Wir Verdrängungskünstler*innen



Realitätsverweigerung:
„Weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf.“


Über die für viele Menschen unerträgliche Wahrheit, am eigenen Ast zu sägen:

Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen?

Wer viel zu verlieren hat, neigt dazu, Fakten und Nachrichten, die seinen Interessen entgegenstehen, zu verharmlosen, zu ignorieren, zu leugnen oder gar sich eine Art Gegenwelt aufzubauen – vgl. z.B. Raucher*innen, die gegen jegliche Statistik ‚anrauchen‘.

  • Der Soziologe Harald Welzer spricht hier von Dissonanzreduktion und meint damit, dass Menschen dazu neigen, sich ihre Welt ‚zurechtzudenken‘, sodass unangenehme Fakten/Geschehnisse sich wieder in die eigene Logik, ins eigene Denken und ins Weltbild passen: Menschen halten Widersprüche nicht gut aus und reduzieren dissonante Fakten durch Verharmlosung, gleichen sie also durch angebliche Lebenserfahrung oder Gedankenkonstrukte aus, sodass sie aushaltbar werden1: Raucher*innen zum Beispiel verweisen dann allzu gerne auf Helmut Schmidt.
    • „Daher wird die Wahrnehmung der Wirklichkeit der eigenen Überzeugung angepasst, weshalb Raucher Lungenkrebsstatistiken für überbewertet halten und Anlieger von Kernkraftwerken das Strahlungs- und Unfallrisiko regelmäßig niedriger einschätzen als Menschen, die weit entfernt von Atommeilern leben“ (Welzer 2016, 32-33).2
    • Menschen, die sich per Dissonanzreduktion fest in ihrem Leben eingekerkert haben, sodass mit ihnen ein wirklicher Austausch von Argumenten kaum mehr möglich ist, strahlen oft eine seltsam satte Zufriedenheit aus.

      Anselm Grün merkt dazu an:
      • „Die satte Zufriedenheit kommt zustande, wenn wir alles, was uns beunruhigt, verdrängen oder abspalten. Hinter der satten Zufriedenheit steckt die Angst vor allem Beunruhigenden. Daher reagieren satte Zufriedene oft sehr aggressiv auf Menschen, die sie kritisieren oder infragestellen“ (2019, 62-63).
  • „[E]s ist immer einfacher, die Realität zu leugnen, als zuzulassen, dass unsere Weltanschauung erschüttert wird – eine Wahrheit, die für eingefleischte Stalinisten auf dem Höhepunkt der politischen Säuberungen ebenso galt wie heute für die libertären Klimaleugner“ (Klein 2015, 52).


Eine typische Reaktion ist, die kritisierende Person (z.B. Greta Thunberg) oder die Quelle (z.B. dieses Handbuch oder den IPCC (Weltklimarat)) in Zweifel zu ziehen:

  • „In der Psychologie nennt man solches Verhalten übrigens ‚Versuch der kognitiven Dissonanzreduktion durch Abwertung der Informationsquelle.‘“ (Stöcker 2019)


… oder auch ‚Argumentum ad hominem „Was willst Du mir über Alkohol sagen?“ – Selbst wenn der Gegenüber (ebenfalls) eher zu viel trinkt – seine Aussage wird dadurch nicht richtiger/falscher – die Aussage bleibt qualitativ gleich – und wenn wir schlau sind, hören wir dem Menschen lieber mal zu.

Nguyen-Kim, Mai Thi (2018): „Die schlechtesten Argumente im Internet“. in: maiLab, 31.10.2018, online unter https://www.youtube.com/watch?v=AlSmcBbT15Y/ (Abrufdatum 30.9.2019)
  • Insofern: Wenn ein ‚Ad hominem‘ fällt, sollte man nicht in die Falle gehen und stattdessen diese Unlogik ggf. im Gespräch benennen (vgl. Nguyen-Kim 2019).

Bedenke nur das Argument.

