Sechstes Massenaussterben

Was ist der Mensch ohne die Biosphäre, deren Teil er ist und die ihn umgibt?
Nichts.


Definition ‚Biosphäre‘: (griechisch bíos = Leben u. sphaira = Kugel)

  • „[D]er von Organismen bewohnbare Raum der Erde“ (Kompaktlexikon der Biologie 2001)


Definition ‚Biodiversität‘:

  • „Auch als ‚biologische Vielfalt‘ bezeichnet, beschreibt er die Mannigfaltigkeit des Lebens auf der Erde. Dies umfasst weit mehr als die Vielfalt der Arten. Es geht um die genetische Unterschiedlichkeit der Individuen innerhalb einer Art, die Verschiedenheit der Arten untereinander und – in der dritten Ebene – um die Lebensgemeinschaften mit ihren Interaktionen, Prozessen und Stoffkreisläufen“ (Niekisch 2019, 20).


Klimakrise und sechstes Massenaussterben sind Zwillingskrisen (vgl. Baier 2019).

Sie bedingen und durchdringen sich, sodass es sinnvoll ist, Klima- und Umweltschutz nicht getrennt voneinander zu betrachten (vgl. Klimaforscherin Almut Arenth, Karlsruher Institut für Technologie, zit. in Habekuss 2019, 41), sondern gemeinsam zu analysieren, wie hier im Handbuch zumindest zum Teil – mit dem größeren Fokus auf der Klimakrise, doch mit wiederholtem Verweis auf das sechstes Massenaussterben – geschehen. Viele Punkte zum Thema ‚sechstes Massenaussterben‘ sind daher auf den vorangegangenen ca. 670 Seiten bereits erläutert worden. In diesem Abschnitt des ‚Handbuch Klimakrise‘ ist der Blick noch einmal explizit auf das sechste Massenaussterben (‚Mass Extinction‘) zu richten:

Status quo:

  • „Der Mensch verursacht gerade das größte globale Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier“ (Eberhard Brandes, WWF Deutschland, zit. nach Lesch/Kamphausen 2018, 94).
  • „[D]ie gegenwärtige Aussterberate [liegt] 1.000- bis 10.000-fach über der sogenannten normalen“ (Lesch/Kamphausen 2018, 93).
  • „Bis zu 58.000 Tierarten verschwinden jedes Jahr“ (Hartmann 2018, 17).
  • „Der Rückgang bei rund 21.000 beobachteten Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Amphibien und Reptilien zwischen 1970 und 2016 betrage [laut der WWF-Studie Living Planet Report 2020] im Durchschnitt 68 Prozent… Insekten wurden nicht einberechnet.“ (SZ 2020). Lateinamerika stehe bei den beobachteten Populationen mit 90% verheerend da, in Europa sei die große Dezimierung schon früher erfolgt, sodass nun seit 1970 weitere 25% zu beklagen seien (vgl. ebd.)
  • „Bei den Primaten finden sich inzwischen 94 Prozent auf der Roten Liste in einer der drei höchsten Gefährdungskategorien (Stand 2014). Die Artenvielfalt hat seit den Siebzigerjahren stark gelitten; die Zahl der Säugetiere, Vögel, Reptilien und Fische habe sich seither im Schnitt halbiert, die Welt verliert täglich 380 Tier- und Pflanzenarten“ (Lesch/Kamphausen 2018, 93).
  • „Zwischen einer halben und einer Million Arten sind … [gemäß dem Report des Weltbiodiversitätsrat IPBES] vom Aussterben bedroht. Ein Viertel aller katalogisierten Tier- und Pflanzenarten soll bereits verloren sein. Der Artenschwund verlaufe ‚zehn- bis hundertmal schneller als im Durchschnitt während der letzten zehn Millionen Jahre‘ … Drei Viertel der Landfläche, 40 Prozent der Ozeane und die Hälfte der Flüsse und Seen seien ‚stark verändert‘ – mit katastrophalen Folgen für Wildtiere und Menschen… 96 Prozent der Säugetierbiomasse [besteht] aus Menschen und ihren Nutztieren. Die Wildtierpopulation dagegen habe sich [laut WWF] seit 1970 weltweit um 60 Prozent verringert, in Süd- und Mittelamerika sogar um 89 Prozent“ (Bethre 2019, 101; vgl. IPBES 2019).
  • „Allein die vom Menschen verursachte Erderhitzung könnte rund fünf Prozent der Arten auslöschen, wenn der Schwellenwert von zwei Grad Celsius globaler Temperaturerhöhung überschritten werde“ (Schwägerl 2019).

