Fatalismus und Klimakrise

Die ganze Welt ist eine große Geschichte, und wir spielen darin mit.
Michael Ende,1988, in: Momo, DTV. S. 100


Es gibt sowohl die individuelle Rückzugsebene à la „Was kann ich schon tun…“; „ob in China ein Sack Reis umfällt…“ als auch die gesellschaftliche Ebene, auf der dann etwa so lamentiert wird: „Das hat doch alles keinen Sinn, der Zug ist abgefahren, es ist zu spät, Deutschland ist zu machtlos bla-bla, bla-bla, bla-bla et cetera…“

  • Selbstverständlich hat Wirkung und Einfluss, was Deutschland beschließt, welche Normen es setzt, wie das Land mit seinen Partnern verhandelt, welche Waren es importiert, was es nicht exportiert und welche Innovationen es entwickelt.

    Wir leben in einer der größten Volkswirtschaften der Welt. Und auch wenn China mächtiger wird – natürlich haben alle G7- und G20-Staaten bedeutenden Einfluss

>> vgl. dazu Aspekt Deutschlands herausragende Verantwortung S. 83

  • Und erst Recht hat die Europäische Union Einfluss auf das die politischen Entscheidungen und die Handlungen in der Welt.
    • Gerade stellt sich die EU einer der wichtigsten Herausforderungen:

      „[D]ie neue Kommission [will] sofort mit der Arbeit an einer CO₂-Grenzsteuer [‚Carbon Border Tax‘ oder auch ‚Anpassungsmechanismus‘] starten. Die Abgabe soll für Importe gelten, die nicht gemäß den EU-Klimastandards produziert wurden. So soll sichergestellt werden, dass die Klimagesetze für EU-Firmen nicht zum Nachteil im globalen Wettbewerb werden“ (Becker/ Müller 2019), d.h. man möchte mittels eines Ausgleichsmechanismus‘ „das Risiko von CO2-Abwanderung reduzieren“ (EU-Kommission in Kaiser 2019, 9)
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Die Niederlande spielen mit dem Gedanken eine ‚Wegzugsteuer‘ einzuführen, um es Konzernen nicht zu leicht zu machen, den Steuersitz zu ändern: „Großunternehmen sollen 15 Prozent ihrer einbehaltenen Gewinne abführen, wenn sie in ein Land abwandern, das keine Dividendensteuer erhebt“ (Böcking/Hecking 2020, 74).

  • „Und gleichzeitig [soll dieses Instrument] EU-Firmen bezuschussen, die weniger klimaschädliche und deshalb zunächst teurere Produkte exportieren wollen. Aber noch weiß niemand, wie diese Grenzsteuer praktisch funktionieren soll, weil in einem VW [Volkswagen] eben Teile aus aller Welt stecken. Die EU muss also die Klimabilanz jeder einzelnen Schraube kennen“ (Arzt 2020, 12).
  • Unterschätzt wird jedoch, wie groß der Binnenmarkt der Europäischen Union ist mit seinen 500 Millionen Einwohnern… Etwa 2/3 des Warenverkehrs findet innerhalb der Union statt (vgl. bpb 2019)1. Was das Problem einer Grenzsteuer zumindest etwas weniger dramatisch erscheinen lässt, als allgemein angenommen.
  • Und wir Bürger*innen haben wiederum Einfluss auf den Kurs von Deutschland – und nicht nur auf dem Wahlzettel.
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Hiermit ist die Situation vor Abschluss des Brexit umschrieben. Nachfolgend – vermutlich ab 2021 – wird der Binnenmarkt 66,65 Mio weniger Verbraucher*innen umfassen.

Dass da mehr geht, haben die wöchentlichen, seit nunmehr mehr als einem Jahr stattfindenden Fridays for Future-Demonstrationen sowie der ‚Paukenschlag 2019‘ des Rezo zweifellos bewiesen.

  • Einfluss als Individuen haben wir auch auf anderen Ebenen: Alles was wir tun (oder lassen) hat irgendwie einen Impact. Ich kann nur empfehlen, sich im Gespräch nicht auf diese Opferhaltung des Gegenüber einzulassen und erst recht nicht, diese Rolle selbst anzunehmen. Das macht depressiv.

>> vgl. Aspekt Was kann Ich tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten, S. 169.



Ganz oben im ‚Intro‘ auf S. 38 schon erwähnt, hier noch einmal zentral abgehandelt: Eine gute Nachricht:

Für die Durchsetzung einer politischen Agenda benötigt man nicht unbedingt die aktive Mehrheit der Bevölkerung.

  • „Es müssen drei bis fünf Prozent der Unternehmer und Vorstände sein, die sich in diese Geschichte [eines neuen Narratives wie es weitergehen soll] einschreiben, drei bis fünf Prozent der Unterhändler auf den internationalen Klimaverhandlungen, drei bis fünf Prozent der Staatschefs, drei bis fünf Prozent der Professorenschaft, der Lehrer, der Polizistinnen, der Anwälte der Journalisten, der Schauspielerinnen, der Hausmeister, der Arbeitslosen usw. Dann potenzieren sich die Kräfte, weil das, was die einen tun, von den anderen begleitet und gefördert werden kann“ (Welzer 2016, 285).1

Man denke in diesem Zusammenhang an die Dynamiken rund um die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland 2017 – da hat dieser Mechanismus ganz hervorragend funktioniert.