>> s.a. auch Vorwort S. 19

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Der Psychologe Dieter Frey von der Universität München: „Die Menschen verdrängen, wenn sie nicht wissen, was zu tun ist, oder wenn sie keine Chance sehen, ein Ziel zu erreichen.“ (zit. in Hermann 2020). „Unangenehmen Wahrheiten, das haben viele Studien gezeigt, gehen Menschen gerne aus dem Weg, indem sie den Kopf in den Sand stecken. Börsenhändler checken ihr Depot nicht mehr, wenn die Kurse fallen; Raucher blenden Informationen über die schädlichen Folgen ihrer Sucht aus; oder – noch konsequenter – man leugnet das Problem als Ganzes. Corona sei ein Fehlalarm, der Klimawandel eine Lüge, heißt es dann“ (ebd.). Oder man öffnet seine Post nicht mehr und wundert sich dann, wenn die/der Gerichtsvollzieher*in vor der Tür steht.

2 Wir alle sind – wenn es um uns betreffende Themen geht – massiv interessensgeleitet: Der Aussage, der Klimawandel sei wissenschaftlich belegt, „stimmen 75 Prozent der Befragten insgesamt zu, 25 Prozent widersprechen. In den Branchen Bergbau, Energie, Chemie und Metall jedoch liegt der Wert mit 44 Prozent fast doppelt so hoch“ (Steinwede 2019).

Insbesondere das Gewahrwerden der Klimakrise löst regelmäßig solche Reaktionen aus – und dann wird die Krise relativiert – die folgenden Sätze kennt jede*r von uns, wie Harald Welzer ausführt:

  • „Zum Beispiel lässt sich sagen, dass jede eigene Anstrengung ohnehin von den Chinesen, den Indern, den Russen und den Brasilianers unterminiert wird: Alle sind sie um die Vermehrung ihres Wohlstandes bemüht, um den Preis, dass alle eigenen Anstrengungen, die Welt doch noch zu retten, sich im Angesicht der jährlichen Emissionsstatistik von vornherein in Luft [besser: in CO₂] auflösen. Oder von ‚den Politikern‘ fordern, dass sie mal endlich ein transnationales Klimaabkommen beschließen sollen. Vorher könne man ja sowieso nichts machen. Oder, auch sehr beliebt, auf die ‚Menschheitsgeschichte‘ weisen und aufgeklärt mitteilen, dass ‚der Mensch‘ ja erst lernt, wenn die Katastrophe schon geschehen ist. Wahlweise: dass ‚dem Menschen‘ am Ende ja immer etwas einfallen sei, was die Katastrophe abgewendet habe. Was sind solche Sätze? Mentale Anpassungen an sich verändernde Umweltbedingungen“ (2016, 33).

Hiermit ist auch eine (Teil-)Erklärung gegeben, weshalb Aufklärungskampagnen gewöhnlich – und erst recht, was die für Europäer*innen nicht-gleich-morgen-unmittelbar-lebensbedrohliche Klimakrise betrifft – scheitern bzw. nur äußerst geringe Wirkung haben.

Welzer hält dazu fest, dass „negative Argumente [keine]… proaktiven Handlungen motivieren.1 Dass mag im Rahmen akuter Notfallsituationen funktionieren, aber nicht dann, wenn die Benutzeroberflächen der Konsumgesellschaften noch glänzen und zu funktionieren scheinen“ (ebd., 34-35).

Details: Erläuterungen zu (1)

Mojib Latif: „Wir als Forscher haben einen Kardinalfehler begangen. Wir haben naiv geglaubt, dass Wissen automatisch zum Handeln führt. Das ist aber nicht der Fall. Politikerinnen und Politiker wissen seit 30 Jahren, was Sache ist“ (2020).

In diesem Sinne kann auch Upton Sinclairs Feststellung

„Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängig ist, es eben nicht zu verstehen.“

Upton Sinclair (1885-1951), „It is difficult to get a man to understand something, when his salary depends upon his not understanding it!“ (Sinclair, o.J.)

nahtlos auf das Verhalten von Menschen in der Klimakrise übertragen werden.


Denn es geht schlicht auch um Besitzstandswahrung:

So ziemlich jeder Mensch der Industrieländer hat eine Menge zu verlieren, wenn er sich wirklich auf die Wahrheit einlässt, die die Klimakrise für uns bereit hält.