Das Pendant zum Weltklimarat IPCC:

Der Weltvielfaltsrat IPBES

Seit 2012 gibt es die UN-Organisation IPBES = Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services = „Weltvielfaltsrat“.

Sie ist vergleichbar dem IPCC, dem Weltklimarat – jedoch wesentlich unbekannter. Und doch genauso wichtig. Denn, noch einmal: „Genau wie Luft, Wasser oder Klima ist die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten eine grundlegende Säule unserer Existenz“ (Uhde 2020).

>> Begriff ‚Weltvielfaltsrat‘: Habekuss 2019, 41

  • Im aktuellen Bericht des IPBES, dem „Global Assessment Report“… ist u.a. zu lesen, dass „[e]ine Million Tier- und Pflanzenarten … vom Aussterben bedroht [sind]. Eine gigantische Zahl, wenn man sich vor Augen hält, dass gerade einmal 1,9 Millionen Arten wissenschaftlich beschrieben sind und die unterschiedlichen Schätzungen darüber wie viele Spezies überhaupt gibt zwischen acht und zehn Millionen liegen“ (Habekuss 2019, 41).


Damit ist zweierlei angedeutet:

  1. Beschrieben sind logischerweise i.d.R. die Tier- und Pflanzenarten die für unser Leben und unsere Ernährung eine konkrete Rolle spielen – und:
  2. Wenn also die überwältigende Mehrheit von Pflanz- und Tierarten schlicht noch nicht entdeckt bzw. beschrieben ist, bedeutet das, dass wir extrem wenig über unsere Biosphäre wissen.


Denn in Wirklichkeit kennen wir Menschen allenfalls einen Bruchteil der Biosphäre dieses Planeten:

  • „Neuesten Schätzungen zufolge sind allerdings 86 Prozent aller an Land und 91 Prozent aller in den Ozeanen lebenden Arten noch unentdeckt Wir kennen also nur einen sehr kleinen Teil des Arteninventars der Erde. Dabei bedeutet ‚kennen‘ nur, dass sie hinsichtlich ihrer Existenz erfasst sind. Über ihre Rolle in den Ökosystemen und auch über ihre potenzielle Verwendbarkeit für den Menschen wissen wir nur bei den allerwenigsten ‚bekannten‘ Arten Bescheid… Von den schätzungsweise 1.000.000 Insektenarten sind gerade einmal 7.639 evaluiert“ (Niekisch 2019, 20-21).


Bill Bryson erwähnt in seinem kongenialen dokumentarischen Reisebericht Frühstück mit Kängurus:

  • „Mindestens ein Drittel [der Pflanzen Australiens] ist nie bekannt oder erforscht worden, und dauernd tauchen neue auf, oft an den unwahrscheinlichsten Stellen. 1989 fanden Wissenschaftler zum Beispiel in Sydney eine völlig neue Baumart namens Allocasuarina portuensis. Da leben die Leute zweihundert Jahre mit diesen Bäumen, doch weil sie (die Bäume) nicht sehr zahlreich sind – es sind bisher erst zehn gefunden worden –, waren sie noch niemandem aufgefallen“ (2002, 372-373).


