. Legislaturperiode, Ziffer 3641, S. 79, online unter https://www.cdu.de/system/tdf/media/dokumente/koalitionsvertrag_2018.pdf?file=1 (Abrufdatum 20.11.2019)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 25.

>> Reek, Felix (2019): „Fakten zum Tempolimit“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/auf-der-autobahn-fakten-zum-tempolimit-1.4667211 (Abrufdatum 12.11.2019)

>> Schulte, Stefan (2019): „Und plötzlich geht die Tür auf“. in: Hamburger Abendblatt, 29.11.2019, S. 22


Indirekte Opfer des motorisierten Individualverkehrs (MIV)

„Jeder Mensch atmet täglich etwa 10.000 Liter [Luft] ein.“ (Müller-Görnert 2019, 28)

Von der „Vision Zero“ sind wir derzeit weit weg – zumal zu den direkten Verkehrsopfern noch wesentlich mehr indirekte Verkehrsopfer hinzukommen:

  • In Europa starben „2016 rund 400.000 Menschen vorzeitig“ (Charisius 2019) aufgrund von Luftverschmutzung. In ‚verlorenen Lebensjahren‘ gerechnet bedeutet dass 4,2 Mio Lebensjahre wegen Feinstaub, 707.000 Lebensjahre wegen Stickstoffdioxid und aufgrund der Ozonbelastung 160.000 Lebensjahre.

    • „Verkehr, Energieerzeugung und Landwirtschaft sowie die Industrie sind die wesentlichen Quellen des Drecks in der Luft. Wobei insbesondere die Belastung durch Verkehr und Landwirtschaft nahezu konstant geblieben ist, während sie in den anderen Bereichen zurückgegangen ist.“ (ebd.)

  • „Im Jahr 2016 trug … die Feinstaubbelastung zu über 44.800 frühzeitigen Todesfällen in der Bundesrepublik bei, 8.000 davon seien auf die Verbrennung von Kohle zurückzuführen.
    Insgesamt habe die Luftverschmutzung 2016 weltweit zu 7 Millionen Todesfällen geführt, 2,9 Millionen davon habe Feinstaub verursacht.“ (n.n. 2019)

  • Abweichende Zahl: Heute geht man allein bei Feinstäuben von 74.300 Todesfällen pro Jahr in Deutschland aus (vgl. Drieschner 2017).

  • „In Deutschland sind allein 13.000 vorzeitige Todesfälle pro Jahr auf Feinstaub und Ozon aus dem Verkehr zurückzuführen. Aufgrund von Stickoxidemissionen im Straßenverkehr sterben weitere rund 2.500 Menschen vorzeitig.“ (Müller-Görnert 2019, 28)

  • „In den Industrienationen erkrankt bereits jedes zehnte Kind an Asthma.“ (ebd.)


Die Bürgermeisterin von Paris, Anne Hidalgo, bemerkte 2016:

  • „2500 Menschen sterben jährlich in Paris an den Folgen der Luftverschmutzung. … Der Verkehr generiert zwei Drittel der CO₂-Emissionen und 56 Prozent der Belastungen durch Feinstaub.“ (Simons 2016)


Hinter derartigen Todeszahlen stehen selbstredend ungleich höhere Erkrankungszahlen:

Der Pneumologe Christian Witt von der Berliner Charité wies bereits 2005 (!) darauf hin, dass

  • „bundesweit 60 000 Bürger im Jahr früher sterben wegen erhöhter Schadstoffbelastung in der Luft“ (n.n. 2005).
Zahlen: Mobilitätsatlas 2019, 28, Bartz/Stockmar, cc by 4.0


So mutet es nicht verwunderlich an, wenn Ärzte davon abraten, sich länger an großstädtische Hauptverkehrsstraßen aufzuhalten:

  • „Viele Lungenfachärzte fragen ihre Patienten inzwischen, wo sie wohnen, und raten gegebenenfalls zu einem Umzug in eine weniger belastete Umgebung…“ (n.n. 2018)

äußert sich Witt, der zudem Patienten empfiehlt

  • „längere Spaziergänge entlang mehrspuriger, vielbefahrener Straßen wie etwa der Frankfurter Allee in Berlin [zu] vermeiden.“ (Maier 2017)


Auch komplett gesunden Menschen sollten sich in dieser Hinsicht nicht in Sicherheit wiegen:

  • So findet sich ein Hinweis, dass mittlerweile sogar gesunde Menschen lieber nicht mehr in ihrer eigenen Stadt längere Zeit in der Nähe von großen Straßen ihre Lungen benutzen sollten, in einer britischen Studie, der zu Folge zweistündige Spaziergänge an Hauptverkehrsstraßen selbst bei gesunden Menschen erhebliche negative Effekte auf den Puls und die Lungenfunktion haben (vgl. Koch 2018).
  • Die schlechte Luftqualität beeinträchtigt übrigens nicht nur Anwohner*innen, Fußgänger*innen und Radfahrer*innen, sondern auch „die Autofahrer selbst, die sich über ihre Belüftungsanlagen selbst vergiften…“ (Rammler 2017, 67).
Zahlen: Mobilitätsatlas 2019, 29, Bartz/Stockmar, cc by 4.0

Man kann sogar sagen, dass es insbesondere Autofahrer*innen durch Abgase beeinträchtigt werden:

  • „In einem Test hat die Autobild-Redaktion [im Innenraum von Autos] Spitzenwerte von 500 Mikrogramm Stickstoffoxid pro Kubikmeter Luft gemessen. Die EU schreibt Grenzwerte von 40 Mikrogramm im Jahresmittel vor. Spitzenwerte dürfen höchstens 18-mal pro Jahr über 200 Mikrogramm steigen“ (Zepp 2018, 15).

Details
  • Diese „Grenzwerte der EU orientieren sich an den WHO-Empfehlungen, wobei diese teilweise noch niedriger liegen. Die EU-Grenzwerte sind also Mindeststandards“ (Albrecht 2018, 17).

In der Tat:

  • „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt seit 2005 höchstens zehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Und sogar das scheint zu hoch, wie eine neue Beobachtungsstudie aus den USA zeigt: Selbst unterhalb der WHO-Empfehlung nimmt die Sterblichkeit mit der Dosis zu“ (Heißmann 2017).

Eine gute Nachricht für Menschen, die der Bequemlichkeitsfalle bereits entkommen sind – ist:

  • „Fährt man die gleiche Strecke mit dem Auto oder dem Rad, ist die Lungenfunktion bei Autofahrern schlechter. Der Trainingseffekt des Radfahrens überwiegt anscheinend den Negativeffekt der Luftbelastung um ein Mehrfaches.“ (Heißmann 2017)

>> Anmerkung: Für längere Radfahrten entlang der Neckartore und der Frankfurter-Max-Brauer-Landshuter-Allee-SUV-Einfallschneisen habe ich mir inzwischen eine extra für Radfahrer entwickelte Atemmaske mit Kohleaktivfilter besorgt. In der Hoffnung, sie bald nicht mehr zu benötigen.

Bei alledem wurden Krankheiten, die durch die Lärmbelastung durch Straßenverkehr entstehen können, noch gar nicht erwähnt:

  • „Laut einer Umfrage des Umweltbundesamts fühlen sich in Deutschland drei Viertel aller Bürgerinnen und Bürger in ihrem Wohnumfeld durch den Straßenverkehrslärm belästigt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen und psychische Beschwerden bis hin zu Depressionen können Folgen dieser dauerhaften Belastung sein. Bei Kindern kann sie die Sprachentwicklung und die mentale Leistungsfähigkeit beeinträchtigen“ (Müller-Görnert 2019, 28).

Quellen des Abschnitts Indirekte Opfer des motorisierten Individualverkehrs (MIV)

>> Albrecht, Tim (2018): „‚Die meisten sind Betroffene’“. [(Michael Müller-Görnert im Interview mit Tim Albrecht]. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018, S. 17.

>> Charisius, Hanno (2019): „Europäische Umweltagentur: 400 000 Europäer sterben durch Luftverschmutzung“. in: Süddeutsche Zeitung, 16.10.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/gesundheit/luftverschmutzung-feinstaub-stickoxid-1.4642746 (Abrufdatum 18.10.2019)

>> Drieschner, Frank (2017): „Verkehrsopfer. Die ungezählten Toten“. in: Die Zeit, 16.8.2017, online: https://www.zeit.de/2017/34/verkehrsopfer-strassenverkehr-unfaelle-abgas-laerm/komplettansicht?print (Abrufdatum 29.04.2018)

>> Heißmann, Nicole (2017): „Diesel-Abgase: ‚Wir in Europa leisten uns ziemlich hohe Grenzwerte’“. [Annette Peters im Interview mit Nicole Heißmann]. in: Der Stern, 33/2017. online: https://www.stern.de/gesundheit/diesel-abgase–grenzwerte-fuer-stickoxide-und-feinstaub-zu-hoch-7569076.html (Abrufdatum 28.04.2018)

>> Koch, Werner (2018): „Schädigt Sport an verkehrsreicher Straße Lunge und Herz?“. in: Gesundheitsbrief April 2018. online: https://praxiskoch.de/2018/04/17/eucell-gesundheitsbrief-april-2018-2/ (Abrufdatum 28.04.2018)

>> Maier, Jutta (2017): „Charité-Arzt warnt vor Diesel: ‚Kranke werden kränker’“ in: bizz energy. Das Wirtschaftsmagazin für die Energiezukunft, 2.8.2017. online: https://bizz-energy.com/charit%C3%A9_arzt_warnt_vor_diesel_%E2%80%9Ekranke_werden_kraenker%E2%80%9C (Abrufdatum 28.04.2018)

>> Müller-Görnert, Michael (2019): „Gesundheit: Atemlos in der Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 28. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2005): „Fast 2500 Berliner sterben jährlich an schlechter Luft“ in: Die Welt, 11.3.2005, online: https://www.welt.de/print-welt/article557514/Fast-2500-Berliner-sterben-jaehrlich-an-schlechter-Luft.html (Abrufdatum 28.04.2018)

>> n.n. (2018): „Lungenärzte für mehr Anstrengungen gegen Luftverschmutzung“. [dpa-infocom-Meldung]. in: mod.de. online: https://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1682365/ (Abrufdatum 28.04.2018)

>> n.n. (2019): „Erderwärmung wirkt sich auf die Gesundheit aus“. in: Die Zeit, 14.11.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2019-11/klimawandel-erderwaermung-auswirkungen-gesundheit-studie-the-lancet (Abrufdatum 14.11.2019)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer.

>> Simons, Stefan (2016): „Pariser Schnellstraße wird zur Flaniermeile: Ewiger Sommer an der Seine“. in: Der Spiegel, 27.9.2016, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/paris-autos-muessen-raus-schnellstrasse-wird-zur-flaniermeile-a-1114133.html (Abrufdatum 8.11.2019) [Ähnliches gilt für Berlin, s.a. Quelle n.n. 2005]

>> Zepp, Valeska (2018): „Sorgenfrei durchatmen. Atemmasken für Radfahrerinnen und Fußgänger sind keine Lösung […]“. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018, S. 15.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema ‚Immer mehr Autos auf den Straßen in Deutschland

Ein Zwischengedanke:

„Wir richten uns ein mit dem täglichen Tod auf den Straßen, dem zermürbenden Lärm bei Tag und Nacht, der Zerstörung von Landschaft und Natur.“

Oberstadtdirektor Neuffer, Hannover, 1972, zitiert nach Rammler 2017, 21

Menschen sind nicht rational:

  • „[E]twa achtzig Prozent der Bundesbürger [wünschen] sich weniger Autos, sauberere und leisere Städte… [G]leichzeitig [steigt] aber das PS-Niveau der Neuwagen und die Zulassungsquote von SUVs stetig [an]“ (Rammler 2017, 25).


Zu bedenken ist:

  • „‚Frankfurt ist in den vergangenen zehn Jahren um 100.000 Menschen gewachsen – und die sind nicht alleine gekommen, sondern haben 50.000 Autos mitgebracht'“ (Verkehrsdezernent Klaus Oesterling in Bartsch et al., 2019, 18).


Der Verkehrsplaner Georg Dunkel analysiert für München den stetigen Zuzug von Menschen und das Pendlerverhalten:

  • „Wenn alle Verkehrsteilnehmer ihre Gewohnheiten beibehalten,… werde es in den Landeshauptstadt im Jahre 2030 keine Rushhour mehr geben, also keine ‚ausgeprägten Stauspitzen‘ am Morgen und am frühen Abend. [Georg] Dunkel hat dazu eine Grafik entworfen, statt Amplituden weist sie eine flache Linie aus, die ‚Dauer-Hauptverkehrszeit‘ mit nahezu 100-prozentiger Auslastung der Straßenkapazität von 6 Uhr bis 21 Uhr. Ein Verkehrsinfarkt“ (Bartsch et al. 2019, 15).


Das Platzproblem ist rechnerisch gesehen leicht zu lösen:

  • „Um von zu Hause mit dem Auto in die Stadt zu fahren, nutzen 75 Menschen 50 PKW.
    Sie könnten auch alle mit einem Bus fahren“ (n.n. 2018).


Wenn wir in Deutschland vom typischen Autofahrer sprechen, meinen wir statistisch gesehen Männer:

Zurückgelegte Entfernung pro Tag, durchschnittlich:
Frauen = 33 Km | Männer = 46 km

  • „Während Männer und Frauen etwa gleich viel den öffentlichen Verkehr nutzen, ist der Unterschied beim Auto frappierend. Am Steuer sitzen mehrheitlich Männer. Die Carsharing-Quote bei Männern liegt bei 62 Prozent. Carsharing an sich macht nur einen Bruchteil des Pkw-Aufkommens aus. Aber damit könnte die zunehmende Popularität des Zweitwagens gebremst werden, den gerade Frauen nutzen – die aber weniger unterwegs sind und nun eine Alternative haben. Insgesamt dürfen Straßen mit viel Autoverkehr daher als männlich dominiert gelten.“ (Krüger 2019, 41)

Kaum jemand denkt über diesen Gender-Aspekt nach – sollten wir aber, denn das bedeutet nicht weniger als:

  • „Die autogerechte Stadt ist somit auch nicht gendergerecht. Eine Verkehrs- und Stadtpolitik ‚für alle‘ macht die Verkehrsmittel attraktiver, die vor allem von Frauen, Kindern und älteren Menschen genutzt werden. Ziel ist, dass sich alle auf den Fuß- und Radwegen sowie den Überwegen gefahrlos bewegen können. Der öffentliche Raum, die Straßen, die Plätze und die öffentlichen Verkehrsmittel müssen so gestaltet sein, dass sich dort nicht nur ‚die Starken‘ wohl und sicher fühlen“ (ebd.)

Quellen des Abschnitts Thema 'Immer mehr Autos auf den Straßen in Deutschland'

>> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 15.

>> Krüger, Anja (2019): „Inklusion: Fortkommen für Alle“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 41. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2018): [ohne Titel]. in: Fairkehr, Magazin des VCD 5/2018, S. 16.

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 25, bezieht sich auf eine Studie des UBA.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema ‚Immer größere Autos auf den Straßen in Deutschland‘

  • ARD-Tagesschau, 2. April 1998:


    „Umweltministerin Merkel vertraut bei der Senkung des deutschen CO₂-Ausstoßes auf die Einführung des 3-Liter-Autos und freiwillige Kooperation der Autohersteller. Die Firmen wüssten, dass sonst härtere Maßnahmen auf sie zukommen“ (n.n. 1998).

>> Da ist sie wieder, die „Merkel’sche Freiwillige Selbstverpflichtung“ – m.E. ein anderes Wort für Bürgerberuhigungspille, damit „die Wirtschaft“ nicht beim Geldeinsammeln gestört wird. Und wie wunderbar das funktioniert, sehen wir hier:

Im August 2000 meldete der Spiegel:

  • „Alle Welt redet vom 3-Liter-Auto, doch Ingenieure verrenken Kopf und Schraubenschlüssel und pumpen kleine Autos mit immer mehr Leistung voll“ (n.n. 2000).

