Vorwort

Als Achtjähriger hatte ich meinen persönlichen Öl-Schock. Ich wurde im Rahmen der zweiten Ölpreiskrise 1979 erstmals der großen Weltpolitik gewahr und verstand, dass die Welt komplett durch Öl angetrieben wird und ebendieses Öl endlich ist. Alle Forscher*innen müssten umgehend nach Alternativen suchen, damit das Leben weitergehen kann, erkannte ich mit meiner Kinderlogik die Dramatik dieser Nachricht – wie wahrscheinlich damals viele Kinder meiner Generation. Erfände jemand einen Wasserantrieb o.ä., würde die Erfindung umgehend für immer im gepanzerten ‚Giftschrank‘ der Ölunternehmen verschwinden, erklärten mir meine Eltern wenig hoffnungsvoll. Mich regte das auf – es war meine erste Erfahrung mit der Irrationalität, welche dazu führt, dass Macht über Vernunft siegen kann. Es regt mich auch 40 Jahre später noch auf. Denn weiterhin sind es fossile Energien, die maßgeblich den Antriebsmotor unserer Gesellschaft schmieren. Inzwischen ist nicht mehr die Endlichkeit des Öls das Problem, sondern das Zuviel. Zwar gibt es mittlerweile mühsam erkämpfte Alternativtechnologien, aber: Wir könnten schon so viel weiter sein. Vom Klimawandel hörte ich erstmals etwa 1990, zur Zeit des Abiturs – nie hätte ich seinerzeit damit gerechnet, dass ich selbst betroffen sein könnte. So schlug ich den damals als absurd empfundenen, aber den rückblickend erstaunlich weisen Vorschlag der archaischen Software des Hamburgischen Berufsinformationszentrums (BIZ) aus, Meteorologe zu werden. Aber Öko war und blieb ich – immer schon trieb mich das grundlegende Gefühl an, welches Albert Schweitzer mit dem Schlagwort „Ehrfurcht vor dem Leben“ belegte, persönlich möglichst wenig zur Zerstörung der blauen Perle beitragen zu wollen, sodass ich auch deshalb mein Hobby zu einem meiner beiden Berufe machte: Komponierte Schallwellen schaden dem Planeten nicht, günstigstenfalls helfen sie ihm.

Am Anfang dieses Projektes stand der Wunsch, ein abendfüllendes Tanztheatermusikstück über die Klimakrise zu kreieren – dann jedoch schlug der akribische Geisteswissenschaftler in mir durch: Es folgte eine Art privates Zweitstudium in Form einer sechsjährigen Recherche, die in das hiermit vorliegende ‚Handbuch Klimakrise‘ mündet. Das Musikwerk gibt es bis heute nicht. Dies ist das Werk. Ohne Musik.



Das Handbuch Klimakrise versammelt die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente rund um die Klimakrise bzw. zur großen Transformation, die unweigerlich kommen muss, kommen wird und in vielerlei Hinsicht schon längst begonnen hat.

Dieses Webportal handbuch-klimakrise.de ist ein work in progress-Projekt und liegt mit dem Book on Demand (BoD) nunmehr ab dem 10. November 2020 in erster Edition auch als Print-Ausgabe sowie als E-Book vor. ‚Book on Demand‘ ist das Mittel der Wahl, um Buch, E-Book und Webportal auf dem neuesten Stand zu halten.

Am 10.11.2020 erscheint das Handbuch Klimakrise als Book on Demand (BoD), Din A4, 700 Seiten, 68.– EUR sowie als E-Book, 19,99 EUR.

>>Buch, E-Book und Website verfügen über die gleichen Inhalte – i.d.R. wird die Website etwas aktueller ausfallen als die beiden anderen Medien. Deren Vorteil liegt wiederum in der Haptik bzw. im Falle des E-Books in der schnellstmöglichen Recherche für den User bei gutem Überblick.

>> Oktober 2020: Aktuell sind das Buch und das E-Book etwa 300 Word-Seiten umfangreicher als die Website. Diese wird derzeit aktualisiert und auf den Stand des Buches gebracht.