Sich auf diese Wahrheit einzulassen, bedeutet im Grunde,

  • sich selbst den Boden unter den Füßen wegzuziehen,
    • das bisherige Leben mit all seinen Bequemlichkeiten, des Überflusses, der Shopping-Malls, der Entgrenzung – also: sich selbst – in Frage zu stellen und
      • das eigene bisherige Leben – will man sich künftig noch selbst in die Augen schauen können – was Konsumismus angeht, weitgehend hinter sich zu lassen.


Ein Zwischengedanke:
Vielleicht ist ja die in Deutschland immer wieder heftig aufflackernde Diskussion um das Tempolimit unterschwellig mehr als ein Diskurs um die Geschwindigkeitsbegrenzung von Autos? Geht es möglicherweise vielmehr um die Frage, ob unsere Gesellschaft generell bereit ist, sich in Konsum- und Bequemlichkeitsfragen zurückzunehmen und zu reglementieren? Die irrationale Wut bei gleichzeitiger Anrufung des ‚gesunden Menschenverstandes‘ durch einen Verkehrsminister legt dies nahe.


Wichtig: Es geht hier bei alledem nicht nur ausschließlich um irgendwelche Millionäre oder Topmanagerinnen der fossilen Industrie – sondern um

  • Politiker*innen,
  • Angestellte,
  • Autobesitzer*innen,
  • Friseur*innen mit Wochenendhäuschen,
  • Eltern, die ihren Kindern etwas ‚bieten‘ möchten,
  • Steuerberater*innen mit dem Hobby ‚Tauchen‘,
  • Tauchlehrer*innen, die gern Lachs essen,
  • Professor*innen, die gern an internationalen Kongressen teilnehmen und
  • Rentner*innen, –

kurz: um (fast) jede*n von uns.


Um fast jeden von uns, außer vielleicht

  • den tatsächlich eher raren Ausnahmen, die oft mit verächtlichem Unterton als Gutmenschen1, Träumer*innen2 und Idealist*innen bezeichnet werden und
  • einigen noch in Ausbildung befindlichen jungen Menschen, die noch nicht established sind.
Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Hier sei die Frage gestattet, was eigentlich das Gegenteil von einem Gutmenschen ist? Und entspricht dieser angebliche Normalfall eines Menschen folglich dem Menschenbild eines Nicht-Gutmenschen? (s.a. Fußnote S. 391). Wesentlich konstruktiver ist wohl der Begriff ‚Weltverbesserer*in‘. Geo Perspektive hat im Herbst 2020 solchen Menschen eine ganze Ausgabe gewidmet.

2 Wer träumt hier eigentlich? Doch wohl eher diejenigen, die uninformiert-diffus an ein ‚Weiter so‘ glauben. Es kann zuweilen spannend sein, diese Frage mit Träumenden zu erörtern: Machen wir mal eine Dichotomie auf, die selbstredend nur ein grobes Modell sein kann – in der Praxis werden viele, viele Grau- und Zwischentöne existieren: Menschen, die für ein ‚Weiter so‘ stehen, halten Veränderungen im großen Stil angesichts noch nicht erfundener Erfindungen für nicht notwendig und können sich Veränderungen im großen Stil angesichts der angeblichen Gier von Menschen und angesichts der globalen Dimension der Herausforderung ‚Klima‘ nicht vorstellen – daher sind sie passiv-bequem und sehen sich selbst auf Basis des negativen Menschenbildes als Realisten und die Veränderungswilligen als Träumer. | Menschen, die für Veränderung einstehen, erkennen die heutige Situation als noch nie dagewesen an und halten deshalb den Veränderungssprung für nötig und, auf Basis eines possibilstischen Menschenbildes, mittels nicht-technischer Entwicklungen für möglich. Daher sind sie aktiv-unbequem und sehen sich als Realisten, die wissen, dass es das träumerische ‚Weiter so‘ nicht geben kann und nicht geben wird. Der Unterschied zwischen beiden Positionen liegt vor allem in den Chancen auf Zukunft: Ein ‚Weiter so‘ führt unweigerlich ins aus, Veränderung bewahrt eine Chance. Update August 2020: Thunberg/Neubauer et al. greifen diesen Gedanken ebenfalls auf: „Vielleicht erscheinen .. [unsere Forderungen] einigen unrealistisch. Doch anzunehmen, dass die Menschheit in der Lage wäre, die globale Erhitzung zu überleben, auf die wir aktuell zusteuern, ist um ein Vielfaches unrealistischer“ (2020).