Als die entscheidenden fünf Treiber des Biodiversitätsverlustes werden im IPBES-Bericht folgende Faktoren ausgemacht:

  • Die „veränderte Nutzung von Land und Ozeanen“.
  • „Die direkte Ausbeutung von Tieren und Pflanzen“, vgl. z.B. Überfischung.
  • „Parallel dazu wird der Einfluss des Klimawandels größer“, Arten weichen aufgrund sich verändernden Klimabedingungen zurück, z.B. ins Kühle nach Norden. Nur: Wo geht der Eisbär hin?
  • „Die Abfälle des Menschen, von Schwermetallen über Umweltgiften und Plastik bis hin zu einem Übermaß an Dünger, überlasten viele Ökosysteme“.
  • Eingeschleppte Arten z.B. durch Welthandel und Tourismus machen sich breit „auf Kosten der dort heimischen Spezies“ (alle Zitate: Habekuss 2019, 41).

Der Mensch ist auf sog. ‚Ökosystemdienstleistungen‘ angewiesen:

  • „Ökosystemdienstleistungen sind definiert als Vorteil, Nutzen oder Gewinn (benefits), den die menschliche Gesellschaft aus Ökosystemen zieht und die maßgeblich das Wohlergehen und die Lebensqualität des Einzelnen (human well being) mitbestimmen. Dabei werden sowohl materielle wie immaterielle Güter (tangible and intangible benefits), d.h. sowohl Waren (goods) als auch Dienstleistungen i.e.S. (services) berücksichtigt“ (Bürger-Arndt 2011).

Unterschieden werden dabei laut Bürger-Arndt folgende Ökosystemdienstleistungen:

  • „[U]nterstützende (supporting) wie Bodenbildung, Nährstoff- und Wasserkreislauf, Sauerstoffproduktion, Kohlenstoffbindung oder Primärproduktion,
  • regulierende (regulating), die sich auf das örtliche Klima und die Luftqualität, den Wasserhaushalt und die Wasserqualität, die Bodenbildung und -reifung oder das Auftreten von Schädlingen bzw. Krankheiten auswirken,
  • bereitstellende (provisioning), welche die Nutzung erneuerbarer Ressourcen in Form von Nahrung, Holz, Fasern, Trink- und Brauchwasser usw. durch den Menschen ermöglichen,
  • kulturell bedeutsame (cultural), die infolge der ästhetischen, kontemplativen, spirituellen, religiösen, erkenntnis-, bildungs- und erholungsfördernden Wirkung der Ökosysteme immaterielle Bedürfnisse des Menschen befriedigen und denen daher eine besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird“ (ebd.).


Bei der Beschreibung dieser Systemleistungen bleibt es nicht.

Für sie wird i.d.R. ein Geldwert errechnet. Inwieweit sich der Wert von Natur in Geld ausdrücken lässt, ist – zu Recht – hoch umstritten, d.h. es ist die Frage aufzuwerfen, ob es sinnvoll ist, dazustellen, dass bspw. allein der „globale ökonomische Wert der Bestäubung [z.B. durch Bienen] … auf eine Summe von 235 bis 577 Milliarden US-Dollar im Jahr geschätzt [wird]“ (Chemnitz 2020b, 38).

  • „Laut Befürwortern dieser Idee hatten ‚Ökosystemdienste‘ – das, was die Natur uns an Ressourcen bietet – für die Weltwirtschaft im Jahr 2011 einen Wert von rund 120 Billionen Euro, mehr als das Doppelte des weltweiten BIPs“ (Maxton 2018, 75) – anders ausgedrückt übertrifft der Wert der Ökosystemdienstleistungen „die Weltwirtschaftleistung damit um mehr als die Hälfte“ (Bethge 2019, 102).

So eindrucksvoll solche Zahlen sind und eben auch zur Relativierung des BIPs beitragen, so ist doch sehr problematisch, dass Natur auf diesem Weg, in dieser Perspektive quasi zu einer Handelsware wird – gegen die man dann auch von Fall zu Fall argumentieren könne:

  • „Auf dieser Grundlage können Unternehmen argumentieren, dass es mehr einbringt, einen Wald zu roden… Sie können leicht nachweisen, dass [z.B. mit dem Palmöl ein höheres Einkommen zu erzielen ist als [z.B.] mit dem Regenwald…“ (ebd., 76).
  • „Natur zu monetarisieren… bestärkt die Menschen in der Vorstellung, über die Geschicke der Natur entscheiden zu können…“ (ebd.).