Die Menge an Informationen unterschiedlichster Qualitätsniveaus zur Klimakrise, zum sechsten Massenaussterben und den weiteren Nachhaltigkeits- und Reformthemen ist schlicht unüberschaubar.

  • Dieses Handbuch bringt die auf tausenden Websites, Nachrichtenportalen und Büchern verstreuten Informations-Puzzleteile, die man als Nicht-Fachfrau/-mann bei Diskussionen gerne parat hätte, aber allzu oft nur ‚so ungefähr‘ drauf hat, zusammen in eine Veröffentlichung.
  • Alles hängt mit allem zusammen. Daher muss dieses Projekt letztlich uferlos sein – somit kann ein Anspruch auf Vollständigkeit nicht bestehen. Mit dem Mut zur Lücke und angesichts der drängenden Zeit hat m.E. die Priorität auf der Bereitstellung der so noch nirgends in eine Publikation zusammengetragenen Informationen zu liegen und nicht auf einer letztlich ohnehin unmöglichen Vollständigkeit: Mit diesem Handbuch ist es wie mit Software, die mit jedem Update und jeder Version neue, aktualisierte und erweiterte Features erhält.
  • Hingegen ist es mein Anspruch als Geisteswissenschaftler, der einst in Musikwissenschaft über rechtliche, ökonomische und pophistorische Aspekte von Musikbearbeitungen bzw. Coverversionen promovierte und sich seit rund sechs Jahren intensiv durch die Klima- und Nachhaltigkeitsliteratur arbeitet, dieses Projekt auf einer detaillierten, tiefgehenden Recherche mit wissenschaftlicher Quellenarbeit fußen zu lassen.    
  • Die Pluralität der Quellen sichert die Ausgewogenheit – das naturwissenschaftliche Fundament, das Pariser Abkommen sowie die Grundannahme ‚Wir sind Erde‘ geben die Richtung vor.


Das Handbuch Klimakrise richtet sich an Leser*innen ohne Spezialkenntnisse. Es ist sowohl Lesebuch als auch eine Handreichung und bietet als solche den schnellen Zugriff auf die relevanten Zahlen, Fakten und Argumente. Tatsächlich schließt es eine große Lücke, weil es das Thema aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchtet und diese unterschiedlichen Blickwinkel ganzheitlich in einer Veröffentlichung zusammenbringt:

  • Klimatolog*innen analysieren die naturwissenschaftliche Seite,
  • Biolog*innen erforschen u.a. das eng mit der Klimakrise verknüpfte sechste Artensterben,
  • Ärzt*innen benennen mögliche Gesundheitsgefährdungen,
  • Ingenieur*innen entwickeln die meist schon bestehenden Zukunftstechnologien weiter,
  • Soziolog*innen beleuchten die gesellschaftlichen, gruppendynamischen Prozesse,
  • Agrarökolog*innen untersuchen die Herausforderungen für die Landwirtschaft,
  • Psycholog*innen beobachten z.B. die gefühlte Hilflosigkeit angesichts dieser Krise,
  • Jurist*innen versuchen global, Klimaschutz einzuklagen,
  • etc. pp. pp.

Details: Gendering in diesem Buch | Begriff 'Klimaschutz'

Why? Sprache formt das Denken, „Sprache konstruiert Realität … [und] lässt Bilder in unseren Köpfen entstehen. Wenn Sprache nicht alle mitdenkt, dann reproduzieren wir bestehende Ungleichheiten und Machtverhältnisse“ (Jeffries 2020, 35). Gewissermaßen ist Sprache Framing – sie setzt den Rahmen im Gespräch. Und: Wenn ich über einen Vorstandsvorsitzenden spreche, entsteht tendenziell das Bild eines männlichen Vorstands, zumal die Erfahrung dies für die Vergangenheit i.d.R. auch bestätigt. Wenn ich also die weibliche Form oder die inklusive Form in meiner Sprache mit einbeziehe, rüttle ich automatisch an diesen Strukturen und formuliere einen Subtext: ‚Alles könnte anders sein. Es soll künftig anders sein.‘ Weissenburger fügt hinzu, das „Forscher*innen der Freien Universität Berlin festgestellt [haben], dass sich Grundschulkinder bestimmte Berufe eher dann selbst zutrauten, wenn diese gegendert vorgelesen wurden“ (2020, 35).