Der Trend zu Autos mit immer mehr Leistung: Da Geländewagen in Deutschland außer für Förster*innen & Co zweifellos genau wie SUVs als SuperUnnützesVehikel (Hartmann 2019) gelten dürfen, und Geländewagen in dieser Perspektive sozusagen SUVs+++ sind, sind die Segmente SUV und Geländewagen in den folgenden Graphiken addiert:

Neuzulassungen in Deutschland
Anteil von SUV/Geländewagen in % –
derzeit also 1/3 aller Neuzulassungen
(Quelle: Eigene Darstellung, basiert auf den Zahlen aus n.n. 2019a)

Neuzulassungen in Deutschland
SUV/Geländewagen in absoluten Zahlen
(Eigene Darstellung, basiert auf Zahlen aus n.n. 2019b)

>> Anmerkung: 2008/09 flachte der Zuwachs etwas ab: Die globale Finanzkrise hinterließ kurzfristig ihre Spuren, dann kam 2009 die fünf Milliarden Euro schwere Umweltprämie (Abwrackprämie), vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Umweltpr%C3%A4mie (Abrufdatum 7.11.2019)

>> Update 12/2019: „Schon im November [2019] wurde [erstmals] die [Millionen-]Marke mit 1,03 Millionen Fahrzeugen seit Jahresbeginn geknackt, wie aus Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) in Flensburg hervorgeht. Das sind 18 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.“ (n.n. 2019d). Damit haben SUV und Geländewagen zusammen einen Marktanteil von knapp 31% (vgl. ebd.).

  • Derweil liegt der Anteil von SUVs/Geländewagen, die derzeit tatsächlich auf den Straßen in Deutschland unterwegs sind, bei etwa 12% – mit stark steigender Tendenz:

    2003 = 1,7% | 2006 = 2,2% | 2009 = 2,9% | 2012 = 4,8% | 2015 = 7,2% | 2018 = 11,8%

    >> jährliche Zuwachsrate etwa 8 bis 10% (n.n. 2019b und n.n. 2019c)


    Motorleistung von Neuzulassungen (Durchschnitt)
    2008 = 96,4 kW | 2015 105,7 kW
  • „Dies[e gestiegene Motorleistung von Neuzulassungen] führte zu einem Mehrverbrauch von 3,7 Milliarden Litern Kraftstoff und zu 9,3 Millionen Tonnen CO₂-Emissionen. … Der Mehrverbrauch geht dabei vor allem auf den Bereich der Sport Utility Vehicles (SUV) und Geländewagen zurück, dem Segment mit höchster Motorleistung und Verbrauch“ (Rammler 2017, 64)

>> Anmerkung: Rammler hebt zudem hervor, dass auch ’normale‘ Diesel-Pkw zu einem Mehrverbrauch von Kraftstoff beigetragen haben, weil hier bei den Neuzulassungen ebenfalls besonders leistungsstarke Motoren beliebt sind.

Quellen des Abschnitts Thema 'Immer größere Autos auf den Straßen in Deutschland'

>> Hartmann, Anni (2019): „Die Anstalt“. [Bonmot von Anni Hartmann], Sendung vom 1.10.2019, ZDF, online unter https://www.zdf.de/comedy/die-anstalt/die-anstalt-vom-1-oktober-2019-100.html (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (1998): „Benzin-Diskussion“. [Meldung der Tagesschau], ARD, https://twitter.com/tagesschauvor20/status/980879766181081089?lang=de (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2000): „Die Rückkehr der GTI-Generation“. in: Der Spiegel, 8.8.2000, online unter https://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/giftzwerge-die-rueckkehr-der-gti-generation-a-88246.html (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2019a): „Liste der Neuzulassungen von Personenkraftwagen in Deutschland nach Segmenten und Modellreihen“. in: wikipedia.de, online unter https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Neuzulassungen_von_Personenkraftwagen_in_Deutschland_nach_Segmenten_und_Modellreihen (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2019b): „Liste des Bestandes an Personenkraftwagen in Deutschland nach Segmenten und Modellreihen“. in: wikipedia.de, online unter https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_des_Bestandes_an_Personenkraftwagen_in_Deutschland_nach_Segmenten_und_Modellreihen (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2019c): „Bestand nach Segmenten und Modellreihen (FZ 12)“. in: Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), online unter https://www.kba.de/SharedDocs/Publikationen/DE/Statistik/Fahrzeuge/FZ/2019/fz12_2019_xlsx.xlsx?__blob=publicationFile&v=4 (Abrufdatum 7.11.2019)

>> n.n. (2019d): „Deutschland: Erstmals mehr als eine Million SUV und Geländewagen neu zugelassen“. in: Der Spiegel, 11.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/erstmals-mehr-als-eine-million-suvs-und-gelaendewagen-neu-zugelassen-a-1300667.html (Abrufdatum 11.12.2019)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen, Streitschrift für eine neuen Mobilität. Fischer. S. 64.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema ‚Pendler*innen‘

München 2011>>2018 = +21% Pendler*innen || Frankfurt =+23% (vgl. Bartsch et al. 2019, 15)

  • „Aus Hamburg fahren täglich 140.000 Menschen zur Arbeit heraus und 340.000 hinein.“ (Bartsch et al, 2019, 15.)
  • „Und selbst die, deren Arbeitsweg kürzer als drei Kilometer ist, fahren zu 40 Prozent mit dem eigenen Pkw.“ (ebd.)


Ein großer Teil des städtischen Autoverkehrs wird durch Pendler*innen verursacht. Dazu stellt der Verkehrsexperte Philipp Kosok fest:

  • „Die Menschen, die in den Innenstädten unter Stickoxiden leiden, sind selten die Verursacher der schmutzigen Luft. Es sind die Pendler, die täglich 20, 30 oder 50 Kilometer zur Arbeit in das Stadtzentrum fahren, denen man Alternativen zur Fahrt mit einem Auto anbieten muss“ (Kühne 2018, 19)

Und:

  • „[A]llen… Fachleuten ist klar: Solange es preiswerter ist, das Auto in der Innenstadt zu parken, als den Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu bestreiten, fehlt der ökonomische Anreiz, aufs Auto zu verzichten.“ (ebd. 18)

Quellen des Abschnitts Thema 'Pendler*innen'

>> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019

>> Kühne, Benjamin (2018): „Fünf Städte für eine saubere Luft“. in: Fairkehr. Menschen. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin, 4/2018.


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema ‚Tempolimit‘

Im Unterschied zu vielen anderen Maßnahmen rund um den Klimaschutz ist ein Tempolimit eine extrem einfache und schnelle Maßnahme quasi zum Nulltarif.

  • Eine knappe Mehrheit der Bundesbürger*innen ist für ein Tempolimit (vgl. Reek 2019).
    • Eine im Dezember 2019 veröffentlichte Umfrage spricht in Bezug auf Autobahnen sogar von 2/3 aller Befragten als Befürworter*innen einer verbindlichen Höchstgeschwindigkeit (vgl. Spiegel: n.n. 2019e).
  • „Die Anzahl der tödlich Verunglückten ist auf Strecken ohne Geschwindigkeitsbegrenzung zwischen 2011 und 2016 deutlich höher.“ (Reek 2019).

Es mag sein, dass die Umwelteffekte und die allgemeine Erhöhung der Sicherheit nicht umwerfend sind.
Gleichwohl sind diese Effekte aber vorhanden – und, wie erwähnt: jedes vermiedene Opfer zählt.

>> vgl. dazu den umfassenden Faktencheck Tempolimit der SZ:
Reek, Felix (2019): „Fakten zum Tempolimit“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/auf-der-autobahn-fakten-zum-tempolimit-1.4667211 (Abrufdatum 12.11.2019)

>> Darüber hinaus finde ich den Gedanken, dass wir Deutschen uns vielleicht auf diese Weise eine Scheibe vom tempolimitierten Verkehrs-Entspannungsland Nr. 1 – Dänemark – abschneiden, um den Preis, dass die paar Schnellfahrer*innen nun künftig 20 Minuten später an ihrem Ziel ankommen, sehr spannend. Das täte uns: gut.

Update 13.11.2019:
Die Regierung der Niederlande beschließt, was in Deutschland undenkbar erscheint, und verschärft zur Vermeidung von Stickoxiden das ohnehin bestehende Tempolimit auf 100 km/h auf Autobahnen zwischen 6 und 19 Uhr; nachts bleibt es wie bisher bei 130 km/h (vgl. n.n. 2019a).

Cem Özdemir (Grüne) dazu:

  • „Es ist schon bemerkenswert, dass in den Niederlanden ausgerechnet die regierende Schwesterpartei der FDP nun ein Tempolimit 100 auf den Autobahnen eingeführt hat. Hierzulande kann man noch nicht einmal über eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h sprechen, ohne dass die FDP Schnappatmung bekommt. Dabei wäre das nicht nur Klimaschutz zum Nulltarif, sondern würde auch unsere Straßen deutlich sicherer machen“ (n.n. 2019b).

Tempolimits für Autos auf Autobahnen in anderen Ländern:

Belgien = 120 km/h | Dänemark = 130 | Finnland = 120 | Frankreich = 130 | Großbritannien = 112 | Italien = 130 | Niederlande = 100 | Österreich = 130 | Portugal = 120 | Schweden = 120 | Schweiz = 120 | Spanien = 120 | Türkei = 120 | (vgl. n.n. 2019c)

>> Auf den Farörinseln gibt es kein Tempolimit auf Autobahnen (ebd.).

  • Deutschland: „70 Prozent des Autobahnnetzes ohne Tempolimit“ (Zeit: n.n. 2019d)


Weitere Tempo-Beschränkungen:

  • „Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in Städten würde den Lärm um rund drei Dezibel reduzieren. Im Vergleich zu Tempo 50 nimmt dies das menschliche Ohr so wahr, als wäre nur die Hälfte des Verkehrs auf der Straße. Gleichzeitig sinkt die Emission von Schadstoffen“ (Müller-Görnert 2019).

>> Was wäre das für ein ungeheurer Gewinn für alle gestressten Stadtbewohner*innen – und das, ohne auch nur ein Auto von der Straße zu verbannen.


  • Stuttgart „wird im kommenden Jahr [2020] als erste deutsche Großstadt neben Fahrverboten für Euro-5-Diesel auf vier einzelnen Straßenabschnitten auch ein flächendeckendes Tempolimit von 40 Stundenkilometern einführen. Es wird für den gesamten Talkessel [inkl. Bundesstraßen] gelten und ist Teil des von Land und Stadt beschlossenen neuen Luftreinhalteplans… Bislang waren die Reaktionen gelassen. Sogar der ADAC hat auf Protest verzichtet.“ (SZ: Henzler 2019)

Quellen des Abschnitts Thema 'Tempolimit'

>> Henzler, Claudia (2019): „Stickoxide: Stuttgart bremst runter auf Tempo 40“. in: Süddeutsche Zeitung, 24.12.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/politik/stuttgart-tempolimit-stickoxide-1.4734608 (Abrufdatum 25.12.2019)

>> Müller-Görnert, Michael (2019): „Gesundheit: Atemlos in der Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 29. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2019a): „Umweltschutz: Niederlande beschließen Tempo 100 auf Autobahnen“. in: Der Spiegel, 13.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/tempolimit-niederlande-senken-hoechstgeschwindigkeit-auf-100-km-h-a-1296236.html (Abrufdatum 13.11.2019)

>> n.n. (2019b): „Hofreiter pocht auf Tempolimit auf deutschen Autobahnen“. in: Die Zeit, 14.11.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-11/klimaschutz-anton-hofreiter-gruene-tempolimit-autobahnen-deutschland (Abrufdatum 14.11.2019)

>> n.n. (2019c): „Geschwindigkeitsbegrenzung Tempolimit in Europa und Deutschland“. in: Kfz-Auskunft.de, online unter https://www.kfz-auskunft.de/reisen/tempolimits.php (Abrufdatum 14.11.2019)

>> n.n. (2019d): „Andreas Scheuer gegen neue Tempolimit-Debatte“. in: Die Zeit, 25.12.2019, online unter https://www.zeit.de/politik/deutschland/2019-12/verkehrsminister-tempolimit-debatte-andreas-scheuer-spd (Abrufdatum 25.12.2019)

>> n.n. (2019e): „Umfrage: Klare Mehrheit für Tempolimit auf Autobahnen“. in: Der Spiegel, 27.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/politik/deutschland/tempolimit-auf-autobahnen-nur-ein-drittel-laut-umfrage-dagegen-a-1302905.html (Abrufdatum 27.12.2019)

>> Reek, Felix (2019): „Fakten zum Tempolimit“ in: Süddeutsche Zeitung, 8.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/auf-der-autobahn-fakten-zum-tempolimit-1.4667211 (Abrufdatum 12.11.2019)


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema ‚Rechtsabbieger-Unfälle‘

Unfälle von Menschen mit Fahrzeugen >3,5t (2018):

Fußgänger*innen: 242 lv | 148 sv | 54 getötet
Radfahrer*innen: 752 lv | 286 sv | 52 getötet

(lv = leichtverletzt | sv = schwerverletzt) [Zahlen UDV, zitiert nach Kunkel 2019)


Mögliche Maßnahmen:

  • Lkw dürfen nur noch im Schritttempo rechts abbiegen (so vorgesehen in Scheuers Vorhaben)

  • Eine schnelle, kostengünstige Übergangs- oder Teillösung des Problems: Das Anbringen von sog. Trixi-Spiegeln, die der/m LKW-Fahrer*in Einsicht in den Straßenbereich ermöglichen, die sonst durch den toten Winkel bedingt nicht einsehbar sind.

  • Eine einfache Lösung: Rückverlegung des Haltestreifens von Pkw/Lkw um einige Meter, sodass Radfahrer*innen und auch Fußgänger*innen nicht mehr im ruhenden Verkehr im toten Winkel stehen, zumal sie durch eine entsprechende Ampelschaltung etwas früher grün bekommen könnten (und ja auch oftmals schon bekommen), sodass sie durch diesen Vorsprung besser im Sichtfeld der Lkw-Fahrer*innen sind.

  • Eine gute und bewährte Lösung: Das niederländische Modell.
    • Hier wird an Kreuzungen der Radweg bzw. die Fahrradspur an der Kreuzung um einige Meter nach rechts eingerückt und nach links hin ‚an der Ecke‘ mit einer kleinen Verkehrsinsel abgeschirmt. Das bedeutet, dass die/der Lkw-Fahrer*in zu einem späteren Zeitpunkt und vor allem in einem anderen Winkel auf den Fahrradverkehr ‚trifft‘ – soll heißen: Der tote Winkel spielt hier keine bzw. eine nur noch untergeordnete Rolle.

  • Eine weitere, komplexe, teure, gleichwohl wünschenswerte Lösung: Abbiegeassistenten für Lkw. Hier hat Scheuer 10 Mio Euro für Deutschland 750.000 in zugelassene Lkws bereitgestellt (vgl. Bartsch et al, 2019, 21.) (= 13,33 EUR/Lkw).
    • Ab „2024 müssen … alle [Lkw-]Neufahrzeuge über einen Abbiegeassistenten verfügen.“
    • In München „sind etwa 90 Prozent der 800 städtischen Lkw schon jetzt mit einem Assistenten ausgerüstet“ (Kunkel 2019).

>> Quelle: Kunkel, Christina (2019): „Wie Lastwagen für Fußgänger zur tödlichen Gefahr werden“. in: Süddeutsche Zeitung, 7.11.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/auto/lastwagen-unfaelle-fussgaenger-1.4671212 (Abrufdatum 8.11.2019) [paywall!]


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau:
Thema ‚Autoindustrie‘

Arbeitsplätze inkl. Zulieferern: 834.000 von 45.100.000 Erwerbstätigen in D = 1,85% = jeder 54. Job

(Stand 2018, laut Heinrich-Böll-Stiftung und VCD, vgl. Kefferpütz 2019, 1, weitere Zahlen: Kühne 2019, 26)

Anmerkungen:

>> Eine Frage, die nur selten in die Arbeitsplatz-Diskussion einfließt, lautet, inwieweit eine große Zahl dieser Arbeitsplätze unabhängig vom Antriebswechsel künftig gefährdet sind aufgrund von KI, Robotik und Automatisierung. (Damit ist auch an dieser Stelle angedeutet, dass hier eine Herausforderung entsteht, der sich keine Branche entziehen kann. Letztlich machen die zu erwartenden, erheblichen Arbeitsplatzverluste der Autoindustrie ein weiteres Mal beispielhaft deutlich, dass es auch angesichts der Klimakrise einer sog. großen Transformation unter Einschluss eines bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) bedarf.)

