Glossar

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  • Backcasting = Planungsmethode, bei der zunächst das erforderliche Ziel definiert und nachfolgend die zur Erreichung dieses Ergebnisses erforderlichen Schritte festgelegt werden. Z.B. in Dänemark Standard, in der deutschen Politik weitgehend Terra incognita.
  • BGE = Bedingungsloses Grundeinkommen. Konzept, um künftig angesichts der absehbaren Durchführung von Sachbearbeitung durch Künstliche Intelligenz (KI) und den daraus resultierenden Arbeitsplatzverlusten weiterhin die finanzielle Grundversorgung der Bürger*innen sicherzustellen.
  • BIP = Bruttoinlandsprodukt = GNP = Gross National Product. Wird derzeit genutzt, um die Wirtschaftsleistung eines Landes etc. darzustellen – ist aber allzu simpel: „Wann immer Geld fließt für einen Kauf oder Verkauf, nimmt es zu“ (Heuser/Pletter 2020, 21) – also auch, wenn die Folgen bspw. einer Ölkatastrophe zu beseitigen sind. Soziale oder Umweltaspekte fließen nicht ein. Bedarf dringend der Ersetzung durch komplexere Messinstrumente; Definition s. Fußnote auf S. 32.
  • BMU = Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit
  • Brückentechnologien = Zwischenlösungen, für die i.d.R. ganze Industrien und globale Logistikketten hochgezogen werden (vgl. LNG), für die aber angesichts der Dringlichkeit der CO2e-Reduktion keine Zeit mehr ist. Zwischenlösungen lenken i.d.R. von der Erfordernis einer umfassenden Transformation ab.
  • Club of Rome = Ein Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen aus aller Welt aus diversen Fachbereichen. Berühmt wurde der Club of Rome 1972 durch die Veröffentlichung des Bestsellers Die Grenzen des Wachstums, welches der Menschheit global erstmals klarmachte, dass es ein unendliches Wachstum in einer begrenzten Welt nicht geben kann und mit Umweltverheerungen einhergehen muss. (s.a. Aspekt Wir haben’s nicht gewusst in Abschnitt Klimawissenschaftsleugner*innen auf Partys bzw. bei Diskussionen, S. 223).
  • CO₂e – Das „e“ hinter CO₂ steht für „Äquivalente“: Es ist üblich die neben CO2 existierenden weiteren Treibhausgase wie z.B. Methan und Lachgas auf Basis des Grades ihrer klimaschädigen Wirkung in CO₂-Äquivalente (CO₂e) umzurechnen, um auf diese Weise die Gesamtemissionen von Treibhausgasen in einer Zahl darstellen zu können, vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase, S. 145).
  • COP = Conference of the Parties; Weltklimakonferenz der Vereinten Nationen (UN = United Nations): Madrid 2019 =  COP 25, Paris 2015 = COP 21, Berlin 1995 = COP 1, geleitet von Angela Merkel als Bundesumweltministerin
  • EE = Erneuerbare Energien = Stromproduktion aus Windenergie an Land (Onshore) und auf See (Offshore), Photovoltaik (=Solarzellen, PV-Anlagen), Wasserkraft sowie Wärmeproduktion aus Geothermie und Umweltwärme (z.B. Abwärme) und biogenen Brennstoffen und Gasen (mit denen in geringerem Maße auch Strom produziert wird) aus Biogasanlagen, die Biomasse wie z.B. Gülle/Festmist, Material aus der Biotonne und Silagen von Energiepflanzen wie Mais, Getreide oder Gras zu Methan (s.u.) vergären.
  • Effektivität = Maß für das Verhältnis zwischen erreichtem und zuvor definiertem Ziel. Beschreibt die Wirksamkeit, d.h. den Grad und die Qualität der Zielerreichung. Anders formuliert: Die richtigen Dinge tun. Ein qualitatives Maß.
  • Effizienz beschreibt die Wirtschaftlichkeit, die Kosten-Nutzen-Relation, d.h. das Verhältnis zwischen Ergebnis und Aufwand. Es geht um den rationellen Umgang mit knappen Ressourcen. Je effizienter z.B. Rohstoffe genutzt werden, desto weniger Ressourcen benötigt man, um das gleiche Ergebnis zu erzielen oder um das Produkt herzustellen. Ein quantitatives Maß. Anders formuliert: Die Dinge richtig tun. Läuft allerdings oft darauf hinaus, dass man insgesamt mehr produziert, weil ja durch den reduzierten Materialaufwand Zeit und Geld zur Verfügung stehen, die für eine höhere Gesamtproduktion eingesetzt werden können.
    • Unterschied Effektivität/Effizienz: Es mag sein, das eine Firma dank neuer Maschinen, die pro Produkt weniger Ressourcen verbrauchen, effizienter produziert. – Wenn sie aber dadurch mehr Produkte produziert, ist der gewünschte Effekt – das Einsparen von Ressourcen – nicht eingetreten.
  • Externalisierung = das Auslagern von Kosten. Wenn eine Firma unter Verschmutzung z.B. der Atmosphäre Produkt X zum Preis Y herstellt, dann fehlen im Preis Y die Umwelt- und Entsorgungskosten. Wenn Arbeitskräfte im Globalen Süden ausgebeutet werden, spart man Kosten, die bei ethisch korrekter Herstellung einzurechnen wären. Folge: Das Produkt kann nur deshalb so wenig kosten, weil es umweltschädlich und unethisch ist.
  • Extraktivismus = gemeint ist der Neo-Extraktivismus, bei dem nicht-nachhaltig, per Raubbau, d.h. i.d.R. unter Missachtung der Rechte oftmals indigener Bevölkerungsteile verbunden mit massiven Umweltschäden meist von internationalen Firmen in Eigenregie oder per Joint-Venture mit der jeweiligen Regierung Rohstoffe ausgebeutet werden. Dies geschieht i.d.R. zudem zukunftsblind und somit nicht Generationen-gerecht.
  • Finanzialisierung = Machtverschiebung seit den 1980er Jahren zwischen Finanzsektor und Realwirtschaft, begünstigt durch die zunehmende Deregulierung der Finanzmärkte; konkret prägt die wachsende Durchdringung z.B. des Nahrungsmittel- und Rohstoffgeschäft durch Finanzinvestor*innen sowohl Investitions- und Unternehmensentscheidungen als auch via Spekulationsgeschäfte die Weltmarktpreise.
  • Globaler Süden ist der heute i.d.R. verwendete Begriff, mit dem lange Jahre die sog. ‚Dritte Welt‘ und zwischenzeitlich der sog. ‚Trikont‘ umschrieben wurde.
  • Gt = Gigatonne: 1 Gt = 1.000 Megatonnen (Mt) = 1.000.000 Kilotonnen bzw.
    1 Mio kt = 1.000.000.000 Tonnen bzw.          
    1 Mrd t = 1.000.000.000.000 Kilogramm (kg) bzw. 1 Billionen kg
  • IPBES = Weltbiodiversitätsrat der UN = Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services
  • IPPC = Weltklimarat der UN = Intergovernmental Panel on Climate Change
  • Klima ist im Unterschied zum Wetter ein langfristiger Zustand. Klima ist das statistische Mittel des Wetters innerhalb einer Zeitspanne von üblicherweise 30 Jahren einer Region bzw. des Planeten, sodass einzelne Wetterereignisse eine untergeordnete Rolle spielen und sich ein Gesamtbild des durchschnittlich herrschenden Klimas ergibt.
  • Klimakrise = Krise des Lebens angesichts des menschengemachten Klimawandels, die ohne massives Umschwenken katastrophal endet. Oft wird der Begriff übergreifend für die „umfassende und multiple Zerstörung der Lebensgrundlagen für die menschliche Spezies – Biodiversität, Stickstoffkreislauf, Versauerung der Ozeane, Wasserversorgung“ (Neef 2020, 4) verwendet, obgleich die Klimakrise nur ein Teil dieser ‚globalen anthropogenen Umweltkatastrophe‘ (vgl. S. 677) ist.
  • Klimawandel = Veränderungen des Klimas; hier gemeint: anthropogener (=menschengemachter) Klimawandel, ein Prozess der durch die Menschheit insbesondere durch vermehrten Eintrag von Treibhausgasemissionen in die Atmosphäre und Landnutzungsänderungen in Gang gesetzt wird. Das Wort ‚Wandel‘ legt einen linearen Verlauf der Veränderungen nahe, was angesichts immer schnellerer Veränderungen und sog. Kipppunkte nicht zutrifft.
  • Klimaneutralität = CO2e-Bilanz in Balance = das Erreichen von Netto-Null-Emissionen, d.h. es wird jährlich nur noch so viel CO₂e emittiert, wie durch die Natur, d.h. durch die sog. natürlichen Senken wie z.B. via Wälder, aus der Atmosphäre entfernt wird.
  • Kohärenz = Wenn bspw. eine Regierung kohärent arbeitet, dann werkelt kein Ministerium und keine Behörde allein vor sich hin, sondern man entwickelt die Politik, die Gesetzesvorhaben und die Maßnahmen koordiniert, schlüssig, ineinandergreifend und widerspruchsfrei.
  • Kohlendioxid = CO2 = Kohlenstoffdioxid, vgl. S. 145.
  • Lachgas = N2O (= Distickstoffoxid = Distickstoffmonoxid) = 298 x so klimaschädigend wie CO2, vgl. S. 145.
  • LNG = liquefied natural gas, fossiles Methan, welches energieintensiv und trinkwassergefährdend meist in den USA gefrackt und nachfolgend energieintensiv tiefgekühlt über den Atlantik verschifft wird, um dann z.B. energieintensive Industrien oder auch Kreuzfahrtschiffe anzutreiben. Wird derzeit mitten im Dekarbonisierungsprozess als sog. Brückentechnologie forciert.
  • Methan = CH4 = allgemein als ‚Erdgas‘ bekannt, auf die entscheidenden kommenden 20 Jahre gerechnet 84x so klimaschädigend wie CO2, vgl. S. 145.
  • ÖPNV = Öffentlicher Personennahverkehr unter Einschluss des Regionalverkehrs
  • ppm = parts per million = Anteile pro Million – z.B. der Anteil von CO₂-Molekülen an der Atmosphäre
  • Rebound-Effekt = Effizientere und/oder günstigere Produkte führen oftmals zu Mehrverbrauch von Ressourcen und Energie, d.h. der Gesamteffekt ist negativ, ausführlich siehe S. 257.
  • Resilienz = Widerstandsfähigkeit, Anpassungsfähigkeit. Eine resiliente Gesellschaft/Ökonomie ist so aufgebaut, dass Störungen/Probleme leicht aufgefangen werden können. Es gibt einen Plan B, man hat mögliche Zukünfte im Blick und ist auf Eventualitäten vorbereitet.
    Komplementärbegriff ist die Vulnerabilität, die Verletzlichkeit einer Gesellschaft/Ökonomie.
  • Shareholder Value = Unternehmensprinzip, demzufolge Gewinnmaximierung zu Gunsten der Dividenden (‚Gewinn-Ausschüttungen‘) der Aktionär*innen ‚über allem‘ stehe. Der ‚Erfinder‘, Jack Welch, bezeichnete dieses wohl 1981 entstandene Prinzip im Jahre 2010 als „die blödeste Idee der Welt“ (zit. in Büschemann 2020).
  • Senken (natürliche Senken) = natürliche CO₂e-Speicher wie z.B. Wälder, Moore, Humus und Ozeane.
  • SRU = Sachverständigenrat für Umweltfragen, kurz: Umweltrat, wissenschaftliches Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung
  • Stickoxide = Stickstoffoxide = Sammelbegriff für gasförmige Oxide des Stickstoffs (NOx); Dieselfahrzeuge „verursachen schwere Atemwegserkrankungen wie Asthma [und] belasten unser Herz-Kreislauf-System … Dieselfahrzeuge sind die Hauptquelle für Stickoxide in unseren Städten“ (BUND 2020).
  • Suffizienz bedeutet „die Reduktion von Rohstoff- und Energieverbrauch durch Reduktion von Konsum- oder Komfort-ansprüchen“ (Paschotta 2019). Ein ‚Weniger‘ ist im Unterschied zu sämtlichen Reformbemühungen und technischen Lösungen sofort umsetzbar und zeitigt umgehend Ergebnisse.
  • systemisch = im System liegend, das System (als Ganzes) betreffend. Einem systemischen Problem kann nicht mit Einzelmaßnahmen begegnet werden. Bspw. greift die Antwort, durch das Verkehrsministerium einen neuen Abgastest einzuleiten, bei der Bearbeitung des Dieselskandals zu kurz. Zur Aufarbeitung bzw. zur Verhinderung neuerlicher ähnlich gelagerter Skandale sind Fragen der Gesundheit von Bürger*innen, des Steuer- und Wettbewerbsrechts, der Vorgaben für Vorstände und Behörden, Haftungsfragen, Sammelklagen, der Transparenz, etc. mit einzubeziehen.
  • UBA = Umweltbundesamt: Der Bundesregierung zuarbeitende, unabhängige, wissenschaftliche Behörde – nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium: Das UBA ist eine äußerst fundierte und umfassende Quelle rund um Umwelt- und Klimaschutz: https://www.umweltbundesamt.de/
  • Umwelt = Mitwelt. Manfred Folkers und Niko Paech finden den deutschsprachigen Begriff ‚Umwelt‘ eher unglücklich gewählt und nutzen stattdessen den Begriff ‚Mitwelt‘, der, so Folkers, „die Augenhöhe zwischen der Natur und der Menschheit als Verursacherin ökologischer Probleme wieder her[stellt]“ (2020, 220).
  • WGBU = Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, wissenschaftliches Beratungsgremium der deutschen Bundesregierung

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>> Quellen zu diesen Einleitenden Erläuterungen siehe unterhalb Abschnitt Intro.


Inhaltsverzeichnis

…des Handbuch Klimakrise mit (fast) allen z.B. für (Party-)Diskussionen relevanten Fakten, Zahlen und Argumenten inkl. möglichen politischen, gesellschaftlichen und individuellen Veränderungen und Chancen für diese Welt.

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Über den Autor

Marc Pendzich, Komponist, promovierter Musikwissenschaftler und Klimaaktivist. Mitglied des Zukunftsrat Hamburg. Hat einen gleichermaßen wissenschaftlichen, kreativen und ganzheitlichen Blick  auf die Welt. Vermisste ein Buch, dass die wesentlichen Informationen über Klimakrise, Klimagerechtigkeit, Massenaussterben und über die notwendige sozial-ökologische Transformation sowohl für Deutschland als auch weltweit allgemeinverständlich, ganzheitlich und durchgehend mit Quellen belegt zusammenfasst. Schrieb es dann selbst. Zunächst in Form des Webportals handbuch-klimakrise.de. Hiermit nun darüber hinaus auch als Buch bzw. E-Book vorliegend.


Auf einen Blick

‚Auf einen Blick‘ (Liste) … als pdf-Dokument | … als Alles-auf-einer-Seite-Grafik

  • ‚Climate Change in 10 Words‘-Kurzformel: „It’s real, it’s us, it’s bad; experts agree, there’s hope!“ (Anthony Leiserowitz, zu Deutsch: „Der Klimawandel ist erwiesen und menschengemacht, hat gravierende Risiken, CO2 ist die Ursache, wir können etwas tun!“)      
  • Die Zivilisation und die Lebensgrundlagen der Menschheit sind existenziell gefährdet. „Wir müssen nicht ‚das Klima‘ retten – sondern uns!“ (Eckart von Hirschhausen) – durch die Bewahrung der planetaren Grenzen.
  • Wir sind nicht die Herrscher der Erde, wir unterliegen den Gesetzen der Natur, wir sind Teil der Erde: Wir sind Erde.
  • Wir haben – endlich – anzuerkennen, dass die Natur nicht mit sich handeln lässt. Übrigens: Die Natur kennt uns gar nicht. (Harald Lesch)
  • Wir haben uns künftig als Gast der Oase ‚Erde‘ zu begreifen – denn, was macht man mit Gästen, die sich dauerhaft nicht angemessen benehmen? Man schmeißt sie raus. (vgl. Pierre Rabhi)
  • Das Leben, wie wir Bewohner*innen der Industrienationen es bisher kannten, ist zu Ende. Nur haben das Viele noch nicht erkannt.
  • Ein Grundproblem ist, dass die meisten Menschen ihren Luxus als ‚normal‘ ansehen. Aber: ‚Normal‘ kann nur sein, was den Planeten nicht an die Wand fährt.
  • Die Zeit läuft: Um soziale Härten zu vermeiden bedarf es nicht weniger Klimaschutz, sondern mehr. Sozialverträglichkeit schließt Generationengerechtigkeit ein. Generationengerechtigkeit schlägt Besitzstandswahrung.
  • Die Menschheit, jede Nation, jeder Mensch hat ein eindeutiges CO2-Budget. Klimaneutralität ist in D nach Rahmstorf bis 2035 erforderlich, gemäß dem Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) bis spätestens 2037.
  • Pro-Kopf-CO2-Budget in D bis 2050: 2,3t CO2 pro Jahr. Unser durchschnittlicher Pro-Kopf-CO2-Ausstoß pro Jahr: 11,6t. Das bedeutet, dass jede*r von uns ihr/sein Budget schon überschritten hat, ohne geflogen zu sein. Mallorca pro Person Hin/Rück = 0,7t CO2 = ca. 1/3 unseres Budgets. Essen? Heizen? Kleidung? Laptop?
  • Klimaschutz ist ein Menschenrecht. Letztlich gibt es nur eine robuste und moralisch vertretbare Form der Klimagerechtigkeit: Jede*r Erdenbürger*in hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre. Und das sind eben bis 2050 2,3 t CO2 pro Jahr. (vgl. Rahmstorf/Schellnhuber)
  • Ohne Veränderungen ist das verbleibende Menschheits-CO2-Budget in 7 Jahren erschöpft = 2.555 Lebenstage = ca. 1.300 politische Arbeitstage (Stand 1/2021).
  • Derzeit global +1,1 °C u. 47% mehr CO2 in der Atmosphäre als vor der Industrialisierung. Das Pariser Abkommen besagt „deutlich unter 2 Grad; möglichst 1,5 °C“. Der Weltklimarat dringt unbedingt auf die Einhaltung des 1,5°-Ziels. Wenn die Staaten ihre bisherigen Zusagen einhalten, sind wir auf einem 3-bis-4-Grad-Pfad bis 2100. Schon 1,1° reichen, um global z.B. immense Waldbrände auszulösen. Was ist dann bei +2, +3, +4° los?
  • Wesentliche Kipppunkte: ‚Ewiges‘ Eis | Permafrost | Regenwälder | Golfstrom | Jetstream | Korallenriffe. Alles ist mit allem verbunden: Kipppunkte lösen Kipppunkte aus.
  • Allgemein gilt: Klimatolog*innen und Weltklimarat untertreiben tendenziell – wenn sie sich aufgrund neuer Forschung korrigieren müssen, dann immer in die gleiche Richtung: Es ist noch dramatischer als bisher angenommen. Es ist daher erst recht keine Zeit zu verlieren.
  • Jedes Wettergeschehen – ein Hurrikan genauso wie ein leichter Sommerregen – findet heute unter anderen Umweltbedingungen statt als noch vor 250 Jahren.
  • Höhere Temperatur = Mehr Energie (Kraft) im Gesamtsystem.
  • EU-28 ist weltweit drittgrößter CO2-Verursacher pro Jahr | Innerhalb der EU ist Deutschland stärkster CO2-Emittent, weltweit auf Platz 6 | Bei den historisch aufsummierten Gesamtemissionen D = Platz 4 | D = viertstärkste Wirtschaftsnation | Anteil an Weltbevölkerung = 1,1% | Anteil an jährlichen globalen CO2-Emissionen = 2,1%, d.h. das doppelte dessen, was D ‚zusteht‘. D kauft viele Produkte, die anderswo CO2-intensiv produziert werden, das sind etwa 17%, die eigentlich D angerechnet werden müssten. Die entscheidende Frage lautet: Welche Nation sollte sich anstrengen, wenn nicht mal D seine Klimaziele ernst nimmt?
  • ‚Kohlekompromiss‘ und ‚Klimapaket‘ reichen für das 1,5°-Ziel nicht aus. Mojib Latif: „Mit diesen Maßnahmen leisten wir dem Klima viel eher Sterbehilfe.“ – So zu tun, als ob man Klimaschutz betreibe, ist gefährlich, weil dann viele Menschen glauben könnten, die ergriffenen Mini-Maßnahmen reichten aus. Sie reichen nicht. Nicht mal annähernd. Radikal sind nicht die geforderten Veränderungen. Radikal ist, so weiterzumachen wie bisher.
  • Wir Bürger*innen der Industrienationen leben massiv auf Kosten des Globalen Südens und der künftigen Generationen. Die althergebrachten (neo-)kolonialen Strukturen bestehen nach wie vor. Und auch Sklav*innen gibt es faktisch immer noch. Jede*r von uns hat welche.
  • Unser gesamtes westliches Leben ist auf Ausbeutung aufgebaut. Täglich arbeiten 218 Mio Kinder auf Plantagen, Untertage u. in Fabriken für Kakao, Palm, Bananen, Kaffee, seltene Erden, Bekleidung sowie auf Müllhalden etc. pp.
  • Der Globale Süden wird beim Klimaschutz nur mitziehen, wenn er davon profitiert: Nur eine globale Klimagerechtigkeit führt relevant zu Klima- und Umweltschutz.
  • Wir haben den Überfluss, der uns nie zugestanden hat, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.
  • Was ich nie besessen habe, kann mir auch nicht weggenommen werden… Das bedeutet übertragen auf die Klimakrise: Man kann nicht auf etwas verzichten müssen, was einem nie zugestanden hat.
  • Genügsamkeit ist die positive Seite des Verzichts. LebeLieberLangsam.
  • Wir haben die Erde von unseren Kindern und Enkel*innen nur geliehen. Es liegt in unserer Hand! Wir Erwachsenen sind gemeinsam die letzten Generationen, die es in der Hand haben, die ganz große Katastrophe zu verhindern.
  • Krisen verstärken ohnehin bestehende strukturelle Ungleichheiten. Im Katastrophenfall trifft es immer die Armen zuerst. In Deutschland und global.
  • Wir sind derzeit dabei, uns – klimatisch gesehen – ins Dinosaurierzeitalter zurückzufeuern.
  • Den Ökos bzw. den Grünen wird nachgesagt, wenn es nach ihnen ginge, lebten wir alle wieder in Baumhäusern. Es ist genau umgekehrt: Die Grünen sind z.Z. die einzige (parlamentarisch relevante) Partei, die (ein bisschen!) daran arbeitet, dass unsere Nachfahren – um im Bild zu bleiben – nicht wieder in Baumhäusern leben müssen.
  • Das gleiche gilt für die sog ‚Ökodiktatur‘: Nur wenn wir jetzt z.B. über Ordnungsrechte den Überfluss begrenzen, haben wir die Möglichkeit, die Demokratie stabil zu halten: Wenn sich eines Tages Katastrophe an Katastrophe reihen sollte, wird das nicht mehr der Fall sein. Klimaschutz bedeutet Schutz des Rechtsstaats und der Demokratie.
  • „Klimawandel ist keine Krankheit wie Diabetes, mit der man leben kann; er gleicht eher einem Tumor, den man entfernen muss, bevor er Metastasen bildet“ (=Kipppunkte in Gang setzt). (Jonathan Safran Foer)
  • Es bedarf einer ‚Kultur des Genug‘. Im Namen der Freiheit brauchen wir: Grenzen. Wir brauchen, wie beim Rauchverbot, bei der Gurtpflicht und dem weltweiten FCKW-Verbot eine Politik, die Verantwortung übernimmt und die uns in der Klimakrise und mitten im sechsten Massenaussterben vor uns selber schützt.
  • „Fleischessen und Urlaubsflüge haben … nichts mehr mit persönlicher Freiheit zu tun. Wir dürfen nicht die Freiheit haben, die Welt zu ruinieren, Millionen Menschen verhungern zu lassen und 21 Hühner pro Quadratmeter zu halten.“ (Hagen Rether)
  • Es bedarf einer alle Lebensbereiche umwälzenden sozial-ökologischen Transformation, die das Gemeinwohl und eine Annäherung der Lebensverhältnisse in das Zentrum politischen Handelns stellt. Eine so umfassende Reform benötigt die institutionalisierte Beteiligung der Zivilgesellschaft und der Bürger*innenteilhabe. Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) ist kein geeignetes Messinstrument zur Beurteilung des Zustandes eines Wirtschaftsraumes und z.B. durch eine Gemeinwohlbilanz oder eine Wellbeing Economy zu ersetzen.
  • Fridays for Future fordert nur ein, was Deutschland in Paris unterschrieben hat. Greta Thunberg & Co sagen nichts weiter als: „Hört auf die Wissenschaftler*innen und den Weltklimarat.“
  • Die Aggressionen gegen die Greta Thunbergs dieser Welt sind auch deshalb so heftig, weil sie recht haben. Es sind zudem Rückzugsgefechte des Patriarchats.
  • Die Klimakrise ist maßgeblich durch eine von männlichen Dynamiken beherrschte Welt entstanden. Wir brauchen Parität – die gleiche Repräsentanz von Frauen und Männern in allen wichtigen Gremien. So entstehen andere Dynamiken, die zu besseren Entscheidungen führen (können).
  • „Sei du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“ (Mahatma Gandhi)
  • ‚Selbstwirksamkeit‘ und ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘ können gegen Klimafrust helfen.
  • „Was kann Ich tun?“ – Sieben Dinge:

Reiseverhalten ändern. | Mobilitätsverhalten ändern. | Stromanbieter wechseln. | Zu einer Ökobank wechseln. | Rindfleisch vom Speiseplan verbannen oder Vegetarier*in/Veganer*in werden. | Saisonal, regional und Bio einkaufen – keine Lebensmittel wegschmeißen, dann bleibt im Portemonnaie genauso viel übrig wie vorher. Bio stärkt die bodenerhaltende Agrarkultur. | Reduzieren. Rebound-Effekte meiden. Keep it simple. Zeitwohlstand statt Konsum.
Aber vor allem: Multiplikator werden: Selbstwirksamkeit leben durch politisches Engagement. In Gemeinschaft. Entsprechend der eigenen Stärken, Bedürfnisse und Möglichkeiten.

  • Die Zeit des ‚Aberns‘ ist vorbei: Entlarve Ersatzdebatten und setze Deine Themen.
  • Es ist nicht weniger als das Geschäftsmodell der größten Industrie der Welt zu zerstören. „It’s up to five times as much as the entire carbon budget for the earth. If we let them digg it all up, we’re cooked. If it stays in the ground, we have a chance“ (Naomi Klein). Die fossile Industrie zahlt derzeit den Kampf gegen Klimaschutz aus der Portokasse.
  • Für die Durchsetzung einer politischen Agenda benötigt man nicht unbedingt die aktive Mehrheit der Bevölkerung: Die Aktivierung von 3,5% der Bevölkerung reicht aus, um relevante politische Veränderungen herbeizuführen.
  • Die 4F meiden: Fliegen, Fleisch, Finanzen und Fummel. Wir rechtfertigen uns alle gegenseitig. Aber: Wenn drei von fünf Freunden nicht mehr begeistert sind, das der gemeinsame Freund zum Shoppen nach New York fliegt, sieht es schon anders aus, daher: Anecken!
  • Fliegen ist die klimaschädlichste Art sich fortzubewegen. Ein paar wenige Privilegierte fliegen das Klima kaputt. Flugreisen machen in Europa 13,5% der CO2-Emissionen aus.
  • Kreuzfahrten sind der ökologische Doppelschlag, weil zumeist Zubringerflüge erforderlich sind. Auch ethisch sind Kreuzfahrten extrem problematisch.
  • Entscheidend für den CO2-Verbrauch ist das Einkommen: Mehr Einkommen fließt allzu oft in schwerere Autos, größere Wohnungen und häufigere Flugreisen. (vgl. Umweltbundesamt)
  • Im Sinne der Klimagerechtigkeit bedarf es Limits und Obergrenzen: Es darf nicht möglich sein, dass sich Unternehmen und Vermögende aus Klimaschutzmaßnahmen heraus kaufen.
  • Verhältnisse ändern statt Verhaltensänderung abfordern: Schrittweise Erhöhung von Standards und Normen ist sozial gerechter und leichter umzusetzen als die Erhebung von Steuern – sowohl bei Unternehmen als auch bei Bürger*innen. (vgl. Michael Kopatz)
  • Übersehen und unterschätzt: der Rebound-Effekt. Das schnellere Auto wird nicht dazu genutzt, früher am Reiseziel zu sein, sondern um weiter weg zu fahren. Ist auf alle Lebens- und Wirtschaftsbereiche übertragbar. Kostet Unmengen an Ressourcen, Energie und CO2.
  • Wir brauchen eine umfassende Mobilitätswende: Mehr ÖPNV, mehr Fahrrad, mehr Carsharing, insbesondere in den Städten. Mehr Platz für die Lebenswerte Stadt. Mehr Schiene, weniger Lkw. Es gibt kein Grundrecht auf einen eigenen Pkw – es gibt nur eines auf gesellschaftliche Teilhabe, u.a. durch Mobilität.
  • Die Energiewende steht in D noch ganz am Anfang: Rund 40% des Stromes wird grün produziert. Aber nur etwa 17% des Gesamtenergiebedarfs stammen derzeit aus Erneuerbaren Energien.
  • 1 Windkraftanlage ermöglicht synthetisches Kerosin für 71/3 vollbesetzte A320-Flüge Hin/Rück HAM-LIS pro Jahr; 2018 sind 122,6 Mio Menschen in D mit einem Flugzeug gestartet: ‚Grünes Fliegen‘ wird nur sehr begrenzt möglich sein, künftiger Massenflugtourismus ist – bis auf weiteres – eine Illusion.
  • Global gesehen ernähren Kleinbauern die Welt. Wir brauchen eine massive Agrarwende: Humusaufbauende regenerative Agrarkultur kann die Welt ernähren – und CO2 aus der Atmosphäre ziehen. Industrielle Landwirtschaft trägt stark zur Erderwärmung bei und zerstört die Böden – und gefährdet die Ernährungssicherheit.
  • Im Jahre 2100 werden etwa 11 Mrd Menschen auf der Erde leben. Das ist eine Menge, aber die gute Nachricht lautet: Mehr werden es nicht. Und die zweite gute Nachricht lautet: Es ist schon jetzt genug Nahrung für 11 Mrd Menschen da. (Das klappt aber nur, wenn es nicht zur ganz großen Klimakatastrophe kommt.)
  • „Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.“ (Kenneth E. Boulding) – Es gibt viele gute Ideen zu Postwachstumsökonomien. Auch der Kapitalismus wurde nicht am Reißbrett entwickelt.
  • Durch Künstliche Intelligenz werden schon bald viele Arbeitsplätze wegfallen. Das Bedingungslose Grundeinkommen wird daher kommen – und kann nicht durch die verbliebenen Arbeitsplätze finanziert werden. Besteuert wird, was unerwünscht ist: CO2, der Verbrauch von Ressourcen – und der Nano-Sekundenhandel per Mikrosteuer.
  • „Es ist billiger, den Planeten jetzt zu schützen, als ihn später zu reparieren.“ (José Barroso) – Der Satz ist eingängig, doch reden wir über eine Existenzbedrohung für die Zivilisation. Und hier wird die Argumentation mit Geld unsinnvoll.
  • Etwa die Hälfte des Kohlenstoffdioxids, das die Menschheit jemals in die Atmosphäre geblasen hat, wurde in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen. Es ist erst der global verbreitete wachstumswirtschaftliche Kapitalismus, also eine historisch extrem junge Wirtschaftsform, der die gigantischen Zerstörungswirkungen entfaltet. Die Taktik ‚Mehr vom Gleichen‘ führt ins Aus.
  • Wenn also unsere Wirtschaft nur ‚brummt‘, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser Wirtschaftssystem u. unser Geldsystem hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu verändern haben.
  • Die Finanzmärkte bzw. die Börse sind zum Casino verkommen, in dem u.a. auf Lebensmittel gewettet wird. Eine Finanztransaktionssteuer sowie die Wiedereinführung der Regel, dass ein Derivat nur erwerben kann, wer das Grundgeschäft getätigt hat, bremsen den Nano-Sekundenhandel runter auf ein ‚menschliches Maß‘.
  • Das ‚Shareholder Value‘-Prinzip ist antisozial: Es verlangt auf Kosten von Gesellschaft, Menschen und Umwelt Gewinnmaximierung ‚um jeden Preis‘ zu Gunsten weniger Menschen, namentlich der Aktionärinnen und Aktionäre. – Wirtschaft hat aber „zugleich dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen“ (GG Art. 14 Abs. 2).
  • Freihandelsabkommen garantieren ‚Investitionsschutz‘ von Unternehmen. Will ein Staat mehr Klimaschutz, wird er u.U. von einem privaten Schiedsgericht zu hohen Schadensersatz verpflichtet. Das kostet Zeit, die wir nicht haben.
  • Unser derzeitiges Wirtschaftsmodell fußt auf der Externalisierung von Kosten: Gewinne gehören Wenigen, ökologische Schäden etc. tragen Alle. Eine Internalisierung aller Kosten würde die gesamte Wirtschaft auf den Kopf stellen. Kein Atomkraftwerk wäre jemals gebaut worden. Wir brauchen: Preiswahrheit.
  • Wesentliche Basis allen künftigen Wirtschaftens kann das bewährte Genossenschaftsmodell sein.
  • Physik schlägt Politik – daher gilt: Wir haben uns am wissenschaftlich Erforderlichen zu orientieren, nicht am vorgeblich politisch Machbaren. Das kann ein Leitfaden sein, an den wir uns selbst und vor allem die Politik immer und ständig erinnern sollten.
  • Jede Subvention, die heute in die falsche Richtung investiert wird, richtet 3x Schaden an: Das Geld festigt den Status quo, fehlt zur Gestaltung der Zukunft und richtet einen später zusätzlich zu bezahlenden Umwelt-/Klimaschaden an.
  • Es gilt das Vorsorgeprinzip, das ‚Backcasting‘ erfordert: Es gilt, vom gewünschten Resultat her zu denken und auf dieser Basis die notwendigen Schritte detailliert zu planen und umzusetzen.
  • Hitze kann man nicht wirklich ausweichen. Irgendwann muss jede*r mal raus.
  • Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die globale Gesundheit des 21. Jahrhunderts: Hitzewellen, Allergien, Tropenkrankheiten in Nordeuropa, Gefährdung von Kindern, Konflikte, Hunger.
  • Wir haben uns klar zu machen, dass die Nahrungskette bzw. die Biodiversität auf dieser Welt einem engmaschigen Netz gleicht. Jedes Lebewesen – ob Tier, Pilz oder Pflanze –, das ausstirbt oder zahlenmäßig nicht mehr relevant vorhanden ist, repräsentiert eine durchgeschnittene Masche des Netzes. Es wird grobmaschiger, instabiler – und irgendwann reißt es an einigen und immer mehr Stellen; und Lebewesen sterben vermehrt aus, weil ihre Nahrung/Lebensumgebung ausstirbt, was dazu führt, dass andere Pflanzen nicht mehr bestäubt werden oder andere Tiere keine Nahrung mehr finden… Dieses Netz trägt uns, einer Hängematte gleich – und wir sind: schwer.
  • „Menschen pumpen heute zehnmal schneller Treibhausgase in die Atmosphäre als die Vulkane während des Großen Sterbens“ (J.S. Foer). Heute existieren ¾ weniger Insekten in den Naturschutzgebieten in D als vor 30 Jahren (Krefelder Studie). „70% unserer Nahrung hängt direkt von der Bestäubung durch Bienen und andere Insekten ab“ (Gonstalla).
  • Wir erhalten durch die Zwillingskrise Klima/Massenaussterben prinzipiell die Chance, die Welt neu zu denken, den überdrehten Finanzialismus-Shareholder-Value-Turbokapitalismus einzudämmen und den Menschen bzw. das Leben – und nicht das (wie es zurzeit ‚funktioniert‘: zerstörerische) Geld – in den Mittelpunkt unseres Daseins zu stellen: Es kann endlich anders weitergehen, weil es anders weitergehen muss, wenn es weitergehen soll.
  • Es ist die Frage aufzuwerfen: Wie wollen wir eigentlich zusammenleben in einer Welt, die zunehmend unter dem Zeichen des Klimawandels und des sechsten Massenaussterbens steht?


Pendzich, Marc (2020): Handbuch Klimakrise – Die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente zur großen Transformation, als Buch und E-Book bei BoD sowie als Website: https://www.handbuch-klimakrise.de


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Nächster Abschnitt:

Fazit.

Fazit Nr. 1: Luftschlösser einreißen.

Menschen reden derzeit über und investieren viel, viel Geld in neuerliche Mondlandungen, Mars-Expeditionen, selbstfahrende Autos und Flugtaxis – lauter letztlich verzichtbare Luftschlösser – aber für die gigantischen irdischen Probleme gibt es hingegen kaum ein Bewusstsein.

Dieser Realitätsverlust ist… unmenschlich.

Ja, klar, Menschen brauchen Visionen – die Apollo-Missionen u.ä. haben die Menschheit sicher in vielerlei und auch in technologischer Hinsicht vorangebracht.
Angesichts der drohenden Existenzkrise der Menschheit gilt es aus meiner Sicht nunmehr vor allem eine Vision zu entwickeln: Wie es für uns weitergeht.

Gesellschaftlich. Politisch. Wirtschaftlich. Global.

Es geht gar nicht mehr um die Fragen:
> „Was ist ein gutes Leben?“ oder
> „Wie wollen wir leben?“

Es geht um unsere: Existenz.

„There are no gray areas when it comes to survival.“
(Greta Thunberg in Davos, 2019)

Jeder Cent von Luftschlössern hat daher m.E. in die Entwicklung von politischen, Lösungen der tiefen Krise unseres Planeten gesteckt zu werden.

Es geht nicht um’s gute Leben, sondern um unser Überleben.

Daher ist das hier auch kein bloßes Handbuch.

Es ist ein Survial-Kit.


Fazit Nr. 2: Wir haben die Wahl.

Wir Menschen haben derzeit noch – nach menschlichem Ermessen und auf Basis des Standes der Wissenschaft – die Wahl zwischen

  • einem eher unangenehm warmen und streckenweise stürmischen Planeten mit der Chance auf einen gemäßigten Wohlstand, wenn wir jetzt individuell Handeln, die Zukunft aktiv mitgestalten und vor allem die Politik vor uns hertreiben und
  • einem Planeten,
    • auf dem Menschen schon in wenigen Jahrzehnten das Leben ihrer Großeltern für eine böse Anekdote halten werden,
    • Zivilisation und Wohlstand historische Begriffe sein werden und
      • unsere Kinder,
      • erst recht unsere Enkel*innen und
      • ganz sicher alle nachfolgenden Generationen
    • für hunderte, wenn nicht tausenden von Jahren in einer dauerhaften Krisensituation des Mangels und des Kampfes ums Überleben kämpfen und diesen Kampf milliardenfach verlieren werden.

Haben wir wirklich eine Wahl?

Nein.

Lasst uns Anfangen.

Jetzt.

Nicht halbherzig.

Mit voller Kraft.

Sofort.

Heute.


Noch ’n Fazit:

Ich habe bei der Recherche – so detailliert, umfassend und langwierig sie war (und ist) – trotz allem letztlich lediglich an der Oberfläche von unendlich vielen Tabellen und abertausenden Zahlen und Millionen von engbedruckten Seiten von wissenschaftlichen Studien gekratzt – der Klimawandel gilt nicht umsonst als das am besten erforschte Wissenschaftsfeld überhaupt.
Forschung ist eine gute Sache – aber diese dient seit vielen Jahren zu einem guten Teil dazu, ein paar Menschen von etwas zu überzeugen, die sich nicht überzeugen lassen wollen: Man kann sich hier im wahrsten Sinne totforschen.

Das ist eine Falle, die von den fossilen Gewinnlern mit ihren systematisch vorgebrachten ‚ewigen Zweifeln‘ gestellt wurde und wird, und in die die Klimawissenschaft und mit ihr gemeinsam die Politik und alle, die aufrichtig gern einen wohltemperierten Planeten behalten möchten, tief hineingetappt sind.

Ja, natürlich kann man z.B. das Insektensterben erforschen, bis sie alle, alle tot sind. Muss man aber nicht.


Es wäre m.E. hilfreich, das grundlegende Forschungsergebnis endlich und in seiner allumfassenden Dramatik als gegeben zu akzeptieren, und den Fokus von Forschung in erster Linie auf die gesellschaftliche sog. große Transformation sowie auf zukunftsfähige technische Ideen zu richten, z.B. auf die Optimierung von Technologien zur Zwischenspeicherung von Energie von erneuerbaren Energien.

Ihr seid dran.

Marc Pendzich.

PS:
#Film4Climate – Prince Ea „Three Seconds“ – Länge: 4:18 Minuten.
>> 1st Prize Short Film Winner – auf dem Klimagipfel in Marrakesch 2016
>> Prince Ea ist Spoken Word Artist und Rapper
>> Die einstellbaren (automatischen) englischen Untertitel helfen sehr!



#Film4Climate – 1st Prize Short Film Winner auf dem Klimagipfel in Marrakesch 2016
Prince Ea (2016): Three Seconds, online unter www.youtube.com/watch?v=sacc_x-XB1Y (Abrufdatum 6.7.2019)

s.a. Schilling, Sabine (2016): „Anthropozän: Der Zustand des Planeten aus Sicht von Prince Ea“. in: Spektrum, online unter https://www.spektrum.de/video/der-zustand-des-planeten-aus-sicht-von-prince-ea/1467337 (Abrufdatum 6.7.2019)

sowie das Video:
Prince Ea (2015): Dear Future Generations: Sorry, online unter www.youtube.com/watch?v=eRLJscAlk1M (Abrufdatum 6.7.2019)


Mein Manifest.

Apropos
‚Bitte mach mir den Teppich nicht nass, während du löschst!‘

Philipp Schröder, Experte für erneuerbare Energien und Ex-Tesla-Chef Deutschland, fasst die derzeitige Klimapolitik-Situation – Stand 2018 – wie folgt in ein Bild:

  • „Man versucht ein Feuer zu löschen – das ist die Klimakatastrophe.  Und diejenigen, die die Feuerlöscher sind, sind … [die]  Politiker  … und um sie rum hüpfen Lobbyverbände, die sagen, ‚bitte mach mir den Teppich nicht nass, während du löschst.‘ … Allerdings sind wir alle … in einer Komfortzone, … und möchte[n] [auf dem] Sofa sitzen bleiben und … nicht nass werden – und das ist sehr schwer zu lösen.“ (13. Dezember 2018, Hervorhebung Pendzich)

Ich möchte nass werden.

Für mich selbst.

Für meine Kinder. Für alle unsere Nachkommen, die verdammt noch mal das gleiche Recht haben, in einem funktionierenden Ökosystem zu leben.

Für meine Enkel, denn es wäre schön, wenn es sie eines Tages geben könnte.

Für alle Menschen, die ich liebe. – Ja, und auch für die Menschen, die ich nicht mag.

Für ‚mein‘ Hamburg, für ‚meine‘ Nordfriesischen Inseln und sonstige von mir geliebte Orte.

Für Europa, als dessen EU-Bürger ich mich zugehörig fühle.

Für uns Menschen der sog. Industrienationen, in der Hoffnung, dass immer mehr Mitmenschen ebenfalls das Bedürfnis entwickeln, ’nass‘ zu werden, denn es ist eine pure Illusion, dass die Klimakatastrophe uns weniger treffen könnte. Die Erde ist ein ziemlich kleiner Planet für aktuell 7,6 Milliarden Menschen. Erst recht in einer globalisierten Welt, in der alles miteinander zusammenhängt.

Für die Menschen der Länder des Südens, die seit Jahrhunderten und bis zum heutigen Tag mit einem niemals eingelösten ‚Entwicklungsversprechen‘ von Politikern, Weltbankern und IWF-lern, von Unternehmern und auch den Verbrauchern der Industriestaaten verarscht und missbraucht werden – und nun auch noch zuerst und am heftigsten ‚den Kopf hinhalten‘ für die von ihnen garantiert nicht verursachte Klimakrise (‚Klimagerechtigkeit‘).

Für alle diejenigen Menschen, die aufgrund unserer westlichen ‚imperialen Lebensweise‘ und der daraus entstehenden sozialen Verwerfungen bzw. als einer von jetzt schon 20 Millionen ‚Klimaflüchtlinge‘ alles zurücklassen müssen. Würden wir G20-Bewohner unser anmaßendes ‚Leben im Überfluss‘ beenden, uns auf das ‚menschliche Maß‘ beschränken und statt dessen kosmopolitisch handeln, würden wir auch den „kollektiven Suizidversuch“ aufgeben oder zumindest die Chance wahren, ihn zu beenden (Rühle 2018 u. vgl. Brand/Wissen 2017).

Für das Wunder ‚Leben‘; für alles Leben auf dieser Erde, ob es nun CO2 generiert oder absorbiert; für alle Lebewesen, die mit unserem absurden Egotrip, der schlicht und einfach ins Nichts führt, nichts zu tun haben und doch fatalerweise uns Menschen bedingungslos ausgeliefert sind – und:

Für diese wunderbare Oase inmitten unbelebter Sterne, also: für diesen zum Kasino herabgewürdigten Planeten, für diese zutiefst geschundene Erde, auf dem wir rumtrampeln, anstatt uns so zu benehmen wie es sich für Gäste gehört (vgl. Rahbi 2018 u. Laurent 2016).

Für alles. Denn ohne alles ist alles nichts.


„Komm, tanz‘ im Regen ganz verwegen,
wild und ungestüm für Dich,
Du sollst nur du selber sein.“

(… statt Konsument.)

aus: ‚Regenzeit‘ (Song), Marc Pendzich, 1994


… ‚Mein Manifest‘ als pdf


unsplash/Matteo Catanese
unsplash/Matteo Catanese

Quellen zu Mein Manifest.

Eingangszitat Philip Schröder:
>> n.n. (2018): „Klimaretter Deutschland – gut gedacht, schlecht gemacht?“ [Philipp Schröder im Gespräch mit Maybrit Illner.] in: Maybrit Illner, Talkshow im ZDF, 13.12.2018, online unter  https://www.zdf.de/politik/maybrit-illner/klimaretter-deutschland-gut-gedacht-schlecht-gemacht-sendung-vom-13-dezember-2018-100.html (Abrufdatum 14.12.2018)


Stichwörter „Oase inmitten unbelebter Sterne“ und „Planet zum Kasino herabgewürdigt“, siehe die beiden folgenden Quellen:
>> Laurent, Melanie und Dion, Cyril (2016): Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. Film-Doku. Darin: Pierre Rabhi im Gespräch.
Hier heißt es: „Diese unersättliche Menschheit sieht den Planeten nicht als wunderbare Oase inmitten unbelebter Sterne, in der das Leben herrlich ist: ein wahres Wunder eben.“

>> Rahhi, Pierre (2018): Manifest für Mensch und Erde. Matthes & Seitz Berlin, S. 89. Französische Originalausgabe 2008 unter dem Titel Manifeste pour la terre et l‘humanisme.
Hier heißt es: Unser Planet ist „durch Plünderung und die Gesetze des Marktes von einer Oase zum Kasino herabgewürdigt“ worden.


Stichwort „menschliches Maß“, siehe:
>> Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. oekom. S. 52.


Stichwort „Klimaflüchtlinge“:
>> Buse, Uwe (u.a.): „Was der Anstieg der Meere für die Menschheit und ihre Lebensräume bedeutet“. in: Der Spiegel Nr. 49/2018, 1.12.2018, S.12-22.
Hier heißt es:
„Auf der Weltklimakonferenz 2017 in Bonn … schätzten UNO-Experten, dass bereits heute 20 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hitze, Dürren, Stürmen oder Überschwemmungen seien. Laut einer Weltbank-Studie könnten es bis zum Jahr 2050 mehr als 140 Millionen werden“ (22)

Anmerkung dazu, 25.5.2019: Einer der (vielen) Mitautoren dieses Artikels ist Claas Relotius, der im Dezember 2019 vom Spiegel der Fälschung überführt wurde; der hier aufgeführte Teil des Artikels ist gemäß Überprüfung des Spiegels nicht zu beanstanden, ist also korrekt , vgl. https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/der-fall-claas-relotius-welche-texte-gefaelscht-sind-und-welche-nicht-a-1249747.html (Abrufdatum 25.5.2019).

Sehr zu empfehlen in diesem Zusammenhang ist die ARTE-Doku
>> Aders, Thomas (2018): Klimafluch und Klimaflucht. TV-Doku, 59 min, online unter https://www.youtube.com/watch?v=tSiRvHzU_JY (Abrufdatum 22.12.2018)


Stichwort „Imperiale Lebensweise“, siehe:
>> Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise: Zur Ausbeutung von Mensch und Natur in Zeiten des globalen Kapitalismus. oekom.


Stichwort „kollektiver Suizidversuch“, siehe     
>> Rühle, Alex (2018): „Klimawandel: ‚Gleicht einem kollektiven Suizidversuch'“. [Gespräch mit Hans Joachim Schellnhuber]. in: Süddeutsche Zeitung, 14.5.2018, online unter https://www.sueddeutsche.de/kultur/klimawandel-gleicht-einem-kollektiven-suizidversuch-1.3978878?reduced=true (Abrufdatum 14.12.2018)


Weitere Quelle:
>> Luley, Peter (2018): „Klima-Talk bei ‚Maybrit Illner‘: Im Weinbergschneckentempo.“ in: Der Spiegel, 14.12.2018, online unter http://www.spiegel.de/kultur/tv/maybrit-illner-ueber-klimapolitik-mit-christian-lindner-im-schneckentempo-a-1243627.html (Abrufdatum 14.12.2018)


Mehr zum Thema ‚menschliches Maß‘ bei LLL:
>> Beitrag „Hybris vs Hygge / Hygge contra Hybris“: https://blog.lebelieberlangsam.de/hybris-vs-hygge-hygge-contra-hybris



Klimakrise: Weiterlesen im Netz:



Quellenverzeichnis „Klimakrise“

Tiefer einsteigen:
>> 4800 Seiten und 450 Minuten Basis-Wissen in alphabetischer Reihenfolge und nach Medium geordnet:

[fett gedruckt: Einige besonders empfehlenswerte Quellen des „Handbuch Klimakrise“]


>> Literaturverzeichnis:

  • Bonner, Stefan und Weiss, Anne (2017): Planet planlos. Sind wir zu doof die Welt zu retten? München: Knaur. 320 Seiten. (Für Einsteiger)

    • Das Buch ist im Mai 2019 als überarbeitete Neuausgabe unter dem Titel Generation Weltuntergang: Warum wir schon mitten im Klimawandel stecken, wie schlimm es wird und was wir jetzt tun müssen bei Droemer erschienen.

  • Brand, Ulrich u. Wissen, Markus (2017): Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus. oekom. 224 Seiten.

  • Brasseur, Guy et al. (Hg.) (2017): Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven. Springer Open. Auch als kostenfreies E-Book verfügbar: https://play.google.com/books/reader?id=KNhCDwAAQBAJ&hl=de&pg=GBS.PA24 (Abrufdatum 19.12.2018) (die nationale Version der IPCC-Berichte) ca. 350 Seiten.

  • Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi. 336 Seiten. 

  • Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing. 240 Seiten.

  • Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer. (Der Originaltitel ist besser gewählt: This Changes Everything: Capitalism vs. Climate.) 704 Seiten.

  • Kopatz, Michael (2016): Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München: oekom Verlag. 416 Seiten.

  • Lesch, Harald u. Kamphausen, Klaus (2016): Die Menschheit schafft sich ab. Die Erde im Griff des Anthropozän. München: Knaur. 516 Seiten.

  • Lesch, Harald u. Kamphausen, Klaus (2018): Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen. München: Penguin. 366 Seiten.

  • Nelles, David u. Serrer, Christian (2018): Kleine Gase – große Wirkung. Der Klimawandel. 132 Seiten. s.a. www.klimawandel-buch.de

  • Otto, Friederike (2019): Wütendes Wetter. Auf der Suche nach den Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme. Ullstein. 242 Seiten.

  • Papst Franziskus (2015): Laudatio Si‘ – Die Umwelt-Enzyklika des Papstes. Leipzig: benno. 200 Seiten.

  • Rahmstorf, Stefan u. Schellnhuber, Hans Joachim (2018): Der Klimawandel. Diagnose, Prognose, Therapie. München: Beck. 8., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. 144 Seiten.

  • Weizsäcker, Ernst Ulrich von u. Wijkman, Anders u.a. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus. 400 Seiten.

  • Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer. 336 Seiten.

>> Kino-Dokumentationen zur Klimakrise:

  • Anote’s Ark. Film-Doku von Matthieu Rytz über den Klimakampf des Ex-Präsidenten von Kiribati, Anote Tong, und das Emigrationsschicksal einer nach Neuseeland emigrierenden kiribatischen Familie, DVD, 2018.

  • Before The Flood. Film-Doku von UN-Friedensbotschafter Leonardo DiCaprio und Fisher Stevens, DVD, 2016.

  • Chasing Ice. Film-Doku von Jeff Orlowski über das per ‚Dauerfotografie‘ sichtbar gemachte Verschwinden des Polar-Eises, DVD, 2012.

  • Immer noch eine unbequeme Wahrheit. Die Zeit läuft. Film-Doku-Update von Al Gore, DVD, 2016.

  • System Error – wie endet der Kapitalismus? Film-Doku von Florian Opitz, DVD, 2018.

  • Tomorrow. Die Welt ist voller Lösungen. Film-Doku von Melanie Laurent und Cyril Dion, DVD, 2016.


Und immer wieder schön-schockierend, die Exxon- und Shell-Geheimstudien von 1982 bzw. 1988, in denen alles steht, was heute Realität ist:

>> weitere Links zu besonders lesenswerten Artikeln zur Klimakrise:


… sowie die Website des Bundesumweltamtes, die übrigens auch den Mitarbeiter*innen des Bundestages zur Verfügung steht: https://www.umweltbundesamt.de/



Nächster Abschnitt:

Schlussbetrachtung

Externalisierung, Ausbeutung, Geldsystem, sozial-ökologische Transformation

Fassen wir alle Kapitel des Handbuchs unter dem Aspekt ‚Externalisierung und Ausbeutung‘ – das sind zwei Seiten einer vor Dreck strotzenden Münze (!) – einmal zusammen:

Unser Leben basiert vollständig auf der Externalisierung von Kosten, d.h. unser komplettes Leben fußt auf „Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt mit dem Ziel maximaler Gewinnerzielung“ (Jung/Schießl 2020), genauer der Ausbeutung

  • von Menschen namentlich des Globalen Südens, die trotz lebenslanger harter Arbeit keine Chance haben relevant aus der Armut herauszukommen, die die Arbeit für uns mit z.B. umweltbedingten Krankheiten, sozialen Verwerfungen, Trennung von der Familie, Rechtsunsicherheit, Gewalt, Unterdrückung und u.U. vorzeitigem Tod bezahlen und die darüber hinaus teilweise unsere faktischen Sklaven sind;
  • von Kindern in Form von täglich 218-millionenfacher Kinderarbeit[1] auf Plantagen, Untertage und in Fabriken für Kakao, Palm, Bananen, Kaffee, seltene Erden, Bekleidung sowie auf Müllhalden etc. pp. – das ist systemisch – und Nachhaltigkeitssiegel sind mehrheitlich Ablassgeschäfte – d.h., insgesamt sind also Menschenrechtsverletzungen mannigfach und Teil des Systems; (Unicef geht 2020 „von weltweit 218 Millionen arbeitenden Kindern zwischen 5 und 17 Jahren aus. Fast die Hälfte sind jünger als zwölf Jahre“ (Johnson 2020, 5).)
  • der Staaten des Globalen Südens, die über internationale Institutionen und ebensolche Verträge sowie einer fehlgeleiteten ‚Entwicklungshilfe‘ im (neo-)kolonialen System gefangen gehalten werden, sodass von einem Imperialismus der Industrienationen zu sprechen ist;
  • von Menschen, deren Leben aufgrund der klimatischen Verwerfungen, für die weitgehend jede*r von uns mitverantwortlich ist, von Flucht, Tod, Elend, Hunger, Gewalt und Krieg bestimmt ist und immer mehr davon bestimmt sein wird;
  • von Ressourcen, die unseren Nachfahren gehören bzw. die im Boden bleiben müssen, damit unsere Nachfahren nicht gegrillt werden;
  • der Natur, der Biosphäre, der Tier- und Pflanzenwelt, der Nutztiere, der Ozeane, der Atmosphäre – auch durch Vermüllung, Zerstörung, durch Inkaufnahme des Massenaussterbens;
  • des Bodens, der seine Fruchtbarkeit zusehends verliert und damit seine Fähigkeit uns künftig zu ernähren;
  • durch Privatisierung/Monetarisierung von Dingen, die Naturrecht bzw. Menschenrecht sind, allen voran: Trinkwasser.

Der Menschen ist begnadet darin, die Augen zuzumachen. Doch auch abseits sämtlicher moralischer Erwägungen gilt: Man kann Kosten nicht dauerhaft externalisieren. Die Rechnung kommt. Definitiv. Und sie wird jeden Tag größer.


Nein, das sind keine, wirklich keine Einzelfälle.


Es ist systemisch – und hat deshalb auch systemisch gelöst zu werden.


Ein systemisches Problem erfordert eine systemische Lösung.
Ein systemisches Problem kann nicht mit Einzelmaßnahmen gelöst werden.
Nicht statthaft ist die Herausstellung einer Problematik als systemisch, um von individueller Verantwortung abzulenken.

Gegenbeispiele zu systemischen Problemen, dass sog. exemplarische Argumentieren, ist wenig hilfreich, weil man immer ein Gegenbeispiel finden wird. Exemplarische Argumentation widerspricht der Empirie. Es handelt sich um einen inadäquaten Ebenenwechsel vom Gesamtbild zum Einzelfall: Exemplarische Argumentation macht bei systemischen Problemen keinen Sinn, weil man erst die Grundfragen, die Grundrichtung zu klären hat und dann nachfolgend das Modell mittels Einzelfragen überprüfen und ggf. Härtefallregeln hinzufügen kann.


Welchen der hier im Handbuch aufgeführten Aspekte wir auch herausgreifen – es läuft immer auf das gleiche Grundproblem hinaus. Am Ende des Nachdenkens gleichwelchem hier im Buch behandelten Hauptaspekt steht das immer gleiche Analyseergebnis: Alle Ausbeutung, alle Problematiken, alle Zerstörungen und Ungerechtigkeiten haben letztlich die gleichen grundlegenden Ursachen. Dürfte man nur genau eine Ursache benennen, also die Weltprobleme auf das Hauptproblem schlechthin herunter brechen, landet man bei der (u.a. Zins-bedingten Wachstums-)Steigerungslogik des HöherSchnellerWeiter, die alles in allem wiederum auf der Art wie unser Geld bzw. das Finanzsystem heutzutage funktioniert basiert.

Wir müssen ran an unser globales Geldsystem.

Es bedarf der Einhaltung der planetaren Grenzen. Jede Mensch hat ein CO2-Budget und einen noch zu bestimmenden ökologischen Fußabdruck, der ihm zusteht. Mehr geht nicht.

Noch einmal: Wir haben das Thema ‚Klimakrise/Massenaussterben/globale anthropogene Umwelt-katastrophe‘ im Sinne des Vorsorgeprinzips rückblickend, per Backcasting1, vom erforderlichen Resultat her zu denken. Alle Lösungsvorschläge und Pläne haben sich am Notwendigen zu orientieren:

‚Wir haben uns am wissenschaftlich Erforderlichen zu orientieren, nicht am  vorgeblich politisch Machbaren‘ – Dies kann ein Leitfaden sein, an den wir uns selbst und vor allem die Politik immer und ständig erinnern sollten.

Details: Erläuterungen zu (1) 'Backcasting'

Backcasting = Planungsmethode, bei der zunächst das erforderliche Ziel definiert und nachfolgend die zur Erreichung dieses Ergebnisses erforderlichen Schritte festgelegt werden. Z.B. in Dänemark Standard, in der deutschen Politik weitgehend Terra    incognita. vgl. wikipedia.org: „Backcasting is a planning method that starts with defining a desirable future and then works backwards to identify policies and programs that will connect that specified future to the present“ (2020); vgl. Abschnitt Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland, Aspekt Vorsorgeprinzip, S. 78f. 


Neben einer Umwälzung der Politik klassischer Politikfelder wie Energie, Mobilität und Landwirtschaft bedarf es in Deutschland eine umfassende sozial-ökologische Transformation (SÖT), die vorschlagsweise entlang folgender Stichpunkte zu skizzieren wäre:

Klimaneutrales Wirtschaften, d.h. komplette Dekarbonisierung bis allerspätestens 2035 (Rahmstorf)/2037 (SRU). Bedingungsloses Grundeinkommen, finanziert z.B. durch Ressourcen-/CO2-Steuer (Prinzip: Das Unerwünschte wird besteuert – also nicht Arbeit). Gerechte Verteilung der verbleibenden (nicht zu besteuernden) Arbeit. Systemrelevanz von Berufen als Bemessungsgrundlage für Bezahlung. Ein Mindestlohn. Ein Maximallohn. Ein Maximalvermögen. Annäherung der Lebensverhältnisse via progressivem Wohlstandsbegriff. CO2-basierte Reisebeschränkung, damit soziale Gerechtigkeit gewahrt bleibt. Parität. Generationengerechtigkeit. Komplette Steuertransparenz. Steuerliche Unterscheidung zwischen Lebens- und Nahrungsmitteln. Re-Regulierung der Finanzmärkte. Ein Derivat kann nur erwerben, wer das Grundgeschäft getätigt hat. EU-weite Finanztransaktionssteuer. EU-CO2-Grenzsteuer. Kostenwahrheit. Verursacherprinzip. Transparente Lieferketten. Vorsorgeprinzip. Ethikräte statt Lobbyismus. Konsistenz. Suffizienz. Nachhaltigkeit. Resilienz. Politiker*innen agieren maximal transparent. Backcasting als Grundprinzip von Politik. Politik hat evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen auf Basis z.B. des Wissenschaftlichen Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) oder des Umweltbundesamtes (UBA). Backcasting als Prinzip nachhaltiger Politik. Starke Einbindung der Zivilgesellschaft. Umfangreiche Bürger*innenteilhabe. Dritte Kammer mit gelosten Bürgerparlamentarier*innen. Ausweitung des Genossenschaftsmodells auf weite Teile der Wirtschaft. Kein Shareholder Value. Gemeinwohlbilanz, Wellbeing Economy o.ä. statt BIP. Priorität ÖPNV/Bahn. Autoarme und Lebenswerte Stadt. Keine Patente auf Leben. Keine Privatisierung systemrelevanter/lebenswichtiger Güter/Branchen. Angleichung der Rechtslage im Digitalbereich an die rechtliche Situation des realen, analogen Lebens. Niedrigschwelliger Zugang des Globalen Südens zu Technologie, Know-how, Medikamenten und Verhütungsmitteln.  Wissens- und Technologietransfer in den Globalen Süden. Re-Regionalisierung der Agrarkultur. Bodenbewahrende Agrarkultur. Tierische Nahrungsmittel (in den Industrienationen) als Ausnahme von der Regel.


Es bedarf einer ‚Kultur des Genug‘ – sie kommt den von Bregman/Junger geschilderte Bedürfnissen des Menschen viel näher als das HöherSchnellerWeiter. Manfred Folkers:

  • „Qualitativ enthält eine ‚Kultur des Genug‘ … [ein M]ehr [an] Zusammengehörigkeit, Würde, Wohlwollen, Vertrauen, Toleranz, Stille, Sorgfalt, Präsenz, Natürlichkeit, Leichtigkeit, Integrität, Humor, Großzügigkeit, Dankbarkeit und Achtsamkeit“ (Folkers/Paech 2020, 240-241).

Konkreter ausgedrückt bedarf es z.B. die Bürger*innen Deutschlands betreffend der Rückkehr zu einem Leben in den Maßstäben der 1970er und frühen 1980er Jahre, angereichert mit dem ‚best of both worlds‘, d.h. dem geringeren Leistungsdruck von damals, der offenen Gesellschaft von heute und die nachhaltige Nutzung der Technologien von heute.

Und das ist eine m.E. durchaus vielversprechende Perspektive.


Quellen der Schlussbetrachtung

Johnson, Dominic (2020): „Coronafolgen werden Millionen weiterer Kinder zur Arbeit zwingen“. in: tageszeitung, 12.6.2020, S. 5. 



Nächster Abschnitt:

Vorwort

Als Achtjähriger hatte ich meinen persönlichen Öl-Schock. Ich wurde im Rahmen der zweiten Ölpreiskrise 1979 erstmals der großen Weltpolitik gewahr und verstand, dass die Welt komplett durch Öl angetrieben wird und ebendieses Öl endlich ist. Alle Forscher*innen müssten umgehend nach Alternativen suchen, damit das Leben weitergehen kann, erkannte ich mit meiner Kinderlogik die Dramatik dieser Nachricht – wie wahrscheinlich damals viele Kinder meiner Generation. Erfände jemand einen Wasserantrieb o.ä., würde die Erfindung umgehend für immer im gepanzerten ‚Giftschrank‘ der Ölunternehmen verschwinden, erklärten mir meine Eltern wenig hoffnungsvoll. Mich regte das auf – es war meine erste Erfahrung mit der Irrationalität, welche dazu führt, dass Macht über Vernunft siegen kann. Es regt mich auch 40 Jahre später noch auf. Denn weiterhin sind es fossile Energien, die maßgeblich den Antriebsmotor unserer Gesellschaft schmieren. Inzwischen ist nicht mehr die Endlichkeit des Öls das Problem, sondern das Zuviel. Zwar gibt es mittlerweile mühsam erkämpfte Alternativtechnologien, aber: Wir könnten schon so viel weiter sein. Vom Klimawandel hörte ich erstmals etwa 1990, zur Zeit des Abiturs – nie hätte ich seinerzeit damit gerechnet, dass ich selbst betroffen sein könnte. So schlug ich den damals als absurd empfundenen, aber den rückblickend erstaunlich weisen Vorschlag der archaischen Software des Hamburgischen Berufsinformationszentrums (BIZ) aus, Meteorologe zu werden. Aber Öko war und blieb ich – immer schon trieb mich das grundlegende Gefühl an, welches Albert Schweitzer mit dem Schlagwort „Ehrfurcht vor dem Leben“ belegte, persönlich möglichst wenig zur Zerstörung der blauen Perle beitragen zu wollen, sodass ich auch deshalb mein Hobby zu einem meiner beiden Berufe machte: Komponierte Schallwellen schaden dem Planeten nicht, günstigstenfalls helfen sie ihm.

Am Anfang dieses Projektes stand der Wunsch, ein abendfüllendes Tanztheatermusikstück über die Klimakrise zu kreieren – dann jedoch schlug der akribische Geisteswissenschaftler in mir durch: Es folgte eine Art privates Zweitstudium in Form einer sechsjährigen Recherche, die in das hiermit vorliegende ‚Handbuch Klimakrise‘ mündet. Das Musikwerk gibt es bis heute nicht. Dies ist das Werk. Ohne Musik.



Das Handbuch Klimakrise versammelt die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente rund um die Klimakrise bzw. zur großen Transformation, die unweigerlich kommen muss, kommen wird und in vielerlei Hinsicht schon längst begonnen hat.

Dieses Webportal handbuch-klimakrise.de ist ein work in progress-Projekt und liegt mit dem Book on Demand (BoD) nunmehr ab dem 10. November 2020 in erster Edition auch als Print-Ausgabe sowie als E-Book vor. ‚Book on Demand‘ ist das Mittel der Wahl, um Buch, E-Book und Webportal auf dem neuesten Stand zu halten.

Marc Pendzich: Handbuch Klimakrise – Die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente zur großen Transformation
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I.d.R. wird die Website etwas aktueller ausfallen als die beiden anderen Medien – sie ist zudem teils multimedial angelegt. Das gedruckte Buch bietet den Vorteil haptisch und angenehm für für intensive Lesestunden zu sein. Das E-Book gerät unter den drei Medien zum wohl ausgefeilsten Recherche-Tool für den User.

>> s.a. LebeLieberLangsam-Essay Handbuch Klimakrise | Ein Werkstattbericht



Die Menge an Informationen unterschiedlichster Qualitätsniveaus zur Klimakrise, zum sechsten Massenaussterben und den weiteren Nachhaltigkeits- und Reformthemen ist schlicht unüberschaubar.

  • Dieses Handbuch bringt die auf tausenden Websites, Nachrichtenportalen und Büchern verstreuten Informations-Puzzleteile, die man als Nicht-Fachfrau/-mann bei Diskussionen gerne parat hätte, aber allzu oft nur ‚so ungefähr‘ drauf hat, zusammen in eine Veröffentlichung.
  • Alles hängt mit allem zusammen. Daher muss dieses Projekt letztlich uferlos sein – somit kann ein Anspruch auf Vollständigkeit nicht bestehen. Mit dem Mut zur Lücke und angesichts der drängenden Zeit hat m.E. die Priorität auf der Bereitstellung der so noch nirgends in eine Publikation zusammengetragenen Informationen zu liegen und nicht auf einer letztlich ohnehin unmöglichen Vollständigkeit: Mit diesem Handbuch ist es wie mit Software, die mit jedem Update und jeder Version neue, aktualisierte und erweiterte Features erhält.
  • Hingegen ist es mein Anspruch als Geisteswissenschaftler, der einst in Musikwissenschaft über rechtliche, ökonomische und pophistorische Aspekte von Musikbearbeitungen bzw. Coverversionen promovierte und sich seit rund sechs Jahren intensiv durch die Klima- und Nachhaltigkeitsliteratur arbeitet, dieses Projekt auf einer detaillierten, tiefgehenden Recherche mit wissenschaftlicher Quellenarbeit fußen zu lassen.    
  • Die Pluralität der Quellen sichert die Ausgewogenheit – das naturwissenschaftliche Fundament, das Pariser Abkommen sowie die Grundannahme ‚Wir sind Erde‘ geben die Richtung vor.


Das Handbuch Klimakrise richtet sich an Leser*innen ohne Spezialkenntnisse. Es ist sowohl Lesebuch als auch eine Handreichung und bietet als solche den schnellen Zugriff auf die relevanten Zahlen, Fakten und Argumente. Tatsächlich schließt es eine große Lücke, weil es das Thema aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet und diese unterschiedlichen Blickwinkel ganzheitlich in einer Veröffentlichung zusammenbringt:

  • Klimatolog*innen analysieren die naturwissenschaftliche Seite,
  • Biolog*innen erforschen u.a. das eng mit der Klimakrise verknüpfte sechste Artensterben,
  • Ärzt*innen benennen mögliche Gesundheitsgefährdungen,
  • Ingenieur*innen entwickeln die meist schon bestehenden Zukunftstechnologien weiter,
  • Soziolog*innen beleuchten die gesellschaftlichen, gruppendynamischen Prozesse,
  • Agrarökolog*innen untersuchen die Herausforderungen für die Landwirtschaft,
  • Psycholog*innen beobachten z.B. die gefühlte Hilflosigkeit angesichts dieser Krise,
  • Jurist*innen versuchen global, Klimaschutz einzuklagen,
  • etc. pp. pp.

Details: Gendering in diesem Buch | Begriff 'Klimaschutz'

Why? Sprache formt das Denken, „Sprache konstruiert Realität … [und] lässt Bilder in unseren Köpfen entstehen. Wenn Sprache nicht alle mitdenkt, dann reproduzieren wir bestehende Ungleichheiten und Machtverhältnisse“ (Jeffries 2020, 35). Gewissermaßen ist Sprache Framing – sie setzt den Rahmen im Gespräch. Und: Wenn ich über einen Vorstandsvorsitzenden spreche, entsteht tendenziell das Bild eines männlichen Vorstands, zumal die Erfahrung dies für die Vergangenheit i.d.R. auch bestätigt. Wenn ich also die weibliche Form oder die inklusive Form in meiner Sprache mit einbeziehe, rüttle ich automatisch an diesen Strukturen und formuliere einen Subtext: ‚Alles könnte anders sein. Es soll künftig anders sein.‘ Weissenburger fügt hinzu, das „Forscher*innen der Freien Universität Berlin festgestellt [haben], dass sich Grundschulkinder bestimmte Berufe eher dann selbst zutrauten, wenn diese gegendert vorgelesen wurden“ (2020, 35).

Das Wort ‚Klimaschutz‘ trifft nicht den Kern der Sache. Wir schützen nicht das Klima um des Klimas willen. „Das Klima braucht unseren Schutz nicht – was wir eigentlich schützen wollen, ist nicht weniger als unsere eigene Lebensgrundlage“ (Wieczorek/ Mathis 2020). Wir schützen das Klima nicht vor uns, wir schützen das Klima um unseretwillen: Durch ‚Klimaschutz‘ schützen wir uns vor den Folgen eines gefährlichen Klimawandels (vgl. Soziologe Nico Stehr in Beyer 2019, 21). In den Worten von Eckhart von Hirschhausen: „Wir müssen nicht ‚das Klima‘ retten – sondern uns!“ (vgl. S. 246). Wieczorek/Mathis führen aus, dass „Sprache … Ausdruck unseres Denkens [ist]. Die Sprechweise vom ‚Klimaschutz‘ verdeutlicht, dass wir das eigentliche Problem noch nicht verinnerlicht haben oder es gar verdrängen. Wir reden so, als ginge es darum, etwas für jemand anderes zu tun – für jemanden, der weit entfernt ist. Dieser jemand ist das Klima. Folglich könnte man auch etwas anderes tun… [Diese] Redeweise [verschleiert] … den tatsächlichen Handlungsgrund und den akuten Handlungsdruck. Der Handlungsgrund ist, dass wir … unseren Lebensraum auf der Erde [zerstören]“ (2020). Statt isoliert vom Klimaschutz könnte man m.E. vom ‚Lebensgrundlagenschutz‘ sprechen – und dieser Begriff schließt auch den Aspekt ‚Massenaussterben‘ mit ein, vereint also die Zwillingskrisen in einem Wort.


Sich als Bürger*in mit der Klimakrise auseinanderzusetzen kann mühsam sein, aber das Thema ist vom Prinzip her nicht schwierig zu verstehen:

  • Es ist ein mühsames Thema. Mühsam, weil die Informationen gewöhnlich so weitläufig verstreut sind, dass das ohnehin vielschichtige Thema unnötig komplex gerät.
  • Kompliziert hingegen ist das Thema nicht, die Grundfakten sind eigentlich vollkommen simpel: Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Die Natur setzt uns die Pistole auf die Brust. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher.
    Aber diese an sich simple Wahrheit auch emotional zuzulassen und darüber nicht passiv zu verzweifeln – das empfinden viele Menschen als schwierig.

Sollten Ihnen die Ausführungen des ‚Handbuch Klimakrise‘ zuweilen heftig oder ‚krass‘ vorkommen, so möchte ich darauf hinweisen, dass hier vor allem, ja, fast ausschließlich Autor*innen von Mainstream-Qualitätsmedien wie Süddeutsche Zeitung, tageszeitung, Spiegel und Zeit, renommierte Klimaforscher*innen wie beispielsweise Friederike Otto, Stefan Rahmstorf, Hans Joachim Schellnhuber sowie etablierte Wissenschaftler*innen wie u.a. Maja Göpel, Michael Kopatz und Harald Welzer zitiert werden.

Was die Ausführungen des Handbuches m.E. drastisch erscheinen lässt, liegt in erster Linie an der hohen Konzentration des Materials: Sie halten hier das Kondensat, Destillat, gewissermaßen den Nukleus dessen in der Hand, was in den letzten Jahren über das Themenspektrum Klimakrise/sechstes Massenaussterben seriös veröffentlicht wurde. Und eine solche Zusammenschrift hat eine ganz andere Dimension als die Lektüre eines vereinzelten Zeitungsartikels oder eines Buches zu einem Teilthema. Hinzu kommt, dass die Vielzahl der Quellen und Zitatgeber*innen m.E. eine möglicherweise einschüchternde Wirkung haben könnte, weil eben der Befund so vielstimmig und in diesem Sinne Kompetenz-geballt daherkommt.

Falls Sie diesen ‚Thriller der Realität‘ mal beiseitelegen möchten – tun Sie das. Alternativ könnten Sie sich zu dem Abschnitt Ohnmachtsgefühle & erlernte Hilflosigkeit: Klimakrisen-Depression begeben, dessen Inhalt weniger negativ ausfällt, als der Titel nahelegt, sondern vielmehr Angebote unterbreitet, wie man konstruktiv mit dem in der Tat psychologisch zunächst schwierigen Befund ‚Existenzielle Gefährdung der Lebensgrundlagen der Menschheit‘ umgehen kann.


Liebe Leser*innen, so absurd und grotesk es angesichts der langen Menschheitsgeschichte anmutet: Wir – Sie und ich, genauer: ausgerechnet uns, den derzeitigen etwa drei Erwachsenengenerationen, fällt die historisch einmalige Rolle zu, Entscheider*innen zu sein über das weitere Schicksal der Menschheit bzw. der Biosphäre, wie wir sie kennen. Unser Handeln oder Nicht-Handeln wird den Unterschied machen. „[D]ie Zukunft aller kommenden Generationen ruht auf unseren Schultern“ sagt der Dalai Lama (zit. in Alt 2020,43). Und: Wir sind, frei nach Barack Obama, die letzten Erwachsenen, die noch die Option haben, die ganz große Katastrophe abzuwenden.

Details: Obama-Originalzitat

Barack Obama 2014 auf Twitter: „We are the first generation to feel the effect of climate change and the last generation who can do something about it“. vgl. https://twitter.com/barackobama/status/514461859542351872?lang=de (Abrufdatum 2.2.2020)

Dabei erwächst in Deutschland den hiesigen Rentner*innen eine besondere Verantwortung, da sie aufgrund der hiesigen Bevölkerungsstruktur eine entscheidende Wähler*innengruppe stellen. Auf ihr politisches Verhalten wird es unmittelbar mit ankommen. Charmant ausgedrückt: Liebe Generation 60+, wir benötigen Ihre Unterstützung, insbesondere als Grannys & Grandpas for Future. Politischer ausgedrückt: Ich nehme Sie, liebe*r ältere*r Leser*in, hier explizit in die Pflicht und fordere Sie auf, zugunsten der Familien Ihrer Kinder und für Ihre Enkel*innen die Zukunft zu wählen und darüber hinaus im Rahmen Ihrer persönlich Möglichkeiten politisch aktiv zu werden: Kreuzfahrt oder Enkel – das kann hier nicht die Frage sein.

Doch egal, welcher Erwachsenengeneration wir angehören und wo wir Industriestaatler*innen auf dem Planet verortet sind: Es ist unser aller Aufgabe und Gebot, von unserem hohen Ross namens ‚Bequemlichkeit/Verdrängung‘ herunterzusteigen und alles und wirklich alles zu unternehmen, um die Zivilisation zu bewahren. Es liegt in unserer Verantwortung, mindestens einen grundlegenden Wohlstand für unsere eigenen Kinder und Enkel*innen sowie für alle Kinder und Kindeskinder dieser Welt – der ganzen Welt – zu bewahren.

Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus?

  • Wie alt werden Sie, Ihre Kinder und Ihre Enkel*innen im Jahre 2050 bzw. 2100 sein?
  • Wünschen Sie sich, dass Ihre Nachfahren gesund leben können und genau wie Sie Nachfahren haben werden können?


Es heißt des Öfteren, wir hätten kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit (vgl. z.B. Mojib Latif 2019a). Richtig ist, dass die Kernbotschaft eines anthropogenen Klimawandels mittlerweile angekommen ist – und ja, wir müssen sofort ins Handeln kommen. Doch ist Greta Thunberg immer wieder zu recht darüber erstaunt, wie bestürzend wenig Politiker*innen und Bürger*innen über die Klimakrise wissen: „When I talk to people they don’t even have the basic facts… people don’t know that we have actually a carbon budget“ (Thunberg 2019). Das deckt sich exakt mit meiner persönlichen Wahrnehmung:

Wir haben ein Tragweitendefizit – vielen Menschen ist der Ernst der Lage, die Dimension, Vielschichtigkeit und Dringlichkeit der Klimakrise und des sechsten Massenaussterbens vollkommen unklar.

Lücken dieser Art füllt das ‚Handbuch Klimakrise‘.


Transparenz durch Offenlegung

Ich, Marc Pendzich, Autor dieses Buches,

  • stehe keiner Partei besonders nahe, agiere unabhängig und bin politisch eher links der Mitte zu verorten,
  • beziehe mein Einkommen ausschließlich aus meinen Tätigkeiten rund um die Musik, d.h. als Musiker, als Autor und als freier Dozent im Fachbereich Systematische Musikwissenschaft. Ich habe weder einen Sponsor, einen Mäzen noch bin ich mit einem in diesem Buch bzw. auf dieser Website relevanten oder verlinkten Nicht-Musik-Unternehmen finanziell oder geschäftlich verbunden.
  • erhalte im Zusammenhang mit diesem Buch/E-Book/Webportal weder bis dato noch für die Zukunft vereinbart bzw. in Aussicht gestellt irgendwelche Gelder oder andere Zuwendungen. Gleiches gilt für meine Familie. Einzige Ausnahmen bilden das Autorenhonorar, welches mir BoD für das vorliegende Buch bzw. E-Book zahlt, dessen Höhe jede*r Leser*in via BoD-Website nachvollziehen kann und die Tantiemen von der VG Wort. Ich gehe nicht davon aus, dass das Projekt Handbuch Klimakrise jemals Gewinn abwerfen wird – und das ist ja auch nicht die Motivation.
  • bin über mein Musiklabel vadaboéMusic Mitglied des Zukunftsrat Hamburg und dort ehrenamtlich im ‚Arbeitskreis Klimakrise‘ sowie im Leitungsgremium ‚Koordinierungskreis‘ tätig.
  • bin Mitglied des Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) und Autofrei leben! e.V. sowie Fördermitglied von Greenpeace e.V. und der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH).
  • habe gemäß der Statuten von Autofrei Leben! e.V. keinen eigenen Pkw und nutze Autos nur im dringenden Ausnahmefall.

Viele Menschen finden es offenbar enorm wichtig, Politiker*innen und die Greta Thunbergs dieser Welt nie und niemals Wasser predigen und doch Wein trinken zu sehen. Diesen Menschen möchte ich entgegenhalten, dass Fakten, Daten und Argumente nicht wahrer oder falscher werden, gleich aus welchem Mund sie kommen und wie sich die argumentierende Person persönlich verhält.

Nun, dieses sog. ‚Argumentum ad hominem‘ (vgl. S. 213) ist offensichtlich ein (zumindest westlich geprägten) Menschen regelrecht eingepflanztes Reaktionsmuster, das selbstredend nicht durch das Verfassen des vorherigen Absatzes verschwinden wird. Daher möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich lieber langsam lebe und das Webportal LebeLieberLangsam.de betreibe, weder perfekt bin noch sein möchte, jedoch tatsächlich und ausnahmslos nicht fliege, als Städter niemals ein Auto besessen habe, vegetarisch lebe (‚alles was keine Augen hat‘), Milchprodukte i.d.R. Bio kaufe, keine Erdbeeren im November esse, kein Smartphone besitze, persönlich eine jährliche CO₂-Bilanz von 5,05 Tonnen habe (vgl. S. 74, Durchschnitt in Deutschland = 11,6t), Ökostrom beziehe, mein Konto bei einer Ökobank habe und Palm-frei lebe. Das alles fällt mir leicht – mit Askese hat das nichts zu tun: Ich lebe ein einfaches Keep it simple-Leben und genieße meinen auf diese Weise möglichen Zeitwohlstand: Liebe*r Leser*in: Die härteste Währung der Welt ist nicht Geld, sondern Zeit.

Manche Leser*innen mögen mich nun vielleicht angeberisch finden. Wegen des seltsamen ‚Argumentum ad hominem‘ aber möglicherweise auch glaubwürdiger.     


Es ist zwar gut und richtig, seine CO₂-Emissionen in den Griff zu bekommen und vor allem das Fliegen zu unterlassen. Prima also, wenn Sie sich umwelt-/klimabewusst verhalten – aber überfordern Sie sich damit nicht: Wichtiger als Teebeutel korrekt zu kompostieren ist – aufs Ganze gesehen –, daran mitzuwirken, dass die Politik eine andere wird. Das ist der große Hebel. Ohne eine andere Politik werden wir es nicht schaffen. 

Ergo: Das Leben wie wir es kannten, ist vorbei. Viele von uns haben es nur noch nicht gemerkt. Lassen Sie uns bzw. lasst uns schon mal los-, voraus- und vorangehen. Das birgt aufgrund des Gefühls der Selbstwirksamkeit auch depressiven Gefühlen angesichts der desolaten Weltlage vor. 

Wir – als Einzelperson und als Menschheit – haben die Wahl, wie wir mit der Klimakrise und dem sechsten Massenaussterben umgehen: by design or by disaster.       