  • „Der Weg in eine nachhaltige Moderne … wird nur unter der Voraussetzung wirkungsmächtig werden, dass in jedem gesellschaftlichen Segment, in jeder Schicht, in jedem Beruf, in jeder Funktion ein paar Prozent der Beteiligten beginnen, die Dinge anders zu machen“ (Welzer 2016, 285).


Kein Mensch hat das Recht zu gehorchen.2
Hannah Arendt


Welzers Aussage „wenige Prozent der Bevölkerung können viel bewirken, wenn aus allen Gesellschaftsbereichen Menschen involviert sind“ (Robson 2019) wird bestätigt durch die Forscherinnen Erica Chenoweth and Maria J. Stephan, die umfassend belegen, dass

  • friedlicher Protest in etwa doppelt so effektiv ist wie Gewalt-beinhaltener Protest – und dass
  • die Aktivierung von 3,5% der Bevölkerung ausreicht, um relevante politische Veränderungen herbeizuführen (vgl. ebd.).

Anmerkung: 3,5% = 2,87 Mio Bundesbürger*innen – bei Fridays for Future waren am 20.9.2019 immerhin laut Veranstalter rund 1,4 Mio Menschen bundesweit auf den Straßen, also immerhin rund die Hälfte der erforderlichen ‚kritischen Masse‘ (vgl. Wenderoth/Koch).

Massenbewegungen bringen Veränderung, weil sie aus einem Zustand ein Problem machen.

>> vgl. Klein 2015, 15

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Auch die Soziologin und Ökonomin Ilona Otto erklärt, dass es, [u]m das System zu ändern, … mehr handelnde Personen [braucht]. Aber anders als bei Wahlen brauchen sie keine absolute Mehrheit für einen Wandel. Politik reagiert auf Strömungen, wenn sie auf reale Probleme hinweisen… Der Erfolg der AfD in Deutschland zeigt genau das: Eine kleine Minderheit bestimmt in einem Punkt, etwa der Flüchtlingsfrage, welche Politik gemacht wird…“ (2020, 3). In der Studie ‚Die Dynamik sozialer Kipppunkte zur Stabilisierung des Erdklimas bis 2050‘ kommt Otto zu folgender Liste ‚sozialer Kipppunkte‘, die einen disruptiven Wandel herbeiführen: „Streichung von Subventionen für fossile Brennstoffe, Förderung für dezentrale erneuerbare Energien, klimaneutrale Städte, Abzug des Kapitals aus fossilen Brennstoffen und eine moralische Debatte über diese, bessere Information zu dem Thema an Schulen und eine breitere Debatte über die schädlichen Folgen von Treibhausgasen“ (Pötter 2020, 3).

2 s. gleichnamigen Buchtitel von Florian Salzberger (2016) mit dem Untertitel: Hannah Arendts Philosophie des Umgangs im Anschluss an die Narrativitätskonzeption ihres Spätwerkes, vgl. Hinweis in https://falschzitate.blogspot.com/2017/07/niemand-hat-das-recht-zu-gehorchen.html (Abrufdatum 22.6.2020). Eine Anmerkung: Nur weil eine Aussage nicht auf sämtliche Lebensbereiche anwendbar ist, bedeutet das nicht, dass die Aussage unsinnig ist. Es reicht, wenn sie insgesamt relevant und zutreffend ist.


Quellen des Abschnitts Fatalismus und Klimakrise

  • Arzt, Ingo (2020): „Klima-Streit zwischen USA und EU: Der neue Systemkonflikt“. in: tageszeitung, 24.1.2020, S 12, online unter https://taz.de/Klima-Streit-zwischen-USA-und-EU/!5653729/ (Abrufdatum 27.1.2020)
  • Becker, Markus u. Müller, Peter (2019): „‚European Green Deal‘: Von der Leyens Mondlandung“. in: Der Spiegel, 11.12.2019, online unter https://www.spiegel.de/politik/ausland/green-deal-ursula-von-der-leyens-mondlandung-a-1300814.html (Abrufdatum 12.12.2019)
  • Böcking, David u. Hecking, Claus (2020): „Fliehende Holländer“. in: Der Spiegel, Nr. 37/5.9.2020, S. 74-75.
  • bpb (2019): „Binnenhandel der Europäischen Union“. in: Bundeszentrale für politische Bildung, 19.2.2019, online unter https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/europa/70552/binnenhandel-der-eu (Abrufdatum 26.5.2020)
  • Foer, Jonathan Safran (2019): Wir sind das Klima! Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Kiwi.
  • Kaiser, Tobias (2019: „Der heile Punkt im Klima-Deal“. in: Die Welt, 12.12.2019, S. 9.
  • Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer. (Der Originaltitel ist besser gewählt: This Changes Everything: Capitalism vs. Climate.
  • Otto, Ilona (2020): „‚Sozialer Wandel ist ansteckend‘“. [Bernhard Pötter interviewt I. Otto]. in: tageszeitung, 22.9.2020, S. 3.
  • Pötter, Bernhard (2020): „Die Studie“. in: tageszeitung, , 22.9.2020, S. 3.
  • Robson, David (2019): „The ‚3.5%-rule‘: How a small minority can change the world“. in: BBC Future, online unter https://www.bbc.com/future/article/20190513-it-only-takes-35-of-people-to-change-the-world/ (Abrufdatum 16.10.2019)
  • Welzer, Harald (2016): Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt a.M.: Fischer.
  • Wenderoth, Svea u. Koch, Jan (2019): „Klimaproteste in Köln: ‚Die Demo platzt aus allen Nähten‘“. in: tagesschau.de, online unter https://www.tagesschau.de/inland/klimastreik-koeln-101.html (Abrufdatum 16.10.2019)


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