Also, die Wahrheit ungeschminkt zuzulassen, bedeutet, wirklich zu akzeptieren, dass es nicht mehr so weiter gehen kann – und dass das bisherige Leben ein Stück weit zu Ende ist.

Und das ist etwas, was nicht sein kann, weil es nicht sein darf. Ein Scheitern des Lebens, in das man sich eingerichtet hat, ist für die allermeisten Menschen keine Option, wie Harald Welzer und Niko Paech prägnant ausführen:

Auf Regierungsebene sieht das dann so aus:

  • „Die Regierung formuliert nur Ziele, die weit in der Zukunft liegen. Was wir sehen, ist eine Simulation politischen Handelns. Das ist wie bei einem Junkie, der ständig versichert: Nächstes Jahr hör‘ ich ganz auf“ (Welzer 2020).

Auch der Privatier hat sozusagen Drogenprobleme:

  • „Genauso wie ein Heroinabhängiger wider besseren Wissen den Dealer schützt, steigt beim [fremdversorgten] Geldabhängigen mit zunehmendem Konsumniveau die panische Angst davor, dass die Geld speiende Wachstumsmaschine auch nur ins Stocken geraten könnte“ (Paech 2012, 66).

Denn, wenn jemandem auf diese Weise der Boden unter den Füßen weggezogen wird – was bleibt dann?

Oftmals nur:

Leere.

  • „Natürlich hat gegenwärtig niemand eine [konkrete, detaillierte] Antwort darauf, wie eine postkapitalistische Wirtschaft aussehen und funktionieren würde, aber das ist kein Argument gegen den Befund, dass man mit dem Kapitalismus [wie er derzeit ‚funktioniert‘1] nicht durch das 21. Jahrhundert kommen wird. Oder besser gesagt, dass nur die wenigsten mit dem Kapitalismus durch das 21. Jahrhundert kommen werden. Eine Milliarde Menschen vielleicht. Eher weniger“ (Welzer 2016, 288).2


Wie es gesellschaftlich-wirtschaftlich weitergehen könnte, können sich viele Menschen nicht vorstellen – der Gedanke, dass das Leben keine Sicherheiten bietet und kein vorgezeichneter Plan existiert, überfordert viele Bürger*innen.


Aber, liebe Mitmenschen: Es war nie anders. Das Leben bietet prinzipiell keine Sicherheiten.

Alle Sicherheit, die Menschen (z.B. durch Job, Haus, Ehe, Geld etc.) verspüren, ist prinzipiell eine Illusion.

Und ein vorgezeichneter und dann verbindlich durchgezogener Lebensplan hat ebenfalls auch noch nie existiert.

Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti (1895-1986) merkt dazu an:

  • „Wir [Menschen] wollen … keinerlei wirkliche Veränderungen, also haben wir eine Gesellschaft aufgebaut, die uns die Dauer des Besitzes, des Namens, des Ruhms garantiert. … Wir fürchten uns, Dinge zu verlieren, die wir kennen. Aber das Leben ist nicht so, wie wir es gerne hätten. Leben ist überhaupt nicht dauerhaft. Vögel sterben, Schnee schmilzt, Bäume werden gefällt oder vom Sturm geknickt, und so weiter. Wir aber wollen, dass alles, was uns Befriedigung gibt, von Dauer ist; wir wollen, dass unsere Stellung und die Autorität, die wir bei Menschen haben, andauern. Wir weigern uns, das Leben so zu akzeptieren, wie es tatsächlich ist“ (1964, 116-117).


Der Psychotherapeut Jan Kalbitzer formuliert es als Aufgabe, an der wir selbst zu wachsen haben:

  • „Im Grunde geht es darum, sich immer wieder aus der Illusion einer heilen Welt zu lösen. Wir wissen im Grunde, dass die Welt nicht sicher ist. Wir müssen lernen, das auszuhalten“ (zit. in Mast 2020).