Marc Pendzich. 

Details: Form der Ansprache Sie/Du/Wir/Euch | Inspiration 'by design or by disaster'

Auf den 700 Seiten verändere ich ab und zu die Form der Ansprache und wechsle vom ‚Sie‘ zum ‚Euch‘. Oder ich schreibe ‚wir‘ und dann wieder ‚ich‘. Der Autor dieses Buches würde sich freuen, wenn Sie/Du ihm das nachsehen und es als einen Akt kreativer Freiheit betrachten könnten/könntest: Beispielsweise fühlen sich motivierende Aussagen gesiezt tendenziell gestelzt an, an anderen Stellen bedarf die Ansprache genau dieser Distanz…

Dass wir derzeit noch die Wahl haben, den immensen Herausforderungen ‚by design or by disaster‘ zu begegnen, stellte Niko Paech schon 2012 in seinem Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie (S. 143) überaus treffend heraus: Das Zeitfenster ist seither erheblich geschrumpft.


Quellen des Abschnitts Vorwort
  • Alt, Franz (2020): Der Klima-Appell des Dalai Lama an die Welt. [Der Dalai Lama im Gespräch mit Franz Alt]. Benevento, S. 43.
  • Beyer, Susanne (2019): „‚Mehr Demokratie wagen‘“. [zit. den Soziologen Nico Stehr]. in: Der Spiegel Nr. 41/5.10.2019, S. 21.
  • Gottschalk, Katrin (2020): „Ästhetisch einwandfrei“. in: tageszeitung, 14.10.2020, S. 12.
  • Jeffries, Victoria (2020): „Wie Sprache Realität formt“. [Gesprächsprotokoll aufgezeichnet durch Peter Weissenburger und Simon Sales Prado]. in: tageszeitung, 6./7.6.2020, S. 35.
  • Latif, Mojib (2019a): „Nach uns die Sintflut?“. [Bericht über Vortrag von Latif, ohne Autor]. in: Westfälische Nachrichten, 27.6.2019, online unter https://www.wn.de/Muenster/3845867-Prof.-Dr.-Mojib-Latif-in-Muenster-Nach-uns-die-Sintflut (Abrufdatum 2.7.2020)
  • Thunberg, Greta (2019) im Interview mit Tagesschau/NDR auf dem Rathausmarkt in Hamburg, 1.3.2019, online unter https://www.youtube.com/watch?v=QDni0yoPBrs (Abrufdatum 18.5.2020), ab Minute 30.
  • Weissenburger, Peter (2020): „Inklusiv schreiben und sprechen“. in: tageszeitung, 6./7.6.2020, S. 35.
  • Wieczorek, Florian u. Mathis, Okka Lou (2020): „Klimagerechte Sprache: Mensch, dein Lebensraum!“. in: Klimareporter, 26.9.2020, online unter https://www.klimareporter.de/gesellschaft/mensch-dein-lebensraum (Abrufdatum 28.9.2020)



Nächster Abschnitt: Intro/Einleitung

Sechstes Massenaussterben

Was ist der Mensch ohne die Biosphäre, deren Teil er ist und die ihn umgibt?
Nichts.


Definition ‚Biosphäre‘: (griechisch bíos = Leben u. sphaira = Kugel)

  • „[D]er von Organismen bewohnbare Raum der Erde“ (Kompaktlexikon der Biologie 2001)


Definition ‚Biodiversität‘:

  • „Auch als ‚biologische Vielfalt‘ bezeichnet, beschreibt er die Mannigfaltigkeit des Lebens auf der Erde. Dies umfasst weit mehr als die Vielfalt der Arten. Es geht um die genetische Unterschiedlichkeit der Individuen innerhalb einer Art, die Verschiedenheit der Arten untereinander und – in der dritten Ebene – um die Lebensgemeinschaften mit ihren Interaktionen, Prozessen und Stoffkreisläufen“ (Niekisch 2019, 20).


Klimakrise und sechstes Massenaussterben sind Zwillingskrisen (vgl. Baier 2019).

Sie bedingen und durchdringen sich, sodass es sinnvoll ist, Klima- und Umweltschutz nicht getrennt voneinander zu betrachten (vgl. Klimaforscherin Almut Arenth, Karlsruher Institut für Technologie, zit. in Habekuss 2019, 41), sondern gemeinsam zu analysieren, wie hier im Handbuch zumindest zum Teil – mit dem größeren Fokus auf der Klimakrise, doch mit wiederholtem Verweis auf das sechstes Massenaussterben – geschehen. Viele Punkte zum Thema ‚sechstes Massenaussterben‘ sind daher auf den vorangegangenen ca. 670 Seiten bereits erläutert worden. In diesem Abschnitt des ‚Handbuch Klimakrise‘ ist der Blick noch einmal explizit auf das sechste Massenaussterben (‚Mass Extinction‘) zu richten:

Veranstaltungstitel des Zukunftsrates Hamburg 11/2020 | Foto: Pexels/Erik Karitsa | handbuch-klimakrise.de

Status quo:

  • „Der Mensch verursacht gerade das größte globale Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier“ (Eberhard Brandes, WWF Deutschland, zit. nach Lesch/Kamphausen 2018, 94).
  • „[D]ie gegenwärtige Aussterberate [liegt] 1.000- bis 10.000-fach über der sogenannten normalen“ (Lesch/Kamphausen 2018, 93).
  • „Bis zu 58.000 Tierarten verschwinden jedes Jahr“ (Hartmann 2018, 17).
  • „Der Rückgang bei rund 21.000 beobachteten Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien zwischen 1970 und 2016 betrage [laut der WWF-Studie Living Planet Report 2020] im Durchschnitt 68 Prozent… Insekten wurden nicht einberechnet.“ (SZ 2020). Lateinamerika stehe bei den beobachteten Populationen mit 90% verheerend da, in Europa sei die große Dezimierung schon früher erfolgt, sodass nun seit 1970 weitere 25% zu beklagen seien (vgl. ebd.)
  • „Bei den Primaten finden sich inzwischen 94 Prozent auf der Roten Liste in einer der drei höchsten Gefährdungskategorien (Stand 2014). Die Artenvielfalt hat seit den Siebzigerjahren stark gelitten; die Zahl der Säugetiere, Vögel, Reptilien und Fische habe sich seither im Schnitt halbiert, die Welt verliert täglich 380 Tier- und Pflanzenarten“ (Lesch/Kamphausen 2018, 93).
  • „Zwischen einer halben und einer Million Arten sind … [gemäß dem Report des Weltbiodiversitätsrat IPBES] vom Aussterben bedroht. Ein Viertel aller katalogisierten Tier- und Pflanzenarten soll bereits verloren sein. Der Artenschwund verlaufe ‚zehn- bis hundertmal schneller als im Durchschnitt während der letzten zehn Millionen Jahre‘ … Drei Viertel der Landfläche, 40 Prozent der Ozeane und die Hälfte der Flüsse und Seen seien ‚stark verändert‘ – mit katastrophalen Folgen für Wildtiere und Menschen… 96 Prozent der Säugetierbiomasse [besteht] aus Menschen und ihren Nutztieren. Die Wildtierpopulation dagegen habe sich [laut WWF] seit 1970 weltweit um 60 Prozent verringert, in Süd- und Mittelamerika sogar um 89 Prozent“ (Bethre 2019, 101; vgl. IPBES 2019).
  • „Allein die vom Menschen verursachte Erderhitzung könnte rund fünf Prozent der Arten auslöschen, wenn der Schwellenwert von zwei Grad Celsius globaler Temperaturerhöhung überschritten werde“ (Schwägerl 2019).

Das Pendant zum Weltklimarat IPCC:

Der Weltvielfaltsrat IPBES

Seit 2012 gibt es die UN-Organisation IPBES = Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services = „Weltvielfaltsrat“.

Sie ist vergleichbar dem IPCC, dem Weltklimarat – jedoch wesentlich unbekannter. Und doch genauso wichtig. Denn, noch einmal: „Genau wie Luft, Wasser oder Klima ist die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten eine grundlegende Säule unserer Existenz“ (Uhde 2020).

>> Begriff ‚Weltvielfaltsrat‘: Habekuss 2019, 41

  • Im aktuellen Bericht des IPBES, dem „Global Assessment Report“… ist u.a. zu lesen, dass „[e]ine Million Tier- und Pflanzenarten … vom Aussterben bedroht [sind]. Eine gigantische Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass gerade einmal 1,9 Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben sind und die unterschiedlichen Schätzungen darüber wie viele Spezies überhaupt gibt zwischen acht und zehn Millionen liegen“ (Habekuss 2019, 41).


Damit ist zweierlei angedeutet:

  1. Beschrieben sind logischerweise i.d.R. die Tier- und Pflanzenarten die für unser Leben und unsere Ernährung eine konkrete Rolle spielen – und:
  2. Wenn also die überwältigende Mehrheit von Pflanz- und Tierarten schlicht noch nicht entdeckt bzw. beschrieben ist, bedeutet das, dass wir extrem wenig über unsere Biosphäre wissen.


Denn in Wirklichkeit kennen wir Menschen allenfalls einen Bruchteil der Biosphäre dieses Planeten:

  • „Neuesten Schätzungen zufolge sind allerdings 86 Prozent aller an Land und 91 Prozent aller in den Ozeanen lebenden Arten noch unentdeckt Wir kennen also nur einen sehr kleinen Teil des Arteninventars der Erde. Dabei bedeutet ‚kennen‘ nur, dass sie hinsichtlich ihrer Existenz erfasst sind. Über ihre Rolle in den Ökosystemen und auch über ihre potenzielle Verwendbarkeit für den Menschen wissen wir nur bei den allerwenigsten ‚bekannten‘ Arten Bescheid… Von den schätzungsweise 1.000.000 Insektenarten sind gerade einmal 7.639 evaluiert“ (Niekisch 2019, 20-21).


Bill Bryson erwähnt in seinem kongenialen dokumentarischen Reisebericht Frühstück mit Kängurus:

  • „Mindestens ein Drittel [der Pflanzen Australiens] ist nie bekannt oder erforscht worden, und dauernd tauchen neue auf, oft an den unwahrscheinlichsten Stellen. 1989 fanden Wissenschaftler zum Beispiel in Sydney eine völlig neue Baumart namens Allocasuarina portuensis. Da leben die Leute zweihundert Jahre mit diesen Bäumen, doch weil sie (die Bäume) nicht sehr zahlreich sind – es sind bisher erst zehn gefunden worden –, waren sie noch niemandem aufgefallen“ (2002, 372-373).


Als die entscheidenden fünf Treiber des Biodiversitätsverlustes werden im IPBES-Bericht folgende Faktoren ausgemacht:

  • Die „veränderte Nutzung von Land und Ozeanen“.
  • „Die direkte Ausbeutung von Tieren und Pflanzen“, vgl. z.B. Überfischung.
  • „Parallel dazu wird der Einfluss des Klimawandels größer“, Arten weichen aufgrund sich verändernden Klimabedingungen zurück, z.B. ins Kühle nach Norden. Nur: Wo geht der Eisbär hin?
  • „Die Abfälle des Menschen, von Schwermetallen über Umweltgiften und Plastik bis hin zu einem Übermaß an Dünger, überlasten viele Ökosysteme“.
  • Eingeschleppte Arten z.B. durch Welthandel und Tourismus machen sich breit „auf Kosten der dort heimischen Spezies“ (alle Zitate: Habekuss 2019, 41).

Der Mensch ist auf sog. ‚Ökosystemdienstleistungen‘ angewiesen:

  • „Ökosystemdienstleistungen sind definiert als Vorteil, Nutzen oder Gewinn (benefits), den die menschliche Gesellschaft aus Ökosystemen zieht und die maßgeblich das Wohlergehen und die Lebensqualität des Einzelnen (human well being) mitbestimmen. Dabei werden sowohl materielle wie immaterielle Güter (tangible and intangible benefits), d.h. sowohl Waren (goods) als auch Dienstleistungen i.e.S. (services) berücksichtigt“ (Bürger-Arndt 2011).

Unterschieden werden dabei laut Bürger-Arndt folgende Ökosystemdienstleistungen:

  • „[U]nterstützende (supporting) wie Bodenbildung, Nährstoff- und Wasserkreislauf, Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffbindung oder Primärproduktion,
  • regulierende (regulating), die sich auf das örtliche Klima und die Luftqualität, den Wasserhaushalt und die Wasserqualität, die Bodenbildung und -reifung oder das Auftreten von Schädlingen bzw. Krankheiten auswirken,
  • bereitstellende (provisioning), welche die Nutzung erneuerbarer Ressourcen in Form von Nahrung, Holz, Fasern, Trink- und Brauchwasser usw. durch den Menschen ermöglichen,
  • kulturell bedeutsame (cultural), die infolge der ästhetischen, kontemplativen, spirituellen, religiösen, erkenntnis-, bildungs- und erholungsfördernden Wirkung der Ökosysteme immaterielle Bedürfnisse des Menschen befriedigen und denen daher eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird“ (ebd.).


Bei der Beschreibung dieser Systemleistungen bleibt es nicht.

Für sie wird i.d.R. ein Geldwert errechnet. Inwieweit sich der Wert von Natur in Geld ausdrücken lässt, ist – zu Recht – hoch umstritten, d.h. es ist die Frage aufzuwerfen, ob es sinnvoll ist, dazustellen, dass bspw. allein der „globale ökonomische Wert der Bestäubung [z.B. durch Bienen] … auf eine Summe von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar im Jahr geschätzt [wird]“ (Chemnitz 2020b, 38).

  • „Laut Befürwortern dieser Idee hatten ‚Ökosystemdienste‘ – das, was die Natur uns an Ressourcen bietet – für die Weltwirtschaft im Jahr 2011 einen Wert von rund 120 Billionen Euro, mehr als das Doppelte des weltweiten BIPs“ (Maxton 2018, 75) – anders ausgedrückt übertrifft der Wert der Ökosystemdienstleistungen „die Weltwirtschaftleistung damit um mehr als die Hälfte“ (Bethge 2019, 102).

So eindrucksvoll solche Zahlen sind und eben auch zur Relativierung des BIPs beitragen, so ist doch sehr problematisch, dass Natur auf diesem Weg, in dieser Perspektive quasi zu einer Handelsware wird – gegen die man dann auch von Fall zu Fall argumentieren könne:

  • „Auf dieser Grundlage können Unternehmen argumentieren, dass es mehr einbringt, einen Wald zu roden… Sie können leicht nachweisen, dass [z.B. mit dem Palmöl ein höheres Einkommen zu erzielen ist als [z.B.] mit dem Regenwald…“ (ebd., 76).
  • „Natur zu monetarisieren… bestärkt die Menschen in der Vorstellung, über die Geschicke der Natur entscheiden zu können…“ (ebd.).

Doch macht das Konzept ‚Systemdienstleistungen‘ zumindest deutlich, wie viel schlechter wir Menschen gemäß den Zahlen, die Ökonom*innen üblicherweise verstehen, hinsichtlich unserer Lebensqualität dastehen würden.

>> zum Konzept ‚Ökosystemdienstleistungen‘ siehe ausführlich Ederer, Nora (2020): „Umweltschutz: Was wir der Natur schulden“. in: Süddeutsche Zeitung, 10.8.2020, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/umweltschutz-oekologische-kosten-oekosystemdienstleistung-1.4976424 (Abrufdatum 1.9.2020)


Was solche Zahlen hingegen nicht einmal andeuten, ist, dass der Zusammenbruch solcher Ökosystemdienstleistungen nicht in Geld auszudrücken ist, weil Geld in diesem Falle mutmaßlich schlicht ein Relikt der Vergangenheit wäre.

Und letzteres wird i.d.R. bzw. allzu oft übersehen.

Der Mensch verhält sich gleichwohl schon immer, mehr und mehr und insbesondere auch in der Gegenwart, als seien diese Ökosystemdienstleistungen unbegrenzt und unkaputtbar:

  • „Menschen pumpen heute zehnmal schneller Treibhausgase in die Atmosphäre als die Vulkane während des Großen Sterbens“ (Foer 2019, 100).
  • „In den Weltmeeren gibt es über 400 sogenannte Todeszonen [eigentlich: Totzonen], die wegen Überdüngung so sauerstoffarm sind, dass dort nichts mehr lebt“ (Habekuss 2019, 41).
  • „Schätzungen zeigen, dass ungefähr 80 Prozent der marinen Ökosysteme von Eutrophierung betroffen sind … Seit 1960 hat sich die Zahl der Totzonen in denen am Meeresboden Sauerstoffmangel herrscht in jedem Jahrzehnt verdoppelt (1960: 10 Gebiete; 2008: 405 Gebiete)… Die drei größten Totzonen befinden sich in der Ostsee (bis zu 84.000 km²), im Schwarzen Meer (bis zu 40.000 km²) sowie im Golf von Mexiko (bis zu 22.000 km²)“ [Stand 2010!, UBA 2010).
  • „Die menschengemachte Zerstörung nimmt viele Formen an. Zu den sichtbarsten gehört das Artensterben. Dieses liegt zurzeit beim 10.000-fachen dessen, was der natürlichen Rate entspräche… – und dieses Artensterben nimmt immer weiter zu“ (Maxton 2020, 19).

Eine der bekanntesten Ökosystemdienstleistungen erbringen blütenbestäubende Honigbienen:


Insekten- und Bienensterben

unsplash/Mika Baumeister
  • „In Deutschland ist die Biomasse der Insekten seit 1990 um über 75 Prozent gesunken“ (Bradley 2019, 26).
  • „Bienen besuchen etwa zehn Millionen Pflanzen, um Nektar für etwa ein halbes Kilo Honig zu sammeln“ (Unmüßig 2020, 6).
  • „70% unserer Nahrung hängt direkt von der Bestäubung durch Bienen und andere Insekten ab“ (Gonstalla 2019, 61).
  • „41 Prozent der Wildbienenarten, eine der wichtigsten Bestäubergruppen Deutschlands, sind in ihrem Bestand gefährdet“ (Decken 2019, 28).
  • „Drei Viertel der weltweit wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturpflanzen profitieren in ihrem Ertrag von Bestäubern und garantieren damit rund ein Drittel der Produktion von Nahrungsmitten. In Deutschland kann die Förderung der Wildbienen – meist sind sie wichtigere Bestäuber als die Honigbienen – den Ertrag an Erdbeeren und Kirschen verdoppeln (Tscharntke 2020, 12).
  • „Etwa 80 Prozent aller wilden Pflanzen seien von Bestäubung durch Insekten abhängig, 60 Prozent aller Vögel seien auf Insekten als Nahrungsmittel angewiesen“ (Berger 2017).
  • Beim Wegfall tierischer Bestäubung würde die Ernte z.B. von
    • Wassermelonen, Kürbissen und Kakao um über 90%
    • Gurken, Pflaumen, Kirschen, Äpfeln, Mandeln um 40 bis 90%
    • Erdbeeren, Kokosnüssen, Sonnenblumen und Kaffee um 10 bis 40%

zurückgehen (vgl. Tscharntke 2020, 13).

  • Die Versorgung mit den Grundnahrungsmitteln „Mais, Reis und Weizen [wäre zwar] nicht in Gefahr, aber die [Ernten] im Obst- und Gemüseanbau würden magerer ausfallen. Diese Kulturpflanzen versorgen den menschlichen Körper [im Ggs. zu Mais, Reis und Weizen] mit Vitaminen und Nährstoffen“ (Klein 2020, 44).


Nach Abwägung einer Reihe von Faktoren sehen Forscher es als erwiesen an, dass die Intensivierung der Landwirtschaft beim Rückgang von Insekten- und Bienenbeständen massiv hineinspielt (vgl. Berger 2017).

  • „Die industrielle Landwirtschaft mit ihren immer größeren Feldern, Pestiziden und monotonen Landschaftstrukturen stellt eine der größten Bedrohungen für Insekten dar… beim Schutz der Insekten muss die Landwirtschaft Teil der Lösung werden“ (Unmüßig et al. 2020, 6).
  • Im Oktober 2017 meldete die ‚Krefelder Studie‘, dass die Biomasse von (Flug-)Insekten in deutschen Naturschutzgebieten in den letzten 27 Jahren, seit 1989 „um mehr als drei Viertel seit Beginn der Untersuchungen gesunken ist“ (Berger 2017). Das war dann nur kurzfristig „Tagesgespräch“ – das eigentlich Erschreckende war m.E. gar nicht der vernichtende Befund, sondern die mangelnde Aufregung in weiten Teilen der Medien und in der Bevölkerung.
    • Im November 2017 hat der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt entgegen der Absprache mit der damaligen Umweltministerin Barbara Hendricks und entgegen der Geschäftsordnung der Bundesregierung, die für diesen Fall eine Enthaltung vorsieht, in Brüssel der Verlängerung der Zulassung für das hochumstrittene Glyphosat um weitere fünf Jahre zugestimmt. Ohne sein „Ja“ wäre das Zeug schon jetzt aus der EU verbannt (vgl. Cieschinger et al. 2017). So wird Glyphosat in Deutschland erst ab dem 1.1.2024 verboten (vgl. Balser/Ritzer 2019, 17).

>> vgl. Aspekt Gesetzesvorhaben und Lobbyismus, S. 406 inkl. Plagiatsvorwürfen gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Zusammenhang mit der Bewertung von Glyphosat.

  • Mittelfristig haben diese bestürzenden Zahlen und evtl. auch die hochumstrittene Verlängerung von Glyphosat doch dazu geführt, dass in Bayern 1,75 Mio Menschen das Referendum für mehr Naturschutz unterstützt haben (vgl. Unmüßig et al. 2020, 6): „Auch eine Europäische Bürgerinitiative mit der Forderung ‚Save Bees and Farmers‘ im Namen wurde auf den Weg gebracht“ (ebd.).


Massenaussterben & Krefelder Studie – See the Picture

Wenn dreiviertel der Belegschaft eines Unternehmens fehlen, wie viele Mitarbeiter*innen sind dann noch da? Gähnend leere Hallen – und funktionsfähig ist der Laden dann garantiert nicht mehr.

  • „Der deutsche Bauernverband warnte hingegen vor einer übereilten Verurteilung der Landwirtschaft… [und verwies darauf, dass] ‚die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand… [und es somit] noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt‘“ (ebd.).
  • Gewissheit wird man wohl erst haben, wenn sie alle, alle tot sind.


In Weiterführung der Auswertung der Forschungsergebnisse der Krefelder Studie stellen die Forscher*innen fest:

  • „Bei den Schwebfliegen – neben den Bienen die wichtigsten Bestäuber – sank die Zahl der Exemplare an sechs Standorten in einem nordrhein-westfälischen Schutzgebiet zwischen 1989 und 2014 von knapp 17.300 auf rund 2.700 – ein Verlust von 84 Prozent“ (Sparmann 2020, 17).

Weitere Studien zum Thema ‚Insekten- und Bienensterben‘:

  • Do-it-yourself-Plausibilitäts-Studie: Sie sind ein Mensch der vor ca. 1980 geboren wurde? Dann überlegen Sie mal, wie unendlich viele Insektenleichen Sie in früheren Jahren z.B. im Dänemarkurlaub auf der (elterlichen) Windschutzscheibe klebten – und wie wenige in der Gegenwart.
  • 2019er Übersichtsstudie des Sydney Institute of Agriculture:
    • „[E]ein Drittel aller Insektenarten ist von Aussterben bedroht“ (Chemnitz 2020a, 14).
    • „Weltweit geht der Bestand von mehr als 40 Prozent aller Insektenarten zurück. Schon in hundert Jahren könnten viele ausgestorben sein. Darunter sind vor allem Schmetterlinge, aber auch Hautflügler, zu denen Ameisen, Wespen und Bienen gehören“ (Römer 2019).
    • Dazu im gleichen Artikel Tierökologe Johannes Steidle:
      • „Ich bin geschockt. Zwar gab es Hinweise, dass das Insektensterben nicht nur auf Deutschland und Europa beschränkt ist. Aber dass es ein globales Problem ist, das überall in einem ähnlichen Umfang auftritt, hat mich erschreckt. Das war zumindest mir, und ich glaube auch meinen Kollegen, so nicht bekannt.“
  • US-Studie: In den letzten 21 Jahren gibt die Schmetterlingspopulation in Ohio um 33% zurück (vgl. Merlot 2019).
    • „Der Schmetterlingsschwund in Ohio sei damit größer als der weltweit geschätzte Wert von 35 Prozent in 40 Jahren“ (ebd.).
    • „Schmetterlinge dienten als wichtige Indikatoren, um feststellen, wie groß die Biodiversität in einem Ökosystem sei… Sie reagierten ähnlich auf Veränderungen der Umwelt wie viele andere Insekten. Somit sei die Studie ein weiterer Beleg für den Insektenschwund“ (ebd.).

Ein ganz anderer, im Werden begriffener Ansatz:

  • Soundscape Ecology:
    • Hier wird die Akustik eines Ökoystems aufgezeichnet – die ‚Klangschaft‘ –, um daraus Schlüsse auf den Grad an Biodiversität dieser begrenzten Region zu ziehen.
    • „Ein Netzwerk von etwa 300 Mikrofonen, die in der deutschen Landschaft verteilt sind und ein Jahr lang einmal pro Stunde für eine Minute die Geräusche des umgebenden Ökosystems aufnehmen: Auf diese Weise will Michael Scherer-Lorenzen, der die Professur für Geobotanik an der Universität Freiburg innehat, die Biodiversität in verschiedenen Landschaften messen“ (Uni Freiburg 2020).


Fazit Sechstes Massenaussterben

Das Thema ‚sechstes Massenaussterben‘ teilt mit dem Thema ‚Klimakrise‘ den Aspekt, dass sie vordergründig – oberflächlich – für viele Menschen unsichtbar, nicht fassbar erscheint.

BUND-Expertin für Nachhaltigkeitspolitik Nicola Uhde:

  • „Beim Klima haben wir relativ klare Zusammenhänge zwischen bestimmten Aktivitäten und deren Wirkungen. Treibhausgasemissionen, CO2-Gehalt der Atmosphäre und Erderhitzung sind gut messbar, finanzielle Auswirkungen leichter zu berechnen. Bei der Biodiversität ist das etwas verschlungener. Die Auswirkungen ihrer Zerstörung sind oft nicht so direkt spürbar. Doch diese Zerstörung bedroht die Menschheit ebenso so sehr wie die Klimakrise“ (2020).

Wie auch immer die genauen Prozente der verschiedenen vorgenannten Extinction-Studien jeweils exakt aussehen:

  • Wir haben uns klar zu machen, dass die Nahrungskette bzw. die Biodiversität auf dieser Welt einem engmaschigen Netz gleicht.
  • Jedes Lebewesen – ob Tier, Pilz oder Pflanze –, das ausstirbt oder zahlenmäßig nicht mehr relevant vorhanden ist, repräsentiert eine durchgeschnittene Masche des Netzes.
  • Es wird grobmaschiger, instabiler – und irgendwann reißt es an einigen und an immer mehr Stellen und Lebewesen sterben vermehrt aus, weil ihre Nahrung/Lebensumgebung ausstirbt, was dazu führt, dass andere Pflanzen nicht mehr bestäubt werden oder andere Tiere keine Nahrung mehr finden…
  • Dieses Netz trägt uns, einer Hängematte gleich – und wir sind: schwer.


Wer ein eher technisches Bild für das Massenaussterben bevorzugt, dem gibt der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in einem Interview in der taz eines an die Hand:
„Es ist als ob man auf einer Computerfestplatte leichtfertig immer mehr Teile löscht, ohne die Funktion der Dateien zu beachten. Irgendwann stürzt das gesamte System ab“ (zit. in Jensen 2020, 15).


Ute Scheub und Stefan Schwarzer weisen in diesem Zusammenhang auf die kaskadenartig aufgebauten Ökosysteme hin:

  • „Jede Pflanzenart ernährt eine oder viele Insektenarten und diese wiederum Vögel. Kriech- und Säugetiere. Stirbt eine Pflanze aus, reißt sie von ihr abhängige Tiere mit in den Tod. Das gilt auch umgekehrt, Vögel tragen Samen von Bäumen und Büschen weiter… Je weniger Arten… desto anfälliger das Gesamtsystem. … Vielfalt macht ein System krisenfester… Biodiversität… ist das ‚Immunsystem der Erde‘“ (2017, 33).


Systemdienstleistungen sind so viel mehr als ‚Blütenbestäuben‘:

Vielfalt = Biodiversität = Resilienz

Monokultur = Arteneinfalt = Verletzlichkeit

Neubauer/Repenning fassen die Situation wie folgt zusammen:

  • „[D]er Leiter des IPBES-Reports, Sir Robert Watson, bezeichnete die Ergebnisse [des Reports] als ‚beängstigend‘. ‚Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und andere Spezies abhängen, verschlechtert sich schneller als je zuvor.‘ Die Menschheit sei dabei, die Grundlagen von Einkommen, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität zu beseitigen“ (2019, 142).

    Wichtig ist zu erkennen, dass im Zusammenhang mit dem Artensterben „längst nicht mehr über einzelne Pflanzen- oder Tierarten diskutiert [wird] – sondern über die Vitalität ganzer Lebensgemeinschaften und des gesamten Erdsystems… Es geht um die Basis menschlicher Ernährung, sauberer Luft und trinkbaren Wassers. 

Es geht um alles.“ (ebd.)

Letztlich ist die Mass Extinction, d.h. der extreme bis totale Verlust von Biodiversität, schlicht ein weiterer Aspekt einer gigantischen multiplen Krise, die zutreffend mit dem Begriff

‚globale anthropogene Umweltkatastrophe

zu beschreiben ist.

Es geht um alles. Aber es geht nicht wirklich um ‚Klimaschutz‘(1). Nicht um die Vermeidung von Biodiversitätsverlust.

Es geht um Lebensgrundlagenschutz.

Begriff 'Klimaschutz'

Der Begriff ist schief – er suggeriert, es ginge darum, das Klima zu schützen. Das ist nicht unser Handlungsgrund. Es geht darum, unsere Lebensgrundlagen zu schützen; vgl. Fußnote auf S. 16.


Quellen des Abschnitts Sechstes Massenaussterben


Nächster Abschnitt:

Klimaschäden vor Gericht: Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise

Der Klimawandel ist längst auch zur juristischen Frage geworden: Während bislang Konzerne durch Nutzung der Allmende (=Gemeingut) ‚Umwelt‘ bzw. ‚Atmosphäre‘ als Müllhalde ihre Gewinne maximieren, die Schäden bzw. Kosten aber auf die Allgemeinheit abladen, gibt es auf der anderen Seite bereits jetzt eine Vielzahl von Menschen, deren Leben, Arbeit, Firma, Bauernhof, Ertrag geschmälert, bedroht oder gar unmöglich gemacht wird.

>> vgl. auch die vorigen Abschnitte Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) – und der ‚Globale Süden‘, S. 637, u. Konfliktpotenziale der Klimakrise: Zuerst trifft es immer die Armen, S. 625; zur Allmende siehe Fußnote auf S. 637.


In einigen Fällen – wie z.B. beim größten deutschen Stromkonzern, RWE, – ist der Anteil an den jährlichen weltweiten CO₂-Emissionen nicht nur berechenbar, sondern in der Tat global relevant (vgl. S. 658), sodass in solchen Fällen – theoretisch (und hoffentlich bald auch praktisch) – die prozentuale Mittäterschaft bei der Verursachung der Klimakrise gerichtlich mittels eines Urteils festgestellt werden kann.


Gleichzeitig ist globales Umwelt- und Klimarecht weitgehend juristisches Neuland. Auf bestehende Gesetze und Normen kann hier nur bedingt zurückgegriffen werden. Doch vollkommen ‚mittellos‘ sind die Jurist*innen nicht – so gibt es mittlerweile rund

900 Klagen in 24 Ländern.

>> vgl. Ziegs 2019. Der Spiegel spricht von „mehr als 800 Klagen“, die weltweit im Jahre 2017 anhängig waren, s. Bethge 2018, 119; Liste von 884 anhängigen Klagen im Jahr 2017 s. Unep 2017; Überblick s. Greenpeace 2018 u. Children’s Trust 2018. Mit Stand 2017 gab es allein in den USA 654 Fälle (vgl. Unep 2017.). The Guardian berichtet 2019 von mehr als 1.300 Klagen seit 1990 (Laville 2019).


Jeder Mensch auf diesem Planeten hat ein Recht auf Klimaschutz. Das ergibt sich z.B. für Deutschland – auch wenn das Wort ‚Klima‘ nicht vorkommt – m.E. aus dem Grundgesetz

  • GG Art. 2 „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“
  • GG Art. 20a „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“ (BMJV 2019)

und m.E. allgemein bzw. global aus der sog. Menschenrechtscharta („Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, Resolution 217A (III) der Vereinten Nationen (UN) vom 10.12.1948“), Artikel 3:

  • Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person (Meisen 2019).

>> siehe zu Grundgesetzverletzung auch Aspekt Einseitige Kündigung des Generationenvertrages, S. 230.


Bei Klagen gegen Staaten bzw. den eigenen Staat geht es vornehmlich darum, dass unterlassene bzw. unzureichende Klimapolitik Grundrechte gefährdet.

So simpel der Sachverhalt, so schwierig dessen ‚Justiziabilität‘: Wer ist befugt zu klagen (‚Aktivlegitimation‘)? Wen verklagen? Und wie kann dem Konzern, der Institution oder dem Staat nachgewiesen werden, dass er Verursacher/Verletzer ist und die Rechte Dritter verletzt? Und wie kann sichergestellt werden, dass ein Gerichtsurteil (z.B. gegen ein weltweit operierendes Unternehmen) auch umgesetzt wird?


Klimaklagen gegen Konzerne

Der Peruaner Saúl Luciano Lliuya verklagt RWE

Es ist eine Art Musterprozess gegen die Klimakrisen-Verursacher: Der peruanische Kleinbauer Saúl Luciano Lliuya verklagt mit Hilfe von Germanwatch und eines deutschen Anwaltteams um die Anwältin Roda Verheyen den Energieversorger RWE, weil RWE als CO₂-Emittent „0,47 Prozent der weltweiten Treibhausgase“ (Zeit 2017) ausstößt und somit rechnerisch Mitverursacher des Gletschertauens oberhalb seines Dorfes, dass sein Haus zu zerstören droht, ist. Das Oberlandesgericht Hamm sieht die Klage als zulässig und schlüssig begründet an – und hat deshalb die Beweisaufnahme eröffnet (vgl. ebd. und Bethge 2018, 119). Derzeit läuft selbige und dauert an, da ein Ortstermin in Huarez in Peru umgesetzt werden soll:

  • „Es gibt leider kein zwischenstaatliches Rechtshilfeabkommen zwischen Deutschland und Peru. Daher hat das OLG Hamm ein Ersuchen an den Staat Peru gestellt, die streitgegenständlichen Örtlichkeiten in Augenschein nehmen zu dürfen. Dieses wird [– so vor Covid-19 angenommen –] voraussichtlich eine Bearbeitungszeit von circa einem Jahr in Anspruch nehmen“ (Germanwatch 2019).
6-Minuten-Doku-Video „Der Fall Huarez: Saúl gegen RWE“ https://youtu.be/qx_3N7owNMk (Abrufdatum 7.4.2020)

>> siehe dazu 6-Minuten-Doku-Video „Der Fall Huarez: Saúl gegen RWE“ https://youtu.be/qx_3N7owNMk (Abrufdatum 7.4.2020)


Bei dieser Art von Klimaklagen können nunmehr die Forschungsergebnisse der jungen aber schon etablierten Wissenschaftsdisziplin ‚Attribution Science‘ (‚Zuordnungsforschung‘) – die errechnet, um wie viel wahrscheinlicher es ist, dass ein bestimmtes Klimaereignis unter den derzeitigen klimatischen Voraussetzungen eintritt als in einer vorindustriell geprägten Atmosphäre – die Vorwürfe der Kläger*innen untermauern.

>> siehe dazu auch Aspekt Die stets aufkeimende Diskussion nach jedem Extremwetter…, S. 245.


Derzeit sind hunderte solcher Klagen weltweit anhängig, die klären sollen, inwieweit die Verursacher der Klimakrise zur Verantwortung gezogen werden können. Damit haben wir die interessante Situation, dass Großkonzerne auf klimabedingte politische Entscheidungen, die Einschränkungen ihres Betriebes zur Folge haben, mit Schadensersatzklage bzw. Investitionsschutzklage reagieren – und umgekehrt selbige vor den Kadi gezogen werden, weil sie dem Klima schaden (vgl. Klein 2015, 85ff.).

>> Siehe dazu Abschnitt Freihandelsabkommen gefährden Klima, Klimaschutz und Transformation, S. 407

  • Problem: Wir haben zu wenig Zeit, um das Klima auf dem zweifellos langwierigen juristischen Weg zu retten. Gleichwohl ist es selbstredend richtig, auch diesen Weg zu begehen, erhöht er doch auf jeden Fall den politischen, gesellschaftlichen bzw. juristischen Druck auf Staaten, Großkonzerne und Finanzmärkte – und schafft die Aufmerksamkeit, die wir so dringend brauchen.


Anleger*innen vs. ExxonMobile

ExxonMobile wurde von den eigenen Anleger*innen verklagt, weil die Entscheider*innen des Konzerns bereits 1982 (vgl. Hahn 2019, siehe Handbuch S. 160) genau wussten, dass ExxonMobiles Geschäftsmodell und Konzernpolitik zerstörerisch ist. Konkret geht es darum, ob den Anleger*innen wichtige Tatsachen für deren wirtschaftlichen Entscheidungen vorenthalten wurden. Nachdem nun Exxon erwiesenermaßen die Öffentlichkeit täuschte (vgl. S. 160f. u. 403), kommt das New Yorker Gericht zu der m.E. erstaunlichen Entscheidung, dass „für den Aktienkurs relevante Informationen … nicht vorenthalten worden“ (Spiegel 2019a) seien. „Richter Ostrager sprach den Konzern jedoch nicht von einer Verantwortung als Verursacher von Treibhausgasen frei. Bei dem Fall sei es aber um das Wertpapiergesetz gegangen“ (ebd.).

Im gleichen Artikel wird dann darauf hingewiesen, dass Kalifornien ExxonMobile aufgrund der Klimaschäden verklagt hat: „Mehrere Städte wollen zudem die Kosten für ihre Küstenschutzmaßnahmen auf ExxonMobil und andere Ölfirmen abwälzen. Die Begründung: Die Konzerne sollen für den steigenden Meeresspiegel verantwortlich sein“ (ebd.)

Gewissermaßen geht es hier um das typisch US-amerikanische ‚Nachsorgeprinzip‘: „Beim Nachsorgeprinzip sind die Hürden, um ein Produkt auf den Markt zu bringen, sehr niedrig und es darf solange verkauft werden, bis wissenschaftlich bewiesen ist, dass es schädlich ist. Hohe Schadensersatzsummen für Betroffene sind dabei üblich“ (Ziegler/Stürzenhofecker).

Hier trifft jedoch dieses Nachsorgeprinzip auf die planetaren Grenzen und sprengt diese. Womit eine Nachsorge unmöglich ist.


Gleichwohl eine Nachsorge vollumfänglich unmöglich ist, ist dennoch nicht einzusehen, dass Unternehmen wie ExxonMobile weiterhin als Geldmaschinen (vgl. Taylor/Ambrose 2020) auf Kosten der globalen Menschheit agieren. Während der großen Transformation gehört m.E. jeder Dollar, der mit fossilen Brennstoffen bis zur Beendigung der großen Abhängigkeit generiert wird, in die nachhaltige Umgestaltung des Energiesektors gesteckt.


>> vgl. auch Abschnitt Forschungs-Historie Klimawandel, S. 158f.


Klimaklagen gegen Staaten (und Staats-ähnliche Institutionen wie z.B. die Europäische Union)

>> Quelle Zitat und Video: n.n. (2019b): „Was ist eine Klimaklage? – Anwältin Roda Verheyen
erklärt“. in: Greenpeace Deutschland,
19.1.2019, online unter www.youtube.com/watch?v=ecKBlfInhL0
(Abrufdatum 4.7.2019)

Die auf dem Rechtsgebiet ‚Klimaklagen‘ Pionierarbeit leistende Anwältin Roda Verheyen erklärt, was eine Klimaklage ist:

  • „Wir sind aus der Zeit hinaus, in der Klimaschutz eine diplomatische oder politische Ermessensentscheidung ist. Es geht hier um Menschenrechtsschutz und den muss man aus meiner Sicht auch einklagen können.“

Roda Verheyen ist Mitbegründerin des 2002 ins Leben gerufenen Netzwerkes Climate Justice Program (CJK) – einer NGO bestehend aus Anwält*innen, Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen, die eine Art juristisches Handwerkszeug für Anwält*innen in der ganzen Welt entwickelt haben, das es ermöglicht, Klimaklagen im Sinne der ‚Climate Justice‘ vor Gericht zu bringen.


Der ‚People’s Climate Case‘

  • Zehn (zumeist) in Europa lebende Familien verklagen die EU

„Mit der Klimaklage ‚People’s Climate Case‘ haben zehn Familien aus Portugal, Deutschland, Frankreich, Italien, Rumänien, Kenia und Fidschi sowie der samische Jugendverband der Sáminuorra, ein Gerichtsverfahren angesichts des Klimawandels und seiner bedrohlichen Folgen angestrengt. Ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlagen, ihre traditionelle Familienarbeit und ihre Kultur sind vom Klimawandel betroffen. Deshalb verklagen diese Menschen die EU-Institutionen: um ihre Grundrechte zu schützen und um den gefährlichen Klimawandel zu verhindern“ (Gohr 2019).

>> Video-Kurzporträts einiger Kläger*innen: https://www.protect-the-planet.de/video/uebersicht/ (Abrufdatum 10.7.2019, jeweils ca. Min 3)


Die ‚Greenpeace-Klimaklage‘ bzw. die Greenpeace-Verfassungsbeschwerde

  • Drei deutsche Biobauern-Familien verklagen die deutsche Regierung vor dem Berliner Verwaltungsgericht. (Vollzugsklage eingereicht im Oktober 2018; im Juni 2019 ist nach verlängerter Frist die Erwiderung der Bundesregierung eingegangen.)


Deutschland verfehlt deutlich das Klimaschutzziel des Aktionsplanes Klimaschutz 2020
, demzufolge die CO₂-Emissionen um 40% gegenüber 1990 zurückzufahren waren (vgl. Günther et al. 2018, 9)1. Dieses Scheitern war Gegenstand der sog. Greenpeace-Klimaklage, in der Greenpeace den Standpunkt vertrat, dass der Aktionsplan Klimaschutz 2020 verbindlichist und daher nicht einfach – wie geschehen – in den Koalitionsverhandlungen im Frühjahr 2018 quasi per Nebensatz vom Tisch gefegt werden kann.

Details: Erläuterungen zu (1)

Davon hatte man bis Covid-19 definitiv auszugehen – und m.E. kann dieser Faktor auch nicht in die Rechnung eingehen.

>> s.a. Abschnitt Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland, S. 76.


Konkret klagte Greenpeace gemeinsam mit drei Familien, die allesamt in der Bio-/Öko-Landwirtschaft tätig sind auf der Insel Pellworm (Bio), im Alten Land (an der Elbe bei Hamburg, Bio-Obst) und in Brandenburg (Öko) – sowie mit 213 Bürger*innen und Bürger als Antragsteller*innen auf Beiladung zur Klage (die aus 4.500 Interessierten ausgewählt wurden) (vgl. Greenpeace 2019b).

>> Video-Kurzporträts der Kläger-Familien: youtu.be/B9SNZxf5KHk | www.youtube.com/watch?v=l8w6ToNrCOo | www.youtube.com/watch?v=9V1NfFeCIr4/ (Abrufdatum 9.7.2019, jeweils ca. 4 min)


Rechtsanwältin Roda Verheyen:

  • Verklagt wird hier die „die Bundesregierung als Teil der Verwaltung der Bundesrepublik Deutschland… Verwaltungsgerichte sind dazu da, die Handlungen oder auch das Unterlassen von Verwaltungsorganen zu überprüfen. Das Ungewöhnliche an dem Fall ist, dass wir auf die Einhaltung einer Norm klagen, die nicht als Gesetz verabschiedet ist… Im Kern hängt der Erfolg der Klage davon ab, ob das Gericht uns folgt, dass es sich bei dem Klimaschutzziel 2020 um einen justiziablen Rechtsakt handelt“ (Weiland 2018).


Transparenz durch Offenlegung: Der Autor des Handbuch Klimakrise hat im Januar 2019 einen 23-seitigen Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gestellt. Begründung: Nicht nur (Öko-)Bäuerinnen bzw. (Öko-)Bauern oder Menschen in besonderen geologisch vulnerablen (verletzlichen) Gegenden sind bereits gegenwärtig und in absehbarer Zukunft persönlich, unmittelbar und evtl. sogar existenziell von den Folgen der Klimakrise betroffen, sondern auch ich als im Jahrgang 1971 geborener Bürger der Stadt Hamburg. Und wenn ein Durchschnittsbürger wie ich in dieser eindeutigen Weise betroffen ist, dann ist quasi jede*r Bürger*in Deutschlands in gleichartiger Weise betroffen. Diese Betroffenheit wird nachfolgend ausführlich erörtert und zeichnet auf Basis des den fünften Sachstandsbericht des IPCC ergänzenden, auf Deutschland heruntergebrochenen Berichts Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven von Brasseur, Guy et al. (Hg.) (2017) ein fundiertes Bild, welche klimatisch bedingten Folgen uns in Deutschland gemäß derzeitigem Forschungsstand im Jahre 2050 und 2100 erwachsen.

>> Siehe LebeLieberLangsam-Beitrag Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gegen die Bundesregierung, https://blog.lebelieberlangsam.de/klage


Update 1.11.2019:
Obige Klage wurde nunmehr am 31.10.2019 vor dem Verwaltungsgericht Berlin verhandelt und abschlägig beschieden; man sehe die Klagenden nicht in ihren Grundrechten gefährdet – und der Kabinettsbeschluss zum Aktionsplan Klimaschutz 2020 sei nicht bindend, sondern eine politische Absichtserklärung. Doch die Richter wiesen darüber hinaus „explizit darauf hin, dass der Staat geeignete ‚Vorkehrungen zum Schutz der Grundrechte‘ treffen müsse. Damit bauten sie eine Brücke zwischen Grundrechten und Klimawandel, deren Tragfähigkeit Kläger künftig austesten können…“ (Bauchmüller 2019). Die Berufung wurde zugelassen (vgl. Spiegel 2019b). Roda Verheyen zieht daher das Fazit, dass „erstmals ein deutsches Gericht festgestellt [habe], dass Grundrechte von Bürgerinnen und Bürgern durch die Erderhitzung verletzt sein könnten“ (Greenpeace 2020a, 9).


Update 24.3.2020 „Klimaklage wird zu Verfassungsbeschwerde“ (vgl. Germanwatch 2020):

Die Kläger*innen und Greenpeace sind nicht in Berufung gegangen (vgl. Greenpeace 2020) und wählen stattdessen den Weg einer neuen Klage – diesmal klagen die sieben Kinder der o.g. Familien, der Langeooger Lueke Recktenwald, Mitkläger der EU-Klimaklage „People’s Climate Case“ sowie Luisa Neubauer von Fridays For Future als altersbedingt besonders Betroffene der Klimakrise – vor dem Verfassungsgericht in Form einer Verfassungsbeschwerde. „Sie sind der Ansicht, dass die Bundesregierung mit dem am 15. November 2019 verabschiedeten Klimaschutzgesetz weiterhin nicht genug gegen die Klimakrise tut, also ihrem im Grundgesetz verankerten Schutzauftrag nicht nachkommt“ (Greenpeace 2020b).

Hierzu ist in der Zusammenfassung der durch die Verbandskläger Greenpeace und Germanwatch unterstützten Verfassungsbeschwerde zu lesen:

  • „Die Beschwerdeführer machen geltend, dass einzelne Regelungen des Bundesklimaschutzgesetzes, insbesondere das mit konkreten Emissionsmengen pro Sektor unterlegte Reduktionsziel bis 2030 (55% gegenüber 1990) und die Möglichkeit, sogar selbst diese (unzureichenden) Reduktionen im Ausland erfüllen zu können, sowie das tatsächliche gesetzgeberische Unterlassen (Maßnahmen, die ein ausreichendes Schutzniveau erreichen) mit der herausragenden Schutzfunktion, die insbesondere das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art. 2 Abs. 2 GG) gegenüber zivilisatorischen Risiken lebensbedrohender Artend zahlenmäßig nicht abschätzbaren Umfangs gewährleistet, nicht vereinbar und deshalb verfassungswidrig ist. Auch die Menschenwürdegarantie aus Art. 1 GG ist tangiert weil der Generation der Beschwerdeführer jegliche Handlungsoptionen genommen werden, um sich zu schützen“ (Greenpeace 2020c).

>> vgl. Aspekt Jeder Mensch auf diesem Planeten hat ein Recht auf Klimaschutz, S. 657.


Weitere klimabezogene Verfassungsbeschwerden in Deutschland

Die Deutsche Umwelthilfe reichte zeitgleich zwei weitere Verfassungsbeschwerden ein. Beide haben das gleiche Ziel, wurden jedoch im Namen zweier verschiedener Kläger*innen-Gruppen eingereicht (vgl. DUH 2020a):

  • Die erste Klage reicht die DUH gemeinsam mit zehn Kindern und Jugendlichen aus Deutschland ein und macht geltend, dass das im Herbst 2019 verabschiedete Bundes-Klimaschutzgesetz nicht als Schutzmaßnahme für künftige Generationen geeignet bzw. ausreichend ist (vgl. DUH 2020b).
  • Die zweite Klage stammt von fünfzehn Betroffenen aus Bangladesh und Nepal, die sich ebenfalls gegen „das andauernde Unterlassen des Bundesgesetzgebers und der Bundesregierung, geeignete und prognostisch genügende Maßnahmen zur Einhaltung des verbleibenden nationalen und nach Bevölkerungsanteilen bemessenen CO2-Budgets (3,465 Gigatonnen CO2 ab dem Jahr 2020) zu ergreifen“ (DUH 2020c) richtet.

Womit nunmehr also insgesamt vier Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe liegen, denn die bereits 2018 eingereichte Verfassungsbeschwerde vom BUND und vom Solarenergie-Förderverein Deutschland (SFV) ist ebenfalls noch anhängig. Im August 2019 forderte das Bundesverfassungsgericht die Bundesregierung, den Bundestag und den Bundesrat auf bis November 2019 – erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik im Zusammenhang mit einer Klage für mehr – Stellung zu nehmen (vgl. BUND 2020).


Greenpeace-Klage in Österreich

Im August 2019 haben auch in Österreich Betroffene der Klimakrise gemeinsam mit Greenpeace eine Klimaklage beim Verfassungsgericht eingereicht. Im Fokus stehen offensichtlich klimaschädliche Gesetze (vgl. OE24 2019).


Die Urgenda-Klage in den Niederlanden

  • 900 Niederländer verklagen ihren Staat auf ihre Grundrechte

Im April 2015 gingen ca. 900 Niederländer mit Hilfe der Umweltschutzgruppe Urgenda vor Gericht, um die niederländische Regierung auf Basis der Fürsorgepflicht zu relevantem Klimaschutz zu verpflichten – und setzten sich sowohl in der ersten Instanz, vor dem Berufungsgericht als auch endgültig, im Dezember 2019, vor dem Obersten Gerichtshof durch (vgl. Hecking 2019).

  • „Der Klimawandel stelle eine konkrete Bedrohung dar, sagte die Vorsitzende Richterin Marie Anne Tan-de Sonnaville. ‚Der Staat ist verpflichtet, dagegen Schutz zu bieten.‘ Das Gericht skizzierte die hohen Risiken für die Niederlande wie Überflutungen, Krankheiten, Dürre, Waldbrände, Mangel an Trinkwasser und Schäden des Ökosystems“ (FAZ 2018).

Nunmehr haben die Niederlande bis 2020 die CO₂-Emissionen um 25% gegenüber dem Wert von 1990 zu senken. Zudem wurde im Mai 2019 ein Klimagesetz verabschiedet, dass vom GroenLinks-Chef Jesse Klaver als „das ehrgeizigste Klimagesetz der Welt“ (WWU 2019) bezeichnet wird. Wobei festzuhalten ist, dass die Niederlande weniger die Musterschülerin der EU als vielmehr eines der Schlusslichter ist, dass nunmehr aufholen möchte(n muss) (vgl. Schweighöfer 2019).

  • Die wichtige Botschaft lautet hier: Ja, man kann seinen Staat auf juristischem Weg zu mehr Klimaschutz zwingen.
  • Interessant auch, dass das Oberste Gericht sich bei seiner Entscheidung auf die von mehr als 40 Staaten unterzeichnete Europäische Menschenrechtskonvention stützt (vgl. Hecking 2019).

Auch das im November 2019 in den Niederlanden beschlossene Tempolimit steht im Zusammenhang mit der Urgenda-Klage.

>> vgl. Aspekt Tempolimit S. 315 in Abschnitt Verkehr & Mobilität: Eine Klima-notwendige Verkehrswende und Aspekt staatliches Ausstiegsprogramm aus der Schweinehaltung, S. 552


Weitere Beispiele für Klimaklagen gegen Staaten

  • In Massachusetts hat die Organisation Our Children’s Trust 2016 erfolgreich die Regierung des Bundesstaats verklagt, sodass die Umweltbehörde mehr für den Klimaschutz zu unternehmen hat. Gleiches wurde im Staat Washington und auch in Oregon erreicht (vgl. Klimareporter 2016).
  • In der Schweiz hängt derzeit eine Verfassungsbeschwerde der KlimaSeniorinnen vor dem Bundesgericht in Lausanne an, nachdem zuvor das Schweizer Bundesverwaltungsgericht die Klage abschlägig beschieden hatte (vgl. KlimaSeniorinnen 2020). Sie machen für sich geltend, dass „alles, was uns lieb ist, auf dem Spiel steht“ (ebd.), dass ältere Personen in besonders starkem Maße von Hitzewellen etc. betroffen seien und es zudem Hinweise gebe, denen zufolge Frauen von der Klimakrise stärker betroffen seien als Männer (vgl. ebd., s.a. in diesem Buch den Aspekt Frauen sind von der Klimakrise stärker betroffen als Männer, S. 423).
  • In Pakistan hat sich bereits 2015 ein Bauer namens Asghar Leghari gegen die Regierung von Pakistan durchgesetzt, „claiming it was violating his human rights by failing to tackle the impacts of climate change“ (Laville 2019). Pakistan hat bereits seit 2012 ein „Klimawandelgesetz“ (Klimareporter 2015). „Das Hohe Gericht in Lahore ordnete Mitte September [2015] die Schaffung eines ‚Klimabeirates‘ an, um den Staat Pakistan dazu zu bringen, seine Verpflichtungen auf diesem Gebiet einzuhalten“ (Bouissou 2015). Der Richter wurde sehr konkret und „stattete … die Kommission mit Befugnissen und ernannte 21 Mitglieder“ (Greenpeace 2018). Greenpeace hält dazu fest, dass der Fall „sehr interessant [sei], weil ein Urteil zur verstärkten Klimaschutzpolitik in einem Land gefällt wurde, das nicht als Verursacher, sondern bisher als Opfer des Klimawandels gilt“ (ebd.). Derzeit läuft eine weitere Klage in Pakistan, bei der der siebenjährige Rabab Ali vor dem obersten Gerichtshof Pakistans gegen „Genehmigung[en] zur Eröffnung von Kohlfördergebieten“ (ebd.) steht.
  • Elf flämische Prominente haben unter dem Namen ‚Klimaatzaak‘ (‚L’Affaire Climat‘/‚Climate Case Belgium‘) in Belgien gleich vier belgische Regierungen verklagt, d.h. die Regierung des Königreiches sowie die Regionalregierungen von Wallonien, Flandern und Brüssel (vgl. VRT 2014). Der Fall wurde drei Jahre lang durch Zuständigkeitsstreitigkeiten sowie der Diskussion darum, in welcher Sprache der Prozess stattfinden sollte, verzögert (vgl. Greenpeace 2018). „In the meantime, the number of named plaintiffs in the case has grown via an online petition mechanism from 11 to over 35,000“ (Our Children’s Trust 2018).
  • Naomi Klein schildert den juristischen Kampf der First Nations insbesondere in den USA und Kanada, die sich durchaus mit Erfolg gegen die Ausbeutung der Ressourcen ihrer Territorien und der von ihnen aufgrund historischer Rechte beanspruchten Gebiete zur Wehr setzen: „Viele Nicht-Ureinwohner erkennen allmählich, dass indigene Rechte, wenn sie aggressive durch juristische Klagen, Protestkundgebungen und Massenbewegungen unterstützt werden, die ihre Einhaltung fordern – heute [in den USA und in Kanada] die wirksamste Barriere darstellen könnten, die uns alle vor dem Klimachaos schützt“ (2015, 456).
    • Derweil könnten Armut, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, mangelnde Infrastruktur und zahllose Versprechungen der fossilen Industrie, hier ‚Abhilfe‘ zu schaffen und so von Fall zu Fall auch das Gegenteil bewirken (vgl. ebd., 469): Die ‚Abhilfe besteht dann aus ‚Almosen‘ aus der Portokasse der fossilen Unternehmen: „Hier: Wir bauen Euch ‘ne neue Schule und spenden ein neues Klettergerüst für den Spielplatz – und ihr chillt mal ein bisschen…“

Menschenrechtsbeschwerde beim UN-Kinderrechtsausschuss gegen fünf Staaten

Bei der New Yorker Klimakonferenz im September 2019 wurde bekannt, dass 16 Kinder und Jugendliche – darunter auch Greta Thunberg – aus 12 Ländern mit Unterstützung der Umweltorganisation Earth Justice eine Beschwerde bei der UN, genauer beim UN-Kinderrechtsausschuss, gegen fünf Länder der G20 eingereicht haben. Konkret richtet sich die Beschwerde gegen Argentinien, Brasilien, Deutschland, Frankreich und die Türkei:

  • „Alle fünf Staaten [generieren hohe CO2-Emissionen und] haben das Pariser Klimaabkommen [sowie das dritte Zusatzprotokoll zur UN-Kinderrechtskonvention, welches Individualbeschwerden ermöglicht] unterzeichnet. Doch ihre Maßnahmen um die globale Erhitzung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, bleiben weit unter den Empfehlungen der Wissenschaftler, so die Beschwerde. Damit verletzen die Industrie- und Schwellenländer die UN-Kinderrechtskonvention – insbesondere das Recht auf Leben (Artikel 6) und das Recht auf Gesundheit (Artikel 24)“ (Jeppesen 2019).

Rudi Tarneden, der Sprecher von Unicef Deutschland, merkt dazu an, dass dies ist ein einmaliger Vorgang sei, bei dem „man auch völkerrechtlich Neuland, denn es ist eine [Art] Sammelklage, die sich gleichzeitig gegen mehrere Staaten richtet“ (ebd.).

Ziel ist, dass „[d]er UN-Kinderrechtsausschuss … feststellen [soll], dass Argentinien, Brasilien, Deutschland, Frankreich und die Türkei für die Klimakrise mitverantwortlich sind. Wenn der UN-Ausschuss bestätigt, dass die fünf Länder tatsächlich eine Mitschuld tragen, verletzen sie zentrale Punkte der Kinderrechtskonvention. Und damit Menschenrechte, zu deren Einhaltung sich die Länder verpflichtet haben“ (Kainz 2019).

Inzwischen wurde die Beschwerde von der UN anerkannt. Somit haben die angeklagten Länder nun Stellung zu nehmen.

  • „Die Staaten haben jetzt zwei Monate Zeit, zu erklären, warum die Beschwerde nicht zulässig sei. Anschließend sechs Monate, um zu beweisen, dass sie nicht gegen das Völkerrecht verstoßen haben, indem sie den Klimawandel mit verursachen und zu ihm beigetragen haben“ (ebd.).

Kommt das Verfahren zu einem Abschluss, ergeht eine rechtlich nicht bindende Empfehlung, die jedoch durchaus globale Signalwirkung haben könnte (vgl. Jeppesen 2019).

>> weitere Informationen zu ‚Gerichtsverfahren zum Klimawandel‘ siehe gleichnamigen Artikel bei wikipedia 
https://de.wikipedia.org/wiki/Gerichtsverfahren_zum_Klimawandel (Abrufdatum 13.12.2019).

>> s.a. Infostelle Klimagerechtigkeit unter www.klimagerechtigkeit.de, eine Website der Nordkirche.

>> siehe auch Aspekt Klagen gegen Umweltschutzmaßnahmen: Kern diverser Freihandelsabkommen ist der sog. ‚Investitionsschutz‘ von Privatunternehmen, den sie vor Schiedsgerichten einklagen können. Daher gibt es auch umgekehrt zu den hier geschilderten Fallbeispielen diverse Klagen, die darauf hinauslaufen, Klimaschutz auszubremsen und/oder hohe Entschädigungssummen für die vermeintlich vorzeitige Schließung von fossilen Unternehmen zu generieren. Siehe dazu Abschnitt Freihandelsabkommen gefährden Klima, Klimaschutz und Transformation, S. 407


Vanuatu bereitet die Beantragung eines Rechtsgutachtens vom Internationalen Gerichtshof vor

Vanuatu ist laut der Universität der Vereinten Nationen das am meisten unter ‚Naturkatastrophen‘ leidende Land (vgl. Esswein/Zernack 2020a). Vanuatus Regierung arbeitet daher daran, die Klimafrage, die für den Inselstaat eine Überlebensfrage ist, in Den Haag vor den Internationalen Gerichtshof zu bringen:

  • „Der kleine Inselstaat will vor der größten Rechtsinstanz der Welt zum ersten Mal die größten Umweltverschmutzer unter den Staaten zur Rechenschaft ziehen. Sollte der Vorstoß Erfolg haben, könnte das eine neue globale Klagewelle auslösen. Es wäre ein historischer Präzedenzfall, den Vanuatu da früher oder später schaffen könnte“ (Esswein/Zernack 2020b).
  • „Ein Rechtsgutachten ist eine Art Grundsatzentscheidung. Anders als ein Gesetz kann sie nicht mit Zwang durchgesetzt werden, hat aber symbolische Kraft. Ein Rechtsgutachten ist nicht mehr nur ein juristischer, sondern ein politischer Akt, sagt Hermann Ott von Client Earth. Der Internationale Gerichtshof hat bislang 28 solcher Gutachten erstellt – aber noch kein einziges zum Klimawandel“ (ebd.).

Die Hürden sind außerordentlich hoch – so wäre die Zustimmung der Mehrheit der 193 Mitgliedstaaten erforderlich, von denen sich ‚die üblichen Verdächtigen‘ aber stets dagegen wehren, für Klimaschäden in anderen Staaten aufzukommen. Des Weiteren wäre nachfolgend die individuelle Betroffenheit der Bewohner*innen von Vanuatu nachzuweisen (vgl. ebd.).

Vanuatu verklagt somit Länder, mit denen es Handel treibt – was durchaus riskant ist.

„Ein Risiko, das der Außenminister akzeptiert:

  • ‚Wenn wir Erfolg haben, dann könnte jedes einzelne Gericht in jedem Land, jeder Gerichtshof das als Vorlage nehmen. Es könnte die Basis für Übereinkommen zwischen Staaten, für multilaterale Entscheidungen, sogar für Handelsabkommen nach nationalem Recht werden. Das hätte weitreichende Folgen‘“ (Esswein/Zernack 2020a).

Hans-Otto Pörtner, leitender Klimaforscher am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und ranghöchster deutsche Vertreter im Weltklimarat IPCC kommt unabhängig von obigem Anliegen Vanuatus zu folgendem Schluss:

  • „Vielleicht sollte dies Hauptanliegen eines Internationalen Gerichtshofs werden: Wer den Klimawandel vorantreibt, verstößt gegen Menschenrechte. Wir haben hier ein Problem globaler Dimension. Da kann man durchaus sagen, dass die, die eine Lösung weiter verzögern, kriminell handeln. Das sind Dimensionen, wo Juristen mal ranmüssten“ (2019).


Update Juli 2020:

In ihrem offenen Brief an die EU und die globalen Staats- und Regierungschef*innen fordern Thunberg/Neubauer et al.: „EU member states must advocate to make ecocide an international crime at the International Criminal Court“ (2020); fordern also, dass Ökozid zum Straftatbestand des Völkerrechts wird und ähnlich wie Kriegsverbrechen in Den Haag vor Gericht gebracht werden kann.


Update September 2020:

Am 3.9. haben sechs 8- bis 21-jährige Jugendliche aus Portugal Klage beim Europäischen Gerichtshof (EGMR) in Straßburg eingereicht und verklagen 33 Staaten, darunter EU-27 sowie Großbritannien, Norwegen, Russland, die Schweiz, die Türkei und die Ukraine (vgl. ZDF 2020). „Begründung: Die Länder würden nicht genug für den Klimaschutz tun – und damit die Menschenrechte der jungen Kläger:innen verletzen“ (Schwarz 2020, 9).

Die Jüngste der Kläger*innen wäre im Jahr 2100 88 Jahre alt:

  • „Für Portugal werden zu diesem Zeitpunkt Hitzewellen mit Temperaturen von über 40 Grad erwartet, die länger als einen Monat anhalten könnten“ (ZDF 2020).

Quellen des Abschnitts Klimaschäden vor Gericht: Gerichtsprozesse als Mittel zur Bekämpfung der Klimakrise



Nächster Abschnitt:



Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) – und der ‚globale Süden‘


„Unser Lebensstandard basiert auf dem globalen Reichtum, der nicht gerecht verteilt ist.“ (taz: Hamed Abbaspur in König 2017)

Die Atmosphäre gehört uns allen. Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber: Der Klimawandel, 2018, S. 108.
Die Atmosphäre gehört uns allen. Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber: Der Klimawandel, 2018, S. 108. Foto: unsplash/Ritam Baishya | handbuch-klimakrise.de

Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber:

„[L]etztlich gibt es doch nur eine robuste und moralisch vertretbare Antwort: Jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre, die zu den wenigen ‚globalen Allmenden‘ zählt.“ (2018, 108)

>> vgl. Abschnitt Intro, S. 39f.

Erläuterung 'Allmende'

Die Tragik der Allmende (‚Tragedy of the Commons‘, so benannt von dem US-amerikanischen Ökologen Garrett Hardin, 1968) besteht darin, dass das Allgemeingut – wie z.B. die Dorfwiese – wenn die Nutzung der Allmende (wie meist der Fall) nicht verbindlich reguliert ist, Menschen dazu tendieren, sie zu ihrem persönlichen Vorteil zu übernutzen. Im Falle der Dorfwiese würden also z.B. Bauern ihre Tiere bevorzugt auf die Dorfwiese treiben, um ihre eigenen Weiden zu schonen. Die Allmende schlechthin ist unsere Umwelt, vgl. auch die Hinterlassenschaften von Grillpartys in öffentlichen Parks – und unsere Atmosphäre. Doch sind Allmenden auch positiv gestaltbar – es bedarf dazu genauer Regeln bzw. entsprechender sozialer Kontrolle, um die Übernutzung auszuschließen. Die 2009 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnete Wissenschaftlerin Elinor Ostrom sammelte „mehr als 5.000 Beispiele funktionierender Commons. Viele davon existierten schon seit Jahrhunderten, wie bei den Fischern von Alanya in der Türkei, die bereits seit Menschengedenken ihre Fischereirechte auslosten, und den Bauern des Schweizer Dorfes Törbel, die Verabredungen über die Nutzung des knappen Brennholzes trafen“ (Bregman 2020, 343).

In einem Leserbrief in der Zeit schrieb Corinna Kreidler 2019:

  • „Im globalen Maßstab gehören alle Deutschen, auch junge und arme, zur feudalen Klasse, die sich ihren Lebensstandard auf dem Rücken des globalen Südens leistet. ‚Warum sollte einer reicher Deutscher mehr Rechte haben, das Klima in Gefahr zu bringen, als ein armer Kenianer?‘


Soziale Gerechtigkeit…

  • „lässt sich im Kontext der anthropogenen Erderwärmung in zwei ethische Grundüberzeugungen zusammenfassen:
  1. Jeder Mensch ist nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch vor der Natur gleich.
  2. Wer den Klimaschaden anrichtet, soll auch dafür geradestehen (‚Polluter Pays Principle‘)“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 107).
  • Die Klimakrise ist weit mehr als ein ‚Umweltproblem‘. Hier geht es um Menschen, um Menschenleben – und hier wiederum um das Leben von den ärmeren Menschen, um die Menschen des Globalen Südens, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben und am meisten von dieser Katastrophe betroffen sind und künftig am meisten darunter leiden werden.


Rahmstorf und Schellnhuber bringen es exakt auf den Punkt:

Die „Nutzung der Atmosphäre als Müllkippe den kommenden Generationen in den besonders klimasensiblen Entwicklungsländern auf[zu]bürden… empfänden [v]iele nichtstaatliche Umweltgruppen … als amoralische Krönung der historischen Ausbeutung der ‚Dritten Welt‘ durch die Industrieländer.“ (2018, 90)


Übersetzen wir diese Aussage mal für die Gegenwart in Zahlen:

Aktueller Stand der ‚Climate Justice‘:

  • 3,5 Milliarden Menschen = die ärmere Hälfte der Menschheit = 10% der globalen Emissionen
  • 700 Millionen Menschen = die reichsten 10% der Menschheit = 49% der globalen Emissionen

Zurzeit ist es so, dass „[d]ie ärmere Hälfte der Menschheit … nur für 10% der globalen Emissionen verantwortlich [ist], während die reichsten 10% die Hälfte aller Emissionen produzieren“ (Kontext: Goeßmann 2019).

Globale Verteilung der Vermögen | Globale Verteilung des CO2-Fußabdrucks
Globale Verteilung der Vermögen | Globale Verteilung des CO2-Fußabdrucks
  • Oxfam 2020: „Carbon Emissions Of The Richest 1 Percent More Than Double The Emissions Of The Poorest Half of Humanity.“


Und:

  • „[D]ie am wenigsten Verantwortlichen [bekommen] zugleich die Auswirkungen der Klimakrise am härtesten zu spüren“ (ebd.).

Die FAZ präzisiert das schon im Jahr 2006:

  • „Die ärmste Milliarde dieser Erde trägt keine Verantwortung für Kohlendioxydausstöße, ist aber in erster Linie davon lebensbedroht“ (Paoli 2006).

Weitere Zahlen aus der Studie von Oxfam:

  • „The average footprint of someone in the richest 1% could be 175 times that of someone in the poorest 10%“.
    • „The average emissions of someone in the poorest 10% of the world population is 60 times less than that of someone in the richest 10%.“
    • „Women bear the heaviest burden in a warming world, generally more heavily dependent on climate-sensitive livelihoods and with least to fall back on in harsh times“ (Oxfam 2015).

>> vgl. Aspekt Frauen sind von der Klimakrise stärker betroffen als Männer, S. 423f.


Und eine neue Oxfam-Studie von 2020 sagt über die Jahre 1990 bis 2015:

  • „Die reichsten zehn Prozent (630 Millionen) seien in dieser Zeit für über die Hälfte (52 Prozent) des CO2-Ausstoßes verantwortlich gewesen.    
  • Das reichste Prozent (63 Millionen) allein habe 15 Prozent verbraucht,     
  • während die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung nur für sieben Prozent verantwortlich gewesen sei.“ (zit. nach Spiegel 2020b)


Die globale Ungerechtigkeit wird auch anhand der finanziellen Besitztümer der Weltbevölkerung deutlich:

  • „Das reichste eine Prozent der Welt, und noch abscheulicher, die reichsten

    acht Menschen der Welt haben jetzt so viel Reichtum wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung,

    wie Oxfam während des Weltwirtschaftsforums 2017 berichtete“ (Weizsäcker et al. 2017, 23-24).


Vermutlich eine Folge abweichender Definitionen von ‚Privatvermögen‘ und ‚Reichtum‘ – auf jeden Fall kommt Dieckmann zu einer anderen Zahl:

22,1 Mio Menschen besitzen die Hälfte des globalen Privatvermögens. (vgl. Dieckmann 2019)

Das bedeutet also folglich:

  • 22,1 Millionen Dollar-Millionäre besitzen etwa 103 Billionen US-Dollar.
  • 7,6 Milliarden Nicht-Millionäre besitzen etwa 103 Billionen US-Dollar (vgl. ebd.).


2020 wird Oxfam mit den folgenden Zahlen zitiert:

  • „2.153 Milliardäre [besitzen derzeit] … genauso viel Geld …, wie die 60 ärmsten Prozent der Weltbevölkerung zusammen genommen, also insgesamt 4,9 Milliarden Menschen“ (Spiegel 2020a).


Daraus folgert Maxton:

  • „Dies ist kein Kampf zwischen 99 Prozent und 1 Prozent der Menschheit. Es ist ein Kampf zwischen 99,995 Prozent und 0,005 Prozent der Menschheit“ (Maxton 2020, 76).


Michael E. Mann – dem wir die Hockeyschlägerkurve (vgl. S. 157) verdanken – formuliert es so:

  • „The great tragedy of the climate crisis is that seven and a half billion people must pay the price – in the form of a degraded planet – so that a couple of dozen polluting interests can continue to make record profits“ (zit. in Taylor/Watts 2019).

Wir sollten dabei nicht vergessen, dass dahinter dann eine ebenfalls begrenzte Anzahl von profitierenden Aktionär*innen und Pensionsfonds-Profiteur*innen steht.


Und Reichtum ist maßgeblich gegendert:

„Männer [besitzen] 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen“ (Zeit 2020) – und zwar trotz vererbter Vermögen.

  • „[D]ie 22 reichsten Männer Afrikas [verfügen] über ein größeres Vermögen als alle afrikanischen Frauen zusammen“ (Spiegel 2020a).
  • Beim Weltwirtschaftsforum 2020 in Davos „sind 119 Milliardäre anwesend[, die] nur 0,5% Steuern auf ihre Vermögen zahlen“ (Vielhaus 2020).


Wir werden globale Ungerechtigkeit niemals ganz besiegen können. Aber ein derart abstruser Auswuchs sollte doch abzustellen sein?


>> Anmerkung: Auch in Deutschland klafft eine immer größere Lücke zwischen arm und reich:

„[D]as reichste Prozent… besitzt bereits rund 35 Prozent der individuellen Nettovermögen. Die reichsten zehn Prozent kommen gemeinsam auf 67,3 Prozent der Vermögen… Die untere Hälfte der Bundesbürger besitzt nur rund ein Prozent des gesamten Nettovermögens… [Mit einem] Gesamtvermögen von 22.800 Euro … [gehört man] statistisch schon zur reicheren Hälfte der Bevölkerung… Etwa 1,5 Prozent der Deutschen besitzt mehr als eine Million Euro. Wenig überraschend handelt es sich dabei meist um Männer, die schon älter sind. Sie sind zudem besser gebildet als der Durchschnitt und oft selbstständig… Nur 30 Prozent sind Frauen“ (Hermann 2020, 3).


Angesichts der in jeder Hinsicht mangelnden Climate Justice stellen Neubauer/Repenning für Deutschland, aber nicht nur für Deutschland, fest:

„Wer von Reduktionszielen spricht, darf von Umverteilung nicht schweigen.“
(2019, 202)

  • „[G]erecht wäre es, wenn … [der massive Umbau unserer Infrastrukturen] insbesondere auch diejenigen zahlen, die vom nicht-nachhaltigen Status quo besonders profitieren… Vermögenssteuern oder klimabezogene Vermögensabgaben sind zwei Antworten, die bis jetzt kaum diskutiert werden“ (ebd., 203-204).

 
„Warum wir uns die Reichen nicht mehr leisten können“ lautet der Titel eines Buches von Andrew Sayer (2017).

Ernsthaft: Warum sollte es auf einem Planeten hochgradig vermögende Menschen geben, wenn gerade diese – aufs Ganze gesehen – einen besonders hohen CO2e-Anteil am derzeitigen fossilen Kapitalismus haben – und ihr Vermögen dazu eingesetzt werden könnte, die Welt endlich ‚auf das richtige Gleis‘ zu setzen? Sie alle haben von den bestehenden fossilen Verhältnissen massiv profitiert und haben nun zurückzugeben, zurückzustecken und ihren Anteil zu leisten.


Der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) zur mangelhaften ‚Climate Justice‘:

  • „Ich frage mich, wie ‚Fridays for Future‘ in Afrika aussähe. Das Durchschnittsalter der Menschen dort liegt bei zwanzig Jahren, sie sind unfassbar arm, suchen Arbeit, wollen diesen Teufelskreis durchbrechen. Wir müssen die Situation dieser Menschen mitdenken, wenn wir über Klimaschutz diskutieren. Es genügt nicht, weniger zu fliegen oder mit dem Rad ins Büro zu fahren, so wichtig das auch ist… Wir müssen die beiden großen Herausforderungen unserer Zeit miteinander verbinden: Beseitigung von Armut und erfolgreiche Klimarettung“ (zit. in Haberl 2019).


Den Faden aus dem Abschnitt Intro (S. 39) wieder aufgreifend:

Anders ausgedrückt:

  • „Solange wir den Klimawandel und die Ungleichheit nicht gleichzeitig angehen, kann man weder das eine noch das andere lösen. Wir müssen also verstehen, wir diese beiden verknüpft sind“ (Goeßmann 2019).


Es gilt: Nur eine globale Klimagerechtigkeit führt relevant zu Klima- und Umweltschutz – aus einem ganz einfachen Grund:

  • „Die Armen neigen dazu, für ihr Überleben und ihre Bedürfnisse die Ressourcen zu übernutzen, oft sogar zu zerstören. Die Reichen dagegen übernutzen die verfügbaren Ressourcen erst recht und dies oft aus reiner Gier. Demgegenüber werden soziale Gerechtigkeit und die Überwindung der Armut zu einem Schlüssel für den Umweltschutz“ (Weizsäcker et al. 2017, 208).


Positiv gewendet:

Die Verknüpfung der Aspekte ‚Klimakrise‘ und ‚Beseitigung der globalen Ungleichheit‘ birgt – in jeder Hinsicht – eine große Chance für die Menschheit.

Es geht auch nicht anders, denn der Globale Süden wird beim Klimaschutz nur mitmachen, wenn er davon profitiert, in dem er z.B. vergünstigt und u.U. patentrechtefrei bzw. lizenzfrei Zugang zu Technologien u.a. betreffend erneuerbare Energien erhält.

…mehr

Naomi Klein pointiert, dass wir „keine hundert Jahre mehr [haben], damit China und Indien ihre Dickens-Phasen hinter sich bringen können“ (2015, 36); siehe auch Abschnitt Intro, S. 40.

  • Denn so wie es bisher lief mit dem post- bzw. neokolonialen Imperialismus, ist es schlicht äußerst zynisch vom Kapitalismus als dem ‚bestmöglichen System‘ zu sprechen.1
  • Das ist eine zutiefst westliche Sichtweise, die man wohl nur einnehmen kann, wenn man gerade auf dem Sofa die Füße hochlegt, weil man ach so hart gearbeitet hat (vgl. S. 230f.) – oder der 45. Präsident der USA ist. Die Realität ‚da draußen‘ ist eine andere.
Details: Erläuterungen zu (1)

Bestmögliches System? Nils Klawitter schrieb im Frühjahr 2020 unter der Überschrift „Ausbeutung als Geschäftsmodell“ im Spiegel einen Kommentar zu den Arbeitsbedingungen in Fleischfabriken. Ja, richtig, das ist Ausbeutung – aber das Thema ‚Ausbeutung als geschäftsmodell‘ ist viel größer dimensioniert, Ich denke, Klawitter bringt es unbewusst auf den Punkt: Das Geschäftsmodell des unregulierten Neoliberalismus/Turbokapitalismus ist Ausbeutung – Sweatshops, Dauerpraktikant*innen, Ressourcenübernutzung, Niedriglohnsektor, Neokolonialismus, Kreuzfahrtschifffahrt, Allmende ‚Atmosphäre‘, eingeflogene Rumän*innen als Erntehelfer*innen, Systemrelevante Pfleger*innen in Altersarmut etc. pp. – die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Selbstverständlich geht es anders als bisher. Die angebliche Unausweichlichkeit von Politik und Geldwirtschaft – There Is No Alternative (TINA) – ist die vielleicht nachhaltigste Lüge von denjenigen, die alles so lassen wollen wie es derzeit ist.

Es geht immer auch anders. Alles könnte anders sein.

  • „Je energischer jemand behauptet, dass irgendetwas alternativlos sei, umso genauer sollten Sie es hinterfragen“ (Göpel 2020, 187).


TAALOA – There are always lots of alternatives!

in Anlehnung an die angeblich so oft alternativlose Politik der Regierung Merkel und an TINA – „There ist no Alternative“.

(TINA ist ein Schein-Argument von Margret Thatcher, um den Neo-Liberalismus durchzudrücken: Operation gelungen, Patient derzeit dem Koma nahe.)


Jürgen Habermaß hielt dem schon zu Thatcher-Zeiten entgegen:
„Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus.“
(1985, 161)


Was Ressourcenausbeutung, CO₂-Emissionen, Wachstumscredo und Lebensstil der Industrienationen zu Ende gedacht bedeutet:

  • Wir wachsen uns arm. (vgl. Alt 2019, 9)
  • „Die „imperiale Lebensweise [ist] derzeit im Begriff…, sich zu Tode zu siegen.“ 
  • (Brand/Wissen 2017, 14)


Climate Justice, Neokolonialismus und unsere imperiale Lebensweise

Womit hier wieder das Thema ‚Wachstum‘ auf der Agenda steht:

Wachstum kann nur erzeugt werden, wenn andere „auf ihren proportionalen Anteil verzichten“ (müssen). (Brand/Wissen 2017, 14)

>> s.a. Aspekt Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang, S. 391ff.


Und weiter:

  • „Die imperiale Lebensweise beruht auf Exklusivität, sie kann sich nur so lange erhalten, wie sie über ein Außen verfügt, auf das sie ihre Kosten verlagern kann“ (ebd., 15). 


Tragisch, dass das schon Karl Marx vor rund 170 Jahren erkannte:
„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeosie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen“ (1847/48).


Mit ‚Außen‘ ist sowohl die Atmosphäre als auch die immer weitere räumliche Verbreitung der Wachstumswirtschaft auf immer neue Länder (Südostasien, aber auch in die Staaten des Ostblocks nach dem Mauerfall) gemeint. Nachdem auch dieses Raum-greifen an seinen Grenzen gerät, man also kaum mehr „in den Raum expandieren kann, um den Treibstoff für den Antrieb der Zivilisationsmaschine von außen zu holen[, verbleibt a]ls einzige Ressource zur Erzeugung globalen Mehrwert nur noch die Zukunft“ (Welzer 2016, 53) – man expandiert unter Missachtung der – globalen! – Generationengerechtigkeit in die Zeit.


Und in diesem Sinne, d.h. aufgrund der Kostenexternalisierung (Kostenauslagerung) – und in Kombination mit Shareholder Value (d.h. der Verpflichtung von Börsennotierten Unternehmen, den Gewinn zugunsten der Aktienbesitzer*innen zu maximieren) – kann es unter den heutigen Gegebenheiten generell (so gut wie) keine wirklich nachhaltigen Produkte geben.


Warum?

Gegenfrage: Warum verlagert man denn Produktionen z.B. nach Südostasien?

Antwort: Weil es dort aufgrund mangelnder Gesetzgebung, niedrigeren Umweltstandards, Korruption und niedrigen Löhnen billiger und somit lukrativer ist, zu produzieren. Die Sache ist systemisch – d.h. im System so angelegt.
Daher ist eine grüne bzw. nachhaltige Wirtschaft/Produktion ohne tiefgreifende Änderungen im Betriebssystem der globalen Wirtschaft und Politik grundlegend nicht möglich.

  • Kathrin Hartmann spricht daher vollkommen zu Recht von der GrüneLüge.

>> vgl. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. Blessing. | s.a. Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.


Ulrich Brand und Markus Wissen gehen in diesem Punkt noch einen Schritt weiter:

  • „Ausgeblendet wird, dass Ökosysteme nicht deshalb zerstört werden, weil ihnen kein Preisschild anhaftet, das die Kosten ihres Verlusts quantifizieren würde [was aber nicht gegen eine CO₂-Steuer spricht!]. Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Rechte der Menschen (häufig Kleinbauern und indigene Gemeinschaften), die in den entsprechenden Territorien leben, systematisch missachtet werden“ (2017, 150).


Hierauf ist ein genauerer Blick zu richten:


Ein Beispiel: Der ‚globale Impact‘ eines Smartphones

… in Form einer emotionalen aber inhaltlich sachlichen Reportage.


Dein neues Smartphone. Du findest es auf der hell designten Seite des Webshops Deiner Wahl… oder im angesagten Lifestyleladen in der Fußgängerzone: Der Produktberater hat zufällig das gleiche Gerät zu Hause – these things happen! –, und auch er ist der Meinung, dass es „ein super Gerät vom Preis-Leistungsverhältnis her ist“. Und dann ist es: Deins. Die sanft leuchtende, randlose Oberfläche mit dem glänzenden Retina-Display ist glatt poliert, es schimmert leicht – und noch keine Fingerabdrücke stören dieses Bild. Wunderbar. Es wird Dir beistehen, in guten und schlechten Zeiten. Bis das der nächste Handyvertrag Euch scheidet: Ihr werdet eine wunderbare einjährige Beziehung führen (vgl. Manhart 2016).