>> Die deutsche Automobilbranche ist in den letzten Jahren auch deshalb ‚gewachsen‘, weil die Fahrzeuge immer größer wurden. Auch die notwendige und kommende Korrektur der SUV-Strategie hin zu kleineren Fahrzeugen wird Arbeitsplätze kosten, zumal die Wertschöpfung eines kleinen Autos i.d.R. geringer ausfällt als die eines Stadtpanzers. Das ist grundsätzlich ein hausgemachtes Problem, denn die SUV hätten aus der Perspektive der Vernunft in Zeiten der Forderungen des 3-Liter-Autos nie in Deutschland zugelassen werden dürfen.


Autoindustrie und der Skandal der 2015 aufgedeckten ‚Dieselskandale‘

  • „Das UBA stellte schon in den Jahren 2005, 2006 und 2009 fest, dass Diesel-Pkw „alarmierend“ hohe Stickoxidemissionen aufweisen“ (Bäumler 2019, 36)

Der eigentliche Skandal an den Dieselskandalen ist, dass sie nicht stärker skandalisiert wurden/werden. Die Liste der Betrügereien ist zu lang, um sie hier aufzustellen: Es ist definitiv bedeutend leichter, die wenigen Firmen bzw. Automodelle und Aspekte des Themas zu benennen, in denen nicht irgendwie mit Abschaltsoftwares, zu kleinen AdBlue-Tanks, illegalen Branchenabsprachen, weltfremden Abgastests etc. pp. pp. in diversen nationalen Märkten jahrelang betrogen, gemauschelt und gechincht wurde. Und von den Mitarbeiter*innen der Behörden wurde weggeschaut, was das Zeug hält.
Dann ging es um die geschädigten Autokäufer*innen, die nun zu Recht befürchten, dass ihr Auto nicht mehr zu einem zuvor erwartbaren Preis wieder verkauft werden kann und dass ihre Autos möglicherweise aufgrund sog. innerstädtischer Fahrverbotszonen nicht ausreichend nutzbar ist.

Das ist alles richtig.

Aber:

  • Zu aller erst betrifft der Dieselskandal unser aller Gesundheit, es geht um unsere Lungen – auch um die der Autofahrer*innen.

  • Über unsere Lungen hat in der Bevölkerung und in den Medien quasi niemand geredet.

Das finde ich: bezeichnend und letztlich irre.

Ausnahme von der Regel stellen die Bemühungen der Deutschen Umwelthilfe dar, die u.a. 2017 zu dem Urteil des Stuttgarter Verwaltungsgerichts geführt haben

mit der Urteilsbegründung, dass

  • ein Fahrverbot schon deshalb nicht unverhältnismäßig sein könne, weil „der Schutz der Rechtsgüter Leben und Gesundheit der von den Immissionen betroffenen Wohnbevölkerung höher zu gewichten ist als die dagegen abzuwägenden Rechtsgüter Eigentum und Handlungsfreiheit der von einem Verkehrsverbot betroffenen Kraftfahrzeugeigentümer“. (zit in Drieschner 2019).


>> Transparenz durch Offenlegung: Marc Pendzich ist Fördermitglied der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH).


In Totenzahlen bedeutet der Dieselskandal allein für das Jahr 2015:

Dieselskandal-Tote: Alle reden über den Wertverlust von Dieselautos und Fahrverboten – und quasi niemand redet über die Toten, die Autokonzerne und hier selbstverständlich die CEOs bzw. Vorständinnen und Vorständler durch ihre Unternehmenspolitik statistisch gesehen verantworten. Grafik entstammt dem Mobilitätsatlas 2019, S. 37: „2015 wurden durch Grenzwertüberschreitungen 4,6 Millionen Tonnen Stickoxide zusätzlich ausgestoßen. Daraus lassen sich die Opferzahlen errechnen.“ Bartz/Stockmar, cc by 4.0

Hinzu kommen noch diejenigen, die ’nur‘ krank geworden sind.

Wie sähe eine Statistik hinsichtlich Toter und Kranker aus, die alle Jahre zusammenzählt, in denen diese Autos mit zu vielen Emissionen unterwegs waren/gewesen sein werden?

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

Quellen des Abschnitts Thema 'Autoindustrie'

>> Bäumer, Hartmut (2019): „Teurer Schwindel“ in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. S. 36. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Drieschner, Frank (2019): „Luftreinhalteplan in Hamburg: Daran führt kein Weg vorbei“. in: Die Zeit, 5.12.2019, online unter https://www.zeit.de/hamburg/2019-12/luftreinhalteplan-hamburg-oberverwaltungsgericht-stickoxide-fahrverbote (Abrufdatum 11.12.2019)

>> Kefferpütz, Roderick (2019): „Autoindustrie: Umbau einer Schlüsselbranche“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 16. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Kühne, Benjamin (2019): [Grafik ohne Titel]. in: Fairkehr 5/2019, S. 26

Autoindustrie und die E-Mobilität

>> Dienstwagen-Ranking: „Das Auto des Verkehrsministers ist das mit dem höchsten CO-Ausstoß. (laut DUH, n.n. 2019).

Verbrennungsmotor = 2500 Teile | Elektromotor = 250 Teile

Keine Verbrennungsmotoren mehr zu bauen bzw. verkaufen zu können, kostet Arbeitsplätze, hier wird die Zahl 114.000 genannt bis 2035 bei einem 23%-igen Anteil von E-Autos (Kühne 2019, 28). Das ist ätzend, kann aber vor dem Hintergrund der drängenden Klimakrise kein Argument sein für das Festhalten an einer klimaschädlichen Technologie.
Es bleibt für Traditionsmarken nur die Flucht nach vorn, wenn sie weiterhin im globalen Geschäft mit der Mobilität mitspielen wollen. Und nur dann gehen nicht alle Arbeitsplätze in diesem Bereich verloren.

  • Ein wesentlicher Grund für das langjährige Erstarren der deutschen Automobilindustrie liegt darin begründet, dass mit dem Umstieg auf Elektromotoren sehr viel exklusives Know-how verloren geht, sodass – wie mit Tesla und vielen kleinen neuen E-Mobil-Playern zu sehen – neue Mitbewerber im Markt erscheinen.


Derzeit zeichnet sich ab, dass die deutsche Autoindustrie ihre SUV-Strategie weiter verfolgt – nur eben mit E-Motoren. Damit ist genau ein Problem zu bewältigen: Die unmittelbar in der Stadt durch Autoabgase entstehende Luftverschmutzung.


Alle anderen Probleme

Zu viel MIV (motorisierter Individualverkehr) | zu große Autos | Stau als Alltag | zu großer Ressourcen- und Flächenverbrauch | zu viel Feinstaub durch Reifenabrieb | zu großer Energiebedarf | zu viele Unfälle | zu viele (i.d.R. mit Verbrennern angetriebene) Lastwagen etc. pp.

bleiben erhalten.


Hinzu treten neue Herausforderungen, darunter

  • die Umstellung einer ganzen Industrie auf sich absehbar erschöpfende sog. seltene Erden, die Konfliktstoffe sind, deren Beschaffung weder kurz- noch langfristig als gesichert gelten darf, deren Extraktion in den Produktionsländern mit enormen Umweltschäden verbunden ist.
  • Der Aufbau eines landes- und weltweiten Stromzapfsäulennetzes. (Für wie lange? – Aus meiner Sicht kann E-Mobilität wg. der benötigten seltenen Erden allenfalls eine Überbrückungstechnologie sein.)


Mit anderen Worten: Der Wechsel des Antriebs ist mit extrem viel Aufwand und gleichermaßen extrem wenigen positiven Effekten verbunden.


Gleichwohl ist abschließend hervorzuheben, dass mit Stand Herbst 2019

  • „Nach 37.500 Kilometern ist ein kleines Elektroauto klimafreundlicher unterwegs als ein Benziner. Wenn es mit regenerativer Energie betrieben wird. Beim aktuellen Strommix in Deutschland sind es 127.500 Kilometer.“ (Fischer/Lüdemann 2019)


Exkurs: E-Autos und Fahrzeugbrände

Karl-Heinz Knorr, Branddirektor Feuerwehr Bremen:

„[D]ass ein [E-]Auto im Betrieb in Brand gerät, ist bei der Elektrotechnologie nicht wahrscheinlicher als bei einem Verbrenner-Pkw.“ Weiter führt er aus: Das Löschen einer Batterie „geht am besten mit mehreren tausend Litern Wasser. Das ist ein hervorragendes Kühlmittel und man kann es auch sehr gut mit Tanklöschwagen auf die Autobahn oder die Landstraße bringen… die Batterie kann theoretisch bis zu 24 Stunden nach dem Brand wieder aufflammen“… man kann das Auto idealerweise in diesem Zeitraum „in einem Container mit Wasser lagern“. (Nefzger 2019).

Die deutsche Autoindustrie wird ein Stück weit „zu ihrem Glück gezwungen“:

  • In vielen anderen wichtigen Automärkten gibt es bereits jetzt Deadlines zur Neuzulassung von Verbrennern.
  • „Die EU hat die Flottengrenzwerte für den CO₂-Ausstoß verschärft. Das heißt, dass die Autos , die ein Hersteller verkauft ab 2020 im Durchschnitt nur noch 95 Gramm CO₂ pro Kilometer ausstoßen dürfen…. Die nächste Grenzwert-Verschärfung steht fünf Jahre später an.“ (Kühne 2019, 29)

Aktuelle Zulassungsquote von E-Autos:

  • „Gerade einmal 4.979 Elektroautos wurden im Oktober in Deutschland zugelassen, das sind nicht mal zwei Prozent der Gesamtzulassungen in diesem Monat. Zu wenige, um als Zulieferer alles auf diese Karte zu setzen.“ (Laskus 2019)


Abschließend ist hervorzuheben, dass die Akkus von E-Autos bzw. deren Rohmaterialien sowohl unter Umwelt-Gesichtspunkten als auch in ethischer Perspektive unter katastrophalen Bedingungen hergestellt werden.

Vgl. dazu den LLL-Beitrag Smartphones sind nicht smart. (Teil 2/2: Der ‚globale Impact‘ von Smartphones) Die allermeisten Aspekte sind hier weil für Smartphone-Akkus mehrheitlich die gleichen Rohstoffe benötigt werden 1:1 übertragbar.


Quellen des Abschnitts Autoindustrie und die E-Mobilität

>> Fischer, Linda u. Lüdemann, Dagny (2019): „Diese Phrasen zum Klimawandel müssen wir streichen. “ in: Die Zeit, 5.12.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-12/umweltschutz-klimawandel-aktivismus-ausreden-gewissen (Abrufdatum 6.12.2019)

>> Kühne, Benjamin (2019): „Autoindustrie im Wandel“. in: Fairkehr 5/2019, S. 28f.

>> Laskus, Marcel (2019): „E-Auto: Die Ruhe vor dem Strom“. In: Die Zeit, 4.12.2019, online unter https://www.zeit.de/2019/51/e-auto-elektromobilitaet-verkehrswende-saarland/komplettansicht (Abrufdatum 7.12.2019)

>> Nefzger, Emil (2019): „Elektroautos: ‚Brandgefahr mit der eines Verbrenners vergleichbar'“. [Interview mit Karl-Heinz Knorr, Branddirektor der Feuerwehr Bremen]. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/deutschland-brandgefahr-eines-elektroautos-mit-verbrennern-vergleichbar-a-1299267.html (Abrufdatum 2.12.2019)

>> n.n. (2019): „Deutsche Umwelthilfe: Dienstwagen-Ranking zeigt größte Umweltsünder“. in: Die Zeit, 9.12.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-12/dienstwagen-ranking-deutsche-umwelthilfe-umweltschutz (Abrufdatum 10.12.2019) [Ranking basiert auf Auswertung der DUH von Daten des Umweltforschungsverbundes ICCT, basiert also nicht auf den Herstellerangaben.]


Verkehr ist mehr als der tägliche Stau: 
Zusammenfassung: ‚Der Preis des motorisierten Individualverkehrs‘

Abschließend sei hier der Gesamtpreis unseres vermeintlichen Gewohnheitsrechts ‚Pkw‘ oder auch ‚MIV‘ (motorisierter Individualverkehr) illustriert:

„Die Unfallkosten liegen in Deutschland etwa so hoch wie die der vier Umweltkategorien zusammen. Oft übersehen: die Prozesskosten vor und nach dem Verkehr“.
Bartz/Stockmar, cc by 4.0 in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 31. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]


Abseits emotionaler Beweggründe à la „Die Liebe der Deutschen zum Auto“ vermag ich keine rationalen Gründe erkennen, dieses System weiter zu führen. Und mit Sentimentalismen kommen wir angesichts der drängenden Herausforderung der Klimakrise nicht weiter. Zeit loszulassen.

  • Nach meiner Wahrnehmung bietet das Ende des Verbrennungsmotors eine historische Chance, unsere Städte wieder zu lebenswerten, lebendigen, gesunden, Menschen-, Gender- und Flächen-gerechten Orten zu machen.

    • Katja Täubert und Lisa Feitsch heben in diesem Sinnzusammenhang hervor:

      • „Autoverkehr verdrängt menschliche Aktivitäten aus dem öffentlichen Raum und zerstört damit das Leben zwischen den Häusern – dort wo Begegnungen und Gemeinschaften entstehen sollten.
        • Unserer Kindern wollen entdecken und stromern. Darauf müssen sie verzichten, weil die Straßen zu gefährlich sind.
          • Wir verzichten auf frische Luft.
            • Wir verzichten auf Gemeinschaft im Kiez, wir verzichten darauf, mit unseren Nachbar*innen draußen Schach zu spielen, weil es keinen Ort für ein öffentliches Schachbrett gibt.
            • Wir verzichten auch darauf, Straßen, wo es uns beliebt, sicher queren zu können.
          • Wir verzichten auf Ruhe und darauf, nachts bei offenem Fenster schlafen zu können.
        • Wir verzichten darauf, gefahrlos und entspannt Fahrrad zu fahren.
      • Wir verzichten darauf, uns in unseren Städten alltäglich ausreichend sportlich zu bewegen zu können. Wir verzichten auf Platz – zum Wohnen, zum Gärtnern , zum Spielen, zum Entspannen.“ (2019, 19)

    • Merkwürdig, dass dieser Art von – m.E. heftigem Verzicht – nie und nirgends genannt wird, wenn die emotionale Verzichtsdebatte aufflammt.


Eine umfassende, klimagerechte, veritable Verkehrswende bedeutet weit mehr als einen bloßen Antriebswechsel – und schafft, wenn man Mobilität als Dienstleistung und nicht als Besitz eines Stahlkastens versteht, sehr viele neue, zukunftsfähige Arbeitsplätze.


Der VCD liefert eine Reihe von Zahlen zu zukunftsfähigen neuen Arbeitsplätzen:

  • ÖPNV in D = 157.000 Arbeitsplätze (davon 40.000 im Fahrdienst, 20.000 im technischen Dienst, 14.000 im käufmännischen Dienst. „Bis 2030 geht rund die Hälfte der Angestellten in Rente. Nur jede fünfte dieser Stellen kann durch Auszubildende wieder besetzt werden“.