Doch macht das Konzept ‚Systemdienstleistungen‘ zumindest deutlich, wie viel schlechter wir Menschen gemäß den Zahlen, die Ökonom*innen üblicherweise verstehen, hinsichtlich unserer Lebensqualität dastehen würden.

>> zum Konzept ‚Ökosystemdienstleistungen‘ siehe ausführlich Ederer, Nora (2020): „Umweltschutz: Was wir der Natur schulden“. in: Süddeutsche Zeitung, 10.8.2020, online unter https://www.sueddeutsche.de/wissen/umweltschutz-oekologische-kosten-oekosystemdienstleistung-1.4976424 (Abrufdatum 1.9.2020)


Was solche Zahlen hingegen nicht einmal andeuten, ist, dass der Zusammenbruch solcher Ökosystemdienstleistungen nicht in Geld auszudrücken ist, weil Geld in diesem Falle mutmaßlich schlicht ein Relikt der Vergangenheit wäre.

Und letzteres wird i.d.R. bzw. allzu oft übersehen.

Der Mensch verhält sich gleichwohl schon immer, mehr und mehr und insbesondere auch in der Gegenwart, als seien diese Ökosystemdienstleistungen unbegrenzt und unkaputtbar:

  • „Menschen pumpen heute zehnmal schneller Treibhausgase in die Atmosphäre als die Vulkane während des Großen Sterbens“ (Foer 2019, 100).
  • „In den Weltmeeren gibt es über 400 sogenannte Todeszonen [eigentlich: Totzonen], die wegen Überdüngung so sauerstoffarm sind, dass dort nichts mehr lebt“ (Habekuss 2019, 41).
  • „Schätzungen zeigen, dass ungefähr 80 Prozent der marinen Ökosysteme von Eutrophierung betroffen sind … Seit 1960 hat sich die Zahl der Totzonen in denen am Meeresboden Sauerstoffmangel herrscht in jedem Jahrzehnt verdoppelt (1960: 10 Gebiete; 2008: 405 Gebiete)… Die drei größten Totzonen befinden sich in der Ostsee (bis zu 84.000 km²), im Schwarzen Meer (bis zu 40.000 km²) sowie im Golf von Mexiko (bis zu 22.000 km²)“ [Stand 2010!, UBA 2010).
  • „Die menschengemachte Zerstörung nimmt viele Formen an. Zu den sichtbarsten gehört das Artensterben. Dieses liegt zurzeit beim 10.000-fachen dessen, was der natürlichen Rate entspräche… – und dieses Artensterben nimmt immer weiter zu“ (Maxton 2020, 19).

Eine der bekanntesten Ökosystemdienstleistungen erbringen blütenbestäubende Honigbienen:


Insekten- und Bienensterben

  • „In Deutschland ist die Biomasse der Insekten seit 1990 um über 75 Prozent gesunken“ (Bradley 2019, 26).
  • „Bienen besuchen etwa zehn Millionen Pflanzen, um Nektar für etwa ein halbes Kilo Honig zu sammeln“ (Unmüßig 2020, 6).
  • „70% unserer Nahrung hängt direkt von der Bestäubung durch Bienen und andere Insekten ab“ (Gonstalla 2019, 61).
  • „41 Prozent der Wildbienenarten, eine der wichtigsten Bestäubergruppen Deutschlands, sind in ihrem Bestand gefährdet“ (Decken 2019, 28).
  • „Drei Viertel der weltweit wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturpflanzen profitieren in ihrem Ertrag von Bestäubern und garantieren damit rund ein Drittel der Produktion von Nahrungsmitten. In Deutschland kann die Förderung der Wildbienen – meist sind sie wichtigere Bestäuber als die Honigbienen – den Ertrag an Erdbeeren und Kirschen verdoppeln (Tscharntke 2020, 12).
  • „Etwa 80 Prozent aller wilden Pflanzen seien von Bestäubung durch Insekten abhängig, 60 Prozent aller Vögel seien auf Insekten als Nahrungsmittel angewiesen“ (Berger 2017).
  • Beim Wegfall tierischer Bestäubung würde die Ernte z.B. von
    • Wassermelonen, Kürbissen und Kakao um über 90%
    • Gurken, Pflaumen, Kirschen, Äpfeln, Mandeln um 40 bis 90%
    • Erdbeeren, Kokosnüssen, Sonnenblumen und Kaffee um 10 bis 40%

zurückgehen (vgl. Tscharntke 2020, 13).