Details zu ‚1 Jahr und ex und hopp‘

Thema ‚1 Jahr und ex und hopp‘: Smartphonenutzung-Durchschnitt = 2,7 Jahre (vgl. Manhart et al. 2016). Fakt ist, dass mindestens ein großer Smartphoneanbieter Deutschlands eine jährliche ‚Handytauschoption‘ bereithält. Update 10/2018: Eine andere Firma garantiert neuerdings, dass es innerhalb von 24 Stunden ein kaputtes Handy durch das gleiche Modell ersetzt.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, und meistens ist sie das auch… Aber verlassen wir heute mal die Oberfläche, öffnen das Smartphone fachgerecht und legen seine filigranen Bauteile frei – und graben mal dort, wo niemand so recht hinschaut.

Und wir müssen tief graben, denn unser kleiner ‚sehr leistungsfähiger transportabler Kleincomputer zur elektronisch gestützten Kommunikation und Unterhaltung‘ beginnt sein Dasein mit guter Chance tief unter der Erde in der Demokratischen Republik Congo in Zentralafrika.

Hier lagern 2/3 der globalen Lagerstädten von Kobalt – die seltene Erde, die für die Herstellung der Smartphone-typischen (und in E-Autos stets verbauten) Lithium-Ionen-Akkus unverzichtbar benötigt wird (vgl. Belkaïd 2020, 17). Daneben gibt es hier sehr viel Kassiterit, ein Erz mit einem hohen Zinngehalt, bestehend aus Kupfer, Gold und der ‚seltenen Erde‘ Coltan. Letzteres entspricht Tantal und steckt in jedem Smartphone zum Speichern von Energie, d.h. es wird als Kondensator verwendet (vgl. Jeska 2012 u. Umwelthelden 2016).

Ob mit bloßen Händen oder mit Meißel und Hammer – auf jeden Fall unter erbärmlichsten Arbeitsbedingungen „für umgerechnet zwei bis drei Dollar am Tag“ – niemand macht sich dort die Illusion reich werden zu können, es geht um das pure Überleben – arbeiten im Congo geschätzte „100.000 Menschen … in den Minen …, davon – so Unicef – sind 40.000 Kinder“ (Rittmann 2016 u. AI 2016a).

…mehr

Precht erwähnt in Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft „die Kinder, die [während der Industrialisierung] in den Kohleschächten Englands ihre Kindheit und oft ihr Leben verloren“ (17), was mich ein weiteres Mal darauf bringt, wie beschämend wenig sich doch eigentlich geändert hat seit den frühen Tagen der Industrialisierung. Nur dass eben der Ort des Elends, der Kinderarbeit und der Umweltverschmutzung nicht mehr im Londoner Großraum liegt, sondern ausgelagert wurde in den Globalen Süden, sodass diejenige/derjenige, der es in seinem Shopping-Delirium nicht wissen will, ein wenig ‚besser‘ als früher die Augen verschließen kann vor dieser Schande. Siehe auch S. 650.

Akram Belkaïd spricht von 200.000 Creuseurs – Minenschürfer*innen in i.d.R. illegalen ‚Kleinbetrieben‘ (2020, 17).


Und auch wer nicht irgendwann verschüttet wird, riskiert Lungenschäden und Dermatitis… die Zeit formuliert es so:

  • „Hunderte werden in den Minen des Kongos jedes Jahr lebendig begraben oder ersticken in den Abgasen dieselbetriebener Wasserpumpen“ (Obert 2011).

Belkaïd schreibt in Le Monde diplomatique:

  • „Unfälle sind in diesen ‚Todesstollen‘, wie die Einheimischen sie nennen, an der Tagesordnung“ (2020, 17).

>> s.a. Amnesty International-Video „This is what we die for: Child labour in the DRC cobalt mines“, online unter https://www.youtube.com/watch?v=7x4ASxHIrEA (Abrufdatum 27.1.2020)

  • „Am 15. Dezember 2019 teilten die International Rights Advocates (IRA) mit, dass sie bei einem Washingtoner Gericht gegen mehrere transnationale Unternehmen eine Sammelklage wegen der Mitschuld am Tod von 14 Kindern in den congolesischen Kobaltminen einreichen. Apple, der Google-Mutterkonzern Alphabet, Dell, Microsoft und Tesla werden sich vor Gericht verantworten müssen. Die IRA prangern an, dass der ‚Tech-Boom‘ dazu geführt habe, dass ‚in der DR Kongo Kinder für ein oder zwei Dollar Tageslohn das Kobalt aus der Erde holen, dass die reichsten Konzerne der Welt für die Herstellung ihrer teuren Gadgets brauchen‘“ (Belkaïd 2020, 17).

Weder Apple noch Samsung sind nach Auskunft von Amnesty International in der Lage zu garantieren, dass das Cobalt etc. ohne Kinderarbeit gefördert wurde (vgl. Spiegel 2016, vgl. AI 2016a, vgl. Belkaïd 2020, 17). Selbst wenn das gelänge: Auch die übrigen Zustände sind schlicht verheerend, so spricht Obert von „an Sklaverei grenzenden Arbeitsbedingungen“ (2011). … Hand in Hand geht mit alledem der ganze Abwärtsspiralen-Wust von Korruption, Wegelagerei, Schutzgelderpressung, Prostitution, Mord, zerstörter Sozialgefüge, Hunger – darüber hinaus gleichermaßen extreme, systematische und massenhafte sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder (vgl. Koebl 2018, 81) – und damit immer noch nicht genug: „Mit dem Ertrag ihrer Plackerei finanzieren bewaffnete Gruppen [in Congo] einen [Bürger-]Krieg, der seit [22] Jahren wütet, mit Millionen von Toten“ (Obert 2011).

Natürlich gibt hier es keine einfachen Lösungen. Aber eines ist sicher: Diese Art von Hölle entsteht zu einem guten Teil durch Geld: Niemand hätte einen Grund in eine solche Mine zu steigen, wenn sich kein Abnehmer für das Erz finden würde.

Weltfirmen wie Apple oder Samsung scheuen sich selbstredend, in einem Atemzug mit solchen Zuständen genannt zu werden, aber irgendwie gelangt das Zeug eben doch in die Smartphones – via Umwege: So gehen „rund 90 Prozent der Produktion … heute nach Asien“ (Obert 2011).

>> Grafik zu den möglichen Lieferketten siehe hier: https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/apple-samsung-und-co-kinderarbeit-in-kobaltminen-im-kongo-a-1072704.html (Abrufdatum 27.1.2020); s. Spiegel 2016


Übrigens: Der Krieg bzw. das Chaos halten generell die Rohstoffpreise niedrig (vgl. Obert 2011), was Firmen und Aktionärinnen/Aktionäre sicher nicht gänzlich unangenehm finden. Und am Ende sieht dem eingeschmolzenen Erz (Kobalt, Coltan/Tantal) keiner mehr seine Herkunft an. Fakt ist: Das Zeug kommt mehrheitlich aus dem Congo und es ist wesentlich plausibler anzunehmen, dass in Deinem Smartphone genau dieses Erz steckt als dass genau dieses Erz nicht drinsteckt.


Also, nach Darstellung von Amnesty International (AI 2016b) verkaufen die Minenarbeiter oder bereits deren Zwischenhändler das Kobalt auf Märkten in den Städten an Geschäftsmänner oftmals chinesischer Herkunft. Diese wiederum verkaufen das Erz an die chinesische Firma CDM, die es einschmilzt. Deren Mutterfirma Huayou Cobalt Co., Ltd. exportiert es nach China und Südkorea und verkauft es dort an Batteriekomponentenfirmen, die ihre erneut zu transportierenden Vorprodukte an die Endfertiger verkaufen. Dann wird der fertigproduzierte Akku zur Smartphone-Produktionsfirma transportiert.

Details zu 'China investiert massiv in Afrika'

China investiert massiv in Afrika – und dort besonders stark in die Infrastruktur. Die Doku ‚Anderswo. Allein in Afrika‘ (2018) von Anselm Pahnke, der hier dokumentiert, wie er in 414 Tagen Afrika einmal von der Südspitze bis zum Mittelmeer allein mit dem Fahrrad durchquert, zeigt dies – über weite Strecken fährt Pahnke auf m.E. überraschend neuen und dabei guten bis perfekten Asphaltstraßen, deren Bau zu einem guten Teil finanziell irgendwie mit China verknüpft sein dürfte. Gleichwohl es selbstredend extrem hilfreich ist, in Afrika zu investieren und es nicht bei traditionell-wirkungsloser Entwicklungshilfe zu belassen, droht hier die Schuldenfalle. So sind „Chinas Auslandsforderungen um rund 50 Prozent höher, als es die [ohnehin hoch ausfallenden] offiziellen Statistiken ausweisen“ (Grill et al. 2019, 55). Dschibuti (70%), Republik Congo (fast 30%) und Kenia (>15%) sind zu hohen Prozent ihrer Wirtschaftsleistung bei China verschuldet, was nach Grill et al. ein Vielfaches ist in Relation zu Schulden bei westlichen Industrienationen (vgl. ebd.) – und ist auch hohen Zinsforderungen Chinas geschuldet (vgl. ebd.). Und: „Um sich vor Zahlungsausfällen zu schützen, räumen Kreditverträge der Volksrepublik umfangreiche Rechte ein, zum Beispiel den Zugriff auf Nahrungsmittel, Rohstoffe“ (ebd. 54). Gewinne werden des Öfteren durch China gleich wieder an die chinesischen Vertragsfirmen des jeweiligen afrikanischen Landes zurückgeleitet, „die Airports, Häfen oder Staudämme bauen; so entsteht ein geschlossener Finanzkreislauf, in den kein ausländischen Konto mit einbezogen ist“ (ebd.).

Wir haben jetzt mit Kobalt und Coltan/Tantal gerade mal zwei der sog. Konfliktrohstoffe näher betrachtet. Ein Smartphone besteht aber aus „sechzig Rohstoffe[n] aus bis zu hundert Minen …, darunter die Konfliktmaterialien Gold, Tantal, Wolfram und Zinn, die bewaffnete Konflikte in Afghanistan und Zimbabwe finanzieren“ (Hartmann 2018, 79). Diese Stoffe werden allesamt abgebaut bzw. mit teils extrem hohen Energiebedarf (Braunkohle!) aus den Gesteinen herausgelöst und schließlich – zunächst jeder Rohstoff einzeln, dann die Vorprodukte, schließlich die Einzelteile – jeweils teils global transportiert. „Kobalt … macht 3-4 Prozent des Gewichts eines Handys aus“ (IZFM 2014). „Ein ca. 80 Gramm schweres Handy hat einen ökologischen Rucksack von 75,3 Kilogramm. Er übersteigt damit das Eigengewicht des Gerätes um fast das Tausendfache“ (IZFM 2014).

>> ökologischer Rucksack siehe http://ressourcen-rechner.de/.


Unter den benötigten Materialien befinden sich zudem – wie erwähnt – auch Kupfer und Gold, bei dessen Abbau Böden und/oder Gewässer verseucht werden – oder auch Zinn, für den Regenwälder zerstört werden (vgl. Umwelthelden 2016). „Smartphones… bestehen [außerdem zu einem guten Teil] aus Siliziumwafern, deren Herstellung große Mengen an [oftmals Braunkohleverstromter] Energie und [Trink-]Wasser verbraucht. [Und:] Seit 2007 wurden rund 968 TWh [Terawattstunden] für die Herstellung von Smartphones aufgewandt. Das entspricht nahezu dem Energieverbrauch Indiens für ein ganzes Jahr: Dieser lag 2014 bei 973 TWh“ (Jardim 2017).


So, nun lagern die Bauteile Deines neuen Smartphones in einer Fabrik irgendwo in Südostasien. Damit reißen die unangenehmen Meldungen aber keineswegs ab:

So schlich sich – wie Matthias Fiedler (2017) für den Spiegel herausarbeitete – ein US-amerikanischer Student chinesischer Herkunft namens Dejian Zeng im Auftrag der chinesischen NGO (Non Governmental Organization) Labour Watch in eine Apple-Smartphonefabrik in Shanghai ein. Nach einem 30-sekündigen Vorstellungsgespräch wurde er zu ‚einem von 70.000‘ und schraubte mit einer ‚Frequenz‘ von 23 Sekunden – täglich, 6 Tage die Woche, offiziell 60 Stunden pro Woche, nach eigener Aussage in Wirklichkeit aber unfreiwillig 72 Stunden pro Woche –, also pro Tag 1.800 winzige immer gleiche Schrauben zur Befestigung des Lautsprechers an 1.800 iPhones. „Dafür erhielt er abzüglich der Kosten für Unterkunft und Verpflegung umgerechnet 455 Euro … [pro Monat – die Überstunden wurden schlecht vergütet – doch] der [monatliche] Mindestlohn in Shanghai liegt lediglich bei 2.190 Yuan, 291 Euro“ (Fiedler 2017). Alle zwei Stunden zehn Minuten Pause, Fehler werden in den Pausen nachgearbeitet, er erlebte auch mal neun Arbeitsstunden ohne Essen etc. pp. (vgl. Fiedler 2017)… „Sechs Wochen hielt Zeng durch“ (ebd.) …Soll ich fortfahren?

… vielleicht mit diesem Zitat aus dem Greenpeace-Video „10 Jahre Smartphone“:

Greenpeace-Video „10 Jahre Smartphone“, siehe https://youtu.be/amJjq1Bpur4 (Abrufdatum 21.10.2020)
  • „Über 200 Fabrikarbeiter in Südkorea führen ihre lebensbedrohlichen Erkrankungen, einschließlich Krebs, darauf zurück, dass sie bei ihrer Arbeit in den Halbleiterfabriken gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind“ (Jardim 2017).

… und dann sind da noch „dreizehn Beschäftigte des Foxconn-Konzerns, der im Auftrag von Apple produziert“, die sich direkt in der Fabrik „im ersten Halbjahr 2010“ das Leben nahmen, „meist, indem sie sich von oberen Stockwerken der Fabrikgebäude in den Tod stürzten.“ „Die Leute waren verzweifelt, auch wegen der Drangsal ihrer Arbeit: miese Löhne, sechzig Stunden Arbeit pro Woche – oder mehr, Einsamkeit im Firmenwohnheim, keine Aussichten, das zu ändern“ (alle Zitate aus: Koch 2011).

60 Stunden sind die Regelwochenarbeitszeit – und dann bekommt man von „Louis Woo, [der] ein enger Vertrauter des Vorstandschefs von Foxconn [ist]“ (Koch 2011), so einen Satz zu lesen:

  • „Es ist richtig, dass das chinesische Arbeitsgesetz nur 36 Überstunden pro Monat erlaubt. Wir übernehmen eine Führungsrolle, um dieses Ziel umzusetzen“ (ebd.).

Ein bestehendes Gesetz als Ziel? Hä?

Seither soll einiges passiert sein, die Löhne erhöht, Netze gespannt (!) … was auch immer. An der grundlegenden Problematik, dass nämlich die Arbeitsbedingungen ‚Sweatshop‘-Charakter haben, ändert das ü-ber-haupt nichts. Nur weil von ‚extrem schlimm‘ auf ‚sehr schlimm‘ zurückgefahren wurde, gibt es garantiert keinen Grund Beifall zu klatschen.

Das Stichwort ‚Kinderarbeit‘ taucht auch im Zusammenhang mit der Schlussfertigung von Smartphones auf, so wollte 2014 „der Smartphone-Weltmarktführer Samsung … neuen Vorwürfen zu Kinderarbeit bei einem Zulieferer in China nachgehen“ (taz 2014). Und im November 2017 hören wir davon, dass „in China [Berufsschulen] regelmäßig [3.000 minderjährige] Schüler in die Werke des Apple-Zulieferers Foxconn [schicken]. Dort arbeiten sie für das neue iPhone X länger als erlaubt. Wer sich weigert, riskiert offenbar seinen Abschluss“ (Spiegel 2017).

Ok, ich mach‘ hier einen cut.


Nun sind also alle Schrauben feinsäuberlich verschraubt, alles ist zusammengefügt, alle Produktteile in einen edlen Karton verpackt, mit Prüfsiegel, Zertifikat, Garantieerklärung etc. pp. Nun macht sich Dein Smartphone, wie schon zuvor seine Innereien/Einzelteile, auf die Weltreise und wird an Bord irgendeines Containerschiffs nach Europa, nach Japan oder in die USA verschifft. Lassen wir mal die trostlosen Arbeitsbedingungen auf den Schiffen beiseite: Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass selbstredend auch dieser Transport erneut zum beeindruckenden CO2-Fußabdruck Deines noch nicht mal ausgepackten Smartphones beiträgt.

Der Container wird entladen und landet samt deines Smartphones auf einem Lkw. Nun wird er u.U. tausende Kilometer über Autobahnen zum Großhändler gebracht. Von dort geht es zum Einzelhändler, Du fährst eventuell mit dem SUV vor, um es zu kaufen.

Oder: Es landet bei Amazon o.ä., kommt per Lkw ins Hochlager, wird aus dem Hochlager genommen, zusätzlich verpackt und per DHL, Hermes o.ä. verschickt, sodass es erst ins Postlager und von dort aus per Lastwagen zu Dir transportiert wird, vielleicht bist Du sogar anwesend, sonst fallen für eine weitere Lieferung möglicherweise weitere CO2– und Stickoxid-belastende Wege an.


Diese überlangen Handels- und Produktionsketten inkl. der Vielzahl der Zwischenhändlern und den globalen Transportwegen, die auch dazu führen, dass es sogar unbekannt bleibt, woher konkret ein Konfliktstoff stammt, unterminieren jegliche Eigenverantwortung der Managerinnen und Konsumentinnen. Ich denke, dass das nicht ungewollt ist.


Endlich, endlich ist der Moment gekommen: Nun seid Ihr, Du und Dein very much loved-Smartphone ein smartes ‚Lebensabschnittspaar‘ für ein Jahr, ich hoffe, das Teil fällt weder runter noch wird es geklaut, denn sonst geht – symbolisch gesprochen – der ganze Zirkus im Congo möglicherweise schon wenige Wochen nach Kauf noch mal los, damit Du wieder und erneut ein edles Smartphone in den Händen halten kannst.

365 Tage später.

… Viele Deiner Freunde haben Dich seither ungefähr vier Mal gesehen, vielleicht haben sie noch nicht mal mitbekommen, dass Du vor einem Jahr ein neues Gerät erstanden hast… Du warst vielleicht drei Mal im Kino, 20 Mal beim Sport, warst einmal krank, vier Mal besoffen, zwei Mal im Kurzurlaub… noch einmal Blinzeln… und:

Das Jahr ist um.

Dein Mobilfunkanbieter mit seiner tollen ‚Handytauschoption‘ bzw. sein Konkurrent bieten Dir einen frischen Vertrag mit neuen Geiz-ist-so-verdammt-geil-Konditionen mit einem nigelnagelneuen Smartphone als Dreingabe an. ‚Time to Say Goodbye‘ also für Euch zwei Hübschen: Zeit für die Trennung von Tisch, Bett und Gesäßtasche.

…mehr

Schon in den 1950er Jahren nannten Designer diese geplanter Obsolenz durch neu auf den Markt gebrachte Modelle „dynamisches Veralten“: „‚Wir gestalten ein Auto‘, bekennt einer [dieser Designer] freimütig, ‚damit ein Mann mit seinem 1957 Ford unglücklich wird, noch bevor das Jahr 1958 vorbei ist‘“ (Albig 2020, 64).

Für viele Smartphones ist nun der Zeitpunkt gekommen, in irgendwelchen Schubladen zu verschwinden und vor sich hinzugammeln. Mittlerweile werden die im Unterschied zu herkömmlichen Handys ungleich teureren Smartphones durchaus öfter secondhand verkauft – womit sich der weitere Gang der Dinge mal längere, mal kürzere Zeit verzögert –, manche werden verschenkt oder – das kommt vor! – mustergültig recycelt1. Die meisten Handys aber lagern ein paar Jahre in der Schublade und landen dann direkt auf dem Schrott.2

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Aus Lithium-Ionen-Akkus kann „gerade etwas mehr als die Hälfte des Materials zurückgewonnen werden. Vor allem das wertvolle Metall Lithium geht vollständig verloren… Sie bestehen nur zu weniger als zwei Prozent aus Lithium… [Der Fachmann Bernd Friedrich dazu:] ‚Aus Lithium-Ionen-Batterien … wollen wir fünf verschiedene Metalle herausholen. Je geringer deren Anteile sind, desto aufwendiger wird es, sie zu trennen‘“ (Schlak 2019). Ein anderer Aspekt: „124 Millionen funktionierende Althandys liegen [mit Stand 2018] ungenutzt in deutschen Haushalten… Darin sind enthalten: 2,9 Tonnen Gold (Wert: 126 Mio Euro); 30,6 Tonnen Silber (Wert: 16 Mio Euro); 1.116 Tonnen Kupfer (Wert: 4,6 Mio Euro)“ (Fedrich 2020, 66-67).

2 „Wenn es um den neuesten Flachbildschirm-Fernseher oder das schicke Smartphone geht, verlässt viele Deutsche der Natursinn: Kein EU-Land produziert mehr Elektroschrott“ (Zeit 2014): 2010 = 777.000 Tonnen (ebd.), die vom Recycling-System erfasst sind. Die UN schätzen das Gewicht des gesamten jährlichen deutschen Elektroschrotts auf 2 Mio t (vgl. Kopatz 2019, 130). Es soll weltweit 8 Mrd aktive Mobiltelefone geben – aber nur 3,5 Mrd derzeit genutzte Zahnbürsten (vgl. Fedrich 2020, 110-111).

Und wo landet der Schrott? To keep a long story short: Oft im Globalen Süden, sehr oft in Afrika. Auf irgendwelchen gigantischen Müllhalden[4], die ganze Landstriche in Ödnis verwandeln und selbige auf Jahrhunderte verseuchen – und auf denen sich die Ärmsten der Armen tummeln und dort nach Elektronikteilen suchen, deren Kunststoffummantelungen sie dann vor Ort anzünden – und Du weißt bestimmt ja aus eigener Erfahrung, wie es riecht, wenn man Gummi, Plastik etc. anzündet … das ist zutiefst gesundheitsschädlich, was da in Augen und Lunge gerät, und auch der Kontakt mit den diversen Metallen, darunter Cobalt, macht: krank.

Apropos 'Müllhalden'

Technikschrott, Wohlstands- und Plastikmüll landet regelmäßig en masse im Globalen Süden: „Etwa eine Million Tonnen, ein Sechstel des gesamten Kunststoffabfalls, verkaufen Firmen wie Alba jährlich ins Ausland. Offiziell werden solche Überbleibsel des deutschen Verpackungswahnsinns nicht als Abfall deklariert, sondern als ‚Rohstoff für die Kunststoffindustrie‘“ (Asendorpf et al. 2018). >> s.a. Aspekt Untertagedeponien in Deutschland, in denen Müll als Bauschutt deklariert eingelagert wird Fußnote S.146.

Auf diesen schier endlosen Müllhalden suchen Menschen also nach ‚Wertstoffen‘, und auch hier sind es allzu oft – ein weiteres verstörendes Mal in diesem Abschnitt, quasi jeder Teil des Produktlebenszyklus‘ ist betroffen – Kinder und Jugendliche, die im Elektroschrott möglicherweise auf eines Deiner weggeworfenen Smartphones stoßen und mit dessen Rohstoffen ein paar Cent verdienen, die sie jedoch dazu bringen, auf der Müllhalde zu verbleiben, von der sie langsam aber sicher vergiftet werden.

  • „Viele Jugendliche leiden unter Kopfschmerzen, Juckreiz, Schwindel und fleckiger Haut. Die Langzeitfolgen sind noch schlimmer, die Dämpfe lassen das Gehirn der Jugendlichen schrumpfen, schädigen Nerven und Nieren – und verursachen Krebs“ (Bojanowski 2011).

>> Apropos ‚Mülldeponien-Arbeiter‘: Kennst Du das UNICEF-Foto des Jahres 2011?
siehe unter https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/unicef-foto-des-jahres-die-kinder-aus-sodom-a-804733.html (Abrufdatum 27.1.2020) (vgl. Hans 2011)


Der Kreis hat sich geschlossen. Dein Smartphone ist mehr oder weniger dort angelangt, von wo einige wichtige Stoffe der Bauteile herkamen: Der Grundstoff des Akkus ist nach einer – möglicherweise – nur rund eineinhalbjährigen Reise mehr oder weniger wieder an seinen Ursprungsort (Afrika) zurückgekehrt und macht zum zweiten Mal dort Menschen krank und in jeder Hinsicht das Land bzw. den Kontinent kaputt.

Smartphones sind nicht smart.

Das ist kein Argument gar keines zu besitzen. Aber jedes Jahr? Jedes zweite Jahr? Und: Es gibt Alternativen – die niemand in meinem gesamten Umkreis nutzt – z.B. das Shiftphone oder das Fairphone.


Die wahren Ökos unter meinen Freund*innen benutzen lieber i.d.R. noch ältere ‚Krücken‘ als ich.


Soweit ich weiß und sehe, stellen Shift&Fair technisch und funktional absolut ernst zu nehmende Alternativen dar – und auch die Preise fallen generell nicht aus dem Rahmen.


Ich für meinen Teil finde, dass ein Smartphone nichts ist, was man sich aus ‚Spaß an der Freud‘, aus Angabe, aus Status-Gründen oder auch ‚einfach nur, weil man es sich leisten kann‘ oder weil man es sich angeblich ‚verdient‘ hat, ständig und immer wieder, so wie ein Modeaccessoire, kaufen sollte.


Apropos Mode. Es ist doch so in Mode, ‚Respekt‘ zu fordern.
Na, prima: Ich fordere Respekt für die Menschen, die für uns ErsteWeltler*innen den Kopf hinhalten bei der Smartphoneproduktion – und das bedeutet, dass das un-smarte Teil verdammt nochmal gehegt und gepflegt und behalten wird, bis es irgendwann aus Altersschwäche auseinanderbröckelt.


… Und das Nächste muss ja nicht unbedingt ein Neues sein…

Unsere (Ur-)Großeltern – so geboren vor 1955 – würden auf jeden Fall jeden einzelnen von Euch, der ein funktionierendes Gerät wegwirft oder ‚einfach so‘ ersetzt, für bekloppt erklären… sie wären: entsetzt. Sind nun Deine Großeltern ‚von gestern‘? Was werden Deine Kinder/Enkel über Deine (Ur-) Großeltern denken? Und was werden sie über Dich denken?

Der eigentliche Preis für ein Smartphone bildet sich nicht im Ladenpreis ab. Nicht mal annähernd.

Mir persönlich erscheint dieser zu zahlende Preis zu hoch zu sein.

Wann immer ich mit Menschen, die sich m.E. wenig Kopf um die Produktionsbedingungen ihrer Konsumgüter machen und überhaupt wenig Ahnung von den ungeheuren Zuständen des Globalen Südens haben, spreche, kommt es zum ‚Bonmot von den Arbeitsplätzen in der Dritten Welt‘: „Naja, aber wenn ich das 4-Euro-T-Shirt nicht kaufe, verliert die Näherin in Bangladesch ihren Arbeitsplatz“. So die immer gleiche Leier, anwendbar auf jedes prekäre Produkt der Welt.

Es ist doch eher so:

Jeder Kauf eines 4-Euro-T-Shirts bestätigt und stabilisiert den absolut unhaltbaren Status quo, zu dem es nie hätte kommen dürfen.


Daher gibt m.E. kaum ein unangebrachteres, falscheres Argument als das Argument von den ‚Arbeitsplätzen in der sog. Dritten Welt‘, mit denen ErsteWeltler*innen gerne ihren unreflektierten Konsum rechtfertigen.

Es geht hier um ein strukturelles Problem: Globale Firmen suchen sich die billigste Form der Produktion, nutzen also die aktuellen Welt-Gegebenheiten und die Armut der Welt aus – und wenn die politischen/finanziellen Bedingungen in diesem Land nicht mehr angenehm sind, verlagert man diese ‚Arbeitsplätze‘ (ich mag sie so nicht nennen) in ein anderes Land – futsch sind sie, das geht schneller als einmal Zwinkern – und was hinterlässt man? Blühende Landschaften? Nein, man hinterlässt ein Land in einem sozial desaströsen Zustand; desaströs sicher auch, was die Umwelthinterlassenschaften der Produktion angeht.

Anders ausgedrückt – der Deal lautet: „Ihr gebt Eure gewachsenen sozialen und kulturellen Strukturen auf, wir geben Euch ‚Arbeit‘ und vermeintlich westlichen Glanz, beuten Euer Land und Eure Leute aus, vergiften riesige Areale und Flüsse, ihr schaut nicht so genau hin, wir stützen Eure Oligarchie – und wenn uns das hier zu teuer, aufmüpfig oder dreckig wird, verschwinden wir wieder.“

Das ist er, der Dreisatz von Abhängigkeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung.


Übrigens: Deine Regierung weiß das alles ganz genau. Und tut nichts. Du könntest sie daran erinnern.


Noch einmal das Intro mit dem Aspekt Nicht-Veränderung wäre Ihnen recht?, S.30, aufgreifend…

Die BWL-Professorin Evi Hartmann geht hier noch einen Schritt weiter. Sie stellt uns ErsteWeltler*innen – jeder/jedem von uns – die Frage: „Wie viele Sklaven halten Sie?“

Im Interview erläutert Hartmann den Titel ihres Buches mit den Worten:

  • „Wie soll ich das sonst nennen, wenn jemand für 50 Cent am Tag, 14 Stunden lang bei einer Bullenhitze von 60 Grad, ein günstiges T-Shirt für mich näht? Wir alle halten Sklaven – ich eingeschlossen. Nachdem 2013 die Textilfabrik in Sabhar in Bangladesch einstürzte, bin ich die Frage nicht mehr losgeworden, wie etwas so Schreckliches passieren kann – und bei mir und in meinem Umfeld ändert sich nichts. Wir kaufen weiter ein wie bisher. Das hat mich erschreckt“ (Utopia 2016).

Nun, kurz innehalten – ‚machen wir uns ehrlich‘: Ich glaube nicht, dass Eva Hartmanns Ansicht diskutabel ist. Die Frau hat einfach recht. Und wir sollten alle so fair sein, uns das einzugestehen.


Das alles bedeutet letztlich eines: Wir sind seit den prekären Arbeitsbedingungen des Frühkapitalismus‘ nicht wirklich vorangekommen. Im 18./19. Jahrhundert war es so, dass die alten sozialen Gefüge Europas durch die industrielle Revolution bedingte Umwälzung der Arbeitswelt. Die in die vom Land in die Städte ziehenden, aus ihren sozialen Kontexten herausgelösten Menschen waren ‚leichte Beute‘ für die prekären städtischen Fabrik-Jobs kaputtgingen.

Diese Art von Arbeitsplätzen, diese billige Arbeit gibt es auch im 21. Jahrhundert immer noch – nur dass diese Jobs eben nicht mehr in London oder Westeuropa zu finden sind, sondern vorrangig im Globalen Süden. Und auch hier wurden zunächst die alten sozialen Strukturen zerstört – zum Beispiel durch billige Exportwaren, die die Preise und damit die heimischen Märkte kaputt machte –, sodass die westlichen Firmen mit ihren outgesourcten Sweatshop-Jobs ein leichtes Spiel haben. Und dort veranlassen sie dann all das, was sie in Europa etc. längst nicht mehr dürfen, weder hinsichtlich der Arbeitsbedingungen noch hinsichtlich der Umwelt. Das ist Absicht, das hat System – und wir Profiteure der Industrienationen schauen zu bzw. weg.

>> Auf https://slaveryfootprint.org/ erfährst Du mehr über ‚moderne Sklaverei‘ – und kannst zudem berechnen, wie viele Menschen Du letztlich als Sklaven hältst. (Klingt harsch, oder? Die vorgenannte Wissenschaftlerin Evi Hartmann hat es gemacht und ist auf 60 gekommen, vgl. Utopia 2016).
>> vgl. Fußnote auf S. 644


Wenn ich all die vorgenannten Fakten und Zusammenhänge in meine Überlegungen mit einbeziehe, verschlägt es mir die Sprache, wie unglaublich anmaßend es ist, Smartphones über die ‚geplante Obsolenz‘ hinausgehend zunehmend auch noch so zu bauen, dass der Akku nicht entfernt werden kann und die Geräte vielfach nicht mal mehr reparierbar sind.

Über die Arroganz, die es bedeutet, ein funktionierendes Smartphone nach einem Jahr zu verschrotten, brauche ich mich wohl nicht mehr weiter zu äußern.

Der Umweltaktivist und ‚Entschleuniger‘ Douglas Tompkins erklärte in Florian Opitz‘ äußerst sehenswerten Film bzw. lesenswertem Buch ‚Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘ (2012) im Zusammenhang mit Hightechgeräten wie z.B. Smartphones, dass wir für diese Geräte eben den gesamten globalen industriellen Komplex benötigen, der die Welt zerstört (vgl. S. 206), und weiter:

  • „Hier. Der Computer. Eine Massenvernichtungswaffe. Er zerstört die Umwelt in gigantischem Ausmaß. Er beschleunigt die Wirtschaft. Die ist allein in den letzten 25 Jahren um fünfhundert Prozent gewachsen. Ein unglaubliches Wachstum. Und mit welchen Konsequenzen? Immer weniger Fische im Meer. Die Erde ist ausgelaugt. Der Wald verschwindet, Wasser ist knapp und verseucht. Das Klima hat sich verändert. Diese fünf Sachen hätten wir nie hinbekommen, zumindest nicht so schnell und in diesem Ausmaß, wenn wir dieses Ding nicht hätten“ (Opitz 2012, S. 220-221).


Beim ersten Sehen der Film-Doku fand ich, dass Tompkins witzig pointierend ein wenig übertreibt.

Das finde ich jetzt: nicht mehr.

Und wie gesagt: Ein Smartphone ist ein kleiner Computer – und wer Zweifel hat, bedenke: das Teil kann mehr als die meisten vollwertigen PCs vor zehn, fünfzehn Jahren.

Und das bedeutet auch, dass quasi alles, was in diesem Text beschrieben wurde auch für Laptops und Tablets gilt – nur dass diese beiden Gerätetypen hoffentlich seltener bereits nach einem Jahr weggekickt werden.

Und es gilt auch für die Akkuspeicher von E-Autos, vgl. Abschnitt Autoindustrie und die E-Mobilität, S. 326f.


Nein, Dein Smartphone ist nicht smart. Es ist nach meiner Wahrnehmung und auf den Punkt gebracht vielmehr das Symbol einer globalen desaströsen Entwicklung mit der fatalen Ausbeutung der Menschen des Globalen Südens und ihrer Umwelt durch die von uns so verehrten, kaum Steuern zahlenden transnationalen Erfolgsunternehmen.

Ich finde, man sollte sich zweimal überlegen, ob man vor lauter Bewunderung für ein neues Shareholder-Value-Ekelkapitalismus-Edelprodukt nachts vor einen ‚Flagstore‘ übernachtet, um am nächsten Morgen bei Ladenöffnung eine*r der ersten zu sein, die/der sich Blut und Leid an die Hände schmiert. Sorry, am Ende dieses Abschnitts gerate jetzt auch ich an meinen Grenzen, daher haue ich gleich noch einen raus:


Mein Schlussgedanke:

Früher haben Sklaven Handlangerdienste erledigt. Heute gibt es Sklavenarbeit, um Geräte1 herzustellen, die Handlangerdienste erledigen. Krass? Ja. Überspitzt? Ja. Falsch? Nein.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Diese Geräte werden zutreffend auch als Energiesklaven bezeichnet.

Die in diesem Abschnitt beschriebenen Arbeitsbedingungen treffen letztlich auf sämtliche Sweatshops der Welt zu – ein wenig an angepasst die Branche hier, ein wenig angepasst an das Land dort – aber insgesamt läuft das so wie hier beschrieben.


Dazu einige Updates aus der Zeit nach der Niederschrift dieses Abschnitts:


Update 12.6.2019 mit einem Zitat aus der Zeit:

  • „Alle Menschen, die ein Mobilfunktelefon benutzen, … wissen, dass dafür Kinder misshandelt und ausgebeutet werden. … Unicef meldet, dass 40.000 Kinder in den Minen im Süden des Kongo arbeiten. … Laut Amnesty International wird die Hälfte des Kobalts auf dem Weltmarkt von Kindern im Kongo abgebaut. Dieser Rohstoff landet in deutschen Autos von BMW und Daimler, in Handys von Apple, Sony, Samsung und Microsoft. Gibt es irgendeinen Deutschen, der angesichts dieser Tatsache auf sein Telefon verzichten würde? Natürlich nicht“ (Kiyak 2019).


Update 1.10.2019:

Klaus Töpfer, der ehemalige Umweltminister (CDU) erwähnt über eine Mülldeponie in Nairobi:

  • „[W]enige Tage zuvor [wurden] Männer ermordet …, die versucht hatten, eine Art Genossenschaft für die Vermarktung dieser Fundstücke aufzubauen, um die Preise gegenüber den monopolistischen Zwischenhändlern erhöhen zu können. Damals habe ich intensiv gespürt, in was für einem Teufelskreis diese Menschen gefangen sind“ (Haberl 2019).


Update 22.11.2019:

Die Geschichten rund um die Arbeitsbedingungen im Globalen Süden inkl. China gleichen sich, es ist fast schon langweilig, darüber zu schreiben – ohje, ich werde zynisch… – Nein, liebe*r Ottonormalverbraucher*in, es sind keine Einzelfälle, es hat System und ist systemisch – denn nur durch genau diese Arbeitsbedingungen können wir unsere Smartphones etc. so billig ‚holen‘:

So berichtet die Zeit über eine neue Undercover-Studie in chinesischen Spielzeugfabriken, die für

  • „Disney, Mattel, Lego und Hasbro fertigen… 126 Überstunden pro Monat… Sozialversicherungsbeiträge nicht gezahlt … Arbeiterinnen und Arbeiter … müssten ihre Kinder bei Verwandten auf dem Land zurücklassen … teilweise würden bis zu 15 Arbeiter zum Schlafen in ein Zimmer gepfercht … vorgeschriebene Sicherheitstrainings fehlen … Arbeiterinnen werden laut des Reports häufig beschimpft, sexuell belästigt… [D]ie Initiative [kommt] zu dem Ergebnis, dass sich an den Arbeitsbedingungen [seit dem ersten Bericht von 2001] ‚erschreckenderweise wenig geändert‘ habe“ (Geil 2019).

Der Spiegel ergänzt in dem 2018er Artikel „In der Spielzeughölle“ über das gleiche Thema:

  • „Erst wurde ihr Personalausweis abgenommen, dann unterschrieb sie einen Arbeitsvertrag, in dem zwar das Datum fehlte, sie aber ‚freiwillig‘ Überstunden akzeptierte, um ihren Lohn aufzubessern … Inklusive der Wochenendearbeit kommen Lovable-Arbeiter auf bis zu 104 Überstunden pro Monat. Bei Wah Tung sind es sogar bis zu 175 Mehrarbeit, obwohl das chinesische Arbeitsrecht höchstens 36 Überstunden im Monat erlaubt … Drei von vier Spielsachen, die ein Kind irgendwo in der Welt bekommt, stammen mittlerweile aus China …“ (Klawitter 2018, 72-73).

>> vgl. auch Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen, Aspekt Kreuzfahrten und Ethik: Für eine Handvoll Dollar., S. 292ff.


Selbst in der Fahrradbranche geht es rau zu; die meisten nach Deutschland importierten Fahrradrahmen stammen gemäß einem Zeit-Artikel (2019) von Zacharias Zacharakis aus Kambodscha1:

  • „‚Das Schlimmste ist der ständige Druck durch die Produktionsvorgaben‘, sagt [Sok, ein Schweißer in der Fabrik von A&J]… 50 [Fahrrad-]Rahmen in der Stunde müsse sein Team produzieren, was bei schwierigen Konstruktionen einfach nicht zu schaffen sei. ‚Wenn wir dann nur 30 Rahmen fertig haben, schulden wir der Fabrik noch 20‘, sagt er. Das müsse sein Team nachholen, indem es noch weniger Pausen mache. Oft sei das aber unmöglich. ‚Wir hängen ständig hinterher und haben nicht einmal Zeit, auf die Toilette zu gehen. Das ist Arbeit bis zur totalen Erschöpfung‘, sagt Sok. A&J gewähre am Mittag nur eine 50-minütige Pause.“
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Ganz interessant: „Als eines von 49 Ländern der Welt, die als besonders arm gelten, darf Kambodscha seit 2001 alle Waren – ausgenommen sind nur Waffen – zollfrei in die EU einführen“ (Zacharakis 2019).

>> Dieser Abschnitt erschien zuerst im Blog LebeLieberLangsam.de als „Smartphones sind nicht smart. (Teil 2/2: Der ‚globale Impact‘ von Smartphones)“. Diesem Beitrag ist ein weiterer Beitrag vorgelagert: „Smartphones sind nicht smart. (Teil 1/2: Der ’soziale Impact‘ von Smartphones)“, siehe https://blog.lebelieberlangsam.de/smartphones-sind-nicht-smart-teil-1-2-der-soziale-impact-von-smartphones.

>> Nach Niederschrift dieses Beitrags ist die Kino-Doku Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier herausgekommen. Hier geht es um die ‚Sodom‘ genannte Elektroschrott-Halde in Ghana, auf der rund 6.000 Menschen ‚leben‘, siehe: Weigensamer, Florian u. Krönes, Christian (2018): Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier. Film-Doku.


Quellen des Abschnitts Klimagerechtigkeit ('Climate Justice') - und der 'globale Süden'



Nächster Abschnitt:



Klimagerechtigkeit

Der Begriff ‚Klimagerechtigkeit‘ hat mehrere Bedeutungen bzw. umfasst mehrere Dimensionen. Folgende werden im Folgenden näher beleuchtet:


Wir sind die Fluchtursache, nicht die Afrikaner, die zu uns kommen.“ (Franz Alt)1

Konfliktpotenziale der Klimakrise: Armut, Klimakriege, ‚Natur‘-Katastrophen, Flucht

Zuerst trifft es immer die Armen.

… und da reicht schon eine Missernte.

  • In Deutschland würde in einem solchen Fall die Regierung die entsprechenden Erzeugnisse von außen dazukaufen, also importieren.
    (Das was importiert wird, fehlt evtl. an andere Stelle!)
  • Im gleichen Fall würde sich in sog. Failed States (Staaten mit einer unzureichenden oder gar keiner Grundordnung) die Missernte u.U. umgehend zu einer Hungerkatastrophe ausweiten.


Und derartige Versorgungsengpässe können sich zu einem sog. Klimakrieg ausweiten.

  • Auch „[d]er Krieg in Syrien hat für viele seine Ursache in der Dürreperiode1 [, die laut Rahmstorf ‚wahrscheinlich eine Folge der globalen Erwärmung war‘], die dem Kriegsausbruch vorausging. Sie führte dazu, dass viele Menschen vom Land in die Städte gehen mussten. Statt das mit Hilfeleistungen vor Ort zu verhindern, reagierte das Assad-Regime mit Kürzungen der Unterstützungsleistungen, was die Rebellionsbereitschaft – wir befinden uns in der Zeit der um sich greifenden ‚Arabellion‘ – heftig schürte“ (Welzer 2018, Rahmstorf 2015).

Welzer führt weiter aus, dass der ‚Arabellion‚ „drastisch gestiegene Lebensmittelpreise vorausgegangen [waren], und die hatten wiederum mit Umweltereignissen zu tun“ (ebd.).

  • Die Tatsache, dass klimakrisenbedingte Katastrophen vorrangig die Ärmeren trifft, trifft selbstredend auch in Industrieländern zu: Der Hurrikan Katrina (2015) traf in New Orleans vor allem die ärmere Bevölkerungsteile, die in den niedriggelegeneren Stadtteilen lebte – und bis heute lassen die Wiederaufbaumaßnahmen zu wünschen übrig (vgl. Welzer 2018).

>> vgl. auch die Situation in Jakarta, wo die ärmeren Menschen teils ‚illegal‘ direkt an der Küste wohnen, während die Wohlhabenden in den höher gelegen Regionen leben (vgl. Aders 2018a).2


In der Sahelzone wirkt die Klimakrise wie ein Brandbeschleuniger auf ohnehin bestehende Konflikte in einer ohnehin unwirtlichen Umgebung: Der Spiegel zitiert den nigerianischen Tschadsee-Fischer Nassiru Husseini:

  • „‚Boko Haram3 und der Klimawandel… marschieren Seite an Seite, sie machen sich gegenseitig stärker. Viele Leute treten ihnen bei, weil sie Hunger haben, weil sie arm sind…‘. Die Beweggründe derer, die der Gruppe beitreten… seien immer die gleichen: ‚Armut, Klima, Wut, Geld‘“ (zit. in Schaap 2020, 86).


Es fragt sich, wie reibungslos die Katastrophenhilfe im Falle einer Klimakrise-beförderten ‚Natur‘-Katastrophe abläuft – und welche Bevölkerungsgruppen bzw. Stadtteile die Hilfe zuerst erreicht.

  • In New York City jedenfalls hat das bei den heftigen Wassereinbrüchen in ganze Stadtviertel in Zuge des Hurricane „Sandy“ (2012) für die ärmere Bevölkerung bzw. die ärmeren Stadtviertel so gar nicht geklappt – hier ist u.a. die medizinische Versorgung weitgehend zusammengebrochen (vgl. Klein/Lewis 2015, ab ca. Min 20).


Allgemein wird in den USA immer wieder ‚Umweltrassismus‘ beklagt – so wurden/werden „Sondermülldeponien vor allem in Gegenden gebaut…, in denen die ärmere Bevölkerung und Schwarze, Indigene und Latino lebten… Die Gefahr, in den USA an den Folgen von Luftverschmutzung zu sterben, … [ist] für Schwarze drei Mal höher… [Auch] die Flint-Wasserkrise, [bei der bleiverseuchtes Wasser den Bürger*innen in die Trinkwasserleitungen gepumpt wurde,] traf eine überwiegend schwarze Gemeinden in den USA“ (Dziedzic 2019).4

Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 „Der Nordosten Syriens gehörte zu den landwirtschaftlich ertragreichsten Regionen des Nahen Ostens. Von 2006 bis 2010 herrschte dort jedoch eine der verheerendsten Dürren seit Beginn der Wetteraufzeichnungen… In den letzten 20 Jahren waren die Winter sehr viel trockener als in den 80 Jahren davor“ (Fröhlich 2019).

2 Interessanterweise trifft das auch auf die Situation in Hamburg zu, vgl. Blankenese/Nienstedten >> Veddel/Wilhelmsburg.

3 „Boko Haram ist eine islamistische terroristische Gruppierung im Norden Nigerias, die auch in den Anrainerstaaten Tschad, Niger und Kamerun aktiv ist“ (wikipedia 2020).

4 Im Frühjahr 2020 lag das Risiko für Covid-19-infizierte Afroamerikaner*innen in den USA zu sterben gemäß der demokratischen afroamerikanischen Bürgermeisterin von Chicago, Lorie Lightfoot, sieben Mal höher „als für jede andere Bevölkerungsgruppe“ (Havertz 2020).


Klimaflüchtende

Schon ein verändertes Niederschlagsregime kann grundsätzlich ausreichen, um höchste Not auszulösen:

  • 2017 mussten „allein 900.000 Afrikaner ihren Grund und Boden aufgeben“ (Welzer 2018).1

… womit diese Menschen heimatlos werden und ins nächste Dorf gehen, von dort in die nächste Stadt, von dort in die Hauptstadt oder in eine Stadt im Grenzgebiet des Nachbarlandes in den Slum gehen – das passiert überall in Afrika an den Rändern der Sahelzone – und einige wenige der vielen machen sich dann auf den Weg nach Europa, von denen es manche bis über das Mittelmeer schaffen (vgl. Aders 2018a).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Erhellend ist in diesem Zusammenhang auch die Bemerkung des Ältesten der im Tschad gelegenen Tschadsee-Insel Dabourom, Chief Abdoulayi, demzufolge nicht zu wenig Regen das eigentliche Problem ist, sondern: „Wir wissen nicht mehr, wann wir pflanzen sollen. Der Regen [bzw. das Wetter] ist unberechenbar“ (Schaap 2020, 84).


Der Mitautor des Atlas der Umweltmigration, François Gemenne auf der Klimakonferenz in Bonn 2017 über den Globalen Süden:

  • „‚Das ist die Region der Welt, die am stärksten leidet, es ist eine extrem verletzliche Zone’… Die Auswirkungen seien besonders gravierend, denn ‚dort ist der größte Teil der Weltbevölkerung konzentriert‘“ (Aders 2018b).


Allgemein gilt:

  • Nicht nur global, sondern „[a]uch innerhalb eines Landes sind Menschen unterschiedlich stark von der Klimakrise betroffen. Das gilt auch für ihre Fluchtmöglichkeiten. Während ärmere Anwohner*innen seltener und über kürzere Distanz migrieren, verlassen Wohlhabendere die Region häufiger und ziehen weiter weg“ (Schöningh 2020, 3).

>> Im Umkehrschluss glauben viele Vermögende (insbesondere der Industriestaaten), der Klimakrise weitgehend entkommen zu können. Es mag sein, dass sie sich da ein Weilchen länger als Andere raus lavieren können – aber das Ende der Zivilisation würde sie letztlich genauso treffen. Ihr Geld wird nichts mehr wert sein, ihr Besitz nicht mehr durch einen Rechtsstaat geschützt.


Die Klimaforscherin Friederike Otto hebt indes hervor, dass laut einer im Mai 2017 veröffentlichten Studie der Uni Hamburg und Greenpeace der Klimawandel bislang i.d.R. nicht die alleinige maßgebliche Fluchtursache ist:

  • „Lösten Wetterextreme Naturkatastrophen aus, flohen die Menschen nur dann, wenn auch andere politische und soziale Faktoren mit hineinspielten“ (Otto 2019, 150).


Sicher ist ein sich veränderndes Klima nicht notwendig und stets die alleinige Fluchtursache, aber die grundlegende Feststellung ist, dass die Klimakrise ohnehin bestehende Konflikte, Probleme und strukturelle Ungleichheiten weiter verschärft.


Tatsächlich werden schon jetzt vielen Menschen die Lebensgrundlagen fundamental entzogen:

So ist bspw. in bestimmten Regionen im Polarkreis das althergebracht-traditionelle Leben nicht mehr möglich. So berichtet die Film-Doku ThuleTuvalu (2015)über einen der nördlichsten überhaupt bewohnten Orte namens Thule bzw. Qaanaaq – so der grönländische Name:

  • „Die Phasen, in denen die Jäger von Qaanaaq auf dem Eis jagen können, werden immer kürzer: Vor 15 Jahren [d.h. um das Jahr 2000] gab es noch während neun Monaten stabiles Eis, 2012 waren es nur noch knapp sechs Monate“ (Gunten 2015).


Über die Nordpolarregion nördlich von Spitzbergen und betreffend die russische Halbinsel Jamal hält Fred Langer in einem Multimedia-Dossier, „Der neue Ozean“ getitelt, für Geo fest:

  • „Das Eis, auf dem sich die Robben aufgehalten haben und auf welchen die Jäger sie erbeuten konnten, ist weithin verschwunden. Oder es ist zu dünn für die Hundeschlitten, aber noch zu dick für die Boote…. Und ein neues, gefürchtetes Phänomen bricht mit den steigenden Temperaturen über die Arktis herein: Regen. Der Regen gefriert am Boden und bildet einen Eispanzer, der die ohnehin spärliche Vegetation für die Rentiere unerreichbar macht. Es hab schon Jahre, in denen verhungerten sie zu Zehntausenden“ (2019).


Der SZ-Journalist Alex Rühle berichtet:

  • „[A]n der Westküste Alaskas… zieht gerade das Dorf Newtok um, weil dort … der Permafrost einbricht wie morscher Dielenboden, die Küstenlinie verschiebt sich, die Häuser bekommen Risse, jedes Jahr fällt mehr ins Meer. 187 Inuit-Dörfern droht das gleiche Schicksal… Kabeljau und Schellfisch verlagern ihren Schwerpunkt Jahr für Jahr 160 Kilometer weiter nördlich“ (2020).


Und bzgl. der Koralleninseln wie z.B. Kribati ist festzuhalten:

South Tarawa is a narrow strip of land between the lagoon and the ocean | CC 3.0 by: Government of Kiribati
The central pacific island of Tarawa in Kiribati. | CC 3.0 by: Government of Kiribati

Lange bevor Koralleninseln physisch ‚untergehen‘, sind sie längst unbewohnbar.

  • Eine Koralleninsel ist i.d.R. unbewohnbar ab dem Moment, in dem die Brunnen, die gleichfalls Trinkwasser beinhaltenden Binnenseen und/oder die wenigen Ackerflächen unwiderruflich versalzen sind, sei es durch Überschwemmungen, sei es durch Unterspülung.

    Die klimabedingte Emigration von Südseebewohner*innen hat längst begonnen.

    Z.B. nach Neuseeland oder auch auf das von Kiribati (gesprochen: kir-ah-bahss) erworbene Land auf den Fidschi-Inseln (vgl. Kino-Dokus ThuleTuvalu und Anote’s Ark: Gunten 2015 u. Rytz 2018 u. CBS 2017a).

Exkurs absurd:
Was haben das russische Zarenreich und Kiribati gemeinsam?

Nichts. Sollte man meinen.

Zynisch könnte man sagen: Das eine Reich ist vor 100 Jahren untergegangen, Kiribati (gesprochen: kir-ah-bahss) wird ihm im wahrsten Sinne des Wortes in 30 bis 50 Jahren folgen (vgl. Weltbank 2016). Schon jetzt versalzen die Süßwasserbrunnen und Felder – und noch in diesem Jahrhundert werden die Inseln von der Landkarte verschwunden sein (vgl. Rytz 2018).

Doch tatsächlich wollte im Jahre 2017 der „Vorsitzende der russischen Monarchistenpartei [Anton Bakow] … auf drei der Inseln [des Atolls Kiribati – Malden, Starbuck und Millennium = 64 Quadratkilometer] die Regentschaft der Romanows wiederbeleben – pünktlich zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution. ‚Mein Ziel ist es, [mittels eines entfernten Verwandten von Zar Alexander II.] den Status der Romanow-Dynastie wiederherzustellen, der 1917 verloren gegangen ist‘, sagt der 51-Jährige“ (Welt 2017).

Wie kommt man auf solche Ideen?

Nun, ‚Klimakrise‘ bedeutet weit mehr als einen Temperaturanstieg. Er bedeutet soziale Verwerfungen, Wüstenbildung, Land unter, Kopf in den Sand, der 45. US-Präsident als Bollwerk gegen notwendige Konsumismus-Veränderungen, Klimaflüchtende, Völkerwanderungen, Armut, Abhängigkeiten, Perspektivlosigkeiten, Zukunftsängste, Kriege z.B. um Wasser etc. pp.

Und natürlich wird es immer Nutznießer geben, denen die Not der Anderen nicht unwillkommen ist. Die Regierung von Kiribati hätte einem solchen Vorschlag wie dem obigen mutmaßlich keine drei Minuten zugehört, steckte sie nicht wortwörtlich in einem Überlebenskampf für ihre Bevölkerung, ihr Land, ihre Kultur und ihre Identität.


Anote Tong, ehemaliger Präsident von Kribati, 2012:
„In Kiribati sprechen wir nicht über Wirtschaftswachstum oder über Lebensniveau. Bei uns geht es ums Überleben.“ (zit. in Klimaretter 2012)


Doch ‚Ertrinkende‘ müssen bekanntlich nach jedem Strohhalm greifen. Wenn nun also jemand einem klitzekleinen und bedrohten Staat 120 Mio US-Dollar für drei kleine unbewohnte Inseln bietet (von der eine der Inseln eher ungastlich ist, nachdem sie in den 1950ern durch die Kolonialmacht Großbritannien mit drei Wasserstoffbomben eingedeckt wurde (vgl. wikipedia 2018)) und darüber hinaus 230 Mio US-Dollar an Investments in Aussicht stellt, dann hört man eben länger als drei Minuten zu (Zahlen vgl. Welt 2017).

Zumal niemand in Kiribati so recht weiß, wie es weitergehen soll. Hatte der emsige, weltweit für Klimaschutz und Klimagerechtigkeit eintretende, 2016 abgetretene Präsident Anote Tong noch zwecks künftiger Umsiedelungen Land auf den Fidschi-Inseln gekauft, träumt der amtierende Präsident Taneti Mamau von einem neuen Dubai mit aufgeschütteten Inseln mit Ressorts für 5-Sterne-Touristen (vgl. CBS 2017b).

Nun, die Auferstehung des Zarenreiches wird nicht in Kiribati stattfinden – der Vorschlag wurde letztlich abgelehnt (Radio NZ 2017) – man will offensichtlich etwas ähnliches, nur ohne Zar, mit anderen Partnern durchziehen.

Wohin nun also mit der Monarchie? Zuverlässige Quellen besagen, das im südlichen Teil der Erde bald ein ganzer Kontinent freischmelzen wird. Die Temperaturen dürften durchaus denen Sibiriens ähneln… Ideal.

>> Empfehlung: Rytz, Matthieu (2018): Anote’s Ark. (deutscher schlechtgewählter Verleihtitel: Weltuntergang – Wie Kiribati im Meer versinkt), siehe http://www.anotesark.com/ (Abrufdatum 5.10.2018)

Zurück zum Befund, dass die klimabedingte Emigration von Südseebewohner*innen längst begonnen hat:


Und selbst wenn Klima zurzeit noch nicht die Hauptursache von forced migration ist, sind mehr Flüchtende auf der Welt unterwegs denn je – und das hängt zumindest auch mit Umwelt- und Klimafragen zusammen:

  • „Ende 2018 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei 70,8 Millionen. Im Vergleich dazu waren es Ende 2016 65,6 Millionen Menschen. … 84 Prozent der Flüchtlinge leben nach wie vor in Entwicklungsländern“ (UNHCR 2019).

Wichtig ist, hervorzuheben, dass wir Menschen in Europa von den meisten Flüchtenden derzeit schlicht nichts mitbekommen.

Ein prägnantes Beispiel für unsere Unkenntnis bietet dafür das Schicksal der Nomadenvölker im Himalaya, das der Dokumentarfilm Der zerbrochene Mond aus dem Jahr 2010 (!) beleuchtet.

Hier wird hervorgehoben, dass

  • Haut- und Augenkrankheiten unter den Bedingungen der Erderwärmung inkl. verändertem Sonnen- und (Nicht-)Niederschlagsregime zunehmen,
  • die unwirtlichen Lebensbedingungen durch forcierte Trockenheit nunmehr lebensfeindlich sind (u.a. weil die Tiere kein Weideland mehr vorfinden) und demzufolge
  • schon 2010 (!) mehr als 80% der Nomaden ihr traditionelles Leben hinter sich gelassen haben, in die Städte gegangen sind und dort als Flüchtende i.d.R. ein Schattendasein am Straßenrand führen (Rangel/Negrão 2010).
  • „3 Milliarden Menschen, rund 40% der Weltbevölkerung hängen von den [oft als ‚Wasserturm Asiens‘ bezeichneten] Gletschern und Flüssen des Himalajas als Nahrungslieferant ab… 1,9 Milliarden Menschen, die im Flusseinzugsgebiet des Himalajagebirges leben, profitieren von seinen Ressourcen wie Wasser“ (Gonstalla 2019, 69, vgl. Mihatsch 2017 u. Eichhorn 2019, 12).
    • Der Ganges hat seine Quellen: im Himalaya
    • Der Indus – der größte Fluss des indischen Subkontinents – hat seine Quellen: im Himalaya


Der Dalai Lama:

  • „Das Hochland von Tibet ist nunmal das größte Wasserreservoir der Welt. Dort entspringen die zehngrößten Flüsse Asien, darunter Ganges, Brahmaputra, Indus, Suthej, Irrawaddy, Salween, Gelber Fluss, Yangtse und Mekong. An deren Ufern lebt ein Fünftel der Weltbevölkerung. Ohne Wasser gibt es kein Leben“ (zit. in Alt 2020, 45).

Maxton erwähnt, dass

  • „[i]n Indien … 2019 über 600 Millionen Menschen unter der anhaltenden Dürre [litten], mehreren Städten ging das Wasser aus. In den frühen 2020er-Jahren werden über 20 indische Städte kein Grundwasser mehr haben, unter anderem Chennai und die Hauptstadt Neu-Dehli. Im Jahr 2030 werden 40 Prozent der indischen Bevölkerung komplett ohne Wasserversorgung sein“ (2020, 38).

Diese Zahlen kommen zustande, obwohl der Himalaya zu dieser Zeit noch Gletscherwasser liefert. Hier bahnt sich eine menschengemachte Tragödie an.


Auch von sog. Binnenflüchtenden erfahren wir i.d.R. nur, wenn sich in der betreffenden Region sich die Situation zur medial wahrgenommenen Katastrophe auswächst:

Kolumbien – 7,8 Mio | Syrien – 6,2 Mio | DR Congo – 5 Mio | Äthiopien – 2,6 Mio | Somalia – 2,6 Mio (vgl. UNHCR 2019)

Das Internal Displacement Monitoring Centre (iDMC) summiert mit Stand 31.12.2019 die Zahl der Binnenflüchtenden auf 50,8 Mio Menschen, davon flohen 5,1 Mio aufgrund von Naturkatastrophen:

  • „There were 50.8 million internally displaced people across the world at the end of 2019, 45.7 million as a result of conflict and violence, and 5.1 million as a result of disasters [in 95 countries]. The latter is the first ever global estimate for disasters.“ (iDMC 2020)


Apropos Binnenflüchtende: Benjamin Schraven vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik hält fest:

  • „Eine Formel ‚Je mehr Klimawandel, desto mehr Migration‘ lässt sich … nicht so einfach aufstellen, weil für viele Menschen in den Entwicklungsländern Afrikas, Asiens oder Lateinamerikas nicht Migration die schlimmste Folge der Erderwärmung ist, sondern das Gegenteil davon: Immobilität. [Die am meisten Betroffenen sind die Ärmsten der Armen: Vielen fehlen] die notwendigen Ressourcen …, um überhaupt irgendwohin migrieren zu können. Aber auch der Klimawandel kann ihnen diese Ressourcen rauben … [Man spricht von] gefangenen Bevölkerungsgruppen… Etwas überspitzt und zynisch ausgedrückt: Wer vor Klimafolgen fliehen muss, kommt meist nicht weit“ (Schraven 2020).

>> Sehr empfehlenswert: Schraven, Benjamin (2020): „Migration und Klimawandel: ‚Wer vor Klimafolgen fliehen muss, kommt meist nicht weit‘“. in: Süddeutsche Zeitung, 16.9.2020, online unter https://www.zeit.de/wissen/umwelt/2020-09/migration-klimawandel-studie-benjamin-schraven-fluechtlinge-klimaflucht (Abrufdatum 28.9.2020)


Der deutsche Klimaschutzbericht 2018 prognostiziert, dass die Bedeutung des Faktors ‚Klimakrise‘ als maßgebliche Fluchtursache künftig weiter und deutlich zunehmen wird:

  • „Die mit dem Klimawandel einhergehenden Veränderungen bedrohen mit Extremwetterereignissen wie Dürren, Überschwemmungen, Stürmen und Hitzewellen heute schon ganze Regionen und werden künftig voraussichtlich eine der bedeutendsten Fluchtursachen sein“ (BMU 2018).

Relevant und wichtig ist des Weiteren, dass „[s]chon heute [… in den Küstenregionen] laut dem [IPCC-Sonder-]Bericht 680 Millionen Menschen [leben]; bis 2050 dürfte es mehr als eine Milliarde sein. Hinzu kommen 65 Millionen Menschen, die in kleinen, ärmeren Inselstaaten leben“ (Weiß 2019).

  • „Ein Anstieg um nur einen Meter hat gravierende Konsequenzen für große Teile von Bangladesh, das chinesische Perlflussdelta, Jakarta, New York, Miami, London, die Niederlande, Shanghai und viele andere Gebiete“ (Maxton 2018, 36).


Schon 2002 (!) wurde von der UN herausgestellt, dass der Klimawandel für viele Menschen bereits Anfang des 21. Jahrhunderts eine tödliche Klimakatastrophe darstellt:

  • „In der bislang umfassendsten Studie hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) 2002 die Folgen des Klimawandels untersucht, Sie kommt zu dem Ergebnis, dass schon heute [Stand 2002!] jährlich mindestens 150.000 Menschen an den Folgen der globalen Erwärmung sterben. Die meisten Opfer sind in Entwicklungsländern zu beklagen und sterben an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Durchfall, Malaria und anderen Infektionen oder an Nahrungsmangel“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 77).
  • Klimaforscherin Otto zitiert den Report ‚Heavy Weather‘ für den mit Hilfe der Zuordnungswissenschaft errechnet wurde, wie viele Tote einer Katastrophe statistisch gesehen auf Grund des diese Katastrophe mit bedingenden Klimawandels zuzuschreiben sind: „Durch Hitzewellen in Indien und Pakistan im Jahr 2015 seien zum Beispiel fast 4.000 Menschen ums Leben gekommen – mindestens 2.800 ließen sich dem Klimawandel zuschreiben“ (2019, 162-163).
    • (Otto gibt weiterhin zu bedenken, dass bei Vorbekanntheit solcher Fakten und Risiken „sich ein Staat haftbar …[macht], wenn er sich nicht hinreichend an den Klimawandel und sein Boten, die Extremwetterereignisse, anpasst – also die Schäden und Verluste billigend in Kauf nimmt“ (2019, 163)).
  • Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber ergänzen hier, dass Malaria sich künftig mutmaßlich auf afrikanische Hochlandregionen ausbreiten wird, wo Menschen leben, die gegen den Erreger mangels Kontakt keine Immunität besitzen (vgl. ebd.).


Laut Spiegel prognostiziert „[d]ie Weltgesundheitsorganisation [WHO] … bereits ab 2030 weltweit jedes Jahre 250.000 zusätzliche Todesfälle infolge des Klimawandels, also Gründe führt sie zunehmend Unterernährung, Malaria, Durchfallerkrankungen und Hitzestress an“ (Thelen 2019, 95).

Also quasi demnächst.


Graeme Maxton ist einer der Club of Rome-Ökonomen, die davon ausgehen, dass „[d]ie Weltbevölkerung … nie die 10 oder 11 Milliarden erreichen, die von den Vereinten Nationen einst prognostiziert wurden“ (2020, 47-48): „Die Menschheit wird sich auch bald nicht mehr wegen der 1,2 Milliarden Geburten sorgen müssen, die für die nächsten 10 Jahre erwartet werden, sondern stattdessen um die viele Toten. Wasserknappheit, Überschwemmungen, Brände und Hungersnöte werden in den kommenden Jahren immer mehr Menschen leben fordern“ (ebd., 48).

Wie anders sollte man diesen Befund, der auf Tatenlosigkeit beruht, nennen als einen „schleichenden Genozid“, so wie die FAZ es schon 2006 tat? (vgl. Paoli)


Eine Studie der ETH Zürich hält im Juli 2019 unter Annahme „einer eher konservativen Entwicklung der CO₂-Emissionen“ die für 2050 fest:

  • „‚22 Prozent (der Großstädte) werden sich zu klimatischen Bedingungen hin verschieben, die derzeit in keiner großen Stadt auf dem Planeten herrschen.‘ Zu dieser Gruppe gehören gigantische Städte wie Peking, Jakarta, Seoul, Rangun und Kuala Lumpur. Was passiert, wenn diese Städte unbewohnbar werden, durch Hitzewellen und Flutkatastrophen?“ (Stöcker 2019).


Der/Dem aufmerksamen Leser*in wird nicht entgangen sein, dass sich die hier genannten Prognosen und Zahlen mal mehr, mal weniger widersprechen. Das wird auch nicht besser unter Hinzunahme der Daten aus der Film-Doku Klimafluch und Klimaflucht (2018). Hier wird in den Schlussminuten der Doku Wissenschaftler*innen explizit die Frage gestellt, „[w]ie viele Menschen … bis 2050 zu Klimaflüchtlingen geworden sein“ werden. Die Antworten fallen – sagen wir – bunt aus:

  • Dina Ionesco, International Organization für Migration:

    „Man kann ehrlicherweise nicht sagen, wie viele Menschen zur Migration gezwungen sein werden.“
  • Walter Kälin, Platform on Disaster Displacement PDD:

    „Wir haben bewusst keine Schätzung, weil, was wir vorschlagen, ist, dass wir jetzt alles, was wir tun können, investieren müssen, damit eben Menschen ihr Land nicht verlassen müssen.“
  • Robert Oakes, UN University:

    „Wir wissen, dass jedes Jahr rund 20 Millionen Menschen vertrieben werden. Das gilt für die letzten Jahrzehnte. Dazu kommt der Klimawandel, Bevölkerungswachstum, Entstehung von mehr schutzlosen Menschen. Wir können davon ausgehen, dass diese Zahlen ansteigen werden.“
  • Nina Birkelund, Norwegian Refugee Council:

    „Jedes Jahr fliehen 25 Millionen. Wenn man das hochrechnet kommt man auf, konservativ gerechnet 500 Millionen.“

    Im Vorspann wird sie abweichend davon wie folgt zitiert:

    „Heute sprechen wir von einigen Millionen Flüchtlingen. In Zukunft sprechen wir von Milliarden.“ (Hier meint sie mutmaßlich nicht nur Klimaflüchtende.)

Birkelund rechnet der Autor des Filmes Klimafluch und Klimaflucht, Thomas Aders, zum „Mittelfeld“ – „Und dann gibt es die Pessimisten, zu denen François Gemenne gehört“ (Aders 2018b):

  • François Gemenne, Universität Liège und Sciences Pro sowie Mitautor des Atlas der Umweltmigration:

    „Wenn ich schätzen soll. Meiner Meinung nach werden wir leicht bei einem Fünftel oder einem Viertel der Weltbevölkerung liegen, die Migranten sein werden. Das bedeutet ungefähr zwei bis drei Milliarden Menschen.“

>> Alle Interview-Zitate aus: Aders, Thomas (2018a): Klimafluch und Klimaflucht, 2018, SWR, online unter https://www.youtube.com/watch?v=NvJCFeGxFAI (Abrufdatum 17.8.2020)

  • Die Weltbank geht derweil von 140 Mio Klimaflüchtenden bis 2050 aus (vgl. Tagesspiegel 2018).

Aus einem Entwurf des 2019er-Sonderberichts ‚Ozeane‘ des IPCC geht hervor, dass der

  • „IPCC … bei einer Erderwärmung von höchstens zwei Grad Celsius mit 280 Millionen Flüchtlingen [allein] wegen steigender Meeresspiegel [rechnet]. Selbst wenn die Reduzierung der Erderwärmung auf unter zwei Grad gelingt, gehen die Experten [für das Jahr 2100] noch von 250 Millionen Klimaflüchtlingen aus“ (AFP 2019).
Details: Staatenlos inmitten der Klimakrise

„Staatenlos, das Wort könnte in Zeiten des Klimawandels ganz neue Bedeutung gewinnen“ (Bauchmüller 2018). Staatenlos werden nun nach und nach absehbar viele Klimaflüchtende, allen voran etwa die Bewohner der Koralleninseln wie u.a. von Kiribati, Tuvalu und den Malediven. Vor diesen Hintergründen schlägt der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) einen Klimapass vor: „Der Klimapass sollte zunächst der Bevölkerung kleiner Inselstaaten, deren Staatsgebiet aufgrund des Klimawandels unbewohnbar zu werden droht, Zugang und staatsbürgergleiche Rechte in sicheren Staaten gewähren“ (WGBU 2018). Es geht hier auch um die Rechtsansprüche von Menschen, die durch die Klimakrise geschädigt werden. Und: „Staaten mit erheblicher Verantwortung für den Klimawandel sollten sich als Aufnahmeländer für Personen mit Klimapass zur Verfügung stellen“ (ebd.). Vorbild ist der ‚Nansen-Pass‘, der vom vormaligen Nordpolareisreisenden und späterem Hochkommissar des Völkerbundes für Flüchtlingsfragen, Fritjof Nansen, der dafür mit den Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, entwickelt wurde. Der ‚Nansen Pass‘ sicherte einst hunderttausenden in den Wirren des ersten Weltkrieges staatenlos gewordenen Menschen das Recht auf Einreise und Aufenthalt in über 50 Staaten.


Und eine im Mai 2020 in PNAS erschienene Studie namens Future of the human climate niche verdeutlicht, das künftig Milliarden von Menschen außerhalb derjenigen Klimabedingungen leben werden, unter denen die Menschheit prosperierte, d.h. sie mutmaßlich vor jährlichen Temperaturen fliehen, wie sie heute quasi nirgends herrschen:

  • „Over the coming 50 y[ears], 1 to 3 billion [zu deutsch: Milliarden] people are projected to be left outside the climate conditions that have served humanity well over the past 6,000 y[ears]. Absent climate mitigation or migration, a substantial part of humanity will be exposed to mean annual temperatures warmer than nearly anywhere today“ (Chi Xu et al. 2020).


Nun, keine dieser Aussagen und Schätzungen ist beruhigend. Und die immer wieder gern aufgeworfene Frage, inwieweit es sich bei Flüchtenden um lupenreine Klimaflüchtende handelt oder handeln wird – ist letztlich ohnehin unerheblich, entscheidend wird schlicht die Anzahl von Menschen sein, die aufgrund von diversen, meist Umwelt-bezogenen Gründen ‚ihre Scholle‘ verlassen werden, weil sie es müssen.
Alleine dieser Aspekt mit der mutmaßlich hohen Zahl an künftigen Flüchtenden rechtfertigt m.E. für sich genommen eine massive Hilfe-zur-Selbsthilfe-Entwicklungspolitik ab heuteAus ethischen Gründen – und wer es weniger edel möchte: Aus purer Egozentrik bzw. eurozentristischen Interessen.


Quellen des Abschnitts Konfliktpotenziale der Klimakrise: Armut, Klimakriege,
‚Natur‘-Katastrophen, Flucht



Nächster Abschnitt:



11 Milliarden Menschen

Weltbevölkerungsentwicklung & Ernährung der Weltbevölkerung: Zwei gute Nachrichten inmitten der vielen schlechten.


Ein oft bemühtes, aber dennoch vollkommen falsches Man-kann-ohnehin-nichts-machen-Argument ist das von der
angeblichen Bevölkerungsexplosion. Diese fällt aus.

Gute Nachricht:
Weltbevölkerungsentwicklung

Daten zur Weltbevölkerungsentwicklung, in Generationen gedacht:

  • 1924 1,9 Mrd (1.931.439.861) (Geburtsjahr meines Opas)
  • 1950 2,5 Mrd (2.525.149.312) (Geburtsjahr meiner Mutter)
  • 1971 3,8 Mrd (3.757.734.668) (mein Geburtsjahr)
  • 1998 6,0 Mrd (5.971.882.825) (Geburtsjahr der jungerwachsenen Generation) (vgl. Roser 2019)
  • Aktuell 7,83 Mrd (Stand: 9/2020) (vgl. Countrymeters 2020)1
  • 2050 9,7 Mrd (vgl. Tagesspiegel 2019)
  • 2100 UN-Prognose ca. 11 Mrd – „Die UN geht davon aus, dass sich die Weltbevölkerung im Jahr 2100 zwischen 10 und 12 Milliarden einpendeln wird“ (Rosling 2018, 106).

Eine aktuelle UN-Studie vom Juni 2019 prognostiziert „10,9 Milliarden Menschen im Jahr 2100“ (Stöcker 2019).

Das sind natürlich eine Menge Menschen, aber der entscheidende Punkt ist, dass die Kurve eben NICHT exponentiell nach oben zeigt, sondern sich mehr und mehr abflacht. 

Details: Erläuterungen zu (1)

Der Psychoanalytiker Dietmar Schmeiser ergänzt im Zusammenhang mit dem latenten Wissen, dass unser Leben nicht mehr so weiter gehen kann wie bisher: „Hinzu kommen Milliarden Nutztiere, die Nahrung brauchen und ebenfalls die Natur verschmutzen“ (2020). 


Der Background:

Hans Rosling, Arzt und Experte für internationale Gesundheit, hebt hervor, bis etwa ins Jahr 2000 immer mehr junge Erwachsene (langsam aber sicher) immer weniger Kinder bekommen haben. Zuvor war es nach Rosling so, dass immer größere Eltern-Generationen jeweils viele Kinder zur Welt brachten. Zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren es weltweit im Schnitt fünf Kinder pro Frau – aber: Nach 1965 sank diese Zahl allmählich und überaus deutlich auf knapp 2,5 Kinder. Parallel dazu wurde die gesundheitliche Versorgung extrem verbessert, die Überlebensrate von Kindern stieg stark an – und die Zahl der Menschen, die in extremer Armut leben nahm stark ab (vgl. 2018, 107).

Rosling führt aus:

  • „Die überwiegende Mehrheit der Milliarden Menschen, die ihre extreme Armut hinter sich lassen konnten, entschied sich dafür, weniger Kinder zu haben. Sie benötigten nicht mehr die Großfamilie und die Arbeitskraft zahlreicher Kinder, um die familiäre Landwirtschaft betreiben zu können. Und man brauchte auch keine kinderreiche Familie mehr, um sich gegen die Kindersterblichkeit abzusichern. Männer wie Frauen bekamen Zugang zu Bildung und begannen, besser ausgebildete und besser ernährte Kinder haben zu wollen, und weniger davon zu haben war die offensichtliche Lösung“ (Rosling 2018, 107-108).


Stabiles Niveau der Weltbevölkerung = 2,1 Kinder pro Frau (Stotz 2019)

Von Rosling stark vereinfacht (und hier nochmals simplifiziert) ausgedrückt, leben seit etwa dem Jahr 2000 stets zwei Milliarden Kinder im Alter von 0 bis 15 Jahren auf der Erde. Die UN prognostiziert, dass dies auch im Jahr 2100 so sein wird. Ergebnis: Die Zahl der Kinder steigt nicht mehr an.
Und das bedeutet etwas – vom Mechanismus her – sehr Einfaches:

  • Nachdem einige Generationen lang mit jeder Generation mehr Menschen auf der Erde leben, weil eben jeweils erstmals eine 2-Milliarden-Generation die nächste Alterskohorte erreicht, nivelliert sich dies, wenn die erste 2-Milliarden-Generation aus dem Jahre 2000 die nunmehr älteste Kohorte darstellt, auf 10 Milliarden – d.h. fünf 15-Jahres-Generationen à zwei Milliarden Menschen.

2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
2-Mrd-0-bis-15- Jahre-Kohorte
‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
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‚ersetzt‘
1-Mrd-Kohorte-Senior*innen
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‚ersetzt‘
2-Mrd-Kohorte-Senior*innen
200020152030204520602075
Eigene Darstellung, beruhend auf Gedankengebäude, Daten und Grafik von Rosling 2018, 109


Noch einmal anders ausgedrückt:

  • Fünf 15-Jahres-Generationen lang wird diese Zahl ‚Zwei Mrd Menschen‘ durch die (zuvor nur eine Mrd Menschen umfassenden) Altersklassen weitergereicht, sodass hiermit nach fünf Generationen – etwa im Jahre 2060 – ein Plateau erreicht wird.


Hinzu kommt:

  • Die UN rechnet damit, „dass die Lebenserwartung sich bis zum Jahr 2100 etwa um elf Jahre verlängert haben dürfte, wodurch bis etwa 2075 eine [weitere] Milliarde ältere Menschen hinzukommen…“ (Rosling 2018, 110) – sodass die Weltbevölkerung bei etwa 11 Milliarden Menschen plus/minus eine Milliarde eingepegelt ist.

Hans Rosling:

  • „Es wird erwartet, dass der dramatische Rückgang an Geburten pro Frau sich fortsetzen wird, solange mehr Menschen aus der extremen Armut herausfinden und mehr Frauen Zugang zu Bildung, sexueller Aufklärung und Verhütungsmitteln bekommen. Drastische Maßnahmen sind nicht nötig…. [D]ie globale jährliche Anzahl an Geburten [hat] bereits aufgehört, weiter anzusteigen, was bedeutet, dass die Phase des schnellen Bevölkerungswachstums bald vorbei sein wird. Wir erreichen gerade ‚peak child‘, die maximale Kinderzahl“ (Rosling 2018, 108-109).


Manchmal wird – gerade auch in der Medienberichterstattung – eine Bevölkerungsexplosion das Wort geredet, mit der Begründung, Menschen würden die Verwendung von Verhütungsmitteln z.B. aus religiösen Gründen ablehnen. Rosling bezeichnet derartige Medienberichterstattungen zu besonders kinderreichen Gegenden bzw. zu der Verweigerung von Verhütungsmitteln aus religiösen Gründen als: Ausnahmen (vgl. ebd., 112f.

>> Hier geht es i.d.R. um nicht durchschnittliche Alltagsgeschichten, sondern um das Haschen nach sensationellen Stories, die als ‚exemplarische Argumentation‘ nicht wirklich hilfreich sind, vgl. S. 680.


In diesem Sinne verweist der Demograf Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, darauf, dass der

  • „Iran… den schnellsten Fertilitätsrückgang weltweit erlebt – von 6,5 auf 1,8 Kinder innerhalb einer Generation. Kluge Politik ist unabhängig von der Religionszugehörigkeit“ (Schmundt 2019a, 113).


Im gleichen Zusammenhang weist Rosling darauf hin, dass das Überleben von Kindern durch bessere medizinische Versorgung zu weniger geborenen Kindern führt:

  • „Sobald die Eltern… sehen, dass die Kinder überleben, sobald die Kinder nicht mehr als Arbeitskräfte benötigt werden und sobald Frauen eine gewisse Bildung haben und über Verhütungsmittel Bescheid wissen und Zugang zu diesen haben, werden Männer und Frauen [wie bislang überall auf der Welt] Kultur- und Religions-übergreifend danach streben, weniger, aber dafür gut ausgebildete Kinder zu haben“ (Rosling 2018, 115).

Es könnte laut dem Club of Rome sogar noch besser laufen für die Menschheit:

  • „Eine … Studie von KC und Lutz [aus dem Jahre 2014] schätzt, dass eine bessere Bildung zu einer Milliarde weniger Menschen im Jahr 2050 führen kann, als dies derzeit erwartet wird“ (Weizsäcker et al. 2017, 70-71).

Im Mai 2019 zitiert der Spiegel ein zu einem ähnlichen Ergebnis gelangendes Buch von Darell Bricker und John Ibbitson namens „Empty Planet“ sowie noch eine weitere Studie, deren „Autorenliste … sich [liest] wie ein Who’s who der Demografenbranche“ (Schmundt 2019b, 103).

  • Beide Forscherteams – KC und Lutz sowie Bricker/Ibbitson – kritisieren die UNO-Zahlen als deutlich zu hoch und klagen,
    • dass die UNO dem Faktor ‚Bildung‘ eine zu geringe Berücksichtigung schenke und zudem
    • übersehe, dass „[g]egen Mitte des Jahrhunderts… der [Bevölkerungs-]Schwund [analog zu den Industrienationen]… auch riesige Schwellenländer wie Chile, Indonesien oder Brasilien [erfasst]“ (ebd.).

Einer der Autoren der erstgenannten Studie, Demograf Lutz, geht von dem Weltbevölkerungsmaximum von neun Milliarden Menschen aus und erklärt:

  • „Das Gehirn ist das wichtigste Reproduktionsorgan… Schon wenig Bildung macht einen Unterschied. Wenn Frauen verstehen, dass Kinderkriegen nicht gottgegeben ist, sondern eine bewusste Entscheidung sein kann, ihre Entscheidung, bekommen sie automatisch weniger Kinder. Je besser sie die sozialen und ökonomischen Kosten verstehen, die ein Kind mit sich bringt, desto strategischer planen sie. Teenager-Schwangerschaften werden weniger, Frauen beginnen zu verhüten, und da sie ihrem Nachwichs die besten Chancen ermöglichen wollen, fördern sie lieber wenige Kinder viel als viele Kinder wenig“ (Berbner 2019, 17).


Ein weiterer, auf die Geburtenrate wirkender Faktor ist die Urbanisierung.

  • Bezogen auf die Landflucht im Zeichen der Industrialisierung Europas aber auch auf die heutige Entwicklung hält Bastian Berbner in der Zeit fest:
    • „Auf dem Land waren Kinder hilfreich gewesen. Zwei Hände mehr zum Säen und Ernten. In der Stadt lebten viele Arbeiter in winzigen Wohnungen… Beim Geldverdienen konnten Kinder kaum helfen, essen mussten sie aber trotzdem“ (ebd., 16).