  • Fahrradbranche D = 30.000 Mitarbeiter*innen Handel/Werkstatt

  • Lokomotiven etc. Produktion in D = 52.000 Menschen

  • Die Bahn will in den nächsten Jahren 100.000 Menschen einstellen (Kühne 2019, 26-27)

  • Aufbau der Ladestruktur Potenzial = 16.000 Arbeitsplätze (IAB-Studie)

  • Batterieproduktion Potenzial = fast 35.000 Arbeitsplätze (Fraunhofer Institut)

  • Digitalisierung/Vernetzung von Autos = Potenzial = 40.000 Arbeitsplätze (Fraunhofer Institut) (Grundannahme 23% E-Autoanteil) (vgl. Kühne 2019a, 26 u. Kühne 2019b, 28)

Quellen des Abschnitts Zusammenfassung: 'Der Preis des motorisierten Individualverkehrs'

>> Kühne, Benjamin (2019a): [Grafik ohne Titel]. in: Fairkehr 5/2019

>> Kühne, Benjamin (2019b): „Autoindustrie im Wandel“. in: Fairkehr 5/2019, S. 28f.

>> Täubert, Katja u. Feitsch, Lisa (2019): „Die Stadt als Einladung.“ in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 16ff. [Der Text ist ein Auszug aus dem VCD-Buch Mit Füßen und Pedalen. Hol dir deine Stadt zurück.



Der IST-Zustand: kaputtgespart zugunsten der Straße: Die Bahn bzw. das Schienennetz.

– under construction –

Grundlegendes.

Es ist vermutlich eine Frage der Zählweise, sodass die Angaben abweichen – aber die Botschaft ist klar:

  • „Zwischen 1994 und 2019 wurden nach Angaben des Schienenlobbyvereins Allianz pro Schiene Bahnstrecken mit einer Gesamtlänge von 3600 Kilometern stillgelegt, nahezu zehn Prozent des Netzes. Gleichzeitig seien jedoch auch 800 Kilometer für den Personen- und knapp 400 Kilometer für den Güterverkehr wieder in Betrieb genommen worden… 90 Prozent der stillgelegten Strecken liegen nach Branchenangaben in Ostdeutschland.“ (n.n. 2019)
  • „Mehr als 5400 Kilometer hat die Deutsche Bahn seit der Bahnreform vor 25 Jahren stillgelegt. Damit wurden rund 16 Prozent des gesamten Netzes aufgegeben.“ (Balser 2018)

Quellen des Abschnitts Der IST-Zustand: kaputtgespart zugunsten der Straße: Die Bahn bzw. das Schienennetz.

>> Balser, Markus (2018): “ Deutsche Bahn hat 16 Prozent ihrer Schienen stillgelegt „. in: Süddeutsche Zeitung , 29.12.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/deutsche-bahn-deutsche-bahn-hat-16-prozent-ihrer-schienen-stillgelegt-1.4268351?reduced=true (Abrufdatum 9.12.2019) [Paywall]

>> n.n. (2019): „Schienennetz: Deutsche Bahn will keine Strecken mehr aufgeben“. In: Die Zeit, 6.12.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-12/deutsche-bahn-schienennetz-strecken-stillgelegt (Abrufdatum 7.12.2019)


Damit kommen wir zum SOLL-Zustand:



Der SOLL-Zustand
Nachhaltige Mobilität: Grundlegendes

Grundlegendes:
Externalisierung von Kosten verhindert Verkehrswende

  • „Der Verkehr verursacht hohe Folgekosten, die auf die Allgemeinheit abgewälzt werden. Dazu gehören Schäden durch die Veränderungen des Klimas, die Verschmutzung der Luft, Verkehrsunfälle und Lärm. Diese sogenannten externen Kosten stehen weder auf der Tankquittung noch auf dem Flugticket, und sie fallen je nach Verkehrsmittel unterschiedlich hoch aus. Die externen Kosten abzuwälzen widerspricht aber dem Verursacherprinzip: Danach kommt für die Schäden auf, wer sie verursacht hat. In Deutschland können diese Kosten auf fast 150 Milliarden Euro im Jahr 2017 kalkuliert werden. Den größten Block machen mit 61 Milliarden Euro Unfälle aus.“ (Groll 2019, 30)

und:

  • „Aus ökonomischer Sicht verhindert die Externalisierung von Kosten einen fairen Wettbewerb zwischen den Verkehrsmitteln.“ (ebd.)


Eine erforderliche Konsequenz: Subventionsabbau von etwa 17 Milliarden Euro im Jahre 2017

>> vgl. Groll 2019, 31, Rechnung: 29 Mrd Euro – 12 Mrd Euro für Flugverkehr = 17 Mrd


Hinzu kommt:

  • Für Güterzüge muss in Europa jeder Gleiskilometer gezahlt werden.

    „Für Lkw wird zwar in einigen Ländern eine Maut gefordert, aber meist nur auf Autobahnen – alle anderen Straßen sind für sie frei“ (Bertram 2019, 32).



Grundlegendes:
Ein Auto steht i.d.R. 23 Stunden lang ungenutzt herum.

  • „Automobilität [ist] betriebs- wie volkswirtschaftlich unglaublich unrentabel… Oder kennen Sie Unternehmen, die ihre Produktionsanlagen 23 Stunden am Tag stillstehen lassen und sie dann auch noch äußerst ineffizient …[mit] einem durchschnittlichen Auslastungsgrad von 1,6 Personen pro Fahrzeug“ nutzen?“ (Rammler 2017, 16-17)


Warum wir uns mit Veränderungen gerade im Verkehrssektor so schwer tun – auch abseits der den Deutschen eigenen „Liebe zum Auto“:

  • „Ist … erst einmal ein stabiler Funktionsraum und ein neues kulturelles Leitbild entstanden, welche eine Technologie bevorzugen und in ihrer weiteren Entwicklung stabilisieren, so haben es Alternativen ab diesem Zeitpunkt sehr schwer, sich zu etablieren bzw. zu koexistieren.“ (Rammler 2017, 41)


Andererseits lässt die Strahlkraft des Autos als Statussymbol abseits des SUV-Hypes in den letzten Jahren deutlich nach, namentlich bei den Jüngeren:

  • 18- bis 24-Jährige ohne Auto-Führerschein 2010 = 14,2% | 2018 = 20,8% (vgl. Kosok 2019, 15)
  • Im Sinne unserer jüngeren Mitbürger*innen:

    Da geht doch in Zeiten der digitalen Vernetzung per „Sharing“ und multimodalen Verkehrssystemen mehr… nachhaltige Mobilität?


Grundlegendes:
Definition ‚Nachhaltige Mobilität‘

  • „[N]achhaltige Mobilität [lässt sich] definieren als die ökologisch verträgliche und sozial gerechte Gestaltung und Gewährleistung der Erreichbarkeit von Einrichtungen und Kommunikationszugängen auf der Grundlage nicht-fossiler energetischer Ressourcen.“ (Rammler 2017, 137)


In einfache Worte gefasst und als Ziel formuliert:

  • Es geht um nichts weniger als „um die Neuerfindung der Mobilität als postfossiles, dekarbonisiertes, sicheres und widerstandsfähiges System nachhaltiger Praktiken der Raumüberwindung“ (Rammler 2017, 10)


Und da geht so viel. Gerade im Hinblick auf digital geprägte, multimodale Verkehrskonzepte ist die Zukunft geradezu atemberaubend faszinierend, dass es m.E. kaum begreifbar ist, wie das mittelfristige Loswerden eines teuren, stinkenden, anfälligen MIV-Stahlkastens als ‚Verzicht‘ verstanden werden kann. „Seid doch froh, das Ihr diesen Klotz am Bein bald endlich loswerdet!“
Die Alternativen existieren – und müssen nun aufgebaut werden – je schneller und finanziell potenter, um so besser.
Für mich fühlt sich die Seelenlage (insbesondere der städtischen) Autofahrer*innen und Politiker*innen in erster Linie ängstlich und überaus fantasielos an.


So sieht es auch Stephan Rammler und weist auf den gern verdrängten aber doch engen Zusammenhang von Kriegen und fossilen Energieträgern hin:

  • „Die Ernsthaftigkeit unserer Bemühungen um das Weltklima und den Weltfrieden [ – Stichwort Krieg ums Öl – ] bemisst sich … an der Bereitschaft, etwas im Kern unserer privaten Lebensstile massiv zu verändern, einen ganzen Wirtschaftszweig mutig und radikal zu transformieren , ja, eine ganz Volkswirtschaft umzubauen. Die Neuerfindung … der Mobilität ist ein echtes Jahrhundertprojekt. Aber eines, um das es sich wirklich zu kämpfen lohnt, weil die segensreichen Wirkungen enorm sein werden“ (Rammler 2017, 20).

Quellen des Abschnitts Grundlegendes

>> Bertram, Rebecca (2019): „EU-Bahnverkehr: Lückenschluss für mehr Vernetzung“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. S. 32. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Groll, Stefanie (2019): „Kosten: Falsche Abrechnung – zahlen sollen die Anderen“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD, online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Kosok, Philip (2019): „Umweltverbund: Auf die sanfte Tour“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 15. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer.


Nachhaltige Mobilität:
Ländliche Gebiete in modernen Verkehrskonzepten mitdenken

Wenn man über neue Mobilität nachdenkt, reicht es nicht, Großstädte fit fürs 21. Jahrhundert zu machen; es bedarf einer grundlegend neuen umfassenden ÖPNV-Versorgung insbesondere der ländlichen Gebiete:

Die Deutschen leben zu … in Orten mit … Einwohner*innen:
70% = < 100.000 | 30% = > 100.000 || (genauer: 15% = < 5000 || 27% = 5000-20.000)
(Machowecz 2019, 52)


Und selbst wenn man das beste ÖPNV-Netz Europas aufbaute, gilt, dass es in ländlichen Gegenden vielfach ganz ohne Auto nicht gehen wird:

„Aber es scheint doch niemand gezwungen zu sein, ein [ein eigenes und zudem] besonders großes und leistungsstarkes Fahrzeug zu fahren… um mobil zu sein.“ (Rammler 2017, 73)

Quellen des Abschnitts Ländliche Gebiete in modernen Verkehrskonzepten mitdenken

>> Machowecz, Martin (2019): ‚Wenn Großstädter fordern, dass jede Kartoffel gehegt wird wie eine Zimmerpflanze auf St. Pauli, vergessen sie, dass Kartoffeln draußen auf dem Acker wachsen'“: in: Die Zeit, Nr. 25/13.6.2019, S. 52.

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 73.


Nachhaltige Mobilität:
Lernen von Vorbildern: Wie hat man es in Kopenhagen & Co gemacht?

  • „Als erstes, so [der Verkehrsexperte Stephan] Rammler, ‚hat Kopenhagen die Parkplätze verknappt und verteuert, dann die Fahrspuren neu aufgeteilt‘. Und dann hätten sie alles verknüpft mit einem funktionierenden, gut abgestimmten und auch optisch attraktiven öffentlichen Nahverkehr. Fast jeder zweite benutzt auf dem Weg zur Arbeit oder zur Ausbildung das Rad.“ (Bartsch et al. 2019, 16)

„Schwarzparken auf einem Radweg, und sei es nur für fünf Minuten, ist hier [in Kopenhagen] kein Kavaliersdelikt, sondern eine sehr teure Angelegenheit. Durch die strikte Kontrolle beweist die kommunale Exekutive Respekt vor den eigenen Plänen und Konzepten und zeigt. Wir meinen es wirklich ernst.“ (Rammler 2017, 127)

  • „Die Radwege sind breit, die grüne Welle ist auf Fahrradgeschwindigkeit eingestellt, es gibt Radschnellwege und Fahrradbrücken.“ (Drewes 2019, 13)

  • In Kopenhagen werden im Winter zuerst die Fahrradwege von Schnee und Eis geräumt. Andernfalls würde umgehend ein Verkehrskollaps drohen – wenn plötzlich ein Großteil der Radfahrer das Auto aus der Garage holen würde. []

Und die Niederlande? Das Traumland eines jeden Fahrradliebhabers?

  • Seit Hape Kerkeling wissen wir, dass „[i]n Norwegen … auf jeden Norweger 75 Elche, 90 Murmeltiere und 100 Blockhäuser“ (Kerkeling 1988, 19) kommen. In den Niederlanden kommen hingegen auf 17 Millionen Einwohner 23 Millionen Fahrräder (vgl. Harms 2019, 4).


Ausgaben pro Einwohner*in für Radinfrastruktur:

  • Stuttgart derzeit 5 EUR, geplant langfristig: 40 EUR
  • Darmstadt innerhalb von 4 Jahren jährlich 26 EUR
  • Kassel = 15 EUR
  • Kopenhagen = 36 EUR
    (vgl. Kühne 2019, 35)

Einer Greenpeace-Studie von 2018 zur Folge „gibt die Stadt Utrecht 130 Euro pro Einwohner für den Radverkehr aus, Berlin aber nur 4,50 Euro.“ (Linnert/Albrecht 2019, 20-21)


Weitere Vorbilder für infrastrukturelle Innovationen:

Die Liste von Innovationsmöglichkeiten und Infrastrukturen ist lang – und die meisten solcher Projekte kosten wesentlich weniger als herkömmliche ‚autofreundliche‘ Strukturmaßnahmen:

  • Große Fahrradparkhäuser – so steht in Utrecht nunmehr das größte Fahrradparkhaus für 12.500 Fahrräder (vgl. n.n. 2019),

  • „[e]in schwebender Radverkehrskreisel“ (Frommeyer 2019),

  • „ein intelligentes System, das Radfahrern anzeigt, ob sie schneller oder langsamer fahren müssen, um an der nächsten Ampel grünes Licht zu erwischen“: Auf dem Display erscheint:“Hase = Tritt in die Pedale. Schildkröte = Mach mal langsam. Daumen hoch = Nichts verändern. Kuh = Egal was du tust, die Ampel wird rot sein.“ (ebd.) –

Das alles geht in den Niederlanden.

Anderswo geht ebenfalls eine ganze Menge:

  • In Trondheim in Norwegen gibt es zur Bewältigung von bis zu 18%igen Steigungen „den Fahrradlift Cyclo Cable… Das Zugseil verläuft in einem Spalt in der Fahrbahn. Einen Fuß stellen die Radfahrer auf eine Metalllippe, die daraus hervorschaut. Der andere Fuß bleibt auf der Pedale stehen.“ (ebd.).

  • In Bogotá werden rund 75 Meilen inkl. Hauptstraßen und Autobahnen der Innenstadt zwischen 7 und 14 Uhr allsonntäglich und an Feiertagen autofrei. Und: „In Ottawa werden von Mai bis September ebenfalls sonntags Autos von einigen Straßen verbannt, genauso wie in der eigentlich alles andere als fahrradfreundlichen Megametropole Mexiko-Stadt.“ (ebd.)

  • Ampeltrittbretter und Ampelgriffe an Straßenrändern unweit der Ampeln. Das gibt es z.B. in Münster und Kopenhagen: Das kostet fast nichts. Es kann so einfach sein. (vgl. ebd.).


OMG, was man mit dem vielen Geld, dass derzeit in die Asphaltisierung Deutschlands gesteckt wird, machen könnte. Den Deutschen mangelt es m.E. bislang in vielerlei Hinsicht an Fantasie, Flexibilität und Pragmatik.


Quellen dieses Abschnitts Lernen von Vorbildern: Wie hat man es in Kopenhagen & Co gemacht?

>> Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019, S. 16.

>> Drewes, Sabine (2019): „Urbaner Raum: Von der autogerechten zur lebenswerten Stadt“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 13. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Frommeyer, Lena (2019): „Was Deutschland von echten Fahrradstädten lernen kann: Schwebende Kreisel und leuchtende Radwege“. in: Der Spiegel, 11.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/fahrrad-infrastruktur-was-deutschland-von-echten-fahrradstaedten-lernen-kann-a-1299956.html (Abrufdatum 11.12.2019)

>> Harms, Lucas et al. (2019): Cycling Facts. Hrsg. vom Ministry of Infrastrucure and Water Management, S. 4, online unter https://www.government.nl/documents/reports/2018/04/01/cycling-facts-2018 (Abrufdatum 11.11.2019)

>> Kerkeling, Hape (1988): Hannilein & Co. Texte, Sketche, Parodien. rororo. S. 19.

>> Kühne, Benjamin (2019): „Die Verkehrswende von unten hat schon begonnen.“ in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 35. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Linnert, Uta u. Albrecht, Tim (2019): „Nicht von heute auf morgen“. in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 20f.