Ergo:

Wir haben nur eines ganz sicher: Diesen Augenblick.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Oft wird – auch von mir – geschrieben, der Kapitalismus befinde sich in der Krise bzw. funktioniere nicht. Thunberg/Neubauer et al. widersprechen dem in ihrem offenen Brief an die EU im Sommer 2020 vehement – und haben m.E. genau genommen mit nachfolgendem Satz vollkommen recht: „Unser derzeitiges System ist nicht ‚kaputt‘ – das System tut genau das, was es soll und wofür es geformt wurde“ (übersetzt zit. in Blome 2020) – und folgern daraus: „Es kann nicht länger ‚repariert‘ werden. Wir brauchen ein neues System“ (ebd.).

2 Auch Schellnhuber geht von etwa einer Milliarde Überlebenden aus, andere Forscher*innen von nur 500 Millionen, Rahmstorf hingegen weist darauf hin, dass viele Kolleg*innen meinen, dass „wir niemals auf vier Grad Erwärmung kommen würden, weil uns vorher die Wirtschaft zusammenbricht und die Welt in Konflikten versinken würde“, vgl. Abschnitt Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheider*innengeneration – in Deutschland, S. 121ff.

Was auf der persönlichen Ebene für Sicherheit = Beständigkeit gilt – nämlich, dass es sich hierbei um eine Illusion handelt – gilt auch auf der gesellschaftlichen:

  • Auch der Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung wurde nicht am Reißbrett entwickelt. „Der Markt ist ja kein Naturereignis, sondern ein Kulturprodukt“1 und hat sich – unvorhersehbar, d.h. ohne Sicherheiten – über Jahrzehnte und Jahrhunderte i.d.R. kleinteilig (weiter-)entwickelt. Und ist nie stehengeblieben.

Die aktuelle Erscheinung des globalen Finanzialismus-geprägten Neoliberalismus samt der den öffentlichen Sektor aushungernden Austeritätspolitik2 verdanken wir der politischen Ära von Margret Thatcher (und ihrem ‚eifrigen Nacheiferer‘ Ronald Reagan), ist aber selbstredend auch bereits schon wieder eine Weiterentwicklung, die für Thatcher & Co so nicht absehbar gewesen ist.


Das Glaubensbekenntnis des Neoliberalismus:

Wachstum! Deregulierung! Shareholder Value!

Täglich als Affirmation in den morgendlichen Spiegel zu sprechen.

Und dann wird alles gut! Der Markt regelt das. Versprochen. Bloß nicht eingreifen.

Er will nur spielen, der Markt: Der tut nichts. Für die Umwelt. Für das Klima. Für die Ressourcenschonung. Für die Zukunft. Deiner Enkel*innen.

Waaaaaaaaaaachstum!!!

>> siehe ausführlich Abschnitt Glaubenssätze dechiffriert: Von ‚Wachstumszwängen‘ und anderen Glaubenssätzen, S. 379ff., Aspekt Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang, S. 391f.


Weiterentwicklung findet in diesem Moment statt – z.B. weil irgendein Parlament irgendwo auf der Welt bspw. ein den Handel oder den Finanzmarkt betreffendes Gesetz beschließt.

Anders ausgedrückt: Kapitalismus in seiner derzeitigen Ausprägung ist nichts Feststehendes und zudem historisch betrachtet eine sehr junge Erscheinung.

Das System bzw. das derzeitige Wirtschaftsmodell ist menschengemacht und daher auch von Menschen veränderbar.

  • Nicht-Veränderung führt ins Debakel.
  • Veränderung bietet eine Chance.

Und um diese Veränderung, um Schritte – vornehmlich in die richtige Richtung – geht es…


Oft wird beklagt, es gäbe kein definitiv funktionierendes Alternativmodell zum Kapitalismus, also könne man auch nicht raus aus dem System. (Das fühlt sich ausweglos an, wie eine Falle.)

Jörg Lange von CO2-Abgabe e.V. in der taz:

  • „Wenn wir uns nicht sicher sind, ob alternative Wirtschaftssysteme funktionieren – Konzepte gibt es genug –, dann machen wir einfach weiter mit dem System, von dem wir bereits seit Jahrzehnten definitiv wissen, dass es nicht funktioniert. Da können wir dann gleich alle kollektiv den Kopf in den Sand stecken.“

Der Verbleib im unveränderten, bisherigen System ist keine Option.