Die Urbanisierung schreitet fort:

  • „Keine Region der Welt wird sich laut Prognosen der Vereinten Nationen schneller urbanisieren als Afrika“ (ebd., 16).
Rosling, Hans (2014): „Will saving poor children lead to overpopulation?“ in: Gapminder Foundation, 20.1.2014, online unter https://youtu.be/BkSO9pOVpRM (Abrufdatum 15.11.2019)


Zurück zu Hans Rosling, der wie oben ausgeführt zeigt, dass das Überleben von Kindern durch bessere medizinische Versorgung zu weniger geborenen Kindern führt. Im Ergebnis reduziert die medizinisch ermöglichte Überlebensrate von Kindern sogar das globale Bevölkerungswachstum:

  • „Die einzige Methode, die sich bei der Reduzierung des Bevölkerungswachstums bewährt hat, besteht darin, extreme Armut zu beseitigen und den Menschen ein besseres Leben, einschließlich Zugang zu Bildung und Verhütungsmitteln, zu ermöglichen. Überall auf der Welt haben Eltern dann für sich selbst beschlossen, weniger Kinder zu bekommen. Aber dieser Wandel trat nie ein, wenn es nicht gelang, die Kindersterblichkeit zu senken“ (Rosling 2018, 115).


Nun, diese einfache und m.E. naheliegende Methode hätte auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts funktioniert. Mit etwas mehr Weitsicht, relativ wenig Geld und durch Vermeidung einer (neo-)kolonialistische Politik hätte man die Kurve der Weltbevölkerungszunahme deutlich flacher halten können, was natürlich viele weitere Weltprobleme – darunter die hier analysierte Zwillingskrise – positiv beeinflusst hätte. Ein weiterer Grund, weshalb man dem 20. Jahrhundert nicht nachtrauern sollte.


In diesem Sinne stellt auch Reiner Klingholz fest:

  • Wer die Kindersterblichkeit senkt, „[w]er in Gesundheit, Bildung und Jobs investiert, wer darüber hinaus die Familienplanung unterstützt und sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzt, kann gar nicht verhindern das der Wohlstand wächst und die Geburtenziffer sinkt“  (Schmundt 2019, 112).
    • „Staatlicher Zwang [wie bei der Ein-Kind-Politik Chinas] ist weder erstrebenswert noch nötig.
    • Thailand hat den gleichen Geburtenrückgang wie China erlebt – ohne Zwangsmaßnahmen. In Thailand haben sich drei Instrumente bewährt…: Gesundheitsversorgung, Bildung und Jobs“ (ebd.).

>> Anmerkung: Zu Zeiten der Ein-Kind-Politik hat die Chinesin Yanghua Wu vier Kinder bekommen, weil sie sie wollte. Weil sie sich seinerzeit der Zwangsabtreibung entzieht, „plündern [die Beamten]… das Haus …[,] zertrampeln die wenigen Besitztümer der Familie“ und belegen die Familie mit exorbitanten Geldstrafen und absurden Zahlungsfristen (24h), siehe: Jin, Justin (2018): „Eine Frau, vier Kinder. Ein Traum“. in: Geo Perspektive 2018, S. 22ff.


So gelingt gemäß Reiner Klingholz der sog. ‚demografische Übergang‘:

  • „Der demografische Übergang ist die einzige Theorie, welche die sozio-ökonomische Entwicklung sämtlicher Länder weltweit erklärt – von Deutschland bis Dschibuti. Grob vereinfacht beschreibt das Modell die Entwicklung von einer bäuerlich geprägten Gesellschaft mit vielen Kindern und hoher Sterblichkeit zu einer Gesellschaft mit geringen Kinderzahlen, hoher Bildung, Wohlstand und hoher Lebenserwartung“ (Schmundt 2019, 113).
  • „In Südkorea kommen all die Effekte, die zu einem Rückgang der Bevölkerung führen, wie unter einem Brennglas zusammen. Bildungshunger. Aufstiegslust. Urbanisierung. Teure Wohnungen. Wohlstandsegoismus. Südkorea ist die extreme Ausprägung eines Effekts, der sich inzwischen fast überall auf der Welt zeigt.“


Interessanterweise funktioniert es i.d.R. nicht, die über o.g. Werte geprägte Bevölkerung angesichts der drohenden Überalterung und Unterbevölkerung dazu zu bringen, wieder mehr Kinder zu bekommen.

>> vgl. Beispiele bei Berbner wie u.a. der „‚National Night’…, in der Paare [in Singapur] Sex haben sollen“

  • „‚Jetzt müsste sich das Land strategisch verkleinern‘, sagt … [der Demograf Lee Sang Lim]. ‚Aber das haben wir nicht gelernt…. Südkorea ist der Testballon für andere. Leider sieht es im Moment so aus, als werde er platzen.‘“ Und: „Diese Gesellschaft wird zerstört werden“ (Berbner 2019, 17).
  • „In einige Regionen wird es … noch [Bevölkerungs-]Wachstum geben, während die meisten Gesellschaften schon mit der Alterung kämpfen. Spätestens dann dürfte der Wettbewerb um Einwanderer einsetzen. Um die letzten jungen Leute. Sie werden aus Afrika kommen… – zumindest für einige Jahrzehnte. Bis auch Afrika schrumpft“ (ebd.).

>> In anderen Worten beschreibt auch Patrick Stotz im Spiegel die hier skizzierte globale Bevölkerungsentwicklung, siehe
> Stotz, Patrick (2019): „Globale Bevölkerungsentwicklung Ist die Welt bald zu voll?“. in: Der Spiegel, 13.11.2019, online unter https://www.spiegel.de/gesundheit/schwangerschaft/warum-waechst-die-weltbevoelkerung-bei-sinkender-geburtenquote-a-1292974.html (Abrufdatum 14.11.2019)


Diese in den voranstehenden Absätzen aufgestellte Bevölkerungsentwicklungs-Rechnung funktioniert selbstredend nur, wenn künftig allen Menschen neben o.g. Rahmenbedingungen weiterhin (noch mehr) moderne Verhütungsmittel zur Verfügung stehen:

  • Dies wird bedauerlicherweise derzeit von den USA sabotiert, die noch 2015 viertgrößter Geldgeber (75 Mio US-$) für UNFPA, dem Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen, dessen Aufgabe es ist, „sicherzustellen, dass jede Schwangerschaft erwünscht ist, jede Geburt sicher und das Potenzial jedes Kindes erfüllt wird“ (NZZ 2017), waren und 2017 unter dem 45. US-Präsident die Gelder komplett strichen (vgl. auch Welt 2017).

Wie dramatisch diese Kürzung ist, verdeutlicht dieses Statement:

  • „Meeting the unmet need for modern contraception of women aged 15-19 would reduce unintended pregnancies among this age-group by 6.0 million annually. That would mean averting 2.1 million unplanned births, 3.2 million abortions and 5.600 maternal deaths“ (Darooch et al. 2016).

Bevölkerungsentwicklung und Klimakrise

Die vorgenannten Ausführungen zum Thema ‚Geburtenrate‘ bzw. ‚Weltbevölkerungsentwicklung‘ erweiternd ist herauszustellen, dass die Geburtenrate im Südsudan oder sonst wo im Globalen Süden nicht das Grundproblem unserer Welt ist.

Franziska Bulban fasst das treffend wie folgt zusammen:

  • „[D]ie Tatsache, dass die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, kann man nicht Menschen in Südsudan unterschieben.1
    • Wenn wir alle wie sie lebten, kämen wir mit unseren Ressourcen aus … – hätten aber auch oftmals keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, Elektrizität oder Bildung.
    • Wenn hingegen alle auf der Welt ungefähr so lebten wie Menschen in Deutschland, wäre es um die Welt schlechter bestellt. Mit meinem Verbrauch (mittelgroße Wohnung in Hamburg, Fahrrad, eine große Urlaubsreise pro Jahr und etwa vier paar Schuhe) bräuchte es beispielsweise schon drei Erden… [vgl. Aspekt Earth Overshoot Day, S. 450f.]
  • Wenn es also darum geht, die Zahl an Menschen zu reduzieren, um den Planeten zu retten, dann hätten weniger Menschen in Industrienationen den größten Einfluss auf die Rettung der Welt“ (Bulban 2019).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Stefan Lessenich weist daher überaus treffend darauf hin, dass wir Industrienationler*innen keineswegs über unsere Verhältnisse leben: „Wir leben über die Verhältnisse der anderen“ (2018, Buchrücken).


Im Gleichklang damit konstatiert auch Bastian Berbner:

  • „Sollte die Welt daran scheitern, den Klimawandel zu stoppen, dann wird das nicht an den zusätzlichen Menschen im Niger liegen, sondern daran, dass die Industrieländer es nicht schaffen, rechtzeitig ihre Emissionen zu senken“ (2019, 16).


Franz Alt wählt ein anderes Beispiel:

  • „Allein im deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen werden mehr Autos gefahren als in allen 56 afrikanischen Ländern zusammen. Das Problem sind wir, nicht die Afrikaner oder die Inder“ (2020b).

Drastischer formuliert es Graeme Maxton:

  • „Ein Kind, das heute in Europa oder Nordamerika geboren wird, belastet die Umwelt um ein Dreißigfaches mehr als ein Kind, das in einem armen Land zur Welt kommt“ (2018, 67).


Womit der Autor dieses Handbuches nicht dem Antinatilismus das Wort reden möchte, sondern nur klarstellt, dass das entsprechende Vorurteil ‚Bevölkerungsexplosion im Globalen Süden aus religiösen Gründen‘ eben nur das ist, was es ist: Ein Ablenkungsmanöver, eine billige Ausrede.



„Unser größtes Problem ist die nicht übergroße Anzahl an Menschen, sondern unser Mangel an Menschlichkeit.“ (Franz Alt 2020a)

Eine zweite gute Nachricht:
Ernährung der Weltbevölkerung

Auch die prognostizierten 11 Milliarden Menschen können dauerhaft (und zwar selbstredend besser und zuverlässiger als die Menschheit derzeit) ernährt werden, indem der Fokus auf pflanzliche Ernährung gelegt wird. Das ergibt sich ganz simpel aus der Tatsache, dass zurzeit extrem große Ackerflächen für Massentierhaltung und die entsprechende Tiernahrung genutzt werden – etwa 80% (vgl. S. 621).

>> vgl. Aspekt Planetary Health Diet, S. 188


Umgekehrt funktioniert eine ‚Fleisch für alle‘-Taktik definitiv nicht:

  • „Weltweit steigt die Nachfrage nach Agrarprodukten. Die UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft spricht von 60 Prozent bis 2050. Damit einher gehe eine Ausweitung der Agrarflächen – abhängig von den zunehmenden Erträgen pro Hektar – um bis zu 100 Millionen Hektar. Diese Entwicklung muss aber nicht so kommen. Wenn in Industrieländern weniger Fleisch gegessen wird und Agrarprodukte nicht weiter als Treibstoff verwendet werden, könnte das den Druck auf die Flächen entscheidend verringern“ (Chemnitz 2020, 15).


Die 2016er Studie Human appropriation of land for food: The role of diet, die in den IPCC-Sonderbericht Climate Change and Land aufgenommen wurde, stellt heraus, dass

  • nur die Hälfte der aktuellen Felder benötigt würden, wenn alle Menschen sich so ernähren würden wie die Bürger*innen Indiens – und
  • nahezu die dreifache Menge an Feldern, wenn die Menschheit die Essgewohnheiten der US-Amerikaner*innen übernehmen würden (vgl. Alexander et al. 2016 u. Mast 2019).


So wird es auch in der 2015er Film-Doku Cowspiracy dargestellt. Auf der Facts-Webpage zum Film finden sich folgende Zahlen:

  • „1.5 acres can produce 37,000 pounds of plant-based food.“
  • „1.5 acres can produce 375 pounds of beef.“
    und:
  • „15x more protein on any given area of land with plants, rather than cows“ (Kip/Kuhn 2015).
  • Monokulturen für Tierfutter machen „inzwischen fast 40 Prozent der globalen Ackerfläche [aus]… Nur zwei Drittel der globalen Pflanzenernte wird als Lebensmittel genutzt; knapp ein Viertel wird zu Tierfutter und knapp ein Zehntel zu Agrotreibstoff“ (Scheub/Schwarzer 2017, 56).
  • „[T]äglich werden pro Kopf etwa 4.600 Kalorien produziert, doppelt so viel wie nötig“ (ebd., 57).

Auch die Zeit konstatiert:

„Schon heute wird genug Nahrung für elf Milliarden Menschen produziert.“ (Berbner 2019, 16)


Wir sind aber ‚nur‘ 7,83 Mrd Menschen (vgl. S. 613), haben genug Nahrungsmittel für 11 Mrd und bekommen es trotzdem nicht hin, alle Menschen satt zu bekommen. Rund 800 Mio Menschen gelten als chronisch unterernährt, d.h. hungern1.

Wie deprimierend ist das denn?

> 800 Mio Menschen = mehr als 1/10 der Menschheit.
> Jeder zehnte Mensch hat nicht genug zu essen.
> 10% der Menschen hungern.
> 10 von 100 Menschen sind dauerhaft hungrig.


Details: Erläuterungen zu (1)

1 vgl. Gonstalla 2019, 96. Lesch/Kamphausen nennen die Zahl 815 Mio hungernde Menschen 2016, vgl. 2018, 303. Über 2019 schätzt die FAO: „Insgesamt litten 2019 fast 9 Prozent der Menschen, rund 690 Millionen, dauerhaft Hunger, insgesamt rund 2 Milliarden zumindest zeitweise. Für 1 weitere Milliarde Menschen ist gesundes Essen unbezahlbar, sie kommen gerade so über die Runden. Übrigens leben laut FAO auch in Deutschland 600.000 Menschen, die ernste Schwierigkeiten haben, sich genug Nahrung zu leisten“ (Arzt 2020, 8). „[D]er ökonomische Einbruch durch Covid-19 treibe global 83 bis 132 Millionen Menschen zusätzlich in die Unterernährung“ (ebd.).


Es ist folglich definitiv ein Verteilungsproblem und betrifft die Art der tierischen Ernährung. Und ein Problem des Willens derjenigen, die zu viel haben bzw. ein systemisches Problem des neoliberalen Kapitalismus‘. Aber: Ein Mengen-Problem ist es nicht.

  • „Allein die 300 Millionen Tonnen Nahrungsmittel, die jährlich in den Industrienationen weggeworfen und vernichtet werden, würden ausreichen alle hungernden Menschen mit ausreichend Nahrung zu versorgen“ (Lesch/Kamphausen 2018, 304).


Was anhand obiger Zahlen ebenfalls nochmals deutlich wird, ist:

Und so viele Menschen zu ernähren, geht – anders als Agrarlobbyisten es predigen, weil es ihr Job ist – hervorragend ohne westlich-industrielle Landwirtschaft und Gentechnik.

  • Das wird täglich dadurch bewiesen, dass wir jetzt schon genug Lebensmittel für 11 Mrd Menschen haben, obwohl 80% der Äcker in irgendeiner Form für Massentierhaltung statt für die sachgerechte Ernährung aller Menschen genutzt werden.
  • Des Weiteren leisten wir es uns in Deutschland, 30 bis 40 Prozent aller Lebensmittel im Müll landen zu lassen:

    „In Deutschland sind es pro Jahr knapp sieben Millionen Tonnen. Landwirte, Handel, Gastronomie und Haushalte vernichten damit zusammen jährlich größtenteils noch genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro… Weltweit kostet der Nahrungsmittelmüll jährlich rund 400 Milliarden Dollar“ (Kopatz 2016, 110).

>> All diese weggeschmissenen Lebensmittel kosten Ressourcen und verursachen Treibhausgase.


Und es muss auch so sein, dass es ohne industrielle Landwirtschaft geht, denn industrielle Landwirtschaft laugt die Böden aus, wie der Co-Präsident des Club of Rome (bis 2018) Ernst Ulrich von Weizsäcker explizit herausstellt:

  • „Die intensive Bewirtschaftung durch Monokulturen laugt die Böden aus, sodass sie nur noch in geringem Umfang CO₂ aufnehmen können. Dabei sind gesunde Böden einer der größten Absorbierer von CO₂, das wiederum ihre Fruchtbarkeit stärkt“ (zit. in Ruppel 2017).

>> siehe ausführlich Abschnitt Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft, S. 567, Aspekt Nur regenerative Agrarkultur ernährt den Planeten, S. 569f.


Daneben verunreinigt der Einsatz von Kunstdünger bzw. Fäkalien das Trinkwasser mit Nitrat.

>> vgl. Abschnitt Nitratbelastung des Trinkwassers, S. 591f.

  • Industrielle Landwirtschaft bedeutet nicht weniger als das, dass wir an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen.

>> Der Biologe und Philosoph Andreas Weber weist bzgl. des „am eigenen Ast sägen“-Bildes darauf hin, dass wir eben nicht nur jenen Ast absägen, auf dem wir sitzen. Im Sinne des Postulats dieses Handbuches „Wir sind Erde“ (S. 46 u. 699) schreibt er: „Wir sägen des Ast ab, der wir sind“ (2020, 22).


Zu dem Aspekt ‚industrielle Landwirtschaft löst das Problem nicht‘ meint der Agrarökologe Nick Green:

„Im Moment ernähren Kleinbauern mit Familienbetrieben die Welt.

Äußerst produktive Kleinstbetriebe liefern weltweit den Hauptanteil der Nahrung. Von industriellen Betrieben kommt nur ein Bruchteil. Was die Produktion angeht, sind industrielle Betriebe total ineffizient. Sie sind gut darin, Geld zu machen. Und schlechten darin, Nahrung anzubauen. Wenn die Leute selbst das Land besitzen, produzieren sie viel mehr.“

  • „Es stimmt nicht, dass nur industrielle Landwirtschaft die Welt ernähren kann. … Es ist ein Märchen, das uns die Chemieindustrie, die Hersteller landwirtschaftlicher Geräte und die Banken erzählen müssen, damit sie selbst überleben. Aber es ist nicht wahr. Es ist gelogen.“
  • (Laurent/Dion 2016, ab Minute 19:36)


‚Goliath‘ erzeugt etwa 30% der globalen Lebensmittel. David ca. 70%.
(vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 14)

  • „Die Mehrheit der ‚Davids‘ ist übrigens weiblich“ (Scheub/Schwarzer 2017, 16) –

Mit anderen Worten: Die Förderung einer bodenbewahrenden Agrarkultur bedeutet auch einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zu Parität, Freiheit und Selbstbestimmung von Frauen.

>> s.a. Abschnitt Klima, Ökofeminismus und Parität, S. 423, Aspekt Frauen sind von der Klimakrise stärker betroffen als Männer, S. 423.

Ohne Fisch wird's düster.
Ohne Fisch wird’s düster.

Vor dem Hintergrund, dass die Böden degradieren stellt der zweite Vorsitzende des Weltagrarberichts (IAASTD), Hans Herren:

  • „Ob Bio die Welt ernähren kann, ist nicht die Frage. Bio muss die Welt ernähren“ (Lesch/Kamphausen 2018, 308).

Hilfreich wäre es indes, die Ozeane am Leben zu lassen – möglichst mit Fischen darin:

„Das Meer ist noch immer die größte Nahrungsquelle der Welt, auf die mehr als eine Milliarde Menschen direkt angewiesen sind.“ (Jarchau et al. 2019)

Ohne Fisch wird’s düster.


Fazit und Schlussgedanke zum Abschnitt 11 Milliarden Menschen

Die Bevölkerungsentwicklung pendelt sich also – so es zu keiner großen Klimakatastrophe kommt – bei 11 Milliarden Menschen ein. Das ist eine gute Nachricht – und eine wichtige Nachricht, weil sie ein ‚Allgemeinnichtwissen‘ korrigiert. Noch eine bessere Nachricht ist, dass wir – sofern es zu keinem katastrophalen Klimawandel kommt und wir die bodenbewahrende Agrarkultur fördern, diese Menschen auch ernähren können.

  • Diese beiden an sich guten Nachrichten sollten aber nicht dahin wegtäuschen, dass 11 Milliarden Menschen auf dem Planeten „ohne aktive Emissionsreduktion … zu einer Treibhausgaskonzentration von 1370 ppm führen (RCP 8.5) [würde]“ (Gonstalla 2019, 31), – was unweigerlich und deutlich vor 2100 zur Katastrophe führen würde.
Details: Erläuterungen zu IPCC-Szenarien wie z.B. RCP 8.5

Der IPCC zeichnet in seinen Berichten Szenarien, wie es im Falle einer deutlichen CO2-Reduktion, wie es bei einem ‚Weiter so‘ und wie es bei einer noch größeren Emittierung von CO2 auf dem Planeten aussehen würde. Seit dem fünften IPCC-Bericht verwendet man die sog. repräsentativen Konzentrationspfade (RCPs). Die Zahl hinter RCP steht für die Energie, die im Treibhaus ‚Erde‘ überschüssig verbleibt (vgl. Fußnote auf S. 53). Im Falle des pessimistischen RCP 8.5 würden also gegenüber einer ausgeglichenen Energiebilanz 8,5 W/m2 für eine starke Aufheizung des Planeten sorgen, siehe dazu eine Szenario-Beschreibung des Deutschen Klimarechenzentrums https://www.dkrz.de/kommunikation/klimasimulationen/de-cmip5-ipcc-ar5/ergebnisse/meereis/rcp8.5 (Abrufdatum 17.8.2020).

>> vgl. Abschnitt Eckdaten: °C, CO₂ & Co, Aspekt CO₂-Gehalt der Atmosphäre, S. 49f..

  • Direkt daran anknüpfend ist festzuhalten, dass man davon ausgeht, „dass ein Temperaturanstieg von nur vier Grad die Ernteerträge um ganze 60 Prozent reduzieren könnte“ (Wallace-Wells 2019, 262).

Würden die beiden letztgenannten Punkte Realität, wird es keine 11 Milliarden Menschen auf dem Planeten geben (können).

  • In diesem Fall schätzt Maxton, dass „[d]ie Weltbevölkerung … nie die 10 oder 11 Milliarden erreichen [wird], die von den Vereinten Nationen einst prognostiziert wurden“;
  • Rahmstorf weist ähnlich wie Maxton darauf hin, dass viele Kolleg*innen davon ausgehen, dass „wir niemals auf vier Grad Erwärmung kommen würden, weil uns vorher die Wirtschaft zusammenbricht und die Welt in Konflikten versinken würde“;
  • Schellnhuber nennt die Zahl „Eine Milliarde Überlebende“;
  • Welzer vermutet: „Eine Milliarde Menschen vielleicht. Eher weniger“ – und
  • andere Forscher*innen sprechen von einer Weltbevölkerung von nur 500 Millionen.

>> Zahlen stammen aus Abschnitt Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheider*innengeneration – in Deutschland, S. 114, Abschnitt Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen?, S. 216 sowie Abschnitt Konfliktpotenziale der Klimakrise: Armut, Klimakriege, ‚Natur‘-Katastrophen, Flucht, S. 632.


Quellen des Abschnitts 11 Milliarden Menschen



Nächster Abschnitt:



Landwirtschaft

>> Der Abschnitt Landwirtschaft ist der bodenbewahrenden Agrarkultur gewidmet inkl. der Aspekte Gülle, Stickstoffe, sauberes Trinkwasser, globale Landwirtschaft.
>> Die weiteren Aspekte der Massentierhaltung finden sich im Abschnitt Fleisch, Fisch & Ernährung.


Bodenbewahrende Landwirtschaft

Inhalt:


„[J]eder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Arbeiter, sondern zugleich in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fortschritt in Steigerung seiner Fruchtbarkeit für eine gegebene Zeitfrist zugleich ein Fortschritt im Ruin der dauernden Quellen dieser Fruchtbarkeit.“
Karl Marx

Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft

Die konventionelle industrielle Landwirtschaft hat weltweit einen Anteil von etwa 25-30% an den CO2e-Emissionen (vgl. Gonstalla 2019, 54), maßgeblich über (die in CO2e umgerechneten) Methan- und Lachgasemissionen.

Und:

  • „Ein Drittel aller Agrarflächen ist von Bodendegration betroffen, das heißt ihre Ökosystemfunktionen sind eingeschränkt, bis hin zum vollständigen Verlust“ (ebd.).
  • „24 Milliarden Tonnen fruchtbaren Bodens gehen jährlich verloren“ (Hartmann 2018, 17).


Vorweg:

  • „Als wichtigsten Faktor des Artensterbens benennt der [2019er] Bericht [des Weltbiodiversitätsrats (IPBES)] die Auswirkungen durch die Landwirtschaft… [Einer der Leitautoren des Berichts, Josef Settele, hebt hervor:] Auch wenn die Landwirtschaft als Hauptverursacher beschrieben sei, sollten sich Bauern nicht als Buhmann fühlen. ‚Sie werden durch die Subventionen behindert oder gar bestraft‘, wenn sie umweltfreundlich wirtschafteten. Das gelte es zu ändern“ (Schwägerl 2019).

Dieser Ansicht schließe ich mich hiermit und im Lichte der folgenden Ausführungen unbedingt an.


Konventionelle industrielle Landwirtschaft

Grundzug der industriellen Landwirtschaft ist, mit

  • schweren Maschinen, die der Bodenstruktur schaden,
  • tiefem Pflügen,
  • synthetischem, auf der Basis von Erdgas (Methan) hergestelltem Stickstoffdünger (Kunstdünger),
  • Pestiziden, d.h. sog. Pflanzenschutzmitteln, unterteilt in
  • Herbizide à la Glyphosat (= Roundup) gegen ‚Beikräuter‘
  • Insektizide gegen schädliche Insekten
  • Fungizide gegen Pilze
  • gentechnisch veränderten Pflanzen (in fast allen Regionen der Welt)

auf großflächigen Monokulturen unter erheblichen Kapitaleinsatz standardisierte Lebensmittel per Massenproduktion herzustellen.

  • „Weltweit ist die Menge der eingesetzten Pestizide seit 1950 um das Fünfzigfache gestiegen“ (Wenz 2020, 18).

>> Die Folgen sind eklatant, siehe Abschnitt Sechstes Massenaussterben Aspekt Insekten- und Bienensterben, S. 673f.

An dieser Stelle sei hier hinsichtlich des Insekten- und Bienensterbens nur kurz darauf verwiesen, dass das Insektensterben sogar an Kuhfladen abzulesen ist, die mittlerweile gern mal als ‚Betonfladen‘ tituliert werden, weil sie sich vielerorts aufgrund des Fehlens von Dungkäfern nicht mehr zersetzen (vgl. Sparmann 2020, 17).

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Alexandra-Maria Klein merkt darüber hinaus an, dass „[o]hne die auf sie spezialisierten Käfer … der Boden mit Dungplatten übersät [wäre]. Dieses ökologische Problem gab es schon einmal: Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts Rinder in Australien eingeführt wurden, fehlten die Dungkäfer dort. Erst als auch sie importiert wurden, war das Problem behoben“ (2020, 45).

  • „Als eine der Ursachen gelten Insektizidrückstände im Kraftfutter, die mit dem Kot von Nutztieren ausgeschieden werden – um dann ihre tödliche Wirkung bei den nützlichen Käfern zu entfalten“ (ebd., 17).

Man kann sich leicht vorstellen, dass eine „Weidehaltung [ohne Insekten] … nur schwer möglich [wäre]. Insektenlarven beugen gemeinsam mit Regenwürmern und Mikroorganismen der Erosion vor, indem sie die Böden stabilisieren“ (Klein 2020, 45).


Europa ist der letzte gentechnikfreie Kontinent (vgl. Asendorpf 2017), sodass außerhalb Europas noch der Einsatz von genveränderten Pflanzen, zu denen es ‚passende‘ chemische Produkte gibt, die alles Leben außer der gentechnisch veränderten Pflanzen abtöten, hinzukommt und der eine m.E. erschreckende Normalität besitzt

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So sehr sich europäische Verbraucher*innen an dem Gedanken stören gentechnisch manipulierte Pflanzen essen, so emotional unempfindlich sind sie gleichzeitig gegenüber der Tatsache, dass sie Milch trinken oder Fleisch essen von Nutztieren, deren Ernährung vorwiegend oder ganz aus Gen-Soja besteht.

Film-Doku ‚Roundup – der Prozess‘. [Eine Doku mit einem symbolischen Tribunal gegen Monsanto inkl. diverser Fakten zum Thema ‚Glyphosat‘/‚Roundup‘]. ARTE 2017, s. https://www.youtube.com/watch?v=KjtCccl0Wus (Abrufdatum 11.2.2020)

>> Empfehlung: Film-Doku ‚Roundup – der Prozess‘. [Eine Doku mit einem symbolischen Tribunal gegen Monsanto inkl. diverser Fakten zum Thema ‚Glyphosat‘/‚Roundup‘]. ARTE 2017, s. https://www.youtube.com/watch?v=KjtCccl0Wus (Abrufdatum 11.2.2020)

Während Glyphosat auf einem gentechnikfreien Feld ausschließlich vor der Wachstumsphase der Nutzpflanzen zum Einsatz kommt, geschieht dies bei dem gegen Glyphosat resistenten Genpflanzen etc. darüber hinaus auch während der Wachstumszeit. Hier wird also i.d.R. noch mehr und zu einem hinsichtlich möglicher Rückstände in Nahrungsmitteln (noch) kritischerem Zeitpunkt ‚gespritzt‘ – zum Nachteil von Mensch, Tieren inkl. Insekten und allem ‚Ackerleben‘.


Das geplante Freihandelsabkommen EU-Mercosur (vgl. S. 414) zwischen Schlüsselländern Südamerikas und der EU soll u.a. die Sojamärkte für Europas industrielle Massentierhaltung sichern.

  • „[K]aum bekannt [jedoch] ist, dass das Abkommen auch eine weitreichende Liberalisierung des Handels mit Chemikalien umfasst. Die größten Pestizidkonzerne der Welt – die deutschen Unternehmen Bayer und BASF sowie Syngenta aus der Schweiz – wird das freuen. Die Insektenwelt der Mercosur-Länder nicht“ (Santos 2020, 21).

Hiermit ist nun grob die typische Vorgehensweise der industriell-konventionellen Landwirtschaft umrissen.

Weitverbreitet ist die Sichtweise, dass allein dieser konventionelle, agrarindustrielle Ansatz die (globale) Nahrungssicherheit gewähre und somit alternativlos sei.

Details

Dieses Argument wird auch verbunden mit der Behauptung, Bio sei stets weniger ertragreich als Konventionell. Nun, das wird in vielen Fällen auf dem Papier so sein, weil konventionell ja auch die Faktoren ‚Ausbeutung‘ und ‚Externalisierung‘ beinhaltet, doch gibt es – auch davon unbenommen – diverse Zahlen und Studien, die das die These so nicht haltbar erscheinen lassen. „Ein Langzeitversuch von [der in Bereich Bio-Agrikultur forschenden NGO] Rodale ergab, dass gerade in Trockenzeiten Öko-Ernten höher ausfallen, bei Biomais waren sie fast ein Drittel höher als bei konventionellem“ (Scheub/Schwarzer 2017, 63). Eine Metastudie der Uni Michigan errechnete, dass Ernteerträge in den gemäßigten Klimazonen lediglich 92%, in den tropischen hingegen über 180% in Relation zu den konventionellen Erträgen betrugen (vgl. ebd., 82). Besonders ertragreich scheinen Permakulturen (vgl. ‚Nahrungswald‘) zu sein, was sowohl Scheub/Schwarzer als auch die Film-Doku Tomorrow anhand des Beispiels Bec Hellouin in Frankreich hervorheben, deren Produktivität „das Zehnfache einer traktorbetriebenen Biofarm [beträgt]“ (Scheub/Schwarzer 2017, 101, vgl. Laurent/Dion 2016, s.a. https://www.fermedubec.com/english/ (Abrufdatum 7.7.2020).

Tatsächlich ist es umgekehrt:

Die Alternative ist gar keine Alternative, sondern der einzige dauerhaft gangbare Weg.

Warum?

Weil die industrielle Landwirtschaft mittelfristig die Ackerböden zerstört und damit ihre – und damit auch unsere – Existenzgrundlage.


Ohne Humus kein Homo Sapiens. Wir sind der Homo Humus.
Und nebenbei ist es nicht ganz unbedeutend und garantiert kein Zufall, dass unser Planet genau so heißt wie der Boden auf dem wir stehen: Erde ist in jeder Hinsicht unsere Lebensgrundlage.

>> Der Begriff ‚Homo Humus‘ entstammt einer Artikelüberschrift von Ingo Arend in Der Freitag, 2001.


Die industrielle Landwirtschaft befördert zudem massiv die Klimakrise und das Artensterben.


Unter anderem durch die…


Stickstoffdüngung in der industriellen Landwirtschaft

Stickstoffdünger ist das, was man gemeinhin als Kunstdünger bezeichnet.

Der Name trifft zu, denn Kunstdünger ist wie z.B. auch Kunststoff ein Produkt der Petrochemie: Er entsteht u.a. mit dem Haber-Bosch-Verfahren in sehr energieintensiven mit hohen Temperaturen (bis zu 500 °C) einhergehenden Produktionsprozessen, meist auf der Basis von Erdgas (Methan) sowie mit – je nach Produktionsvariante – schwerem Heizöl und zusätzlichem Strombedarf (vgl. Bundestag 2018, 4-5).

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„Mit größter Energie widmet er [Fritz Haber] sich [1914] dem Aufbau der Ammoniakproduktion der BASF, mit der Deutschland große Mengen Sprengstoff und Kunstdünger herstellen und den Krieg über Jahre durchhalten konnte. Für das dabei eingesetzte Haber-Bosch-Verfahren wird er 1919 den Nobelpreis für Chemie erhalten – eine bis heute umstrittene Entscheidung“ (Sietz 2014), auch weil Haber maßgeblich den Einsatz von Chlorgas im Ersten Weltkrieg ermöglicht, gefördert und vor Ort begleitet hat (vgl. ebd.).

Bei der Ammoniak-Synthese, die Teil des Produktionsprozesses ist, werden „[p]ro Tonne produziertem NH3 [Ammoniak] … zwei Tonnen klimaschädliches Kohlenstoffdioxid CO2 freigesetzt. (Bundestag 2018, 4).

  • „Mit einem Anteil von einem bis drei Prozent am weltweiten Energiebedarf ist die Ammoniaksynthese einer der größten industriellen Energieverbraucher“ (Bundestag 2018, 4).
  • „Insgesamt entfallen global gut 2% der Treibhausgase auf die Produktion von mineralischen Stickstoffdüngern und deren Anwendung [auf dem Feld –] sowie 3,8 % auf organische N-Quellen[, d.h. organische Stickstoff-Quellen wie z.B. Gülle]“ (BLW 2013).
  • „Kunstdünger bleibt nur kurz[e Zeit] im Boden. 40 Prozent wird als Nitrat ausgewaschen, insgesamt rund 55 Prozent als Lachgas und Stickstoff oder als Ammoniak [– Stichwort: Feinstaubbildung –] in die Atmosphäre abgegeben“ (Scherber 2020, 26)

Das bedeutet auch, dass ein relevanter Teil des global geförderten Erdgases [=Methan] für die Düngemittelproduktion verwendet wird.

  • „Die eingesetzten fossilen Brennstoffe (Erdgas, Erdöl, Kohle) dienen der Bereitstellung des Wasserstoffs für das Haber-Bosch-Verfahren“ (Bundestag 2018, 4). Dieser Wasserstoff kann und muss künftig durch erneuerbare Energien wie Wasserelektrolyse hergestellt werden – und das ist nur dann möglich, wenn z.B. in Deutschland ausreichend Windenergie- und Solaranlagen (etc.) aufgebaut werden.


Die Düngung mit Stickstoff ermöglichte tatsächlich dort „zwei Halme wachsen zu lassen, wo bisher nur einer wuchs“ – so legt Heinrich Spoerl die Worte Friedrich ‚des Großen‘ in den Mund Hans Pfeiffers in der ‚Feuerzangenbowle‘ – allerdings ist dafür ein Preis zu zahlen, der dauerhaft sehr hoch ausfällt:

Apropos 'Feuerzangenbowle'

In der Feuerzangenbowle (nur in der Film-Produktion) weist Heinz Rühmann/Hans Pfeiffer verkleidet als Professor Crey in der letzten Unterrichtstunde übrigens auf den ‚großen Chemiker‘ hin, der die moderne Agrikulturchemie erfand, der es fertigbrachte zwei Halme wachsen zu lassen, wo bisher nur einer wächst: „Wir können ihn gewissermaßen den Vater des Kunstdüngers nennen“ (Spoerl 1944). Gemeint ist Justus von Liebig (1803-1873), der die Grundlagen für das spätere Haber-Bosch-Verfahren legte.

  • „Die negativen ökologischen Folgen der mineralischen Düngung haben inzwischen ein bedrohliches Ausmaß erreicht. Das betrifft vor allem die Düngung mit Stickstoff. Die Folgen sind Humusabbau, Verlust von Biodiversität, Bodenversauerung und Lachgas-Emissionen, mit negativen Auswirkungen auf die zukünftige Nahrungsproduktion. Die zunehmende Bodenversauerung verringert die Phosphat-Aufnahme, erhöht die Konzentration toxischer Ionen im Boden und hemmt das Pflanzenwachstum; verstärkter Humusabbau im Boden verringert sein Nährstoff-Speichervermögen, und Treibhausgase aus überschüssigem Stickstoff belasten das Klima. So zerstört synthetischer Stickstoff zentrale Produktionsgrundlagen der Landwirtschaft und gefährdet zukünftige Ernährungssicherung“ (WWF/Böll 2013, 7).

    „Auf synthetischen Stickstoff sollte deshalb [künftig] vollkommen verzichtet werden, andere Nährstoffe müssen in den Kontext einer umfassenden Bodenfruchtbarkeitsstrategie integriert werden. Zentral sind dafür Techniken, die die Erhaltung und den Aufbau von Bodenhumus gewährleisten. Von wesentlicher Bedeutung sind hierbei Kompostierungsverfahren, tierische Dünger, Agroforstwirtschaft, Gründüngung und Intensivbrache“ (ebd.).


Und, noch einmal auf den Punkt gebracht:

  • „[D]ie heutige Stickstoffdüngung gefährdet die Ernährungssicherung von morgen“ (ebd.).

Und nur weil ein Verfahren ab dem frühen 20. Jahrhundert zunächst augenscheinlich gut funktionierte für Ackerböden der gemäßigten Klimazonen, bedeutet das noch lange nicht, dass der umfangreiche Einsatz von Kunstdünger dauerhaft und global eine gute Idee ist:

  • Kunstdünger [hat] auf übernutzten Böden im subsaharischen Afrika kaum Wachstumswirkung“ (Scheub/Schwarzer 2017, 137).
  • „Zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass in vielen kleinbäuerlichen Regionen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas die durch Mineraldünger erzielbaren Mehrträge gering sind. Der Grund dafür ist die weit verbreitet geringe Fruchtbarkeit von Böden, die jahrzehntelang übernutzt, ausgelaugt, versauert oder der Erosion preisgegeben wurden. Das Vermögen degradierter Böden, gedüngte Nährstoffe pflanzenverfügbar zu machen und auch sonst günstige Wachstumsbedingungen zu ermöglichen, ist häufig auf ein Minimum reduziert“ (WWF/Böll 2013, 29).


…sodass das ernüchternde Fazit wie folgt lautet bzw. zu lauten hat:

  • Berücksichtigt man Kollateralschäden der industriellen Landwirtschaft wie verstärkte Bodenerosion, das Artensterben oder Wasserverschmutzung, dann ist sie der bäuerlichen Landwirtschaft keineswegs überlegen. Das zumindest ist das Ergebnis des Weltagrarberichts, den 400 Wissenschaftler 2008 für die Weltbank und die Uno erstellt haben. Die Zukunft der Landwirtschaft müsse eher kleinteilig, vielfältig und regional sein“ (Klawitter 2019, 81).


Wenn die Sache so klar ist, warum läuft es dann komplett andersherum?

Landwirtschaft, Energiesektor, Großindustrie, Dieselskandal, Naturschutz – es ist immer das gleiche: Wo zu viel Geld im Spiel ist, sorgen mächtige Lobbys dafür, dass die Logik des Geldes und nicht die der Natur bzw. der Nachhaltigkeit zum Tragen kommt. Man sollte nie übersehen, das sich im derzeitigen System eine nicht-nachhaltige Natur- und Ressourcenausbeutung lohnt bzw. belohnt wird (vgl. Aspekt ‚Roboterbienen S. 455).

Und: Ein CEO eines börsennotierten Unternehmens kann nur dann tun, was für die Shareholder des Unternehmens maximalen Profit abwirft. Es sei denn, Gesetze und Regulierungen sorgen dafür, dass das Unternehmen samt Konkurrenz entsprechende Auflagen erhält (vgl. Michael Kopatz auf dem Ersten Hamburger Klimagipfel sowie Kopatz 2016).

>> siehe dazu auch LebeLieberLangsam-Beitrag Pressemeldung: Verlust hunderttausender Arbeitsplätze befürchtet, https://blog.lebelieberlangsam.de/pressemeldung-verlust-hunderttausender-arbeitsplaetze-befuerchtet

  • „So schätzen die IPCC-Autoren [des Sonderberichtes Klimaschutz und Landsysteme], dass etwa ein Viertel der eisfreien Landfläche von Bodendegeneration betroffen ist, rund eine halbe Milliarde Menschen lebt in Regionen, in denen die Wüstenbildung voranschreitet. Beides ist vor allem eine Folge nicht-nachhaltiger Nutzung; durch konventionelles [tiefes] Pflügen geht… hundert- bis tausendmal mehr Boden verloren, als neu gebildet wird. Aber auch der Klimawandel beschleunigt… Erosion und Wüstenbildung“ (Weiß 2019, 12).

Und:

  • „Je kürzer [durch Kunstdünger degradierte] Ackerflächen nutzbar sind, desto höher ist der Druck, beispielsweise durch Rodung neue fruchtbare Flächen zu erschließen“ (Berkel 2019).


Es geht also darum, sich als Menschheit nicht mit jedem Jahr, in dem ein Boden agrarindustriell genutzt wird, quasi mit der Sense der Petrochemie den Boden unter den Füßen wegzuschlagen.



Kommen wir also zu der Alternative, die keine ist, sondern unabdingbar – kommen wir zur: bodenbewahrenden Agrarkultur:

Diese ‚Alternative‘, deren Nutzung in ihrer Pluralität der Anbauformen existenziell ist, hat viele Bezeichnungen.

Scheub und Schwarzer (vgl. 2017, 16-18) heben hervor, dass der Begriff ‚Landwirtschaft‘ eben auf ländliche Räume abhebt, während das Wort ‚Agrar‘ neutraler auch städtische Regionen mit einbezieht. In Abgrenzung vom industriellen Prinzip und der Betonung der Förderung des lebendigen, des bewahrenden, des Humus-aufbauenden und des regenerativen sowie des im globalen Maßstab tendenziell kleinbäuerlichen Ansatzes liegt es des Weiteres nahe, dem Begriff ‚Kultur‘ gegenüber ‚Wirtschaft‘ den Vorzug zu geben. Daher wird im Folgenden der Begriff ‚bodenbewahrende Agrarkultur‘ verwendet.


„Kleinbauern kühlen die Erde.“ (Naomi Klein 2015, 189)

Bodenbewahrende Agrarkultur: Humus und Kompost statt Stickstoff

„[I]n most places on Earth, ‚we stand only six inches form desolation, for that ist he thickness of the topsoil layer upon which the entire life depends‘“ (Chiras 2006, 171).

  • „In einer Handvoll gesunder Erde gibt es mehr Lebewesen als Menschen auf dem Planeten, in einer Handvoll agroindustriell behandeltem Boden hingegen nur noch einen Bruchteil davon“ (Scheub/Schwarzer 2017, 11).
    • Neben Regenwürmern, Ameisen, Spinnen, Schnecken, Käfern, Larven, Ohrenkneifern und diversem Kleingetier wie Asseln, Tausendfüßler, Insekten/Kerbtieren inkl. Spinnen ist hier von diversen Mikroorganismen die Rede, darunter Bakterien; symbiotische Mykorrhizia-Pilze, die riesige, den Boden stabilisierende Fädennetze bilden; Algen; Geißeltierchen; Wurzelfüßler/Amöben/ Wechseltierchen; Wimperntierchen; Rädertierchen; Fadenwürmer; Milben; Springschwänze; Borstenwürmer/Ringelwürmer, … etc. (vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 125-130) – sie alle bilden eine humusanreichernde Lebensgemeinschaft zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit, welche die Ernteerträge befeuert (vgl. ebd., 131).
    • Von diesen Tieren und Mikroorganismen macht der Agrarindustrie täglich einen großen Teil platt. Es ist irritierend, so viele verschiedene Lebewesen von vorneherein als Feinde der Ernte zu sehen – denn wir haben davon auszugehen, dass die Evolution keine Fehler macht.
    • Die allgemeine Annahme, „der Boden sei ein Gefäß, dem ständig Nährstoffe entzogen werden, welche man wieder nachfüllen muss… [ist falsch und] blendet komplett aus, dass Mikroorganismen und Pflanzen über ihre Wurzeln Nährstoffe freisetzen können. Durch diese biogenen Prozesse stehen in der Regel sogar mehr Nährstoffe zur Verfügung als über Düngemittel. Gründüngung und Zwischenfrüchte sind hier deutlich leistungsfähiger als eine klassische organische Düngung“ (Scheub/Schwarzer 2017, 142).


Gesunde, d.h. fruchtbare Erde ist Humus. „Als Humus wird die Gesamtheit der abgestorbenen und zersetzten organischen Substanz eines Bodens bezeichnet“ (Scheub et al. 2013, 18). Diese gesunde Erde, Humus, enthält alles, was unsere Nahrung-liefernden Pflanzen zu einem kräftigen Wachstum benötigen. Und mehr: Hauptbestandteil von Humus ist Kohlenstoff (vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 12).


In dem die Menschheit die erodierten, degenerierten, kohlenstoffarmen Böden regeneriert, zieht sie massiv Kohlenstoff aus der Erdatmosphäre und sichert gleichzeitig die auf diese Weise rekarbonisierten Böden für künftige Generationen als Grundlage der Ernährung der Menschheit.


Ute Scheub und Stefan Schwarzer zitieren den US-Agrarwissenschaftler Timothy LaSalle mit den Worten:

  • „Planetarisches Bio-Engineering sei billig und überall anwendbar – sein Name: Photosynthese. Pflanzen holen Kohlendioxid aus der Luft sowie Wasser und Nährstoffe aus dem Boden, mittels Sonnenenergie produzieren sie daraus lange Kohlenhydratketten: Zucker, Stärke, Zellulose. Einen Teil des Kohlenstoffs verbrachten sie über ihre Wurzeln unter die Erde… Sterben die Pflanzen, gelangt im Rahmen des globalen Kohlenstoffkreislaufs ein Anteil wieder als CO2 in die Atmosphäre, ein anderer verbleibt im Boden und wird unter günstigen Bedingungen zu stabilem Humus“ (2017, 13).


Im weltweiten Maßstab gibt es nicht die eine ideale bodenbewahrende Agraranbaumethode – statt dem unangepassten Gießkannenprinzip der Agrochemie bzw. der industriellen Landwirtschaft gilt es, die jeweils optimale klima- und wetterangepasste Anbaumethode aus einem ganzen Konglomerat bewährter alter und neuer Methoden herauszufinden.

Dazu gehören „Permakultur, Waldgärten, Biointensivkulturen, pfluglose Bodenbearbeitung [‚No-till‘ genannt]1, Untersaaten, Mischkulturen, Agroforstsysteme, Holistisches [=ganzheitliches] Weidemanagement, Wassersammelsysteme bis zu Wüstenbegrünung“ (Scheub/Schwarzer 2017, 14) – „[i]mmer [geht es] um Kreislaufwirtschaft, das Arbeiten mit der Natur und nicht gegen sie“ (ebd., 18).

  • Weitere Aspekte sind kleine Felder mit unterschiedlicher Nutzung, Blühstreifen2, Hecken – sowohl als Rückzugsräume als auch als Windschutz gegen Erosion, Feldraine3, Zwischensaaten/Gründüngung/Intensivbrache z.B. mit Leguminosenanbau4 per stickstoffbindender Lupine, Soja, Ackerbohne, Erbse, Luzerne und Klee, wechselnde Fruchtfolgen, der gezielte Einsatz von Nützlingen, die mechanische (statt chemische) Entfernung von ‚Beikräutern‘, Verwendung von Sorten, die den Bodenverhältnissen entsprechen und zum Klima passen (vgl. Decken 2020, 24-25 u. Wenz 2020, 40).
Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 „Nackte Böden, tiefes Pflügen, unangepasste Bodenbewirtschaftung – alle das fördert den Abbau organischer Substanz, Kohlenstoff oxidiert zu CO2“ (Scheub/Schwarzer 2017, 38). An anderer Stelle heben Scheub und Schwarzer hervor, das tiefes Pflügen „den Boden komplett durcheinander [bringt]: Sauerstoffunabhängige Bodenlebewesen geraten in Schichten, wo sie nicht mehr atmen können und ersticken, Sauerstoffunabhängige werden nach oben in die Luft befördert, wo sie ebenfalls absterben. Und liegt der Acker ohne schützende Gründecke da, werden seine Freunde Wasser und Wind zu seinen Feinden, die ihn zerstören“ (2017, 42). Humus-arme Böden sind porenarm und können daher weniger Wasser speichern (vgl. ebd., 48). Zur Wasserhaltefähigkeit tragen auch die Mikroorganismen eines lebendigen Bodens bei (vgl. ebd. 60.), es gilt die Formel „pro Prozentpunkt Humus und Quadratmeter 16 Liter“ (ebd., 150).

2 Blühstreifen sind ein gutes Beispiel dafür, dass ‚gut gemeint‘ nicht unbedingt hilfreich ist und Eingriffe in die Natur eben wohlüberlegt zu sein haben. „Seit dem Volksbegehren [in Bayern] gebe es für die Wildbienen [auch in Städten] gezielte Maßnahmen, wie Flächen mit heimischen Blütenpflanzen. Problem aber sei, dass bei den meisten Blühflächen die ausgesäten Pflanzen häufig nicht die geeigneten sind. ‚Das sieht zwar nett aus, ist aber nur Kosmetik und bringt den Wildbienen gar nichts‘, kritisiert [Wolfgang] Willner [vom Bund Naturschutz (BN)]. Gerade auch, da die Flächen im Herbst umgeackert werden und dadurch die Brut im Boden zerstört wird (Regelein 2020).

3 Diesen Begriff kennt die/der gemeine Städter*in heute wohl nur noch aus Gedichten, die in der Schule durchgenommen werden: Er beschreibt einen Randstreifen oder Grenzstreifen zwischen zwei Äckern.

4 „Leguminosen … sind in der Lage, Stickstoff aus der Luft in Eiweiß zu verwandeln. Doch in Deutschland werden … [sie] kaum noch angebaut“ (Asendorpf 2018b, 2). „Leguminosen [sind] nicht auf Stickstoff im Boden angewiesen. Im Gegenteil: In ihren Wurzelknöllchen siedeln Bakterien, die den Stickstoff direkt aus der Luft aufnehmen und an die Pflanze weitergeben“ (ebd., 6).


Regenerative Agrarkultur unter Extrembedingungen

Burkina Faso, Niger und Mali: Die Rückkehr der Bäume und Agrarkultur

Über die Arbeit von Yacouba Sawadogo wurde schon im Abschnitt Bäume pflanzen/globale Aufforstung (vgl. S. 470f.) berichtet, der in Burkina Faso in der Sahelzone mit Hilfe der von ihm weiterentwickelten Kompost-basierten Zai-Technik aus einer wüstenartigen Region tatsächlich ‚blühende Landschaften‘ machte, sodass durch die Rückkehr von Bäumen und Büschen das lokale Klima und die Böden wieder relevante Agrarkultur zulassen.

2018 erhielt neben Yacouba Sawadogo auch Tony Rinaudo den Right Livelihood Award – den sog. alternativen Nobelpreis.

  • „Als Tony Rinaudo Anfang der [19]80er-Jahre erstmals in den Süden Nigers kam, entdeckte er, dass von Bäumen entblößte Ackerflächen dort biologisch keineswegs tot waren. Vielmehr hatten im Untergrund zahllose Baumwurzeln, Stümpfe und Samen überlebt. Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte alte Waldreste, die regelmäßig zur Regenzeit neue Triebe entwickeln. Diese Triebe wurden bis dahin allerdings genauso regelmäßig von Ziegen abgefressen oder beim Abbrennen der Felder vernichtet“ (Kruchem 2018).

Niemand in der Bevölkerung hatte Anlass, daran etwas zu ändern, zumal die Annahme weitverbreitet war, dass „Bäume ihre Böden unfruchtbar machten; dass sie Schlangen und Vögel, die die Saaten fressen, anlockten“ (ebd.). Doch nach einer Hungersnot, viel Überzeugungsarbeit und

  • „[n]ach einer Gesetzesänderung, wonach Bäume ihnen gehören, haben Bauern in Niger seit 1985 ungefähr fünf Millionen Hektar mit Bäumen und Büschen wiederbegrünt. Mit der Vegetation kehrte der Regen zurück, kleine Wasserkreisläufe regenerierten sich“ (Scheub/Schwarzer 2017, 183-184).
  • „Heute stehen im Süden Nigers 280 Millionen Bäume – 40 mal mehr wie vor 30 Jahren“ (Kruchem 2018) – und das ist eine wichtige Voraussetzung für alles weitere, Rinaudo wird an gleicher Stelle zitiert mit dem Hinweis, „Nahrungsmittelproduktion in der Sahelzone funktioniere nur mithilfe von Bäumen“.

Wie wichtig gesetzliche und soziale Rahmenbedingungen sind verdeutlich eine ähnlich verlaufene Entwicklung in Mali:

  • „In Mali wurde 450.000 Hektar regeneriert, nachdem 1994 das Waldgesetz demokratisiert worden war“ (Scheub/Schwarzer 2017, 183-184).


Ägypten: Die Sekem-Farm: Humus schlägt Wüste

Die Sekem-Farm am östlichen Rand von Kairo beeindruckt auf seine Weise ebenfalls sehr stark:

Hier hat Ibrahim Abouleish (1937-2017), der in Österreich und Deutschland Chemie und Medizin studierte, schließlich promovierte sowie mit den Prinzipien der Demeter-Agrarkultur vertraut wurde (vgl. Scheub/Schwarzer 2017, 184) seit 1976 gemeinsam mit einem inzwischen mehr als 2.000 Menschen großem Team (vgl. Pachernegg/Wagner 2019) ein umfangreiches Sozialunternehmen mit Kindergarten, Schule, Theater, Stiftung, einer eigenen Demeter-Produktlinie, Forschungsinstitut und einer gemeinnützigen Universität aufgebaut. Kaum würde dieser Umstand in diesem Kapitel Erwähnung finden, wenn das Ganze nicht im wahrsten Sinne des Wortes auf Sand gebaut wäre: Mittlerweile „sind fast 700 Hektar Wüstensand mit Kompost und Demeter-Präparaten [zu Humus und damit] fruchtbar gemacht worden; hinzu kommen 1.700 Hektar, die von 800 Vertrags-Ökobauern bewirtschaftet werden“ (Scheub/Schwarzer 2017, 184; wikipedia nennt hier die Zahl 200 Kleinbauern, vgl. 2020a).

>> Sekem = altägyptische Hieroglyphe für ‚sonnenhafte Lebenskraft‘ oder auch ‚Lebenskraft der Sonne‘

Machen wir uns das klar:

Wüstensand + Demeter-Kompost + Wasser + jede Menge Arbeit = Humus


>> Sehr empfehlenswerte Film-Doku: Pachernegg, Ramon u. Wagner, Jasmine (2019): Sekem – Das Wunder in der Wüste.

Helmy Abouleish, der Sohn des Gründers, beschreibt den Kompost in der hier erwähnten Doku als auf Demeter-Prinzipien basierendem

  • „Gemisch aus Dünger, Kuh-Dünger und Pflanzenmaterial, welches in unserem Fall dann mit bestimmten Mikroorganismen angereichert wird“ (Pachernegg/Wagner 2019, Min 5ff.), –

und berichtet dann über den Prozess der Wiederbegrünung folgendes:

  • Dieses mit bestimmten Mikroorganismen angereicherte „Gemisch aus Dünger, Kuh-Dünger und Pflanzenmaterial … [verwandelt] sich innerhalb von 60 bis 90 Tagen in ein neues Material namens Kompost …[,] welcher dann, wenn er dem Wüstensand beigefügt wird, über die Jahre einen lebendigen Boden erzeugt. Man sieht es an der Farbe. Der weiß-gelbliche Wüstensand wird zu Erde und allmählich brauner und brauner, bis sie ganz schwarz ist. Aber das dauert mehrere Jahre und es ist immer ein Prozess, in dem man mehr und mehr lebende Organismen in der Erde erzeugt. Diese lebenden Organismen helfen letztendlich der Pflanze beim Wachsen und helfen uns dabei, Themen wie Wasserknappheit zu bewältigen und sie helfen der Pflanze dabei, das Salz aufzunehmen, das immer an der Oberfläche des Wüstenbodens besteht, wenn man ihn künstlich bewässert. Das Wunder braucht sechs, sieben, acht Jahre, bis wirklich sichtbar ist“ (ebd.), aber teilweise dauert es nur 18 Monate, bis wir soweit sind Pflanzen anbauen zu können (vgl. ebd.).

Abouleish konstatiert:

  • „Sekem hat ein neues Biotop kreiert, indem es Wüstensand mittels Kompost und biodynamischen Methoden zu fruchtbaren und lebendigen Böden machte“ (zit. in Scheub/Schwarzer 2017, 184).


Wenn man sich per Google Earth, alte und neue Fotos und auch über Film-Dokus die Landschaft der Sekem-Farm, die Bäume, das Grün, die Blüten und vor allem den, jawohl, saftigen Boden anschaut, erscheint dies tatsächlich wie ein kleines Wunder.

Keine Pestizide.

Keine angeblich alternativlose industrielle Landwirtschaft.

Nur und ausschließlich auf Basis von biodynamischem Demeter-Kompost erschaffen.

Chapeau.

Wenn das geht, erscheint vieles möglich. Und die ewigen Behauptungen, was angeblich alles nicht geht, entpuppen sich als: billige Ausreden.


Kaum verwunderlich, dass im Jahre 2003 auch Ibrahim Abouleish – genau wie Yacouba Sawadogo und Tony Rinaudo – den Right Livelihood Award, d.h. den alternativen Nobelpreis erhalten hat.

>> Die Liste der Preisträger*innen liest sich wie ein Who’s Who der die Menschheit wirklich voranbringenden Menschen: Neben den genannten Menschen erhielt in jüngerer Zeit Greta Thunberg (2019), Davi Kopenawa (2019, Brasilien, Schutz von Ureinwohner*innen), Guo Jianmei (2019, China, Frauenrechte), Aminatou Haidar (2019, Westsahara, gewaltloser Widerstand), Thelma Aldana (2018, Guatemala, Korruption), Iván Velásquez Gómez (2018, Guatemala, Korruption), Yetnebersh Nigussie (2017, Äthiopien, Inklusion), Khadija Ismayilova (2017, Aserbaidschan, Korruption), Robert Bilott (2017, USA, Aufdeckung chemischer Umweltverschmutzung) (vgl. wikipedia (2020b)


Wenn man das Wort ‚Wüste‘ vernimmt, könnte man auf den Gedanken kommen, es gäbe dort (in Sekem) gar kein Wasser. Doch wird es in Sekem, damals, als man anfing, am Rande von Kairo in der Umgebung des Nils, unweit des Mittelmeers, kein unmögliches Unterfangen gewesen sein, an Wasser zu kommen – aber Wasserknappheit herrschte definitiv (vgl. Pachernegg/Wagner 2019, Min 5ff.).

Aus Sekem lässt sich neben vielem Anderen lernen, dass man sich tatsächlich erfolgreich Stück für Stück in die Wüste vorarbeiten kann, um den Boden nach und nach wieder urbar zu machen.

Und nebenbei wird in einem ehemals toten Wüstenboden – Klimaschutz pur – viel Kohlenstoff gebunden. Somit bedeutet der Erfolg des Sekem-Projektes innerhalb dieses Handbuches, dass nicht reich an positiven Befunden ist, eine wirklich gute Nachricht.


China: Das desertifizierte Löss-Plateau ergrünt

Im Nordosten Chinas liegt die Wiege der chinesischen Zivilisation, das Lössplateau. Seinen Namen verdankt das Frankreich-große, etwa 1.000x700km umfassende Hochland dem gelbbraunen Löss, einem verfestigten Flugstaub, der als sehr nährstoffreich bekannt ist, sodass es nicht verwundert, dass hier bereits seit etwa 25.000 Jahren Menschen leben und eine der frühesten Agrarkulturen begründeten (vgl. Liu 2009, ca. Min 5).

Es schloss sich die Übernutzung der Biosphäre an: Der Entwaldung der Täler zugunsten Land- und Holzwirtschaft folgte die Entwaldung der Berghänge; der Rückgang der Ernten durch übernutzte Böden führte als Ersatz zu wiederum immer umfangreicherer (Zaun-loser) Haltung von Ziegen und Schafen, die wieder die Pflanzen und Triebe derart stark abfraßen, dass die einst geschlossene (versteppte) Bodendecke mehr und mehr aufriss und schließlich zu 90% (vgl. Liu, Min 18) zerstört wurde: „[D]ie Erde blieb kahl und fast humuslos zurück“ (Scheub/Schwarzer 2017, 185).

Als Liu 1995 mit seiner Arbeit an der hier vornehmlich als Quelle dienenden Film-Doku begann, fand man einen dersertifizierten, ‚Platz‘, genauer den „most eroded place on earth“ (ebd., Min 7), vor. Ohne Pflanzendecke war der Boden dem Regen schutzlos ausgeliefert – und floss (Humus und Löss mitnehmen) sofort und quasi ohne einzusickern in die Flüsse und von dort in den Gelben Fluss. Jürgen Vögele von der Weltbank schildert das Geschehene äußerst plastisch:

  • „Originally, you had a complete vegetation cover with a fully intact hydrocycle. All the rainfall that fell down, stayed where it was initiall,y it slowly infiltrated into the ground, was absorbed by the whole system, went into the groundwater and eventually drained toin the yellow river, over a long period of time, hundreds of days, between the rainfall and the time in the yellow river. As the vegetation cover was removed gradually, the run-off increased dramatically, every century, every decade, to the point when now when it rains, 95 percent of the water immediatly is lost to the environment where it is coming down. Immediatly it runs off in the valley, takes a lot of the top soil with it and elapses in the yellow river. So we have the situation where literally 95 percent of the water is gone, and this is the reason why this area is so dry, why the rainfall has been decreased, why the vegetation cover can’t hardly be sustained right now, because everything is so dried up“ (Min 12f.).

Die Folge waren bis nach Peking reichende Sandstürme, extreme Sedimentablagerungen an den Ufern des Gelben Flusses, massive, regelmäßige Überschwemmungen während der Regenzeit, gefolgt von ausbleibendem Regen und Dürre in der übrigen Zeit eines Jahres (vgl. Min 15). Hunger, Armut, Obdachlosigkeit, Leid und Tod folgten.

In den 1990er Jahren startete ein Team aus chinesischen und ausländischen Forschern das ‚Loess Plateau Watershed Rehabilitation Project‘:

  • „Over 3 years, Chinese planners from the Ministry of Water Resources and international planners from the World Bank worked together with experts in hydrology, soil dynamics, forestry, agriculture and economics, [and interviewed the local people], to design [involving the farmers and their needs] a workable project plan. The team divided their work into 2 areas: economic and social well being of the people, and ecologic health of the environment“ (EEMP 2013).

Die Expert*innen und Berater*innen zogen durch die Dörfer und vereinbarten nach vielen Gesprächen schließlich vertraglich, einvernehmlich und transparent mit den Bauern, unzählige Bäume zu pflanzen, einige Landstriche nicht landwirtschaftlich zu nutzen, die Schafe und Ziege einzuhegen, das Regenwasser bremsende kleine Dämme an die Hänge und vor allem Terrassen gegen die Erosion zu bauen, wobei letztere die Bauern selbst besitzen und nach Fertigstellung selbst bewirtschaften sollten: „The people‘s participation became the center part of the project“ (Min. 25).

  • „One of the most common arguments against change ist hat poor people are so focused on survial they can’t think about sustainablity or enivironmental conservation. In order to help the local people to make the trsition the Loess Plateau Watershed Rehabilitation Project hired them to implement new practises… The project made their work central tot he restore the ecological balance. In short: The people became the solution“ (Min. 26).

Innerhalb von zehn Jahren konnte man die ‚Früchte der Arbeit‘ sehen. In der Film-Doku wird im Vorher-/Nachher-Schnitt im Abstand von 10 Jahren das gleiche Tal zwei Mal gezeigt (Min 34), einmal in Gelb, einmal in Grün: „It’s hard to recognize this place now“, freut sich ein alter Bauer, der die meiste Zeit seines Lebens vor allem gelben Löss vor Augen hatte (Min 42). Heute gibt es dort eine kontinuierliche Bodendecke, einen immer besser funktionierenden Wasserkreislauf, stabilisierte verwurzelte Böden, eine wesentlich höhere Biodiversität inkl. der Rückkehr zahlreicher Blütenpflanzen und Insekten – und in der Bevölkerung einen funktionierende Ökonomie sowie einen sehr viel höheren Bildungs- und Lebensstandard.

Film-Doku Liu, John D. (2009): „Lessons of the Loess Plateau“. in: YouTube.com, 20.6.2011, online unter https://www.youtube.com/watch?v=HjNDiBCb-mE (Abrufdatum 10.7.2020) – Die Doku „Lessons of the Loess Plateau“ kommt im Gegensatz zu vielen anderen Doku-Filmen nicht hochglanzverpackt daher, aber ich rege an, geben sie ihr Zeit, es lohnt sich.

>> siehe Film-Doku Liu, John D. (2009): „Lessons of the Loess Plateau“. in: YouTube.com, 20.6.2011, online unter https://www.youtube.com/watch?v=HjNDiBCb-mE (Abrufdatum 10.7.2020) – Die Doku „Lessons of the Loess Plateau“ kommt im Gegensatz zu vielen anderen Doku-Filmen nicht hochglanzverpackt daher, aber ich rege an, geben sie ihr Zeit, es lohnt sich.


Burkina Faso, Niger, Mali, Sekem in Ägypten und das Lösshochland in China sind herausragende Beispiele, aber stehen keineswegs allein. Ihnen gemeinsam ist, dass sie zeigen, dass es tatsächlich möglich ist, stark beschädigte Ökosysteme zu regenerieren, den Kreislauf von Regen, Verdunstung und Pflanzenwachstum wieder in Gang zu bringen und sogar aus totem Wüstensand puren, äußerst fruchtbaren Humus zu machen – und auf diese Weise auch den Kohlestoffkreislauf zu befeuern in dem Sinne, dass Kohlenstoff dort landet, wo er vornehmlich hingehört: in die Erde.

Und das dient den Menschen vor Ort. Und allen anderen auch.


Um all dies in Gang zu setzen, wurde teilweise Intuition, ganzheitliche Agrarkultur-Erfahrung (Sekem) und – insbesondere im Lössplateau – wissenschaftliche Expertise benötigt. Nur eines kam eigentlich gar nicht relevant zum Tragen: Die Prinzipien der europäisch geprägten konventionell-industriellen Landwirtschaft.


In Relation zu den vorgenannten Extrembeispielen erscheint die humusaufbauende Regeneration degradierter Böden der konventionell-industriellen Landwirtschaft eine vergleichsweise leichte Aufgabe zu sein, wenngleich eine äußerst große und umfangreiche Aufgabe, weil es hier um die weltweite Regeneration der allermeisten agrarkulturell genutzten Böden geht.

Es ist eines der wichtigsten Klimaschutzprojekte überhaupt – und dient ebenso der Vermeidung eines weiter fortschreitenden sechsten Massenaussterbens.


Auch der Prozess der Regeneration solcher Landflächen, damit sie künftig als Klimaschutzinstrument dienen können, kostet Ressourcen und Energie – Ressourcen und Energie, die wir nicht für andere Dinge übrig haben.

Die Priorität hat auf Zukunft zu liegen.

>> siehe auch Film-Dokus
> Liu, John D. (2009): Hope in a Changing Climate, online unter https://www.youtube.com/watch?v=6iJKiFSQLn4 (Abrufdatum 10.7.2020) und
> Hattum, Rob van und Meyer Swantee, Gijs (2014): Regreening the Desert, online unter https://www.youtube.com/watch?v=OC_Y1ZTZXQ4 (Abrufdatum 10.7.2020)


Historischer Humusaufbau in den Tropen: Terra Preta

Böden in tropischen Gegenden und im Regenwald sind typischerweise rot: Ferrasol (in etwa: Eisen-Aluminium-Boden).

  • „Solche Böden sind durch die seit Jahrmillionen anhaltende große Hitze und Feuchtigkeit stark verwittert und versauert… Die Konzentrationen an Aluminium werden so hoch, dass sie auf landwirtschaftliche Nutzpflanzen toxisch wirken. Das gesamte Potenzial dieser Böden liegt daher in einer vergleichsweise geringen Humusschicht. Sie gibt Nährstoffe frei und hält sie [die Humusschicht] in einem engen Zusammenwirken mit den Pflanzen des Waldes im [geschlossenen] System… Wird der Wald gerodet, wird der Humus in kürzester Zeit [ausgewaschen und] abgebaut“ (Scheub et al. 2013, vgl. Ullum 2016, 5).

Mit anderen Worten: Eine Landwirtschaft (und damit Sesshaftigkeit) im traditionell-europäischen Sinne hatte und hat in tropische Gegenden per se erst einmal keine guten Startbedingungen – und Landbau ist auf den besonders schnell degradierenden Böden nur über einen eher kurzen Zeitraum und nur mittels extremen Stickstoffeinsatz möglich. Ersatz für erodierte Böden wird i.d.R. geschaffen, in dem weiter und mehr Regenwald gerodet wird.

Vor diesem Hintergrund „galt es in der Anthropologie als ausgemachte Sache, dass sich in den Regenwäldern am Amazonas [historisch gesehen] unmöglich eine höher entwickelte Zivilisation [mit großen einwohnerstarken Städten] entwickeln konnte“ (Scheub et al. 2013, 40). Daher irritierten die in den 1960er Jahren entdeckten große vorkolumbianische Zivilisationen (vgl. ebd., 41). Doch fand man schließlich „Terra Preta do Indio[,] … Schwarzerde[,] … Oberböden[,]… über 2.000 Jahre alt und immer noch fruchtbar[,] oft einen halben Meter dick, manchmal sogar zwei Meter und mehr“ (ebd., 41-42). Diese Terra Preta do Indio ist anthropogen, d.h. von Menschen hergestellt (vgl. ebd., 55), basiert auf der „Wiederverwendung aller täglich anfallenden Rest- und Abfallstoffe“ (ebd., 44) inkl. „Tonscherben, Knochen, Spuren von menschlichen Fäkalien, Asche und Fischgräten“ (ebd., 42 u. vgl. Ullum 2016, 5) und ist eine Form von Holzkohle bzw. Pflanzenkohle (vgl. ebd., 44). Das Wissen um das Herstellungsverfahren der Terra Preta do Indio ging spätestens im Zuge der Kolonisierung verloren (vgl. ebd., 45).

Anmerkungen

Auch in im asiatischen Raum, konkret in China, Japan, Indien und Korea soll es laut Scheub et al. (2013, 62) sowie gemäß Grefe (2011) systematischen Humusaufbau mittels Pflanzenkohle gegeben haben.

Interessanterweise gibt es „Berichte über das Nachwachsen von teilweise abgegrabenen Terra-Preta-Böden… Möglicherweise [– und das ist bislang nur eine Hypothese –] ist dafür der Schimmelpilz Aspergillus niger verantwortlich, der den Kohlenstoff aus abgestorbenen Holz produzieren kann“ (Scheub et al. 2013, 50-51).

Über die Art und Weise, wie die Menschen der südamerikanischen Hochkulturen Terra Preta do Indio konkret herstellten, gibt es lediglich Hypothesen (vgl. ebd., 45f.): Naheliegend ist, das große Tongefäße mit Deckel, deren Scherben bei den Feldern gefunden wurden (vgl. ebd., 47 u. Grefe 2011) für die notwendige Fermentierung unter Luftabschluss verwendet wurden.

Terra Preta ist also eine Pflanzenkohle vermischt mit vornehmlich organischen Siedlungsabfällen von Menschen inkl. Exkrementen.

Das generelle Verfahren für die Produktion von Pflanzenkohle entspricht quasi dem der Holzkohleherstellung z.B. fürs Grillen und ist prinzipiell im industriellen Maßstab (vgl. Grefe 2011) einsetzbar: Die Pyrolyse – die kontrollierte Erhitzung unter Luftausschluss –, auch ‚thermische Karbonisierung‘ genannt.

Mit Terra Preta gelang es Menschen schon vor Jahrtausenden, Humusaufbau zu betreiben und für Ackerbau zuvor ungeeignete Böden fruchtbar zu machen – und auf dieser Basis Bevölkerungen ganzer Städte zu versorgen und Hochkulturen zu schaffen. Das ist staunenswert, ja, sensationell, zeigt ein weiteres Mal, was alles ohne Petrochemie möglich ist und schließt an die beeindruckenden Methoden und Maßnahmen von Yacouba Sawadogo (vgl. S. 470), Tony Rinaudo und Ibrahim Abouleish an.


Terra Preta als Verfahren, der Atmosphäre Kohlenstoff zu entziehen

Über diesen Humus-bildenden und damit potenziell regenerativen Ansatz hinaus gilt Terra Preta in der Jetztzeit auch deshalb Manchem quasi als ‚Wundererde‘, weil sie in einem hohen Maße die Fähigkeit besitzt, Kohlenstoff ‚unter die Erde zu bringen‘ und damit der Atmosphäre zu entziehen.

Ute Scheub und ihre Mitautoren Haiko Pieplow und Hans-Peter Schmidt gehen in ihrem 2013 erschienen Buch davon aus, dass Terra Preta einen wichtigen Beitrag zur Abwendung einer Klimakatastrophe leisten könnte (vgl. Scheub et al. 2013, 68).

>> Was definitiv nicht passieren darf, aber ökonomisch auf Grund des derzeitigen Wirtschaftsmodells verführerisch daherkommt: Die Verkoksung von intakten Waldflächen (vgl. Grefe 2011).

Folgen wir der Argumentation:

Ohne weiteren Eingriff gibt generell jede Pflanze mit ihrem Ableben beim Prozess der Verrottung ihr CO2 (zu einem guten Teil) wieder frei.

  • „Wenn man pflanzliche Reststoffe mittels Pyrolyse verkohlt, verwandeln sich 25 bis 50 Prozent des darin enthaltenen Kohlenstoffs nicht in das Treibhausgas CO2, sondern in stabile, schwer abbaubare, porenreiche Pflanzenkohle“ (ebd., 66).
  • „Die Pflanzenkohle … besteht bis zu 95 Prozent aus reinem Kohlenstoff, der mikrobiell kaum abbaubar ist und so jahrhundertelang [und in Teilen auch wesentlich länger] dem Kohlenstoffkreislauf entzogen werden kann“ (ebd., vgl. Zimmerman/Gao 2013, 32).
  • Bei der Pyrolyse „entsteht aus Biomasse Pflanzenkohle; die Energie liefert dafür das dabei frei werdende energiereiche Synthesegas. Aus diesem kann man [vor allem bei industrieller Anwendung] gleichzeitig Strom, Wärme, Kälte oder Treibstoff herstellen“ (Scheub et al. 2013, 66).
  • „Moderne Pyrolyseanlagen können Pflanzenabfälle so gut verkohlen, dass der Luft mit jedem Kilogramm in der erzeugten Pflanzenkohle rund 3,6 Kilogramm Kohlendioxid entzogen werden. Weitere Treibhausgase werden bei der Terra-Preta-Technik durch die Fermentierung der organischen Abfälle eingespart. Durch die Milchsäurefermentierung von biologischen Abfällen wird Fäulnis verhindert. Ohne Fäulnis … [gibt es] keine Freisetzung weiterer Treibhausgase wie Methan und Lachgas“ (ebd., 67).

Hiermit ist ein Verfahren, dass tatsächlich und für sich genommen betrachtet grundsätzlich funktioniert – womit die Frage aufzuwerfen ist, weshalb auch Anfang der 2020er Jahre inmitten der zunehmenden Bedrohung durch die Klimakrise Terra Preta in erster Linie ein Liebhaberprojekt von Kleingärtner*innen ist, die entweder per Erdgrube oder metallenem trichterförmigen ‚Kon-Tiki‘-Pyrolyse-Ofen für ihren Eigenbedarf produzieren.


Auf den Punkt gebracht:

Terra Preta besitzt in erster Linie zwei wichtige Eigenschaften: Terra Preta kann

  • als ‚komponierte‘ Komposterde die Erträge der bodenbewahrenden Agrarkultur steigern sowie
  • massiv Kohlenstoff im Boden binden und ist damit eine ‚Kohlenstoffsenke‘.

Der BUND hat 2015 eine Einschätzung der Umweltrelevanz von Terra Preta/Pyrokohle herausgebracht und zielt dabei vorrangig auf die Frage ab, inwieweit diese beiden vorgenannten Eigenschaften nicht auch anderen humusbildenden Verfahren eigen sind. Anders ausgedrückt: Besitzt Terra Preta gegenüber anderen Verfahren einen so großen Mehrwert, dass die Fokussierung auf Terra Preta zu Ungunsten anderer, etablierterer Verfahren Sinn macht?

Bedauerlicherweise lesen sich diese m.E. gutbegründeten, umfangreich quellenbelegten und profund erarbeiteten Seiten recht ernüchternd:


Thema ‚Terra Preta zur Ertragssteigerung‘:

  • Ertragssteigerungen durch ‚aufgeladene‘ Pflanzenkohle1 werden beobachtet, sind aber bislang wissenschaftlich nur unzureichend dokumentiert (vgl. 2015, 5 u. Ullum 2016). Terra Preta besitzt hinsichtlich der Dimension der Ernte- bzw. Produktionssteigerungsrate zwar Potenzial, hat aber in Relation zu anderen Kompostierungsmethoden nicht den Charakter eines ‚Wunders‘: Ähnlich hohe Steigerungsraten können offensichtlich durchaus auch bei der Zugabe anderer – und erheblich einfacher herzustellender – Komposte verzeichnet werden (vgl. ebd., 5 u. 13).
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Die Pflanzenkohle wird mit Nährstoffen ‚aufgeladen‘, d.h. mit Gülle vermischt, in die ‚Stallunterlage‘ gebracht oder mitkompostiert: „Würde unbeladene PK in den Boden eingebracht, würde diese zunächst die Nährstoffe aus dem Boden binden, und die Pflanzen werden unterversorgt“ (Fachverband Pflanzenkohle 2020d).


Thema ‚Terra Preta als Kohlenstoffsenke‘:

  • Das industrielle Herstellungsverfahren ist wesentlich aufwändiger als obige Beschreibung nahelegt und hochgradig kompliziert, so es (und nur das macht Sinn) umweltschonend und energiearm sein soll:
    • „Die Pyrolysetechnik ist grundsätzlich mit erheblichen Emissionsrisiken verbunden, da sich giftige Gase und Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) bilden können, bei Anwesenheit von Chlor aber auch Dioxine. Nur bei sauberster und kontrollierter Prozessführung kann dieser Technik überhaupt zugestimmt werden“ (2015, 5 u. vgl. Ullum 2016, 11).
  • Privatanlagen werden i.d.R. nicht die für einen ‚sauberen‘ Prozess notwendige Temperatur erreichen (vgl. 2015, 6), womit hier insgesamt schon überdeutlich anklingt, dass das Verfahren für eine globale Nutzung zur Reduktion von CO2 nicht taugt.
  • Die für umwelteffizientes Verfahren notwendigen hohen Temperaturen werden ohne weitere (die Ökobilanz schmälernde) Energiezugabe nur erreicht, wenn Hartholz mindestens Teil des Ausgangsmaterials ist1, sodass im Einklang mit der deutschen Düngemittelverordnung (DüMV) derzeit nur Pflanzen- bzw. Holzkohle z.B. aus Stark- und Kernholz zugelassen ist (vgl. Solokow 2019).
  • Ohnehin scheint es (die Temperaturfrage und DüMV mal beiseitelassend) viel zu wenig Ausgangsmaterial zu geben, um z.B. in Deutschland durch eine umfangreiche Terra Preta-Produktion CO2-Budget-relevant Kohlenstoff in den Boden einzutragen (vgl. Solokow 2019).
    • Der BUND schließt viele von Befürwort*innen vorschlagende Ausgangsmaterialien2 aus und argumentiert, dass diese bei einer Betrachtung des Gesamtsystems ‚Natur‘ auf andere Weise vorteilhafter verwertet/genutzt werden können. So werden „Getreidestroh und andere Ernterückstände (Kartoffelkraut und Rübenblätter) … wie andere als Grundlage für den Humusaufbau gebraucht…, Waldrest- und Schwachholz sollten aus dem gleichen Grund im Wald verbleiben, Grünschnitt aus Kompensationsflächen sollte nur bei gewollter Verhagerung entfernt werden… Selbst bei Nutzung all dieser [vom BUND als möglich erachteten] Ressourcen ließ sich tatsächlich nur 1 bis ca. 3% der [für den Klimabeitrag] benötigten Biokohle herstellen“ (2015, 8).
    • Der BUND sieht im Bereich organischer Abfallstoffe wie „Klärschlamm und Abfälle aus Gewerbe und Industrie“ (ebd.) des Weiteren die „große Gefahr kriminellen Missbrauchs, wie er jetzt schon im Abfallbereich nicht selten ist“ (ebd., 6), sodass das Bundesbodenschutzgesetz (BBodSchG) und die Düngemittelverordnung (DüMV) hier mit gutem Grund zurzeit nur „den Einsatz von Holzkohle … im Kultursubstrat zur Pflanzenanzucht oder als Träger für Düngemittel“ (ebd., 7). Und das Ausgangsmaterial dieser Holzkohle ist reguliert und hat derzeit zugunsten des Bodenschutzes – wie die Wortwahl schon zeigt – aus Holz zu bestehen. Würde Pflanzenkohle lukrativ und stark nachgefragt, bestünde die Gefahr, dass ungeeignetes, anders umweltgerechter zu verwendendes sowie extra angebautes Ausgangsmaterial (‚Anbaubiomasse‘) zum Einsatz käme (vgl. ebd., 5). Der regulative Aufwänd würde entsprechend hoch ausfallen.

Und:

  • „Ginge es nur um den Klimaeffekt der Pyrolysekohle, so ließen sich holzige Abfälle stattdessen besser in effizienten KWK-[Kraftwärmekopplungs]Anlagen zum Ersatz von fossilen Brennstoffen verstromen“ (ebd., 13).
  • Das Fazit des BUND lautet deshalb, dass es durchaus weiterhin Forschungsbedarf gebe, [a]ber zum jetzigen Zeitpunkt … eine breite Anwendung nicht empfehlenswert [ist:] Die möglichen positiven Effekte als Kohlenstoffsenke können die genannten Risiken nicht kompensieren“ (ebd., 14-15).
Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Auch bei niedrigeren Temperaturen kann man Terra Preta herstellen, wie es eben auch den historischen Produzent*innen gelang – aber das geschah in einer leeren Welt und es war seinerzeit auch nicht das Ziel, das Verfahren umweltgewinnend als CO2-Senke einzusetzen. In unserer ‚vollen‘ Welt hingegen haben wir aufzupassen, dass wir uns nicht durch die Hintertür einer zunächst vielversprechenden ‚Neu’erfindung andere neue Probleme schaffen.

2 Zur Verwertung werden pflanzliche Abfälle vorgeschlagen wie bspw. Laub, Hecken- und Grünschnitt, Getreidespreu „sowie anderer [eher trockene, nährstoffarme] Rest-Biomassen z.B. aus der Lebensmittelindustrie“ (Fachverband Pflanzenkohle 2020a). Seit Januar 2020 ist Pflanzenkohle im EU-Bioanbau zugelassen (vgl. Fachverband Pflanzenkohle 2020b).


Somit ergibt sich m.E. das Gesamtbild, dass die Herstellung von Terra Preta zwar eine sehr hoch zu bewertende historische Leistung ist und isoliert für sich genommen und theoretisch betrachtet eine Kohlenstoffsenke sein kann, aber alles in allem insbesondere an den Realitäten ‚zu wenig Ausgangsmaterial‘, ‚zu komplexer Produktionsprozess‘, ‚zu hoher Regulierungs- und Kontrollaufwand‘ nicht wirklich sinnvoll ist.