  • Die Versorgung mit den Grundnahrungsmitteln „Mais, Reis und Weizen [wäre zwar] nicht in Gefahr, aber die [Ernten] im Obst- und Gemüseanbau würden magerer ausfallen. Diese Kulturpflanzen versorgen den menschlichen Körper [im Ggs. zu Mais, Reis und Weizen] mit Vitaminen und Nährstoffen“ (Klein 2020, 44).


Nach Abwägung einer Reihe von Faktoren sehen Forscher es als erwiesen an, dass die Intensivierung der Landwirtschaft beim Rückgang von Insekten- und Bienenbeständen massiv hineinspielt (vgl. Berger 2017).

  • „Die industrielle Landwirtschaft mit ihren immer größeren Feldern, Pestiziden und monotonen Landschaftstrukturen stellt eine der größten Bedrohungen für Insekten dar… beim Schutz der Insekten muss die Landwirtschaft Teil der Lösung werden“ (Unmüßig et al. 2020, 6).
  • Im Oktober 2017 meldete die ‚Krefelder Studie‘, dass die Biomasse von (Flug-)Insekten in deutschen Naturschutzgebieten in den letzten 27 Jahren, seit 1989 „um mehr als drei Viertel seit Beginn der Untersuchungen gesunken ist“ (Berger 2017). Das war dann nur kurzfristig „Tagesgespräch“ – das eigentlich Erschreckende war m.E. gar nicht der vernichtende Befund, sondern die mangelnde Aufregung in weiten Teilen der Medien und in der Bevölkerung.
    • Im November 2017 hat der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt entgegen der Absprache mit der damaligen Umweltministerin Barbara Hendricks und entgegen der Geschäftsordnung der Bundesregierung, die für diesen Fall eine Enthaltung vorsieht, in Brüssel der Verlängerung der Zulassung für das hochumstrittene Glyphosat um weitere fünf Jahre zugestimmt. Ohne sein „Ja“ wäre das Zeug schon jetzt aus der EU verbannt (vgl. Cieschinger et al. 2017). So wird Glyphosat in Deutschland erst ab dem 1.1.2024 verboten (vgl. Balser/Ritzer 2019, 17).

>> vgl. Aspekt Gesetzesvorhaben und Lobbyismus, S. 406 inkl. Plagiatsvorwürfen gegen das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) im Zusammenhang mit der Bewertung von Glyphosat.

  • Mittelfristig haben diese bestürzenden Zahlen und evtl. auch die hochumstrittene Verlängerung von Glyphosat doch dazu geführt, dass in Bayern 1,75 Mio Menschen das Referendum für mehr Naturschutz unterstützt haben (vgl. Unmüßig et al. 2020, 6): „Auch eine Europäische Bürgerinitiative mit der Forderung ‚Save Bees and Farmers‘ im Namen wurde auf den Weg gebracht“ (ebd.).

Massenaussterben & Krefelder Studie – See the Picture

Wenn dreiviertel der Belegschaft eines Unternehmens fehlen, wie viele Mitarbeiter*innen sind dann noch da? Gähnend leere Hallen – und funktionsfähig ist der Laden dann garantiert nicht mehr.

  • „Der deutsche Bauernverband warnte hingegen vor einer übereilten Verurteilung der Landwirtschaft… [und verwies darauf, dass] ‚die Erfassung der Insekten ausschließlich in Schutzgebieten stattfand… [und es somit] noch dringenden Forschungsbedarf zum Umfang und den Ursachen des dargestellten Insektenrückgangs gibt‘“ (ebd.).
  • Gewissheit wird man wohl erst haben, wenn sie alle, alle tot sind.