>> n.n. (2019): „12.500 Stellplätze: In Utrecht steht das größte Fahrradparkhaus der Welt“. in: Der Spiegel, 20.8.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/niederlande-in-utrecht-steht-das-groesste-fahrradparkhaus-der-welt-a-1282790.html (Abrufdatum 11.12.2019)

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 127.



Nachhaltige Mobilität:
Thema „365-Euro-Ticket/Kostenloser Nahverkehr“

Der Vorstandschef der Hamburger Hochbahn AG, Henrik Falk, hält weder kostenlosen Nahverkehr noch das 365 EUR-Ticket für zielführend:

  • „Das eigene Auto sei immer teurer als eine Monatskarte. ‚Die Marktforschung zeigt, dass der Preis nicht an oberster Stelle steht, sondern Qualität, Sicherheit, Bequemlichkeit, Pünktlichkeit.’… wie man aus Autofahrern Fahrgäste macht: das Angebot verbessern, das Streckennetz erweitern, die Taktfolge verkürzen.“ (Bartsch et al, 2019, 20.)

Ein Zwischengedanke

A. Scheuer „berichtet von der ‚größten Radreform seit 20 Jahren'“ und bekräftigt das mit den folgenden Worten:

„Wir wollen Gas geben.“

>> A. Scheuer zitiert in Bartsch et al, 2019, S. 20. – nebenbei: Wenn vorher etwas ganz, ganz lange vernachlässigt wurde, erscheint jedes noch so kleines Reförmchen wie eine ausgewachsene Reform.

>> Quelle: Bartsch, Matthias et al. (2019): „Mobil ohne Stau“. in: Der Spiegel, Nr. 27/29.6.2019.


Nachhaltige Mobilität:
Thema ‚City Maut‘

  • „London beziffert den Effekt der City-Maut auf ein täglich um 20 Prozent oder 60.000 Fahrzeuge verringertes Verkehrsaufkommen im City-Gebiet, eine Beschleunigung des Verkehrsflusses um 37 Prozent und die Einsparung von 150.000 Tonnen CO₂ pro Jahr.“ (Rammler 2017, 129)

City-Maut-Systeme gibt es auch in Madrid, Oslo, Chengdu, Paris, Athen, Brüssel, Mexico City und Vancouver (vgl. ebd.) – Keine dieser Städte ist dafür bekannt, dass die Wirtschaft darunter gelitten hätte o.ä.).


Was ist zu tun?

  • Schrittweise Einkassierung des sog. „Dieselprivilegs“: „Durch die aktuelle Subventionierung des Dieselkraftstoffs verzichtet der Fiskus jedes Jahr auf etwa 3,5 Mrd. Euro Steuereinnahmen.“ (Rammler 2017,147)
  • Eine weithin sichtbare Kennzeichnung der Schadstoffklasse von Autos, um z.B. in Innenstädte nur noch umweltverträgliche Autos hineinzulassen (vgl. ebd. 148)
  • ein Planungssicherheit gebendes Ausstiegsdatum aus dem Verbrennungsmotoren bei Neuwagen.


>> Quelle dieses Abschnitts: Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 129.


Nachhaltige Mobilität:
Fahrräder, Lastenräder, E-Bikes etc.

Eine funktionierende ausgebaute Radinfrastruktur ist ökosozial.

Manfred Unfried:

  • „Ich habe ein … Vermögen gespart, weil ich meine Alltag mit dem Rad erledige. Insofern ist eine aktive Fahrradpolitik, wie sie bei uns in den Niederlanden Standard ist, natürlich auch Sozialpolitik.“

  • „[D]ie staatlich verordnete Abhängigkeit vom Auto [ist] aufgrund fehlender Alternativen gerade für Leute mit bescheidenem Einkommen absolut unsozial. Denen frisst schon der Unterhalt die Haare vom Kopf.“ In Deutschland spielen viele Eltern Taxi, „weil es die Infrastruktur nicht zulässt, die Kinder sorgenfrei mit dem Rad fahren zu lassen. In diesem Sinne ist ökosoziale Radwirtschaft gerade im Interesse der weniger Begüterten… Immer wenn ich Senioren in elektrischen Rollstühlen auf unseren [in Holland] abgetrennten Radwegen in die Innenstadt fahren sehe, fällt mir auf, dass auch das in Deutschland in den meisten Orten nicht möglich ist, Die Fahrradstadt verhilft eben auch Menschen mit Behinderung zu einem selbstständigeren Leben. Dennoch wird so getan, als ob Radinfrastruktur irgendwie Luxus sei.“ (2019, 46)


>> Quelle dieses Abschnitts: Unfried, Martin (2019): „fairkehrt“. [Kolumne]. in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 46.


Nachhaltige Mobilität:
Bike Sharing: Mietfahrräder & Co

In vielen Städten Deutschlands gibt es mittlerweile Services wie „Call a Bike“ oder „Stadtrad“.

Seit neuestem spielt auch das niederländische Startup Swapfiets mit um die Gunst der Fahrradkund*innen:

  • Swapfiets – das sind die Räder mit dem blauen Vorderreifen – bietet für ca. 18 bis 20 Euro ein dauergeliehenes Fahrrad an. Wird das ‚Fiets‘ (Fahrrad) beschädigt, ’swap’t (tauscht) oder repariert die Firma das Fahrrad innerhalb von 24 Stunden. Ein gestohlenes Rad wird für eine Gebühr von 60 Euro ersetzt.


Steven Uitentuis, Mitbegründer des Unternehmens, das bis Ende 2019 mit 200.000 Kund*innen rechnet:

  • „Wenn es dein Fahrrad ist, ist es dein Problem. Bei uns hat der Kunde sein eigenes Fahrrad, die Probleme aber haben wir“.


>> Quelle dieses Abschnitts: Mast, Maria (2019): „Start-up: Warum noch ein Fahrrad kaufen?“. in: Die Zeit online Arbeit, 11.11.2019, online unter https://www.zeit.de/arbeit/2019-11/start-up-swapfiets-fahrrad-verleih/komplettansicht (Abrufdatum 11.11.2019) [In diesem Artikel wird auch darauf hingewiesen, dass es weitere Anbieter mit ähnlichen Geschäftsmodellen gibt]


Nachhaltige Mobilität:
‚Lebenswerte Stadt‘: Wem gehört eigentlich die Stadt?

„Lebensqualität bleibt in Städten… dort erhalten, wo Menschen zu Fuß gehen oder auf Plätzen sitzen können, um Passanten zu beobachten. Dieser öffentliche Raum, urteilt [der Verkehrswissenschaftler Tilman] Bracher, wurde systematisch vernichtet.“ (Bartsch et al, 2019, 20.)

  1. der Bürgerin/Anwohnerin, die das Recht hat gesund zu leben, vgl. Luftqualität, Lärm und Unfallgefahr –
    und in diesem Sinne gehört die Stadt weiterhin, in dieser Rangfolge:
  2. dem Fußgänger,
  3. der Radfahrerin, dem Lastenradfahrer, der E-Bikerin,
  4. dem ÖPNV-Nutzer in S- und U-Bahn, Straßenbahn, Bus und Nahverkehrszug – allesamt möglichst emissionsfrei betrieben
  5. dem täglich zeitlich begrenzten Lieferverkehr,
  6. der Handwerkerin, die ohne Auto oftmals nicht tätig sein kann,
  7. dem Carsharer und (Sammel-)Taxifahrer,
  8. der emissionsfrei Verkehrsteilnehmerin via E-Vespa, Batterie oder Brennstoffzelle
  9. dem fossilen Kraftradfahrer inkl. Vespas & Co und
    ganz zuletzt derjenigen, die alle vorgenannten in einem lebenswerten, gesunden Leben gefährdet:
  10. der Autofahrerin, ggf. gestaffelt nach Autotyp und Schadstoffklassen.

Und nur weil das bislang jahrzehntelang und/oder mehrheitlich anders gesehen wurde und/oder wird, bedeutet das noch lange nicht, dass es richtig ist.


Worum geht es?

Es geht darum, eine lebenswerte Stadt zu befördern, in der Bürger*innen ohne vermeidbare Luftverschmutzung, Lärm und Unfallgefahr leben können – und Platz für Muße und Freizeitaktivitäten haben.

Ein Zwischengedanke:

>> „First we shape the cities and then they shape us.“

Stadtplaner Jan Gehl
zitiert in Täubert/Feitsch 2019, 17.


Die Stadt ist unser gemeinsames öffentliches Wohnzimmer (vgl. Täubert/Feitsch 2019, 17).

Und wie es mit einem Wohnzimmer so ist – es muss von uns gestaltet werden, damit wir uns darin wohl fühlen.

  • „Laut den Vereinten Nationen (UN) leben heute 55 Prozent der Menschen weltweit in Städten. Bis 2050, schätzt die UN, soll diese Zahl auf 68 Prozent steigen. Die Stadt wird Lebensraum für immer mehr Menschen“ (ebd.). Wohlgemerkt: 68% bezieht sich auf die dann lebende Anzahl von Menschen. Wir Bewohner*innen der Städte „müssen sie uns als unser aller gemeinsames, öffentliches Wohnzimmer vorstellen. Ein Ort, an dem wir gerne andere Menschen treffen , an dem wir flanieren, entspannen, Neues entdecken. Ein Ort für Gemeinschaft, Erledigungen, Abenteuer und Bewegung (ebd.).

  • Der Autor und Journalist Charles Montgomery „kommt zu dem Schluss, dass Menschen sich in ihrer Stadt wohlfühlen, wenn sie das Gefühl haben, in einer Gemeinschaft zu leben und wenn sie sich ihren Nachbar*innen und Fremden gegenüber sich fühlen.“ (ebd.)

  • „Jane Jacobs, die berühmte Gegnerin der autogerechten Stadt… sagt: ‚The trust of a city is formed over time from many, many little public sidewalk contacts'“. (ebd.)

  • Zurzeit „ist der Raum zwischen den Häusern kaum mehr als eine Fahrbahn für Autos und ein riesiger Parkplatz. Unser Wohnzimmer ist so gestaltet, als würde zu wenig und zu unbequeme Stühle an der Wand stehen, kein Tisch, kein Teppich, kein Licht, und in der Mitte rasen Autos mit 50 km/h durch.“ (ebd., 19)

  • Und, das sollten wir nicht vergessen in diesem Bild:

    „Und immer mal erwischt es einen von uns, wenn er zur anderen Seite des Raumes will.“ (ebd.).

Quellen des Abschnitts 'Lebenswerte Stadt': Wem gehört eigentlich die Stadt?

>> Täubert, Katja u. Feitsch, Lisa (2019): „Die Stadt als Einladung.“ in: fairkehr. Mensch. Nachhaltig. Mobil. Das VCD-Magazin 5/2019, S. 16ff. [Der Text ist ein Auszug aus dem VCD-Buch Mit Füßen und Pedalen. Hol dir deine Stadt zurück.


Nachhaltige Mobilität:
(Weitere) Vorschläge und Anregungen für eine nachhaltige und klimagerechte Verkehrswende

  • Nachtzugverbindungen reaktivieren und innereuropäisch ausbauen. Zudem wäre es sinnvoll, den Komfort von Nachtzügen dem 21. Jahrhundert anzupassen.

    • Die Deutsche Bahn will auch Ende 2019 nicht zurück zu Nachtzügen, obwohl die Nachfrage perspektivisch steigen wird – und die ÖBB, die vor drei Jahren eine Reihe von Nachtzuglinien von der DB übernommen haben, sind rentabel. (vgl. n.n. 2019a)

  • Reaktivierung von stillgelegten Regionalstrecken und darüber hinaus Anschluss von weiteren Gemeinden an das Bahnnetz.

  • Förderung grenzüberschreitender Regionalverbindungen von Bahnen.

  • Einführung von Normen, die genau vorschreiben, wie groß, breit, hoch, tief, schwer und mit welcher PS-Stärke ein privates, gewerbliches oder als Dienstauto genutztes Nicht-Nutzfahrzeug sein darf, um in Deutschland zugelassen zu werden unter Einschluss der Wohn- und Steuerortes der Fahrzeughalterin bzw. des Fahrzeughalters. D.h. es geht um die faktische Einstellung der Produktion von SUV/Geländewagen für den deutschen Markt für alle Nicht-Nutzfahrzeughalter*innen unabhängig vom Antrieb des Wagens. Unnötiger Ressourcenverbrauch bei Bau und Betrieb in Zeiten der Klimakrise, Platzverbrauch insbesondere in den Städten und grundsätzlich auch die Unfallgefahr für andere Verkehrsteilnehmer*innen sind hinreichende Gründe für eine solche Maßnahme.

  • Quartiersboxen, in denen Lieferungen postal zugestellt werden können, z.B. für Einzelhandelslieferungen oder auch aus dem Online-Handel (vgl. München)

  • keine Hauslieferungen mehr von Paketen unter einem Gewicht von x Kilogramm, stattdessen Ausbau der Auslieferung an den in Nachbarschaft befindlichen Kiosk u.ä.

    • Folge: weniger Lieferverkehr von diversen, konkurrierenden Unternehmen, die oftmals niemanden antreffen und – u.U., nach mehreren Zustellungsversuchen – dann das Paket ohnehin irgendwo an einen Kiosk o.ä. liefern.

    • In diesem Sinne: Ist eine tägliche Postauslieferung an den eigenen Briefkasten noch zeitgemäß? Wäre es nicht an der Zeit, amtliche Online-Briefkästen einzurichten und/oder Briefe (außer Sendungen, deren persönliche Empfangsbestätigung erforderlich ist, das bliebe dann einer Art ‚Telegrammboten‘ überlassen) ebenfalls an den nächstgelegenen Kiosk auszuliefern? Wie viele ‚echte‘ Briefe erhalten Sie noch pro Monat? Pardon, auch wenn es Arbeitsplätze kostet, brauchen wir im digitalen Zeitalter in der Stadt wirklich noch den traditionellen Briefträger? vgl. Kanada, Dänemark.

  • Wer sagt eigentlich, dass ländliche Busse nur Passagiere befördern sollen/dürfen? „Der ‚KombiBus‘ in Brandenburg zum Beispiel befördert auch Fracht nach Fahrplan und stellt so für den Betreiber eine weitere Einnahmequelle da.“ (Herget 2019, 20)

  • Zersiedelung deckeln: Gemeint ist, dass die Städte immer weiter ‚ausfransen.“

    • „Derzeit werden pro Tag jedoch knapp 60 Hektar als Siedlungs- und Verkehrsflächen neu ausgewiesen – häufig für Einfamilienhaussiedlungen am Rande wachsender Ballungsräume. Solche Flächen kann der ÖPNV schlecht erschließen. So wird der motorisierte Individualverkehr oft noch zusätzlich angekurbelt. “ (Herget 2019, 21)

    • Eine regionale Mobilitätsgarantie wie in der Schweiz sowie eine Pflichtanbindung neuer Siedlungen an den ÖPNV ist anzustreben (vgl. ebd.).

  • Inklusion ohne (eigenes/spezielles) Auto ermöglichen: Laut Mobilitätsatlas 2019 ist in London „jedes lizensierte Taxi rollstuhlgerecht und mit Hilfsmitteln ausgestattet, etwa mit anleg- oder ausklappbaren Rampen für den Ein- und Ausstieg und mit großen Handgriffen.“ (Krüger 2019, 40-41)

  • Multimodale Mobilität fördern: Entwicklung eines ‚MobilPasses‘, einer Plattform auf denen Reisen komplett, unabhängig vom Anbieter und Verkehrsverbund, geplant und gebucht werden können. In Finnland gibt es hier schon eine entsprechende App namens „Whim“ (vgl. n.n. 2019b, 27).

Quellen des Abschnitts (Weitere) Vorschläge und Anregungen für eine nachhaltige und klimagerechte Verkehrswende

>> Herget, Melanie (2019): „Ländliche Räume: Wenn die Wege immer weiter werden“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 20. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Krüger, Anja (2019): „Inklusion: Fortkommen für Alle“. in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 40-41. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> n.n. (2019a): „Schlafwagen: Deutsche Bahn bleibt beim Nein zu Nachtzügen“. in: Die Zeit, 6.12.2019, online unter
https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-12/schlafwagen-nachtzuege-deutsche-bahn-umweltbilanz (Abrufdatum 6.12.2019)

>> n.n. (2019b): „Mobilität: Bequemer buchen fürs Klima“. in: Der Spiegel, 45/2.11.2019, S. 27.