  • Hier spielen ein weiteres Mal auch mögliche Rebound-Effekte (vgl. S. 257), hinein. Für jeden Produktionsprozess bedarf es erheblicher, zu bauender Infrastruktur. All das Ausgangsmaterial hat modellhaft ausgedrückt beschafft, transportiert, gelagert, auf Schadstoffe geprüft, aufbereitet, zwischengelagert, ein weiteres Mal transportiert und erneut gelagert zu werden. Einfach erscheinende Lösungen, die auch mal suggerieren, eine Verhaltensänderung des Menschen in der Klimakrise sei gar nicht notwendig, scheitern oftmals an diesem simplen Punkt, nämlich, dass der Gesamtenergiebedarf der ‚einfachen Lösung‘ übersehen wird. Letztlich führt kein Weg an der Erkenntnis vorbei, dass nur ein absolutes ‚Weniger‘ in allen Lebensbereichen wirklich weiterhilft
…mehr

Im Juli 2020 berichtet der Spiegel über eine Studie zu einem weiteren Verfahren, mit dem möglicherweise Kohlendioxid durch Einbringung von Stoffen in die Felder aus der Atmosphäre gezogen werden könnte: Enhanced Rock Weathering (ERW), also die ‚Beschleunigte Gesteinsverwitterung‘. Hier möchte man sich zunutze machen, was ohnehin Gebirgen relevant mit Basaltgestein geschieht: Es verwittert CO2-bindend zu Karbonaten. Der ohnehin beim Bergbau abgetragene und als in der Zement- und Stahlproduktion übrigbleibende Basalt soll demnach zerkleinert als Steinstaub in großem Maßstab auf Felder aufgebracht werden und zugleich einen nährstoffsteigernden Effekt haben. Bei nachfolgender Einspülung ins Meer wirke es der Versauerung entgegen. Die Studie spricht von 2 Mrd t CO2; eine Studie des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) sprachen schon vor zwei Jahren von 5 Mrd t CO2 (vgl. Götze 2020). Wie bei Terra Preta klingt das erst mal vielversprechend. Bis man sich klar macht, wie viel Energie und Kontrollen notwendig sind, bis das Zeug auf den Feldern gelandet ist. Dann sind wir wieder beim: Rebound.


Der BUND gibt ergänzend zu bedenken, dass die Einbringung von Terra Preta nur bei ökologischer, humusaufbauender Agrarkultur angezeigt ist, weil eben nur sie diesen humusaufbauenden Prozess stützt und bei konventionell-industrieller Stickstoffdüngung keinen Sinn macht (vgl. ebd., 10) – was bedeutet, dass in Deutschland derzeit überhaupt nur 6% der Feldflächen in Frage kämen (vgl. ebd.).

Und dieser Aspekt bzw. dieser Gedanke führt uns zurück zu dem allgemeineren Thema ‚Humusaufbauende Agrarkultur‘, welche eben ja auch unabhängig von Terra Preta erheblich zur Kohlenstoffbindung im Boden beiträgt – und eben auf 94% der Felder noch gar nicht als Kohlenstoffsenke genutzt wird. Hier liegt ein unglaublich hoher Mehrwert, der einen speziellen, aufwändigen Produktionsprozess wie bei Terra Preta gar nicht benötigt:


Humusaufbau als große CO2-Senke

„Ein Humusaufbau von nur einem Prozentpunkt auf diesen [bisher global als Acker- und Weideland genutzten, zurzeit etwa durchschnittlich 2% Humus enthaltenen] Flächen könnte 500 Gigatonnen CO2 oder 135 Gigatonnen Kohlenstoff aus der Atmosphäre holen, was einer Reduzierung von 64 ppm (parts per million) entspräche. Das brächte den heutigen CO2-Gehalt in der Atmosphäre auf weitgehend ungefährliche 336 ppm. Steigen die Emissionen allerdings weiter auf 550 ppm an und sollen dann auf das vorindustrielle Niveau von 280 ppm zurückgebracht werden, müsste der Humusanteil in den globalen Böden im Extremfall auf gut vier Prozent gesteigert werden – höchst anspruchsvoll, aber auch nicht völlig unmöglich“ (Scheub/Schwarzer 2017, 63, vgl. ebd., 65).

Generell ist das so unmöglich nicht:

Wichtig dazu ist zu wissen, dass die globalen Böden ohnehin und derzeit etwa 2 bis 3 Mal so viel Kohlenstoff enthalten wie die gesamte Atmosphäre (vgl. 4p1000, 2015a).

Und:

Scheub/Schwarzer weisen darauf hin, dass ein Geologe im Südosten Australiens Mitte des 19. Jahrhunderts Böden auf ihren Kohlenstoffgehalt hin untersuchte:

  • „Die zehn produktivsten Böden wiesen Niveaus an organischer Substanz zwischen 11% und 37,75% auf. Die zehn am wenigsten produktiven Böden bewegten sich zwischen 2,2% und 5%. Heutzutage gilt jeder landwirtschaftlicher Boden mit einem Anteil von 5% als extrem reich“ (2017, 65).

Womit überaus deutlich angedeutet ist, wo die Menschheit heute steht in Sachen Bodendegration – und was eigentlich möglich wäre.

Scheub/Schwarzer bieten hier also – ähnlich wie die Verfechter*innen einer umfassenden globalen Aufforstung – eine umfassende Lösung an, wie der Atmosphäre mittelfristig riesige Mengen CO2 entzogen und gleichzeitig die erodierten Böden dieser Welt zugunsten der Ernährungssicherheit der Menschheit regeneriert werden könnten. Bei allem hier verlautbarten Optimismus wird es niemals die eine Lösung sein, die die Klimaherausforderung meistert. Was hier jedoch definitiv abzulesen ist, dass Humus-Aufbau eine scharfe Waffe ist, die wir Menschen nutzen können, um einen wichtigen großen Schritt nach vorn zu kommen.

Wichtig ist dabei herauszustellen, dass uns ein solches Vorgehen lediglich Zeit verschafft, um unsere ölgetränkte Fossilwirtschaft umzustellen, denn der Humusboden nimmt ja nicht künftig noch mehr und noch mehr CO2 auf. Wir können vereinfacht ausgedrückt einmal eine relevante Menge CO2 in die Böden bringen und den so gesättigten Boden weiterhin pflegen. Aber eine Klimaneutralität ist allemal trotzdem – und zwar sehr schnell – erforderlich.

Die ‚4 per 1000‘-Initiative rechnet derweil auf dem Boden der eher konservativen Angaben des IPCC vor, dass ein jährlicher Humusaufbau von 4 Promille, d.h. 0,4%, ausreichen würde, um bei Umsetzung entsprechender Maßnahmen – die neben Bodenregeneration durch die Nutzung von Kompost z.B. auch Wiederaufforstung und Bäumepflanzen beinhalten –, umgehend alle jährlich hinzukommenden CO2-Emissionen wieder aus der Atmosphäre zu ziehen (vgl. 4p1000, 2015 u. 2018).

Details

Der IPCC geht laut Scheub/Schwarzer von einen globalen jährlichen Kohlenstoff-Speicherpotenzial von 0,8-1,2 Gt aus, FAO von 3 Gt, Rattan Kal von der Uni Ohio von 2,5-5 Gt (vgl. 2017, 69).

Wenn also der „zertifizierte Ökoanteil der Landwirtschaft [in Europa] bei 5,7 Prozent [liegt]“ (Scheub/Schwarzer 2017, 113), in Deutschland bei 6,5 (vgl. ebd.), dann bedeutet das, dass allein durch die Umstellung von konventionell auf Kompost riesige Mengen an CO2 in den Boden gebracht werden könnten:

Scheub/Schwarzer weisen darauf hin, dass man „[m]it Leguminosen … etwa 2 Tonnen CO2 pro Hektar und Jahr speichern, mit organischem Dünger etwa 3,5 Tonnen, mit Kompost 8,2“ (2017, 113).

Es folgt:

  • „Weltweit könnten durch klimaschonende Verfahren im Ackerbau und bei der Tierhaltung laut IPCC langfristig 2,3 bis 9,6 Milliarden Tonnen Treibhausgase pro Jahr gespart werden“ (Berkel 2019).

Davon sind wir weit entfernt.

Absurd ist, dass mit Terra Preta, Steinstaub etc. immer wieder neue Methoden vorgeschlagen werden. Es liegt viel näher, einfach durch eine umfassende Agrarwende den Stickstoff aus der Rechnung zu nehmen.

  • Nicht nur würden diese Emissionen verschwinden, sondern gleichzeitig würden die regenerativen Methoden aktiv Kohlenstoff in die Erde bringen. Und diese Form der Kohlenstoffbindung im Grunde ist genommen nichts anderes als natürliche negative Emissionen – etwas was in diesen Zeiten sehr erstrebenswert ist.


Es gibt weitere Argumente, auf regenerative/bodenbewahrende Agrarkultur zu setzen und das System ‚konventionelle Landwirtschaft‘ auf den Kopf zu stellen:


Konventionelle Landwirtschaft & Artenvielfalt

„Schädlinge profitieren von großen Monokulturen und davon, dass die immer gleichen Pflanzen auf dem Acker stehen. Eine Diversifizierung mit vielen Kulturarten, langen Fruchtfolgen und kleinen Feldern hilft, die Vielfalt der Insekten zu erhalten und damit ein für die Landwirtschaft günstigeres Gleichgewicht zwischen Schädlingen und Nützlingen sicherzustellen“ (Tscharntke 2020, 13).

Umgekehrt bedeutet das:

„Die Vielfalt an Insekten in Agrarlandschaften ist immer dann besonders hoch, wenn viele kleine Felder mit unterschiedlicher Nutzung aneinandergrenzen“ (Scherber 2020, 27).

  • „Eine in Deutschland erstellte Metastudie aus vielen Einzeluntersuchungen weist nach, dass auf ökologisch bewirtschafteten Flächen 23 Prozent mehr blütenbesuchende Insektenarten vorkommen als auf konventionellen Flächen. Es gibt im Mittel 30 Prozent mehr Wildbienen- und 18 Prozent mehr Tagfalterarten. Nicht nur die Vielfalt der Insekten ist beim ökologischen Landbau besser, auch ihre Anzahl erhöht sich: Im Durchschnitt sind 26 Prozent mehr Blütenbesucher auf den Bioflächen vorhanden, und die Anzahl der Tagfalter ist sogar um fast 60 Prozent erhöht. Ein häufig genutzter Indikator für Biodiversität und Insekten sind Feldvögel. Auf Ökoflächen finden sich 35 Prozent mehr Arten, die dort zudem um 24 Prozent häufiger vorkommen“ (Wenz 2020, 40).

Barbara Unmüßig von der Heinrich-Böll-Stiftung, Olaf Brandt vom Nabu und Barbara Bauer von Le monde diplomatique fassen zusammen:

  • „Insektenschutz zahlen wir nicht an der Ladenkasse. Die Bäuerinnen und Bauern bekommen ihn nicht entlohnt. Genau das muss aber passieren – am besten in dem die EU die fast 60 Milliarden Euro jährlich, mit denen sie die europäische Landwirtschaft unterstützt, zielgerichtet für eine Insekten- und klimafreundliche Landwirtschaft einsetzt“ (Unmüßig et al. 2020, 7).

Status quo der EU-Förderprinzipien für die industrielle Landwirtschaft

Zurzeit läuft die Landwirtschaftsförderung der EU nach dem Flächenprinzip: „Wer viel Fläche hat, bekommt viel Geld. Sie[, die EU,] formuliert weder konkrete Ziele für den Arten- und Klimaschutz, noch verpflichtet sie die Mitgliedsstaaten, einen bestimmten Anteil der Agrarförderung für ökologische Ziele einzusetzen“ (Bender 2020, 37).

Die finanziellen Mittel der der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) betragen fast 60 Milliarden pro Jahr. „Das Geld wird pro Hektar Fläche vergeben. Die größten Betriebe bekommen das meiste, während Programm für den Erhalt kleiner Bauernhöfe völlig unterfinanziert sind“ (Unmüßig et al. 2019, 6): „Im Jahr 2016 erhielten… rund 1 Prozent aller Betriebe rund 20 Prozent der Direktzahlungen“ (Schmid/Häger 2019, 20).

  • „70 Prozent der EU-Gelder werden pro Hektar ohne weitreichende Auflagen ausgegeben. Wer viel Land bewirtschaftet, bekommt viel Geld“ (Agrar-Atlas 2019, 8).
  • „Auf der anderen Seite machen kleine Höfe mit weniger als zehn Hektar und einer zumeist vielfältigen Produktion rund 80 Prozent aller Agrarbetriebe in der EU aus. Doch sie nehmen nur zehn Prozent der verfügbaren Landes in Anspruch“ (Becheva/Rioufol 2019, 18).
  • „In der EU haben zwischen 2003 und 2013 ein Drittel aller Bauernhöfe aufgegeben. Heute bewirtschaften 3,1 Prozent aller Betriebe mehr als die Hälfte des Agrarlandes“ (Agrar-Atlas 2019, 9).
  • „[I]m Jahr 2013 [wurden] mehr als die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen in der Europäischen Union von nur 3,1 Prozent der Betriebe genutzt, während, drei Viertel von ihnen mit nur 11 Prozent der Fläche auskommen musste… In vielen EU-Staaten werden [die entscheidenden] Direktzahlungen … nur an Betriebe mit mindestens einem Hektar Anbaufläche ausgezahlt. Das macht Millionen Betriebe, die kleiner sind, praktisch ‚unsichtbar‘. Ohne Beihilfen oder andere Unterstützung bleibt ihnen nur die Wahl, den Betrieb zu verkaufen oder aufzugeben. Auf diese Weise ist beispielsweise in Bulgarien die Produktion von Gemüse und Fleisch, die auf kleiner Fläche erfolgreiche funktionierte, zurückgegangen und machte Getreidemonokulturen Platz“ (Bîrhala 2019, 24-25).


Eine neue im Sommer 2020 veröffentlichte Studie zeigt ein weiteres Mal, wie wenig die bisherige EU-Agrarpolitik geeignet ist, die bisherige Landwirtschrift zukunftsfähig zu machen:

  • „Von den 54 Milliarden Euro Subventionen, die jedes Jahr an die Landwirte überwiesen wurden, waren demnach nur vier Prozent ausdrücklich für klima- und umweltfreundliche Produktionsmethoden vorgesehen“ (Finke/Liebrich 2020).


Auf dem Papier gibt es in der EU durchaus Regelungen, die den Einsatz von Pestiziden und Bodenerosion reduzieren sollen. So verlangt die EU seit 2015 zur Vermeidung von großflächigen Monokulturen, „dass Betriebe mit einer Ackerfläche von mehr als zehn Hektar mindestens zwei, ab 30 Hektar mindestens drei Fruchtarten anbauen müssen… [Soweit ein Schritt in die richtige Richtung, doch hält d]as deutsche Umweltbundesamt … diese Vorschrift für wirkungslos. Denn die EU hat ein Schlupfloch eingebaut: Auf 75 Prozent der Flächen eines Betriebs gilt diese Regel nicht. Dort werden Monokulturen geduldet“ (Neumeister 2019, 30).

Gerne beruft man sich dann darauf, dass man als Einzelstaat nicht gegen die Vorgaben aus Brüssel handeln könne. Nun, Dänemark kann. Wie sooft ist das Land Vorbild, in diesem Fall mit einer Pestizidsteuer:

  • „Sie hat dazu beigetragen, dass sich der Pestizideinsatz zwischen 2013 und 2015 halbiert hat, und sie führte zu Einnahmen von 70 Millionen Euro jährlich, mit denen dänische Bauern und Bäuerinnen für geringere Erträge entschädigt wurden“ (Chemnitz 2020, 38).

Update Juli 2020:

Die GAP wird alle sieben Jahre neugefasst: Derzeit wird für den Zeitraum ab 2021 verhandelt. Deutschland hat derzeit die EU-Ratspräsidentschaft inne und könnte daher die Federführung übernehmen, um in der Schlussverhandlungsphase eine nachhaltigere Landwirtschaft zu befördern:

  • „Rund 387 Milliarden Euro wollen die EU-Staaten bis 2027 bereitstellen, um die Landwirtschaft zu fördern. Das ist ein Drittel des gesamten EU-Haushalts. Das Geld könnte auch dafür genutzt werden, den Klimawandel zu bekämpfen. Für keine andere Branche steht ein derart mächtiges [Klima-]Steuerungsinstrument zur Verfügung“ (Schaible 2020).

Tilman von Samson, FFF, kommentiert die Verhandlungen zum GAP wie folgt:

  • „Man muss sich klarmachen, dass die GAP eine Klimaentscheidung ist – wahrscheinlich eine der größten des Jahrzehnts“ (zit. ebd.).

Nach Ansicht von 3.600 Wissenschaftler*innen geht der grundlegende, die Verhandlungen massiv beeinflussende

  • „Vorschlag der Europäischen Kommission für den Zeitraum nach 2020 … nur unzureichend auf Umweltprobleme und auf Herausforderungen der Nachhaltigkeit ein … und führt mit großer Wahrscheinlichkeit zu einem ‚Business-as-usual-Szenario‘“ (Nabu 2020, 2).

Fazit Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft

Gegen Bio wird gern eingewendet, die Produktion sei teuer. Sie ist fraglos arbeitsintensiver – ergo: Sie schafft mehr Arbeitsplätze. Bio ist auch deshalb weniger billig, weil keine (bzw. entscheidend weniger) Kosten externalisiert werden. Die Preise sind folglich: realistisch. Würde Bio zum Standard, würde die Massenproduktion kostenreduzierend wirken. Auch würde der Kostenaufwand der Zertifizierung entfallen.

Eine globale bodenbewahrende Agrarkultur mit einer Tierwohl-orientierten und in diesem Sinne begrenzten Tierhaltung besitzt folgende vorteilhafte Eigenschaften:

Keine statt sehr hohe Lachgasemissionen | Wesentlich weniger Methan-Emissionen | CO2-bindender Humus-Aufbau mit relevanten, zeitverschaffenden globalen CO2-Emissions-Reduktionen | Bewahrung/Verbesserung der Trinkwasserqualität | Zukunftssicherung von lebendigen Böden zugunsten globaler Ernährungssicherheit | Regenerierung von Böden, die komplett erodiert waren – auch in wüstenähnlichen Gegenden; wirkt der Desertifikation entgegen, daher massiver Beitrag zu Klimagerechtigkeit | In diesem Sinne auch Konflikt-vermeidend und somit friedensstiftend | Mehr Tierwohl (auch im Boden!) | Weniger/keine Pestizide, kein Glyphosat, d.h. gesündere Produkte | Starker Beitrag zur Reduzierung des begonnenen sechsten Massenaussterbens

insbesondere hinsichtlich Insekten und Vögel | keine Handbestäubung, keine Roboterbienen1 | kleinere Höfe, mehr Selbstbestimmung, weniger Kapital- und Konzernlogik, weniger Abhängigkeit von dem Geschäftsgebaren von Großunternehmen, teilweise regionalere Lieferketten | keine Hybridpflanzen2, daher keine Abhängigkeit von Saatgutunternehmen | keine Gen-Technik | Weniger Landgrabbing, weniger Vertriebene | Regenwalderhaltung | Global viel mehr Arbeitsplätze


Diese Liste ist zweifellos ebenso lang wie beeindruckend – was also steht einer hinsichtlich Mensch, Tier, Umwelt, Klima so vielfältig vorteilhaften und m.E. keine Nachteile mit sich bringenden bodenbewahrenden Agrarkultur im Wege?

Das Geld, wie es derzeit ‚funktioniert‘ | Der Finanzialismus, Shareholder Value, Aktionär*innen, Pensionsfonds, Agrarkultur entzieht sich ein stückweit der Quantifizierung und dem kurzfristigen Geschäft | Agrarchemie-/Landmaschinen/Saatgut-Großkonzerne bzw. Großkonzernlogik | Großgrundbesitzer*innen | Lobbyist*innen als Handlanger*innen | Korruption –

in einem Satz:

Das viele Geld der Wenigen.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Aspekt ‚Roboterbienen‘ vgl. Abschnitt Klimakrise als Chance, S. 455; Handbestäubung: In China, konkret in Hanyuan, einer hoch gelegenen Bergregion Sichuans und dort auf einige Dörfer eingegrenzt, wurden vornehmlich in den 1980er und 1990er Jahren Blüten mit der Hand bestäubt, „weil übermäßiger Pestizideinsatz den Bestand der Bestäuberinsekten stark reduziert hatte. Außerdem hatten viele Obstbauern selbststerile Apfelbäume, nicht aber die erforderlichen Apfelsorten für eine Kreuzbestäubung gepflanzt. 25 bis 30 Prozent solcher Kreuzbestäuber werden in einer Plantage gebraucht, in den betroffenen Dörfern gab es aber weniger als 10 Prozent… Inzwischen sei die Handbestäubung in Han­yuan aufgrund stark gestiegener Löhne unrentabel und weitgehend eingestellt worden… Die Zahl der Bienenvölker ist in China in den vergangenen 50 Jahren kontinuierlich von 3,7 auf über 9 Millionen angestiegen“ (Asendorpf 2018; vgl. Film-Doku ‚More Than Honey‘, in der dieser Vorfall offensichtlich nicht zutreffend ungleich dramatischer geschildert wird).

2 Hybridpflanzen sind ‚Einwegpflanzen‘, gehen aus Hybridsaatgut hervor, welches durch Kreuzung zweier genetisch deutlich unterschiedlicher Inzuchtlinien, die über mehrere Generationen auf bestimmte Eigenschaften zielend gezüchtet werden, entstanden ist und sozusagen dann ‚best of both worlds‘ beinhaltet. Die so entstandenen Pflanzen bzw. Feldfrüchte gelten als größer und widerstandsfähiger (‚Heterosis-Effekt‘). Hybridsorten sind oftmals nicht saatfest. Selbst wenn sie nicht steril sind, weist die Folgegeneration nicht mehr stabil die optimalen Eigenschaften der Hybridgeneration auf. Daher hat das Saatgut Jahr für Jahr neu erworben zu werden – was Abhängigkeiten schafft und gerade auf globaler Ebene äußerst problematisch sein kann. Der Übergang zwischen ‚Züchtung‘ und ‚Gentechnik‘ ist bei Hybridsorten heute als fließend zu bezeichnen, vgl. die in der EU als nicht gentechnisch verändert geltenden sog. CMS-Hybride, d.h. Hybride mit cytoplasmatischer männlicher Sterilität (vgl. Pflanzen.Forschung.Ethik 2017, Pflanzenforschung 2020, Ländle o.J., Gartenrevue o.J., Heistinger o.J., transgen 2013). Bei „Mais und Roggen … haben sich Hybridsorten weitgehend durchgesetzt. Bei Zuckerrübe, Raps oder Sonnenblumen sind sie weit verbreitet, ebenso wie [bei] Tomaten, Brokkoli oder Rosenkohl. In Deutschland wird der Anteil der Hybridsorten bei den gängigen Gemüsesorten auf etwa 70 Prozent geschätzt“ (Pflanzen. Forschung. Ethik 2017). Die Agrarwissenschaftlerin Andrea Heistinger ergänzt: „In den letzten Jahrzehnten ist der Anteil von Hybridsorten rasant gestiegen. Zum Beispiel liegen bei Tomate, Paprika oder Chinakohl die Anteile mittlerweile bei rund 80 Prozent Hybridsorten. Mit dem Aufkommen der Hybride wurden viele samenfeste Sorten vom Markt genommen… [Kein Wunder:] Etwa 95 Prozent des EU-[Saatgut-]Marktes liegen in den Händen von nur fünf Unternehmen“ (o.J.). | Kurz sei an dieser Stelle darauf verwiesen, dass „Pink Lady … der Name eines Apfels [ist], der zur globalen Marke wurde. Während Sorten wie Braeburn oder Boskop von jedermann angebaut werden dürfen, kontrollieren die Inhaber der Pink-Lady [-Sorten-und-Marken]-Rechte die gesamte Wertschöpfungskette“ (Fulterer 2020, 27). „Wer sie anbaut, unterwirft sich totaler Kontrolle“ (ebd.). Da für diesen ‚Premiumapfel‘ höhere Marktpreise üblich sind, erwirtschaften die anbauenden Betriebe mehr, zahlen allerdings auch hohe Preise für die Bäume sowie auf Grundlage der Erntemenge rund 5% Lizenzgebühr (vgl. ebd.).


Quellen des Abschnitts Bodenbewahrende Agrarkultur vs. konventionelle industrielle Landwirtschaft



Zu viele Tiere auf zu wenig Raum >> Trinkwasserschädigung durch Nitrat

Nitratbelastung des Trinkwassers

Stephan Schumüller, Chef des Wasserverbands Garbsen-Neustadt:

  • „Nitrat im Wasser … [können] Sie … weder sehen noch schmecken“ (Jüttner 2019, 34).

Stickstoff als Dünger: Aus Stickstoffüberschüssen (=Überdüngung) wird Nitrat.

  • Gülle und Kunstdünger sorgen durch den hier enthaltenen Stickstoff für besseres Pflanzenwachstum und reichere Ernten.
  • Alles, was die so gedüngten Pflanzen nicht aufnehmen, geht ins Trinkwasser bzw. geht via Auswaschung/Regenwasser in Gewässer, Bäche und Flüsse.
  • Alle mit Stickstoff versorgten Pflanzen wachsen ‚besser‘ – also auch
    • die zwangsweise gedüngten Bäume, die durch unnatürlich verstärktes Wachstum anfälliger werden und
    • die Algen in Gewässern. (Es entstehen großflächige Algenblüten, deren Zersetzung dem Gewässer Sauerstoff entzieht, der dann anderen Lebewesen des Meeres nicht mehr zur Verfügung steht. Der Prozess nennt sich Eutrophisierung – es entstehen aufgrund des Sauerstoffmangels Totzonen in Ozeanen (s.a. Abschnitt Sechstes Massenaussterben, S. 669ff., vgl. Jüttner 2019, 34 u. UBA 2010).


Auch für den Menschen ist Nitrat unmittelbar schädlich:

  • „Menschen sollten möglichst wenig Nitrat aufnehmen, weil es im Körper in Nitrit und Nitrosamine umgewandelt werden kann, Stoffe, die als krebserregend gelten“ (Jüttner 2019, 34).


Nitratentfernungsanlagen sind sehr teuer1, sowohl einzeln als auch hochgerechnet auf den potenziellen Bedarf an solchen Anlagen in Deutschland – wesentlich sinnvoller und zudem günstiger ist es, das Problem an der Wurzel zu packen und noch punktgenauer und letztlich eben deutlich weniger mit Gülle und Kunstdünger zu düngen (vgl. ebd., 35).

Details: Nitratentfernungsanlagen

In Frankreich investieren die Wasserwerke mit Stand 2011 jährlich 1,5 Mrd Euro, „um die Grenzwerte für Pestizide und Nitrat einhalten zu können“ (Löwenstein 2015), was die Verbraucher*innen über den Wasserpreis bezahlen, „obwohl die Landwirtschaft den Schaden verursacht hat“ (ebd.). Die Reinigung des gesamten Grundwasserreservoirs Frankreichs würde 50 Mrd Euro kosten. „Das entspricht der Bruttowertschöpfung der französischen Landwirtschaft eines ganzen Jahres. …Die Schäden, die zum Beispiel mit der Muschelzucht verursacht werden oder durch den Verlust an Tier- und Pflanzenarten, kommen oben drauf. Außerdem erleidet der Tourismus Einbußen durch die Algenplage, es gibt gesundheitliche Beeinträchtigungen durch Pestizide in der Luft und in der Nahrung“ (ebd.).

  • Es ist explizit herauszustellen, dass das Nitrat-Problem ausschließlich durch
  • konventionell-industrielle Landwirtschaft inkl. Massentierhaltung bzw.
  • die Agrarpolitik und der Art der Ausgestaltung von Subventionen z.B. von EU und Deutschland

verursacht wird.


Eine Nuance entschärft werden diese Aussagen durch folgenden Hinweis:

  • „Allerdings nehmen Menschen schätzungsweise [derzeit] nur ein Viertel der täglichen Nitratmenge aus Trinkwasser auf. Größere Mengen stecken in Gemüse und Salat“ (ebd., 36).

Ein Viertel ist ein Viertel – und diese Aussage ändert nichts daran, dass wir das Grundnahrungsmittel ‚Trinkwasser‘ möglichst sauber von Nitrat und Pestiziden zu halten haben.

  • Das sieht auch die EU-Kommission so, die alles andere als zufrieden mit dem Zustand des Trinkwassers in Deutschland bzw. der hiesigen Düngepraxis ist. In der Folge hatte die EU-Kommission Deutschland am Europäischen Gerichtshof verklagt. Das Urteil erging 2018. Somit lagen hohe Strafzahlungen in der Höhe von täglich 850.000 Euro an die EU in der Luft. Diese wurden nun durch die Neuregelung des Düngerechts, welches etwas strengere Dünge-Auflagen vorsieht ohne das grundlegende Problem anzugehen, abgewendet (vgl. Spiegel 2020).


Das Schlusswort gehört hier Michael Kopatz:

  • „Viele Wasserwerke sind inzwischen dazu übergegangen, gutes mit schlechtem Wasser zu vermischen, um Grenzwerte einzuhalten. … Gegenwärtig fördern die Wasserwerke teilweise schon 150 Jahre altes, unbelastetes Wasser, um das Nitratproblem in den Griff zu bekommen“ (2016, 84).

Quellen des Abschnitts Zu viele Tiere auf zu wenig Raum >> Trinkwasserschädigung durch Nitrat



„Wir sind Soja-Junkies – und haben es gar nicht gemerkt.“ (Asendorpf 2018)

Landwirtschaft global: Der destruktive Kreislauf rund um die Fleischindustrie

Globaler Kreislauf Station 1:
Tierfutter-Produktion in (Süd-)Amerika.

Anton Hofreiter, Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen auf der internationalen Agrar-Konferenz Hunger auf Veränderung 2016:

  • „Wir nehmen allein in Südamerika als Bundesrepublik Deutschland eine Ackerfläche von der Größe von Mecklenburg-Vorpommern in Anspruch, um die Tierfabrik (mit jährlichen 800 Mio Schlachttieren) in Deutschland am Laufen zu halten“ (Hofreiter 2016).

Bei diesem Tierfutter handelt es sich i.d.R. um Soja. Genauer: Um Gen-Pflanzen, deren Saatgut patentiert ist, also jährlich neu gekauft werden muss – und zwar vom gleichen Unternehmen, dass auch das ‚passende‘ Unkrautvernichtungsmittel bereithält: Die Pflanzen sind resistent gegen Glyphosat, das z.B. unter dem Markennamen ‚Roundup‘ von Bayer/Monsanto hergestellt wird.

  • Soja „bringt es … [in Brasilien] auf zwei Ernten pro Jahr, im kälteren Europa höchstens auf eine“ (Asendorpf 2018).
  • „Heute liegt der Anteil transgener Soja in allen Hauptanbaugebieten über 90 Prozent“ (ebd.).


Mit anderen Worten: Die heilige Kuh namens ‚keine Gen-veränderten Lebensmittel‘ ist zwar nach wie vor einen Aufreger wert – aber was die angeblich Gentechnik-freien Kühe gegessen haben, interessiert dann doch keine Sau.

  • Für den immer größer werdenden Bedarf an Tierfutter wird in Südamerika weiterhin und umfassend Regenwald gerodet (vgl. Aspekt Fleisch & Treibhausgase, S. 549f.).
    • Ein Fleischstück ist ein Stück Regenwald.
    • Umweltschützer*innen werden nicht selten umgebracht. Mindestens 212 wurde allein im Jahre 2019 getötet (vgl. SZ 2020). „Die meisten Morde an Umweltaktivisten wurden dem Bericht zufolge in Kolumbien (64), den Philippinen (43) und Brasilien (24) verübt … Besonders häufig hatten sich die getöteten Aktivisten gegen umweltschädlichen Bergbau (50), Landwirtschaft (34) und Forstwirtschaft (24) eingesetzt“ (SZ 2020).
    • Indigene und ‚kleine‘ Bauern werden von ihren seit Generationen bestellten Feldern vertrieben und um ihre Existenz gebracht, arbeiten des Öfteren nun auf ihren ehemaligen Feldern für einen Hungerlohn – und tatsächlich, viele hungern (vgl. Doku ‚We Feed The World‘ von Erwin Wagenhofer, 2005 – und
    • der brasilianische Bundesstaat „Mato Grosso“ muss sich eigentlich einen neuen Namen suchen, denn „Großer Wald“ trifft nicht mehr zu, mehr noch, „[h]eute ist der Bundesstaat fast gänzlich entwaldet“ (Franzen/Aders 2020, 9).
    • Fläche Sonja-Anbau in Brasilien: 1990 = 11 Mio Hektar | 2018 36 Mio Hektar (vgl. Santos 2020, 20)
    • USA, Argentinien und Brasilien = 80% der globalen Sojaproduktion (vgl. ebd.)


>> Alles hängt mit allem zusammen:
„[F]ür neues Weideland oder Futtermittelanbau Wald [wird] gerodet oder Grünland zu Ackerland umgebrochen … So schwinden die Lebensräume der Insekten“ (Santos 2020, 20).


Interessanterweise werden zumindest Rinder in Deutschland seit einigen Jahren zu einem großen Teil nicht mehr mit Soja, sondern mit billigem Rapskuchen gefüttert. Das ist der eiweißhaltige Rest, der von Raps bleibt, wenn man ihn für den Biodiesel ausgepresst hat. Eine merkwürdige Entwicklung, zu der die ‚Beimischungspflicht von Pflanzenöl bei Dieselkraftstoff‘ geführt hat. Diesen Rapskuchen zu verfüttern ist nicht nur billig, sondern erhöht den Wert des Rindfleisch- und Milchproduktes, weil man es als in jeder Hinsicht Gentechnik-frei verkaufen kann (vgl. Asendorpf 2018).


Station 2:
Jungtier-Import

Z.B. kommen Ferkel aus Dänemark und den Niederlanden, die die Zucht optimiert haben (vgl. Asendorpf 2018).


Das Futter kommt über den Atlantik, die Jungtiere aus Nachbarländern – es folgt:


Station 3:
Die Tiermast erfolgt in Deutschland

Die Gülle fällt hier an. Gülle ist organischer Dünger, der Stickstoff enthält.

  • Stickstoff in der Landwirtschaft
  • „Pflanzen brauchen Stickstoff, um Eiweiß zu bilden. In der Luft ist Stickstoff zwar reichlich vorhanden, doch die meisten Pflanzen können diesen Luftstickstoff nicht direkt aufnehmen. Sie benötigen ihn in gebundener Form im Boden. Auf natürliche Weise werden diese Stickstoffverbindungen dort von Bakterien erzeugt. Eine intensive [konventionelle/industrielle] Landwirtschaft ist jedoch nur mit zusätzlichem Stickstoff aus Mineraldünger möglich. Der wiederum wird aus Erdgas gewonnen – aus sehr viel Erdgas. Fast fünf Prozent der globalen Erdgas-Produktion werden dafür verbraucht. Über 100 Millionen Tonnen Stickstoffdünger landen jährlich auf den Äckern der Welt“ (Asendorpf 2018, s.a. vertiefend Aspekt Stickstoffdüngung in der industriellen Landwirtschaft, S. 569f.).
  • Pflanzen (ver-)brauchen Stickstoff – mit der Ernte der Pflanzen entfernt man auch den aufgenommenen Stickstoff.
    • „Insgesamt jedoch liegt der Stickstoff-Eintrag jedes Jahr deutlich über dem Austrag, der Überschuss beträgt im Schnitt rund 100 Kilo pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche“ (Asendorpf 2018).
  • Und dieser Stickstoff bleibt nicht einfach ‚geduldig‘ bis zur nächsten Bepflanzung unverändert im Boden:

    Stickstoff
    • gast aus als Lachgas,
    • versickert,
    • wird ausgewaschen und
    • landet auf die eine oder andere Weise als Nitrat im Wasser.


Laut einer im November 2019 veröffentlichten Studie gelangt durch die genannte Überdüngung deutlich mehr Lachgas in die Atmosphäre als bisher angenommen.

  • „Demnach entwich zuletzt etwa 2,3 Prozent des eingesetzten Stickstoffs aus Dünger als Lachgas in die Atmosphäre. Der Weltklimarat IPCC rechnet in seinen Berichten mit einem Wert von 1,4 Prozent…. Die Studie erhöhe die Bedeutung der Lachgas-Emissionen aus der Landwirtschaft für den Klimaschutz, erklärt Fortunat Joos, Klimaexperte an der Universität Bern, der nicht an der Studie beteiligt war. ‚Die Ergebnisse legen nahe, dass die Lachgas-Emissionen aus Dünger in den nationalen Klimaberichten an die Uno rund 70 Prozent zu niedrig angesetzt sind‘“ (Merlot 2019).
  • Möglicherweise wird auch schlicht übersehen, dass „in jedem Kilogramm Soja[importfutter] … fast 30-mal mehr Stickstoff als in heimischem Mais [steckt]“ (Kopatz 2016, 83).


Das Fazit kann daher eigentlich nur lauten:

  • „Wir brauchen eine an die Fläche gebundene Tierhaltung, also nur noch so viele Tiere, wie eine Fläche vertragen kann“ (DUH 2019).


Zustand des Trinkwassers in Deutschland bzgl. Nitrat:

  • „Besonders gravierend ist die Situation … in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Fleischindustrie. Gut zehn Millionen Schweine, 2,7 Millionen Rinder und über hundert Millionen Hähnchen, Hühner und Puten werden dort gehalten“ (Asendorpf 2018).
  • „Rund die Hälfte aller Grundwasser-Messstellen in Niedersachsen melden bereits Grenzwertüberschreitungen. Und die Böden sind immer weniger in der Lage, das Nitrat auf dem Weg bis ins Trinkwasser wieder abzubauen“ (ebd.).
  • „In Niedersachsen mit seiner Massentierhaltung sind nur noch 40 Prozent aller Grundwasserbrunnen ohne Nitratfilter nutzbar“ (Scheub/Schwarzer 2017, 37).
  • „36 Prozent der Grundwasserkörper unter allen Landnutzungen sind [in Deutschland] in einem schlechten chemischen Zustand. In Deutschland verfehlen knapp 74 Prozent dieser betroffenen Grundwasserkörper die Ziele wegen zu hoher Nitratkonzentrationen“ (BMU 2019).
  • „Hauptverursacher der hohen Nitratwerte ist die Landwirtschaft: durch Gülle und Gärreste aus Biogasanlagen, die auf Felder aufgebracht werden, und durch das Streuen von Kunstdünger“ (Jüttner 2019, 34).


Die Düngeverordnung sieht vor, dass – je nach Beschaffenheit des Bodens – lediglich eine jeweils definierte Menge Gülle (z.B. als Dünger) in den Boden gelassen werden darf – mit der Folge, dass es in den Worten von Renate Künast zu „Gülletourismus“ kommt, soll heißen, ein verkehrsintensiver Handel mit Gülle hat eingesetzt (vgl. Grefe/Theile 2019, 31). „[A]llein in den beiden Landkreisen Cloppenburg und Vechta [in der Region Oldenburg, die ‚Gülle-Gürtel‘ genannt wird, fielen mit Stand 2013] jährlich 7,4 Millionen Tonnen der Brühe an. Auf die Äcker darf aber [mit Stand 2013] nicht mal die Hälfte ausgebracht werden. Der Rest müsste in weniger belastete Regionen geschafft werden. Dazu braucht man wiederum 120.000 Tankwagenfuhren“ (Amann et al. 2013, 67).


Ich zweifle, dass es in diesen beiden Landkreisen jährlich 120.000 Tankwagenfuhren gibt. Und wenn es so wäre: Auch das wäre für sich genommen Wahnsinn.


Egon Harms, Leiter der Qualitätsüberwachung beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband:

  • „Es gibt ein großes Gülleproblem im oberflächennahen Grundwasser, das ist der Bereich bis etwa zehn Meter unter Geländeoberkante. Dort haben wir hohe Nitratbelastungen1. Die Trinkwassergewinnung, die findet in größeren Tiefen statt – zwischen 50 und 100 Meter unter Gelände. Und dort ist die Nitratbelastung noch so gering, dass wir einwandfreies Trinkwasser auch liefern können … [Was] wir nicht wissen: Macht der Untergrund das noch in zehn Jahren, in 50 Jahren oder in 500 Jahren? Wenn wir jetzt feststellen, dass in einigen Förderbrunnen das Nitrat bereits ankommt, dann sehen wir natürlich dort, dass diese Systemleistung, Nitrat abzubauen, sich allmählich da auch erschöpft hat schon. Das sind natürlich Alarmzeichen, die wir sehr ernst nehmen“ (zit. in Asendorpf 2018, vgl. Amann et al. 2013, 67).
Details: Erläuterungen zu (1)

Das sagte Egon Harms auch schon fünf Jahre früher im Spiegel – und bezog sich dort auf die „vergangenen sieben, acht Jahre[, in denen] … die Nitratwerte im oberflächennahe Grundwasser … besorgniserregend gewachsen [sind] (Amann et al. 2013, 67). Macht zusammen ‚zwölf, dreizehn Jahre‘.


Und Egon Harms legt den Finger tief in die Wunde:

  • „Wenn wir überlegen, dass wir in Deutschland als Informationsgesellschaft mittlerweile zu teuer sind, um Schiffe zu produzieren, um Fernseher zu produzieren, wieso können wir dann noch Schweinehälften für den Weltmarkt produzieren und das zu weltmarktkonformen Preisen?

    Ich glaube, das liegt im Moment daran, dass wir in der Umweltgesetzgebung nicht das tun, was wir tun müssen, beim Tierwohl haben wir sehr hohen Nachholbedarf und auch die Arbeitsverhältnisse der Menschen in diesen Fleischfabriken ist ja völlig indiskutabel.

    Das heißt, in drei Rechtsbereichen verstoßen wir eklatant gegen gesetzliche Normen und Spielregeln, die von der Bevölkerung auch zunehmend eingefordert werden“ (zit. in Asendorpf 2018).

Station 4: 
Tiertransport 

Dazu möchte ich nur kurz die Albert-Schweitzer-Stiftung zitieren:

  • „Rinder dürfen bis zu 29 Stunden am Stück transportiert werden“ (2014).


Wo um Himmels Willen sollen diese Tiere hingekarrt werden?

>> siehe vertiefend Abschnitt Fleisch & Tierhaltung: Tiertransporte XXL, S. 561f.


Station 5: 
Schlachthof & Ethik?

  • Zustände beim Schlachten 
  • ‚billige‘ Arbeitskräfte (vornehmlich) aus Osteuropa1

>> s.a. Abschnitte Fleisch & Ethik, S. 555 sowie Fleisch & Tierhaltung, S. 556f.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Hier sorgt ein labyrinthisches Geflecht von Subunternehmen dafür, dass die konkreten Arbeitsbedingungen inkl. Arbeitsschutz intransparent bleiben und kaum nachvollziehbar ist, ob tatsächlich Mindestlöhne gezahlt werden. Das ging früher durchaus anders: „[B]is in die [19]90er Jahren hinein gab es ganz normale Arbeitsverhältnisse. Nach und nach wurden diese dann ausgegliedert, dadurch sind die ganzen Subunternehmen entstanden. Das war eine Strategie der Fleischkonzerne. In der Nahrungsmittelindustrie ist das heute die Branche mit den schlechtesten Arbeitsbedingungen. Ich will den Konzernen aber nicht die alleinige Schuld geben, die Politik interessiert sich auch zu wenig dafür. Die Öffentlichkeit und die Verbraucher haben über die Jahre fast immer weggeschaut und sich keine Gedanken gemacht, welchen Preis ihr Billigfleisch im Supermarkt wirklich hat. Jetzt wird deutlich: Ausbeutung und Elend sind [neben mangelndem Tierwohl] der wirkliche Preis für billiges Supermarktfleisch“, sagt Mohamed Boudih, der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) von Nordrhein-Westfalen 2020 in der SZ. Robert Habeck fordert im Frühjahr 2020 eine Generalunternehmerhaftung, sodass unabhängig von den konkreten Vertragsverhältnissen der Schlachthofbetreiber die Verantwortung trägt und der Betriebsrat für alle im Unternehmen arbeitenden Menschen zuständig ist (vgl. Maurin 2020, 8). M.E. reicht im Sinne von Transparenz und Verantwortung die Beschränkung auf ein einfaches Subunternehmertum im Sinne traditioneller Zeitarbeit vollkommen aus, um die erforderliche Flexibilität herzustellen, d.h. die Vergabe von Sub-Subaufträgen etc. ist gesetzlich zu unterbinden. Die Bundesregierung hat im Juli 2020 im Zusammenhang mit Covid-19-Ausbrüchen in Schlachthöfen ein Gesetzesentwurf zum Verbot von Werkverträgen für Schlacht-Unternehmen mit mehr als 49 Beschäftigten auf den Weg gebracht (vgl. taz 2020). Mitte Juli hat Tönnies – die Firma, in der diese vielen Covid-19-Fälle aufgetreten – 15 neu eingetragene GmbHs ins Handelsregister eintragen lassen (vgl. Preker 2020).


Station 6: Großhandel >> Einzelhandel/Restaurant >> Teller >> Magen

Produziert wird aber nicht nur für die fleischliebenden Deutschen, sondern auch und zunehmend für den Export:


Station 7: 
Export, d.h. globaler Transport z.B. nach China und Afrika

  • „Bei Geflügel und Schweinen hat sich die Exportmenge in den vergangenen zehn Jahren glatt verdoppelt“ (Asendorpf 2018).

Schweinehälften werden also – unter Einhaltung einer energieintensiven Kühlkette – um den halben Globus containert, was hinsichtlich der Umwelt selbstredend wenig sinnvoll ist.

  • Pfoten, Schwänze und Köpfe gehen nach Asien. „Die Gebärmutter [vom Schwein] exportiert … [Clemens Tönnies] nach China, die Luftröhren nach Thailand, die Spareribs in die USA und nach Kanada, die Schwarten in 18 verschiedenen Varianten in den Rest der Welt“ (Amann et al. 2013, 71). Der Rest „geht in die sogenannte stoffliche Verwertung… Lachszüchter beispielsweise verfüttern das Blutplasma der Schweine an ihre Fische, damit deren Fleisch sich schön rosig färbt“ (ebd., s.a. Aquakultur und Lachs, S. 565).

Station 8:
‚Wochenmarkt‘ in Afrika

Auch abseits des CO2-lastigen Transports hat dieses industriell-billige Export-Fleisch den extremen Nachteil, dass es (wie auch im Bereich von Export-Gemüse) heimische Märkte (und damit auch die (Markt-)Kultur insbesondere in Afrika kaputtmacht: Die dortigen Kleinbauern können auf den Märkten nicht gegen die EU-Produkte konkurrieren.

  • „Das Filet finanziert meist das gesamte Huhn. Der Rest – vor allem Flügel, Hälse, Füße, Knochen, Innereien – ist für viele Erzeuger Abfall, der teuer entsorgt werden müsste. Doch die Fleischindustrie hat einen Weg gefunden, diese Kosten einzusparen: Was in Europa keiner essen will, wird als Gefrierfleisch nach Afrika verschifft und dort zu Niedrigstpreisen auf den Märkten verkauft. In Togo – 5.000 Seemeilen und 18 Tage Schiffsreise von Hamburg entfernt – ist deutsches Hühnerfleisch bis zu zwei Drittel billiger als einheimisches. Die Frachtkosten fallen kaum ins Gewicht“ (Obert 2014, 50). Und die Tatsache, dass „über die Hälfte des Importfleisches für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignet [ist]“ (ebd., 53), weil die Kühlkette allzu oft nicht durchgehend gewährleistet werden kann, auch nicht. Das Geschäft lohnt sich dennoch:
  • „Seit 2010 hat die EU ihre Geflügelfleisch-­Exporte nach Afrika um 182 Prozent gesteigert, Deutschland die seinen im gleichen Zeitraum fast ver­dreifacht. Im vergangenen Jahr [2013] überschwemmten 42.700 Tonnen deut­sches Geflügelfleisch die afrikanischen Märkte. Mit verheerenden Folgen: In Togo deckten vor den Massenimporten jährlich rund zehn Millionen Hühner den Fleischbedarf; heute sind nur noch die wenigen übrig, die in den Dörfern meist zur Selbstversorgung dienen. Auch im benachbarten Benin, in Ghana, selbst im Kongo – überall kämpfen Bauern angesichts der Importflut ums Überleben. In Liberia und Sierra Leone, warnen Agrar­experten, blockiere das Billigfleisch aus den Industrienationen nach dem Ende jahrelanger Bürgerkriege den Aufbau der Landwirtschaft und die Ernährungssicherung und gefährde damit den fragilen Friedensprozess“ (ebd., 50).
Details: Importe Benin

Benin = 10 Mio Einwohner = 175.000 Tonnen deklarierte Geflügelimporte im Jahr 2013, noch einmal fast so viele nicht deklarierte Importe (vgl. Obert 2014, 54). Was passiert damit? Obert zitiert einen Informanten mit den Worten: „Wir laden das Zeug nachts aus den Kühlcontainern in Klein­lastwagen um … [,] packen es in Eistruhen und bringen es [– ein Großteil des Fleisches –] auf Schleich­wegen über die Grenze – nach Nigeria. … Ein Milliardengeschäft“ (ebd. 55).

  • „Togos Nach­barland Ghana entschied 2003, die Einfuhrzölle auf Geflügel zu erhöhen. Das Gesetz wurde mit großer Mehrheit vom Parlament beschlossen. Doch der Internationale Währungsfonds (IWF) – eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen, die sich eine Politik zugunsten der Armen auf die Fah­nen schreibt – machte Druck und drohte dem verschuldeten Entwicklungs­land, keine neuen Kredite mehr zu gewähren, falls es auf den Schutzzöllen beharre“ (ebd., 56).

Bis Juli 2013 wurden solche Exporte sogar noch EU-weit direkt subventioniert – und damit von jeder/m Bürger*in (vgl. BMEL 2019). Robert Habeck erwähnt im Zusammenhang mit Exportfleisch und EU-Geldern im Jahre 2018 weiterhin erfolgende „indirekte Exportsubventionen“ (Fleischwirtschaft 2018).

Diese Exporte – ob nun subventioniert oder nicht – konterkarieren die ebenfalls von uns Bürger*innen bezahlte Entwicklungshilfe. Welches Wort außer ‚Wahnsinn‘ könnte treffender sein?

Neben den bisherigen und nunmehr abgestellten direkten Export-Subventionen gibt es weitere indirekte Subventionen: Das Ganze wird subventioniert über Stallbauprämien, allgemeine Subventionen für die großangelegte konventionelle Landwirtschaft, Tierschutz- und Arbeitsschutzregelungen (in Schlachtbetrieben), die ihrem Namen nicht gerecht werden, mangelnden Kontrollen durch zu wenig Personal, Inkaufnahme von Trinkwasserverunreinigung etc. pp.


Station 9:
Erntehelfer*innen in Südspanien

Die Bäuerinnen und Bauern, für die es sich z.B. aufgrund des billigen EU-Fleisches oder -Gemüses nicht mehr lohnt, die Felder zu bestellen, geben die ohnehin extrem mühsame Arbeit auf, lassen den Boden erodieren, der Humus geht verloren, oft setzt vermehrt Wüstenbildung ein. Die Bäuerin bzw. der Bauer verlässt nicht selten ihr/sein Dorf, landet zunächst in der nächsten Stadt, wo sie/er auch nicht willkommen ist – und arbeitet schließlich, falls sie/er die Flucht durch die Wüste, durch rechtsfreie Räume und über das Mittelmeer überleben sollte, als Erntehelfer*in… in Südspanien z.B. auf den Gemüsefeldern oder in den Gewächshäusern, deren Produkte z.B. nach Deutschland und Afrika exportiert werden.
Und dort macht sie/er die mehr oder weniger gleiche Arbeit wie vorher, nun aber als mittellose*r und allzu oft rechtelose*r Migrant*in, entwurzelt, wahrscheinlich ohne ihre/seine Familie und sorgt unbeabsichtigt und unbewusst, dass dieses u.a. Afrika (weiter) ruinierende System am Laufen bleibt, indem sie/er letztlich (unbewusst) dazu beiträgt, dass weitere Bäuerinnen und Bauern in Afrika aufgeben müssen.

>> Station 9 erklärt einen Mechanismus, der prinzipiell richtig ist, jedoch selbstredend notwendig den Sachverhalt vereinfacht darstellt.

OMG.


Fazit zu Station 1 bis 9:

In Südamerika wird der Regenwald gerodet; viele traditionelle Bauern werden entrechtet und ihrer Existenz beraubt. In Deutschland wird bei der Tiermast mit Jungtieren z.B. aus Dänemark mit dem über den Atlantik verschifften Gen-Soja durch zu großen Stickstoffeintrag das Trinkwasser mit Nitrat verunreinigt. Das alles nur, damit nicht nur der ungesund-übermäßige Fleischappetit der Deutschen befriedigt werden kann, sondern – um des Mammons willen – auch noch weltweit Exportmärkte bedient werden können. Nach dem CO2-intensiven Transport um den halben Globus macht das billige (und faktisch hoch subventionierte) Export-Fleisch z.B. afrikanische Märkte kaputt, verhindert den geordneten Aufbau von Ländern des Globalen Südens, konterkariert Hilfe zur Selbsthilfe, sorgt für langfristig zerstörte Böden, entwurzelt Menschen, die dann u.U. als Erntehelfer*innen in Südeuropa landen.


Und da alles mit allem zusammenhängt geht es noch weiter mit diesem destruktiven Kreislauf…


Station 10
Spaniens Böden und das Trinkwasser

…oder:
Ackerböden in Deutschland von Tiernahrung und Tieren besetzt: 
Wo kommt unser Gemüse her?

In Deutschland werden sehr viele Agrarböden in irgendeiner Form für die Massentierhaltung genutzt. Wo also kommt unser Gemüse her? Zum Beispiel aus Spanien:

In Südspanien liegt das Herz der spanischen Agrarproduktion. Von hier starten ungezählte Lastwagen pro Jahr nach Nordeuropa und Deutschland mit Gemüse und Obst, damit es für den Konsumenten ganzjährig, Saison-unabhängiges, günstiges Obst gibt.

Natürlich hat es Folgen, wenn man aus einem so heißen (und Klimawandel-bedingt immer heißeren) Gebiet eine gigantische Gemüseplantage macht:

  • „85 Prozent des an die Oberfläche gepumpten Grundwassers fließt in die Agrarproduktion. Überall wird künstlich bewässert… Weite Landstriche sind verkarstet [d.h. vereinfacht ausgedrückt: ausgelaugt], der Grundwasserspiegel ist stellenweise unter 500 Meter gesunken. In den Küstenstreifen um Huelva am Atlantik, Europas größtem Erdbeeranbaugebiet, und in den großen Gemüseplantagen um Almería am Mittelmeer hat der übermäßige Süßwasserverbrauch dazu geführt, dass [salziges] Meerwasser unters Festland nachgeflossen ist“ (Urban 2019).

    Intensiv-großindustrieller Gemüseanbau auf einer riesigen Fläche in einer ohnehin übermäßig trockenen und nun von der Klimakrise befördert regenarmen Gegend ist keine gute Idee. Letztlich haben wir es hier mit einer schleichenden Wüstenbildung (‚Desertifikation‘) zu tun:
  • „Aber nicht nur der Klimawandel verschärft die Desertifikation, die Desertifikation verschärft umgekehrt den Klimawandel, da sie natürliche Regenerationskreisläufe zerstört. Es ist ein Teufelskreis, der kaum wahrgenommen wird“ (Dürmeier 2019).


Wenig überraschen: Nicht die Großindustriellen, sondern die traditionellen Bauern (‚Trockenbauern‘) leiden „am stärksten unter Desertifikation und Klimawandel, denn sie sind auf regulären Regen angewiesen“ (ebd.).


Kleiner Sprung innerhalb der EU von Spanien nach Rumänien:

In Rumänien wird ein 800 Quadratkilometer großes Gebiet mittlerweile als „Sahara an der Donau“ bezeichnet:

  • „Sie ist weitgehend waldfrei und voller stark sandiger Böden, stellenweise gibt es sogar Sanddünen-Landschaften. Während der Ceausescu-Diktatur wurde hier, wie überall in der südrumänischen Tiefebene, intensive Landwirtschaft betrieben. Inzwischen liegen viele Flächen brach, sind verödet und erodiert“ (Verseck 2020, vgl. Aspekt China: Das desertifizierte Löss-Plateau ergrünt, S. 576ff.).

Im gleichen Artikel wird die Klimaforscherin Roxana Bojariu mit den Worten zitiert:

  • „Die Ursache ist ein komplexes Zusammenspiel menschengemachter und natürlicher Faktoren.“ Inzwischen versucht man hier mit widerstandsfähigen Pflanzen zu arbeiten, die wenig Wasser benötigen und die für die Gegend eher ungewöhnlich sind, darunter Erdnüsse und Süßkartoffeln (vgl. ebd.).


Hitze, ausbleibender Regen, Wasserknappheit, sinkende Grundwasserstände, Desertifikation – alles entscheidend verschärft und befördert durch die Klimakrise – haben auch das Phänomen der sog. Mondscheinlöcherhervorgebracht. Das sind jene ungenehmigten, d.h. illegalen, u.U. nicht abgesicherten/abgedeckten Bohrlöcher, die als private Tiefbrunnen überall in Spanien gebohrt werden, um an Wasser zu kommen. Bekannt geworden sind diese Mondscheinlöcher durch den tragischen Tod eines zweijährigen Jungen im Januar 2019, der 71 Meter in ein über 100 Meter tiefes und gerade mal 25 cm breites Loch fiel und starb. Was seinerzeit weniger publik wurde, ist, dass diese nach Greenpeace-Schätzungen (2019) über eine Millionen Löcher[1] letztlich eine Folge der Klimakrise sind.

>> Björn Römer beruft sich 2020 im Spiegel auf Expert*innen und schreibt von „[h]underttausende[n] solcher schmalen Schächte … in Spanien… [Gemäß einer aktuellen Studie] werden zwischen 30 und 50 Prozent der jährlichen Wasserressourcen gestohlen.“


Quellen des Abschnitts Landwirtschaft global: Der destruktive Kreislauf rund um die Fleischindustrie



Palmöl als Produkt globaler Land- und Industriewirtschaft

Palmöl besitzt einen Vorteil, der Kritiker*innen oft entgegengehalten wird und den ich hier gleich zu Anfang nennen möchte:

  • „Mit Palmöl kann auf vergleichsweise geringer Fläche ein großer Teil des weltweiten Bedarfs an Pflanzenölen gedeckt werden“ (WWF o.J.)
…mehr

Kathrin Hartmann hebt hervor, dass der WWF „[e]ine besondere Rolle bei der Erfindung des nachhaltigen Palmöls spielt… Nach Meinung vieler NGO’s, insbesondere lokaler Aktivisten wie Feri [Irawans Perkumpulan Hijau], ist es der Mitbegründer WWF, der dem Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl grüne Glaubwürdigkeit verleiht“ (2018, 113).

Das ist für sich genommen wahrscheinlich richtig.

Doch relativiert sich diese Aussage erheblich, wenn man sich klarmacht,

  • wo, d.h. in welchen Gegenden Palmölplantagen stehen – und was sich vorher auf diesem Gelände im Regelfall befand,
  • dass die Menschheit schlicht kein Platzproblem hat – sie nutzt die für eine gesunde und ökologische (Palm-arme) Landwirtschaft erforderlichen Flächen zu 80% im Zusammenhang mit der Massentierhaltung (vgl. S. 621),
  • dass „Palmöl vor allem für Produkte verwendet [wird], die in Wahrheit kein Mensch braucht“ (Hartmann 2018, 117).


Nun, wenn erstgenannter Aspekt nun also der Vorteil ist… Der Rest dieses Abschnittes ist den anderen, weniger vorteilhaften Aspekten des Palmöls gewidmet.

https://de.wikipedia.org/wiki/Palm%C3%B6l#/media/Datei:Malayasia_iko_2002169.jpg
Deforestation in Malaysian Borneo | gemeinfrei (NASA, 2002)

Zunächst einige Zahlen: Ähnlich wie beim ‚schwarzen Gold‘ der fossilen, hängt unsere Welt heute darüber hinaus auch massiv an der Nadel des Palmöls.

  • „Anfang der 1980er-Jahre wurde nur etwa fünf Millionen Tonnen Palmöl weltweit produziert“ (Schumacher 2017, 65).
  • „Palmöl gehört zu den am häufigsten eingesetzten Ölen der Welt; die Produktion hat sich seit 1995 mehr als vervierfacht. Heute werden etwa 70 Millionen Tonnen jährlich produziert. Mehr als zwei Drittel davon kommen in Lebensmittel“ (Uhlmann 2019).
  • „Der Löwenanteil stammt … aus Malaysia und Indonesien [zusammen: rund 90%]. In den letzten 25 Jahren haben sich dort die Anbauflächen verzehnfacht. Tendenz steigend“ (Dallmus 2019; Zahl aus Schumacher 2017, 65).
  • „[S]eit 1990 hat Indonesien durch Abholzung und Brände eine Waldfläche verloren, deren Größe an die der Bundesrepublik Deutschland heranreicht: 310.000 Quadratkilometer. … Waren 1990 noch zwei Drittel des Inselstaates mit Wald bedeckt, ist es 2015 schon nur noch die Hälfte“ (Hartmann 2018, 87).
  • „Die EU ist weltweit der zweitgrößte Importeur von Palmöl“ (DUH 2019).


Ein Blick in den Einkaufskorb:

Palmöl ist selten ‚sichtbar‘, aber quasi unbemerkt überall drin, konkret in etwa jedem zweiten Supermarktprodukt (vgl. Greenpeace 2019):

Fertiggerichte | Tütensuppen | Kekse | Salzgebäck | Margarine | Schokolade (Kombisorten) | Pralinen | Pflegeprodukte, Seife, Kosmetik (Tenside, Emulgatoren) | Brotaufstriche | Schokocremes | Babynahrung | Butter (!) (vgl. Leiterer 2019)

‚Die Industrie‘ liebt zwei Eigenschaften an Palmöl besonders: Es hat bei Zimmertemperatur eine feste Konsistenz, braucht also nicht lebensmitteltechnisch gehärtet werden – und, viel, viel wichtiger: Es ist überaus günstig auf dem Weltmarkt zu bekommen.

>> Palmfett braucht nicht gehärtet zu werden: Das ist tatsächlich ein Vorteil von Palmfetten/-ölen: Es braucht nicht gehärtet zu werden und ist daher frei von Transfetten, die bekanntermaßen gesundheitsschädlich sind (vgl. WWF o.J.).


Palmöl & die Gesundheit der Verbraucher*innen

Palmöl ist günstig für Industrieunternehmen, doch die tatsächliche Gesamtrechnung ist hoch:

  • „Palmöl ist nicht das hochwertigste Pflanzenfett: Es hat einen relativ hohen Gehalt an (ungesunden) gesättigten Fettsäuren und einen niedrigen Gehalt an (gesunden) ungesättigten Fettsäuren“ (Leiterer 2019). „Zahlreiche [ungesättigte] Omega-3-Fettsäuren hemmen Entzündungen, einige [gesättigte] Omega-6-Fettsäuren hingegen begünstigen sie. … Omega-3-Fette… halten die Zellmembranen geschmeidig und … [und haben] Effekte auf die Alterungsprozesse Ihres Gefäßsystems und damit die Prophylaxe von Herzinfarkt und Schlaganfall“ (Marquardt 2007, 93). Der Anteil von gesättigten Fettsäuren „beträgt beim Palmöl etwa 45 bis 55 Prozent. Olivenöl bringt es nur auf zehn bis 25 Prozent“ (Uhlmann 2019). Und: „Sonnenblumenöl enthält nur ein Zehntel der Fettschadstoffe des Palmöls“ (ebd.) – und selbst Sonnenblumenöl zählt im Unterschied zu Rapsöl, Olivenöl, Walnussöl, Hanföl und Leinsamenöl längst nicht zu den gesünderen Ölen (vgl. Marquardt 2007, 93).
  • „[B]ei der Raffination des Öls entstehen [Schadstoffe]. Bei diesem Produktionsschritt wird das Öl auf etwa 200 Grad Celsius erhitzt; Geschmack und Geruch verflüchtigen sich, es wird dadurch vielseitig einsetzbar. Es bilden sich aber auch kritische Fettsäureester. In keinem anderen Fett ist ihr Anteil so hoch wie im Palmöl. Dazu gehören jene Ester, die mit 3-MCPD abgekürzt werden und die die Krebsagentur der Weltgesundheitsorganisation WHO als möglicherweise krebserregend einstuft… [werden. V]or allem Kinder laufen Gefahr, diese Grenzwerte [der europäischen Lebensmittelbehörde Efsa] zu überschreiten“ (Uhlmann 2019).

Es ist trotz der hohen Palm-Durchsetzung unserer Supermarktregale durchaus machbar, Palmöl zu vermeiden – hier vermag die Website bzw. App https://www.codecheck.info/ (Website: Suchfunktion oben rechts) zu unterstützen – auch bei der Suche nach möglichen Ersatzprodukten. Nur bei Keksen wird es schwierig. Das ist, so denke ich, angesichts der Thematik dieses Buches zu verschmerzen sein.

>> Ausnahme: Codecheck kann hier leider nur bei Produkten weiterhelfen, die in irgendeiner Form das Wort ‚Palm‘ in der Zutatenliste aufführen, was bei sehr vielen auch der Fall ist. Glycerin hingegen kann, muss aber nicht, aus Palmöl hergestellt werden. Woraus jeweils das Glycerin hergestellt wurde, braucht derzeit bedauerlicherweise nicht angegeben werden.

Doch mit den bisherigen Ausführungen haben wir allenfalls die oberste Spitze des Eisbergs erfasst:

  • „Beim Griff ins Supermarktregal und beim Tanken entscheiden wir auch über das Schicksal bedrohter Arten wie Orang-Utan oder Tiger – und des Regenwaldes. Mittlerweile erstreckt sich der Anbau weltweit auf eine Fläche von etwa 19 Millionen Hektar, rund um den Äquator in artenreichen Regionen, wie Indonesien und Malaysia. Für neue Plantagen werden weiterhin zahlreiche Hektar Regenwald gerodet“ (WWF 2018 – Den im Zusammenhang mit Palmöl kritisierten WWF zu zitieren erscheint m.E. möglich, weil das Zitat (des deutschen Verbandes) nicht in dem Verdacht steht, die Situation zu verharmlosen.)


Für das Jahr 2015 zog die Global Fire Emissions Databank bereits im Oktober des Jahres Bilanz:

  • „[T]here have been nearly 100.000 active fire detections in Indonesia so far in 2015, which since September have generated emissions each day exceeding the average daily emissions from all U.S. economic activity. Following several recent intense outbreaks of fires – in June 2013, March 2014 and November 2014 – the country is now on track to experience more fires this year than it did during the 2006 fire season, one of its worst on record“ (Harris et al. 2015).

Mehr als die Hälfte dieser Feuer fand in tropischen Moorgebieten statt (vgl. ebd.). Nicht nur die Vegetation bzw. Regenwald wird gerodet – auch der besonders kohlenstoffhaltige Boden wird zerstört:

  • „The burning of tropical peatlands [= Moore] is so significant for greenhouse gas emissions because these areas store some of the highest quantities of carbon on Earth, accumulated over thousands of years“ (ebd.).


Diese für die Palmwirtschaft trockengelegten Moore braucht die Menschheit dringend als CO2-Senke:

  • „Dabei entweichen riesige Mengen an Kohlenstoff, die zwölf Prozent der weltweiten Emissionen ausmachen. Zwischen 1990 und 2015 wurden in Indonesien 24 Millionen Hektar Regenwald zerstört, das entspricht annähernd der Größe Großbritanniens“ (Greenpeace 2018, 10).


Kathrin Hartmann beschreibt das hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, unter denen Palmöl hergestellt und geerntet wird, wie folgt:

  • „Gern heben die Konzerne hervor, wie sehr ihnen die Kleinbauern am Herz liegen, bewirtschaften sie doch ein Drittel der Plantagen. Allerdings arbeiten sie im sogenannten Nukleus-Plasma-System. Dahinter verbirgt sich wenig mehr als legalisierter Landraub, der in Ausbeutung mündet. Kleinbauern werden dazu überredet, ihre Gewohnheitsrechte auf ihr Land an die Palmölfirma abzutreten, die ihnen im Gegenzug das Landrecht für zwei Hektar mit Ölpalmen am Rand (Plasma) der Plantage (Nukleus) plus einen halben Hektar für Haus und Garten abgibt. So sollen sie sich selbst versorgen und mit der Bewirtschaftung der Miniplantage Geld verdienen. Doch in den drei bis vier Jahren, die die Palmen wachsen müssen, bis sie Früchte tragen, sind die Kleinbauern auf Kredite angewiesen. Die gewährt ihnen die Firma – zu horrenden Zinsen. Außerdem müssen sie Dünger und Herbizide selbst bezahlen, oft auch die Palmsetzlinge. Die meisten Bauern landen in der Schuldenfalle und bleiben ihr Leben lang abhängig von der Palmölfirma, an die sie per Vertrag und zu miserablen Preisen liefern müssen. Von ihrer harten Arbeit können sie nicht leben: Sie verdienen nur etwa 500 Dollar im Jahr“ (2018, 91).
  • „Die Arbeitsbedingungen auf den Ölplantagen sind knallhart. Bezahlt wird oft nicht nach Stunden, sondern nach Quoten. Bis zu 1.500 Kilo am Tag müssen die schlecht bezahlten Arbeiter schleppen. Menschenrechtsorganisationen berichten von schweren Vergiftungen durch Pestizide. Auch die weitere Verarbeitung in der Ölmühle ist oft umweltschädlich. Abwässer und Abfälle gelangen meist ungeklärt nach draußen“ (Dallmus 2019).

    Und, wie eigentlich immer im Zusammenhang mit Arbeit im (land-)industriellen im Globalen Süden ist das Thema ‚Kinderarbeit‘ zu nennen (vgl. ebd.), auch auf den RSPO-zertifizierten Plantagen gibt es „Kinder- und Zwangsarbeit sowie Menschenhandel“ (Hartmann 2018, 101).

>> Die USA verhängten Ende September 2020 ein Importverbot für Palm-Erzeugnisse des malaysischen Weltmarktführers (und RSPO-Mitglieds, vgl. RSPO 2020) FGV im Zusammenhang mit „Anzeichen auf „sexuelle Gewalt auf den Plantagen“ (Spiegel 2020) sowie Zwangs- und Kinderarbeit (vgl. ebd.).


Alledem soll dem der 2004 gegründete ‚Runde Tisch für nachhaltiges Palmöl‘ (RSPO) abhelfen, der zudem Siegel/Zertifikate für nachhaltiges Palmöl vergibt.

Karthrin Hartmann analysiert, wer an diesem Runden Tisch Platz nimmt:

RSPO =1561 Vollmitglieder | 727 Konsumgüterfirmen | 174 Palmölproduzenten | 529 Palmverarbeitern | 65 Handelskonzerne | 14 Banken & Investmentfirmen, u.a. Aldi, BASF, Bayer, Cargill, Commerzbank, Credit Suisse, Ferrero, Mars, McDonald’s, Procter&Gamble, Rewe, Unilever, Walmart | 52 Umweltschutz- und Entwicklungsorganisationen, darunter Rainforest Alliance und WWF (vgl. 2018, 97)

>> Werner Boote und Kathrin Hartmann besuchten für die Kino-Doku Die grüne Lüge (2018) die indonesische Palmöl-Konferenz GAPKI – sehr sehenswert.


Man könnte meinen, dass ein bereits 2004 gegründeter ‚Runder Tisch‘ inzwischen einiges bewirkt haben sollte. Doch lautet nach Ausführungen von Hartmann Aufgabe des ‚Runden Tisches‘ „[d]ie Erfindung des nachhaltigen Palmöls“ (2018, 96). Wie Palmöl grün wird, beschreibt sie so:

  • „Unilever wirbt damit, hundert Prozent nachhaltiges Palmöl zu kaufen. Trotzdem kann der Konzern nicht ausschließen, dass in seinen Produkten blutiges und illegales Palmöl steckt. Denn Unilever bezieht drei Viertel des Rohstoffs über das sogenannte Book&Claim-System. Darüber kaufen Firmen lediglich Zertifikate für die von ihnen benötigten Mengen Palmöls mit Nachhaltigkeitssiegel. Sie können so nur garantieren, dass irgendwo auf der Welt die entsprechende Menge nachhaltig gesiegelten Palmöls in den Mengen produziert wurde, für das sie Zertifikate gekauft haben. Nur dreißig Prozent des Palmöls, das Unilever verwendet, ist überhaupt zertifiziert. Den größten Teil bezieht Unilever über das Massenbilanzsystem, das aber in den Tanks mit nicht zertifiziertem Palmöl gemischt wird. Nur ein winzig kleiner Teil ist Palmöl, das in der Lieferkette von nicht zertifiziertem Fett getrennt wird (RSPO Segregated). Vom meisten Palmöl also, das Unilever bezieht, kann das Unternehmen nicht wissen, woher es wirklich kommt. Wie aber das rückverfolgbare Palmöl tatsächlich hergestellt wurde, steht auf einem ganz anderen Blatt“ (2018, 112-113).


Gesundheit, Arbeitsbedingungen, Green Washing… da war doch noch was?

Nicht unerheblich: palmgetränktes Benzin.

  • „Der Großteil des [nach Deutschland importierten] Palmöls … geht in Bio-Energie – ganze 41 Prozent“ (WWF 2016).

>> Der gleichen Quelle ist zu entnehmen, dass 40% in industriellen Nahrungsmitteln und 17% in Waschmitteln, Kosmetika und Produkten der Chemie- und Pharmaindustrie landen.

  • „90 Prozent des globalen Anstiegs der Nachfrage nach Pflanzenölen seit 2015 entfallen auf Biokraftstoffe“ (taz 2020).
  • „Allein die EU verbraucht demnach jährlich vier Millionen Liter Palmöl, um es Biodiesel beizumischen“ (ebd.).
  • „60 Prozent des in die EU importierten Palmöls landen im Tank“ (ebd.).
  • „Deutschland [ist] größter Hersteller von Bio-Diesel in der EU“ (ebd.).

Auch wenn man sich rückblickend nur an den Kopf fassen kann: Tatsächlich wollte man mit Beimischungen von Raps, Palm & Co die CO2-Bilanz von fossilen Dieselkraftstoffen verbessern und verfügte deshalb, das mit Stand 2020 die Biokraftstoffquote 6,25% beträgt, d.h. „Biokraftstoffe müssen einen Anteil von 6,25% am gesamten Kraftstoffmarkt haben“ (wikipedia 2020).

  • „Aufgrund der mit Öl-Palmen verbundenen Regenwaldabholzung ist das Biodieselgemisch dreimal schädlicher für das Klima als herkömmlicher Diesel“ (DUH 2019, 23).

Die EU-Kommission legte im März 2019 fest, „dass die Beimischung von Palmöl zum Dieselkraftstoff ab 2023 schrittweise reduziert und bis 2030 beendet sein soll“ (DUH 2019, 22).


Quellen des Abschnitts Palmöl als Produkt globaler Land- und Industriewirtschaft


Weitere Aspekte der Agrarkultur

Digitale Landwirtschaft

Konventioneller und Öko-Landbau könnten sich künftig – möglicherweise – via Robotik annähern: Wo ein Ökostrom-angetriebener High-Tech-Jäte-Roboter im Rahmen des ‚precision farming‘ seinen Dienst tut, sind keine/weniger Unkrautvernichtungsmittel erforderlich.

Bleibt die Frage, inwieweit die sog. ‚Landwirtschaft 4.0‘ eine utopisch-luxuriöse Idee des Westens ist.

  • Wichtig ist jedoch auf jeden Fall, dass die in den letzten Jahren immer gewaltigeren Landmaschinen wieder kleiner und leichter werden (vgl. Pander 2019).


Wenn hier auch ein paar Chancen drinstecken. Letztlich geht es – mal wieder – um das ganz große Geld:

  • „Analysten von Goldman Sachs prognostizieren, dass der Markt für digitale Agrartechnologie von heute schätzungsweise rund fünf Milliarden Dollar bis 2050 auf 240 Milliarden Dollar wachsen wird“ (Bethge 2020).


Man hat immer zu schauen, von wo der Applaus kommt. Es ist davon auszugehen, dass dem Globalen Süden dieser kapitalintensive Ansatz nicht weiter bringen bzw. an ihm vorbeigehen wird. Das ist nicht hilfreich.

Dass dieser Ansatz hier überhaupt Eingang findet in das Handbuch Klimakrise, verdankt sich der Tatsache, dass Robotik tatsächlich und immerhin ein Weg sein kann, um die tonnenschweren Maschinen vom Acker zu holen, die den Boden und das dort vorhandene Leben im wahrsten Sinne plattmachen und um präziser, d.h. auch weniger Pestizid-orientiert zu arbeiten.


Indoor Urban Farming / Vertical Farming

In den letzten Jahren sind eine ganze Reihe von neuen Konzepten und Start-ups entstanden, die gemeinsam haben, dass Pflanzen erdlos (Hydroponik) indoors unter (mit grünem Strom betriebenen) LED-Licht gezogen werden – in manchen Fällen in Kombination mit Fisch-Aquakulturen, sodass das mit Nährstoffen versehende (Fisch-)Wasser der Aquakulturen für die Aufzucht der Pflanzen weiterverwendet wird. Das Ganze nach Aussagen der Betreiber*innen ohne den Einsatz von Pestiziden und Antibiotika. Was insofern funktionieren kann, weil die Bedingungen ungleich kontrollierter sind als in der konventionellen Landwirtschaft. Auch spare man sich lange Lieferwege und damit auch eine Kühlkette, heben die Betreiber*innen hervor. Hightech-Gemüse-Aufzuchtschränke stehen mittlerweile offensichtlich schon in einigen EDEKA-Filialen. Was die Hightech-Farmer nicht sagen: All diese Hallen, Zuchtschränke, Becken etc. pp. müssen hergestellt, gebaut, gewartet und irgendwann ersetzt werden. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass es bislang vielfach Gastronomen gehobener Restaurants sind, die diese Angebote nutzen (vgl. Rosenbach 2019).


Gefährlich: ‚Landgrabbing‘

  • „Rund die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche der EU ist gepachtet. Die Landbesitzer und -besitzerinnen können einen Gutteil der [GAP-EU-]Subventionen selbst einstreichen, indem sie einfach die Pacht erhöhen“ (Matthews 2019, 15).

Nils Klawitter beschreibt die Situation rund um das Thema ‚Landgrabbing‘ für Deutschland wie folgt:

  • „In Mecklenburg … sind die Flächenpreise seit 2005 um fast 400 Prozent in die Höhe geschossen. Das übertrifft selbst den Preisanstieg in München, wo sich die Bodenpreise im selben Zeitraum um 177 Prozent erhöht haben…. Zu den neuen Landbesitzern gehören Immobilienfirmen, Möbelhändler oder Fondsgesellschaften, fast immer mit Sitz in Westdeutschland. ‚In solchen Konglomeraten, die mit Stoßtrupps osteuropäischer Arbeiter die Felder traktieren, abernten und dann weiterziehen, zählt nicht, ob die nächste Generation den Boden noch bewirtschaften kann‘, sagt Reinhard Jung vom Brandenburger Bauernbund“ (Klawitter 2019, 80).

Michael Bauchmüller weist in der SZ exemplarisch darauf hin, dass mehr als 6.000 Hektar in Thüringen der „Lukas-Stiftung des Aldi-Nord-Eigentümers Theo Albrecht junior [gehören – ] … der jüngste Fall einer unseligen Entwicklung, die vor gut zehn Jahren ihren Lauf nahm: Investoren greifen nach Bauernland … [Bäuerinnen und Bauern] sind mittlerweile eingezwängt zwischen den Kapitalinteressen von Verkäufern und Verpächtern einerseits und dem berechtigten Interesse nach einer nachhaltigeren Landwirtschaft andererseits“ (2020). Bauchmüller hebt des Weiteren hervor, dass es üblich ist, Firmen zu kaufen, die bereits Land besitzen, sodass nicht einmal Grunderwerbssteuern anfallen – während ein Bauer, der Land erwerben würde, selbige zu entrichten hätte (vgl. ebd.).


In Rumänien gibt es viel fruchtbaren Ackerboden – aber Mely Kiyak zeigt, dass dieser zunehmend in ‚falsche Hände‘ gerät:

  • „Vierzig Prozent seiner Agrarflächen sind an ausländische Investoren verkauft. Wenn ‚der‘ arme Rumäne zu uns kommt, handelt es sich nach Ansicht der Rechten um Einwanderung in die deutschen Sozialsysteme. Wenn deutsche Unternehmen wie die Allianz-Versicherung mit ihren Ablegern den Rumänen Land wegnehmen, nennt man es Business“ (2019).


Silvia Liebrich betont, dass es sich

  • „[f]ür finanzstarke Geldgeber lohnt…, in Ackerland zu investieren. Felder, auf denen Getreide oder Soja für Futtertröge wächst, sind zu begehrten Spekulationsobjekten geworden. Keine andere Anlageklasse hat in den vergangenen Jahren eine solche Wertsteigerung erzielt. Hinzu kommt die sichere Prämie von Jahr 250 bis 300 Euro pro Hektar und Jahr, die als von der EU überwiesen wird.


Michael Kopatz bekräftigt indes die Notwendigkeit,

  • „gegen die Nutzung von Flächen als reine Kapitalanlage vorzugehen. Denkbar wäre ein neues Grundstücksverkehrsrecht, das etwa ein Vorkaufsrecht für örtlich ansässige Landwirte vorsieht. Ein zentraler Ansatzpunkt ist zugleich die Subventionspolitik der Europäischen Union. Es gilt zu verhindern, dass große Betriebe am meisten profitieren, obwohl sie die geringsten Kosten je Ertragseinheit haben. Nicht mehr zeitgemäß ist es zudem, den Maisanbau mit Steuermitteln zu unterstützen. Eine faire Agrarpolitik fördert kleinräumige Strukturen statt Agrarkonzerne. Das stärkt auch die regionale Wertschöpfung und sichert Arbeitsplätze“ (2016, 107).

Diesen Trend zum ‚Landgrabbing‘ gibt es nicht nur in Deutschland und Osteuropa, sondern massiv auch in Afrika – was Kopatz völlig zu Recht als „neue Form des Kolonialismus“ (ebd., 107) einordnet.

Nicht zu vergessen die „Fleischwiesen“ in Brasilien, die z.B. im entwaldeten Bundesstaat ‚Mato Grosso‘ (‚Großer Wald‘) geschaffen wurden.

Mattheus Vieira, Cattle Farming Expert:

  • „In den [19]70ern lebten in dieser Region nur indígenas, hier war nur Regenwald. 34 Jahre Besiedlung haben diese Gegend zur wichtigsten Landwirtschaftsregion des Landes gemacht. Es ist der perfekte Ort für neue Investitionen und um Geld zu verdienen“ (zit. in Opitz 2018, Min 20).

Was Vieira vergisst zu erwähnen: Das jene Indígenas dieses Land eigentlich besitzen. Sie werden für Gensoja, Fleisch und das ganz ‚große Geld‘ von ihrem eigenen Land verdrängt und vertrieben…


Anleitung: Man statte – unterstützt von ein paar schwerbewaffneten ‚Sicherheitskräften‘ – einer Bauersfamilie einen Besuch ab und sorge für Recht und Ordnung:
 „Wo ist der Landtitel, der beweist, dass dieses Stück Land Dir und niemandem anders gehört?“

Details

Landtitel = Urkunde über den Besitz eines Stück Land.

„Die Kleinbauern nennen sie [– die bewaffneten Banden –] wegen ihrer Pistolen Pistoleiros und verdächtigen sie, von den benachbarten Großbauern bezahlt zu werden. Die Pistoleiros stecken Häuser in Brand, sägen Strommasten ab, töten Hunde und Milchkühe und schießen mit Revolvern in die Luft und vor die Füße der Landbevölkerung. Sie besprühen sogar Felder und Siedlungen von Flugzeugen aus mit Gift“ (Fischermann et al. 2018). „[I]n den vergangenen 15 Jahren [sind] mindestens 20.000 Familien im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso vertrieben worden… In ganz Brasilien werden 30 bis 40 Menschen pro Jahr im Konflikt um Land und Macht getötet“ (ebd.).

…und fristen nachfolgend i.d.R. verarmt, rechtelos, landlos, würdelos und z.T. hungernd ihr Leben (vgl. Wagenhofer 2005, Doku We Feed The World, vgl.Franzen/Aders 2020, 8-9, vgl. Fischermann et al. 2018).


Quellen des Abschnitts Weitere Aspekte der Agrarkultur


Fazit des Abschnitts Bodenbewahrende Agrarkultur

Ein Dreisatz.

Wir brauchen

  • für lebendige, humusaufbauende Böden und für Insekten z.B. zur Bestäubung eine
    • ökologische Landwirtschaft, die u.U. etwas geringere Erträge hat1 und somit
      • mehr Fläche zur Sicherstellung der Ernährung.

Gleichzeitig haben wir tendenziell weniger Flächen zur Verfügung durch

  • degradierende Böden z.B. durch Erosion.
    • die Erderwärmung und
      • die notwendige Wiederaufforstung von größeren Teilen der Regenwälder.