In Weiterführung der Auswertung der Forschungsergebnisse der Krefelder Studie stellen die Forscher*innen fest:

  • „Bei den Schwebfliegen – neben den Bienen die wichtigsten Bestäuber – sank die Zahl der Exemplare an sechs Standorten in einem nordrhein-westfälischen Schutzgebiet zwischen 1989 und 2014 von knapp 17.300 auf rund 2.700 – ein Verlust von 84 Prozent“ (Sparmann 2020, 17).

Weitere Studien zum Thema ‚Insekten- und Bienensterben‘:

  • Do-it-yourself-Plausibilitäts-Studie: Sie sind ein Mensch der vor ca. 1980 geboren wurde? Dann überlegen Sie mal, wie unendlich viele Insektenleichen Sie in früheren Jahren z.B. im Dänemarkurlaub auf der (elterlichen) Windschutzscheibe klebten – und wie wenige in der Gegenwart.
  • 2019er Übersichtsstudie des Sydney Institute of Agriculture:
    • „[E]ein Drittel aller Insektenarten ist von Aussterben bedroht“ (Chemnitz 2020a, 14).
    • „Weltweit geht der Bestand von mehr als 40 Prozent aller Insektenarten zurück. Schon in hundert Jahren könnten viele ausgestorben sein. Darunter sind vor allem Schmetterlinge, aber auch Hautflügler, zu denen Ameisen, Wespen und Bienen gehören“ (Römer 2019).
    • Dazu im gleichen Artikel Tierökologe Johannes Steidle:
      • „Ich bin geschockt. Zwar gab es Hinweise, dass das Insektensterben nicht nur auf Deutschland und Europa beschränkt ist. Aber dass es ein globales Problem ist, das überall in einem ähnlichen Umfang auftritt, hat mich erschreckt. Das war zumindest mir, und ich glaube auch meinen Kollegen, so nicht bekannt.“
  • US-Studie: In den letzten 21 Jahren gibt die Schmetterlingspopulation in Ohio um 33% zurück (vgl. Merlot 2019).
    • „Der Schmetterlingsschwund in Ohio sei damit größer als der weltweit geschätzte Wert von 35 Prozent in 40 Jahren“ (ebd.).
    • „Schmetterlinge dienten als wichtige Indikatoren, um feststellen, wie groß die Biodiversität in einem Ökosystem sei… Sie reagierten ähnlich auf Veränderungen der Umwelt wie viele andere Insekten. Somit sei die Studie ein weiterer Beleg für den Insektenschwund“ (ebd.).

Ein ganz anderer, im Werden begriffener Ansatz:

  • Soundscape Ecology:
    • Hier wird die Akustik eines Ökoystems aufgezeichnet – die ‚Klangschaft‘ –, um daraus Schlüsse auf den Grad an Biodiversität dieser begrenzten Region zu ziehen.
    • „Ein Netzwerk von etwa 300 Mikrofonen, die in der deutschen Landschaft verteilt sind und ein Jahr lang einmal pro Stunde für eine Minute die Geräusche des umgebenden Ökosystems aufnehmen: Auf diese Weise will Michael Scherer-Lorenzen, der die Professur für Geobotanik an der Universität Freiburg innehat, die Biodiversität in verschiedenen Landschaften messen“ (Uni Freiburg 2020).


Fazit Sechstes Massenaussterben

Das Thema ‚sechstes Massenaussterben‘ teilt mit dem Thema ‚Klimakrise‘ den Aspekt, dass sie vordergründig – oberflächlich – für viele Menschen unsichtbar, nicht fassbar erscheint.

BUND-Expertin für Nachhaltigkeitspolitik Nicola Uhde:

  • „Beim Klima haben wir relativ klare Zusammenhänge zwischen bestimmten Aktivitäten und deren Wirkungen. Treibhausgasemissionen, CO2-Gehalt der Atmosphäre und Erderhitzung sind gut messbar, finanzielle Auswirkungen leichter zu berechnen. Bei der Biodiversität ist das etwas verschlungener. Die Auswirkungen ihrer Zerstörung sind oft nicht so direkt spürbar. Doch diese Zerstörung bedroht die Menschheit ebenso so sehr wie die Klimakrise“ (2020).