Mobilität: Situation im globalen Süden.

Die Luftverschmutzung, hervorgerufen insbesondere durch Energiegewinnung und Autoverkehr, hat in den großen Städten des globalen Südens und Chinas, teilweise lebensverachtende Ausmaße angenommen.
Es gibt natürlich weitere Gründe, darunter das heimische offene Feuer zum Wärmen und Kochen, aber Fakt ist, dass laut WHO jährlich

  • 4,2 Millionen Menschen aufgrund von Luftverschmutzung sterben (vgl. n.n. 2019a)


Allein in den Städten Indiens, die in der Top 20 der Städte mit der meisten Luftverschmutzung maßgeblich prägen, gibt es aufgrund von hochgradiger Luftverschmutzung „mehr als eine Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr“ (n.n. 2019b).


In Neu-Dehli wurde im November 2019 für mindestens zwei Wochen der Gesundheitsnotstand ausgerufen:

  • „Private Autos dürfen nur an wechselnden Tagen auf den Straßen fahren, je nachdem, ob sie Nummernschilder mit geraden und ungeraden Zifferkombinationen haben. Schulen bleiben geschlossen, Baustellen wurden stillgelegt.“ (n.n. 2019b)
  • „In Deutschland gilt [für Feinstaubpartikel der Partikelgröße PM 2,5] ein durchschnittlicher Grenzwert von 20 Mikrogramm. Bei einer Überschreitung von 50 Mikrogramm werden in einigen Großstädten Fahrverbote verhängt“. (ebd.)

Neu-Dehli = aktuell 900 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (vgl. ebd.)

Quellen des Abschnitts Mobilität: Situation im globalen Süden

>> n.n. (2019a): „Ambient air pollution – a major threat to health and climate“. in: WHO, online unter https://www.who.int/airpollution/ambient/en/ (Abrufdatum 4.11.2019)

>> n.n. (2019): „Gesundheitsnotstand: Neu-Delhi verhängt jetzt auch Fahrverbote“. in: Der Spiegel, 4.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/indien-fahrverbote-in-neu-delhi-wegen-schlechter-luft-verhaengt-a-1294708.html (Abrufdatum 4.11.2019)



Nächster Abschnitt:

Fliegen, Kreuzfahrten

CO₂-Emissionen in Deutschland: Mobilität – herausgegriffen: Der Flugverkehr.

Klimakiller Flugverkehr.

>> Wir müssen reden. Über den Klimakiller Flugverkehr.


Zum Unterschied zwischen Überfluss(gesellschaft) und Wohlstand(sgesellschaft):
Dekadenz ist, wenn Luxus nicht mehr als selbiger angesehen, sondern als ’normal‘ und selbstverständlich empfunden wird.



Einleitung.

Viele Deutsche denken über sich, dass sie relativ umweltbewusst sind – aber wehe, man schneidet das Thema ‚Fliegen‘ an auf einer Party/bei einer Diskussion… Dann geht es schnell hochemotional zu. Verständigen kann man sich – wenn es gut läuft – maximal darauf, dass Fliegen das zu kosten hat, was es kostet.


Das reicht nicht, denn:

  • „Fernreisen mit dem Flugzeug sind … die mit Abstand klimaschädlichste Art der Fortbewegung.“ (Spiegel, 2016)
  • „Fliegen ist die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen“. (Umweltbundesamt, 2016)
  • „Flugreisen sind die ökologische Keule.“ (Süddeutsche Zeitung, 2019)
  • „Klimakiller Flugzeug: Kein Verkehrsmittel heizt das globale Klima so stark auf wie das Flugzeug.“ (BUND, 2019)
  • „Fliegen ist… eine Katastrophe für die Umwelt.“ (ZEIT, 2018)

Quellen der Zitate

>> Seidler, Christoph (2016): „Klimawandel: Flug nach San Francisco – fünf Quadratmeter Arktiseis weg“. in: Der Spiegel, 3.11.2016, online unter http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-so-lassen-flugreisen-die-arktis-schmelzen-a-1119451.html (Abrufdatum 29.5.2019)

>> n.n. (2016): „Flugreisen“. in: Umweltbundesamt, 11-2016, online unter https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/mobilitaet/flugreisen#textpart-2 (Abrufdatum 29.5.2019)

>> Schlegel, Martin (2019): „Klimakiller Flugzeug“. in: BUND Nord, online unter https://www.bund-berlin.de/themen/mobilitaet/flugverkehr/klimafolgen-flugverkehr/ (Abrufdatum 29.5.2019)

>> Geier, Moritz (2019): „Flugreisen sind die ökologische Keule“. in: Süddeutsche Zeitung, 25.1.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-alltag-1.4296574?reduced=true (Abrufdatum 29.5.2019) [Paywall]

>> Ahr, Nadine, Asendorpf, Dirk u. Pinzler, Petra (2018): „Flugverkehr: Die Hölle am Himmel“. in: Die Zeit, 8.8.2018, online unter https://www.zeit.de/2018/33/flugverkehr-fliegen-flughafen-chaos-billigflieger-vielflieger/komplettansicht (Abrufdatum 29.5.2019)


Frage: Warum gelten Flugreisen als Klimakiller, wenn doch andere Industrien/Lebensbereiche mehr prozentuale Anteile am weltweiten CO₂-Ausstoß haben?

Die Antwort ist simpel:

  1. Der CO₂-Austoß pro Flugkilometer pro Person ist mit 201 Gramm pro Personenflugkilometer (Pkm) (siehe unten) ungleich höher als bei jeder anderen Form von Mobilität und findet zudem in einem besonders sensiblen Bereich der Atmosphäre statt.
  2. Im Gegensatz zu CO₂-intensiven menschlichen Grundbedürfnissen wie Ernährung und Heizen ist Flugverkehr letztlich zu einem guten Teil: verzichtbar.

Anders ausgedrückt: Flugreisen sind Luxus. Heizen und Essen nicht.


En détail:

Flugverkehr verursacht mindestens 5% der weltweiten CO₂-Emissionen. (Bartz 2016)

5%? – Andere Statistiken liefern andere Zahlen:

  • „Eine neue Untersuchung i.A. der Europäischen Kommission hielt einen doppelt so hohen Anteil [ergibt 7 Prozent] für realistisch und einen Anteil von bis zu 12 Prozent für möglich.“ (Lege et al. 2005)

  • „Rechnet man diese Wirkungen [wie Flughöhe etc.] mit ein, gehen fast zehn Prozent der deutschen Verantwortung für die [CO₂-verursachte] Erderwärmung aufs Konto der Luftfahrt – das ist fast so viel wie der Autoverkehr.“ (Kretzschmar/Schmelzer 2019)

  • Die Europäische Umweltagentur errechnete hinsichtlich der zivilen Luftfahrt für 2016 einen Anteil von 13,5% an den europäischen CO₂-Emissionen. (vgl. Ilg 2019).

Ob der Anteil des Flugverkehrs an den globalen CO₂-Emissionen nun 5%, 7%, 10% oder auch „bis zu 12%“ beträgt – diese Emissionen werden von sehr, sehr wenigen Menschen erzeugt:

  • „4,3 Milliarden Passagiere wurden 2018 weltweit befördert, rechnerisch etwa jeder zweite Bewohner der Erde.“ (Bartsch 2019, 79, vgl. n.n. 2019a)

Aber:

„Lediglich drei Prozent der Menschheit sind im Jahr 2017 geflogen. Nur 18 Prozent haben überhaupt schon mal ein Flugzeug betreten. Einfach gesagt: Ein paar wenige Privilegierte fliegen das Klima kaputt.“ (Weßling 2019)

  • „Privilegierte“ meint hier Menschen der reichen Länder und hier noch einmal herausgegriffen besonders die reichen Menschen der reichen Länder:


Der Volkswirt und Umweltökonom Niko Paech erwähnt in seinem Buch Befreiung vom Überfluss, dass allwochenendlich 10.000 Menschen – das sog. „entgrenzte Easyjet-Weltbürgertum“ (Paech 2012, 52) – aus der ganzen Welt in Berlin einfliegen.

  • „Und warum? Nur weil hier ein vermeintlich besserer DJ auflegt als in Madrid, Tel Aviv, New York, Stockholm oder von wo aus sich die hedonistische Internationale gerade auf den Weg begibt.“ (ebd.)


Die Präsidentin des Umweltbundesamtes (UBA), Maria Krautzberger, meint zum gleichen Thema:

  • „Das Umweltbewusstsein spielt [bei der Höhe der individuellen CO₂-Bilanz] nur eine geringe bis gar keine Rolle. Entscheidend für den CO2-Verbrauch ist das Einkommen: Steigt es, steigen auch die Ansprüche – und klimaschädliche Taten. Oder, wie es die Studie sagt: ‚Menschen aus einfacheren Milieus, die sich selbst am wenigsten sparsam beim Ressourcenschutz einschätzen und die ein eher geringeres Umweltbewusstsein haben, belasten die Umwelt am wenigsten.‘


Das ‚grüne Gewissen‘ blendet die Tatsachen aus:

Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen,

sagt Maria Krautzberger, Präsidentin des UBA [Umweltbundesamtes].“ (Hamann 2016)

> UBA (Umweltbundesamt): Der Regierung zuarbeitende wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium: sehr fundierte Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/

> s.a. Aspekt ‚individuelles CO₂-Budget‘ in Abschnitt Globales und individuelles CO₂-Budget: Emissionen pro Person pro Jahr, aufgesplittet nach Einkommen.


Der Spiegel kommentiert wie folgt:

  • „Wenn eine bestimmte Bevölkerungsgruppe das Klima ruiniert, dann sind es die gut verdienenden Akademiker, die ihren Kindern mal eben in den Sommerferien die Welt zeigen, zwei Autos und noch eine Vespa für die Sommersaison besitzen und eine 200-Quadratmeter-Wohnung beheizen.“ (Hage et al. 2019, 18)


Das bedeutet, dass viele Menschen, die von sich selbst glauben, sich ‚grün‘ bzw. umweltbewusst zu verhalten, sich hier überschätzen.

Dass nun Grüne mit dem SUV beim Biomarkt vorfahren, ist derweil statistisch so nicht zu bestätigen:

  • „SUV-Fahrer gaben [in einer entsprechenden Umfrage] … besonders häufig an, konservativ (1,3 mal öfter als der Durchschnitt) oder rechts eingestellt zu sein (1,41 mal so oft wie in der Gesamtbevölkerung)“ (n.n. 2019b)


Würden ausschließlich SUV-Fahrer*innen den Bundestag wählen, sähe es so aus (in Klammern das deutsche Ergebnis der Europawahl 2019):

CDU/CSU 35,6% (28,9%) | AfD 16% (11%) | FDP 11,4% (5,4%) (vgl. ebd. und n.n. 2019c)

Gleichwohl ist es selbstredend so, dass auch ‚Grün-Wählen‘ nicht gleichbedeutend ist mit einem konsistenten, vorbildlichen Umweltverhalten. Eine Umfrage vom Juni 2019 zeigt, dass grüne Wähler*innen dem Fliegen nicht abschwören und der Aussage „Ich bin in den letzten 12 Monaten in ein Flugzeug gestiegen“ etwa genauso oft zustimmen wie FDP-Wähler*innen und etwa 5% mehr als Unions-Wähler*innen.“ Leider versäumen Demoskopen genauer nachzufragen, wie oft wählende Bundesbürger*innen jährlich in ein Flugzeug steigen und wie viele Flugkilometer sie dabei zurücklegen – hier könnte sich durchaus ein anderes Bild ergeben, denn die solventen CDU-Rentner*innen benötigen ja – wenn sie nicht gerade auf ‚Malle‘ sind – die Zubringerflüge zu ihren Kreuzfahrten.

  • Dass Grüne fliegen „erklärt sich zumindest teilweise durch die gesellschaftliche Stellung von Grünen-Wählern. Die sind vergleichsweise jung, gut ausgebildet und gut verdienend. ‚Alles Merkmale, die positiv mit einer Nutzung des Flugzeugs zusammenhängen dürften'“ (Böcking 2017) – über den Zusammenhang „Gutsituierte belasten das Klima stärker – weil sie es können“, siehe hier. [] (vgl. Vogt 2019)


Grüne fliegen, nicht schön, aber mein Gott, mir würden auch tausende von Beispielen einfallen zum Thema ‚inkonsequentes Verhalten von Unions-Anhänger*innen‘, ich lass es. Dass indes auf diesem Thema so heftig herumgehackt wird – es wird quasi 2019 in JEDER entsprechenden TV-Diskussion erwähnt -, beruht auf diesem stetigen Kindergarten-mit-dem-Finger-auf-die-Anderen-zeigen. Ein Ablenkungsmanöver.


„Die andern, die andern“ ist ein reines Schein-Argument:

  • Jede(r) von uns hat Unschärfen – und jeder hat für sich und sein Handeln selbst gerade zu stehen.
  • Jede(r) hat bei sich anzufangen, sich an die eigene Nase zu fassen.
  • Jede(r) ist für sich selbst verantwortlich – und hat die Wahl, ob sie/er sich als Idiot gegenüber dem Planeten, der ihm das Leben schenkt – oder nicht.

  • Die Qualität eines Arguments oder ein dargestellter Sachverhalt wird nicht besser oder schlechter, weil die vorbringende Person evtl. Wasser predigt und Wein trinkt.

Komischerweise finden Menschen es regelmäßig schlimmer, wenn jemand im Verdacht steht vorzugeben, besser zu sein als er ist, als wenn die gleiche Person lügt oder ihr alles egal ist. Wenn jemanden der Fortbestand der Erde egal ist, ist das nach menschlicher Unlogik sein gutes Recht. Menschen sind merkwürdig.

>> vgl. Nguyen-Kim, Mai Thi (2018): „Die schlechtesten Argumente im Internet“. in: maiLab, 31.10.2018, online unter https://www.youtube.com/watch?v=AlSmcBbT15Y (Abrufdatum 30.9.2019)


Ein Zwischengedanke:

Als Klima-Arsch tritt man das Wunder des Lebens mit Füßen.

Marc Pendzich zugeschrieben.


Nicht zu unterschätzen:
Der ‚Rebound-Effekt‘

Der Begriff ‚Rebound-Effekt‚ beschreibt die Eigenart des Menschen,

  • sich z.B. ein sparsameres Auto zu kaufen, aber dann damit mehr zu fahren.
    = direkter Rebound-Effekt oder auch „Direktrebound‘;

  • durch umweltverträgliches Verhalten eingespartes Geld für etwas anderes rauszuhauen, was man sich sonst nie gekauft hätte;
    = ‚indirekter Rebound[-Effekt]‘

    oder

  • Zeitspartools (wie das Smartphone) so zu nutzen, dass er am Ende deutlich mehr Zeit verbraucht als ohne. (vgl. Paech 2012)



>> Der Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität:

> Definition „Effizienz“: Wirtschaftlichkeit, rationeller Umgang mit knappen Ressourcen.

> Definition „Effektivität“ = Wirksamkeit, Maß für es beschreibt das Verhältnis zwischen erreichtem und zuvor definiertem Ziel.

> Erläuterung: Es mag sein, das eine Firma dank neuer Maschinen, die pro Produkt weniger Ressourcen verbrauchen, effizienter produziert – Wenn sie aber dadurch mehr Produkte produziert, ist der gewünschte Effekt – das Einsparen von Ressourcen – nicht eingetreten.