Wir brauchen

  • künftig mehr Lebensmittel für mehr Menschen, d.h.
    • die Äcker, auf denen bislang Tiernahrung angebaut wird bzw. Massentierhaltung betrieben wird, für eine pflanzliche Ernährung der Menschheit und damit
      • ein sich mindestens weitgehend vegetarisch ernährender Globaler Norden.
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Inwieweit Bodenbewahrende Agrarkultur geringere Erträge erwirtschaftet, ist umstritten. Der Vergleich zu konventionell-industrieller Landwirtschaft fällt definitiv nicht so klar aus wie allgemein angenommen – vgl. Fußnote auf S. 569.



Nächster Abschnitt:

Fleisch, Fisch & Ernährung


Es ist eingangs zu betonen, dass m.E. nicht Nutztierhaltung an sich oder das Essen von Fleisch oder Fisch für sich genommen, sondern die Art und Maßlosigkeit der industriellen Massentierhaltung das Problem ist: Begrenzte, artgerechte Tierhaltung gehört zum bodenbewahrenden agrarkulturellen Kreislauf hinzu, wie bspw. die Düngemethoden des Demeteranbaus oder des Globalen Südens verdeutlichen. Insofern wird hier an keiner Stelle das Wort für eine totale vegane Ernährung oder komplett tierlose Agrarkultur das Wort geredet. Man beachte auch, dass es schlicht undenkbar ist, weite Teile der an den Küsten des Globalen Südens lebenden Menschen ohne Fisch zu ernähren. Und in einigen Gegenden der Welt setzt das Überleben der Menschen die Jagd und den Verzehr von Tieren voraus – wie etwa im Polarkreis bei den verschiedenen Völkern der Inuit.

Kommen wir zur derzeitigen Realität:


Fleisch & Treibhausgase

Jonathan Safran Foer:

„Unser Planet ist ein Tierhaltungsbetrieb.“ (2019, 95 u. 184)

…und das hat einen enormen Impact auf unsere Biosphäre:

  • „Noch immer stehen 80 Prozent der weltweiten Abholzung in direktem Zusammenhang mit der Landwirtschaft, vor allem betrifft das den Anbau von Futtermitteln“ (Greenpeace 2019, 12, vgl. Weindl et al. 2017).
  • „Viehhaltung ist der Hauptgrund für Entwaldung“ (Foer 2019, 110).
  • „Nutztierhaltung ist verantwortlich für 91% der Rodungen im Amazonas“ (ebd., 109).
  • „Von zuvor illegal gerodeten Waldflächen stammt rund ein Fünftel (18 bis 22 Prozent) der brasilianischen Soja- und Rindfleischexporte in die Europäische Union“ (Spiegel 2020).
  • „Laut UN-Klimarahmenkonvention stünden Rinder der Welt in Sachen Treibhausgasausstoß an dritter Stelle hinter China und den USA“ (ebd., 110).
  • „Keine andere Industrie zerstört mehr natürlichen Lebensraum als die Fleischproduktion“ (Bethge 2019, 102).
  • „Keine andere Industrie zerstört mehr natürlichen Lebensraum als die Fleischproduktion“ (Bethge 2019, 102).
  • „Ein Drittel aller Treibhausgase und 70 Prozent des Trinkwasserverbrauchs gehen aufs Konto der Lebensmittelproduktion. Wollen wir die Erderwärmung auf zwei Grad zu beschränken, müssen wir diese Werte in Deutschland bis 2030 halbieren“ (Klarmann 2019, 64).
  • „Annähernd drei Viertel der GAP-Mittel, rund 293 Milliarden Euro [der Mittel der GAP, d.h. der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU] im Zeitraum 2014 bis 2020, fließen in Direktzahlungen, die die intensivsten und umweltschädlichsten Formen der Landwirtschaft begünstigen: Getreideanbau und intensive Tierhaltung. Solche Zahlungen werden entsprechend der Größe der landwirtschaftlich genutzten Fläche geleistet und sind kaum an die Kriterien für Nachhaltigkeit gebunden. Bis zu 15 Prozent der GAP-Mittel sind an die Produktion gekoppelt, das heißt, sie werden pro Tier oder pro produzierte Menge gezahlt. Sie gehen vor allem an die Fleisch- und Milchwirtschaft…“ (Bradley 2019, 26-27).
  • Ein McDoBurger: Produktionskosten = 50 Cent | Umweltfolgekosten ohne Gesundheitskosten = 200 US-$ (vgl. Foer 2010).

Viehhaltung bzw. Fleischkonsum hat folglich einen massiven Anteil an der Erderhitzung, am Klimawandel und am Massenaussterben.

Und hier wird es interessant:
Im Gegensatz zu unserer Mobilität und unserer Energieproduktion könnte man die Ernährung – prinzipiell, weil dafür keine umfangreichen Infrastrukturen neu geschaffen werden müssen – schnell und vergleichsweise unkompliziert umstellen. Foer konstatiert:

  • „Unsere Ernährung umzustellen wird nicht ausreichen um die Erde zu retten, aber wir können sie nicht retten, ohne uns anders zu ernähren“ (2019, 100).


Der Anteil, der Viehhaltung an den CO₂e-Emissionen zugeschrieben wird, wird sehr verschieden beziffert.

  • Doch selbst die Zahl am unteren Ende der Angaben – 14,5% von der UN – verdeutlicht, dass hier extremer Handlungsbedarf besteht (in diesem Sinne auch Foer 2019, 197).


14,5%

>> Foer weist darauf hin, dass die ursprüngliche, aus dem Jahre 2006 stammende Zahl der UN-Organisation FAO von 18% von selbiger bald nach Gründung einer „neuen Partnerschaft zwischen der FAO und der [US-]Fleischindustrie“ nach unten, also auf 14,5%, abgesenkt wurde (2019, 274).

>> FAO = Food and Agriculture Organization of the United Nations = Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen

Die Studie Livestock and Climate Change aus dem Jahre 2009 dimensioniert den durch Nutztierhaltung verursachten Anteil unserer globalen CO₂e-Emissionen vollkommen anders.

Sie taxiert den Anteil der Massentierhaltung an den globalen CO₂e-Emissionen auf

51%.

  • „The key difference between the 18 percent and 51 percent figures is that the latter accounts for how exponential growth in livestock production (now more than 60 billion land animals per year), accompanied by large scale deforestation and forest-burning, have caused a dramatic decline in the earth’s photosynthetic capacity, along with large and accelerating increases in volatilization of soil carbon“ (Goodland 2012).


Die 14,5- bzw. 18%-FAO-Studie berücksichtigt laut Foer (der sich auf Goodland bezieht) nicht, dass durch die Viehhaltung CO₂-Reduktionen verloren gehen, wenn man dort, anstatt Tiere zu halten, zu einem beträchtlichen Teil Regenwald nachwachsen ließe. (Allgemein darf angenommen werden, dass der Regenwald ohne die Aussicht auf Tierhaltung bzw. Soja-Anbau nicht gerodet worden wäre, sodass es statthaft ist, die entgangenen Reduktionen einzurechnen). Zudem sei Tierzucht am gemessenen Standort (Minnesota) wesentlich effektiver als z.B. im Globalen Süden, „wo der Sektor am schnellsten wächst. … Ebenfalls ausgelassen würde die ‚wesentlich höhere Menge an Treibhausgasen‘, die bei der Verarbeitung tierischer Produkte im Vergleich zu pflanzlichen Alternativen entsteht“ (Foer 2019, 268). Weitere unberücksichtigte Aspekte seien die erforderliche Kühlkette, die Zubereitung und die Entsorgung von Nassmüll bzw. Nebenprodukten, die Nutzung veralteter Zahlen, die Tatsache, dass das sich in 12,5 Jahren abbauende Methan idealerweise nicht auf 100, sondern auf die Klimaschädlichkeit von 20 Jahren gerechnet werde (vgl. S. 146). Auch die Atmung der Nutztiere sei nicht berücksichtigt. „Im Gegensatz zu den Büffelherden des präkolonialen Amerikas gehört Nutzvieh nicht zum natürlichen Kohlenstoffkreislauf“ (Foer 2019, 270-271). Schließlich hebt Foer hervor: Tierische Produkte seien „für menschliches Leben nicht unabdingbar“ – „[G]roße Teile der Menschheit [essen] wenig bis gar keine Tierprodukte“ (ebd.).


Aufgrund der vielen einzubeziehenden Faktoren ist es sinnvoll, die Rechnung eher entlang der Studie des Worldwatch Institute zu gestalten:

  • Foer konstatiert, dass „vermutlich keine von den beiden“ Zahlen stimme, halte aber „die höhere für die deutlich überzeugender“. Im Übrigen beziehe sich „[e]in Bericht der UN-Vollversammlung [sowie des Weiteren ein UNESCO-Bericht]… auf die 51 Prozent statt auf die [UN-eigenen-]FAO-Einschätzung“ (ebd. 2019, 274): Nicht mal die UNO selbst glaubt an die UN-FAO-Zahlen.


Zudem stoßen Rinder eben nicht CO₂, sondern Methan aus – was die Sache besonders kritisch macht und was dazu beiträgt, dass wir besonders dringend an das Thema ‚Ernährung‘ ranmüssen:

  • „[N]icht alle Treibhausgase sind gleich wichtig[:]… Auf ein Jahrhundert gerechnet hat Methan vierunddreißigmal so viel ‚Treibhauspotenzial‘ (die Fähigkeit Hitze einzuschließen) wie CO₂. Auf zwanzig Jahre gerechnet, hat es sechsundachtzigmal mehr… Da Methan und Stickoxide kurzfristig sehr viel höhere Treibhausausgaben bedeuten als CO₂, müssen sie am dringendsten gestrichen werden. Weil sie hauptsächlich dadurch entstehen, was wir essen, können sie am leichtesten gestrichen werden“ (Foer 2019, 105-106).
Details

Das UBA rechnet mit dem CO₂-Äquivalent (Treibhauspotenzial) von 25 und nicht 34. Aber auch „34“ ist eine gängige, oft genannte Zahl in diesem Zusammenhang (vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels, S. 145f.). Die Verweildauer von Methan beträgt 12,5 Jahre – sodass man tatsächlich mit politischen Entscheidungen in den Bereichen Ernährung/Landwirtschaft recht schnell in den Methan-Gehalt der Atmosphäre eingreifen kann. Und: Es macht wenig Sinn die Wirkung von Methan auf 100 Jahre hoch zu rechnen.


Foer verteilt in der Folge gleichermaßen stark Lob und Tadel an Jean Ziegler:

  • „Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Jean Ziegler, schrieb, es sei ein ‚Verbrechen gegen die Menschlichkeit‘, einhundert Millionen Tonne Getreide und Mais zu Biokraftstoffen zu verarbeiten, während fast eine Milliarde Menschen auf der Welt an Hunger leiden. Man könnte es als Körperverletzung mit Todesfolge bezeichnen.
  • Er sagte aber kein Wort davon, dass in der Nutztierhaltung jährlich etwa die siebenfache Menge an Getreide und Mais verfüttert wird – genug, um alle hungernden Menschen der Erde zu ernähren –, an Tiere, die von den Wohlhabenden gegessen werden. Dieses Verbrechen können wir als Genozid bezeichnen.

    Es ist also keineswegs so, dass die Massentierhaltung ‚die Welt ernährt‘.

Die Massentierhaltung lässt die Welt hungern und richtet sie gleichzeitig zugrunde.“ (Foer 2019, 192)


Weitere Zahlen zum Thema ‚Fleisch & Treibhausgase‘:

  • 1kg Rindfleisch = 13,3kg CO₂e (Geflügel 3,5kg CO₂e | Schwein 3,2kg CO₂e) (nach Wintermantel 2019, vgl. Agrarforum Leipzig 2017, BMU in Berkel 2019)
…mehr

Es gibt Studien, die nahelegen sowie Unternehmen, die behaupten, dass ein (derzeit nicht zugelassener) Rinder-Futterzusatz mit dem Molekül 3-NOP (3-Nitrooxypropanol) mindestens zu 30% und bis zu 50% die Bildung von Methan im Magentrakt von Rindern vermindern könnte. „Der Stoff habe, wenn er in die Nahrungskette gelange, weder für die Kuh noch für den Menschen schädliche Nebenwirkungen“ (Schilliger 2017). Meinen Recherchen zu Folge erwähnen weder Spiegel, SZ noch Zeit diesen Ansatz, der zudem Züge von Bioengineering trägt, weshalb er hier bis auf Weiteres lediglich Platz in einer Fußnote findet. Selbst wenn eine praktische Umsetzung tragbar wäre und gelänge, wären die grundlegenden Herausforderungen damit allenfalls ein wenig entschärft, aber keinesfalls behoben. Letztlich handelt es sich um die Bekämpfung eines Symptomes. Notwendig ist aber eine Ursachenbekämpfung – und für alles andere haben wir auch keine Zeit mehr. Die Überschrift des Schweizer Tagesanzeigers verrät, worum es mutmaßlich geht: Um ein „Milliardengeschäft mit rülpsenden Kühen“ (ebd.).

  • Andere Rechnung, andere Zahlen:
    1 kg Rindfleisch = 20,65 kg CO2e (Geflügel = 4,22 kg CO2e | Schwein = 7,99 kg CO2e | Weizenmehl = 1,68 kg CO2e | Kartoffeln = 0,62 kg CO2e (nach WWF 2014, 29)
  • „Über 70% unseres ernährungsbedingten Flächenfußabdrucks entstehen allein durch den Verzehr tierischer Lebensmittel.“ (ebd., 23)
  • Jedes Rind rülpst bis zu 500 Liter Methan – pro Tag (vgl. Braun et al. 2020, 71)


Statistiken von der Facts-Seite der Film-Doku Cowspiracy (2014):

  • Land, das benötigt wird, um eine Person ein Jahr lang zu ernähren…
    • vegan = 674 qm | vegetarisch = 2.023 qm (=Faktor 3) | Fleisch-essend = 12.141 qm (Faktor 18) (vgl. Anderson/Kuhn 2019)
    • „A person who follows a vegan diet produces the equivalent of 50% less carbon dioxide, uses 1/11th oil, 1/13th water, and 1/18th land compared to a meat-lover for their food“ (ebd.).
  • Auf 6070 qm können 170 kg tierische Lebensmittel produziert werden (ebd.).
  • Auf 6070 qm können 16,8t pflanzliche Lebensmittel produziert werden (Faktor 44) (ebd.).

>> vgl. Aspekt Inspirationen für konkrete Verhaltensänderungen/vegetarische Ernährung, S. 180.


In den Niederlanden ist man mal wieder weiter: Hier gibt es ein staatliches Ausstiegsprogramm aus der Schweinehaltung namens warme sanering (‚warme Sanierung‘). Die Regierung sieht 180 Mio Euro vor, die „Schweinebauern zugutekommen, die ihre Ställe endgültig abreißen“ (Theile 2020, 7) und ihre ‚Schweinerechte‘ abtreten. Ein Trend ist, auf dem jeweiligen Gelände dann Einrichtungen zu bauen für Tageseinrichtungen für Betreuungsbedürftige.

  • „Jüngsten Medienberichten zufolge plant die [niederländische] Regierung ein weiteres Programm über 350 Millionen Euro für ausstiegswillige Viehhalter in stark belasteten Gegenden“ (ebd.).

Diese für Deutschland derzeit bedauerlicherweise noch nicht einmal denkbare Maßnahme gründet letztlich auf dem gleichen weitreichenden Gerichtsurteil in den Niederlanden, welches zum Tempolimit geführt hat (vgl. Abschnitt Tempolimit, S. 314f.).


Update April 2020 zum Aspekt Viren wie bspw. SARS-CoV-2, veränderte Landnutzung und Rindfleisch:

Dem US-Biomediziner und Virologen Dennis Carol zufolge dringen wir Menschen – aufgrund des Bevölkerungswachstums, der geänderten Landnutzungen, bei der Suche nach Rohstoffen und mittels unseres überbordenden Lebensstils – zu weit in die Natur vor, womit wir die Gefahr des Übergreifens eines Virus‘ vom Tier zum Mensch erhöhen:

  • „Die wichtigste Ursache für das Übergreifen von Viren liegt in der Transformation von Ökosystemen durch eine Änderung der Landnutzung. Deren wichtigster Faktor ist wiederum die Rinderhaltung und -produktion. Hinzu kommt die Herstellung von Nahrungsmitteln für diese Rinder. Eine zentrale Herausforderung ist, die Art und Weise, wie wir unseren Proteinbedarf decken zu überdenken. In dieser Hinsicht glauben wir, dass im Laufe des 21. Jahrhunderts Afrika südlich der Sahara und Südasien immer stärker in den Fokus rücken werden – auch wegen des Bevölkerungswachstums dort. Wenn wir unseren Proteinbedarf weiter auf die bisherige Weise decken – und hier spielt Rindfleisch eine große Rolle – wird die Gefahr des Viren-Übergreifens rasant wachsen. Wir müssen uns nüchtern fragen: Gibt es andere Wege um den Proteinbedarf zu decken? Gibt es Alternativen für die derzeitige Tierhaltung? – Und darüber müssen wir als Weltgemeinschaft ernsthaft nachdenken“ (Carol 2020).

Damit erhält die ohnehin hohe Notwendigkeit zu einer geänderten Produktion von Nahrungsmitteln noch eine weitere Dimension.

>> vgl. Aspekt Antibiotika-Resistenzen, S. 183f. und Aspekt Zoonosen, S. 129f.


Quellen des Abschnitts Fleisch & Treibhausgase



Fleisch & gesunde Ernährung

  • „Es stimmt, dass eine gesunde Ernährung teurer ist als eine ungesunde – etwa 550 $ pro Jahr [=46 Euro im Monat]. Und jeder sollte das Recht auf Zugang zu gesunden, bezahlbaren Lebensmitteln haben. Aber eine gesunde vegetarische Ernährung kostet pro Jahr im Schnitt etwa 750 $ weniger als eine gesunde fleischbasierte Ernährung“ (Foer 2019, 193).

>> vgl. Abschnitt Was kann Ich tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten Aspekt Nur noch Bioland und Demeter als Bio-Siegel akzeptieren, S. 185f.).


Foer weist dann noch auf die Kosten hin, die durch Fleischkonsum-beförderte Zivilisationskrankheiten entstehen.

  • „Es ist also nicht elitär, wenn man sich für eine preisgünstigere, gesündere und ökologisch nachhaltigere Ernährungsweise einsetzt.

    Was mir dagegen elitär erscheint:

    Wenn jemand die Existenz von Menschen, die keinen Zugang zu gesunder Nahrung haben, als Ausrede nutzt, nichts zu verändern, statt als Antrieb, um diesen Menschen zu helfen“ (ebd.).

>> Quelle: Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi, S. 193.



Fleisch & Ethik

Tierstrafrechtler Jens Bülte:

„Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren – den Aufschrei in der Bevölkerung können Sie sich ausmalen.“ (Theile 2019, 6)

Hier geht es nicht um ‚Bullerbü‘. Hier geht es um einen Mindeststandard an Tierwohl, den die Ethik gebietet. Und von dem sind wir: meilenweit entfernt.

Nutztiere sind zum Sterben da?

  • „Tiere fühlen nicht, Tiere denken nicht, sie haben auch kein Bewusstsein, so [sah die Menschheit es traditionell und so] sehen es viele noch heute…“ (Abé 2019, 29) – und ignorieren bzw. rechtfertigen damit die Massentierhaltung bzw. das Wegschauen (vgl. ebd.).


Da frage ich mich: Wenn das so gesehen wird, warum hält man sich dann so gerne nicht-fühlende, nicht-denkende, bewusstseins-lose Tiere?
Vielleicht hält man sie sich, weil man intuitiv weiß, dass Tiere viel mehr sind als nicht-fühlend und nicht-denkend.
Und: Jede*r Tierbesitzer*in – wirklich jede*r – weist gern und immer wieder auf die herausragenden Charaktereigenschaften und die besondere Intelligenz ihres/seines tierischen Lieblings hin.


Auch die Wissenschaft beweist mittlerweile, dass die Intuition von Tierbesitzer*innen keineswegs trügt:

  • Tiere, das ist die Kernbotschaft, seien dem Menschen näher als lange angenommen. Sie sind soziale Wesen mit vielfältigen Gefühlen und haben sogar eine Art Bewusstsein“ (Abé 2019, 29).


Den bekannten Marshmallow-Test, dem Kinder so gern unterzogen werden („Hier ist ein Bonbon – wenn Du lieber 2 Bonbons möchtest, musst Du Bonbon Nr. 1 fünf Minuten auf dem Teller liegen lassen“), bestehen auch Schweine:

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Wir Menschen sind derzeit im Grunde ebenfalls kollektiv mit der Marshmallow-Frage konfrontiert „Willst Du jetzt Alles sofort, um den Preis, dass Du (und Dein Kind) hinterher nichts mehr hast – oder willst Du mehrere kleine Portionen, sodass es auch künftig für Dich und Dein Kind reicht“. Ich bin mir nicht sicher, wie die Menschheit diese Frage beantworten wird. Wie gesagt, Schweine bestehen diesen Test.

  • „Binnen Tagen wird sie [– die Sau ‚Madame‘ –] in der Lage sein, genau das nicht zu tun. Sie wird ihre Impulse kontrollieren und auf sofortigen Genuss [zugunsten ihrer später servierten Lieblingsspeise] verzichten“ (ebd., 30).


Kein Wunder, das Schweine im Kastenstand „ähnlich autoaggressive Symptome wie Menschen in Isolierhaft [entwickeln]“ (Scheub/Schwarzer 2017, 55).


Unseren Blick auf Nutztiere kann man darüber hinaus in einen größeren Zusammenhang stellen:

  • „Der Ethiker Peter Singer… gebraucht das Wort ‚Speziesismus‘, um den Blick des Menschen auf das Tier zu beschreiben. Er meint seine verzerrte Perspektive zugunsten der eigenen Spezies, nur sie unterliege danach einem moralischen Wertegefüge. Der Philosoph zieht Parallelen zum Sexismus, mit dem eine schlechtere Stellung von Frauen gerechtfertigt wird, sowie zur Rassenlehre des 19. Jahrhunderts, nach deren Logik Schwarzafrikaner versklavt werden durften. Das andere Geschlecht, die andere Rasse, und nun eben die andere Spezies, werden als minderwertig betrachtet. Gerechtfertigt werde die Ausbeutung von Tieren mit Verweis auf die Unterschiede zum Menschen. …

    [Doch i]m Grunde sei es irrelevant, wie wenig sich Tiere und Menschen unterscheiden. … Einzig relevant sei, ob es leidet“ (Abé 2019, 30-31).

Quellen des Abschnitts Fleisch und Ethik

  • Abé, Nicola (2019): „Wie lebende Maschinen“. in: Der Spiegel, Nr. 33/2019, 10.8.2019, S. 29ff.
  • Scheub, Ute u. Schwarzer, Stefan (2017): Die Humusrevolution. Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Energiewende schaffen. oekom.
  • Theile, Merlin (2019): „‚Stellen Sie sich vor, man würde erlauben, Hunde betäubungslos zu kastrieren.‘ Der Strafrechtler Jens Bülte über die unterschiedliche Behandlung von Haus- und Nutztieren sowie fehlende Kontrollen in deutschen Ställen“. in: Die Zeit, Nr. 12/14.3.2019, S. 6.


Fleisch & Tierhaltung

Fleisch & Tierhaltung: ‚Nottötungen‘ – wtf ist das?

Nein, das sind nicht alles Einzelfälle.

  • „Jedes fünfte in Deutschland für die Fleischindustrie geborene Schwein erreicht das Schlachtalter gar nicht, weil es erkrankt oder verletzt wird. In Zahlen bedeutet das: Mehr als 13,5 Millionen sogenannter Falltiere werden vorzeitig ‚notgetötet‘“ (Kwasniewski 2019).


Da stellt sich die Frage, wie so eine „Nottötung“ abläuft.

  • „Schon länger gibt es Hinweise darauf, dass kranke oder verletzte Schweine in der Intensivtierhaltung nicht fachgerecht getötet werden“ (Kwasniewski 2019). Das würde ja auch Geld kosten. Die Sprecherin der Tierrechtsorganisation, Sandra Franz, dazu im Spiegel: „Die betroffenen Tiere sind von vornherein als ‚Verluste‘ einkalkuliert. Da eine Behandlung der Tiere nicht rentabel wäre, werden sie einem langsamen und leidvollen Tod überlassen“ (ebd.). Und die Tierärztin [Elisabeth] große Beilage kommt in einer Studie über ankommende Tierkadaver in Tierkörperbeseitigungsanlagen zu dem Schluss: „Fast 62 Prozent der von große Beilage kontrollierten Schweinekadaver waren mangelhaft betäubt und/oder getötet worden“ (ebd.).
  • 300.000 Schweine pro Jahr – das hat nichts mit einzelnen schwarzen Schafen in der Branche zu tun (vgl. ebd.) – das ist ein systemischer Fehler.
…mehr

Wenn aufgrund einer Krankheit wie bspw. der Vogelgrippe sämtliche Tiere von Massentierhaltungen geschlachtet werden, nennt das Verwaltungsrecht das „Bestandsräumungen“ (vgl. Theile 2019, 6). Solche Euphemismen sind meiner Beobachtung nach gerade im Bereich ‚Massentierhaltung‘ auffällig üblich: Es sind Mitte der 1990er Jahre Wochen ins Land gegangen, bis ich verstanden habe, dass es sich im Zusammenhang mit der Rinderkrankheit BSE bei Tiermehl nicht etwa, wie von mir gutgläubig angenommen um (pflanzliches, Körner-/Pflanzen-)Mehl für Tiere handelt, sondern um „mittels mechanischer und chemischer Aufarbeitung“ (wikipedia 2019) zu Mehl vermahlene „Kadaver von verendeten und erkrankten Tieren, Schlachtabfälle und tierische Nebenprodukte“ (ebd.), die nachfolgend reinen Pflanzenfressern vorgesetzt werden, also: Mehl aus Tieren für Tiere, genauer gesagt für Pflanzenfresser.


In meiner Wahrnehmung übernimmt man mit jedem Lebewesen in der eigenen Obhut auch die Pflicht, dieses artgerecht zu halten und im Krankheits-/Verletzungsfalle einem Tierarzt vorzustellen. Eine „Nottötung“ kann daher von der Logik der Sache nur erfolgen, wenn dadurch größeres Leid verhindert wird – aber eben definitiv nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Wie abgestumpft ist unsere Gesellschaft eigentlich, dass es offensichtlich notwendig ist, diese Zeilen zu schreiben?


Frage: Aber warum werden überhaupt so viele Jungtiere krank, noch bevor sie ihr Schlachtgewicht erreichen?

Antwort: Der ‚Ausschuss‘ ist aufgrund der beengten und nicht-artgerechten Haltungsbedingungen derartig hoch.

  • Ein beliebtes und selbstberuhigendes Argument von Fleischliebhaber*innen ist, dass die Haltungsbedingungen schließlich durch Tierärzte und Kontrollbehörden überprüft würden und sie sich somit keine Gedanken machen brauchen.

    Ja, so sollte es sein. Ist es aber nicht – und jede*r weiß es.


Und jede*r weiß, dass jede*r es weiß. Das hat System. Das ist verlogen.

Wer hier mitspielt, nach dem Motto: „Was kann ich dafür, wenn Regeln allzu oft nicht eingehalten werden“, handelt angesichts des eigenen Wissens, dass die Regeln systemisch nicht eingehalten werden, m.E. verantwortungs- und gewissenlos.


Dazu hält der Spiegel fest:

  • „Die Kontrollen sind mangelhaft, die Veterinärämter so unterbesetzt, dass statistisch gesehen ein Tierhalter in Nordrhein-Westfalen nur rund alle 15 Jahre mit einer Überprüfung rechnen muss. Trotz vieler Verstöße kommt es nur selten zu Strafverfahren – in der Regel stellt die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Geringfügigkeit oder mangels Beweises ein“ (Kwasniewski 2019).
  • „Im Jahr 2017 waren nach Auskunft der Bundesregierung 562.864 Betriebe in Deutschland tierschutzrechtlich kontrollpflichtig, es gab aber bloß 29.854 Kontrollen, weil auch die Veterinärämter völlig überlastet sind. Die Kontrolldichte lag also bei gut fünf Prozent, in manchen Bundesländern sogar noch darunter.

    In Bayern kommt im Schnitt nur alle 48 Jahre ein Kontrolleur vorbei“ (Theile 2019, 6).


Wenn eine Vorschrift Kontrollen erfordert bzw. wenn ein Gesetz Kontrollen vorsieht, dann hat der Staat – vollkommen egal in welchem Lebensbereich – dafür zu sorgen, dass entsprechend das erforderliche Personal eingestellt wird und selbige durchgeführt werden. Andernfalls – und insbesondere, wenn jahrelang viel zu wenig Personal da ist – hat von einem bewussten Wegschauen oder zumindest eine bewusste Inkaufnahme des Staates ausgegangen zu werden. Damit macht sich der Staat zum Komplizen.


Und die/der um diesen Umstand wissende Non-Bio-Fleischkonsument*in – moralisch gesehen – ebenfalls.


Quellen des Abschnitts Fleisch & Tierhaltung: ‚Nottötungen‘ – wtf ist das?



Fleisch & Tierhaltung: Kastration von männlichen Ferkeln

Argumentation von Befürworter*innen:

  • Betäubungen dürften nur Tierärzte, davon gäbe es zu wenige (Anmerkung der Redaktion: Kostenfaktor!), das Fleisch unkastrierter Eber rieche beim Braten unangenehm, wolle man das vermeiden, hätten die männlichen Schweine früher geschlachtet zu werden und brächten dann nur 80 statt 120 kg Schlachtgewicht = Thema Effizienz – und: Schlachtbetriebe seien auf 120 kg eingerichtet und wollen keine 80-kg-Schweine (vgl. Ausführungen des Landwirtes Marcus Holtkötter in Grefe/Theile 2019, 32).


In anderen Worten:
Es wäre ethisch angebracht, männliche Schweine früher zu schlachten. Das ist eine Zeile Gesetzestext. Simpel. Kann gleich morgen erledigt werden.


>> Quelle: Grefe, Christiane und Theile, Merlin (2019): „‚Das ist doch ökologischer Irrsinn‘. Die Grünen-Politikerin Renate Künast und der Landwirt Marcus Holtkötter streiten über Gülle im Grundwasser und die Frage, ob es nötig ist, Ferkel zu kastrieren“. in: Die Zeit, Nr. 45/30.10.2019, S. 32.



Fleisch & Tierhaltung: Hochleistungsrassen

Vielen Menschen ist heute nicht mehr bewusst, dass Kühe nur Milch geben, wenn die regelmäßig Kälber auf die Welt bringen. Hochleistungsmilchkühe sind indes nicht auf Fleisch gezüchtet, sodass sie „in deutschen Schlachthöfen nicht gefragt [seien]“ (Jaensch 2019, 43), weshalb Landwirt*innen dazu neigen, den „überzähligen [und zumal den männlichen] Nachwuchs ins Ausland zu verkaufen“ (ebd.).

Hochleistungsrassen bei Hühnern, Rindern, Puten und Schweinen:

  • Früher war es „üblich Hühner zu halten, die sowohl Eier legten als auch Fleisch liefern konnten… Heutige Masthühner sind nach nur einem Monat groß genug, um geschlachtet zu werden, heutige Legehühner legen im ersten Jahr bis zu 330 Eier, ein zweites Jahr ist dann nicht mehr vorgesehen. Noch schlechter haben es die Hähnchen der Legerassen getroffen… Sie [werden umgehend mit Kohlendioxid erstickt und/oder] landen direkt nach dem Schlüpfen im Schredder… [– jährlich in Deutschland] 45 Millionen Küken“ (Göpel 2020, 41-42; Aspekt Kohlendioxid vgl. Maurin 2020, 8).
    In Deutschland ist dieser unethische Umgang mit Leben weiterhin für eine nach meinem Wissensstand nicht terminierte „Übergangszeit zulässig, wie das Bundesveraltungsgericht 2019 entschieden hatte. Die Praxis darf aber vorerst weitergehen, bis den Brutbetrieben praxisreife Verfahren zur Geschlechtsbestimmung schon im Ei zur Verfügung stehen“ (taz 2020, 15; vgl. Aspekt Fortsetzung des Kastenstandes, S. 562).


Update September 2020: Ein Gesetzesentwurf des Agrarministeriums sieht vor, dass das „routinemäßige Töten frisch geschlüpfter männlicher Küken … in Deutschland ab Januar 2022 verboten sein [soll]… Ab Januar 2024 müssen [gemäß Gesetzentwurf] Methoden zur Geschlechtserkennung angewandt werden, die vor dem siebten Bruttag greifen“ (Maurin 2020, 8). Abwarten, es ist ein Gesetzentwurf.

  • Hochleistungsmilchkühe haben aufgrund ihrer schweren Euter u.a. Gelenkprobleme (vgl. Albert Schweitzer Stiftung 2020a) – um 1900 betrug die Milchleistung je Kuh 2.165 kg, 1990 4.710 und 2019 8.250 kg (vgl. Statista 2020) – eine Vervierfachung des langjährigen landwirtschaftlichen Normalzustandes; 2016 pro Kuh = ca. 27 Liter pro Tag, ca. 10.000 Liter im Jahr, in den USA sogar 12.000 Liter im Jahr (vgl. Koch 2016).
Vegetarier Hagen Rether spricht über Fleisch und Klimawandel https://www.youtube.com/watch?v=gtaOVI7WdO8 (Abrufdatum 9.11.2020)


„Erwachsene Mitteleuropäer saufen Kuhmilch wie Wasser. Haben Sie schon mal so ein entzündetes Euter gesehen von so einer Hochleitungskuh – da würden wir uns aber vier von unseren sechs verschissenen Latte Macchiato am Tag sparen.“ (Hagen Rether 2010)

>> Während des Erzählens spielt Rether lässig ein eigenes Arrangement von „Schlaf, Kindlein Schlaf“ auf dem Flügel.

  • Bei Puten bedeutet die Überzüchtung, dass „durch das ungleiche Verhältnis von Muskulatur zu den inneren Organen und die Überbeanspruchung des Stoffwechsels … häufig ihr Körper [versagt]“ (Albert Schweitzer Stiftung 2020b): „Während ein männliches Küken noch etwa 60 Gramm wiegt, beträgt sein Gewicht am Ende der Mast bis zu 21 kg – das entspricht einer 350-fachen Gewichtsteigerung“ (ebd.). Man hat davon ausgehen, dass diese Tiere u.a. durch schmerzende Beinveränderungen und Entzündungen quasi immer Schmerzen haben.
  • Hochleistungsschweine werden geimpft, bekommen Ohrenmarken, ihre Vorderzähne werden mithilfe einer Art Bohrmaschine (vgl. Höfler/Windel 2020, 111) abgeschliffen, die Schwänze z.B. „mit einer Stanzmaschine“ (ebd.) abgeschnitten – und die männlichen Tiere i.d.R. kastriert,
    • bis zum 31.12.2020 betäubungslos (vgl. Amann et al. 2013, 66),
    • ab 1.1.2021 unter Vollnarkose „plus Schmerzmittel für danach“ (Schönherr 2020, 21),

gemäß Spiegel wurde bislang „lediglich das Schmerzmittel Metacam … verabreicht“ (ebd.). „Viele Ferkel erhalten [mit Stand 2013] … direkt nach der Geburt ein Langzeitantibiotikum“ (ebd., 68).

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Zitat Website des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft: „Ursprünglich sollte das Verbot [betäubungslos zu kastrieren] zum 1. Januar 2019 in Kraft treten. Das deutsche Tierschutzgesetzt ist mit Blick auf das Thema Ferkelkastration eines der ambitioniertesten Gesetze innerhalb der EU… Die Debatte um die Verlängerung spiegelt die Zielkonflikte zwischen hohen Tierschutzstandards und betrieblicher Praxis.“ (BMEL 2020).


Was bleibt denn von dem Schwein überhaupt noch so, wie es auf die Welt gekommen ist?

  • Und, analog zur Pute: „Manche Rassen … legen so schnell an Gewicht zu, das das Skelett entwicklungstechnisch nicht mitkommt. Dann brechen die Beide, weil das Tier sich selbst zu schwer wird“ (ebd.).


Soweit kurz herausgegriffen einige wenige Aspekte des Themas ‚Hochleistungsrassen‘.


Update Juni 2020:

Der Deutsche Ethikrat äußert sich 2020 „[n]ach langen Vorbereitungen ‚zum verantwortlichen Umgang mit Nutztieren‘[:] … [N]icht vertretbar seien Hochleistungszucht, durch die Tiere Schaden nähmen“ (Sezgin 2020, 12) – es folgt eine Liste, die den Ausführungen dieses Handbuch-Abschnitts in nichts nachsteht, ergänzt um Aspekte wie „Dauerbeleuchtung in Geflügelzuchthallen, Spaltböden in Kuhställen, enge Käfige für Muttersauen… sowie … die Trennung von Mutter- und Jungtieren direkt nach der Geburt“ (Deutscher Ethikrat 2020, 45).

  • „Wenn wir … [diese Ausführungen] ernst nähmen, würde die Nutztierhaltung im Land komplett zusammenbrechen. Irreversibel. Denn weder Fleisch, Eier noch Milch könnten in relevantem Maßstab produziert werden, wenn die bekannten Maßnahmen zur Effizienzsteigerung verboten würden“ (Sezgin 2020, 12).


Derweil drohen diverse traditionelle ‚alte‘ Nutztierrassen auszusterben – denn in den Ställen und auf den Weiden stehen i.d.R. die immer gleichen hochgezüchteten Hochleistungsrassen. Dabei gibt es weltweit mehr als 1.000 Rinder und Schafrassen, „beim Pferd ungefähr 700 und bei Ziege und Schwein immerhin noch mehr als 500“ (Sambraus 2010, 9). „Doch [v]iele Rassen sind im Verlauf des 20. Jahrhunderts ausgestorben, zahlreiche sind in ihrem Bestand bedroht. Je nach Tierart sind es 20 bis 40 Prozent“ (ebd.). „Für die nächsten 20 Jahre [Stand: 2010!] rechnet die FAO mit einem Totalverlust von 2.000 weiteren Haus[nutz]tierrassen“ (Frölich/Kopte 2010, 16).

Damit schwindet die genetische Vielfalt – und steigt das Risiko, dass es mal eine Hochleistungsrasse oder gar eine ganze Nutztierart durch eine Krankheit weitgehend oder gar komplett dahinrafft. Die traditionellen Nutztierrassen haben gegenüber den Hochleistungsrassen den großen Vorteil, dass sie i.d.R. wesentlich robuster, anspruchsloser, fruchtbarer und widerstandsfähiger gegen Krankheiten sind (vgl. ebd.).

  • Die Arche Warder am Rande der Ortschaft Warder bei Kiel, ein Greenpeace-Projekt, beforscht, bewahrt und züchtet (unter Achtung der genetischen Vielfalt) alte Nutztierrassen und zeigt ihre Arbeit mit dem gleichnamigen Tierpark mit definitiv artgerechter Haltung. Für Menschen, die Kühe wahlweise entweder für schwarzbunt oder braun halten, ist es doch überraschend, Lockengänse, Tauchschweine und Schafe bzw. Ziegen mit verschiedensten Kopfschmuck zu Gesicht zu bekommen. Der erste Besuch dort kann sich ‚exotischer‘ anfühlen als ein Besuch in einem Zoo mit den ‚üblichen‘ Tieren aus aller Welt.

Quellen der Abschnitte Fleisch & Tierhaltung: Tierhaltung: Hochleistungsrassen


Fleisch & Tierhaltung: Tiertransporte XXL

79.350 Zuchtrinder wurde 2017 aus Deutschland in Non-EU-Länder transportiert (vgl. Theile 2019, 3), „vorwiegend in die Türkei [30.236], nach Russland [17.923] und nach Usbekistan [6.898]… Die ins Ausland verschickten Rinder sind in der Regel [trächtig] im sechsten bis siebten Monat… Laut Vorschrift müssen die Rinder nach spätestens 29 Stunden für 24 Stunden abgeladen, gefüttert und getränkt werden“ (ebd.). Offiziell sind es Zuchttiere. Die Tierärztin Manuela Freitag, die gehalten ist, solche Transporte bis zu meteorologisch angekündigten 30 °C zu genehmigen, ist da nicht noch sicher: „‚Ich bezweifle stark, dass die deutschen Hochleistungsrassen für die Zucht in diesen Drittstaaten überhaupt geeignet sind‘… Es wundere sie deshalb nicht, dass aus den betroffenen Ländern immer wieder nachgeordert wird“ (ebd.). Eine von der Tierschutzorganisation Animals‘ Angels begleitete Fahrt von          60 trächtigen Kühen dokumentiert 205 Stunden Tortur bei bis zu -10 °C vom Emsland in Deutschland über Polen, Belarus – 14 Stunden Pause mit Entladung – Russland – 24 Stunden Pause ohne Ent-ladung – Kasachstan – 13 Stunden Pause mit Tränkung nach 43 Stunden (ohne Entladung) – Fergana Usbekistan = 6.000 km (vgl. ebd.).


29 Stunden!

>> vgl. Albert Schweitzer: Ehrfurcht vor dem Leben, S. 205f.

>> Quelle: Theile, Merlind (2019): „Jenseits der Schmerzgrenze“. in: Die Zeit, 28.2.2019, S. 3.



Fleisch & Tierhaltung: Kastenstand für Muttersauen

Die Argumentation von Befürworter*innen, z.B. äußert sich der Landwirt Marcus Holtkötter wie folgt:

  • „Die Sau [liegt] nach dem Abferkeln bis zu 28 Tage im Kastenstand [und wird] in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt… Aber wenn wir darauf verzichten würden…, würden 30 bis 40 Prozent der Ferkel von ihr erdrückt“ (Grefe/Theile 2019, 32).


Renate Künast spricht hier von einer „grundsätzlich falschen Tierhaltung“ und hebt darauf ab, dass bei Massentierhaltung „viele Jungtiere sterben“ (vgl. Abschnitt ‚Nottötungen‘ – wtf ist das?, S. 556f.). Soll heißen: Die Ferkel überleben dann zwar den Kastenstand, „erleben“ aber vielfach nicht ihr Schlachtgewicht. Künast weiter: „Höhere Überlebenschancen bieten Außenklimaställe und Auslauf“ (Grefe/Theile 2019, 31).


Der Spiegel ergänzte 2013:

  • „Maximal einen Tag darf eine Sau überfällig sein, dann wird die Geburt hormonell eingeleitet. Sonst gerät das ganze System aus dem Rhythmus. So wie immer dienstags besamt wird, sollen donnerstags die Ferkel kommen“ (Amann et al. 2013, 66).

Nach dem Urteil des Verwaltungsgerichts Magdeburg 2015 ist der bisherige Kastenstand von Sauen nicht mehr zulässig. Um eine Neuregelung wird seitdem gerungen, ein neuerlicher Einigungsversuch ist im Juni 2020 gescheitert, sodass die Duldung aufgrund fehlender Neuregelung fortgesetzt wird (vgl. Schießl 2020a).

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1997 trat das erste Hamburger Klimagesetz in Kraft, welches Klimaanlagen verbot – soweit baulich möglich und zumutbar. Solche Gesetze werden i.d.R. erst durch von den Behörden erarbeiteten Rechtsverordnungen scharfgeschaltet. Eine solche Verordnung ist nie ergangen, sodass es weiterhin über einen Zeitraum von weit über 20 Jahren legal war, Klimaanlagen zu bauen (vgl. Hamburger Umweltsenator Jens Kerstan im Umweltausschuss 7.1.2020).

Update 4.7.2020:

In der letzten Sitzung des Bundesrates vor der Sitzungspause gibt es nun doch noch eine Neuregelung für das Thema ‚Kastenstand‘:

  • Dem zufolge dürfen „Muttersauen nur noch wenige [d.h. 5] Tage statt mehrere Wochen in Kastenstände gesperrt bleiben… – aber erst nach einer Übergangszeit von bis zu zehn Jahren. Der Bauernverband kritisierte den Beschluss, weil nun Ställe umgebaut werden müssen“ (Maurin 2020, 6; vgl. BR 2020, vgl. Schießl 2020b).
  • Letzteres sei für viele kleinere und mittlere Betriebe schwer zu stemmen. Das ist wahrscheinlich richtig angesichts der geringen Margen. Andererseits könnte man nun ausrechnen, wie viele Muttersauen von dieser kleinen Verbesserung aufgrund der Übergangszeiten niemals profitieren werden… Es gibt zu viele Schweinezuchten in Deutschland. Das alles zeigt, dass es nicht sinnvoll ist, allein an dem kleinen Schräubchen ‚Kastenstand‘ zu drehen – das fällt eigentlich schon eher unter das Thema ‚Ablenkung‘. Hier ist umgehend eine wesentlich größere Transformation erforderlich.

>> vgl. Aspekt Küken-Schreddern S. 558: Wirtschaft schlägt Tierwohl.
>> Die Niederlande sind da – mal wieder – weiter als Deutschland und reduzieren ihre Schweinebestände systematisch – siehe Niederlandes staatliches Ausstiegsprogramm für Schweinezüchter, S. 552.


Doch auch unabhängig vom Magdeburger Urteil von 2015 gibt es durchaus vielfach den Willen, innerhalb des bestehenden Systems mehr Tierwohl herbeizuführen – aber das ist nicht so einfach, wie es zunächst erscheint:

  • „Ein Stall mit Auslauf bedeutet zum Beispiel, dass Gerüche aus dem Stall nicht mehr über einen Kamin an die Außenwelt gehen, sondern [diffus] über viele andere Wege“ (Bauchmüller 2020).
  • „‚In der Praxis ist es oft so‘, sagt [der Landwirt und Vorsitzende der ‚Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft‘ Martin] Schulz, ‚Landwirte wollen umbauen, legen Pläne vor, aber die Behörden scheuen eine Entscheidung.‘ Aus Angst, dass die Genehmigung vor Gericht keinen Bestand hat. Denn neben besorgten Verbrauchern gibt es auch jede Menge klagefreudige Anwohner“ (zit. in Bauchmüller 2020).

Wenngleich die Klagefreundlichkeit in Deutschland tatsächlich ein Problem darstellt, ist es doch schwer vorstellbar, dass all die 7,27 Millionen Schweine (vgl. SZ 2020) und 7,993 Millionen Niedersachs*innen (vgl. wikipedia 2020) bei einer Freilandhaltung bzw. offenen Ställen allein schon ‚geruchstechnisch‘ gut miteinander klarkämen…

Das bedeutet, dass Tierwohl und eine weniger inadäquate Massentierhaltung sich ein stückweit ausschließen. Gekoppelt an ethische Erfordernisse sowie den aus der Klimakrise zu ziehenden Konsequenzen liegt es auf der Hand, dass es eines gewaltigen ‚Weniger‘ bedarf.


Mein persönliches Fazit zu dem Abschnitten Fleisch & Ethik sowie Fleisch & Tierhaltung lautet: Mit diesem Schweinesystem möchte ich nichts zu tun haben. Ich möchte daran keinen Anteil haben.

Jeder Kauf von Billig-Fleisch stützt das System Massentierhaltung / Tierelend / Regenwald-Abholzung / Verlust von Artenvielfalt / Massenaussterben / Klima-Aufheizung / Trinkwasserverschmutzung / Dumping-Lohn.


Rind geht auch Bio nicht wegen CO2e/Methan.

Rind/Lamm/rotes Fleisch/verarbeitetes Fleisch (Wurst & Co) geht nicht wegen (Darm-)Krebsrisiko.

Konventionelles Geflügel geht nicht wegen Antibiotika-Resistenz-Risiko.

Bleibt nicht viel.

Es bleibt:


Veganismus oder selten frisches, nicht-rotes Biofleisch bzw. Milchprodukte auf der Stufe Bioland/Demeter.


Quellen des Abschnitts Fleisch & Tierhaltung: Kastenstand für Muttersauen



Fisch.

Fisch & Ernährung

Fisch ernährt einen Großteil der Menschheit:

  • „Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation (FAO) sind heute insgesamt 660 bis 820 Millionen Menschen direkt oder indirekt von der Fischerei abhängig. Bis zu zwölf Prozent der Weltbevölkerung leben demnach von diesem Wirtschaftszweig“ (Latif 2014, 292).

    „Weltweit ernähren sich allein drei Milliarden Menschen hauptsächlich von Fisch“ (Götze 2019).


Überfischung & Massenfischhaltung

Zur Überfischung trägt der Fischfang im industriellen Maßstab inkl.

  • des Fanges noch nicht geschlechtsreifer Tiere (vgl. Welzer 2016, 15) und
  • direkt umweltschädigender Fangmethoden maßgeblich bei.

Jüngst entdeckte man, dass die Erderwärmung gewissermaßen ‚hilft‘ die verbliebenen Fischbestände ‚aus dem Meer zu quetschen‘:

  • „In wärmeren Gewässern vermischen sich sauerstoffreiche und -arme Schichten weniger gut. Thunfische und Haie brauchen zum Beispiel wegen ihrer Größe und ihres Energiebedarfs viel Sauerstoff. Sie würden in relativ sauerstoffreiche Schichten an höheren Lagen gezwungen und setzten sich dann der Gefahr aus, gefischt zu werden. Das trage zusätzlich zur Überfischung bei, berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Weltnaturschutzunion“ (Zeit 2019).

Um dem ‚Fischhunger‘ gerade auch der Bürger*innen der Industrienationen gerecht zu werden, gibt es mittlerweile in einem ausbordenden Maße sog. Aquakulturen:

  • „Die Aquakultur ist einer der am schnellsten wachsenden Zweige der Lebensmittelproduktion, und der Lachs ist einer ihrer Vorzeigefische. Allein Norwegen hat 2016 1,2 Millionen Tonnen Lachs geliefert“ (Kriener 2019, 32).
  • Aquakulturen = 66 Mio t : „Wildfang“ = 80 Mio t (Zahl der FAO 2012, zit. in Latif 2014, 293)
  • Aquakulturen sind: Massentierhaltung – und oft große Umweltverschmutzer:
    • Fischmehl (= Mehl aus Fisch)
    • starker Antibiotika-Einsatz
    • Fischfäkalien
    • Chemikalien

>> vgl. Latif 2014, 294
>> vgl. Aspekt Antibiotika-Resistenzen, S. 183

  • Und: „[U]m einen Lachs mit einem Kilogramm Gewicht heranzuziehen, benötigen Farmbetreiber zwischen zwei bis vier Kilo Wildfisch als Futter“ (ebd., 295).
  • Der Einsatz von Antibiotika ist auch bei Aquakulturen ein Problem. Jedoch hebt Kriener hervor, dass bezogen auf die Lachszucht in Norwegen der Verbrauch dieser Medikamente massiv zurückgegangen ist:
    • „Ursache sind die Impfungen der fingergroßen Jungfische gegen Infektionskrankheiten. In rasender Geschwindigkeit wird ein Fischlein nach dem anderen maschinell per Spritze geimpft“ (2019, 32).
  • Ein großes Problem sind Parasiten namens Lachsläuse, die „gegen die eingesetzten Insektizide teilweise resistent geworden [sind]“ (ebd.).
    • Entflohene Zuchttiere mit degeneriertem Erbgut gefährden Wildlachs-Bestände:
    • „Das Einsickern entwichener Zuchtlachse verändert den Genpool der Wildlachse, der sich über Jahrhunderte an die lokalen Ökosysteme angepasst hat. Farmlachse sind ganz auf Wachstum getrimmt, sie sind aggressiver und größer, weniger fit, sie haben eine geringere Fruchtbarkeit und – Lachse können bis zu zehn Jahre alt werden – eine kürzere Lebenserwartung“ (34).

      Und:

      „Allein der Marktführer Norwegen meldete während eines 14-jährigen Beobachtungszeitraums [offiziell] durchschnittlich 450.000 entkommene Fische pro Jahr“ (33).
  • Noch bis in die 1990er Jahre hinein wurden Zuchtlachse vorwiegend mit Fischmehl und Fischöl. Seither versucht man, „den Raubfisch Lachs zum Veganer zu erziehen“ (33).
    • „Wichtigster Bestandteil des Lachsfutters ist heute Soja. Die … Studie von Ytrestøyl beziffert den Sojaanteil am Lachsfutter auf 21,3 Prozent. Rapsöl kommt auf 18,3 Prozent, dazu kleinere Anteile Weizen, Sonnenblumen, Bohnen und Erbsen. Der Fischmehlanteil ist auf 19,5 Prozent gesunken, Fischöl auf 11,2 Prozent des Lachsfutters. Raubfische wie der Lachs vertragen das Pflanzenfutter allerdings denkbar schlecht, sie reagieren mit Durchfällen. Deshalb müssen die pflanzlichen Rohstoffe von Fasern und Kohlehydraten befreit werden. Dazu werden die Proteine isoliert und mit Aminosäuren angereichert. Die Low-Carb-Diät ist aufwendig und teuer. Und selbst nach der fischgerechten Aufarbeitung werden die pflanzlichen Futterpellets ungern gefressen. Ein Zusatz von Miesmuscheln als Geschmacksträger muss die Pflanzenkost aromatisieren, dann fressen die Fische ohne zu mucken“ (35).

Kriener hält abschließend fest, dass ein Raubfisch, der wenig Fisch frisst, entsprechend weniger Omega-3-Festtsäuren enthält, sodass man statt dessen „auch eine Gemüsepfanne servieren [könne]“ (35).

  • Douglas Tomkins, der vormals North Face und Esprit begründete und in seiner zweiten Lebenshälfte in Patagonien riesige Landschaften renaturiert und zu Nationalparks umgestaltet hat, erzählt im Gespräch mit Florian Opitz im Film bzw. Buch Speed – Auf der Suche nach der verlorenen Zeit:
    • „‚Damit pflastern sie seit Jahren [ohne Lizenz] die ganze Küste [in einsamen Gegenden in Patagonien] zu… Meistens sind es europäische Firmen, die hier das tun, was sie zu Hause nicht dürfen.‘ … In Chile würde etwa die gleiche Menge Lachs produziert werden wie in Norwegen, aber die hundertsiebzigfache Menge Antibiotika verfüttert. Dazu kämen Farbstoffe, Fungizide, Hormone. … ‚Wusstest du, dass eine einzige Lachsfarm so viel Scheiße produziert wie eine Stadt mit 65.000 Einwohnern? Und die ganze Scheiße fließt ins Meer.‘ … Der Lachs … sei … eingeschleppt worden. Jetzt fresse er die Küsten und Flüsse leer“ (2012, 210).

Quellen des Abschnitts Fisch



Nächster Abschnitt:

Energie & Zukunft

„Mit Abschalten war nicht Euer Gehirn gemeint.“ (Plakat auf einer Fridays for Future-Demo.)


Werfen wir zunächst einen Blick auf die fossile Gegenwart, die bis auf weiteres noch allzu sehr in der Vergangenheit gefangen ist:


Ein Blick in die fossile Vergangenheit: Erdöl. Erdgas. Kohle.

Dass die Nutzung fossiler Energieträger ein Auslaufmodell ist, hat sich bis zu den Erdöl-, Erdgas- und Kohle-fördernden Unternehmen zumindest, was das Tagesgeschäft und weitere Investitionen betrifft, noch nicht wirklich herumgesprochen.


So schiebt man weiterhin auch seit den 2010er Jahren Unternehmungen unvorstellbaren Ausmaßes an.

Allein die Größe der Projekte legt nahe, dass sie im Sinne des ‚Too Big To Fail´ auch deshalb so groß dimensioniert werden, um die kommenden ‚Rückzugsgefechte‘ vor Gericht, gegen Politik und Gesellschaft mit möglichst breiter Brust durchzuziehen und ggf. per Schadensersatz entsprechend auch bei Nicht-Produktion zu profitieren.

  • „Exxon beispielweise wird bis 2016 jährlich 37 Milliarden Dollar für die Suche nach Öl- und Gasvorkommen und ihre Erschließung ausgeben. Das sind ungefähr einhundert Millionen Dollar pro Tag“ (Welzer 2016, 126).


Das zunehmende Tauen des nordpolaren Meeres macht Förderung dort möglich, wo bis vor kurzem Permafrost und ewiges Eis es verhinderten. So ist das Erdgasfeld Bowanenkowskoje auf der russischen Halbinsel Jamal an der Mündung des Flusses Ob in die Karasee erst seit einigen Jahren nutzbar – seit 2012 wird dort gefördert:

  • „Für rund 23 Milliarden Euro wuchsen nicht nur Verladeterminals ins Eismeer, das seinem Namen immer weniger gerecht wird, es entstanden auch Straßen, Nahstrecken, Siedlungen, ein Kraftwerk, ein Flughafen. Bestandteil des Jamal-Projekts sind außerdem 15 eisbrechende Flüssiggasstanker, jeder fast 300 Meter lang; Stückpreis: 320 Millionen Dollar. Sie sollen dafür sorgen, dass der Transport auch im Winter nicht zum Erliegen kommt“ (Langer 2019).


Derzeit investiert die „Chevron [Cooperation] … voraussichtlich 54 Milliarden Dollar in die Gasförderung auf Barrow Island, ‚einem Naturreservat erster Güte‘ vor der Nordwestküste Australiens… Einer von Chevrons Partnern bei diesem Projekt ist Shell, das Berichten zufolge noch einmal zehn bis zwölf Milliarden Dollar in den Bau der größten jemals realisierten schwimmenden Offshore-Bohrinsel (länger als vier Fußballfelder) steckt, um an einer anderen Stelle an der Nordwestküste Australiens Erdgas zu fördern. … Das Australienprojekt von Chevron soll mindestens dreißig Jahre lang Gas liefern, während die monströse Plattform von Shell mindestens fünfundzwanzig Jahre in Betrieb sein soll“ (Klein 2015, 182). Eine Offshore-Gas-Plattform in der Länge von vier Fußballfeldern? Trotz ‚Paris‘? Was soll ich da noch fragen außer: Habt ihr sie noch alle?


Aufgrund der Tatsache, dass die USA und Kanada möglichst unabhängig vom Nahen Osten bzw. der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) sein wollen, haben sie in den letzten 20 Jahren und durch neue Technologien begünstigt vermehrt angefangen, sog. ‚unkonventionelles Öl‘, das sog. Bitumen, das in Öl- und Teersanden (Oil sands, Tar sands) enthalten ist, abzubauen. Dieser „Prozess ist ungefähr drei- bis fünfmal so klimaschädlich … wie die Förderung von konventionellem Öl“ (Klein 2015, 175).

  • „Inzwischen wird in den USA… so viel Öl gefördert, dass die Zahl der Ölwaggons in der Zeit von 2008 bis 2013 auf 9.500 auf geschätzt 400.000 stieg – also um 4.111 Prozent“ (Klein 2015, 377, Hervorhebung Klein).


Weiterhin hat hier das Stichwort ‚Fracking‘ zu fallen, welches für ein Verfahren steht mittels ungenannter Chemiecocktails (vgl. Klein 2015, 396) Öl oder Gas aus dem Untergrund, meist aus Schiefer herauszupressen, mit dem Risiko von Methanemissionen, Trinkwasservergiftungen, entzündbarem Trinkwasser, kleinen Erdbeben, Geländesenkungen (vgl. ebd., 396f.) und mutmaßlich Krebs (vgl. Maher 2019).

  • Laut einer 2011 veröffentlichten Studie der Cornell Universität „liegen die Methanemissionen bei gefrackten Erdgas um mindestens 30 Prozent höher als bei konventionellem Gas“ (Klein 2015, 179).


Fracking von Öl bedeutet i.d.R. einen erheblichen Methanschlupf(1) – der, soweit man ihn erwischt und das Methan nicht direkt in die Atmosphäre entweicht (‚Venting‘), zu rund 300 Mio t CO2 jährlich verbrannt wird (‚Flaring‘) (vgl. Eichhorn 2020):

  • „Derzeit werden weltweit 150 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr abgefackelt“ (Eichhorn 2020).
  • „[E]s [ist] meist rentabler, nur das [im Schiefergestein] eingeschlossene Öl zu fördern. Um das Gas abzutransportieren, müssten eigens Pipelines verlegt werden. Weil das zu teuer ist oder die Expansion der Ölfelder zu schnell fortschreitet, wird das Gas als sogenanntes ‚assoziiertes Gas‘ häufig an Ort und Stelle verbrannt. 2018 wurden nach Schätzungen allein im Permbecken [in Texas] Gas im Wert von 750 Millionen Dollar abgefackelt, ohne jeglichen öffentlichen Nutzen“ (ebd.).

>> siehe Weltkarte des Online-Projekts Skytruth: Satellite-Detected Natural Gas Flaring https://viirs.skytruth.org/apps/heatmap/
flaringmap.html#lat=32.60445&lon=-1.20972&zoom=3&offset=15&chunk=2018
(Abrufdatum 20.8.2020) – in North Dakota ist es absurd hell >> auf ‚Satellit stellen‘ und reinzoomen, teilweise kommt man sogar mit Streetview, vgl. Jahr 2018, „560 U.S. 82, Plains, Texas, USA“, etwas nach Osten zur Straße 82, dann Streetview.

Erläuterungen zu (1) 'Methanschlupf'

Methanschlupf ist auch ein Problem stillgelegter Öl- und Gasbohrungen – zu Lande und zu Wasser, vgl. Aspekt Erdgas gilt als die am wenigste schlimme Form der fossilen Energieträger, S. 529f. Des Weiteren haben Pipelines Methanschlupf… Hinzu kommen die vielen, vielen kleinen Lecks in Erdgasleitungen in den Städten dieser Welt: „Wir haben im Hamburger Stadtgebiet an 145 Stellen erhöhte Methankonzentrationen entdeckt. Für zwei Drittel sind Lecks im Gasnetz die Ursache… Insgesamt rund 286 Tonnen Methan gelangen jährlich allein über das Hamburger Gasnetz in die Atmosphäre, haben die Forscher ermittelt“, zitiert der Spiegel den Autor einer 2020 veröffentlichten Studie, die sich mit Lecks in globalen Gasnetzen auseinandersetzt (Diermann 2020). – Mit anderen Worten: Methan tritt in weiten Teilen der Produktionskette von Öl und Erdgas in die Atmosphäre aus.

Derweil „deuten die [Methanschlupf-]Daten der NOAA auf rund doppelt so hohe Gasverluste hin wie offiziell angegeben“ (Eichhorn 2020).


Preisfrage: Was passiert, wenn eine Firma plötzlich zahlungsunfähig ist? Und somit die Mitarbeiter*innen nicht mehr bezahlt werden? Räumen Sie und Ihre nicht bezahlten Mitarbeiter*innen dann noch monatelang auf und hinterlassen das Firmengelände besenrein? Oder ist es nicht doch eher so, dass Sie Ihre Sachen packen und unverzüglich das Gelände verlassen?


In den USA wird die hoch subventionierte Öl- und Gas-Fracking-Branche durch fallende Öl- und Gaspreise – auch, aber nicht nur durch Covid-19 – von einer umfangreichen Pleitewelle erfasst (vgl. Kriener 2020, 8).

  • „Der Londoner Thinktank Carbon Tracker schätzt die Kosten für die ordnungsgemäße Schließung eines Bohrlochs auf 300.000 Dollar“ (ebd.).
  • „Die US-Regierung schätzt laut New York Times, dass inzwischen mehr als 3 Millionen Bohrstellen aufgegeben worden sind: davon sollen 2 Millionen nicht sicher verschlossen sein und Methan in einem Ausmaß emittieren, dass den Auspuffgasen von 1,5 Millionen Autos entspricht“ (ebd.).
  • „Einige der Vorstände hätten noch [– so drückt sich Joe Biden aus –] vor dem Bankrott ‚Millionen und Millionen Dollar‘ kassiert“ (ebd.).

>> Übrigens: Auch ‚sicher‘ verschlossenen Bohrlöcher entweicht oft noch relevant und langjährig Gas, vgl. Aspekt Erdgas gilt als die am wenigste schlimme Form der fossilen Energieträger, S. 529f.


Auch darf nicht unerwähnt bleiben, das es in der fossilen Industrie offensichtlich als vollkommen normal angesehen wird, eine Öl-Plattform (‚Deepwater Horizon‘) mitten in den Golf von Mexiko zu stellen und ein 1.500 Meter unter dem Meeresspiegel liegendes Ölfeld anzubohren – und keinen Plan B zu haben, sodass nach einer heftigen Explosion im Jahre 2010 das austretende „Öl von BP drei lange Monate in den Golf rauschte“ (Klein 2015, 401), um dann schließlich mit Chemikalien das Öl unter Wasser verschwinden zu lassen, sodass es wenigstens gut aussah, aber eben bis heute eine gigantische, dauerhafte Umweltkatastrophe bedeutet. Dies ist in allen ölschillernden Details nachzulesen bei Kathrin Hartmann im Kapitel „Wie BP die größte Ölpest aller Zeiten im Meer versteckte“ – und, hinzuzufügen ist: Wie BP das systematische Greenwashing für sich entdeckte (vgl. 2018, 29ff.).

>> siehe Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. München: Blessing.
>> s.a. Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.
>> Konkrete Beispiele zum Thema Greenwashing siehe https://klima-luegendetektor.de/ (Abrufdatum 29.9.2020)


Und dann sind da noch die Teersandabbaugebiete in Alberta, Kanada.

Garzweiler ist schlimm? Ja. Aber ohne Braunkohletagebaue in Deutschland in irgendeiner Form verharmlosen zu wollen: Verglichen mit den Teersandabbaugebieten in Alberta, Kanada ist Garzweiler ein winziges, Stecknadel-kleines Loch in der Erde… Das Ding bei Fort McMurray gilt als das größte Industrieprojekt der Welt, sodass Naomi Klein diese Region zu Recht als eine ‚Opferzone der Erde‘ bezeichnet.

>> Garzweiler I betrifft eine Fläche von 66 km2 (ungefähr so groß wie der Berliner Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf).
Garzweiler II = 40 km2 (entspricht etwa Berliner Bezirk Mitte) (vgl. wikipedia 2020c)

52-minütige 360°-Geo-Reportage „Fort McMurray, Kanada im Ölfieber“. [Ein Film von Andreas Gräfenstein, 2014]. in: YouTube, online unter https://youtu.be/eadcv_oMM9o (Abrufdatum 15.5.2020);

>> siehe dazu 52-minütige 360°-Geo-Reportage „Fort McMurray, Kanada im Ölfieber“. [Ein Film von Andreas Gräfenstein, 2014]. in: YouTube, online unter https://youtu.be/eadcv_oMM9o (Abrufdatum 15.5.2020);

>> Auch Naomi Klein besucht in der Doku This Changes Everything die Tar Sands und dokumentiert, wie es den Angehörigen der First Nations, die juristisch gegen den Abbau der Tar Sands und gegen Keystone-XL-Pipelines (siehe Fußnote S. 519) vorgehen, und anderen Bürger*innen entlang der Keystone-Pipeline ergeht: Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.

>> Eine Bilderserie über die Tar Sands: Leahy, Stephen (2019): „This is the world’s most destructive oil operation—and it’s growing“. in: Nationalgeographic, 11.4.2019, online unter https://www.nationalgeographic.com/environment/2019/04/alberta-canadas-tar-sands-is-growing-but-indigenous-people-fight-back/ (Abrufdatum 15.5.2020)


Ich habe mich gefragt, wie groß ist eigentlich dieses Abbaugebiet in Alberta?(1). Derzeit realistisch gilt ein Abbau auf einer Fläche von 4.800 km2, tatsächlich wird mit Stand Ende 2016 auf 953 km2 aktiv Tagebau betrieben – also auf einer Fläche, die deutlich größer ist als Berlin (891,12 km2). (vgl. Alberta.ca 2017)(2).

  • „[A]lles an diesem größten Industrieprojekt der Erde… [ist] überdimensioniert[,] auch die in Südkorea hergestellten Maschinen…, die können so lang und schwer wie eine Boeing 747 sein, und manche Schwerlaster sind drei Stockwerke hoch“ (Klein 2015, 284).
  • „Um einen Liter Bitumen aus dem Sand zu waschen, braucht man fünf Liter Wasser – Wasser, das danach ein mit Schwermetallen und zum Teil krebserregenden Kohlenwasserstoffen verseuchter Schlick ist und in Klärteichen gelagert wird. Diese künstlichen Seen voller Giftbrühe sind zusammengenommen mit 130 Quadratkilometern bereits halb so groß wie Frankfurt am Main“ (Teves 2018).
  • Und: Der größte Staudamm der Welt (‚Syncrude tailings pond‘, Kriterium ‚Dammvolumen‘) dient nicht etwa der Rückhaltung von Wasser…, nein, er steht in Alberta und hält die hochtoxische Brühe zurück, die entsteht, wenn man Teersande/Ölsande von ‚überflüssigem‘ Sand/Gestein befreit (vgl. wikipedia 2020a).(3)

Die Beharrungskräfte sind groß. Wir reden darüber, den fossilen Industrien, d.h. der größten und Kapital-kräftigsten Industriebranche der Welt, das bisherige Geschäftsmodell ‚wegzunehmen‘, genauer:

Es muss zerstört werden…

Es hat von der Politik zerstört zu werden.


>> Nichts für schwache Nerven: Wenn Sie bei Google Earth die Stichwörter ‚Fort McMurray, Alberta, Kanada‘ eingeben und dann etwas nach Norden schwenken, können sie diese vielleicht größte Wunde des Planeten besichtigen.

>> Querverweis: Wofür nun also das auf diese Weise dem Boden abgerungene Öl vornehmlich eingesetzt wird, siehe Abschnitt Verkehr & Mobilität: Eine Klima-notwendige Verkehrswende, S. 294 und dort insbesondere den Aspekt Thema ‚Verkehrsopfer inkl. Luftverschmutzung‘, S. 298.

Details: Erläuterungen zu (1), (2) u. (3)

(1) Die theoretische Abbaufläche, also die Fläche der Ölsandvorkommen beträgt 142.200 Quadratkilometer und ist somit größer als England. England = 130.395 Quadratkilometer

(2) Hinzu kommen Flächen, die bereits ausgebeutet sind und renaturiert zu werden haben: Die Fläche, die als per Zertifikat als renaturiert gilt, beträgt Ende 2016 ganze 1,04 km2. Die Fläche der nicht zertifizierten ‚Permanent Reclamation‘ beträgt Ende 2016 rund 61,6 km2.

(3) Bei Athabasca, einem der Ölsand-Abbaugebiete in Alberta, beginnt das hochumstrittene und teilweise im Bau befindliche Keystone-XL-Pipeline-System, „das kreuz und quer über den Kontinent verlaufen soll … [und dessen] südliche Ausläufer von Oklahoma zu den Exportterminals an der texanischen Küste [führt]“ (Klein 2015, 365, vgl. Handbuch Fußnote auf S. 531). Des Weiteren soll Keystone XL „durch den Ogalla-Aquifer … führen, eine ausgedehnte unterirdische Süßwasserquelle in den Great Plains, die Trinkwasser für rund zwei Millionen Menschen und rund 30 Prozent des gesamten in Amerika zur Bewässerung benötigten Grundwassers liefert“ (ebd. 418). Im Juli 2020 hat „[d]as oberste Gericht der USA … ein Gesuch der Regierung abgelehnt, einen Baustopp für Keystone XL aufzuheben, den ein Gericht im Bundesstaat Montana im April verhängt hatte“ (Schwarz 2020, 9).


Ein Blick in die Gegenwart:

Energiewende in Deutschland

Hinsichtlich der deutschen Energiewende fallen immer wieder zwei komplett verschiedene Wahrnehmungen auf: Im Inland gilt sie als verzögert, ausgebremst und zu guten Teilen gescheitert. Im Ausland hingegen wird die Energiewende als innovativ wahrgenommen – und so strömt ihr (und in diesem Zusammenhang auch Angela Merkel) in der Regel deutliche Bewunderung zu.

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Dass Deutschland einige Jahre lang als Vorreiter beim Klimaschutz galt hängt auch damit zusammen, das die Bilanzen der Wiedervereinigungsjahre aufgrund des Zusammenbruches der alten Industrien der DDR in Relation zu den Vorwendejahren sehr gut aussahen (vgl. Göpel 2020, 78).

Beides ist richtig. In der Tat, Deutschland hier einen das Ausland beeindruckenden Alleingang hingelegt, der aber – bedauerlicherweise – letztlich nur deshalb so hell nach außen strahlt, weil ‚die Anderen‘ noch weniger tun.

Mojib Latif konstatiert:

  • „Es ist übrigens das historische Verdienst Deutschlands, Solar- und Windstrom über das Erneuerbare-Energien-Gesetz bezahlbar gemacht zu haben. Nur deswegen boomen die Erneuerbaren jetzt weltweit“ (2020, 104).


Aber es gilt auch: Wir könnten schon so viel weiter sein.

Ein wesentliches Puzzleteil zur Bewältigung der Klimakrise: Die Energiewende bzw. die massive Nutzung von erneuerbaren (=regenerativen) Energien.

Ohne eine zügige und umfassende Energiewende gekoppelt mit einer ebenso einschneidenden Mobilitätswende gibt es keinen Ansatz zur Eindämmung der Klimakrise:

Die „Energiewende und Verkehrswende sind zwei Seiten einer Medaille.“ (Müller-Görnert 2019, 2)


Status quo:

  • 42,1% beträgt der Anteil der Erneuerbaren Energien am Strommix 2019 – wohl vorrangig aufgrund der optimaler Wetterverhältnisse (vgl. UBA 2020a), davon sind im Strommix 20,9% auf Windenergie und 7,8 % auf Solarenergie zurückzuführen (vgl. AGEB 2020, 27).(1)
  • „Windenergieanlagen an Land und auf See [haben 2019] … so viel Strom wie kein anderer Energieträger in Deutschland [erzeugt]“ (AGEB 2020, 32).
  • 37,8%, betrug 2018 der Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energiequellen, was etwa dem Anteil der Verstromung von Braun- und Steinkohle entspricht(2) (vgl. UBA 2019).


Öffentliche Netto-Stromversorgung(3) in Deutschland, Anteile

Regenerativ: 47,5% >> Wind = 25,4% | Solar = 9,5% | Biomasse = 8,6% | Wasserkraft 4,0%
Fossil: 52,2% >> Braunkohle = 20,1% | Atom = 20,1% | Steinkohle 10,0% | Gas = 9,3% (vgl. Pinzler et al. 2019,3)

Das bedeutet: Absehbar können – mit mehr politischem Willen und einem Mehr an Durchsetzungsvermögen– 100% des Strombedarfes in Deutschland auf Basis von erneuerbaren Energien erzeugt werden.

Details: Erläuterungen zu (1), (2) u. (3)

(1) Atomstrom hat der gleichen Quelle zu Folge 2019 noch einen Anteil von 12,3% an der Bruttostromerzeugung. Mit der Abschaltung des AKW ‚Phillippsburg 2‘ Ende 2019 reduziert sich der Anteil weiter (ebd. 25).

(2) Zusätzlich wird Deutschland Kohle selbstredend auch für die Gewinnung von Wärme verfeuert.

(3) Nettostromverbrauch = Endenergieverbrauch = Bruttostromverbrauch abzgl. Netzverluste und abzgl. des Eigenverbrauchs im Umwandlungsbereich bzw. des Kraftwerkseigenverbrauchs.

Aber – und das wird auffälliger- bzw. merkwürdigerweise selten erwähnt in der Debatte – damit ist nicht viel erreicht.

Ein klimaneutrales, dekarbonisiertes Deutschland hat nicht nur seinen Strom, sondern seinen Gesamtenergiebedarf aus erneuerbaren Energien zu erzeugen:

  • Anders als im fossilen Zeitalter benötigen wir künftig Strom für Alles, für Wärme, für die Industrie inkl. energieintensiver Branchen wie Stahl, Aluminium, Kupfer und Zement bzw. Beton sowie für die Mobilität sowohl für den ÖPNV, Carsharing und auch – gemäß derzeitiger politischen Entscheidungen – für E-Autos in privater Hand.

Hierbei besagt der Leitgedanke der sog. Sektorenkopplung, das die bisher eher getrennt wahrgenommenen Sektoren der Energiewirtschaft zusammenwachsen durch „die Umwandlung von Erneuerbaren (Überschuss-)Strom in Gase [à la Wasserstoff] oder Flüssigkeiten“ (Fraunhofer 2018, 1), die dann energetisch für Bereiche genutzt werden, die traditionell mit fossilen Brennstoffen betrieben wurden wie z.B. der energieintensiven Produktion von Stahl.

Definition 'Sektorenkopplung'

Definition ‚Sektorenkopplung‘: „Der Begriff ‚Sektorenkopplung‘ meint, dass mittelfristig erneuerbare Energien nicht nur für den üblichen Stromverbrauch genutzt werden, sondern z.B. via Elektrolyse umgewandelt in synthetische Kraftstoffe z.B. für den Schiffs- und Flugverkehr oder andere besonders energieintensive Industrien zur Verfügung stehen werden. Bei der Umwandlung in synthetische Kraftstoffe ist der Wirkungsgrad recht gering, sodass extrem viele Wind- und Solarkraftwerke benötigt werden, um den Bedarf an Energie zu decken“ (Zukunftsrat 2020, 9).

  • Das Entscheidende dabei ist, dass die mit Strom und nachfolgend via Wasserelektrolyse gewonnenen Gase und Flüssigkeiten CO2-neutral sind, weil deren Verfeuerung letztlich nur genau das Maß an CO2 in die Atmosphäre hineinbringt, was zuvor mittels Stromenergie zur Erzeugung des Wasserstoffs der Atmosphäre entnommen wurde.


42,1% Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung bedeuten einen Beitrag zum
Bruttoendenergieverbrauch Deutschlands
(2499 TWh) von 17,1% (vgl. UBA 2020c).

Diese 17,1% (=452 Terawattstunden (TWh)) verteilen sich wie folgt auf:

  • Stromerzeugung per Erneuerbare Energien (EE): 244 TWh
    Windenergie = 126 TWh | Photovoltaik = 47,5 TWh | Wasserkraft 20,2 TWh | Biogene Brennstoffe und Gase 50,5 TWh
  • Wärmeerzeugung per EE: 176 TWh
    Biogene Brennstoffe und Gase, Wärme = 152 TWh | Geothermie und Umweltwärme = 16 TWh | Solarthermie = 8,5 TWh
  • Biokraftstoffe 32 TWh (Palm, Raps, Methan aus Biogasanlagen)


Windenergie und Photovoltaik haben einen Anteil an der derzeitigen Strombereitstellung aus erneuerbaren Energieträgern von 38%.

Windenergie und Photovoltaik haben einen Anteil am Bruttoendenergieverbrauch von 4,8% bzw. 1,8%, d.h. zusammengenommen von 6,6%.

(Alle Zahlen stammen aus bzw. basieren auf UBA 2020a)


Diese Energie wird von etwa 29.456 Onshore-Windenergieanlagen (vgl. BWE 2019)(1) und mehr als 1,7 Mio Solaranlagen (vgl. Stromreport 2020) erzeugt. Es hat etwa 20 Jahre – seit Verabschiedung des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) – gedauert, diese Anlagen ‚gegen alle Windmühlen‘ unter unendlichen Mühen und vielen Milliarden Euro aufzubauen. Es macht keinen Sinn, zu errechnen, wie lange es dauern würde, in diesem Tempo fortzufahren.

>> 29.456 Onshore-Windenergieanlagen – dies ist die Gesamtzahl der in Deutschland stehen Onshore-Windkraftanlagen. Nicht alle sind in Betrieb.

>> Apropos EEG:
Das EEG garantiert seit 2000 den Erzeugern von Strom aus erneuerbaren Energien den Anschluss ans Stromnetz, die Abnahme des erzeugten Stromes und feste Einspeisevergütungen. Zur Finanzierung gibt es die sog. EEG-Umlage. Bei Einführung galt das Gesetz als großer Wurf und beflügelte seinerzeit insbesondere den Zubau an Photovoltaik. Das EEG wurde jedoch 2004, 2009, 2012, 2015 und 2016/17 reformiert, was zu immer größeren Nachteilen für kleine Erzeuger (Stichwort ‚Bürgerenergiewende‘) führt, die großindustriellen Erzeuger u.a. aufgrund von Ausschreibungsverfahren bevorzugt sowie hinsichtlich der Energiewende eher eine bremsende Wirkung entwickelt. Die hohen Arbeitsplatzverluste im Bereich ‚Photovoltaik‘ und ‚Windkraft‘ sind letztlich mehrheitlich auf diese Gesetzesreformen zurückzuführen. Das EEG geriet um 2013 in den Fokus der Lobby-Kritik, weil das EEG vorgeblich für Verbraucher*innen den Strompreis erhöhe, wie man auch an dem extra ausgewiesenen Posten auf den Stromrechnungen erkennen könne. Was in der Stromrechnung hingegen nicht notiert ist, sind die Kosten, die die Verbraucher*innen für die Subventionierung von fossil erzeugtem Strom zu bezahlen haben: „Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft hat nachgerechnet, was die versteckten Subventionen für Kohle, Gas und Atom im Vergleich mit der Erneuerbaren-Förderung in Deutschland kosten. Ergebnis: Eine ‚Konventionelle-Energien-Umlage‘ läge aktuell rund 50 Prozent über der EEG-Umlage“ (Bah 2017). Im Übrigen ist das m.E. eine Geisterdiskussion – es wäre vollkommen in Ordnung, wenn Strom aus nicht-fossilen Energieträgern teurer wäre. Folge dieser Lobbyaktion war bedauerlicherweise die Altmaier’sche ‚Strompreisbremse‘. „Die verheerenden Folgen der Novellierung der Photovoltaik-Förderung werden in der Energieforschung von den Wissenschaftlern ironisch als ‚Altmaier-Knick‘ bezeichnet, weil Peter Altmaier in seiner damaligen Funktion als Umweltminister erheblichen Anteil an der Novelle hatte. Nach der Novelle brach die boomende Solarzellenproduktion in Deutschland ein“ (Coen 2016, 3). Auch erwähnenswert: „Fast die Hälfte des industriellen Stromverbrauchs ist ganz oder teilweise von der EEG-Umlage befreit“ (Die Anstalt Faktencheck, 77) – etwa 2.000 Betriebe. Begründung: Die Unternehmen stehen im internationalen Wettbewerb, wie z.B. offensichtlich auch die Zugspitzbahn (vgl. ebd.). Auch diese etwa fünf Milliarden Euro (vgl. ebd., 78) zahlen die Steuerzahler*innen. Derweil kommt heute nur noch ein relativ gesehen kleiner Teil der EEG-Umlage tatsächlich bei den Erzeugern an, weil der sog. Umwälzmechanismus verändert wurde: Seit 2010 hat sich die EEG-Umlage für Verbraucher*innen fast verfünffacht, die Einspeisevergütung für die Erzeuger jedoch nur verdoppelt – die Differenz kommt aufgrund eines merkwürdigen Mechanismus, dem sog. EEG-Paradoxon, der sich m.E. dem logischen Denken entzieht, ein weiteres Mal den energieintensiven Branchen zugute. Die höheren Umlagenbeiträge, die die Verbraucher*innen zahlen, kommen nicht den EE-Erzeugern, sondern ermöglichen den energieintensiven Branchen, Strom zu günstigeren Preisen einzukaufen (vgl. Weber 2014). Zu diesem ‚merkwürdigen Mechanismus‘ hält Susanne Götze fest: „Ein beliebter Trick besteht darin, Gesetze so lange zu verkomplizieren, bis sie keiner mehr versteht. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz war ursprünglich so gut, dass es weltweit kopiert wurde. Damals umfasste der Gesetzestext fünf Seiten. Mittlerweile ist das auf 140 Seiten angewachsen. Da blickt zum einen niemand mehr durch, eine Heerschar von Anwälten interpretiert das Gesetz immer neu“ (zit. in Rühle 2020). Einen unterhaltsamen und inhaltlich überaus fundierten ‚Grundkurs EEG‘ gibt die ZDF-Satiresendung ‚Die Anstalt‘ vom 1.10.2019, deren 105-seitiger Faktencheck Hauptquelle dieser Fußnote ist, siehe https://www.claus-von-wagner.de/tv/anstalt/oktober (Abrufdatum 16.6.2020), s.a. Eicke Webers Vortrag über die „vorsätzlich aufgeblasene EEG-Umlage“: https://www.youtube.com/watch?v=VjN_J3QA3RI (Abrufdatum 16.6.2020), vgl. Naumann: „Die EEG-Umlage verständlich erklärt“ (2018). Mit Stand September 2020 hat das Bundeskabinett eine Novelle des EEG verabschiedet. Die Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW, Claudia Kemfert, findet, dass „[d]ie Novelle … weniger schlimm als befürchtet, aber trotzdem nicht gut genug“ (2020).


Unter der Annahme eines gleichbleibenden Brutto-Endenergiebedarfs bleibt derzeit für eine komplette Umstellung auf erneuerbare Energien eine Versorgungslücke von etwa 83%.

Erläuterung

Bezugnehmend auf den einige Absätze darüber genannten Sachverhalt, dass 42,1% Anteil erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung einen Beitrag zum Bruttoendenergieverbrauch Deutschlands (2499 TWh) von 17,1% (vgl. UBA 2020c) bedeuten.