Wie auch immer die genauen Prozente der verschiedenen vorgenannten Extinction-Studien jeweils exakt aussehen:

  • Wir haben uns klar zu machen, dass die Nahrungskette bzw. die Biodiversität auf dieser Welt einem engmaschigen Netz gleicht.
  • Jedes Lebewesen – ob Tier, Pilz oder Pflanze –, das ausstirbt oder zahlenmäßig nicht mehr relevant vorhanden ist, repräsentiert eine durchgeschnittene Masche des Netzes.
  • Es wird grobmaschiger, instabiler – und irgendwann reißt es an einigen und an immer mehr Stellen und Lebewesen sterben vermehrt aus, weil ihre Nahrung/Lebensumgebung ausstirbt, was dazu führt, dass andere Pflanzen nicht mehr bestäubt werden oder andere Tiere keine Nahrung mehr finden…
  • Dieses Netz trägt uns, einer Hängematte gleich – und wir sind: schwer.


Wer ein eher technisches Bild für das Massenaussterben bevorzugt, dem gibt der Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht in einem Interview in der taz eines an die Hand:
„Es ist als ob man auf einer Computerfestplatte leichtfertig immer mehr Teile löscht, ohne die Funktion der Dateien zu beachten. Irgendwann stürzt das gesamte System ab“ (zit. in Jensen 2020, 15).


Ute Scheub und Stefan Schwarzer weisen in diesem Zusammenhang auf die kaskadenartig aufgebauten Ökosysteme hin:

  • „Jede Pflanzenart ernährt eine oder viele Insektenarten und diese wiederum Vögel. Kriech- und Säugetiere. Stirbt eine Pflanze aus, reißt sie von ihr abhängige Tiere mit in den Tod. Das gilt auch umgekehrt, Vögel tragen Samen von Bäumen und Büschen weiter… Je weniger Arten… desto anfälliger das Gesamtsystem. … Vielfalt macht ein System krisenfester… Biodiversität… ist das ‚Immunsystem der Erde‘“ (2017, 33).


Systemdienstleistungen sind so viel mehr als ‚Blütenbestäuben‘:

Vielfalt = Biodiversität = Resilienz

Monokultur = Arteneinfalt = Verletzlichkeit

Neubauer/Repenning fassen die Situation wie folgt zusammen:

  • „[D]er Leiter des IPBES-Reports, Sir Robert Watson, bezeichnete die Ergebnisse [des Reports] als ‚beängstigend‘. ‚Die Gesundheit der Ökosysteme, von denen wir und andere Spezies abhängen, verschlechtert sich schneller als je zuvor.‘ Die Menschheit sei dabei, die Grundlagen von Einkommen, Ernährungssicherheit, Gesundheit und Lebensqualität zu beseitigen“ (2019, 142).

    Wichtig ist zu erkennen, dass im Zusammenhang mit dem Artensterben „längst nicht mehr über einzelne Pflanzen- oder Tierarten diskutiert [wird] – sondern über die Vitalität ganzer Lebensgemeinschaften und des gesamten Erdsystems… Es geht um die Basis menschlicher Ernährung, sauberer Luft und trinkbaren Wassers. 

Es geht um alles.“ (ebd.)

Letztlich ist die Mass Extinction, d.h. der extreme bis totale Verlust von Biodiversität, schlicht ein weiterer Aspekt einer gigantischen multiplen Krise, die zutreffend mit dem Begriff

‚globale anthropogene Umweltkatastrophe

zu beschreiben ist.

Es geht um alles. Aber es geht nicht wirklich um ‚Klimaschutz‘(1). Nicht um die Vermeidung von Biodiversitätsverlust.

Es geht um Lebensgrundlagenschutz.

Begriff 'Klimaschutz'

Der Begriff ist schief – er suggeriert, es ginge darum, das Klima zu schützen. Das ist nicht unser Handlungsgrund. Es geht darum, unsere Lebensgrundlagen zu schützen; vgl. Fußnote auf S. 16.


Quellen des Abschnitts Sechstes Massenaussterben


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