Das Wort ‚Klimaschutz‘ trifft nicht den Kern der Sache. Wir schützen nicht das Klima um des Klimas willen. „Das Klima braucht unseren Schutz nicht – was wir eigentlich schützen wollen, ist nicht weniger als unsere eigene Lebensgrundlage“ (Wieczorek/ Mathis 2020). Wir schützen das Klima nicht vor uns, wir schützen das Klima um unseretwillen: Durch ‚Klimaschutz‘ schützen wir uns vor den Folgen eines gefährlichen Klimawandels (vgl. Soziologe Nico Stehr in Beyer 2019, 21). In den Worten von Eckhart von Hirschhausen: „Wir müssen nicht ‚das Klima‘ retten – sondern uns!“ (vgl. S. 246). Wieczorek/Mathis führen aus, dass „Sprache … Ausdruck unseres Denkens [ist]. Die Sprechweise vom ‚Klimaschutz‘ verdeutlicht, dass wir das eigentliche Problem noch nicht verinnerlicht haben oder es gar verdrängen. Wir reden so, als ginge es darum, etwas für jemand anderes zu tun – für jemanden, der weit entfernt ist. Dieser jemand ist das Klima. Folglich könnte man auch etwas anderes tun… [Diese] Redeweise [verschleiert] … den tatsächlichen Handlungsgrund und den akuten Handlungsdruck. Der Handlungsgrund ist, dass wir … unseren Lebensraum auf der Erde [zerstören]“ (2020). Statt isoliert vom Klimaschutz könnte man m.E. vom ‚Lebensgrundlagenschutz‘ sprechen – und dieser Begriff schließt auch den Aspekt ‚Massenaussterben‘ mit ein, vereint also die Zwillingskrisen in einem Wort.


Sich als Bürger*in mit der Klimakrise auseinanderzusetzen kann mühsam sein, aber das Thema ist vom Prinzip her nicht schwierig zu verstehen:

  • Es ist ein mühsames Thema. Mühsam, weil die Informationen gewöhnlich so weitläufig verstreut sind, dass das ohnehin vielschichtige Thema unnötig komplex gerät.
  • Kompliziert hingegen ist das Thema nicht, die Grundfakten sind eigentlich vollkommen simpel: Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt. Die Natur setzt uns die Pistole auf die Brust. Es geht nicht mehr so weiter wie bisher.
    Aber diese an sich simple Wahrheit auch emotional zuzulassen und darüber nicht passiv zu verzweifeln – das empfinden viele Menschen als schwierig.

Sollten Ihnen die Ausführungen des ‚Handbuch Klimakrise‘ zuweilen heftig oder ‚krass‘ vorkommen, so möchte ich darauf hinweisen, dass hier vor allem, ja, fast ausschließlich Autor*innen von Mainstream-Qualitätsmedien wie Süddeutsche Zeitung, tageszeitung, Spiegel und Zeit, renommierte Klimaforscher*innen wie beispielsweise Friederike Otto, Stefan Rahmstorf, Hans Joachim Schellnhuber sowie etablierte Wissenschaftler*innen wie u.a. Maja Göpel, Michael Kopatz und Harald Welzer zitiert werden.

Was die Ausführungen des Handbuches m.E. drastisch erscheinen lässt, liegt in erster Linie an der hohen Konzentration des Materials: Sie halten hier das Kondensat, Destillat, gewissermaßen den Nukleus dessen in der Hand, was in den letzten Jahren über das Themenspektrum Klimakrise/sechstes Massenaussterben seriös veröffentlicht wurde. Und eine solche Zusammenschrift hat eine ganz andere Dimension als die Lektüre eines vereinzelten Zeitungsartikels oder eines Buches zu einem Teilthema. Hinzu kommt, dass die Vielzahl der Quellen und Zitatgeber*innen m.E. eine möglicherweise einschüchternde Wirkung haben könnte, weil eben der Befund so vielstimmig und in diesem Sinne Kompetenz-geballt daherkommt.