Global fällt die Bilanz ähnlich aus:

„Immer noch stammen mehr als 80 Prozent der weltweiten Primärenergie aus fossilen Quellen. Wind und Sonne liefern weniger als zwei Prozent“ (Spiegel 2020, 97)

Erläuterung

Fedrich verwendet folgende Zahlen hinsichtlich des Anteils der Energieträger an der weltweiten Stromversorgung: Kohle 38% | Gas 23% | Wasserkraft 16% | Atomenergie 10% | Wind 5% | Biomasse 3% | Öl 3% | Sonne 2% | Erdwärme 1% (2020, 54)


Dazu ist festzuhalten:

  • Das Potenzial von Wasserkraft ist in Deutschland weitgehend ausgeschöpft.
  • Weitere derzeit ausgereifte Technologien im Bereich Erneuerbare Energien sind Brennstoffzellen, Kraft-Wärme-Kopplung (KWK)(1), Wärmepumpen(2), (Tiefen-)Geothermie(3), Solarthermie zur Erzeugung von Warmwasser (z.B. zum Heizen) – und in Deutschland begrenzt Solarthermische Kraftwerke(4).
  • Biokraftstoffe, die bislang die Bilanz der Erneuerbaren statistisch gesehen verbessern, werden aus obiger Rechnung künftig teilweise wegfallen – mindestens, weil Palm als Kraftstoff wegfallen wird.
Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

(1) Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) bedeutet die gleichzeitige Umwandlung von Primärenergie in Nutzwärme und mechanische bzw. elektrische Energie. Konkret wird die bislang allzu oft ungenutzte Abwärme, die z.B. bei chemischen Prozessen in der Industrie entsteht, per KWK z.B. in ein Fernwärmenetz eingespeist. So koppeln Blockheizkraftwerke die Erzeugung von Strom und Wärme, sodass der Wirkungsgrad gegenüber nicht-gekoppelten Systemen deutlich höher ausfällt.

(2) Wärmepumpen hat man sich wie einen geschlossenen Rohrkreislauf vorzustellen. Wärmepumpen machen sich Temperaturdifferenzen zwischen Haus und entweder dem Boden, dem Grundwasser oder der Außenluft zunutze. Ein flüssiges Kältemittel nimmt Energie aus der in Relation wärmeren Umgebung auf und verdampft (schon bei niedrigen Temperaturen), gelangt in einen (mit hoffentlich EE) strombetriebenen Kompressor, der den Kältemitteldampf verdichtet, d.h. unter Druck setzt und dadurch weiter erhitzt. Die so erzeugte Wärme wird an ein Heiz- und Warmwassersystem abgegeben. Die Temperatur sinkt, das Kältemittel verflüssigt sich wieder, ein Entspannungsventil sorgt für Druckabfall bzw. -ausgleich, das Kältemittel erreicht seine Ursprungstemperatur – der Kreislauf beginnt von Neuem. Derzeit kommen überwiegend „teilfluorierte Kohlenwasserstoffe (HFKW) zum Einsatz[, die] … ein hohes Treibhauspotenzial auf[weisen] und sind beim Entweichen oder bei der Entsorgung der Anlage bis zu mehrere tausend Mal klimaschädlicher als CO2… [Zurzeit] gilt besonders das Kältemittel R290 (Propan) als zukunftssicherer Ersatz für HFKW-Kältemittel“ (Dein Heizungsbauer 2020). Zu Teilhalogenierten Fluorkohlenwasserstoffen ‚HFWK‘ vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase, S. 145f.

(3) Geothermik nutzt Erdwärme in Form von Erdwärmesonden (vgl. Wärmepumpen), Erdwärmekollektoren oder durch flache Grundwasserbrunnen (vgl. Island). Es „existieren auch Erdwärmesonden mit mehreren hundert Metern [Tiefe] und sogar bis zu einigen tausend Metern“ (Erdwerk 2020). Geologe Matthias Franz: „In Norddeutschland sind die Bedingungen für die Tiefengeothermie besonders günstig“ (Römer 2020). „[I]m großen Maßstab, also für Kommunen, wird die Sache erst interessant, wenn es bis zu 5.000 Meter hinuntergeht. In den Wasserreservoiren, im Boden verteilten Blasen, herrschen Temperaturen von teils über 100 Grad. Mit derart warmem Wasser kann nach dem Heizen sogar noch Strom gewonnen werden“ (ebd.).

(4) Ein Verzeichnis sämtlicher technisch ausgereifter, nicht-fossiler Energiegewinnung bzw. -umwandlung siehe Project Drawdown https://drawdown.org/solutions (Abrufdatum 23.6.2020, click ‚Electricity‘; s.a. Inhaltverzeichnis bzw. tabellarische Auflistung im ‚Buch der Synergie‘ von Achmed Khammas http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/inhalt_c.htm (Abrufdatum 16.6.2020).

  • Das bedeutet, dass unter der Annahme eines gleichbleibenden Brutto-Endenergiebedarfs die Versorgungslücke von etwa 83% künftig mehrheitlich durch Windkraft (onshore/offshore) und Photovoltaik gedeckt zu werden hat.
    • Denkbar wäre, vermehrt erneuerbare Energien aus anderen Ländern der EU zu beziehen z.B. aufgrund der höheren Sonneneinstrahlung im Süden Europas. Hierzu gibt es nichts Spruchreifes, weshalb diese Alternative bzw. diese ergänzende Maßnahme hiermit einmal genannt sei und im Folgenden aus den Überlegungen ausgeklammert wird.
  • Strom aus Windkraft und Photovoltaik hat nur dann einen Wirkungsgrad von 100%, wenn er unverzüglich direkt eingespeist wird.
    • Die Versorgungssicherheit zur Vermeidung des Zusammenbruches des Stromnetzes (‚Blackout‘) sowie Nutzungsspitzen sind in den Bedarf an Anlagen einzukalkulieren.
    • Einzukalkulieren sind umgekehrt auch Produktionsspitzen. Der hier erzeugte Strom hat zwischengespeichert zu werden.
  • Mit dem Power-to-Gas-Verfahren (Power to Fuel/Power-to-liquid/Power-to-x) stellt man aus Strom aus erneuerbaren Energien her, in dem man Wasser (H2O) mit der Energie des Stromes per Wasserelektrolyse in (Bio-)Wasserstoff (H2) und Sauerstoff (O2) zerlegt.

    Dieser Wasserstoff kann nun unter Nutzung (i.d.R.) der Luft entnommenen CO2 methanisiert – und als Methan – d.h. als Biogas – z.B. zur Wärmegewinnung genutzt werden – gerade für zwischenzuspeichernde Überkapazitäten ist das eine Möglichkeit, erzeugten Strom nicht komplett verloren gehen zu lassen. Bei der Verbrennung dieses Biogases entsteht lediglich die Menge an CO2, die zuvor aus der Luft entnommen wurde. Es ist prinzipiell also ein klimaneutrales Nullsummenspiel. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass der dazugehörige Strom, die Industrieanlagen zur Erzeugung und Weiterverarbeitung des Stromes allesamt ressourcenintensiv entwickelt, gebaut, unterhalten und irgendwann ersetzt zu werden haben.
  • Wird Strom per Wasserelektrolyse in Wasserstoff umgewandelt, ergibt sich ein maximaler Wirkungsgrad von 83%, der Median liegt bei 80% (vgl. Milanzi et al. 2018, 9).
  • Wird der Strom als Wasserstoff zwischengespeichert via Wasserelektrolyse, um dann wiederum als Strom ins Netz eingespeist zu werden, geschieht dies mit einem Wirkungsgrad von „40% oder sogar tiefer“ (Energie-Lexikon 2020a).
  • Benutzt man Batterien – die es so noch nicht im industriellen Maßstab für eine Massenproduktion gibt, liegt der Wirkungsgrad höher, bei Lithium-Ionen-Batterien etwa bei 85% (Öko-Institut 2018, 27).

>> Lithium-Ionen-Batterien: Diese Art Akkus werden i.d.R. sowohl in E-Autos als auch in Smartphones, Tablets, Laptops etc. eingebaut, vgl. Abschnitt Der ‚globale Impact‘ eines Smartphones, S. 644ff.

>> Nicht berücksichtigt in dieser Rechnung: Die seltene Erde (!) Lithium und weitere Stoffe haben entdeckt, gefördert, transportiert, weiterverarbeitet, transportiert, zusammengesetzt zu werden. Die gesamte Infrastruktur dafür hat entwickelt, hergestellt, transportiert, zusammengesetzt, gewartet, repariert und ersetzt zu werden. Das alles kostet Energie.

  • „‚Um synthetischen Sprit für eine Strecke von 100 Kilometern herzustellen, brauchen wir die gleiche Menge Strom, die für 700 Kilometer in einem batterieelektrischen Auto reicht‘, sagt Fischedick“ (Ilg 2020), so Manfred Fischedick, Professor am Institut für Klima, Umwelt, Energie an der Universität Wuppertal.
  • Wird der Strom aus erneuerbaren Energien via Wasserelektrolyse in Wasserstoff und dann weiter in synthetische Kraftstoffe, d.h. in sog. strombasierte Kraftstoffe oder E-Fuels à la Power-to-Liquid für Lkw oder in E-Kerosin für Flugzeuge umgewandelt, haben wir „durch die doppelte chemische Umwandlung“ (Agora Verkehrswende 2018,11) „[i]n günstigen Fällen … [einen] Wirkungsgrad in der Größenordnung von 50 %; darin nicht enthalten sind natürlich Energieverluste bei der späteren Nutzung der Brennstoffe oder Kraftstoffe z. B. in Verbrennungsmotoren [z.B. in Lkws] oder Flugzeugturbinen“ (Energie-Lexikon 2020b).
…mehr

Betreibt man einen Auto-Verbrennungsmotor mit einem per Strom per Wasserelektrolyse erzeugten E-Fuel, haben wir einen Gesamtwirkungsgrad von 13% (vgl. Agora Verkehrswende 2018,11). Das E-Fuel mit niedrigem Wirkungsgrad treibt einen Verbrennungsmotor an, der seinerseits einen mageren Wirkungsgrad hat: „Das mühsam gewonnene Elektrobenzin landet dann in einem Motor, der zwei Drittel der enthaltenen Energie verpuffen lässt“ (Wüst 2018). Von der ursprünglich durch erneuerbare Energien generierten Energie bleibt als gerade mal rund 1/8 übrig. Für den Bereich ‚Pkw‘ ist das also keine Option.

  • Für Power-to-Liquid (PtL), d.h. z.B. für E-Kerosin bzw. synthetisches Kerosin ergibt sich auch nach Alexander Tremel, der für Siemens in diesem Feld forscht, ein Wirkungsgrad von ca. 50%: „Die Effizienz ließe sich zwar steigern, allerdings zu sehr hohen Kosten“ (zit. in Wüst 2018).
  • Auf Schiffen ist Platz für große Methan-Flüssigtanks, sodass der per Wasserelektrolyse erzeugte Wasserstoff nach Methanisierung als Methan (aus dem auch Erdgas besteht) als Biobrennstoff eingesetzt werden kann. Hier ist in der Praxis von einem Wirkungsgrad von 80% auszugehen (Energie Lexikon 2020c), was bei einem Wirkungsgrad von 70% für die Wasserelektrolyse einen kulminierten Wirkungsgrad von 56% ergibt (vgl. Öko-Institut 2014, 10). 
  • Der Hinweis auf eine mögliche zukünftige Effizienzsteigerung findet sich immer wieder in der Literatur – jedoch ist es: Zukunftsmusik. Wir haben bei aller Zuversicht hinsichtlich der zu ergreifenden Klimaschutzmaßnahmen mit dem zu rechnen, was wir haben.
  • Wie sehr man hier noch am Anfang steht, deutet das EU-Projekt namens Sun-to-liquid an, mit dem in der 100-Kilowatt-Pilotanlage bei Madrid mit Hilfe von eingefangener Sonnenwärme ein Liter synthetisches Kerosin pro Tag mit einem Wirkungsgrad von 5 bis 6% generiert wird (vgl. Grotelüschen 2019).

Zu berücksichtigen ist weiterhin:

  • Energiebilanzen enden (wie auch CO2-Bilanzen) i.d.R. an den Staatsgrenzen. Schiffe und Flugzeuge – ob nun für Urlaubsreisen oder hinsichtlich des Transportwesens – brauchen aber auch dann noch Energie, wenn sie die deutsche Bucht verlassen haben – und um den Globus fahren/ fliegen. Auch diese Energie hat künftig von Erneuerbaren Energien zu kommen.
  • I.d.R. wird üblicherweise des Weiteren davon ausgegangen, dass z.B. China weiterhin viele energieintensive Produkte nach Deutschland exportiert und der Welthandel etwa so weiter geartet wie bislang. Das ist bei einem Zeithorizont von 30 Jahren kein Selbstgänger, sodass sich der Energiebedarf aus diesem Grund ggf. noch weiter erhöhen könnte.


Zu berücksichtigen sind selbstredend auch künftige Effizienzgewinne:

  • So gehen Wissenschaftler*innen von diversen Einsparungen durch Effizienzmaßnahmen aus: „Es ist unfasslich, wie viel Kraft in so einer Kilowattstunde steckt“ (Weizsäcker 2011). Es braucht ja nicht gleich der Faktor Fünf zu sein, wie Ernst Ulrich von Weizsäcker und mit ihm der Club of Rome je nach Lesart visionär oder plakativ sein Ziel der Energieeffizenz proklamiert (vgl. ebd.).
  • Die Bundesregierung sieht ebenfalls Energieeffizienz und Energiesparen als wesentliche Faktoren für die Umsetzung der Energiewende: So will man auf Basis der sog. Energieeffizienzstrategie 2050 eine Minderung des Primärenergiebedarfes um 50% gegenüber der Zahlen des Jahres 2008 erreichen (BMWI 2019, 6).
  • Der WWF geht für 2050 hingegen von einer Zunahme des Energiebedarfs in Deutschland um 30% aus (vgl. WWF 2018, 61).

Sicher ist hier nur die Unsicherheit.

Selbstverständlich gibt es grundsätzlich ein erhebliches Energieeffizienz-Potenzial. Doch schon das Wort ‚Potenzial‘ deutet an, dass dieses nicht unmittelbar und verlässlich verfügbar ist, sondern vor allem in der Zukunft angesiedelt ist. Die genaue Höhe ist ebenfalls mehr als ungewiss. Daher kann der Aspekt ‚Effizienzsteigerung‘ nur begrenzt und nicht quantifiziert in diese Überlegungen eingehen.


Exkurs:

Hinzu kommt der Fachkräftemangel in Deutschland, der u.a. in den Bereichen ‚Energie‘ und ‚energetische Gebäudesanierungen‘ ein hochrelevanter Problemfaktor ist:

Maßnahmen zur Effizienzsteigerung sind stets mit Investitionen verbunden. Für all diese Maßnahmen werden Menschen benötigt, die die erforderlichen Maßnahmen mit ihrer Arbeitskraft umsetzen. Doch herrscht ein eklatanter Fachkräftemangel in Deutschland, der nicht ohne weiteres beseitigt werden kann.

  • Im Bereich ‚Gebäudesanierung‘, die maßgeblich zu den Effizienzmaßnahmen gehört, ist der Fachkräftemangel derart hoch, dass bei einer Sanierungsquote von 0,6% gemäß Senatorin Dorothee Stapelfeldt (SPD) (vgl. NDR 2020a) in Hamburg sämtliche Auftragsbücher voll sind, sodass es nebulös bleibt, wie die zur Erreichung der Klimaziele erforderliche Sanierungsquote von 2% erreicht werden kann, selbst wenn genug Geld da ist. Ausbildungsplätze bleiben unbesetzt – und sogar wenn hier nachhaltig Abhilfe geschaffen werden sollte durch einen Attraktivitätsgewinn dieser Berufsstände wird es Jahre dauern, bis einer Mehr-als-Verdreifachung der Handwerker*innen Hamburgs umgesetzt ist. Ohne die erforderliche Sanierungsquote gibt es keinen ausreichenden Effizienzgewinn.
  • Das ist selbstredend nicht nur in Hamburg so: Schon der Fachkräftemangel-bedingte Sanierungsstau für sich genommen gefährdet die Einhaltung des Pariser Abkommens durch Deutschland.

Erforderlich ist eine komplette Neufassung der Arbeit in Deutschland:Entlang der Klimaschutz-Bedarfe ist zu eruieren, welche Berufe in Zukunft nach derzeitiger Einschätzung vornehmlich gebraucht werden – und diese Berufe sind in Berufsbild und Gehalt entsprechend attraktiv zu gestalten. Der Umkehrschluss gilt auch – gewissermaßen hat sich die Attraktivität von Berufen an der Systemrelevanz auszurichten.Das wird spannend, wenn z.B. ein*e Handwerker*in zu Recht mehr Geld erhält als ein*e Geldanlageberater*in: Wir brauchen vermehrt Menschen, die Häuser energetisch sanieren, Moore vernässen, Wälder pflanzen, Renaturieren, klimaerforderliches Stadtgrün pflegen sowie Humusaufbau betreiben.

So ist auch die Frage aufzuwerfen, inwieweit für o.g. Tätigkeiten tatsächlich stets und immer ein akademisches Studium sinnvoll ist – oder nicht doch eher eine Art ganzheitliche Ausbildung als Global Climate Worker?

Vielleicht ist es an der Zeit, die Universität wieder zum Ort der Grundlagenforschung und Lebensbildung zu machen.

Helikopter-Eltern kann ich persönlich nicht empfehlen, ihre Kinder auf die 2000er Überflieger-Leistungsgesellschaft vorzubereiten… Ich denke, symbolisch gesprochen, die Helikopter werden am Boden bleiben. Wer seinen Kindern einen Gefallen tun möchte, sollte sie m.E. nicht noch mal eben schnell zum sterbenden Barrier-Reef katapultieren, sondern sie zur Genügsamkeit, Resilienz und Flexibilität erziehen – ich rege an, die lokale Pfadfindergruppe bspw. einem Früherziehungs-Chinesisch-Kurs vorziehen.

>> s.a. Aspekt Künstliche Intelligenz, Digitale Gesellschaft und Arbeitsplätze, S. 457


Also: Effizienzgewinne sind ein ‚ungedeckter Scheck‘ und sollten daher m.E. nicht zu optimistisch in die Kalkulation einbezogen werden.

Zudem sind Rebound-Effekte zu befürchten, auch die zunehmende Digitalisierung legt zunehmenden Strom- und Energiebedarf nahe – und das bis auf Weiteres anzunehmende ‚Wachstum‘ frisst Einspareffekte ebenfalls oftmals auf.

Das größte und allein schon deshalb m.E. unumgängliche Energie-Einsparpotenzial besitzt derweil die Aufgabe des HöherSchnellerWeiter-Lebensstils sowie des Wachstumsdogmas.

Künftiger Zubau von Photovoltaik und Windenergie

  • Es ist nicht seriös zu ermitteln, wie viele Windenergie- und Photovoltaikanlagen benötigt würden, um den Energiebedarf eines klimaneutralen Deutschlands zu decken. Zur Erinnerung: Derzeit sorgen 29.456 Onshore-Windenergieanlagen und 1,7 Mio Solaranlagen gemeinsam mit weiteren Offshore-Windenergieanlagen für 6,6 Prozent und gemeinsam mit den weiteren EE für 17,1% des derzeitigen Endenergiebedarfs (vgl. S. 522).
  • Da die Installation einer massiven Zahl von Windenergieanlagen tatsächlich alternativlos ist, wird auch genug Platz vorhanden sein – das ist eine Frage der Erfordernis, nicht der Ästhetik oder der persönlichen Befindlichkeit.
  • Alle diese Windenergie- und Photovoltaik-Anlagen benötigen Ressourcen. Die Anlagen haben geplant, genehmigt, hergestellt, transportiert, aufgebaut und ihr Strom per zu installierendem Netzanschluss eingespeist zu werden, sie benötigen – vor allem Windenergieanlagen – Wartung und sie haben eine begrenzte Betriebsdauer, sodass sie irgendwann durch eine Neuanlage ersetzt sowie abgebaut und ressourcengenerierend recycelt zu werden haben. Positiv ausgedrückt schafft das alles: langfristige Arbeitsplätze. Weniger positiv ausgedrückt bedeutet das einen ungeheuren Aufwand, dem wir uns besser heute als morgen stellen.
  • Dieser zu tätigende (Energie-)Aufwand schmälert die sowieso stark ausgeschöpften CO2-Budgets Deutschlands und aller Industrieländer, was einmal mehr bedeutet, dass keine Zeit zu verlieren ist.


Fazit: Was bleibt?

  • E-Fuels & Co sind derzeit deshalb so populär, weil sie als Chance gesehen werden, das Leben einigermaßen auf dem Komfort-Standard von heute weiterleben zu können.
    • Ich denke, in diesem Abschnitt ist sichtbar geworden, dass die derzeitigen E-Fuels- und Wasserstoff-Offensive-Visionen bei näherer Betrachtung keineswegs die Perspektive eines bequemen ‚Weiter so‘ offerieren. Sie sind gleichwohl die beste Option, die wir haben.
  • Es ist heute nicht seriös davon auszugehen, dass Grüner Wasserstoff, synthetisches Kerosin und allgemein E-Fuels künftig ein Massentourismus-Reiseverhalten möglich macht, das dem heutigen auch nur entfernt ähnelt.
    • Angesichts der Herausforderungen, die vor uns stehen, hat das auch keine Priorität.
  • Diesen Abschnitt inhaltlich mit dem Abschnitt Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. Bis auf weiteres: Eine Illusion‘ verbindend bleibt m.E. nur eine Folgerung: Flughafen in bisheriger Größe, Flugzeugindustrie (sorry, Finkenwerder), Massen-Luftfahrttourismus und Klimaschutz gemäß dem Pariser Abkommen schließen sich gemäß aktuellem Stand definitiv aus. Das ist für viele Menschen eine bittere Wahrheit, aber angesichts der Energiebedarfe ist das zurzeit und mittelfristig nicht anders realistisch umsetzbar.
  • Zitate wie das Folgende sind dann – so berühmt sie auch sein mögen – eher theoretischer Natur und somit nur bedingt hilfreich:
    • „Die Sonnenstrahlung, die die Erde in einem Jahr erreicht, könnte 10.000 Jahre lang den Energiebedarf der gesamten Menschheit decken“ (Knauer 2009).


Den Schlussgedanken eröffnet hier Graeme Maxton mit den Worten:

  • „Wollen wir unser verbleibendes CO2-Kontingent, das wir an anderer Stelle für kniffeligere Aufgaben brauchen werden, mit ineffizienter Braunkohle verplempern?“ (2020, 165).


Dieser Punkt kann gar nicht stark genug betont werden:

Der globale Infrastruktur-Umbau zur Klimaneutralität wird selbst alles andere als klimaneutral verlaufen.

Man mache sich klar, wie viel Öl/Kohle/Gas noch dafür eingesetzt werden wird, um sowohl die Industrienationen als auch den Globalen Süden auf eine klimaneutrale EE-Infrastruktur umzustellen.

Und das ist ein wichtiges Argument dafür,

  • sofort, jetzt, heute mit der Umstellung zu starten, um das Budget nicht allein schon durch die Sozial-ökologische Transformation inkl. der Energie-, Mobilitäts- und Agrarwenden zu sprengen sowie
  • allgemein im großen Stil Suffizienz zu betreiben, denn sie allein wirkt konkret unmittelbar klimaeffektiv.


Suffizienz bedeutet „die Reduktion von Rohstoff- und Energieverbrauch durch Reduktion von Konsum- oder Komfortansprüchen“ (Paschotta 2019). Ein ‚Weniger‘ ist im Unterschied zu sämtlichen Reformbemühungen und technischen Lösungen sofort umsetzbar und zeitigt umgehend Ergebnisse.


Erdgas, LNG und die ‚Wasserstoffstrategie‘

Erdgas = Methan

1kg Methan (CH4) verbrennt zu 2,74 kg CO2 sowie zu Wasser (vgl. Energie-Lexikon 2010)


CO2-Emissionen verschiedener fossiler Brennstoffe
Naturgas = 0,2 kg CO2/kWh | Heizöl = 0,28 | Steinkohle = 0,34 | Braunkohle = 0,36
(vgl. Quaschning 2015)


Erdgas gilt als die am wenigsten schlimme Form der fossilen Energieträger.

  • Obige Tabelle bestätigt das zunächst, weil sie ausschließlich den Energieumwandlungsprozess und die damit verbundenen Emissionen betrachtet. Und nur dies interessiert für die offizielle/ formale Klimabilanz von Kraftwerken bzw. von Deutschland.
  • Doch die Reduktionen, die durch die mit Millionengeldern geförderten Umbauten von Kohle- zu Gaskraftwerken in Deutschland entstehen (werden), sehen nur und ausschließlich auf dem Papier gut aus:

    Denn:
    • Bei der Förderung von Erdgas – also von Methan – entweicht eine relevante Menge Gas in die Atmosphäre: Das sog. Methanschlupfloch.
    • Dies trägt deutlich zu den Methanemissionen bei, erscheinen jedoch nicht in den Klimabilanzen Deutschlands. Aber sie sind da. Und es geht nicht um papierende Rechenkünste, sondern um Physik.
    • Greenpeace Energy geht von einer nicht eingerechneten Vorkettenemission von 25% der Gesamtemission aus (2020, 3), was u.a. am erst unlängst erkannten „Umfang von Flaring (Abfackeln von Erdgas) und [an den] Methanemissionen bei der Erdgasförderung [liegt]“ (ebd., 36).
      • Flaring setzt rund 300 Mio t CO2 frei = ca. 1% der globalen CO2-Emissionen und darüber hinaus Methan, maßgeblich befördert durch Öl-Fracking, bei dem auch das eingeschlossene Gas freigesetzt wird.

Hinzu kommen Fahrlässigkeit und Unfälle.

  • Der Spiegel erwähnt dazu, dass „an der Quelle [in Ohio] innerhalb von 20 Tagen ungefähr 120 Tonnen Methan pro Stunde ausgetreten [seien. Bei einem anderen Leck wurden i]nnerhalb von 112 Tagen … in Kalifornien rund 100.000 Tonnen Methan freigesetzt“ (2019f.).
    • Um das Problem im Griff zu bekommen, hat der 2020 amtierende US-amerikanische Präsident „jüngst angekündigt, für Frackingunternehmen in seinem Land die Regeln zum Methanschlupf zu lockern“ (Fischer et al. 2020) – damit kann ab sofort die bislang zwei Mal jährlich erfolgende Untersuchung auf Umweltgefahren und undichte Stellen nunmehr unterbleiben (vgl. Kriener 2020, 8).


Doch es bedarf keiner Unfälle, damit Erdgasförderung zum Problem wird, der Routinefall selbst ist bereits das Problem:

  • In den USA sind Bohrlöcher oftmals 4.000 Meter tief, die nur schwer abzudichten sind.

    Uwe Dannwolf, Chef der Beratungsgesellschaft RiskCom erklärt: „‚Die Zementierung gelingt häufig nicht gut‘… [a]uch weil die Löcher aus Kostengründen oft zu klein gebohrt werden, kann sich der Zement rund um die Förderrohre nicht gut verteilen“ (Fischer et al. 2020).
    Gemeint ist, dass auf diese 4 km Länge/Tiefe bezogen der Zement durch den eher knapp kalkulierten Abstand zwischen Förderrohr und Lochwand schlicht ungleichmäßig und nicht verlässlich luftabschließend nach unten durchrutscht, sodass sich in der Folge Hohlräume bilden können.

    Laut Fischer et al. zeigen Satellitenmessungen, dass die Methanbelastung bspw. in Turkmenistan, einem Land, das viel Erdgas produziert, „sehr groß ist“ (ebd.).

    Und dann ist da noch das Problem mit den Methanschlupflöchern von verlassenen, vorschriftsmäßig und damit vermeintlich ‚sicher verschlossenen‘ Förderstellen:
    • „Einmal geöffnet, kann das Gas hier jahrzehntelang entweichen und somit ein Vielfaches der Emissionen verursachen, die während der Förderung selbst anfallen. So zu beobachten etwa im venezolanischen Maracaibo-See. Die Gegend war eine der ersten großen Ölförderregionen des Landes. ‚Heute blubbert es hier überall im See‘, erzählt Matthias Reich, Professor für Bohrtechnik an der Bergakademie in Freiberg“ (Fischer et al. 2020).
    • Auch aus einem Teil der mehr als 15.000 alten Bohrlöcher der Nordsee „treten erhebliche Mengen des Treibhausgases Methan aus… [E]ine neue Studie des Geomar Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel[, die] knapp 1.700 … Bohrlöcher[] auf einer Fläche von der Größe Sachsen-Anhalts [untersuchte,] ergab…, dass in diesem Bereich 900 bis 3700 Tonnen Methan austreten können“ (SZ 2020).
      • Das Entscheidende hier ist, dass „das Gas aus flachen Gastaschen [stammt], die weniger als 1.000 Meter tief im Meeresboden liegen und gar nicht Ziel der ursprünglichen Bohrungen gewesen waren“ (ebd.).

>> vgl. Aspekt Flaming, S. 517 und Fußnote zum Thema Pipeline- und Gasleitungslecks auf der gleichen Seite.


Gefracktes LNG ist letztlich Teil der America-First-Taktik des amtierenden US-Präsidenten, der im Bereich ‚Fossile‘ ‚Jobs, Jobs, Jobs‘ schaffen wollte. Und ich gehe davon aus, dass die Bundesregierung mit ihrem LNG-Terminal-Ausbau den gegen die Pipeline ‚Nord Stream 2‘ plärrenden US-Präsidenten bei Laune halten möchte.


Erdgas ist alles in allem Teil des Problems und nicht Teil der Lösung. Denn im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts Erdgas neu als Brückentechnologie zu etablieren kann nicht sinnvoll sein: Deutschland hat 2035/37, der Planet spätestens 2050 klimaneutral zu sein, sodass die entsprechenden Infrastrukturen lange vor ihrem Laufzeitende (und damit gegen den Willen der Betreiber) wieder stillgelegt werden müssen – die Menschheit schafft sich hier vor allem ein: zusätzliches Problem.

  • „‚Es ist ein Irrglaube, Erdgas wäre die Lösung‘, sagt Niklas Höhne vom Kölner New Climate Institute. Die globalen CO2-Emissionen – also auch die aus der Verbrennung von Erdgas – müssten bis 2050 auf null sinken“ (Spiegel 2019).


Brückentechnologien sind Problemverlagerungen und Zwischenlösungen, für die wir keine Zeit haben.

Für Brückentechnologien fließen unglaublich viel Geld, Zeit, Energie und Know-how in die falsche Richtung.

Brückentechnologien sind meist additiv: Sie bilden eine weitere Infrastruktur neben der Vergangenheits- und der Zukunftstechnologie – was sie besonders kritisch macht hinsichtlich der Reboundeffekte.

Brückentechnologien sind Altmaier’sche Tricks, um weiterhin Geld zu verdienen, um das eigentliche Problem nicht anpacken zu müssen und um zu suggerieren, man würde aktiv. Sie lenken von der eigentlichen Ursache ab: Wir haben von der Idee, es könne weiter so gehen bzw. HöherSchnellerWeiter könne noch irgendwie Bestand haben, endlich loszukommen.


Nebenbei: Nord Stream 2 ist auf eine Betriebsdauer von „mindestens 50 Jahren ausgelegt.“ (Rehmsmeier 2019)


Derzeit gibt es dennoch – global und vor allem auch in Deutschland – Bestrebungen, Erdgas stärker (vgl. ‚Nord Stream 2‘(1), ‚Hamburger Klimaplan‘) und im Falle des LNG (liquefied natural gas, vgl. geplante LNG-Terminalanlage im Hamburger Hafen(2)) neu und verstärkt zu etablieren.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) ‚Nord Stream 2‘ ist eine international politisch und ökologisch hochumstrittene, noch im Bau befindliche Pipeline in der Ostsee, die ab 2021 Erdgas von Wyborg in Russland zur deutschen Küste bei Greifswald transportieren soll (vgl. Dornblüth et al. 2020). Diese Pipeline wird mittels erheblichem politischen Druck vonseiten der derzeitigen US-Administration bekämpft, möchte man doch das eigene LNG möglichst konkurrenzlos über den Atlantik verschiffen (vgl. Stephanowitz 2019).

(2) Die German LNG Terminal GmbH plant den „Bau, Besitz und Betrieb eines Import-Terminals für verflüssigtes Erdgas in Norddeutschland (Eigendarstellung: German LNG 2018), mutmaßlich mit dem Standort in Brunsbüttel. Ein weiterer zusätzlicher Standort könnte mit Stade ebenfalls in der Umgebung von Hamburg liegen (vgl. Spiegel 2019e). Entsprechende Terminals entstehen derzeit „für Dutzende von Milliarden Dollar … an der US-Küste“ (Wettengel 2020, 9) – und diese werden gespeist durch das Keystone-XL-Pipeline-System, vgl. Fußnote S. 519.

Aus Erdgas bzw. LNG wird heute vielfach Wasserstoff hergestellt.

  • Grauer Wasserstoff nennt man den heute i.d.R. verwendeten Wasserstoff, der aus Erdgas unter Emission großer Mengen CO2 hergestellt wird (vgl. Greenpeace Energy 2020, 5).
  • Als ‚blau‘ wird Wasserstoff bezeichnet, wenn das bei der Herstellung von grauem Wasserstoff entstehende CO2 zum größeren Teil über das (selbst große Mengen an Energie verbrauchende) Carbon Capture und Storage (CSS) genannte derzeit nicht ausgereifte Geoengineering-Verfahren abgeschieden und unterirdisch eingelagert wird (vgl. ebd.).
  • Grüner Wasserstoff entsteht bei der Wasserelektrolyse und ist, so der Strom mit erneuerbaren Energien produziert wurde, emissionsfrei (vgl. Abschnitt Energiewende in Deutschland, S. 524).


Nun soll also in Deutschland gemäß ‚Nationaler Wasserstoffstrategie‘ vornehmlich grüner Wasserstoff die Energiewende weiter befördern und auf ein neues Niveau zu heben.

  • „Ob der erste grüne Wasserstoff in Deutschland im Industriemaßstab schon vor 2030 produziert werden könne, bezweifelte [Stefan] Kaufmann[, der gerade ins Amt gekommene Innovationsbeauftragte für den Förderschwerpunkt ‚grüner Wasserstoff‘]. Das gesamte Projekt ‚Wasserstoffrepublik‘ sei eher auf einen Zeitraum von zwanzig Jahren ausgelegt“ (Ronzheimer 2020, 18).

Ein Großteil des Wasserstoffs soll dabei aus diversen afrikanischen Staaten importiert werden – die Machbarkeit solcher Projekte würde gerade für 31 afrikanische Staaten geprüft (vgl. ebd.).

Bauchmüller et al. stellen dazu fest:

  • „Als die Bundesregierung kürzlich ihre „nationale Wasserstoffstrategie“ verabschiedete, taxierte sie den Bedarf auf 90 bis 110 Terawattstunden. Doch nur für 14 Terawattstunden sah sie Potenzial im Inland. Der Rest müsste aus dem Ausland kommen. Und auch im jüngsten Konjunkturpaket findet sich der Wasserstoff-Import wieder. Zwei Milliarden Euro verbuchte die Koalition für ‚außenwirtschaftliche Partnerschaften‘“ (2020).
  • „Doch in der Region [Congos], in der das Kraftwerk entstehen soll, macht das neue Engagement aus Deutschland eher Sorgen. Bis zu 37 000 Dorfbewohner könnten hier, 256 Kilometer westlich der Hauptstadt Kinshasa, ihr Zuhause verlieren“ (ebd.).
  • „Unsere Unfähigkeit, den Ausbau der Erneuerbaren zu beschleunigen, darf nicht dazu führen, dass im Kongo ein Riesenstaudamm ganz Dörfer und Ökosysteme zerstört, um Wasserstoff für den deutschen Markt zu produzieren“ (Averbeck/Graichen 2020, 25) (Die Autorinnen wurden von der Bundesregierung in den nationalen Wasserstoffrat berufen“ (ebd.)).
  • Und: Wollten wir nicht unabhängiger werden von Energie aus Drittstaaten?


Zurück zum LNG. Fassen wir hier noch einmal zusammen:

Gefracktes LNG ist unkonventionelles Erdgas, dass unter erheblichen Umweltschäden und Methan-emittierend produziert, unter gewaltigen Energieverlusten mit einer noch aufzubauenden gigantischen Infrastruktur um die halbe Welt geschifft wird, um dann (unter erheblichen Energieverlusten) in Wasserstoff umgewandelt zu werden und im Jahre 15 bzw. 17 vor erforderlicher Klimaneutralität Deutschlands (vgl. S. 23):

  • von Altmaier & Co als zukunftsfähige Brückentechnologie gehyped wird.

Das alles sind Investitionen, Knowhow und Aufmerksamkeit, die eigentlich einer anderen Branche auf das äußerste fokussiert gebühren: den erneuerbaren Energien.


Noch eine abschließende Randbemerkung:

Im Großen wie im Kleinen gilt: Eine Heizung, die jetzt und in den nächsten Jahren verbaut wird, läuft auch 2050 noch.


Nach der Darstellung der von der aktuellen Koalition und namentlich insbesondere der Union geförderten ‚Zukunftsbrückentechnologien‘, kommen wir nun zu den von der aktuellen Koalition und namentlich insbesondere der Union eher zurückgedrängten erneuerbaren Energien – und hier stellvertretend insbesondere auf die:


„Das Thema Klimaschutz ist für mich ein Herzensanliegen.“ Peter Altmaier, 2012, zit. in SZ, 31.5.2012

Windkraft

  • 30.000 Windkrafträder gibt es in Deutschland ‚an Land‘ (vgl. Witsch 2019).
  • „Bis 2030 will die Bundesregierung den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix von derzeit 38 Prozent auf 65 Prozent erhöhen. Den Großteil davon soll Windenergie schultern“ (Witsch 2019).

Aber:

  • „Die durchschnittliche Dauer von Genehmigungsverfahren hat sich nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Industrie in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Für jedes Vorhaben fordern die Behörden eine Flut von Gutachten ein, um sich gegen mögliche Klagen abzusichern. Und geklagt wird mittlerweile so gut wie jedes Projekt, von betroffenen Bürgern oder Umweltverbänden“ (Bruhns et al. 2020).
  • Beispielsweise wurden 2019 „deutschlandweit 325 Windturbinen mit [insgesamt] mehr als 1.000 Megawatt (MW) Leistung beklagt“ (Fachagentur Windenergie an Land 2019) – was nach Angaben des Spiegel „der Leistung von drei kleineren Kohlekraftwerken entspricht“ (Bruhns et al. 2020) – oder eben dem 2020 ans Netz gegangenen Steinkohlekraftwerk Datteln IV mit seinen 1.000 Megawatt (vgl. Handbuch S. 68).
  • „Kaum mehr ein Windpark wird gebaut, ohne beklagt zu werden. Über 1.000 Bürgerinitiativen in ganz Deutschland engagieren sich mittlerweile gegen den Bau neuer Anlagen – auch vor Gericht“ (Witsch 2019).
  • Doch ist es so:
    • „Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstitut forsa im Auftrag der Fachagentur Wind ergab…: Selbst unter den Bürgern, die in der Nachbarschaft ein Windrad haben, sind drei Viertel damit einverstanden“ (Pinzler 2019).
    • Die von Altmaier und Seehofer am 20.9.2019 im ‚Eckpunkte-Papier für das Klimaschutzprogramm 2030‘ (vgl. Bundesregierung 2019) angekündigte und vom ‚Klimakabinett‘ so beschlossene bundesweite Abstandsregel von 1.000 Metern zu (Kleinst-)Siedlungen (‚Splittersiedlungen‘) würde nach Ansicht des Greenpeace-Chefs Martin Kaiser die Energiewende beerdigen.
      • Auch der Fraktionschef der Grünen, Anton Hofreiter, bemüht das friedhöfliche Bild und konstatiert, „[d]er Entwurf sei ‚ein weiterer Sargnagel für die Windkraft‘“.
      • „‚Mit diesem Gesetz wird die Axt an den Grundpfeiler des Klimaschutzes gelegt‘, sagte WWF-Klimaexperte Michael Schäfer. Zumal die Regeln nicht nur neue, sondern auch bestehende Anlagen träfen. In den nächsten Jahren erreichen Tausende Windräder ihre Altersgrenze. Da viele ältere Anlagen im 1.000-Meter-Radius liegen, wäre ihr Ersatz [– das sog. Repowering –] unmöglich“ (Bauchmüller 2019).
      • Sturm gegen die Abstandsregel formiert sich auch von Seiten des Deutschen Gewerkschaftsbundes DBG, des Energieverbandes BDEW, des Windenergieverbandes BWE, des Verbandes Kommunaler Unternehmen VKU, des Maschinenbauverbandes VDMA – und sogar und insbesondere auch von Seiten des Industrieverbandes BDI. Sie alle unterschrieben einen Brandbrief, in dem es u.a. heißt:
        „‚Die geplanten Einschränkungen der Windenergie an Land‘ stellten ‚die Realisierbarkeit sämtlicher energie- und klimapolitischer Ziele der Bundesregierung infrage‘“ (zit. in Spiegel 2019a).
    • „Das Umweltbundesamt fürchtet, dass eine Anwendung des Mindestabstands von 1.000 Metern die Fläche, auf der nach jetzigem Stand Windräder gebaut werden dürfen, um 20 bis 50 Prozent verkleinert. ‚Ein Zubau an Windenergiekapazität gegenüber dem Status quo ist auf der verbleibenden Fläche faktisch nicht möglich‘, heißt es in einer Untersuchung des Umweltbundesamts“ (Spiegel 2019b).
  • Im November 2019 beschließt die GroKo, die umstrittene Abstandsregel sowie weitere zu regelnde Aspekte des Ausbaus der erneuerbaren Energien aus dem ansonsten weitgehend fertiggestellten Kohleausstiegsgesetz herauszulösen und zu einem späteren Zeitpunkt in einem eigenen Gesetz zu verankern (vgl. Spiegel 2019c).
  • Im Mai 2020 – also etwa acht Monate nach den ersten Ankündigungen – haben sich die Koalitionspartner darauf verständigt, „man werde ‚den Ländern die Möglichkeit einräumen, einen Mindestabstand von bis zu 1.000 Metern festzulegen‘… Die Union hat damit zumindest auf dem Papier einen Mindestabstand eingeführt“ (Kreutzfeldt 2020, 8). Was als relevante Siedlung, von der der Abstand zu wahren ist, eingeordnet wird, ist entgegen voriger Gesetzesentwürfe nunmehr doch ebenfalls unbestimmt und somit Ländersache (vgl. ebd.).
  • Der Schaden, den dieses nunmehr teilweise verpuffte Gesetzesvorhaben angerichtet hat, ist immens. Das Bundeswirtschaftministerium, welches auch für Energie und – daran sei hier kurz erinnert – damit auch für erneuerbare Energien zuständig ist, hat, wie seinerzeit durch das Rumspielen am EEG (vgl. Fußnote S. 522), durch Festlegung eines deinvestierend wirkenden (im Juni 2020 doch noch abgesagten) Solardeckels(1) sowie jetzt mit der vielmonatig angekündigten ebenfalls deinivestierend wirkenden Abstandsregel in der EE-Branche Fakten geschaffen, den Industriestandort Deutschland geschwächt, die Energiewende massiv beschädigt, verzögert und weiter verschleppt, die Zukunftsfähigkeit verringert und jede Menge Arbeitsplätze vernichtet.
  • Es ist explizit festzuhalten, dass ja ausschließlich das faktische Verbot des Neubaus von Windkraftwerken vom Tisch ist. Für die Branche wurde nichts getan.

Spielen Sie mal gedanklich die gleiche Politik mit anderen, alteingesessenen Industriebranchen durch, z.B. der Autoindustrie. Dieses Gedankenspiel ist: undenkbar.

Erläuterungen zu (1) 'Solardeckel'

Der sog. ‚Solardeckel‘ wurde bei der Novelle des EEG 2012 eingeführt und besagte, „dass die Förderung neuer PV-Anlagen endet, sobald die Summe der nach §19 EEG installierten, geförderten Photovoltaik-Anlagen in Deutschland eine gemeinsame Leistung von 52 Gigawatt überschreitet. Prognosen zufolge wäre dieser Solardeckel im Herbst 2020 erreicht worden. Anlagen bis 750 kWp (Kilowatt-Peak), die nach dem Erreichen dieser Grenze in Betrieb gehen, hätten dann keine garantierte Einspeisevergütung für den Solarstrom erhalten, der in das öffentliche Stromnetz eingespeist wird“ (EON 2020).

… 100% durch umfassenden Faktencheck belegt. | https://youtu.be/yduqBkbroL4 (Abrufdatum 2.12.2020)

Ein Blick in die Statistik zum Zubau von Windkraft:

2015 = 3.700 Megawatt Windleistung neu installiert
2016 = 4.600 Megawatt | 2017 = 5.300 Megawatt | 2018 = 514 Megawatt (Balser et al. 2019)


2014 = 1.766 Windräder | 2015 = 1.368 | 2016 = 1.624 | 2017 = 1.792 | 2018 = 743

2019, erstes Halbjahr = 86 neu aufgestellt (laut taz: Kreutzfeldt/Pötter 2019)
2019, erstes Halbjahr = 35 „unterm Strich … in Betrieb genommen“ (laut Pinzler et al. 2019, 3)


2018: 8 installierte Windkraftwerke in Bayern (vgl. Dohmen et al. 2019, 17)

>> Wie absurd es in Deutschland in Sachen ‚Windkraft‘ zugeht, zeigt das Beispiel von dreißig Windrädern in Bayern, die genehmigt sind und trotzdem nicht oder bis auf weiteres nicht gebaut werden: Diese Windkrafträder wurden genehmigt, bevor das sog. 10-H-Gesetz (auch 10H-Regel genannt) in Bayern in Kraft gesetzt war.


Warum wird der Zubau weniger statt mehr, wie angesichts einer umfassenden Energiewende zu erwarten wäre?

  • „2017 [wurde] das System der Vergütungen verändert: Statt fester Zahlungen für jede gelieferte Kilowattstunde sollten Windpark-Projekte nun in Konkurrenz treten. Wer also eine Förderung für sein Windrad wollte, musste bei einer Ausschreibung mitbieten. … [Dieses als kostensenkend beworbene] neue System hatte Nebenwirkungen. Zum einen löste es ein [sog.] Dezemberfieber in der Branche aus, weil möglichst viele noch zu den alten Konditionen bauen wollten – so kam es zu den enormen Zuwächsen der Jahre 2016 und 2017. Die wiederum riefen Windkraft-Gegner auf den Plan – und mit ihnen unzählige Klagen gegen neue Windparks“ (Balser et al. 2019).

>> Ebenfalls nicht zielführend ist, dass der Anschluss von Windkraftanlagen gesondert, d.h. extra und einzeln genehmigt werden muss. „Windparkbetrieb und Netzanschluss befinden sich in Deutschland in verschiedenen Händen… Schon der Anschluss eines normalen Solarparks kann zu Geduldspiel werden. In Spanien wird mit der Baugenehmigung zugleich die Netzverbindung garantiert“ (Dohmen et al. 2019, 17). Alles andere macht m.E. auch keinen Sinn.


Windkraft: Gegner*innen

Nein, es ist nicht ideal, eine Windenergieanlage vor das Dorf gestellt zu bekommen.

Hm, andere Dörfer – ganze Landschaften – wurden der Braunkohle geopfert. Manche Menschen leben seit Jahren mit der Ungewissheit, ob ihr Dorf quasi als letzte Zuckung der Braunkohleförderung nicht noch geräumt werden wird. Andere Menschen wiederum wohnen in unmittelbarer Nähe eines Atomkraftwerks und haben auffällig viele Leukämiefälle in der Gegend. Manche Menschen müssen mit einem Zwischen- oder Endlager für Atommüll in der Nachbarschaft ‚leben‘. Andere wiederum finden es wenig lustig, dass die Wände in ihrem Haus tiefe Risse bekommen, weil unter ihrem Haus alte Steinkohle-Stollen zusammensacken. Die Liste könnte weiter fortgesetzt werden mit neuen Flughafenstartbahnen, die quasi an die eigene Grundstücksgrenze stoßen, mit Einflugschneisen-Lärmbelastung, mit stinkenden Klärgruben oder Megaställen, Autobahnen-Lärm und -Abgasen, ICE-Trassen etc. pp.

Aber ein Windrad? Versehen mit einer reichlich üppigen Abstandsregel? (Es müssen ja nicht gleich 1.000 Meter zu Splittersiedlungen sein, wie es im Herbst 2019 der Altmaier’sche Gesetzentwurf vorsah.)

  • Windkraft-Verweigerung im Kontext der existenziellen Klimakrise?
  • Vor dem Hintergrund, dass uns der Planet ohne massive Energiewende Feuer unterm Hintern macht?
  • Ist ein Windrad vor den Toren des Dorfes ein zu großes Opfer für die Enkel*innen?

Wohl (hoffentlich) nicht. Also:

Worum geht es hier eigentlich?


Gängige Argumente gegen Windkraftwerke sind:

Windkraftwerke – eine Todesfalle für Tiere?

  • Michael Diestel, Windkraftbefürworter, hat hier eine deutliche Meinung:
    • „Man verweist immer wieder auf das Sterben der Vögel. Aber wenn es hier wirklich um Artenschutz ginge, müssten wir alle Straßen schließen“ (Witsch 2019).
  • Kopatz fügt hinzu:
    • „Tatsächlich kommen jährlich zwischen 10.000 und 100.000 Vögel um … die Zahl relativiert sich, wenn man bedenkt, dass pro Jahr schätzungsweise 18 Millionen Vögel an Glasscheiben zu Tode kommen. Hohe Verlustzahlen entstehen auch an Freileitungen und beim Vogelschlag an Straßen und Bahnstrecken…“ (2019, 178-179).
  • Benjamin Fredrich beruft sich auf Nabu-Zahlen, wenn er in seinem Katapult-Buch 102 grüne Karten zur Rettung der Welt schreibt:
    • „[B]ei Windkraftanlagen sterben die meisten Vögel, weil sie gegen den Mast prallen, und nicht, weil sie vom Rotor getroffen werden. Wenn Windkraftanlagen farbig gestrichen werden, fliegen deutlich weniger Vögel dagegen“ (2020, 34).

Vögel kommen in Deutschland zu Tode durch:

Windenergieanlagen (maximal 0,1 Mio) | Jäger*innen (maximal 1,2 Mio) | Stromleitungen (maximal 2,8 Mio) | Autos und Züge (maximal 70 Mio) | Hauskatzen (maximal 100 Mio) | Glasscheiben (maximal 115 Mio) (vgl. ebd., 34-35)


Windkraftwerke erzeugen Infraschall?

Ein Argument gegen Windkraftwerke ist tiefenfrequenter Schall <20Hz, der sog. Infraschall. So berichtet das ZDF, dass „sich aus der Wissenschaft und Medizin die Hinweise [mehren], dass Infraschall die Gesundheit beeinträchtigen kann“ (Hermes 2018). Wer allerdings jemals auch nur eine Nacht in einem Einfamilienhaus unweit einer Hauptverkehrsstraße verbracht hat, weiß, dass auch vorüberdonnernde Lastwagen genau diesen tiefen Schall, den man teilweise ausschließlich körperlich spürt, verursachen. So gesehen kann man sagen: Ja, das ist nicht schön, betrifft aber unglaublich viel mehr Menschen, als Nachbar*innen von Windenergieanlagen.

  • Das Ärzteblatt kommentiert: „Windparks erzeugen Infraschall – Meeresrauschen auch.“ (Lenzen-Schulte et al. 2019)
  • Im September 2020 kommt eine neue Studie zu dem Schluss: „[W]er Infraschall vermeiden will, müsste künftig aufs Autofahren verzichten“ (Wille 2020).

>> Und weiter: „Eine dreieinhalbstündige Autofahrt beschert den Insassen genauso viel Infraschall-Energie wie 27 Jahre Aufenthalt in 300 Metern Abstand zu einem Windrad“ (Wille 2020).

Tatsächlich belegen „Studien mit Placebo-Infraschall die durch negative Erwartungshaltung beeinflussten Symptome … Nocebo-Effekte“ (ebd.): Ein typischer Nocebo-Effekt tritt ein, wenn man bei einem neuen Medikament den Beipackzettel liest und daraufhin meint, die dort beschriebenen Nebenwirkungen zu spüren. Das hier zitierte Ärzteblatt bestätigt auch obige Feststellung des ZDF, weist aber darüber hinaus darauf hin, dass auch Beschäftige im Umfeld von landwirtschaftlichen Maschinen und Flugzeugen betroffen sind und schließt mit der Feststellung, dass „es dringend epidemiologischer Studien [bedarf], die das [Thema] genauer untersuchen“ (ebd.; zu ‚Nocebo‘ s.a. auch Abschnitt Glaubenssätze dechiffriert: Von ‚Wachstumszwängen‘ und anderen Glaubenssätzen, S. 390).

Mir persönlich drängt sich der Eindruck auf, dass Infraschall eigentlich ein Sachverhalt ist, der in unserer immer weiter anthropogen gestalteten Welt bislang überwiegend städtisch wohnende Bundesbürger*innen und nun auch vermehrt Menschen auf dem Land – z.B. durch Windenergieanlagen – betrifft.


Windenergieanlagen – ziehen das Grundwasser in Mitleidenschaft?

Ein weiteres Argument von Windkraftgegnern ist, Schmieröle könnten ins Grundwasser gelangen oder gar Chrom.(1)

  • Dazu ist hier festzuhalten, dass eine Recherche mit den Suchwörtern ‚Windkraft‘ und ‚Grundwasser‘ ergibt, dass weder der Spiegel, die Zeit noch die Süddeutsche Zeitung sich dieses Argument in den letzten zehn Jahren zu eigen gemacht haben(2).
  • Umgekehrt ist es so, dass der Nichtausbau der Windenergie bedeutet, dass „der [Braunkohle-] Tagebau Sulfat und Chlorid [entlässt], ins Oberflächenwasser Eisen, was die Flüsse ‚verockert‘ und, so das Umweltbundesamt, ‚aquatische Lebensgemeinschaften‘ stört“ (Stöcker 2019).


Wenn die Besorgnis ums Grundwasser doch immer so groß wäre, wären wir wohl alle mindestens wenig-Fleisch-essende Flexitarier, denn die größte und überaus reale Bedrohung für unser Grundwasser geht von der Massentierhaltung aus. 


>> vgl. Aspekt Zu viele Tiere auf zu wenig Raum >> Trinkwasserschädigung durch Nitrat, S. 591


Keines dieser Argumente ist m.E. stichhaltig.

Da stellt sich nochmals und dringender die Frage:

Worum geht es eigentlich? Um Bevormundung? Um Gerechtigkeit?
Um ein „Warum ausgerechnet wir?“

„Nimby“ – „But not in my backyard.“

Ist nicht die Frage, wie ich darauf reagiere, wenn mich eine Veränderung direkt betrifft, der ‚Lackmustest‘ (Gradmesser/Prüfstein), wofür ich wirklich stehe im Leben?


Wäre es nicht sinnvoller, dafür zu protestieren, dass das Windrad durch entsprechende Stromtrassen und Zwischenspeicher angemessen in das deutsche Stromnetz eingebunden wird – statt dagegen zu sein, dass es gebaut wird?

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) Beliebt ist auch die Befürchtung, das Windkraftwerk könne umfallen. „Wie klein die Gefahr sei, sagt Geschäftsführer [Wolfram] Axthelm[ vom Bundesverband Windenergie], zeige schon die Versicherungsprämie für Haftpflicht. Ein Windrad sei in dieser Hinsicht kaum teurer als ein Moped“ (Dohmen 2019, 20).

(2) Anmerkung: Die SZ ist die einzige der drei Zeitungen, die diesen Aspekt zumindest erwähnt, in dem sie im Zusammenhang mit einem lokalen Streit um den Aufbau von Windkrafträdern im Jahr 2016 darauf hinweist, dass ein Gutachten im geschilderten Fall diese Problematik nicht gänzlich ausschließen konnte, weil in diesem Fall der Grundwasserspiegel möglicherweise so hoch sei, dass das Grundwasser an die Fundamente der betreffenden geplanten Windkrafträder heranreiche, vgl. Bögel, Wieland (2016): „Naturschutz: Wasser gegen Wind“. in: Süddeutsche Zeitung, 12.7.2016, online unter https://www.sueddeutsche.de/muenchen/ebersberg/naturschutz-wasser-gegen-wind-1.3075436/ (Abrufdatum 10.12.2019).


Sind nun all diese Bürger*innen generell gegen Windkraft und damit letztlich auch gegen Klimaschutz? Geht es wirklich (ausschließlich) um das Thema Not in my Backyard?

In meiner Wahrnehmung sind diese Aspekte ‚Vogelschutz‘, ‚Infraschall‘, ‚Grundwasser‘ lediglich Hilfsargumente von Bürger*innen, die weniger etwas gegen Windenergieanlagen, sondern in erster Linie etwas gegen Fremdbestimmung haben.


Solche Konflikte, wie sie derzeit rund um das Thema ‚Windkraft‘ in Deutschland toben, sind m.E. eigentlich leicht vermeidbar.

  • „Preben Maegard, ehemalige Präsidentin der World Wind Energy Association, hat es einmal so formuliert:
    • ‚Wenn Menschen vor Ort die Eigentümer der Windparks sind und davon profitieren, dann werden sie sie auch unterstützen. Es wird nicht heißen: ‚Bitte nicht vor meiner Haustür‘, sondern: ‚Bitte auf unserem Land‘“ (Klein 2015, 166).

Nun, das war ja bei der ursprünglichen Form des EEG im Jahre 2000 auch durchaus der Gedanke, der dem Gesetz zugrunde lag: die Bürgerenergiewende (vgl. Fußnote auf S. 522).


So wie sich das EEG und die weiteren Rahmenbedingungen heute darstellen, laufen Bürger*innen dagegen Sturm:

Und tatsächlich,

  • wer hat schon Lust auf einen großen, von außen durchaus zu Recht als Eindringling wahrzunehmenden Großinvestor, der an den Dorfrand einen riesige Stahlbeton-Pfeiler, deren Auftriebsläufer bei einer gängigen 3 MW-Anlage 200 Meter Höhe aufweisen, installiert, von dem man selbst in keiner Weise profitiert und lediglich Nachteile in Form von Baulärm und eine Einschränkung des Panorama-Genusses hat?

Das ist trivial.


Und damit ist die folgende Frage aufzuwerfen:

  • Warum amputier(t)en Altmaier und seine Vorgänger die Bürgerenergiewende und entfachen ein gesellschaftliches Feuer gegen eine Energiewende? Die kommen muss und für deren Verzögerung gesamtwirtschaftlich und -gesellschaftlich kein Interesse bestehen kann?


Offensichtlich werden andere Interessen im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie höher gewichtet.


Und damit kommen wir einmal mehr zum ‚good old‘ Thema ‚Arbeitsplätze‘, konkret zum Thema


Weitere Aspekte der Energiewende: Arbeitsplätze, Stromtrassen, Kostenwahrheit

Thema ‚Arbeitsplätze und Erneuerbare Energien‘

  • Was z.B. für die Autoindustrie aber auch für die Braunkohle immer und stets hervorgehoben wird und
  • was im Bereich der Erneuerbaren Energien i.d.R. unter den Tisch fällt sei hier klar und deutlich formuliert:

Die Windkraft-Verweigerung der Politiker*innen und Bürger*innen kostet tausende gerade neu entstandene, zukunftsfähige Arbeitsplätze.

  • Allein das Unternehmen Enercon kündigt im Herbst 2019 an „wegen der schlechten Marktlage bis zu 3.000 Stellen abzubauen … Neben Enercon hat auch die Siemens-Tochter Gamesa den Abbau Tausender Arbeitsplätze angekündigt, der Windanlagenbauer Senvion meldete im April Insolvenz an“ (Zeit 2019).

… und die Kohlekumpel werden in Watte gehüllt(1). Der Aufschrei um Arbeitsplatzverluste ist in den Bereichen Kohle und Auto deutlich lauter als bei Sonnen- und Windenergie.

Warum? Besonders im Zusammenhang mit der Autoindustrie wird gern hervorgehoben, dass das besonders ‚wertvolle‘ Arbeitsplätze seien, weil sie sozialversicherungspflichtig seien und besonders hoch qualifizierte Arbeit böten und dementsprechend dotiert seien. Ja, das wird richtig sein. Das ändert aber nichts daran, dass Arbeitsplätze rund um Erneuerbare Energien Zukunftsjobs sind. Und wenn diese nicht so toll bezahlt werden, sich die Firmen weniger durch Personalräte auszeichnen, die Jobs weniger sozialversicherungspflichtig sind, mag das angehen – aber es sind zukunftsfähige Arbeitsplätze. Neue Super-Arbeitsplätze à la ‚alte Bundesrepublik‘ wird es ohnehin (und zwar branchenunabhängig!) kaum noch geben, denn generell und branchenübergreifend entstehen auch Dank der Agenda 2010 i.d.R. nur noch solche ‚leichtgewichtigen‘ Jobs. Damit haben wir – bis auf Weiteres und vorbehaltlich einer besseren Politik – bedauerlicherweise zu leben.

Selbstverständlich sollten wir um jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpfen. Aber eben um wirklich jeden, und: branchenunabhängig.

Um folgende Arbeitsplätze geht es:

>> 20.336 Arbeitsplätze in der Braunkohle – 2/3 der Beschäftigen geht bis 2030 in Rente (vgl. Statista 2020 u. UBA 2018).

>> 338.600 Arbeitsplätze im Bereich erneuerbare Energien inkl. Zulieferern, davon 160.200 in der Windenergie, Stand 2016, also vor dem Altmaier’schen Windkraftdesaster (vgl. BMWI 2018).

>> 26.000 Stellen wurden 2017 in der Windkraftbranche abgebaut (vgl. Wetzel 2019) – hier gibt es also in einem Jahr höhere Arbeitsplatzverluste als in der Braunkohle überhaupt noch existieren und noch über viele Jahre gepäppelt werden.

>> In den letzten drei Jahren sind im Bereich EE insgesamt mindestens 40.000 Arbeitsplätze verloren gegangen (vgl. NDR 2020b). Da nun der Markt darniederliegt, wird es bei diesen Zahlen wohl nicht bleiben.

>> Zuvor war schon die Solarwirtschaft zusammengebrochen, „wo [nach 2011] die Beschäftigung innerhalb von fünf Jahren um mehr als 110.000 Personen sank“ (UBA 2020b, 10).

Anmerkung zu (1)

Ich finde es weniger schlimm, dass Kohlekumpel in Watte gehüllt werden, als dass Arbeitnehmer*innen zukunftsfähiger Arbeitsplätze einzelner Branchen nicht in Watte gehüllt werden.


Die Energiewende benötigt: Stromtrassen

Kurz ist das (ebenfalls allzu oft vor Gericht landende) Thema ‚Stromtrassen als Grundlage für eine Energiewende in Deutschland‘ anzureißen.

Die riesigen, der künftigen Gesamtenergieversorgung dienenden Strommengen haben über Stromtrassen quer durch Deutschland transportiert zu werden:

  • „[R]und 7700 Kilometer werden mittlerweile als notwendig erachtet. Davon existieren bis jetzt 950 Kilometer. 2017 wurden bundesweit 30 Kilometer fertiggestellt“ (Dohmen et al. 2019, 15).

Michael Kopatz zieht dazu einen spannenden Vergleich zum Straßenbau:

  • „Neue Trassen für Strom werden als politisch heikel empfunden. Neue Trassen für Kraftfahrzeuge müssen aber einfach sein. Überflüssig zu erwähnen, dass eine Überlandleitung nicht annähernd mit der Eingriffstiefe einer neuen Straße zu vergleichen ist. Sie zerschneiden keine Landschaften emittieren weder Schadstoffe noch Klimagase und sind geräuschlos“ (2016, 217-218).

Der Befund lautet dennoch:

  • „2011 brachte die Regierung ein sogenanntes Netzausbau-Beschleunigungsgesetz auf den Weg, um das Großprojekt anzutreiben. Das Resultat: Neun Jahre später[, d.h. 2020,] sind von den geplanten rund 5.900 Kilometern erst rund 800 Kilometer gebaut“ (Bruhns et al. 2020).

Ein Blick in einen Teilaspekt der Zukunft:

Weitere Potenziale erneuerbarer Energien

Abschließend und allgemein ist festzuhalten, dass das Thema ‚Erneuerbare Energien‘ mit Blick in die Zukunft noch viele Möglichkeiten offeriert.

  • Pragmatisch gesehen:
    • Wärmepumpen haben eine Menge bis lang nicht ausgeschöpftes Potenzial.
    • Derzeit gibt es mindestens 35 Projekte an Offshore-Windenergieanlagen, die nicht im Meeresboden verankert sind, sondern schwimmende Konstruktionen vorsehen. Das macht vorbehaltlich des Ressourcenverbrauches Sinn, um auch in tieferen Gewässern (50m und tiefer) vor Steilküsten – nicht alle Meeresküsten sind so aufgebaut wie die Ostsee – Windenergieanlagen betreiben zu können – und auch der spätere Entsorgungsvorgang ist potenziell leichter zu bewerkstelligen (vgl. Janzing 2020, 8).
  • Mit Zukunftsblick:
    • Wenn man sich das online gestellte, über 6.000-seitige ‚Buch der Synergie‘ von Achmed Khammas anschaut, über das ich unumwunden zugebe, dass es mich im Theoriebereich vollkommen überfordert, das mich aber wiederum hinsichtlich der Akribie, mit der einzelne Energieumformungen bzw. -gewinnungstechniken beschrieben sind, begeistert, dann scheint es so zu sein, als gäbe es derart viele Möglichkeiten, die schier unendliche Energie, die uns letztlich in verschiedenster Form zur Verfügung steht, auszuschöpfen und zu nutzen, dass es geradezu grotesk ist, dass wir Menschen jemals dem Pakt mit dem Teufel ‚Öl‘ eingegangen sind. Hier geht augenscheinlich wesentlich mehr als gemeinhin angenommen.

>> siehe Liste http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/inhalt_c.htm und allgemein http://www.buch-der-synergie.de/ (Abrufdatum jeweils 9.6.2020)


Energieversorgung & Kostenwahrheit

Redet man über verschiedene Arten, Energie zu erzeugen, werden die Bau- und Rückbaukosten sowie sonstige Folgekosten i.d.R. nicht eingerechnet.

Würden diese Kosten eingerechnet werden – und was sollte dagegen sprechen, es geht ja um die Gesamtkosten und den Gesamtenergiebedarf, alles andere macht keinen Sinn – dann würde keine Regierung der Welt auf die Idee kommen, ein AKW auch nur zu planen.

  • Die Baukosten des AKW Stade, 2003 vom Netz gegangen, lagen bei 150 Mio Euro. Bei den Rückbaukosten geht man mit Stand 2017 von 1 Mrd Euro aus (NDR 2017). Die gleiche Zahl wird auch für den bald beginnenden Rückbau von Brunsbüttel genannt (vgl. HA 2019) – insgesamt sind rund 30 AKWs in Deutschland zurückzubauen (vgl. Atom aktuell 2014).

Dadurch, dass diese eine Milliarde Euro Rückbaukosten pro Kraftwerk nicht (bzw. nicht angemessen) in den Strompreis eingerechnet wurde/wird, haben sich also frühere Generationen in einem m.E. unangemessenen Maß auf Kosten der aktuellen/künftigen Generationen bereichert, die die Rückbaukosten tragen.

Von der Kosten und der Sicherung der Endlagerung sowie den Gefahren und mannigfachen Kosten eines möglichen GAUs ist dann noch gar nicht gesprochen worden.


Fazit zum Thema ‚Energie & Zukunft‘

Es kann nicht sein, dass die Umsetzung der Energiewende, an der u.a. die Mobilitätswende hängt und damit insgesamt die Einhaltung des Pariser Abkommens, von einzelnen Bürgerinitiativen und einzelnen Kläger*innen torpediert werden. Menschenrecht schlägt Einzelinteressen.

  • Derweil könnte man – wie Harald Welzer vorschlägt – „fast 13.000 Kilometer deutscher Autobahnen in der nachhaltigen Moderne für die Platzierung von Windrädern genutzt werden, die dann nicht mehr andernorts die Landschaft verspargeln müssten“ (2016, 214)… Manfred Unfried wünscht sich derweil eine „Windmühlen-Allee an der A7 von Flensburg bis Füssen“ (2020, 46).


Jeremy Rifkin weist indessen darauf hin, dass der Staat die neue Energie-Infrastruktur zu „bauen [hat], schnell und entschlossen“ (Heuser 2019, 24).

  • Käme es so, „könnten die fossilen Brennstoffe schon deshalb ihre Bedeutung verlieren. ‚Gas‘, sagt Rifkin trocken, ‚lohnt sich bald nicht mehr‘“.

Für diese Annahme spricht, dass Solarstrom eigentlich günstiger ist, als fossiler Strom je sein kann

Erläuterung

Das ist vollkommen plausibel, wenn man Abbau der erforderlichen Ressourcen, den Auf- und Abbau der Produktionsinfrastruktur sowie die Transportwege für die zu verbrennenden Energieträger in die Kostenrechnung einbezieht. Wenn man die weiteren Umweltkosten einrechnet, wird es geradezu absurd, dass über all das überhaupt eine Diskussion entbrennen (!) kann. Im Spiegel ist zu lesen, dass die Preise für Photovoltaik seit 2010 um mehr als 75% gefallen sind, die „für Windkraft um bis zu 35 Prozent. In weiten Teilen der Welt sind die Erneuerbaren schon jetzt die billigste Energiequelle“ (Evers 2019, 110). „Für die effizientesten Solarparks berechnen die Forscher einen Preis von durchschnittlich 3,71 Cent bis 11,54 Cent pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Elektrizität aus konventionellen Kraftwerken kommt der Studie zufolge auf Herstellungskosten bis zu 21,94 Cent pro Kilowattstunde“ (Witsch 2018). „Technische Fortschritte bei der Photovoltaik hätten zu starken Kostensenkungen geführt, ‚so dass sie unter allen Kraftwerkstypen im Mittel die kostengünstigste Technologie in Deutschland ist‘, begründet das [Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme] ISE die Energiewende-Sensation“ (Sorge 2018).


2018 kam eine von der Technischen Universität Lappeenranta (LUT University) und der Energy Watch Group erarbeitete Studie heraus, die errechnete, dass „100% Erneuerbare Energie in ganz Europa [machbar bis 2050 ist und zudem] kostengünstiger [ist,] als das derzeitige Energiesystem“ (Energywatchgroup 2018).

Im Juni 2020 erwähnt der Carbon Tracker-Analyst Kingsmill Bond, dass „Erneuerbare Energien … inzwischen in 85 Prozent der Märkte billiger [seien] als fossile“ (Pötter 2020, 9).

  • „Überlässt man dagegen alles dem Markt, kommt die Wende zu spät oder wird durch Monopolfirmen ausgebeutet“ (ebd.).


Solarenergie und Windkraft als Spielball politischer Bremsprozesse: Wir haben für so etwas keine Zeit mehr.


>> An dieser Stelle ist möglicherweise das Anschauen der positiven Videobotschaft ‚Imagine the Future‘ der Klimaaktivistin Xiye Bastida eine gute Idee? – siehe: https://youtu.be/GBeU6UZyPjY (Abrufdatum 1.7.2020)


Quellen des Abschnitts Energie und Zukunft


Nächster Abschnitt:

Politik für Enkel*innen: Was ist politisch zu tun?

Wer die Vergangenheit wählt, verspielt die Zukunft.

Inhalt


Natur braucht einen Wert | CO2 braucht einen Preis

Ein wesentliches Grundproblem ist, dass Umweltverschmutzung in dieser Welt, wie sie zurzeit ‚funktioniert‘, keinen mathematisch unmittelbar messbaren Wert hat, sondern aus der Rechnung ausgeklammert wird:

  • Unternehmensgewinne werden eingestrichen – die zur Erzielung dieser Gewinne entstandenen Umwelt- und Klimaschäden werden i.d.R. von der Allgemeinheit getragen, d.h. ‚vergesellschaftet‘.
  • Man spricht hier von einer Externalisierung der Umweltkosten.
  • Das ist eine stillschweigende Subventionierung von umweltschädlichem Wirtschaften/Verhalten.
  • Das bedeutet auch, dass umweltschonendes Wirtschaften/Verhalten finanziell nachteilig wirkt.
    • Übersetzt auf Firmen bedeutet das, dass umweltschonendes Wirtschaften einen Wettbewerbsnachteil darstellt. (Ausgeglichen werden kann dieser jedoch durch Aufwertung des Images, der Marke, der Corporate Identity o.ä.)
    • Für Verbraucher*innen bedeutet das, dass man zurzeit i.d.R. mehr bezahlt, wenn man klimaschonend per Bahn nach Paris reist, als wenn man per Flugzeugdüse rund 0,5t CO₂ pro Person in die Luft schleudert, um dort hin- und zurück zu kommen.
…mehr

Die Zeit bringt das Beispiel eines Paares, dass 40 Euro pro Person für einen Hin- und Rückflug nach Málaga zahlt, derweil das Parkhaus, in dem ihr Auto für zehn Tage untergebracht ist mit 140 Euro zu Buche schlägt: „Manchmal zahlen die beiden auch nur das Parkhaus. Sie haben Vielfliegerkarten, sie besitzen ein Ferienhaus in der Nähe von Málaga“ (Ahr 2018). 

Es folgt:

  • Natur braucht einen Wert. (vgl. Aspekt Inwieweit sich der Wert von Natur in Geld ausdrücken lässt ist hoch umstritten, S. 672f.)
  • Die Externalisierung von Kosten darf nicht länger möglich sein.
  • Wir brauchen ‚wahre Preise‘ oder auch: ‚Kostenwahrheit‘.
…mehr

Eine ‚kostenwahre‘ Welt ist eine nachhaltige Welt. Wahre Preise sorgen dafür, dass umweltschädliche Produkte die teuersten sind. Wenn man sich das mal an Beispielen so richtig klar macht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie heftig der Status quo ist. 

Die Menschheit braucht einen – wirkungsvollen – Preis für Umweltverschmutzung. Spezifisch auf die Klimakrise angewendet, liegt es hier nahe, CO₂ zu bepreisen.

Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dazu:

  • „Wenn wir CO₂-Bepreisung hätten, dann würden die Preise im Supermarkt auch den CO₂-Gehalt reflektieren. Und dann, an der Kasse würden wir weniger bezahlen, wenn wir CO₂-freundlicher eingekauft hätten“ (Nguyen-Kim 2019).


Anders ausgedrückt:

  • „Wir übersetzen gewissermaßen Klimaschädlichkeit in Geld“ (ebd.).


So weit, so gut. Was die mit einem Wert bemessene Natur definitiv nicht gebrauchen kann, ist hingegen diesen Wert in einen weltweiten Handel mit Emissionsrechten zu übersetzen:

In Madrid (COP 25, Dezember 2019) wurde in erster Linie über einen solchen globalen Handel mit CO₂-Emissionsrechten verhandelt. Erfolglos. Zum Glück. Denn auf diese Weise könnten Länder durch (angeblich achtbare) Zertifikate den eigenen Klimaschutz hinauszögern. In der Zeit führt Petra Pinzler dazu aus:

  • „[D]urch einen lax geschriebenen Artikel 6… [könnte es] jede Menge Zertifikate geben, die ihr Geld nicht wert sind – weil die Projekte, durch die angeblich CO₂ eingespart werden sollten, nicht seriös sind.
  • Wenn Brasilien also beispielsweise in der einen Ecke den Urwald abfackelt, anderswo aber Wald anpflanzt – dann könnte es dafür Zertifikate bekommen und die weltweit verkaufen.
  • Deutschland wiederum könnte sie kaufen und damit ein Verbot des Verbrennungsmotors hinauszögern – weil es ja durch die Zertifikate angeblich weniger CO₂ in die Atmosphäre entlässt.
  • Es gab in Madrid noch irrere Ideen: Brasilien hätte gern Zertifikate verkauft, wollte die Einsparungen aber dennoch sich selbst gutschreiben. Diese wären dann also doppelt verbucht worden“ (2019).

Es ist also zu begrüßen, dass hier die EU angesichts eines zu lasch geplanten Art. 6 nicht eingeknickt ist und die Verhandlungen in diesem Punkt lieber vorerst scheitern ließ.

  • CO2-Zertifikate sind im weltweiten Maßstab nicht überprüfbar bzw. nicht zu kontrollieren – es ist gänzlich unrealistisch, auch gerade vor dem Hintergrund der drängenden Zeit.
  • Jedes Land soll ‚vor seiner eigenen Haustür kehren‘ und umgehend seine Hausaufgaben machen.
  • Der globale Handel mit Emissionsrechten würde auch bedeuten, dass Länder/Firmen der Industrienationen versuchen würden, dem Globalen Süden CO2-Zertifikate abzukaufen. Das hilft dem Planeten nicht, dem Globalen Süden nicht und trägt m.E. (neo-)koloniale Züge.

Quellen des Abschnitts Natur braucht einen Wert | CO2 braucht einen Preis


Mit einem CO₂-Preis allein ist es indes bei Weitem nicht getan:



Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem

Überschrift eines 2018er Gastbeitrages des Soziologen Harald Welzer in der Süddeutschen Zeitung:

  • „Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“


Grundlegende Erwägungen:

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer weist angesichts der viel beschworenen Eigenheit des Menschen, immer mehr zu wollen, pointiert darauf hin, dass dies lediglich „Folklore“ sei – er meint wohl ‚unterkomplex‘. Es sei zu einfach, zu denken,

  • „es sei ‚der Mensch‘, der mittlerweile zu einer geologischen Kraft geworden sei und das Erdsystem nachhaltig aus dem Takt bringe“ (Welzer 2018).

    Hieran stört Welzer die Perspektive eines vermeintlich unabänderlichen „kosmischen Verhängnisses“ (ebd.), das keine Verantwortlichen kenne.

    Aber:

    „Es ist erst der global verbreitete wachstumswirtschaftliche Kapitalismus, also eine historisch extrem junge Wirtschaftsform, der die gigantischen Zerstörungswirkungen entfaltet, die systemisch zu werden drohen“ (ebd.).

Auch Naomi Klein vertritt die Auffassung, dass es in erster Linie die aktuelle Ausprägung des Kapitalismus sei, die … jawohl: uns in die Scheiße geritten hat – und nicht der Mensch an sich. Womit der Buchtitel

  • This Changes Everything: Capitalism vs. Climate
  • (Titel des 2015er Grundlagenwerks zur Klimakrise von Naomi Klein)

viel Sinn macht.

>> vgl. dazu im Abschnitt Intro den Hinweis des SZ-Autors Matthias Kolb, dass „etwa die Hälfte des Kohlenstoffdioxids, dass die Menschheit jemals in die Atmosphäre geblasen hat, … in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen [wurde]“ (2019, siehe S. 32), sowie im gleichen Abschnitt befindliche ‚universelle Kurve‘, die auf alle Bereiche unseres Lebens anzuwenden ist (S. 31).


Klimakrise bedeutet mehr als hellgrüne Politik im Sinne einer Energie-, Verkehrs- und Agrarwende plus den Kauf grünangestrichener Produkte.

  • Klimapolitik darf, kann und muss – entgegen der Altmaier‘schen Formel, die das Gegenteil behauptet (vgl. S. 228) – selbstverständlich auch auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätze gehen – wo und in welchen Bereichen es notwendig ist.


Frage: Warum?

Antwort: Nun, weil es sonst irgendwann gar keine Arbeitsplätze und erst recht keinen Wohlstand mehr geben können wird.

  • Machen wir uns klar: Ohne eine konsequente Politik, die Wert auf Zukunftsfähigkeit und zukunftsfähige Arbeitsplätze legt, kommen wir nicht vom Fleck. Nicht vom Fleck kommen bedeutet am Ende genau das, wo wir nicht hinwollen: Keine Arbeitsplätze mehr und keinen Wohlstand.
  • „Was helfen die Jobs, wenn sie der Selbstzerstörung dienen?“ (Kopatz 2019, 41).

>> vgl. dazu Aspekt Sozialverträglichkeit als Nebelkerze, S. 243f.

Franz Alt führt dazu aus:

  • „Seit dreihundert Jahren glauben die Ökonomen, Geld sei die Basis allen Wirtschaftens. Es ist jedoch die Natur, die diesen Namen verdient und die Basis der Ökonomie bildet. Auf einer toten Erde zu wirtschaften macht wenig Sinn und bringt auch keine Jobs“ (2020, 98).
„Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs“ – „There are no jobs on a dead planet“ (Pötter 2020, 1 u. DGB 2017). | unsplash/Markus Spiske

Die taz bzw. der Deutsche Gewerkschaftsbund fassen das nochmals drastisch zusammen:

  • „Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs“ – „There are no jobs on a dead planet“ (Pötter 2020, 1 u. DGB 2017).


Machen wir uns nichts vor: In der anstehenden sozial-ökologischen Transformation wird es noch mehr als in Agenda 2010-Zeiten die Ausnahme sein, dass Bürger*innen jahrzehntelang in der gleichen Branche oder gar am immer gleichen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz arbeiten.

Wichtig ist

  • nicht so sehr der Bestand des branchenbeständigen Dauerarbeitsplatzes als vielmehr, dass es für möglichst viele Menschen angemessene Arbeitsplätze gibt. Daher macht es heute und künftig keinen Sinn mehr, über Arbeitsplatzverluste einer einzelnen Branche zu klagen.
  • die branchenunabhängige Gesamtzahl der Arbeitsplätze (und ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE).

Sind wir mittlerweile nicht fast Alle irgendwie Quereinsteiger*innen? Und lebenslang Lernende?


Lassen wir das ‚Arbeitsplätze-Argument‘ weiterhin so unangefochten zu wie bisher, werden wir die Transformation nicht schaffen. Denn das Argument verhindert absolut den Umbruch. Ohne Perspektive. Jahr um Jahr. Die zeitliche Verzögerungspotenz liegt z.B. für Australien bei hundert Jahren:

  • „Der Überfluss an Rohstoffen, Öl und Gas, Eisenerz und Bauxit, war ein Segen für Australien, aber auch ein Fluch, weil er den Ehrgeiz, andere Industrien zu entwickeln, nicht gerade beförderte. 72 Prozent der australischen Exporteinnahmen kommen aus der Kohle, die Reserven würden wohl noch hundert Jahre reichen“ (Deininger 2020, 3).

    Warten wir also 100 Jahre, bis sich das ‚Arbeitsplatzargument‘ von selbst erledigt?
Anmerkung

Über die klimatischen Bedingungen, unter denen in 99 Jahren die letzte Kohle aus dem Tagebau bzw. Stollen gekratzt würde, möchte ich lieber nicht so genau Bescheid wissen. 

  • Guyanas Regierung wurde Hauke Goos zufolge gerade mit einem „Kolonialvertrag“ (2020) massiv über den Tisch gezogen, als es darum ging, zu welchen Bedingungen ExxonMobile künftig das vor gerade mal fünf Jahren entdeckte 200 Kilometer vor der Küste innerhalb der Hoheitsgewässer befindliche riesige Ölfeld auswerten wird.

    Warten wir also Jahrzehnte, bis sich auch hier das in diesem Fall garantiert nicht guyanische, sondern US-amerikanische ‚Arbeitsplatzargument‘ von selbst erledigt?

Die so begonnene Liste könnte – branchenübergreifend geführt – ein ganzes Buch füllen.

Viel sinnvoller erscheint mir da doch der Fokus auf die Gesamtzahl von Arbeitsplätzen, die Einführung eines BGE und die sozialabgefederte Anwendung der Regel ‚Im Zweifelsfall für den innovativen Arbeitsplatz‘ zu sein.

  • Wenn die Sicherung der Arbeitsplätze von gestern die Zukunft der Kinder und die innovativen Arbeitsplätze von morgen gefährden, dann haben diese durch Weiterbildungen, Umschulungen, Angebot eines Zweitstudiums, Sozialmaßnahmen und Frühverrentung um- bzw. abgebaut zu werden.


Richard David Precht weist in einem Interview mit dem Spiegel im August 2020 darauf hin, dass gerade das Arbeitsplätzeargument ein Argument für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ist:

„Das Kernproblem ist, dass sich die Politik nicht viel traut, denn sie könnte Arbeitslose produzieren, ob beim Klimawandel oder der Digitalisierung. Das macht Politik erpressbar. Die beste Möglichkeit, aus dieser Falle herauszukommen, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen.“


Die Klimakrise macht in allen Lebensbereichen tiefgehende Veränderungen unabdingbar: Erforderlich ist eine Orientierung an einem noch auszuhandelnden ‚menschlichen Maß‘. Zu Entwickeln ist eine ‚Kultur des Genug‘.

>> vgl. Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.
>> vgl. Folkers, Manfred und Paech, Niko (2020): All you need is less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht. oekom.