Die gute Nachricht aber ist, dass die Grundannahme, wir bräuchten ein definitiv funktionierendes Alternativmodell zum Kapitalismus, um raus aus dem bisherigen System zu können, bereits einen Irrtum darstellt: Es gibt viele Probleme auf der Welt, ja. Aber dieses gehört glücklicherweise nicht dazu. Es ist ein Problem, dass keines ist, weil es nicht existiert…

Folgende Überlegungen:

  • Selbst wenn es ein vielversprechendes Alternativsystem gäbe. Denken Sie, wir gehen alle am 31.12.20xx schlafen und am Morgen danach, am Neujahrstag, gilt plötzlich ein von der Menschheit geplantes neues Wirtschaftssystem?
  • Der Kapitalismus wurde nicht am Reißbrett entworfen – warum sollte es das System/Modell der Zukunft sein?
  • Es ist gar kein „heute dies morgen das“-Systemwechsel erforderlich. Er ist weder nötig noch möglich. Es geht darum, Schritt für Schritt und auch per Trial & Error möglichst in die richtige Richtung voranzuschreiten. Allerdings in diesem Fall in einem recht hohen Tempo, denn wir meißeln uns täglich genau die Zeit weg, die wir für einen solchen Wandel benötigen – und wir nähern uns unwiderruflich den planetaren Grenzen, die wir nicht überschreiten dürfen.
  • Schritte in die richtige Richtung…
    • Es liegt nahe mit Veränderungen im Finanzsektor und der Art, wie Geld, Zins und Zinseszins derzeit funktionieren anzufangen.
    • Ich gehe davon aus, dass schon einige wenige Regeländerungen im Finanzsektor bereits fundamentale Folgen haben und die Dynamiken auf dem Planeten grundlegend ändern werden. Zum Beispiel, wenn es sich nicht mehr mittelfristig lohnt, in die Fossilindustrie zu investieren.
  • Weitere Schritte könnten sein…
    • Eine Internalisierung von Kosten, d.h. die Vollkostenrechnung von Produkten unter Einbezug sämtlicher Umweltkosten mit dem Prinzip ‚Polluter pays‘ wäre auch so ein grundlegender Schritt.
    • Die Ausrufung der globalen Klimagerechtigkeit würde dafür sorgen, dass der Globale Süden beim Bewältigen der Klimakrise mitmacht – ohne ihn wird es nicht gehen.

>> vgl. Abschnitt Ideen für eine nachhaltige Zukunft, S. 484


Also, zurück zu dem Gedanken, dass der Kapitalismus nicht am Reißbrett entwickelt wurde und sich täglich weiterentwickelt, verändert, nicht stillsteht…

Und was für das Wirtschaftssystem und die Gesellschaft gilt, gilt gleichermaßen wiederum auch auf individueller Ebene, für den Menschen:


Das Leben auf persönlicher Ebene und

das Leben an sich

entwickeln sich –

es gibt keinen Stillstand – panta rhei (griechisch für ‚alles fließt‘)

niemand steigt zwei Mal in denselben Fluss –

wer es dennoch versucht, d.h.

wer sich dem Fluss des Lebens verweigert, lebt nicht wirklich.


Leben ist Veränderung.

Weniger ist mehr.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Zitat des grünen Politikers Reinhard Bütikofer, 2010, zit. in Folkers/Paech 2020, 22

2 Austerität = rigorose Strenge. Austeritätspolitik ist als eine neoliberale Sparpolitik darauf ausgerichtet, sich als Staat möglichst nicht zu verschulden (vgl. ‚Schuldenbremse‘) und möglichst wenig Geld in die öffentlichen Sektoren zu stecken (vgl. ‚Sozialabbau‘, ‚Agenda 2010‘), um auf diese Weise eine Verbesserung der gesamtwirtschaftlichen Situation eines Staates zu erreichen. Was oberflächlich durchaus vernünftig klingen kann, hat in Realität krasse Folgen für Bürger*innen, wie am Beispiel der sozialen Folgen in Griechenland durch die strikten Vorgaben der EU bei der sog. ‚Eurokrise‘ zu sehen – und wie an den durch eben diese strikten Vorgaben kaputtgesparten Gesundheitssektoren Südeuropas jetzt in der Coronakrise deutlich wird. Klein erwähnt, dass sich „in Griechenland … die Feuerwehr keine Ersatzreifen für ihre Löschfahrzeuge leisten [kann], die in die brennenden Wälder fahren“ (2015, 136).