Falls Sie diesen ‚Thriller der Realität‘ mal beiseitelegen möchten – tun Sie das. Alternativ könnten Sie sich zu dem Abschnitt Ohnmachtsgefühle & erlernte Hilflosigkeit: Klimakrisen-Depression begeben, dessen Inhalt weniger negativ ausfällt, als der Titel nahelegt, sondern vielmehr Angebote unterbreitet, wie man konstruktiv mit dem in der Tat psychologisch zunächst schwierigen Befund ‚Existenzielle Gefährdung der Lebensgrundlagen der Menschheit‘ umgehen kann.


Liebe Leser*innen, so absurd und grotesk es angesichts der langen Menschheitsgeschichte anmutet: Wir – Sie und ich, genauer: ausgerechnet uns, den derzeitigen etwa drei Erwachsenengenerationen, fällt die historisch einmalige Rolle zu, Entscheider*innen zu sein über das weitere Schicksal der Menschheit bzw. der Biosphäre, wie wir sie kennen. Unser Handeln oder Nicht-Handeln wird den Unterschied machen. „[D]ie Zukunft aller kommenden Generationen ruht auf unseren Schultern“ sagt der Dalai Lama (zit. in Alt 2020,43). Und: Wir sind, frei nach Barack Obama, die letzten Erwachsenen, die noch die Option haben, die ganz große Katastrophe abzuwenden.

Details: Obama-Originalzitat

Barack Obama 2014 auf Twitter: „We are the first generation to feel the effect of climate change and the last generation who can do something about it“. vgl. https://twitter.com/barackobama/status/514461859542351872?lang=de (Abrufdatum 2.2.2020)

Dabei erwächst in Deutschland den hiesigen Rentner*innen eine besondere Verantwortung, da sie aufgrund der hiesigen Bevölkerungsstruktur eine entscheidende Wähler*innengruppe stellen. Auf ihr politisches Verhalten wird es unmittelbar mit ankommen. Charmant ausgedrückt: Liebe Generation 60+, wir benötigen Ihre Unterstützung, insbesondere als Grannys & Grandpas for Future. Politischer ausgedrückt: Ich nehme Sie, liebe*r ältere*r Leser*in, hier explizit in die Pflicht und fordere Sie auf, zugunsten der Familien Ihrer Kinder und für Ihre Enkel*innen die Zukunft zu wählen und darüber hinaus im Rahmen Ihrer persönlich Möglichkeiten politisch aktiv zu werden: Kreuzfahrt oder Enkel – das kann hier nicht die Frage sein.

Doch egal, welcher Erwachsenengeneration wir angehören und wo wir Industriestaatler*innen auf dem Planet verortet sind: Es ist unser aller Aufgabe und Gebot, von unserem hohen Ross namens ‚Bequemlichkeit/Verdrängung‘ herunterzusteigen und alles und wirklich alles zu unternehmen, um die Zivilisation zu bewahren. Es liegt in unserer Verantwortung, mindestens einen grundlegenden Wohlstand für unsere eigenen Kinder und Enkel*innen sowie für alle Kinder und Kindeskinder dieser Welt – der ganzen Welt – zu bewahren.

Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus?

  • Wie alt werden Sie, Ihre Kinder und Ihre Enkel*innen im Jahre 2050 bzw. 2100 sein?
  • Wünschen Sie sich, dass Ihre Nachfahren gesund leben können und genau wie Sie Nachfahren haben werden können?


Es heißt des Öfteren, wir hätten kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit (vgl. z.B. Mojib Latif 2019a). Richtig ist, dass die Kernbotschaft eines anthropogenen Klimawandels mittlerweile angekommen ist – und ja, wir müssen sofort ins Handeln kommen. Doch ist Greta Thunberg immer wieder zu recht darüber erstaunt, wie bestürzend wenig Politiker*innen und Bürger*innen über die Klimakrise wissen: „When I talk to people they don’t even have the basic facts… people don’t know that we have actually a carbon budget“ (Thunberg 2019). Das deckt sich exakt mit meiner persönlichen Wahrnehmung:

Wir haben ein Tragweitendefizit – vielen Menschen ist der Ernst der Lage, die Dimension, Vielschichtigkeit und Dringlichkeit der Klimakrise und des sechsten Massenaussterbens vollkommen unklar.