Auch beim Flugverkehr gibt es diesen ‚Rebound-Effekt‘. So „ist der Treibstoffverbrauch pro Passagier seit 1990 um 43 Prozent gesunken… Doch diese Fortschritte werden zunichte gemacht, weil die Zahl der Flüge viel schneller zunimmt als der Pro-Kopf-Verbrauch sinkt.“ (Groll 2019, 38)


In Unkenntnis und aufgrund des nicht-so-genau-Wissen-wollens um unsere wirklichen CO₂-Effekte unseres Verhaltens neigen wir dazu, uns für umweltverträgliches Verhalten irgendwann in anderem Zusammenhang zu belohnen – wir denken dann in etwa so was wie:

  • „Wenn ich das ganze Jahr ‚Bio‘ kaufe und Plastik meide, habe ich so viel für die Umwelt getan und meinen Beitrag geleistet, dann kann ich jetzt auch mal ins Flugzeug steigen.“



Und genau das ist – gerade im Zusammenhang mit Fliegen – ein krasser Fehlschluss:

Der effektivste Hebel, der uns zur Optimierung unseres persönlichen CO₂-Abdrucks zur Verfügung steht, ist die Änderung unseres Reiseverhaltens.

  • Weil Flugreisen den größten Impact haben.
  • Weil Kreuzfahrten – gemeint sind hier insbesondere die mit Hin- und Rückflug – der ökologische Doppelschlag sind (s.u.).
  • Weil Reisen unsere Urlaubszeit betreffen und somit losgelöst sind vom Alltag – und daher entsprechende Emissionen vergleichsweise leicht auf Null gefahren werden können.


Schlussbemerkung:

Am 10.12.2019 war ich in Hamburg bei der Veranstaltung ‚Zwischen 25. UN-Klimakonferenz und Hamburger Klimaplan‘. Rund 340 Gäste, die gebeten wurden während der Veranstaltung per App mitzuteilen, mit welchem Verkehrsmittel sie angereist sind. Viele kamen per ÖPNV – genau
eine einzige Person war eingeflogen. Und stellte damit 33% der CO-Emissionen aller Teilnehmer*innen.

Quellen des Abschnitts

>> Bartsch, Matthias (2019): „Grüner fliegen“. in: Der Spiegel, 45/2.11.2019, S. 79; vgl. auch n.n. (2019a): „Weltweiter Luftverkehr 2018 um fast sieben Prozent gewachsen“. in: Airliners.de, 6.8.2019, online unter https://www.airliners.de/weltweiter-luftverkehr-2018-prozent/51288 (Abrufdatum 14.11.2019)

>> Bartz, Dietmar (2016): „Das Nein aus den Wolken“. Heinrich-Böll-Stiftung, online unter https://www.boell.de/de/2016/09/15/das-nein-aus-den-wolken?dimension1=ds_fliegen (Abrufdatum 26.5.2019)

>> Böcking, David (2017): „Reiseverhalten von Grünen-Wählern Bahn predigen, Business fliegen“. in: Der Spiegel, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/gruenen-waehler-halten-rekord-bei-flugreisen-a-1002376.html (Abrufdatum 24.7.2019)

>> Geier, Moritz (2019): „Flugreisen sind die ökologische Keule“. in: Süddeutsche Zeitung, 25.1.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-alltag-1.4296574?reduced=true (Abrufdatum 29.5.2019) [Paywall]

>> Groll, Stefanie (2019): Tourismus: Gute Ferien, schlechte Ferien.“ in: Mobilitätsatlas. Daten und Fakten für die Verkehrswende. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem VCD. S. 38. online unter https://www.boell.de/de/mobilitaetsatlas (Abrufdatum 11.11.2019) [pdf-Download]

>> Hage, Simon et al. (2019): „Die Weltverbesserer. Nachhaltigkeit: Viele Deutsche versuchen, den Klimawandel zu bremsen. Sie kaufen bewusster ein, fahren mehr Rad, reduzieren Müll. Allein können sie das Problem nicht lösen – aber sie zwingen Politik und Wirtschaft zum Handeln.“ In: Der Spiegel Nr. 29/13.7.2019, S. 18.

>> Hamann, Rene (2016): „Konsum und Umweltbewusstsein: Arm, aber gut für das Klima“. in: taz, 15.8.2016, online unter http://www.taz.de/!5325200/ (Abrufdatum 26.5.2019, Hervorhebungen Pendzich)

>> Ilg, Peter (2019): „Kann man emissionsfrei fliegen?“. in: Der Spiegel, 9.11.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-11/luftfahrt-flugverkehr-emissionen-hybrid-antrieb-synthetisches-kerosin-umweltschutz (Abrufdatum 11.11.2019)

>> Lege, Monika et al. (2005): „Der Traum vom Fliegen. Für ganze 20 Euro.: Kann man dagegen etwas haben?…“ in: Arbeitskreis Flugverkehr, online unter https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/verkehr/traumvomfliegen.pdf (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)

>> n.n. (2016): „Flugreisen“. in: Umweltbundesamt, 11-2016, online unter https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/mobilitaet/flugreisen#textpart-2 (Abrufdatum 29.5.2019)

>> n.n. (2019a): „Weltweiter Luftverkehr 2018 um fast sieben Prozent gewachsen“. in: Airliners.de, 6.8.2019, online unter https://www.airliners.de/weltweiter-luftverkehr-2018-prozent/51288 (Abrufdatum 14.11.2019)

>> n.n. (2019b) „Politisches Zerrbild Grün wählen, SUV fahren – das ist nur ein Klischee“. in: Der Spiegel, 28.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/auto/aktuell/suv-fahrer-fahrradfahrer-wer-waehlt-was-a-1274549.html (Abrufdatum 28.6.2019)

>> n.n. (2019c): „Europawahl 2019“. in: Der Bundeswahlleiter, online unter https://www.bundeswahlleiter.de/europawahlen/2019/ergebnisse/bund-99.html#stimmen-prozente8 (Abrufdatum 1.7.2019)

>> Nguyen-Kim, Mai Thi (2018): „Die schlechtesten Argumente im Internet“. in: maiLab, 31.10.2018, online unter https://www.youtube.com/watch?v=AlSmcBbT15Y (Abrufdatum 30.9.2019)

>> Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.

>> Schlegel, Martin (2019): „Klimakiller Flugzeug“. in: BUND Nord, online unter https://www.bund-berlin.de/themen/mobilitaet/flugverkehr/klimafolgen-flugverkehr/ (Abrufdatum 29.5.2019)

>> Seidler, Christoph (2016): „Klimawandel: Flug nach San Francisco – fünf Quadratmeter Arktiseis weg“. in: Der Spiegel, 3.11.2016, online unter http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-so-lassen-flugreisen-die-arktis-schmelzen-a-1119451.html (Abrufdatum 29.5.2019)

>> Vogt, Ragnar (2019): „Umfrage zur Flugscham Grünen-Anhänger fliegen am meisten – und haben das schlechteste Gewissen“. in: Der Tagesspiegel, 19.7.2019, online unter https://www.tagesspiegel.de/politik/umfrage-zur-flugscham-gruenen-anhaenger-fliegen-am-meisten-und-haben-das-schlechteste-gewissen/24679158.html (Abrufdatum 24.7.2019)

>> Weßling, Kathrin (2019): „Wer noch ins Flugzeug steigt, ist ein Klimasünder“. in: Die Zeit, 5.5.2019, online unter https://www.zeit.de/die-antwort/2019-04/flugreisen-klimawandel-co2-emissionen-flugzeuge-konsumverhalten-verantwortung (Abrufdatum 26.5.2019)



Flugreisen… und das persönliche CO₂-Budget von 2,3 t CO₂ pro Jahr

Die Fluggastzahlen steigen auch aktuell immer noch jährlich an (siehe unten). Dazu ergeben sich einige Fragen:

  • Was, wenn künftig immer mehr Menschen aus immer mehr Staaten mehr fliegen (können/wollen)?
  • Haben diese Menschen nicht das gleiche Recht zu fliegen wie ein(e) deutsche(r) Staatbürger*in?
  • Was bedeutet das in Bezug auf die umfangreiche historische Klimaschuld, die die (Menschen der) Industrienationen tragen?
  • Was bedeutet das für uns persönlich und unser Flugverhalten?

>> Weltweites klimaverträgliches jährliches CO₂-Budget pro Person pro Jahr bis 2050 = 2,3t CO₂ (siehe Aspekt ‚individuelles CO₂-Budget‘ in Abschnitt Globales und individuelles CO₂-Budget).


Das bedeutet, dass jede(r) von uns ihr/sein Budget ausgeschöpft bzw. überzogen hat, ohne geflogen zu sein. In der Konsequenz ist jeder Flug eine Anmaßung und tatsächlich ökologisch nicht zu rechtfertigen, sondern nur schönzureden.


CO₂-Budget-Killer:
CO₂-Emissionen pro Kopf im Flugzeug von Hamburg nach…

Stuttgart 0,314t | Mailand 0,42t | Paris 0,428t | Mallorca 0,7t | Gran Canaria 1,3t | Lissabon 1,148t | Tel Aviv 1,64t | Mexico City 3,8t | Bali 3,011t | NYC 3,594t | Las Vegas 5,594t | LA 5,881t | Bangkok 5,666t | Tokio 7,928t | Melbourne (via Dubai) 10,862t (pro Person Hin-Rück, Economy, nach Atmosfair)

Innerdeutsches Beispiel „Flug Hamburg >> Stuttgart“:

Hin/Rück, Economy, 1 Person, Flugdauer 1:15 h + Hinfahrt zum Flughafen von Dammtor aus (28 min) + früher da sein + Gepäckaufgeben + Sicherheitscheck + Boarding + auf das Gepäck warten + in die Innenstadt zum Hauptbahnhof fahren (27 min.)
Mit dem 100%-Ökostrom-nutzenden DB-Fernzug: 0 t CO2, 5:11 h, Zeitersparnis pro Strecke per Flugzeug maximal 2 Stunden.
Sind insgesamt maximal 4 Stunden 0,341 t CO2 wert?

Der Preis ist ebenfalls nicht relevant: Mittelfristig gebuchter Super-Sparpreis der Deutschen Bahn inkl. Bahncard25 = 65 EUR + Reservierung. (Daten nach Atmosfair u. bahn.de) (Stand Juli 2019; Anfang 2020 wird Bahnreisen günstiger – auch aufgrund des runtergesetzten Supersparpreises 18,90 EUR -25% BC25 +Reservierung)


Diese Zahlen bedeuten auch:

Wir können uns das ganze Jahr extrem umweltfreundlich verhalten, Plastik vermeiden, Palmöl aus dem Haushalt verbannen, Auto-frei leben etc. pp. – aber steigen wir auch nur einmal ins Flugzeug, ist unsere CO₂-Bilanz komplett ruiniert.


Drei Zwischengedanken:

>> Man kann nicht auf etwas verzichten, was einem nie zugestanden hat.
>> Es fällt besonders schwer, Gewohnheitsrechte aufzugeben.
>> Gewohnheitsrechte gibt es eigentlich gar nicht. Erst recht nicht, wenn es um die Überschreitung planetarer Grenzen geht.


Exkurs: Verkehrsmittel im CO₂-Vergleich

Vergleich der durchschnittlichen CO₂e-Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr (2017):

  • PKW 139 g/Pkm [Gramm pro Person pro Kilometer] (Auslastung 1,5 Personen/Pkw)
  • Reisebus 32 g/Pkm (Auslastung 60%)
  • Eisenbahn Fernverkehr 0 g/Pkm (Die Deutsche Bahn fährt im Fernverkehr mit Ökostrom)
  • Eisenbahn Fernverkehr 36 g/Pkm (Auslastung 56%)
    (diese Zahl basiert auf dem durchschnittlichen deutschen Strommix)
  • Flugzeug 201 g/Pkm (Auslastung 82%) (und hier fallen i.d.R. wesentlich mehr Pkm an als bei anderen Verkehrsmitteln.)
  • Linienbus 75 g/Pkm (Auslastung 21%)
  • Eisenbahn Nahverkehr 0 g/Pkm (Die Hamburger S-Bahn fährt mit Ökostrom)
  • Eisenbahn Nahverkehr 60 g/Pkm (Auslastung 27%) (UBA: n.n. 2018)

Quelle des CO₂e-Vergleichs und Erläuterung Begriff 'CO₂e'

>> n.n. (2018): „Vergleich der durchschnittlichen CO₂e-Emissionen einzelner Verkehrsmittel im Personenverkehr“. in: Umweltbundesamt, online unter https://www.umweltbundesamt.de/themen/verkehr-laerm/emissionsdaten#verkehrsmittelvergleich_personenverkehr (Abrufdatum 23.6.2019)

>> Das „e“ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“:
Zur Vereinfachung werden die anderen Treibhausgase wie Methan und Lachgas i.d.R. nicht gesondert aufgeführt, sondern auf Basis ihrer bekannten Klimawirkung in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umgerechnet, vgl. Abschnitt Die
Physik des Klimawandels: Treibhausgase
).



Fliegen ist mehr als CO₂ in die Luft zu jagen.

„Flugreisen sind die ökologische Keule.“ (Süddeutsche Zeitung: Geier 2019)

Und doch entwickeln sich die Flugverkehrs- und Fluggastzahlen bestürzend nach oben:

Flugverkehr ist ein Business mit extrem hohen Zuwachsraten, sowohl bei Passagieren als auch beim CO₂:

  • Anzahl der Fluggäste in Deutschland 2017>>2018 = +5,4%
  • Weltweite Fluggastzahlen seit 1990 verdoppelt
  • Deutsche Fluggastzahlen seit 1990 = +250% (vgl. Kretzschmar/Schmelzer 2019)


„Wenn wir [in jeder Hinsicht] so weitermachen wie bisher, wird der Flugverkehr im Jahr 2050 für fast ein Viertel aller globalen Emissionen verantwortlich sein.“ (ebd.)

  • Prognose Flugverkehr 2006>>2050 = Vervierfachung (Merlot 2019)


Des Weiteren geht es beim Flugverkehr nicht nur um CO₂, sondern auch um

  • Luftfahrtemissionen wie Stickoxid, Feinstaub, Wasserdampf, Kondensstreifen und Veränderungen in Zirruswolken [- und diese] erhitzen die Atmosphäre zusammengenommen sogar noch mehr. Da Flugzeuge ihren Treibstoff in großer Höhe verbrennen und dort ihre Abgase ausstoßen, wirkt sich das besonders gravierend aus. Beeinträchtigt wird dadurch und durch die entstehenden Kondensstreifen auch die natürliche Wolkenbildung …

  • Diese Nicht-CO₂-Effekte erhöhen den Schaden, den der Luftverkehr in der Atmosphäre anrichtet um den Faktor zwei bis vier, wie die Organisation Atmosfair … auf Grundlage eines IPCC-Berichts berechnet hat… Rechnet man diese Wirkungen mit ein, gehen fast zehn Prozent der deutschen Verantwortung für die Erderwärmung aufs Konto der Luftfahrt – das ist fast so viel wie der Autoverkehr.“ (Kretzschmar/Schmelzer 2019)


Fliegen bedeutet auch nach Ansicht des UBA mehr, als CO₂ in die Luft zu jagen: Die Emissionen werden logischerweise in den hohen Bereichen der Atmosphäre emittiert.

  • „Stickoxide bauen unter der Sonneneinstrahlung Ozon auf, das in Reiseflughöhe als starkes Treibhausgas wirkt.
  • Der Ausstoß von Aerosolen (Partikeln) und von Wasserdampf führt zu einer Veränderung der natürlichen Wolkenbildung.
  • Diese verschiedenen Effekte summieren sich derart, dass die Treibhauswirkung des Fliegens im Durchschnitt etwa zwei- bis fünfmal höher ist als die alleinige Wirkung des ausgestoßenen CO₂.“ (UBA: n.n. 2019a).

>> UBA (Umweltbundesamt): Der Regierung zuarbeitende wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium – sehr fundierte Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/


Durchschnittlich geht man – vereinfachend von einer Verdreifachung der Klimawirkung (=Klimaschädlichkeit) von Flugemissionen aus. (vgl. UBA: n.n. 2017)

>> s.a. das folgende Zitat von der FAQ-Page von Atmosfair:

„Um die Klimawirkung der gesamten Flugemissionen angemessen wiederzugeben, multipliziert der atmosfair Emissionsrechner deswegen die in Höhen von über 9 km emittierten CO₂-Emissionen mit dem global gemittelten Faktor 3. Dieser Faktor ergibt sich, wenn das Global Warming Potential aller Non-CO₂-Effekte über 100 Jahre integriert (UNFCCC Konvention) und abdiskontiert wird (David Lee et al., ‚Transport impacts on atmosphere and climate: Aviation‘, in ‚atmospheric environment (44), 2010).“ (n.n. 2019b)


Studie Juni 2019: Flugverkehr schadet dem Klima noch mehr als ohnehin angenommen.