Precht ergänzt:

  • „Woher soll die ungeheure Menge an Energie kommen, die die Server der digitalen Zukunft verbrauchen? Unser ganzes Lebensmodell bedarf einer Inventur. Gefordert ist nicht weniger als ein neuer Gesellschaftsvertrag“ (2018, 46; s.a. Kalkulation zum Thema Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. Bis auf weiteres: Eine Illusion., S. 265ff.).


Das Intro des ‚Handbuch Klimakrise‘ mit dem Punkt Ein ‚Weiter so‘ führt ins ‚Aus‘. ‚Business as usual = Death‘ wieder aufnehmend:

Wir alle, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen, werden uns und unser Verhalten stark zu ändern haben – Bernd Ulrich hält dazu in der Zeit treffend fest:

„Wenn es einen Weg gäbe, die Klimawende auch ohne grundlegende Veränderungen bei Produktion, Konsum und Mobilität zu bewerkstelligen, dann hätte die GroKo ihn sicher schon gefunden.“ (Ulrich 2019)

>> siehe dazu Aspekt Was ist politisch zu tun, S. 436, in Abschnitt Politik für Enkel*innen, S. 372.


Im Übrigen ist es angebracht einen Unterschied zwischen Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft zu machen.


Es braucht immer ein*n Mutige*n, die/der die Wahrheit ausspricht – das bin jetzt mal zur Abwechslung ich selber. Für Deutschland auf den Punkt gebracht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

>> siehe dazu Abschnitt Was kann ich tun, S. 163 und dort Aspekt Unhaltbarer Lebensstil in Deutschland, S. 164.


Und genau das ist die Botschaft, die von einer/m (nicht grünen/linken) führenden Politiker*in den deutschen Bürger*innen mitgeteilt zu werden hat
– bislang hat sich keine*r getraut.

  • Mit diesem eingeschenkten ‚reinen Wein‘ wäre endlich die Voraussetzung für eine politisch probate Diskussion und Durchsetzung von Notwendigkeiten zu Veränderungen in allen Lebensbereichen gegeben: Dann hätte man eine fundierte Basis, auf der man miteinander reden kann – und sicher auch mehr Verständnis/Einsicht/Interesse für Veränderungen.
  • Zurzeit gibt es (noch) eine stillschweigende Abmachung/Komplizenschaft zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und den meisten Politiker*innen, eine gemeinsame Vogel-Strauß-Kopf-in-den-Sand-Taktik: Wir sitzen das Ding aus, machen Symbolpolitik – und ansonsten machen wir einfach weiter wie bisher.
  • Es bleibt am Ende die Frage, inwieweit deutsche Politiker*innen der älteren Semester rechts der (Dunkel-)Grünen die Dimension und Dringlichkeit der Klimakrise begreifen (wollen).

Und:

  • Mit ‚weniger Konsumieren, weniger Reisen, weniger Fleisch‘ ist es nicht getan. Unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem ‚funktioniert‘ nur dann, wenn wir ein HöherSchnellerWeiter-Leben im Überfluss führen, d.h. mehr konsumieren als notwendig, also: Überflüssiges kaufen, das nach zwei Wochen in der Ecke steht. Und weil das in diesem System notwendig ist, lobt der Staat auch umgehend ‚Abwrackprämien‘ u.ä. aus, um die Nachfrage künstlich hochzuhalten – und Menschen kaufen dann Autos, die sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht benötigen.

Wenn also unsere Wirtschaft nur ‚brummt‘, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser derzeitiges Wirtschaftssystem hin zu einem künftig weniger wachstumsorientierten Modell umzubauen haben.

Auch hierüber erfahren wir nichts von deutschen Politiker*innen. Wenn diese – insbesondere die Vertreter*innen der Union – hervorheben, es liege an den Bürger*innen selbst im Interesse des Klimaschutzes Vernunft walten zu lassen und weniger zu konsumieren, dann ist das schlicht eine Lüge, weil genau diese geforderte ‚Vernunft‘ im derzeitigen wachstumsorientierten Turbokapitalismus in die Rezession führen würde. Dieses Dilemma muss schnellstmöglich aufgelöst werden.


Jeff Daniels bzw. Will McAvoy hält dazu in The Newsroom fest:

„Der erste Schritt, ein Problem zu lösen, ist, zu erkennen, dass es eins gibt.“

Übersetzt auf die Klimakrise bedeutet das:

  • Ein erster Schritt, die Klimakrise zu lösen, ist, zu erkennen und gegenüber den Bürger*innen zu benennen, dass das Dilemma ‚Vernunft = weniger Konsum = Rezession | mehr Konsum = Klimakollaps‘ nur durch einen grundlegenden Umbau des derzeitigen Wirtschaftsmodells hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu lösen ist.

>> Hier kommt mein Ansatz ‚LebeLieberLangsam‘ ins Spiel: https://lebelieberlangsam.de/


Im 2018er Wir sind dran-Bericht vom Club of Rome ist dazu festgehalten:

  • „Dana Meadows lehrte uns: ‚Menschen brauchen keine riesigen Autos; sie brauchen Respekt. Sie brauchen keine überfüllten Kleiderschränke. Sie müssen sich attraktiv fühlen und sie brauchen Vielfalt, Schönheit, etwas Spannung. Menschen brauchen Identität, Gemeinschaft, Herausforderungen, Anerkennung, Liebe, Freude. Dies alles mit materiellen Dingen zu erfüllen, führt zu unstillbarem Appetit auf falsche Lösungen für echte Probleme. Die psychische Leere ist eine der Triebkräfte für den Wunsch nach materiellem Wachstum. Eine Gesellschaft, die ihre immateriellen Bedürfnisse artikuliert, sucht und findet auch immaterielle Wege, diese zu befriedigen. Sie benötigt dann viel weniger Rohstoffe und Energie, böte dafür aber höhere menschliche Erfüllung’“ (Meadows et al. 1992).

>> vgl. Ausführungen zum Aspekt Menschen sind soziale Wesen – und wollen vor allem eines: Sinnstiftung und Anerkennung, S. 386 in Abschnitt Glaubenssatz ‚Der Mensch ist im Grunde schlecht‘, S. 380.


Maja Göpel bringt es auf die Formel:

  • „Fragen wir doch ruhig mal andersherum: Was zum Beispiel brauchen wir denn unbedingt, wenn wir gut versorgt sein wollen?“ (2020, 127)

Quellen des Abschnitts Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem



Erforderlich ist ein komplette, gedankliche

Grundlegende Neuausrichtung von Politik und Gesellschaft

Man kann die Dinge aus einer anderen, proaktiven Perspektive denken:

Was soll sich in Deutschland lohnen: Was soll belohnt und gefördert werden? Und was nicht?

  • Gesundheit – oder: Krankheit
  • Ein gutes Leben für Alle – oder: ein luxuriöses Leben für Wenige
  • Ein Leben basierend auf den Menschenrechten – oder: ein Leben, das im Grunde genommen auf faktischer Sklaverei, Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen basiert
  • Kooperation – oder: Konkurrenz
  • Pflege – oder: Aktienbesitz
  • ÖPNV – oder: privater Pkw
  • Schiene – oder: Lkw/Autobahn
  • Parkplätze – oder: Plätze und Parks
  • Liebe – oder: Geld/Leistung/Macht
  • Hygge1 – oder: Hybris
  • Regionales – oder: globales Obst/Gemüse (von Sorten, die auch hier wachsen)
  • Dinge, die lange halten – oder: Produkte mit implementierter Obsolenz
  • erneuerbare – oder: fossile Energien
  • CO₂-vermeidendes Leben – oder: CO₂-Prasserei
  • Parität – oder: Männer (Parität = Frauen sind gleichwertig an relevanten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen beteiligt, siehe Abschnitt Klima, Ökofeminismus und Parität, S. 423).
  • Lebendige Städte u.a. mit guter Luft – oder: privater Pendler*innenverkehr (MIV)
  • Strukturierte Städte – oder: zersiedeltes Land
  • Umwelt – oder: Untergang
  • Langfristiges – oder: Kurzsichtiges
  • bodenbewahrende Agrarkultur – oder: konventionelle bodenvernichtende Landwirtschaft
  • Sauberes Trinkwasser – oder: Tierställe

>> Wenn man sich die Liste anschaut: Nichts ist, wie es sein sollte.


>> Aber: Die bessere Alternative ist nicht undenkbar, sondern vorhanden und: machbar.


Es geht hier um eine Grundsatzentscheidung, die dann ordnungspolitisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet werden kann. So wie es zurzeit in die falsche Richtung ordnungs-politisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet wird.

Details: Erläuterungen zu (1) 'Hygge'

1 Hygge meint den Zustand des bewussten, runterfahrenden, wertschätzenden Miteinander-Abhängens z.B. bei Kerzenschein und Tee, des Palaverns mit Freunden, ohne zu tief in konfliktreiche (z.B. politische) Themen einzusteigen – und beschreibt letztlich das Streben nach freier Zeit (Freizeit) und Zeit-Erleben (allein oder mit Vertrauten) ohne großen materiellen oder organisatorischen Aufwand; s.a. Portal LebeLieberLangsam Beitrag Hybris vs. Hygge / Hygge contra Hybris unter https://blog.lebelieberlangsam.de/hybris-vs-hygge-hygge-contra-hybris  


Postfossile Gesellschaft und das Machtgefüge der Welt

In einer postfossilen Welt werden i.d.R. keine Kriege um Öl geführt. Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft wird das globale Machtgefüge massiv verändern. Um zu illustrieren, wie viel Macht und umgekehrt Abhängigkeit das fossile Zeitalter – aber auch Krieg – mit sich gebracht hat, sei auf folgenden Aspekt hingewiesen:

  • „Konservativ geschätzt hat die USA zwischen 1999 bis 2003 allein für die Aufrechterhaltung ihrer militärischen Präsenz in der Golfregion 600 Milliarden Dollar aufgewendet“ (Rammler 2017, 53-54).

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 53-54, siehe hier auch zur engen „Verbindung zwischen unseren treibstoffsüchtigen Automobilflotten und Militärapparaten und der jahrzehntelangen Destabilisierung des Morgenlandes durch neoimperiale Ressourcensicherungspolitik der westlichen Industrieländer“ (S. 48ff.).


Für 600 Mrd Dollar kann man eine Menge Windräder bauen und Solarzellen installieren.


Das bedeutet zweierlei:

  • Die Welt hat die Chance, ohne diese Öl-Abhängigkeiten friedlicher zu werden.
  • Wenn jemand sagt, die Finanzierung des ökologischen Umbaus sei zu teuer – dann ist auf Basis obigen Zitats klar, dass diese Gelder zweifelsfrei vorhanden sind und wo die benötigten Mittel herkommen können. Sinnvolle Kriege gibt es nicht. In einer untergehenden Welt machen sie noch weniger als keinen Sinn.


>> siehe Aspekt Bundeswehr & Rüstung in ökologischer Perspektive, S. 81.
>> s.a. Aspekt U.S. military greenhouse gas emissions, S. 89 im Abschnitt Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen, S. 83.


Fazit des einleitenden Abschnitts Was ist politisch zu tun?

Diese Frage überblicksartig beantwortend wurde darauf hingewiesen, dass

  • es der Internalisierung der bisher externalisierten Kosten u.a. in Form eines CO2-Preises bedarf, damit es sich nicht länger lohnt, die Umwelt und das Klima zu zerstören. Es bedarf der Kostenwahrheit.
  • wir unser Wirtschaftssystem zu verändern haben, weil wir vom Überfluss fortkommen müssen, aber im derzeitigen Wirtschaftsmodell nur Überfluss eine Rezession verhindert.
  • das bisherige Arbeitsplatz-Argument aufzugeben ist zugunsten der Regel „Im Zweifelsfall für den innovativen Arbeitsplatz“.
  • eine Grundsatzentscheidung ansteht darüber, was sich künftig lohnen soll in unserer Gesell- schaft – und was nicht.
  • die Welt eine Chance hat, ohne die alten Öl-Abhängigkeiten friedlicher zu werden.

Kommen wir zu konkreten politischen Zielen, die zeitnah umzusetzen sind, damit wir die Chance haben, überhaupt über eine künftige Zivilgesellschaft nachzudenken:



Konkrete politische Ziele

Fridays for Futures Forderungen vom April 2019 entsprechen den Vereinbarungen des 2015er Pariser Abkommens (korrekt: „Übereinkommen von Paris“ vom 12. Dezember 2015) – das bedeutet, dass Fridays for Future (FFF) lediglich das einfordern, was Deutschland ohnehin beschlossen hat – und damit, dass sich FFF ausschließlich auf Ziele berufen, zu denen sich Deutschland verpflichtet hat.
Daher mutet es grotesk und mehr als verlogen an, wenn nun seit spätestens Anfang 2019 die Politik-Hühner im Hühnerstall erschrocken aufflattern und FFF-Forderungen als überzogen/unrealistisch/ utopisch bezeichnen.

…mehr

So betont auch der Spiegel, dass Thunberg für nichts Radikales einträte und bezeichnet ihre Forderungen im Gegenteil als „fast bieder“ (Gorris et al. 2019, 59). 

Letztlich sind die Forderungen von FFF lediglich ein undezenter Reminder an die Regierung Merkel.


In Luisa Neubauers Worten:

  • „Was wir [als Fridays for Future] machen ist: Wir setzen uns dafür ein, dass die Bundesregierung selbst gesteckte Ziele einhält. Schon das ist absurd, dass wir dafür auf die Straße gehen müssen – das sollte selbstverständlich sein“ (Stern 2019).

Und:

  • „Wir sind in unserem Kern null radikal. Wir möchten, dass Politiker sich an eine unterzeichnete Vereinbarung halten. Das ist sehr unradikal“ (Kittlitz 2020).

FFF und Greta Thunberg sagen nichts weiter als: Hört auf die Wissenschaftler*innen und den Weltklimarat.


Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles im April 2019 einfordern:

  • Nettonull 2035 erreichen = Klimaneutralität bis 20351
  • Kohleausstieg bis 2030
  • 100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035
  • (sog. ‚Dekarbonisierung‘)
  • Subventionen-Stopp für fossile Energieträger bis Ende 2019
  • Abschaltung von 1/4 aller Kohlekraftwerke bis Ende 2019
  • Einführung einer CO₂-Steuer auf alle Treibhausgas-Emissionen. Zügige Preisentwicklung hin zu 180 Euro pro Tonne CO₂ – in Übereinstimmung mit den Vorstellungen des Umweltbundesamtes (nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium) (vgl. FFF 2019 u. Spiegel 2019a).
Details: Erläuterungen zu (1)

vgl. Aspekt Nationales CO₂-Budget (Deutschland), S. 64. Diese 15 Jahre – der Zeitpunkt ab dem unsere Wirtschaft und auch alle übrigen Lebensbereiche dekarbonisiert zu sein hat, also sich unser Leben um 180° gedreht haben muss – können nur Menschen, die ausschließlich in Quartalszielen denken, lang vorkommen. 

Diese Ziele sind wünschenswert und ihre Umsetzung würde selbstredend einen großen Schritt nach vorn bedeuten.

Doch: Neben diesen auf eine Energiewende zielenden Forderungen und Zielen ist zweifellos auch in anderen Bereichen – eine tiefgehende Umgestaltung unseres Lebensstiles erforderlich.

  • Eine grundlegende Mobilitätswende, die nicht nur auf einen Austausch des Antriebssystems von Pkw setzt, ist erforderlich. Eine reelle Verkehrswende schließt die Umstellung von Privatbesitz-Pkw-Individualverkehr (MIV) auf multimodale Sharing-Verkehrssysteme unter Betonung von Schiene, Zweirad und ÖPNV mit ein >> siehe Abschnitt Verkehr & Mobilität: Eine Klima-notwendige Verkehrswende, S. 294ff.
    • Die Analyse des Handbuches Klimakrise ergibt, dass das Ende des Luftfahrt-Massentourismus, wie wir ihn kennen, erforderlich ist
      >> siehe Abschnitt Klimakiller Flugverkehr, S. 252ff. und hier insbesondere Aspekt Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. Bis auf weiteres: Eine Illusion., S. 265ff.
    • Kreuzfahrten sind – so sie Zubringerflüge beinhalten – der ‚ökologische Doppelschlag‘
      >> siehe Abschnitt Der ökologische Doppelschlag: Kreuzfahrten, S. 288ff.

  • Eine grundlegende Agrarwende beinhaltet die Prioritätensetzung auf Bodenerhaltung, Humus-Aufbau, Bewahrung der Biodiversität und Qualitätswahrung des Trinkwassers.
    Daraus ist zu folgern, dass
    • nur Bio die Welt dauerhaft ernähren kann, allein schon deshalb, weil wir sonst bald keine Böden mehr haben, auf denen etwas wächst
      >> siehe Abschnitt Ernährung der Weltbevölkerung, S. 620f. – und
    • die konventionell-industrielle Landwirtschaft und die CO2-emittierende konventionelle Massentierhaltung tiefgreifend umgewandelt zu werden haben zu Gunsten der bodenbewahrenden Agrarkultur
      >> siehe Abschnitte Fleisch & Treibhausgase, S. 549ff. und Landwirtschaft, S. 567ff.

  • Eine umfassende, sämtliche Lebensbereiche umwälzende sozial-ökologische Transformation (SÖT) unter Einschluss der Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – vergleichbar in ihrem Ausmaß „mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit“1 (Schnabel 2018, 22)
    >> siehe Abschnitt Ideen für eine nachhaltige Zukunft, S. 484ff, Aspekt neuer Generationenvertrag, S. 485f. sowie Abschnitt Zusammenfassung, Aspekt SÖT, S. 680.
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Precht hebt hier zusätzlich den Aspekt der vierten industriellen Revolution (Digitalisierung) hervor und merkt an: „Noch nie in der Geschichte hat eine gewaltige technisch-ökonomische Revolution nicht zu einer großen Veränderung und Neuerfindung der Gesellschaft geführt (2018, 107, Hervorhebung Precht). Auch Precht bedient sich bei der Dimensionierung des Ausmaßes der Transformation des Vergleiches ‚Mittelalter – Übergang in die Neuzeit‘, vgl. 2018, 11. 


Noch einmal zurück zu FFF. Die Umsetzung der zuvor o.a. FFF-Ziele würde auf jeden Fall einen großen Schritt nach vorn bedeuten – aber:

  • Sie, die Ziele von FFF kratzen indes nicht am neoliberalen Wachstumsdogma, Finanzialismus, Extraktivismus (=übermäßige Ressourcenausbeutung) und auch nicht am globalen Turbo-Kapitalismus inkl. dem Neo-Kolonialismus dieser Tage.

Dieses Handbuch Klimakrise verdeutlicht mindestens, dass die Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern, keine radikalen Maximalanforderungen für die Bewältigung der Klimakrise, sondern vielmehr die allerunterste Kante der tatsächlich notwendigen Maßnahmen darstellen.

Warum das so ist?
Nun, dazu ist herauszustellen, wo wir nach Unterzeichnung und dem derzeitigen Stand der Umsetzung des Pariser Abkommens stehen:

  • Zurzeit befindet sich die Menschheit tatsächlich auf einem ‚drei bis vier Grad Celsius-Pfad‘ bis 2100 (vgl. Spiegel 2019b, Spiegel 2019c, Spiegel 2019e).

    Der neueste Unep-Bericht der UNO vom November 2019 wird im Spiegel wie folgt analysiert:
    • „Wenn die Weltbevölkerung so weiterlebe wie aktuell, droht die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 3,9 Grad statt wie angestrebt um nur 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu steigen. Selbst wenn alle Staaten ihre derzeit zugesagten Beiträge zum Klimaschutz auch wirklich erbringen, werden demnach 2030 noch immer 32 Gigatonnen CO₂ zu viel ausgestoßen, um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können“ (Spiegel 2019e).
    • Originaltext des Unep-Berichts:
      „Assuming that climate action continues consistently throughout the twenty-first century, a continuation of current policies would lead to a global mean temperature rise of 3.5 °C by 2100 (range of 3.4–3.9 °C, 66 per cent probability). This corresponds roughly to a tripling of the current level of warming as assessed by the IPCC (2018)“ (Unep 2019).

Mit anderen Worten: Wir haben da derzeit ein überaus umfassendes CO₂-Gap, das dringend vermieden bzw. abgebaut werden muss.

Graeme Maxton weist ebenfalls explizit darauf hin, dass ‚Paris‘ nur ein Anfang sein kann:

  • „Auch das Pariser Abkommen wird eine Klimakatastrophe nicht abwenden, nicht einmal dann, wenn sich jedes Land an seine zugesagten Emissionengrenzen halten würde. Die globale Durchschnittstemperatur würde bis zum Ende des Jahrhunderts dennoch um 3 °C steigen“ (2018, 38).

In diesem Sinne fordern im November 2019

  • „mehr als 11.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 153 Ländern … mehr Klimaschutz. Im Fachjournal BioScience (Ripple et al., 2019) konstatieren sie, ohne grundlegendes Umsteuern sei ‚unsägliches menschliches Leid‘ nicht mehr zu verhindern. Fast drei Viertel der 184 Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen, die Länder im Rahmen des Pariser Abkommens eingereicht haben, sind demnach nicht ehrgeizig genug. ‚Aus den vorliegenden Daten [und ohne weitere, ehrgeizige Zusagen] wird klar, dass ein Klima-Notfall auf uns zukommt‘“ (Zeit 2019).


Im Spiegel ist dazu zu lesen:

  • „Gemessen am Ziel, den Ausstoß von klimaschädlichen Substanzen bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, seien nur die 28 EU-Staaten und sieben weitere Länder auf Kurs… Die Forscher fordern … Veränderungen vor allem in sechs Bereichen…[, darunter auch eine] nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft…“ (2019d).

Wie heftig die Staaten derzeit die Ziele von Paris verfehlen wird auch daran deutlich, dass laut dem Think Tank Carbon Tracker nicht einmal im Jahr 2020, „diesem historischen [Covid-19-]Krisenjahr [mit einer voraussichtlichen bundesdeutschen BIP-Schrumpfung von 6,3 Prozent] …, der weltweit CO2-Ausstoß NICHT so schnell [sinkt], wie es nach dem Pariser Klimazielen notwendig wäre“ (taz 2020, 8, Hervorhebung taz).

Wenn die jährlichen Klimakonferenzen weitgehend wirkungslos bleiben, eine allgemein zu große Passivität herrscht, wenn also ‚Paris‘ zu spät kommt, das hier beschlossene nicht ausreicht und nicht mal das nicht ausreichende umgesetzt wird, dann ist es verständlich, dass

  • „afrikanische Delegierte auf den UN-Klimakonferenzen … von ‚Genozid‘ [sprechen], wenn sie das kollektive Versagen beim Thema Emissionssenkungen beschreiben.
  • Und aus diesem Grund sagte Mary Ann Lucille Süring, Chefin der philippinischen Climate Change Kommission, auf dem Gipfel von 2013 in Warschau:
  • ‚Ich habe allmählich das Gefühl, dass wir darüber verhandeln, wer leben und wer sterben soll‘“ (Klein 2015, 336).

Dass wir nach Unterzeichnung und dem derzeitigen Stand der Umsetzung des Pariser Abkommens noch nicht ausreichend vorankommen, verdeutlichen auch der sog.


Earth Overshoot Day und die Planetaren Grenzen

Definition ‚Earth Overshoot Day

Als ‚Erdüberlastungstag‘ wird das Datum eines Jahres bezeichnet, an dem die Menschheit die planetaren Grenzen überschreitet, d.h. den Zeitpunkt, an dem wir uns mehr nehmen, als uns im Interesse unserer nachfolgenden Generationen zusteht; der Tag, ab dem wir die Ressourcen übernutzen.


„Jede*r Gärtner*in weiß, dass man nicht mehr einbringen kann, als auch wächst“ (Göpel 2020, 28).


Definition ‚planetare Grenzen‘/‚planetare Belastungsgrenzen‘

Das Konzept diesen Namens stammt aus dem „Jahre 2009 von einer Gruppe von 28 renommierten Wissenschaftlern unter der Leitung von Johan Rockström und Will Steffen“ (Weizsäcker et al. 2019, 44) und wurde 2015 überarbeitet bzw. aktualisiert. Es zeigt in einem Kuchendiagram die neun planetaren Grenzen, die als „planetarische Lebenserhaltungssysteme“ (ebd.) definiert werden:

Stratosphärischer Ozonabbau | Verlust der Biodiversität und Artensterben | Chemische Verschmutzung und Freisetzung neuartiger Verbindungen | Klimawandel | Ozeanversauerung | Landnutzung | Süßwasserverbrauch und der globale hydrologische Kreislauf | Stickstoff und Phosphor fließen in die Biosphäre und Ozeane | Atmosphärische Aerosolbelastung (ebd., 44-45).

  • Grün markiert sind einzig der Abbau der Ozonschicht, die Versauerung der Meere und der Süßwasserverbauch, die also derzeit sicher unterhalb der Belastungsgrenze liegen.
  • Grau unterlegt sind die Verschmutzung durch Chemikalien, funktionale Vielfalt der Biosphäre, Luftverschmutzung, was bedeutet, dass die Belastungsgrenzen noch nicht quantifiziert ist – also der Zustand unklar ist.
  • Gelb markiert, d.h. innerhalb des Unsicherheitsbereiches mit einem zunehmenden Risiko sind Klimawandel und Landnutzungsänderungen.
  • Rot markiert ist der Phosphorkreislauf, der damit jenseits des Unsicherheitsbereichs ist und ein Hochrisiko darstellt.
  • Rot markiert, aber darüber hinaus über die äußeren Grenzen des Diagramms hinausreichend, sind sowohl die genetische Vielfalt als auch der Stickstoffkreislauf graphisch dargestellt (Beschreibung folgt ebd., 45).

>> vgl. https://www.bmu.de/themen/nachhaltigkeit-internationales-digitalisierung/nachhaltige-entwicklung/integriertes-umweltprogramm-2030/planetare-belastbarkeitsgrenzen/ (Abrufdatum 16.6.2020)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Donut_%C3%96konomie_-_deutsch.png
Kate Raworth ‚Donut-Modell‘, visualisiert per:
CC SA 4.0 by Apfelsamen

2012 ergänzte die Oxam-Mitarbeiterin und Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth das Modell um einen Innenraum bzw. inneren Kreis, der aus dem zuvor nur nach außen gerichteten Kreis-Diagramm visuell gesehen einen Donut machte, sodass tatsächlich vom ‚Donut-Modell‘ die Rede ist:

Die nach innen gerichteten Balken des so ergänzten Modells bilden zusätzlich zu dem Zustand der o.g. planetaren Obergrenzen die sozialen Untergrenzen an, d.h. den Grad an Mangel der sozialen bzw. gesellschaftlichen Grundlagen ab, konkret die Parameter Nahrung, Gesundheit, Bildung, Einkommen und Arbeit, Frieden und Gerechtigkeit, Politische Teilhabe, Soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung, Wohnen, Netzwerke, Energie und Wasser.

>> vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Planetare_Grenzen#Das_Donut-Modell (Abrufdatum 6.7.2020)

>> s.a. The Amsterdam City Doughnut – A Tool for Transformative Action https://www.kateraworth.com/wp/wp-content/uploads/2020/04/20200416-AMS-portrait-EN-Spread-web-420x210mm.pdf (Abrufdatum 28.8.2020)



Zurück zum…

Earth Overshoot Day

Der vom Global Footprint Network berechnete sog. Earth Overshoot Day, welcher 2020 übrigens auch schon 50 Jahre alt wird, zeigt die atemberaubende Dringlichkeit des Handelns:

Wir haben nur eine Erde. Wir leben auf ihr, als gäbe es einen Planeten B, C, D etc.


1971 war es erstmals soweit: Am 21. Dezember begannen die Menschen mehr Ressourcen zu verbrauchen, als ihnen für das Jahr zur Verfügung stand (vgl. Greenpeace 2018).

„Die Wahrheit lautet, wenn wir in sinnvollen ökologischen Grenzen leben wollen, müssten wir zu einem Lebensstil zurückkehren, wie wir ihn in den 1970er Jahren hatten.“ (Klein 2015, 117)

Ja, warum eigentlich nicht? Auf dem technologischen Niveau und mit der gesellschaftlichen Offenheit von heute – mit der relativen Ruhe von 1975.

Ich kann daran absolut nichts Abstoßendes erkennen. Und erst recht nicht, wenn ich an die Alternative denke. Aber Vorsicht: Diese Option hat ein Verfallsdatum, und dieses ist zeitlich nicht mehr weit entfernt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fe/Earth_Overshoot_Day_1969-2018.jpg
CC SA 4.0 by Footprint123

Earth Overshoot Day 2019 = 29. Juli. Wir nutzen die Ressourcen, als gäbe es 13/4 Erden.

>> Covid-19 sorgt dafür, dass der Overshoot Day 2020 drei Wochen später liegt als erwartet, d.h. am 22.8. (vgl. Röseler 2020, 9).

Das bedeutet, dass eigentlich an diesem Datum sämtliche Lichter ausgehen müssten für den Rest des Jahres.

Das Global Footprint Network schreibt dazu:

  • „Der Earth Overshoot Day (oder Erdüberlastungstag) markiert das Datum, an dem der jährliche Bedarf der Menschheit an Natur das übersteigt, was die Ökosysteme der Erde im ganzen Jahr regenerieren können. Der Earth Overshoot Day hat sich in den letzten 20 Jahren um zwei Monate vorgeschoben. Der 29. Juli ist der frühste Earth Overshoot Day in der Menschheitsgeschichte. Zum ersten Mal hat die Welt in den frühen 1970er Jahren die globale Grenze überschritten. Mittlerweile nutzt die Menschheit die Natur derzeit 1,75-mal schneller, als sich Ökosysteme regenerieren können. Damit können wir auch sagen, dass die Menschheit von 1,75 Erden lebt. Diese Übernutzung, oder Raubbau, ist möglich, weil wir das natürliche Kapital unseres Planeten liquidieren (und entsprechend Reserven abbauen) können und damit seine zukünftige Regenerationsfähigkeit untergraben“ (GFN 2019).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2018-Country-Overshoot-Days.jpg
CC SA 4.0 by Footprint123

Daneben sind solche Angaben auch auf einzelne Nationen herunterbrechbar:

Der deutsche Erdüberlastungstag lag 2019 auf dem 3. Mai.

  • Die Deutschen leben so, als gäbe es drei Erden.
  • Würden alle Menschen so leben wie wir, dann müsste es drei Erden geben.
  • „Die Menschen hierzulande leben ab dem 3. Mai daher auf Kosten kommender Generationen und der Menschen im Globalen Süden, die deutlich weniger verbrauchen, aber stärker von den ökologischen Folgen betroffen sind“ (Germanwatch 2019).
  • „An jedem Tag, der danach[, d.h. ab dem Earth Overshoot Day] kommt, nehmen wir bei der Natur einen Kredit auf, den wir nicht zurückzahlen, und haben im nächsten Jahr noch weniger Umwelt zur Verfügung als je zuvor… [Und:] Der Exportweltmeister importiert im großen Stil Natur und Ressourcen aus anderen Ländern“ (Göpel 2020, 28).

USA = 5 Erden | Großbritannien = 2,7 | Frankreich = 2,7 | China = 2,2 (vgl. ebd.)


„Mit jeder Grenze, die man Amazon-Kunden, SUV-Fahrern oder Fast-Food-Junkies jetzt nicht aufzeigt, wird die Zeit bis zur Sintflut kürzer.“
Jan Freitag in der Zeit, 2018


Daneben gibt es als Maß unseres Handelns noch die Doomsday Clock, den älteren unter den Leser*innen vielleicht noch als ‚Atomkriegsuhr‘ bekannt. Diese Uhr spielt mit dem Bild, dass es ‚Fünf vor 12‘ sei.

  • „1947 wurde sie mit der Zeigerstellung sieben Minuten vor zwölf gestartet und seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- oder zurückgestellt. Seit dem 25. Januar 2018 stand sie auf zwei Minuten vor zwölf. Am 24. Januar 2020 teilte das Bulletin of the Atomic Scientists mit, die Uhr auf 100 Sekunden vor Mitternacht umgestellt zu haben“ (wikipedia 2020, Hervorhebungen wikipedia).

So stand diese Uhr 1953 auf 2 Minuten vor 12, als sowohl die USA als auch die Sowjetunion erstmals innerhalb weniger Monate jeweils Wasserstoffbombentests unternahmen; zur Zeit des Kalten Krieges war dies hinsichtlich der Atomkriegsuhr ein einmaliger Rekord. Seit den 2000er Jahren rückt die Zeit immer näher an die 12 – aber erst 2019 erreichte sie nach 1953 erneut wieder die 2 Minuten. Bislang hatte man den Zeiger jahrzehntelang nur ganze Sekunden vor- und zurückschreiten lassen; sie auf 100 Sekunden vorzustellen besitzt daher schon eine gewisse Symbolkraft (vgl. wikipedia 2020 u. Spiegel 2020).


Quellen des Abschnitts Konkrete politische Ziele



Klimakrise als Chance

Die Zwillingskrise ‚Klima/Artensterben‘ kann auch als Chance betrachtet werden: Anders zu leben. Weltweit. Ohne Sweatshops, ohne faktische Sklaven: Mit einem besseren Leben für Alle. Wir brauchen diesen übersteigerten neoliberalen Finanzialismus-Turbokapitalismus nicht. Wir können auch anders.

Wir müssen auch anders: Die Krise – die drohende Katastrophe – macht ein umfangreiches Umschwenken der Menschheit erforderlich. Und das bietet die Chance, grundlegende Aspekte unseres globalen Zusammenlebens zu verändern, z.B. bezogen auf

  • unser Wirtschaftsmodell
  • unsere Art zu arbeiten und zu leben und
  • unser weltweites Finanz- und Bankensystem.

Diesen drei Aspekten ist dieser Abschnitt gewidmet.


Klimakrise als Chance: Unser Wirtschaftsmodell verändern

Zunächst haben wir als Realität anzuerkennen, dass wir nicht länger in einer ‚leeren Welt‘ leben – auf deren Basis immer noch sehr viele Menschen argumentieren –, sondern in einer ‚vollen Welt‘ mit definierten planetaren Grenzen (vgl. Göpel 2020a, 29-30 u. Weizsäcker/Wijkman 2019, 110f.).

Für Konzepte für weitergehende Maßnahmen Deutschlands und der EU betreffend die grundlegenden Aspekte unseres Zusammenlebens bedarf es glücklicherweise bzw. bezeichnenderweise zunächst keinerlei Forschung. Beispielsweise könnten die wissenschaftlichen Beiräte der Bundesregierung wie z.B. der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und der Sachverständigenrat für Umweltfragen und sowie das Umweltbundesamt problemfrei und easy aus der Hüfte geschossen innerhalb von zwei, drei Wochen alle benötigten Informationen aus ihren bisher von der Bundesregierung weitgehend ignorierten Datensätzen zusammentragen und präsentieren: Das ganze Wissen ist bereits vorhanden, die Konzepte sind da – um ausprobiert zu werden.


Darüber hinaus gibt es weltweit eine ganze Menge Menschen, Gruppen und Institutionen mit Ideen und Konzepten, wie wir die künftige Wirtschaft lokal, regional, national und global gestalten können. Diese per Trial & Error umzusetzenden Ideen1 verbergen sich hinter Begriffen wie PostwachstumsökonomieGemeinwohlökonomie2Suffizienz3Degrowth, Wellbeing Economy4, Transition Towns5, aber kleiner gedacht auch hinter Stichwörtern wie Urban Gardening, Solawi (=solidarische Landwirtschaft), Tauschkisten, Repair-Cafés…6

Details: Erläuterungen zu (1) bis (6)

1 Es gibt nicht das eine Konzept – und das ist auch gut so. Die derzeitige Ausprägung des Kapitalismus ist auch nicht an einem Tag am Reißbrett entstanden, sondern hat sich per Trial & Error nach und nach entwickelt und entwickelt sich täglich weiter, vgl. S. 217.

2 Gemeinwohlökonomie (GWÖ) bezeichnet alternative, ethische Wirtschaftsmodelle, bei denen sich Unternehmen am Gemeinwohl, an Kooperation und an den Bedürfnissen des Gemeinwesens orientieren und dies in einer jährlichen Gemeinwohl-Bilanz dokumentieren.

3 Paech merkt hier treffend an, dass „Suffizienz … die chronische Additionslastigkeit [vermeidet], mit der Nachhaltigkeitsdefizite im Kontext des ‚grünen‘ Wachstums, basierend auf Effizienz und Konsistenz, verarbeitet werden. Sie dringt insofern bis zu den Ursachen vor, als sie sich nicht unter den Vorbehalt stellen lässt, dass unverantwortbare Handlungsmuster und Objekte erst dann aufzugeben seien, wenn für sie ein aus Sicht der betroffenen Akteure und Schadensverursacher adäquater Ersatz geschaffen worden ist (Folkers/Paech 2020, 143). In anderen Worten: Grünes Wachstum bedeutet durch eine Gleichzeitigkeit konventioneller und progressiver Waren/Angebote/Produkte/Dienstleitungen grundsätzlich ein Mehr – wenn etwa sowohl konventionelle als auch energieeffiziente Baustoffe gleichzeitig im Markt befindlich sind, sind parallele Infrastrukturen vorhanden. Wenn man sich hingegen als Gesellschaft bewusst für ein Weniger (Suffizienz) entscheidet, fallen solche sich aus dem ‚Grünen Wachstum‘ ergebenen Faktoren weg. Weil man Ansprüche aufgibt, fallen von heute auf morgen Dinge einfach ersatzlos weg.

4 Die Wellbeing Economy ist eine Politik, die sich an den Bedürfnissen des Menschen (und seiner Mitwelt) orientiert. In Ablehnung des BIP gibt es in diesem Ansatz das Wellbeing Budget, welches die Lebensqualität (meist in Anlehnung an die Agenda 2030) umfassend und ganzheitlich misst mit dem Ziel „der Verbesserung des gesamtgesellschaftlichen Wohlbefindens“ (wikipedia 2020d). „Zusätzlich erlaubt das Framework den Regierungen zu prüfen, ob der heutige Wohlstand auf Kosten des Wohlstandes von künftigen Generationen erzielt wird. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Wellbeing Budgets ist die Wirkungsmessung der zur Zielerreichung eingesetzten Maßnahmen. So soll ein Prozess mit Feedbackschleifen, Politikanpassung und -verfeinerung entwickelt werden bei dem die Maßnahmen laufend angepasst werden, um der Zielerreichung näher zu kommen. Schließlich soll ein Wellbeing Budget Gegenstand einer fortwährenden öffentlichen Debatte sein. Der Einbezug aller Beteiligter und Betroffener – wie der Zivilgesellschaft, der Unternehmen und der politischen Entscheidungsträger – soll es ermöglichen, einen breit abgestützten Konsens darüber zu finden, welche Ziele sich eine Gesellschaft setzt“ (ebd.). Seit Mai 2019 gibt es in Neuseeland das weltweit erste Wellbeing Budget. Auch Schweden und Island sind auf dem Weg, ein solches Konzept der Wohlfahrtsmessung einzuführen (vgl. ebd.; s.a. https://wellbeingeconomy.org/ (Abrufdatum 28.8.2020). Bemerkenswert und wohl eher kein Zufall: Sowohl Schweden, Neuseeland als auch Island haben mit Stand Sommer 2020 bemerkenswert Frauen-geprägte Regierungen bzw. in letzteren beiden Fällen konkret Regierungschefinnen.

5 Selbstdarstellung: „Im Rahmen der Transition Town Bewegung (übersetzt etwa ‚Stadt im Wandel‘) gestalten seit 2007 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den geplanten Übergang in eine postfossile gemeinschaftlich organisierte Gesellschaft und relokalisierte Wirtschaft. Initiiert wurde die Bewegung u. a. von dem britischen Permakulturalisten Rob Hopkins gemeinsam mit seinen Studierenden des Kinsale College of Further Education in Irland“ (Transition Initiativen 2020).

6 vgl. dazu Abschnitt Was kann Ich tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten, S. 169ff., Aspekt Für Fortgeschrittene, S. 190f. 

Ein wesentliches Messinstrument des bisherigen Wirtschaftsmodells ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das vorgibt die Wirtschaftsleistung zu messen.

Details: Erläuterungen zu (1) bzgl. BIP

Denkbar ist also, dass ein aufgrund einer Katastrophensituation wirtschaftlich schlechtes Jahr, durch Investitionen, Aufträge und Maßnahmen – d.h. wirtschaftliche Aktivitäten zur Beseitigung der Katastrophe –, das BIP in Rekordhöhen wachsen lassen könnte, obwohl halb Deutschland arbeitslos und die Hälfte der Geschäfte geschlossen. 

  • Dass das BIP eben auch negative, schadensbeseitigende Investitionen misst1 – z.B. die Reinigung von Stränden nach Öl-Katastrophen –, ist allgemein bekannt. Maja Göpel fügt hinzu:
    • „Die versteckten Kosten dessen, was wir durch die Ernährung, wie wir sie jetzt gestalten, eigentlich alles in Kauf nehmen, an den Gesundheitskosten, an der Zerstörung der Ökosysteme … Wenn man das alles mal volkswirtschaftlich bilanziert, ist das häufig gar nicht so ein goldenes Bild, was wir da immer noch Wachstum nennen, sondern das entsteht als eine Fortschrittsgeschichte, weil wir einen Teil der Kosten ganz systematisch ignorieren“ (2020b).

  • Weil ‚Natur‘ für sich genommen (bislang) keinen messbaren Wert zuerkannt hat, nicht in die ‚Rechnung‘ eingeht und daher auch nicht unmittelbar für sich genommen Wachstum generiert, steht die ‚Natur‘ von Fall zu Fall dem BIP-orientierten Wachstum im Weg:

    „‚Es ist die Tragik der Moderne, dass wir auch gut funktionierende Dinge nicht so lassen können, wie sie sind, weil es das Wachstum schmälert‘, sagt Göpel. Ihr Lieblingsbeispiel sind die Bienen. Sie bestäuben Pflanzen kostenlos. ‚Das ist toll, aber so richtig verdient daran niemand‘, so Göpel. ‚Verkauft eine Firma jedoch Roboterbienen1, die den Job nach dem Bienensterben übernehmen, wächst das Bruttosozialprodukt‘“ (zit. in Jung/Schießl 2020).

    Der US-Politiker Robert Kennedy während des Vorwahlkampfes zur US-Präsidentschaft, 1968:

    „Das Bruttoinlandsprodukt misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht“ (zit. in Pfister 2011).
Details: Erläuterungen zu (1)

Maja Göpel erwähnt an andere Stelle, wer Auftraggeber für die Erfindung einer Roboterbiene ist und das ein Patent für eine beantragt hat: Walmart (vgl. 2020a, 38). 

Eine Abkehr vom BIP zugunsten eines mehr an einem progressiven Wohlstandsbegriff orientierten Maßes ist daher erforderlich.


Die Frage ist, inwieweit eine einzelne Kennzahl überhaupt in der Lage ist, das (dann noch zu definierenden) Wohlbefinden von Bürger*innen eines Staates etc. abbilden kann.

  • „Viele einschlägige Forscher wollen … [inzwischen] mit einem ‚Armaturenbrett‘ voller verschiedener Werte operieren. Für Klima und Natur, Arbeit und Bildung, Verteilung und andere Gerechtigkeitsfragen“ (Heuser/Pletter 2020,22). Das BIP wäre dann nur noch ein Wert von mehreren. Bei der OECD ist mittlerweile „das wohl ausgefeilteste Armaturenbrett … [mit] elf Indikatoren [entstanden]: Einkommen und Wohlstand, Arbeit und deren Qualität, Wohnen, Gesundheit, Wissen und Fähigkeiten, Umweltqualität, subjektives Wohlbefinden, Sicherheit, Work-Life-Balance, soziale Beziehungen und ziviles Engagement“ (ebd.).
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„Die Marktfreunde fürchten, dass ein sogenannter alternativer Index eine linksalternative Politik fördert“ (Heuser/Pletter 2020, 22). Ich möchte ergänzen: Ich fürchte, dass der jahrzehntelange einseitige Fokus auf das BIP den Marktfundamentalismus und damit letztlich die gesamten negativen Folgen inkl. Klimakrise und sechstes Massenaussterben massiv befördert hat. 

>> s.a. Aspekt Wellbeing Economy, Fußnote auf S. 454


Ein zutreffenderes Maß als das BIP könnten auch die Konzepte der o.g. Gemeinwohlökonomie (GWÖ) einbringen. Ein wesentlicher Kopf hinter diesem Ansatz ist Christian Felber, der u.a. mit der Gemeinwohl-Bilanz eine alternative (zurzeit unter den gegebenen Umständen eher eine zusätzliche, ergänzende) Methode der Bilanzierung von Unternehmen entwickelt hat:

  • „Maximal 1.000 Punkte kann ein Betrieb in der Gemeinwohl-Bilanz erreichen. Die Sparda Bank kommt auf 602 Punkte, die Krankenkasse BKK ProVita schafft 790 Punkte. Rund 400 Unternehmen lassen sich mittlerweile nach solchen Richtlinien durch externe Auditoren testieren“ (Jung/Schießl 2020).

Dem Gemeinwohl-Prinzip verwandet ist die Genossenschaft.

Die einfachste und seit langer Zeit sehr erfolgreich umgesetzte Art, um Wirtschaft anders zu gestalten, ist die: Genossenschaft.

  • Fahren wir den Finanzialismus zurück und fördern wir massiv privatrechtliche Betriebe/Unternehmensformen, die keinen Gewinn im eigentlichen Sinne machen können – und wir sind da, wo wir hinwollen: Dann sind wir bei mittelständischen, dezentralen und doch betriebswirtschaftlich orientierten Unternehmen, die dem dienen, wofür Wirtschaft eigentlich gedacht ist. Sie dienen: der Gesellschaft.
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Manfred Folkers wendet es in Folkers/Paech so: „Ohne Zinssystem, ohne Renditeerwartung und ohne Streben nach Expansion und Maximierung wird sich ein Mittlerer Weg ergeben, der Maßhalten und Vielfalt in Einklang bringt“ (2020, 104). 

Revolutionär einfach. Und doch so Welt-bewahrend.

Daher regt dieses Handbuch an, das Genossenschaftsmodell zum Ausgangspunkt zu nehmen für eine Neuausrichtung des umzubauenden globalen Wirtschaftsmodells.

Nicht nur das globale Wirtschaftsmodell hat grundlegend umgebaut zu werden – auch unsere Art, zu arbeiten ist im Begriff, sich massiv zu verändern:


Klimakrise als Chance: Unsere Art zu arbeiten und zu leben verändern

Auch ohne Klimakrise und Artensterben macht die Digitalisierung unserer Gesellschaft und Wirtschaft erhebliche Umgestaltungen rund um das Thema ‚Arbeiten‘ erforderlich:

Die digitale Gesellschaft bringt u.a. durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ganz neue Herausforderungen mit sich. Vor allem ist damit zu rechnen, dass in Deutschland sehr viele Arbeitsplätze u.a. im Bereich ‚Sachbearbeitung‘ in Verwaltungen bei Versicherungen, Finanzämtern etc. durch den Einsatz von Software abgelöst werden.

Bislang ersetzte Technik nur Muskelkraft und mechanische Tätigkeiten – jetzt geht es an mittlere geistige Tätigkeiten.1

Es wird immer Arbeitsplätze geben – aber es scheint zweifelhaft, dass diese noch das alte Solidarsystem mittels sog. sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze tragen werden können. Durch den Eintritt der Babyboomer bzw. des Pillenknicks ins Rentenalter sowie durch die ‚Agenda 2010‘2 ist dieses System ohnehin massiv ins Wanken geraten – wer hat heute schon noch einen unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Vollzeit-Arbeitsplatz? KI wird das System weiter marodieren.

Hier gibt es eine Reihe von Ansätzen, die sich unter dem Dach des Begriffes ‚Bedingungsloses Grundeinkommen‘ (BGE) versammeln. Grundideen sind, dass sich niemand mehr um sein Existenzminimum sorgen muss – und dass nicht länger Arbeit die Sozialkassen finanziert, sondern der Staat, z.B. via Finanztransaktionssteuer oder bspw. durch eine Maschinensteuer3 (auch Robotersteuer genannt). Mit einem BGE kann man keine großen Sprünge machen, aber es ist möglich keiner bezahlten Arbeit nachzugehen: Es ist leichter möglich nein zu einem Bullshitjob zu sagen.

Zu der an diesem Punkt der Diskussion regelmäßig aufscheinenden Widerrede, ‚für Führungskräfte geht das aber nicht‘ ist hier einzubringen, dass heute dieses Argument in Zeiten der starken Vernetzung, hochgradig arbeitsteiligen Organisationen und dem ständigen, flexiblen Neuzuschnitt von Verantwortungsbereichen nicht mehr wirklich gültig ist (vgl. Kopatz 2016, 252-253). Führt man dann noch das äußerst unterstützenswerte Vieraugenprinzip ins Feld, bleibt kaum mehr übrig als der Verdacht, dass es eigentlich in Kopatz‘ Worten um eine „kulturelle[] Borniertheit der von Männern dominierten Führungsriege [gehe]“4 (2016, 253).

Zur vermeintlich so schwierigen Finanzierbarkeit des BGE sei hier kurz folgendes angemerkt:

  • Derzeit wird Arbeit besteuert, z.B. bei sozialversicherungspflichtigen Jobs, wodurch (auch globales) Outsourcing provoziert wird bzw. Arbeitsplätze abgebaut werden.

Es ist wenig klug, erwünschte Dinge zu besteuern, von denen man mehr haben möchte. Es ist sinnvoller unerwünschte Dinge zu besteuern, von denen es weniger geben soll, z.B. Rohstoffverbrauche, Energie, Emissionen, zu viel Geld in einer Hand und Müll (vgl. Maxton 2018, 88 u. 118).

  • „[W]as uns das die ganze Zeit kostet, keine mutigen und kreativen Entscheidungen zu treffen, sondern aus der Angst heraus [bei der Jobwahl] lieber auf Nummer sicher zu gehen, das lässt sich überhaupt nicht bemessen“ (Bohmeyer 2020, 20).

Auf weitere typische Gegenargumente à la „Dann geht ja niemand mehr arbeiten (außer ich)“ möchte ich hier nicht eingehen – nur so viel:

  • „Gehen Sie davon aus, dass Sie nicht der ‚Normalfall‘ sind – und davon, dass die anderen auch keine Idioten sind“ – Hans Rosling über unsere Egozentrik bei gleichzeitig allzu negativem Menschenbild (2018, 196).

>> siehe zur Entkräftung der typischen Gegenargumente z.B. Werner, Götz (2018): Einkommen für alle: Bedingungsloses Grundeinkommen – die Zeit ist reif, Kiepenheuer und Witsch.

>> Mehr dazu siehe Aspekt Glaubenssatz ‚Der Mensch ist im Grunde schlecht‘, siehe S. 380ff.

>> Im August 2020 startet in Deutschland die Proband*innensuche zu einem umfangreichen Feldversuch zum Thema BGE: 120 Teilnehmer*innen erhalten 36 Monate lang ein BGE in der Höhe von 1.200 Euro – und 1.380 Teilnehmer*innen, die zuvor als statistische Zwillinge ausgewählt wurden, bekommen kein BGE, siehe dazu ausführlich Diekmann, Florian (2020): „Langzeitstudie zum Grundeinkommen: Das 1200-Euro-Experiment“. in: Der Spiegel, 18.8.2020, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/grundeinkommen-studie-startet-das-1200-euro-experiment-a-413dcee7-1d58-4d19-abd1-8d241972ffd4 (Abrufdatum 1.9.2020)

Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 vgl. Opitz 2018, Min 66; siehe ausführlich Precht 2018. Er erwähnt eine Studie von 2013, der zufolge „die am weitesten entwickelten Länder der Erde in den nächsten fünfundzwanzig Jahren 47 Prozent ihrer Jobs [verlieren]“ (23). – Die Autoren der Studie „Frey und Osbourne listen mehr als siebenhundert Tätigkeiten auf, die teilweise oder ganz von Computern übernommen werden können“ (24) – vgl. www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf (Appendix ab S. 57) – „Jede Tätigkeit, deren Routinen algorithmierbar sind, ist prinzipiell ersetzbar“ (Precht 2018, 24). Precht zitiert den Mathematiker und ehemaligen IBM-Manager Gunter Dueck, der angesichts der zunehmenden Bedeutung der/des Kundin/Kunden als Prosument*in von aussterbenden „Flachbildschirmrückseitenberatungsjobs“ spricht (vgl. 24-25), also von Jobs, die darin bestehen, jemanden zu beraten, während man auf einen Flachbildschirm starrt – wie bspw. im Reisebüro. „[D]ie Digitalisierung – und das unterscheidet sie von [den drei] früheren industriellen Revolutionen – erobert kein neues Terrain, sondern sie macht bestehendes effektiver“ (29). In der Delphi-Studie des Millennium-Projekts heißt es laut Precht: „Übrig bleiben vor allem jene Berufe, in denen ‚Empathie‘ gefragt ist, in denen man sich um etwas kümmert, jemanden umsorgt, ihn pflegt, ihm zuspricht, ihn coacht, ihn bildet, ihm individuelle Sorgen und Nöte lindert und ihm hilft, Probleme zu lösen… ‚Alle Menschen werden irgendetwas tun. Aber vieles davon geschieht eben nicht mehr im Rahmen von Erwerbsarbeit‘“ (118). Interessant: Michael Bohmeyer weist darauf hin, dass „[e]ine These zum Populismus ist: Er gedeiht oft dort, wo Existenzangst herrscht. Ein Grundeinkommen könnte sie lindern“ (2020, 20). Siehe auch Zwischengedanken zum Aspekt Erforderlich ist eine komplette Neufassung der Arbeit in Deutschland, S. 527.

2 Wie viel Prozent der Bürger*innen, die keinen sozialversicherungspflichtigen Job haben, haben sich ausreichend privat rentenversichert? Gewissermaßen hat die Agenda 2010 dafür gesorgt, dass Arbeitsplätze in der Gegenwart billiger wurden, um den Preis, das Deutschland künftig nicht um eine Grundrente für alle herumkommen wird (vgl. Bedingungsloses Einkommen, S. 458).

3 Ein dringend zu korrigierender Fehler der weltweiten Politik ist m.E. das Versäumnis, keine Steuer auf die Arbeit von Energiesklaven, d.h. Maschinen bzw. Roboter zu erheben, die zumindest einen Teil der wegfallenden Sozialabgaben einspielt. In diesen Tagen, in denen Maschinen per KI auch vormals geistige Tätigkeiten vermehrt ersetzen, wäre dies eine Möglichkeit, um den Menschen per auf diese Weise finanziertem BGE ein Leben ohne umfangreiche Lohnarbeit zu ermöglichen (vgl. Precht 2018, 9).

4 vgl. dazu Abschnitt Klima, Ökofeminismus und Parität, S. 423, Aspekt männliche Dynamiken, S. 426 

Der Punkt ist, dass wir m.E. künftig gar nicht mehr um ein BGE herumkommen werden, weil das alte Modell bereits jetzt nicht mehr funktioniert und nicht genug Vollzeitarbeit für alle da sein wird – hingegen aber (auf der Basis des BGE) viele ehrenamtliche Tätigkeiten übernommen werden können, die diese Gesellschaft solidarisch befördern werden.


Weniger Konsum (Keine Trosteinkäufe).

Mehr Gemeinschaft (Weniger Status).

Menschliches Maß (Weniger CO2).


Ich empfehle in diesem Zusammenhang jeder/jedem Fulltime-Job-Leser*in, innezuhalten und mal mit Bleistift und Papier Bilanz zu ziehen, wie viel Zeit sie/er an ihrem/seinem Arbeitsplatz ausschließlich dafür verbringt, um ihre/seine Statussymbole zu bezahlen. In meinen Augen ist das sich selbst gestohlene Eigenzeit: Die härteste Währung der Welt ist nicht der Dollar, der Euro oder der Franke. Die härteste Währung ist Zeit.

…mehr

Offensichtlich verbringen sehr viele Deutsche sehr viel Zeit damit, nur und ausschließlich für Status bzw. Status-Symbole zu arbeiten: „Jeder zehnte Erwerbstätige [in Deutschland] arbeitet gewöhnlich mehr als 48 Stunden pro Woche. Zweieinhalb Milliarden Überstunden im Jahr sind kaum noch Zeugnis von Strebsamkeit und Fleiß. Sie schaden der physischen und psychischen Gesundheit“ (Kopatz 2016, 274) – What for? Niemand sagt: „Bevor ich sterbe, möchte ich mir einen Tabletcomputer kaufen.“ (ebd., 273). Positiv unterstellt, die Überstundler*innen bekommen die Überstunden bezahlt. Was genau sind das für Statussymbole, für die die Überstundler*innen derart viel arbeiten? Nun, i.d.R. werden diese äußerst CO2-intensiv sein. 

>> siehe dazu mein Webportal https://lebelieberlangsam.de/, vgl. Ware, Bronnie (2011): 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden. Goldmann.
>> siehe auch Aspekt, dass Menschen in Deutschland durchschnittlich 13 lange Jahre ihres Lebens nur arbeiten: für ihr(e) Auto(s), S. 351.


Ein Schlussgedanke von Richard David Precht:

„[D]ie Daten von Armen [sind] nichts wert.“ (2018, 127)


Klimakrise als Chance: Unser weltweites Finanz- und Bankensystem verändern

Die Klimakrise bietet im Einklang mit dem bis hier geschriebenen darüber hinaus die Chance zur dringend erforderlichen Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems.


Mit der Forderung, die weitgehende Deregulierung der Finanzmärkte rückgängig zu machen, baut man sich i.d.R. eine breite Gegnerschaft auf.


Das ist nicht mein Anliegen – gehen wir daher auf die Positionen der Befürworter*innen der Deregulierung ein und nehmen diese Positionen zunächst einmal für ‚bare Münze‘:

Gehen wir also positiv davon aus, dass die Deregulierung der Finanzmärkte eine feine Sache ist und der Dreisatz des neoliberalen Glaubensbekenntnis korrekt:

Wenn Sie mögen, sprechen Sie mit – oder bauen Sie das Folgende am besten als Affirmation in Ihr morgendliches Motivationsprogramm, bevor Sie die Börsennachrichten einschalten… molto fortissimo, und alle zusammen:

Wachstum!
Deregulierung!
Shareholder Value!


(lauter!)


Also, spielen wir das Gedankengebäude ‚Deregulierung‘ doch mal durch:

Banken zum Beispiel. (Lehman Brothers: geschenkt.) Banken können gar nicht genug dereguliert werden. Denn: Sie wollen unser Bestes. Daher sollten wir ihnen bzw. ihren Manager*innen möglichst uneingeschränkt freien Lauf lassen und Billiarden-Spielgeld in Sekundenbruchteilen rund um den Globus hin- und herschieben lassen. Nichts kann passieren, denn auf den Markt und auf die Unsichtbare Hand – die mutmaßlich durch irgendein Drei Fragezeichen-Buch inspiriert wurde – ist stets Verlass.

Der Markt wird es schon regeln. Hat er immer getan. Vertrauen Sie ihm. Er will nur spielen.


Der Markt wird regeln, dass

  • wir zugunsten unserer Informationsgesellschaft künftig eine bessere Bildung in Kindergärten, Schulen und Unis etc. bekommen,
  • es keine Armut mehr gibt auf der Welt,
  • unsere Gesellschaft aus lauter zufriedenen Arbeitsnehmer*innen besteht,
  • wir alle bezahlbaren Wohnraum in den Städten finden,
  • wir gesündere Dinge auf den Teller bekommen statt fettiger Billig-Fertignahrung,
  • eine persönlich-liebevolle Pflege in Krankenhaus und Altenheim selbstverständlich wird,
  • Lobbyist*innen sich gleichermaßen edelmütig und uneigennützig gegen das sechste Massenaussterben einsetzen,
  • mit Öl kein Geld mehr zu verdienen ist,
  • die Renten steigen und
  • in politisch brisanten Gegenden mehr Wohlstand, Gerechtigkeit und demokratische Rechtssicherheit einkehren, und ach ja,
  • die Klimakrise marktliberal und technologieoffen gelöst wird.

Der Markt wird das alles regeln! Und komische Ideen abseits dieses wunderbaren Markrationalismus‘ sind folglich: rote Socken-Gedankenkitsch, links und somit fast schon Kommunismus.


Nun, ich nehme an, wir können uns darauf einigen, dass die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens dieser Ereignisse eher niedrig zu veranschlagen ist.


Daher kommen wir um tiefgreifende Veränderungen des Finanz- und Bankensektors nicht herum:

  • Die (globale) Finanzwirtschaft – oder anders ausgedrückt: die Art wie Geld derzeit ‚funktioniert‘ wird sich deutlich verändern müssen – es geht, wie Michael Kopatz es ausdrückt, nicht um eine Revolution, sondern um „die Rückkehr zum Ordnungsrahmen der 1970er-Jahre, welcher die Auswüchse der Spekulanten zuungunsten sicherer Kapitalmärkte verhindert hat (2016, 18).
  • Dieser Ordnungsrahmen war „nach dem Zweiten Weltkrieg … – auch als Lehre aus dem in den Dreißigerjahren schon einmal gescheiterten, naiven Wirtschaftsliberalismus [entstanden]“ (Fricke 2018). Es gab „einen ziemlich weitgehenden Konsens darüber, dass es etwa für Banken eine strikte Kontrolle braucht, Wechselkurse besser offiziell festzulegen sind (um Spekulation zu stoppen) und nicht überall immer alles dereguliert werden musste. Und damals regierten in Deutschland ja auch keine Linksradikalen, sondern ein gewisser Konrad Adenauer und ein Ludwig Erhard“ (ebd.).

Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Shareholder Value

  • ‚Shareholder Value‘ ist antisozial, denn es dient nicht der Gesellschaft oder dem Gemeinwohl, sondern verlangt auf Kosten von Gesellschaft, Menschen und Umwelt Gewinnmaximierung ‚um jeden Preis‘ zu Gunsten weniger Menschen, namentlich der Aktionärinnen und Aktionäre.
    • ‚Shareholder Value‘ ein unverständliches Konstrukt: Wirtschaft bzw. Eigentum hat – so steht es auch im GG Art. 14 Absatz 2 – „zugleich dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen“. Mir persönlich stellt sich daher die Frage: Wie und auf welcher Basis ist Shareholder Value mit dem Grundgesetz vereinbar?
    • Die Prämisse „Gewinnmaximierung um jeden Preis“ meint wirklich jeden Preis, egal wie hoch er auch sein mag: „Wer darauf hofft, dass Giganten wie RWE1, Bayer oder VW von sich aus mehr für den Klimaschutz tun werden, ist schrecklich naiv. Die Vorstandschefs können gar nicht, selbst wenn sie wollten. Sie sind einzig ihren Aktionären verpflichtet, nicht dem Gemeinwohl“ (Kopatz 2019b).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 RWE hat 2019 per Großkonzernlogik „[i]n einem milliardenschweren Tausch … die erneuerbaren Energien des Konkurrenten Eon übernommen. In wenigen Monaten gehen auch die Ökostromanlagen der bisherigen Konzerntochter Innogy an RWE. Der Konzern strebt laut SZ an, bis 2040 klimaneutral zu werden und setzt sich nach Angabe des Konzernchef Rolf Martin Schmitz „an die Spitze der Bewegung“ (Müller 2019). 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Derivate

  • Zahlreiche Spekulationsgeschäfte z.B. mit sog. Derivaten, die eher Spielcasino-Wetten gleichen, zumal sie wenig bis gar nichts mit der Realwirtschaft zu tun haben, gehören schlicht – wie es in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war (vgl. Hermann 2019, 74) – verboten.

  • Mit Derivaten spekuliert man auf die künftige Kursentwicklung. Ulrike Hermann definiert in einfachen Worten: „Sie dienen dazu, sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Bauern können den Preis ihrer Ernten festlegen… Die Zukunft wird in die Gegenwart verlagert und damit berechenbar gemacht, weswegen diese Variante der Derivate auch ‚Future‘ heißt“ (2019, 74). Das Geschäft hat auf jeden Fall abgewickelt zu werden, was unpraktisch ist, wenn man nur spekulierend Geld verdienen will. Dafür gibt es dann zusätzlich die Derivate namens ‚Optionen‘ (vgl. ebd.). Diese „Derivate sind für die Börsianer so attraktiv, weil der ‚Hebel‘ enorm ist: … Man muss nur eine kleine Gebühr fürs Derivat zahlen – und schon kann man auf die Kursentwicklung von Aktien, Devisen, Zinsen oder Rohstoffen spekulieren“ (ebd.).

  • Seit 1997 gibt es auch Wetterderivate, die sog. ‚Wetterfutures‘. Positiv ausgedrückt können sie ein „Instrument des Risikomanagements eines Unternehmens darstellen“ (wikipedia 2020e). Weniger positiv erlauben diese „Katastrohen-Derivate“ (ntv 2008) es „Unternehmen und Banken…, auf Wetterveränderungen zu setzen, als wären tödliche Katastrophen ein Würfelspiel in Las Vegas (zwischen 2005 und 2006 verfünffachte sich der Markt für Wetterderivate beinahe, von 9,7 Milliarden auf 45,2 Milliarden Dollar)“ (Klein 2015, 18).

  • Neben Wetterfutures zeichnet sich „seit Anfang 2000 … ein deutlicher Trend der zunehmenden Spekulation mit Nahrungsmitteln ab“ (Oxfam 2020) – eine sog. ‚Finanzialisierung‘, was bedeutet, dass Spekulanten und die Regularien der Finanzmärkte vermehrt z.B. über die (globalen) Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise bestimmen. „Mitte der 1990er Jahre war in den Statuten über den internationalen Handel noch festgeschrieben, dass Nahrungsmittel nicht als gewöhnliche Waren zu behandeln seien. Mit gutem Grund, denn jeder Mensch braucht Nahrung zum Überleben“ (Wallach 2020, 9). Doch trieben beispielsweise 2007/2008 „Finanzspekulanten … die Getreidepreise in die Höhe“ (Oxfam 2020). „Sowohl in den Jahren 2007/2008 als auch in 2011 waren die Weltmarktpreise für wichtige Grundnahrungsmittel wie Mais, Reis und Weizen binnen kürzester Zeit explodiert. Allein der Maispreis erhöhte sich [auf dem Weltmarkt] im Frühjahr 2008 innerhalb von knapp 2 Monaten um 46 Prozent“ (Heuser 2016). „In Äthiopien stiegen die Maispreise um 100 Prozent, in Uganda um 65 Prozent und in Tansania um 54 Prozent. Die Weizenpreise stiegen in Somalia um 300 Prozent, im Senegal um 100 Prozent und im Sudan um 90 Prozent. Nahrungsmittel wurden für viele Familien unbezahlbar“ (Oxfam 2020), denn sie geben ohnehin bis zu 80% ihres Einkommens für Lebensmittel aus (vgl. Heuser 2016).
    • „Die rasant steigenden Preise für Lebensmittel führten zu Hungerprotesten in 61 Ländern“ (Oxfam 2020).
  • Vergleichbares passierte z.B. auch am Beginn der Covid-19-Krise:
    • Ullrich Fichtner erwähnt im Zusammenhang mit Derivaten im Spiegel, „dass in London einzelne Hedgefonds aus dem Corona-Börsencrash Milliardenprofite schlugen“ (2020, 19).
  • Michael Kopatz hingegen hebt im Zusammenhang mit Spekulationsgeschäften die sog. Darkpools hervor:
    • „Ein anonymer Verkäufer kann seine Angebote weltweit in verschiedenen Darkpools platzieren. Interessenten geben Gesuche auf, ohne zu wissen, ob gerade solche Aktien angeboten werden. Eine Software bringt Gebote und Gesuche zusammen. Anders als bei normalen Börsen erfährt so keiner, dass überhaupt ein Handel stattgefunden hat“ (2016, 18, 230).
  • „2018 [wurden] Derivate im Nominalwert von 700 Billionen Dollar gehandelt … – die globale Wirtschaftsleistung betrug aber nur 85 Billionen Dollar. Die allermeisten Derivate können also gar keinen realen Gegenwert haben, sondern sind reine Spekulation“ (Hermann 2019, 74).1
    • Dazu hält Harald Lesch fest:
      • „Dieses virtuelle Geld, dass da [per Derivate & Co in den Finanzmärkten] hin- und hergeschoben wird und sich immer mehr und mehr vermehrt auf merkwürdige Weise … presst auf unsere reale Welt… Das ist der wirkliche Hammerdruck der da stattfindet. Machen Sie sich klar, das Weltbruttosozialprodukt besteht aus 70 europäischen Billionen Dollar. Die Versicherung [per Derivat & Co] für dieses, das was an den Börsen gehandelt wird, sind 700 Billionen Dollar. D.h. wir haben Versicherungen, die sind 10 Mal mehr wert als das Tatsächliche, was da ist.
    • Stellen Sie sich doch mal vor, Sie kaufen sich ein Auto für 2.000 Euro und versichern es für 20.000. Haben Sie dann noch ein Interesse daran, dass die Karre heilbleibt? Natürlich nicht“ (Lesch 2016, ab Min. 18).
  • Durch viele Derivate blicken nicht einmal mehr Fachleute durch – symbolisch wird das durch folgende Anmerkungen von Ulrike Hermann im Atlas der Globalisierung: „Das erste kommentierte Lexikon für Derivate erschien 1989 und war bereits 700 Seiten stark. Der Nachfolger, der 2006 kurz vor der Finanzkrise aufgelegt wurde, hatte fast 5.000 Seiten“ (2019, 75).
unsplash/Markus Spiske
  • Hermann hat derweil analog zu eingangs erwähnten Forderung von Kopatz nach Rückkehr zum Ordnungsrahmen der 1970er Jahre (vgl. S. 460) eine geradezu absurd einfache Lösung für diese reinen Spekulationsgeschäfte – es geht schlicht um dieser Wiedereinführung einer Grundregel, „die bis vor vierzig Jahren noch galt:
    • Ein Derivat darf nur kaufen, wer auch das dazu gehörige Grundgeschäft getätigt hat. Eine Fluglinie, die Öl benötigt, könnte also weiterhin Ölderivate erwerben, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Aber reine Spekulanten wären ausgeschlossen“ (2019, 75).

Ähnlich wie beim fossilen Geschäftsmodell gibt es hier viele, viele Menschen2 inkl. zukünftigen Pensionsfonds-Rentner*innen, die aus finanziellen Gründen von obiger Idee nicht überzeugt werden können. Es wird nicht reichen, einen Runden Tisch zu gründen.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Zur reinen Spekulation gehören auch sog. Leerverkäufe, bei denen man Papiere verlauft, die man gar nicht besitzt und hofft, dass der Kauf der schon verkauften Papiere zu einem späteren Zeitpunkt günstiger ist als gegenwärtig, sodass man aus der Differenz einen Gewinn erzielt, vgl. wikipedia 2020a.

2 Hier geht es um Besitzstandswahrung, Macht und Geltungsbedürfnis von ohnehin hochgradig privilegierten Menschen – und um viele, viele Arbeitsplätze, die nicht mehr benötigt würden, wenn der Finanzialismus aufgegeben werden würde. 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Erfahrungen aus der Finanzkrise 2008/09

  • Die Aufhebung der Trennung des Kreditgeschäfts vom Investmentbanking hat sich definitiv nicht bewährt – vgl. die weltweite Finanzkrise 2008f.,
  • Banken haben auch nach 2008 kein relevantes Eigenkapital vorgeschrieben bekommen: „Es muss nur 3 Prozent der Bilanzsumme betragen, was lächerlich wenig ist“ (Hermann 2019, 75).
…mehr

Ähnlich absurd-bemerkenswert ist, dass „[ü]ber 90 Prozent des gesamten Geldes – mehr als 400 Billionen Dollar auf unseren Konten – … nur in Computern existieren]“ (Harari 2015, 219). 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Hochfrequenzhandel, Finanztransaktionssteuer

  • Nano-Sekunden-Handel ist nicht dem Menschen dienlich – und würde z.B. durch eine Finanztransaktionssteuer deutlich unattraktiver.
    • Letztere ‚Robin-Hood-Steuer‘ würde Finanztransaktionen z.B. durchschnittlich mit 0,05 Prozent besteuern. Die so generierten Gelder könnten dann z.B. für den Klimaschutz oder auch zur Bekämpfung der globalen Armut eingesetzt werden (vgl. Kopatz 2016, 18, 230 u. vgl. Precht 2018). (1 Nanosekunde ist eine milliardstel Sekunde. Das hat mit Handel und mit den Bedürfnissen von Menschen nichts mehr zu tun.)
  • Allgemein könnte man den Finanzsektor auf ein menschliches Maß runter bremsen. Nur weil man übermenschlich schnell sein kann, bedeutet das noch lange nicht, dass man diese menschliche Grenze auch einreißen muss. Auch könnten Berichtszyklen durchaus verlängert werden.

Haim Bodek, Hochfrequenzhändler, 2018:

  • „Ich verlasse den Raum grundsätzlich nicht und lasse hier ‚etwas’ unbeaufsichtigt handeln. Ich will bei dem Algorithmus sein, den ich erschaffen habe. Auch wenn ich ihn nicht unter Kontrolle habe. Ich beobachte ihn. Tut er auch das, wofür ich ihn entworfen habe? Ich rede nie mit Wirtschaftswissenschaftlern oder politischen Entscheidungsträgern. Es gibt da einfach keine Verbindung… [W]elche Leute Stellen wir ein? Wissenschaftler, IT-Experten und Anwälte. Wir stellen weder Betriebswirte [d.h. ‚mba’s‘] noch andere Wirtschaftswissenschaftler ein. Viele unserer mathematischen Modelle kommen aus Bereichen wie Pferdewetten“ (zit. in Opitz 2018, ab Min 79).

Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: weitere Aspekte und Lösungsansätze

  • Bei der Bewertung von Aktien kann es nicht ausschließlich auf einen finanziellen Wert ankommen, der darauf basiert, dass externe Kosten unberücksichtigt bleiben. Hier geht die Dagens Industri (DI), die größte täglich erscheinende Wirtschaftszeitung Skandinaviens voran und druckt im Börsenteil zunächst viermal im Jahr zusätzlich auch klimabezogene Kennzahlen der 124 größten schwedischen Unternehmen (vgl. Wiemker 2020).
  • Über die Art wie Zins und insbesondere Zinseszins funktionieren ist nachzudenken.
  • Grundsätzlich sind die Verhältnisse zwischen Arm und Reich sowohl innerhalb von Gesellschaften als auch global deutlich anzunähern.
  • Im kleineren Maßstab wiederum sind ergänzende lokale Währungen bzw. Regionalwährungen wie z.B. das ‚Brixton Pound‘ oder der ‚Chiemgauer‘ zu unterstützen. Diese bewirken – wenn sie von der lokalen Bevölkerung angenommen werden –, dass das Geld lokal zirkuliert. I.d.R. vernetzt sich die lokale/regionale Wirtschaft und arbeitet verstärkt zusammen. Kund*innen kaufen tendenziell lokaler ein. Somit wird also die eigene Region wirtschaftlich gestärkt (vgl. Laurent/Dion 2016).
    • Seit 1934 Jahren existiert in der Schweiz die vor allem in Gewerbekreisen verbreitete Parallelwährung WIR (‚Wirtschaftsring-Genossenschaft‘), die einst eine Maßnahme gegen die Weltwirtschaftskrise war und mit der heute – mit abnehmender Tendenz – rund 1,3 Mrd WIR („ein WIR entspricht gemäß Definition der WIR-Bank einem Franken“ (Scherrer 2017)) umgesetzt werden (vgl. ebd.).
    • Dann gibt es noch die in das Thema ‚Regionalwährung‘ oft mit hineinspielende, zusätzliche Idee vom Fließgeld/Freigeld – ein ‚umlaufgesichertes‘ Geld, das der Idee des Zinses und Zinseszinses entgegengesetzt ist und im Falle des Hortens an Wert verlieren würde, sodass es sich verstärkt lohnt (immer wieder) zu investieren – und zwar: regional (vgl. wikipedia 2020c).
  • Auch ist die Frage aufzuwerfen, inwieweit Spekulationsgeschäfte überhaupt noch statthaft sind, sodass sie nach Ansicht von Maxton „mit 100 Prozent besteuert werden [sollten]. Anders ausgedrückt: Wer ein Haus oder ein Gemälde kauft, sollte dies tun, weil er Wohnraum braucht oder ein hübsches Bild für die Wand, nicht weil er von deren Wertsteigerung profitieren möchte“ (2020, 134).
  • Auch weiterhin können in der Wirtschaft durchaus Wettbewerbsbedingungen herrschen – aber alles in einem kleineren Format, ohne Shareholder Value, fair, klimagerecht – und vor allem unter Einkalkulierung sämtlicher bisher externalisierter Kosten.

Wer hier angesichts der prinzipiell anstehenden umfangreichen Neuregulierungen und Gesetzesänderungen von „faktischer Enteignung“ spricht, mache sich klar, dass derzeit

  • ständig tausende von Bäuerinnen und Bauern vorwiegend im Globalen Süden faktisch enteignet werden, weil sie ihr erodiertes oder sogar desertifiziertes Land nicht mehr bestellen können und möglicherweise gezwungen sind, ihren Besitz aufzugeben und zu flüchten,
  • täglich allgemein Häuser, Grundstücke1 und sonstiges Hab und Gut ungezählter Menschen massiv entwertet oder zerstört werden und
  • z.B. konkret durch den Bau von immer neuen Megaställen oder durch den Ausbau von Straßen Anwohner*innen oft zu Recht den Wertverlust ihrer Häuser befürchten (vgl. Amann et al. 2013, 68).

Und wer der Auffassung ist, dass die hier genannten Punkte nichts mit seiner drohenden ‚faktischen Enteignung‘ zu tun hat, weil ihm ja die Gewinne seiner bisherigen Finanzgeschäfte im Rahmen des bestehenden Systems legal zugestanden haben, handelt letztlich auf die genau gleiche ethisch verwerfliche Weise wie die Vertreter*innen der Kolonialmächte, die einst die First Nations (die früher sog. „Indianer“) Landabtretungs- und Schürfverträge haben unterzeichnen lassen, obwohl diese außerhalb des Systems, d.h. außerhalb der kolonialistischen Gesetzgebung standen (und darüber hinaus keinen Schimmer davon hatten, was sie dort unterzeichnen).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Kopatz konstatiert, dass die kalte Enteignung z.B. „durch Straßenlärm … seit Jahrzehnten zu[nimmt] und … allgegenwärtig ist. Der Wert eines Mehrfamilienhauses kann sich an einer stark befahrenen Straße gegenüber Häusern in ruhiger Wohnlage halbieren“ (2019a, 102). 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Weitere Aspekte: Keine Privatisierung von Lebensnotwendigem

Bestimmte Bereiche sollten künftig nicht mehr unter ‚freien‘ Wettbewerbsbedingungen stehen:

  • Die Privatisierung von Institutionen, die existenzielle Bedürfnisse der Menschheit abdecken, hat sich m.E. insgesamt nicht bewährt: Es ist nicht sinnvoll, Trinkwasser,1 den ÖPNV, das Schienennetz, Elektrizitäts- und Wärmekraftwerke und Krankenhäuser zu privatisieren.2

  • Die Erforschung von neuen Medikamenten gehört nicht in die Hände von privaten Unternehmen: Patente auf Medikamente, die im Globalen Süden Leben retten können, bewirken u.U., dass viele Menschen an durchaus günstig herzustellende Medikamente (z.B. aus Kostengründen) nicht herankommen3 – und auch die unterbleibende Entwicklung von neuen Antibiotika ist hier ein deutlicher Hinweis.
    • „[N]ur 0,12 Prozent der kommerziellen weltweiten Forschungs- und Entwicklungsgelder [werden] für Tuberkulose und Malaria ausgegeben. Krankheiten, an denen jedes Jahr 1,7 Millionen Menschen sterben – nur nicht hier“ (Kops 2020, 12).
    • „Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und Masern sind von der öffentlichen Hand hergestellt und verteilt worden. Als Jonas Salk, der Erfinder des Polio-Impfstoffes, gefragt wurde, wer das Patent besitze, antwortete er: ‚Alle Menschen. Es gibt kein Patent. Können Sie die Sonne patentieren?‘“ (Trojanow 2020, 12).

  • Allgemein ist es nicht sinnvoll, Ärzte/Krankenhäuser nach quantitativen ärztlichen Leistungen zu bezahlen. Hier hat m.E. der Eid des Hippokrates zu genügen, um eine entsprechende Qualität bei grundsätzlich sehr guter Bezahlung sicherzustellen.

  • Das gleiche gilt für Organspenden: Hier darf m.E. grundsätzlich kein Geld drinstecken, es bedarf vielmehr einer Ethikkommission und maximaler Transparenz. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind – und nur dann –, spricht m.E. viel für eine Widerspruchslösung, d.h. jede*r Bürger*in ist – sofern diese*r nicht explizit widersprochen hat – potenzielle*r Spender*in.

  • Leben kann nicht patentierbar sein. Dies schließt Saatgut und Gene mit ein.


Zusammengefasst gilt für die wesentlichen Lebensgrundlagen:

Gemeinwohl statt Privatinteressen und Patentschutz.


Geht nicht – gibt’s nicht.

Wie auch vor Paris müssen wir uns daran erinnern, dass ‚unmöglich‘ keine Tatsache ist, sondern eine Einstellung.4

Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 Stellen Sie sich vor, Trinkwasser würde knapp – wollen Sie dann auf den Goodwill eines Privatunternehmens angewiesen sein? So wie in anderen Gegenden der Welt? (vgl. Doku Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser. Film-Doku von Urs Schnell, 2012). Wie beim sog. ‚Wasserkrieg‘ 2000f. in Bolivien, zu dem es kam, nachdem das Wasser Boliviens (!) privatisiert und die Preise verdoppelt wurden? (vgl. Opitz, Florian (2006): Der große Ausverkauf. Film-Doku; vgl. Gouverneur 2020, 5). Im Übrigen ist Trinkwasserknappheit bezogen auf Deutschland definitiv nicht unrealistisch: „Momentan betreiben Landwirte nur auf 3 Prozent der Fläche Bewässerungsanbau, etwa beim Kartoffel- oder Rübenanbau in Niedersachsen. Schätzungen gehen davon aus, dass wir in 20 bis 30 Jahren ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen mit Grundwasser bewässern müssen. Dann werden wir Nutzungskonflikte bekommen, die wir bislang noch nicht kennen“ (Borchardt 2020, 9). „Auf eine Initiative Boliviens hin verabschiedete die UN-Generalversammlung am 28. Juli 2010 eine Resolution, die dem Zugang zu ‚einwandfreiem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung‘ zum Menschenrecht erklärte“ (Gouverneur 2020, 5).

2 vgl. dazu Opitz, Florian (2006): Der große Ausverkauf. Film-Doku. In diesem Film gibt es – neben vielem anderen – eine Szene, die das perfekte Sinnbild dafür ist, warum Privatisierungen in bestimmten Bereichen so gar keine gute Idee sind… Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass jede*r Zuschauer*in exakt wissen wird, welche Szene ich meine… Der Glaubenssatz (vgl. Definition Fußnote S. 227), Privatunternehmen seien innovativer als der Staat, ist nur eine These, deren Beweis aussteht. Wie viel Grundlagenforschung ist eigentlich in der Menschheitsgeschichte durch Privatunternehmen erfolgt? Man beziehe außerdem in die Überlegungen ein, wie viele Erfindungen durch privatwirtschaftliche Interessen schon verhindert oder in den Safe eingeschlossen wurden, um veraltete Geschäftsmodelle zu sichern. Und auch die ‚geplante Obsolenz‘ verhindert vielfach eine optimal-innovative Technik. Es gilt: Ein Privatunternehmen wird nicht notwendigerweise wirtschaftlich-effizienter geführt als z.B. eine Genossenschaft oder eine Anstalt des öffentlichen Rechts.

3 Auch heute fordert AIDS „alljährlich rund 750.000 weitere Opfer – ein Sterben, das in der westlichen Welt weitgehend unbeachtet bleibt, seit dort wirksame Medikamente zur Verfügung stehen“ (Grolle 20209, 103).

(Klimawoche 2020, Min 7)

4 Zitat von der Bewegung M2020 https://mission2020.global/ (Abrufdatum 1.7.2020), deutsch zit. nach Klimaretter 2017. Maja Göpel packt es in andere Worte: „Geht nicht ist häufig eine andere Formulierung für will nicht“ (Klimawoche 2020, Min 7). 


Quellen des Abschnitts Klimakrise als Chance


Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz

Bäume pflanzen/globale Aufforstung

The global tree restoration potential

Um 25 bis 35% könnten die globalen Treibhausgasemissionen reduziert werden, wenn weltweit Waldrodungen gestoppt und zerstörte Wälder wieder aufgeforstet würden (vgl. Gonstalla 2019, 49).

unsplash/Johannes Plenio
unsplash/Johannes Plenio

Bäume sind sehr gute, langjährige CO₂-Speicher.