Lücken dieser Art füllt das ‚Handbuch Klimakrise‘.


Transparenz durch Offenlegung

Ich, Marc Pendzich, Autor dieses Buches,

  • stehe keiner Partei besonders nahe, agiere unabhängig und bin politisch eher links der Mitte zu verorten,
  • beziehe mein Einkommen ausschließlich aus meinen Tätigkeiten rund um die Musik, d.h. als Musiker, als Autor und als freier Dozent im Fachbereich Systematische Musikwissenschaft. Ich habe weder einen Sponsor, einen Mäzen noch bin ich mit einem in diesem Buch bzw. auf dieser Website relevanten oder verlinkten Nicht-Musik-Unternehmen finanziell oder geschäftlich verbunden.
  • erhalte im Zusammenhang mit diesem Buch/E-Book/Webportal weder bis dato noch für die Zukunft vereinbart bzw. in Aussicht gestellt irgendwelche Gelder oder andere Zuwendungen. Gleiches gilt für meine Familie. Einzige Ausnahmen bilden das Autorenhonorar, welches mir BoD für das vorliegende Buch bzw. E-Book zahlt, dessen Höhe jede*r Leser*in via BoD-Website nachvollziehen kann und die Tantiemen von der VG Wort. Ich gehe nicht davon aus, dass das Projekt Handbuch Klimakrise jemals Gewinn abwerfen wird – und das ist ja auch nicht die Motivation.
  • bin über mein Musiklabel vadaboéMusic Mitglied des Zukunftsrat Hamburg und dort ehrenamtlich im ‚Arbeitskreis Klimakrise‘ sowie im Leitungsgremium ‚Koordinierungskreis‘ tätig.
  • bin Mitglied des Verkehrsclub Deutschland e.V. (VCD) und Autofrei leben! e.V. sowie Fördermitglied von Greenpeace e.V. und der Deutschen Umwelthilfe e.V. (DUH).
  • habe gemäß der Statuten von Autofrei Leben! e.V. keinen eigenen Pkw und nutze Autos nur im dringenden Ausnahmefall.

Viele Menschen finden es offenbar enorm wichtig, Politiker*innen und die Greta Thunbergs dieser Welt nie und niemals Wasser predigen und doch Wein trinken zu sehen. Diesen Menschen möchte ich entgegenhalten, dass Fakten, Daten und Argumente nicht wahrer oder falscher werden, gleich aus welchem Mund sie kommen und wie sich die argumentierende Person persönlich verhält.

Nun, dieses sog. ‚Argumentum ad hominem‘ (vgl. S. 213) ist offensichtlich ein (zumindest westlich geprägten) Menschen regelrecht eingepflanztes Reaktionsmuster, das selbstredend nicht durch das Verfassen des vorherigen Absatzes verschwinden wird. Daher möchte ich an dieser Stelle anmerken, dass ich lieber langsam lebe und das Webportal LebeLieberLangsam.de betreibe, weder perfekt bin noch sein möchte, jedoch tatsächlich und ausnahmslos nicht fliege, als Städter niemals ein Auto besessen habe, vegetarisch lebe (‚alles was keine Augen hat‘), Milchprodukte i.d.R. Bio kaufe, keine Erdbeeren im November esse, kein Smartphone besitze, persönlich eine jährliche CO₂-Bilanz von 5,05 Tonnen habe (vgl. S. 74, Durchschnitt in Deutschland = 11,6t), Ökostrom beziehe, mein Konto bei einer Ökobank habe und Palm-frei lebe. Das alles fällt mir leicht – mit Askese hat das nichts zu tun: Ich lebe ein einfaches Keep it simple-Leben und genieße meinen auf diese Weise möglichen Zeitwohlstand: Liebe*r Leser*in: Die härteste Währung der Welt ist nicht Geld, sondern Zeit.