Eine im Juni 2019 veröffentlichte Studie von Lisa Bock und Ulrike Burkhardt vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt kommt zu dem Ergebnis, dass die Klimaschädigung durch Kondensstreifen (=langlebige Eiswolken) deutlich größer ist, als bislang gedacht (und als oben ausgeführt).

  • „Die Eiswolken, die durch den Flugverkehr entstehen, hätten in den vergangenen Jahren mehr zum Anstieg der globalen Temperatur beigetragen als alles CO₂, das seit Beginn der Luftfahrt in die Atmosphäre gelangt ist… In Klimaberechnungen würde der Effekt dennoch kaum berücksichtigt, dabei könne sich der Einfluss der künstlichen Wolken aufs Klima in den nächsten Jahrzehnten verdreifachen.“ (Merlot 2019, vgl. Bock/Burckhardt 2019)

Kondensstreifen?

n.n. (2014): „Animation zeigt Europas kompletten Flugverkehr“.
in: Fokus, online unter
https://www.youtube.com/watch?v=ptuV55p3iq8
(Abrufdatum 21.7.2019)

Nun, es sind mehr als die wenigen Kondensstreifen, die wir gewöhnlich per Alltagserfahrung am Himmel sehen.

Die Studie geht vom Eintreffen der Prognosen eines weltweit weiter steigenden Flugverkehrs aus (Vervierfachung 2006>>2050).

Verhindert werden könne dieser Effekt bzw. die befürchtete Verdreifachung des Einflusses von Kondensstreifen auf das Klima weitgehend durch „saubere Emissionen“, von denen die Rede sein könne, wenn der Rußgehalt des verbrannten Kerosins „um mehr als 50 Prozent reduziert“ (ebd.) werde.

Wovon wir weit entfernt sind.

Die Studien-Mitautorin Lisa Bock hält abschließend und durchaus verallgemeinernd fest, dass es „wichtig [ist], Klimaeffekte, die sich nicht direkt auf CO₂ zurückführen lassen, in Klimaprognosen stärker zu berücksichtigen“ (zit. in Merlot 2019).

Quellen des Abschnitts Fliegen ist mehr als CO₂ in die Luft zu jagen

>> Bock, L. and Burkhardt, U.: Contrail cirrus radiative forcing for future air traffic, Atmos. Chem. Phys., 19, 8163-8174, https://doi.org/10.5194/acp-19-8163-2019, 2019. , online unter https://www.atmos-chem-phys.net/19/8163/2019/ (Abrufdatum 21.7.2019)

>> Geier, Moritz (2019): „Flugreisen sind die ökologische Keule“. in: Süddeutsche Zeitung, 25.1.2019, online unter https://www.sueddeutsche.de/leben/nachhaltigkeit-alltag-1.4296574?reduced=true (Abrufdatum 29.5.2019) [Paywall]

>> Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)

>> Merlot, Julia (2019): „Effekt von Kondensstreifen: Flugverkehr schadet dem Klima mehr als gedacht“. in: Der Spiegel, 27.6.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/kondensstreifen-heizen-die-erde-immer-staerker-auf-a-1274340-druck.html (Abrufdatum 21.7.2019)

>> n.n. (2014): „Animation zeigt Europas kompletten Flugverkehr“. in: Fokus, online unter https://www.youtube.com/watch?v=ptuV55p3iq8 (Abrufdatum 21.7.2019)

>> n.n. (2017): „Die Bundesregierung reist weiterhin klimaneutral“. in: Umweltbundesamt, 17.2.2019, online unter https://www.umweltbundesamt.de/presse/pressemitteilungen/die-bundesregierung-reist-weiterhin-klimaneutral (Abrufdatum 9.6.2019)

>> n.n. (2019a): „Flugreisen“. in: Umweltbundesamt, online unter https://www.umweltbundesamt.de/umwelttipps-fuer-den-alltag/mobilitaet/flugreisen#textpart-3 (Abrufdatum 24.6.2019)

>> n.n. (2019b): „Wieso rechnet der Emissionsrechner nur mit Kohlendioxid?“. in: atmosfair, online unter https://www.atmosfair.de/de/faqs/zur_co%E2%82%82-berechnung/ (Abrufdatum 23.6.2019)



Exkurs: Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. In Jahrzehnten.

Dazu halten Kretzschmar und Schmelzer fest:

  • Der Traum vom grünen Fliegen

    • per „Power-to-Liquid“ (synthetisches Kerosin) und vor allem

    • via allen weiteren, im Laborstatus befindlichen Flugverkehrsinnovationsideen
      „dient aktuell vor allem dazu, das Wachstum des Flugverkehrs zu legitimieren.“

>> Kretzschmar, Anne u. Schmelzer, Matthias (2019): „Flugverzicht: Jeder, der fliegt, ist einer zu viel“. in: Die Zeit, 31.5.2019, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2019-05/flugverzicht-klimapolitik-emissionen-verantwortung-privileg (Abrufdatum 5.6.2019)


Hier geht es alles in allem mehr um die Schaffung einer Vision und eines vagen Versprechens, damit eben Fliegen eine Perspektive behält aus Sicht der Luftfahrtindustrie und der GerneVielFlieger.

...weitere Zahlen und Details
  • „Für Kurz- und Mittelstreckenflieger arbeiten die Münchner bereits an einer Brennstoffzelle, 2050 könnten erste Maschinen mit diesem Antrieb abheben, sagt“ „Jörg Sieber, Leiter Innovationsmanagement beim deutschen Triebwerkhersteller MTU Aero Engines in München.“

>> Ilg, Peter (2019): „Kann man emissionsfrei fliegen?“. in: Der Spiegel, 9.11.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-11/luftfahrt-flugverkehr-emissionen-hybrid-antrieb-synthetisches-kerosin-umweltschutz (Abrufdatum 11.11.2019)

Anmerkung: Power-to-liquid ist derzeit das am weitesten gediehene Projekt zur Dekarbonisierung des Flugverkehrs. Man peile eine Marktreife in fünf Jahren an (vgl. ebd.) – bis solche Anlagen im großen Maßstab gebaut sind und der Produktpreis konkurrenzfähig sein wird, wird wesentlich mehr Zeit vergehen. Und: Das Ganze hängt an der Energiewende, denn es würden riesige Mengen an Ökostrom benötigt – und davon sind wir (vgl. Abschnitt Energie) bedauerlicherweise derzeit extrem weit entfernt, erst Recht im globalen Maßstab.



Personenflugverkehr in Deutschland in Zahlen

  • 2014 207,9 Mio Passagiere | 103,8 Mio. Ein- und Umsteiger | 77,8 Mio. Einsteiger
  • 2017 234,7 Mio. Passagiere | 117,1 Mio. Ein- und Umsteiger | 87,8 Mio. Einsteiger
  • 2018 244,3 Mio. (244.300.717) Passagiere = +4,1% gegenüber Vorjahr
    (vgl. n.n. 2018a u. 2019a)
  • 2018 = 122,6 Passagiere sind in Deutschland mit einem Flugzeug gestartet = 4% mehr als im Vorjahr (vgl. n.n. 2019b)
  • 29.6.2018 = 11.015 Flüge im deutschen Luftraum – an einem Tag
  • 2018 = 119 Millionen Passagiere in Deutschland (1997 = 62 Mio = fast verdoppelt innerhalb von 10 Jahren) (vgl. Ahr et al. 2018)
  • Zahl der Starts und Landungen in Deutschland 2017: 2,209 Mio
  • 38,6% aller Flüge im deutschen Luftraum sind Überflüge (und verursachen im deutschen Luftraum entsprechende CO₂e-Emissionen) (vgl. Maurus et al. 2018)
  • 2018 = 23,5 Mio Passagiere auf Inlandflügen in Deutschland
  • 2018 = 65.000 Inlandsflugpassagiere. Täglich. (vgl. Weßling 2019)


Reiseanlass der Passagiere in Deutschland:

  • Urlaub 2008 23,6 Mio | 2014 30,3 Mio | 2017 34,9 Mio (2014>>2017 = +15%)
  • Privat 2008 21,2 Mio | 2014 20,6 Mio | 2017 24,8 Mio (2014>>2017 +20%)
  • Business 2008 28,5 Mio | 2014 26,9 Mio | 2017 28,1 Mio (2014>>2017 = +4%)
    (vgl. n.n. 2018b)


Eine neue Vielflieger-Gruppe:
Die VFR-Passagiere
(visiting friends or relatives)

„Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt eine Gruppe von Passagieren an Bedeutung, die … lange Zeit übersehen wurde: die sogenannten VFR-Passagiere. … Allein am Londoner Flughafen Gatwick machten sie bereits 2010 immerhin schon knapp ein Viertel aller Fluggäste aus. Es sind weltumspannende Familiennetze ebenso wie der zunehmende Tourismus aus den sogenannten Schwellenländern, allen voran China und Indien, die den globalen Flugverkehr bis auf Weiteres um vier Prozent jährlich wachsen lassen.“ (Boing 2019)

  • Auch die Beförderung von Luftfracht (u.a. Erdbeeren im Winter, Ebay, Amazon) nimmt zu. (vgl. n.n. 2019a)


Bevor wir nun den Fokus auf sog. Business Travellers richten, hier das

Fazit zum Aspekt Personenflugverkehr in Deutschland in Zahlen:

Flugreisen sind ähnlich wie das Autofahren der symbolische Inbegriff von Wohlstand und ‚Freiheit‘: Erst wenn in diesen hochemotionalen Bereichen soziologisch oder auch politisch Veränderungen möglich und umgesetzt werden, können wir von einem relevanten Fortschritt im Sinne eines produktiven Klimaschutzes ausgehen.

Quellen des Abschnitts Personenflugverkehr in Deutschland in Zahlen

>> Ahr, Nadine, Asendorpf, Dirk u. Pinzler, Petra (2018): „Flugverkehr: Die Hölle am Himmel“. in: Die Zeit, 8.8.2018, online unter https://www.zeit.de/2018/33/flugverkehr-fliegen-flughafen-chaos-billigflieger-vielflieger/komplettansicht (Abrufdatum 29.5.2019)

>> Boeing, Niels (2019): „Flugreisen: Verzicht rettet die Welt nicht“. in: Die Zeit, 12.5.2019, online unter https://www.zeit.de/zeit-wissen/2019/03/flugreisen-klimaschutz-gewissen-co2-emissionen-treibhausgase/komplettansicht (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Maurus, Kim et al. (2018): Luftverkehr in Deutschland. Mobilitätsbericht 2017. Hg. von DFS Deutsche Flugsicherung GmbH. online unter https://www.dfs.de/dfs_homepage/de/Presse/Publikationen/Mobilitaetsbericht2017_Web.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

>> n.n. (2018a): Airport Travel Survey 2018. Zahlen, Fakten, Trends. Hg. Flughafenverband ADV, online unter https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2016/02/Airport-Travel-Survey-2018_Brosch%C3%BCre.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

>> n.n. (2019a): ADV-Monatsstatistik 12/2018. Hg. Flughafenverband ADV, online unter https://www.adv.aero/wp-content/uploads/2019/03/12.2018-ADV-Monatsstatistik.pdf (Abrufdatum 10.6.2019)

>> n.n. (2019b): „Statistisches Bundesamt: Zahl der Flugpassagiere in Deutschland steigt weiter“. in: Die Zeit, 7.3.2019, online unter https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-03/statistisches-bundesamt-passagiere-flughafen-deutschland-reisen (Abrufdatum 24.6.2019)

>> Weßling, Kathrin (2019): „Wer noch ins Flugzeug steigt, ist ein Klimasünder“. in: Die Zeit, 5.5.2019, online unter https://www.zeit.de/die-antwort/2019-04/flugreisen-klimawandel-co2-emissionen-flugzeuge-konsumverhalten-verantwortung (Abrufdatum 24.6.2019)



Geschäftsreisen per Flugzeug:

Business Travellers

Vielfach herrscht die Annahme vor, das heute Videokonferenzen schon vielfach Geschäftsflüge ersetzen. Das ist richtig – und doch falsch:

  • 2008 = 28,5 Mio
  • 2014 = 26,9 Mio
  • 2017 = 28,1 Mio. (=+4% gegenüber 2014) (vgl. n.n. 2018a)

„Allen E-Mails, Videokonferenzen und Web-Seminaren zum Trotz – deutsche Unternehmen schicken ihre Mitarbeiter so oft auf Geschäftsreisen wie nie zuvor.“ (FAZ: Kotowski 2019)


Manche Unternehmen melden starke Rückgänge an Geschäftsflugreisen, was aber nicht so richtig stichhaltig erscheint, sondern eher wie Image-Pflege bzw. Green Washing:

  • „Die Deutsche Bank etwa hat nach eigenen Angaben die Zahl der Flugreisen in den vergangenen sechs Jahren halbiert. Die Commerzbank meldet für die vergangenen acht Jahre einen Rückgang um 30 Prozent. Beide haben in den vergangenen Jahren kräftig Stellen gestrichen, was wohl ein Teil der Erklärung ist. Die Commerzbank hat heute etwa 20 Prozent weniger Mitarbeiter als noch 2010.“ (Welt: Heuzeroth 2019).

Und:

  • „Immer mehr Unternehmen drängen ihre Mitarbeiter zu Bahnreisen. Doch viele Konzerne bewegen sich nur langsam – zu lukrativ sind die nichtökologischen Alternativen… ‚Eine Flugscham gibt es nicht, denn es handelt sich bei unseren internationalen Geschäftstätigkeiten [von Stahlkonzern Salzgitter] nicht um Lustreisen.'“ (Welt: Heuzeroth 2019)


Für die Zunahme von Geschäfts-Flugreisen im Zeitalter von Videokonferenzen sind m.E. wesentlich zwei Gründe hervorzuheben:

  • Wirtschaftswachstum verursacht hier den sog. Rebound-Effekt:

    • Das Geschäft/Unternehmen wird größer und globalisierter (Entfernungen!) und die Produktion kleinteiliger.

      • So ist mehr Abstimmung zwischen mehr Geschäftspartnern notwendig, sodass insgesamt mehr Meetings (ob nun virtuell oder persönlich) abgehalten werden

    • Die Folge: Wirtschaftswachstum frisst Einsparungen auf. Das ist der Unterschied zwischen Effizienz und Effektivität (weiteres siehe Aspekt Rebound-Effekt)

  • Es gibt immer mehr Geschäftsreisende, deren Büro die Welt ist, soll heißen, die haben im eigentlich Sinne gar kein Büro mehr, sondern arbeiten überall auf der Welt und sind somit ständig unterwegs – auch im Flugzeug. (s.a. Lobbyistenbeitrag Partners Magazin: n.n. 2018b).


Zwischen 2008 und 2014 ging die Zahl der Geschäfts-Flugreisen wie oben gezeigt tatsächlich vorübergehend zurück:

  • In Zeiten der Finanzkrise und flankiert vom 2010er Ausbruch des isländischen Vulkans Eyjafjallajökul, gab es tatsächlich einen Boom von Videokonferenzen etc. (vgl. Rückgang 2008>>2014) (vgl. Wirtschaftswoche: Rettig 2010)
  • Auch gibt es tatsächlich vermehrt Dienstreisevorschriften bei Unternehmen, die empfehlen, Flugreisen insbesondere auf kurzen Distanzen zu unterlassen – doch in der Praxis und insgesamt betrachtet ist das offensichtlich eher ein Wunsch/Vorschlag/Anliegen als eine grundlegende Umsteuerung, wie an den obigen Zahlen zu sehen ist (vgl. Zunahme 2014>>2018).
  • „‚Der persönliche Kontakt ist trotz aller Schr