Zurück zu dem Gedanken, dass so ziemlich jede*r Deutsche viel zu verlieren hat.

Ein Grundproblem ist, dass die meisten Menschen ihren Luxus als ‚normal‘ ansehen.1

Aber:

‚Normal‘ kann nur sein, was den Planeten nicht an die Wand fährt.2

Zu suchen ist auf gesellschaftlicher, politischer, philosophischer und individueller Ebene nach dem ‚menschlichen Maß‘3. Und dies hat sich – logischerweise – am CO₂-Budget der Menschheit, bzw. Am CO2-Budget des Landes bzw. am CO₂-Budget der Individuen zu orientierten.

  • Wer die Zahlen nicht kennt, wird mir vermutlich zustimmen.
  • Wer die Zahlen (z.B. auf Basis dieses Handbuchs) kennt, wird sich – immer wieder ist das zu erleben – jeder weiteren Diskussion verweigern: Weil unser derzeitiger Lebensstil in dieser Perspektive nicht zu halten ist.

Doch ist es so: Wir haben gar nicht die Wahl. Denn der Planet verhandelt nicht. Anpassen oder weichen (frei nach dem ‚Spatenrecht‘: ‚Deichen oder weichen‘). Ich rate zu ersterem.

Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 Harari spricht von einem „ehernen Gesetz der Geschichte“ (2015, 114): Gemäß diesem wird „ein Luxus schnell zur Notwendigkeit … und [schafft] neue Zwänge… Sobald wir uns an einen Luxus gewöhnt haben, verkommt er zur Selbstverständlichkeit. Erst wollen wir nicht mehr ohne ihn leben, und irgendwann können wir es nicht mehr“ (ebd.) – Das „Können“ ist oft psychisch bedingt, aber teilweise sind uns zur Führung eines ‚einfacheren Lebens‘ schlicht notwendige Kulturtechniken abhanden gekommen.

2 Und, im Ernst, ‚normal‘ bzw. ‚statthaft‘ ist doch wohl eher der Lebensstandard unser (Ur-)Großeltern gewesen – mit denen auch ich nicht tauschen möchte. Aber so wie es gerade läuft, läuft es: nicht. Es geht mutmaßlich darum, ein CO2-armes Best-of-both-worlds-Szenario zu entwickeln.

3 Der Begriff ist hier im Sinne von Niko Paechs Ausführungen in seinem Buch Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie (2012) zu verstehen. Der Begriff wurde wohl erstmals von Ernst Friedrich Schumacher als deutscher Buchtitel seines wegweisenden Ökonomie-Buches Small Is Beautiful (1973) verwendet, welches 1977 unter dem Namen Small Is Beautiful. Die Rückkehr zum menschlichen Maß erschien. Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti gibt einen Fingerzeig, worin dieses ‚menschliche Maß‘, also das ‚Genug‘, bestehen kann: „Wenn Sie genug Kleidungsstücke, Schmuck und so weiter haben, müssen Sie darüber nicht philosophieren. Sobald sich aber Bedürfnissen auf das Gebiet der Habgier zubewegen, beginnen Sie zu philosophieren, zu rationalisieren und Ihre Habgier wegzuerklären. … Ein Reisender muss vielleicht ein Auto haben, einen Mantel und so fort. Das sind Bedürfnisse. Sie brauchen ein bestimmtes Wissen und Geschicklichkeit, um Ihr Handwerk auszuüben. Dieses Wissen aber kann zum Instrument der Habgier werden. Aus Habgier benutzt der Geist die Dinge des Bedarfs als Mittel zur Selbsterhöhung. Es ist ein sehr einfacher Vorgang, wenn Sie ihn beobachten. Wenn Sie sich Ihrer tatsächlichen Bedürfnisse bewusst sind und deshalb sehen, wie Habgier einsetzt, wie der Geist die Gegenstände des Bedarfs zu seiner eigenen Überhöhung benutzt, dann ist es nicht sehr schwierig, zwischen Bedürfnis und Habgier zu unterscheiden“ (1964, 152).


Quellen des Abschnitts Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen?



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