Manche Leser*innen mögen mich nun vielleicht angeberisch finden. Wegen des seltsamen ‚Argumentum ad hominem‘ aber möglicherweise auch glaubwürdiger.     


Es ist zwar gut und richtig, seine CO₂-Emissionen in den Griff zu bekommen und vor allem das Fliegen zu unterlassen. Prima also, wenn Sie sich umwelt-/klimabewusst verhalten – aber überfordern Sie sich damit nicht: Wichtiger als Teebeutel korrekt zu kompostieren ist – aufs Ganze gesehen –, daran mitzuwirken, dass die Politik eine andere wird. Das ist der große Hebel. Ohne eine andere Politik werden wir es nicht schaffen. 

Ergo: Das Leben wie wir es kannten, ist vorbei. Viele von uns haben es nur noch nicht gemerkt. Lassen Sie uns bzw. lasst uns schon mal los-, voraus- und vorangehen. Das birgt aufgrund des Gefühls der Selbstwirksamkeit auch depressiven Gefühlen angesichts der desolaten Weltlage vor. 

Wir – als Einzelperson und als Menschheit – haben die Wahl, wie wir mit der Klimakrise und dem sechsten Massenaussterben umgehen: by design or by disaster.       

Marc Pendzich. 

Details: Form der Ansprache Sie/Du/Wir/Euch | Inspiration 'by design or by disaster'

Auf den 700 Seiten verändere ich ab und zu die Form der Ansprache und wechsle vom ‚Sie‘ zum ‚Euch‘. Oder ich schreibe ‚wir‘ und dann wieder ‚ich‘. Der Autor dieses Buches würde sich freuen, wenn Sie/Du ihm das nachsehen und es als einen Akt kreativer Freiheit betrachten könnten/könntest: Beispielsweise fühlen sich motivierende Aussagen gesiezt tendenziell gestelzt an, an anderen Stellen bedarf die Ansprache genau dieser Distanz…

Dass wir derzeit noch die Wahl haben, den immensen Herausforderungen ‚by design or by disaster‘ zu begegnen, stellte Niko Paech schon 2012 in seinem Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie (S. 143) überaus treffend heraus: Das Zeitfenster ist seither erheblich geschrumpft.

Quellen des Abschnitts Vorwort
  • Alt, Franz (2020): Der Klima-Appell des Dalai Lama an die Welt. [Der Dalai Lama im Gespräch mit Franz Alt]. Benevento, S. 43.
  • Beyer, Susanne (2019): „‚Mehr Demokratie wagen‘“. [zit. den Soziologen Nico Stehr]. in: Der Spiegel Nr. 41/5.10.2019, S. 21.
  • Gottschalk, Katrin (2020): „Ästhetisch einwandfrei“. in: tageszeitung, 14.10.2020, S. 12.
  • Jeffries, Victoria (2020): „Wie Sprache Realität formt“. [Gesprächsprotokoll aufgezeichnet durch Peter Weissenburger und Simon Sales Prado]. in: tageszeitung, 6./7.6.2020, S. 35.
  • Latif, Mojib (2019a): „Nach uns die Sintflut?“. [Bericht über Vortrag von Latif, ohne Autor]. in: Westfälische Nachrichten, 27.6.2019, online unter https://www.wn.de/Muenster/3845867-Prof.-Dr.-Mojib-Latif-in-Muenster-Nach-uns-die-Sintflut (Abrufdatum 2.7.2020)
  • Thunberg, Greta (2019) im Interview mit Tagesschau/NDR auf dem Rathausmarkt in Hamburg, 1.3.2019, online unter https://www.youtube.com/watch?v=QDni0yoPBrs (Abrufdatum 18.5.2020), ab Minute 30.
  • Weissenburger, Peter (2020): „Inklusiv schreiben und sprechen“. in: tageszeitung, 6./7.6.2020, S. 35.
  • Wieczorek, Florian u. Mathis, Okka Lou (2020): „Klimagerechte Sprache: Mensch, dein Lebensraum!“. in: Klimareporter, 26.9.2020, online unter https://www.klimareporter.de/gesellschaft/mensch-dein-lebensraum (Abrufdatum 28.9.2020)



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