Handbuch Klimakrise

Die relevanten Fakten, Zahlen und Argumente zur großen Transformation. Vorwort. Intro/Einführung. Für kleine Bildschirme: Inhaltsverzeichnis als Liste.
News: Am 10. November 2020 erscheint das Handbuch gedruckt und als E-Book bei BoD, 700 Seiten.
Ab dem 9.10.2020 wird die Website im Zuge der Bucherscheinung erweitert & upgedated und ist daher zeitweise nur bedingt erreichbar.
Alles hängt mit allem zusammen. Daher ist das eine ziemlich große Toolbox…

siehe auch Inhaltverzeichnis als Liste
Alles hängt mit allem zusammen. Daher ist das eine ziemlich große Toolbox…

Inhaltsverzeichnis als Liste

>> Visuelle Hervorhebungen in Zitaten stammen vom Autor dieses Webportals.
>> blaue Schrift = allgemeine Zwischengedanken sowie pointierte Kommentare, die explizit den Blickwinkel des Autors wiedergeben.



Am Dienstag, den 10. November 2020 erscheint das Handbuch Klimakrise
auch als Book on Demand (BoD), Din A4, 700 Seiten, 68.– EUR sowie als E-Book, 19,99 EUR.



Intro.

Zehn wesentliche Aspekte der Klimakrise in Schlaglichtern:

– 10 –
Der Weltklimarat gibt uns noch etwa sieben Jahre, innerhalb derer die Menschheit massiv umzuschwenken hat.

7 Jahre = 2.555 Lebenstage = 1.300 politische Arbeitstage

Details, Rechnung & Quellen

Rechnung ‚1.300 politische Arbeitstage‘ (gerechnet auf Basis ‚Januar 2021‘):
> 22 Arbeitstage pro Monat (Nebenjobs!), jährlich 2 Monate Sitzungspause im Bundestag
> Krankheit, Weihnachtsferien, sonstige Verhinderungsgründe = ca. 1 Monat
> Alle vier Jahre politische Blockade wg. Wahlkampf u. Koalitionsverhandlungen = konservativ gerechnet: 4 Monate
(sozusagen eine verlängerte Sitzungspause, d.h. einzurechnen sind nach derzeitigem Stand zwei Bundestagswahlen:
2021 und 2025)
= (22 Arbeitstage * 9 Monate * 5 Jahre) + (22 Arbeitstage * 7 Monate * 2 Jahre) = rund 1.300 politische Arbeitstage

Seit der Ausrufung von „10 Jahren ab Anfang 2018“ durch den Sonderbericht des Weltklimarats sind mit Stand Januar 2021 drei Jahre vergangen. 2018 sagte der Meereswissenschaftler Hans-Otto Pförtner, der „[a]ls Co-Vorsitzender der IPCC-Arbeitsgruppe II … den aktuellen Bericht entscheidend mit betreut[e] im Spiegel:
„Diese Dinge [d.h. die umfassenden Maßnahmen bei Energie, Landnutzung, Städtebau, Verkehr, Bau] müssen sofort einsetzen. Die nächsten zehn Jahresind entscheidend in ihren Auswirkungen“ (Seidler 2018).

Und: „Ob die Menschheit auch nur in annähernd ähnlicher Form wie jetzt überleben kann, hängt davon ab, was wir [ab 2018] in den nächsten 20 Jahren tun…. Nur 20 Jahre haben wir noch Zeit, um die destruktiven Elemente unserer Wirtschaftssysteme abzubauen und darüber nachzudenken, wie wir eine beständigere Zivilisation aufbauen können (Maxton 2018, 20).

Aber: Das sog. ‚Klimapaket der Bundesregierung wird „zumindest in den nächsten sechs Jahren keine nennenswerte Wirkung haben“ (Rahmstorf 2019b).

s.a. CO₂-Uhr in Abschnitt Globales und individuelles CO₂-Budget

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit.


„Time is not on our side… The time for discussion is over. The time for action is now.“
Edward Burtynsky im Zusammenhang mit seiner im Herbst 2020 erscheinenden Film-Doku ‚Die Epoche des Menschen‘.


Bezogen auf Deutschland gilt:

  • Für den nächsten Bundeswahlkampf hat die Zivilgesellschaft (gemeinsam mit Fridays for Future) dafür zu sorgen, „dass der Mindeststandard, den alle demokratischen Parteien im Angebot haben, kompatibel ist mit dem Pariser Abkommen. … Das ist die große Herausforderung fürs nächste Jahr.“ (Luisa Neubauer im Interview in der Süddeutschen Zeitung, 18.9.2020)

Denn:

Deutschland hat bis 2035 (Rahmstorf) bzw. 2037 (SRU) klimaneutral zu sein…

SRU = Sachverständigenrat für Umweltfragen, kurz: Umweltrat, wissenschaftliches Beratungsgremium der Bundesregierung

… um das völkerrechtlich verbindliche Abkommen von Paris mit dem Wortlaut „deutlich unter 2 Grad“ einzuhalten (vgl. Rahmstorf 2019a u. SRU 2019).

Die Bundesregierung verweist auf 2050 als Ziel – und zeichnet einen sog. Reduktionspfad, auf dem die Treibhausgasemissionen bis 2030 um 55% und 2040 um 70% (jeweils gegenüber 1990) gesenkt werden (sollen). Konkreter wird die Bundesregierung nicht.

Bedauerlicherweise ist unter den Regierenden nicht einmal die Bundesumweltministerin, Svenja Schulze (SPD), in der Lage oder willens, abseits von Prozentwerten die konkrete Menge des zu reduzierenden/vermeidenden CO2 zu benennen – und reagierte auf Nachfragen zum CO2-Budget Deutschlands im September 2019 mit dem Satz „Unter diesen ganzen Tonnen kann sich doch keiner was vorstellen!“

>> siehe TV-Magazin Kontraste, 30.9.2019 https://twitter.com/i/status/1178663685243490304 (Abrufdatum 21.7.2020)

Details 'Realitätsverweigerung der Bundesregierung'

Stöcker weist im August 2020 darauf hin, dass sich an dieser Realitätsverweigerung auch weiterhin nichts geändert hat, sodass sich die Bundesregierung in diesem Punkt durchaus mit dem aktuellen US-amerikanischen Präsidenten messen könne: „Wenn sich nicht schnell und dramatisch Grundlegendes ändert, wird Deutschland, wird die Welt nicht in der Lage sein, die im Pariser Klimaabkommen von 2015 vereinbarten Ziele auch nur annähernd zu erreichen… Die Bundesregierung weigert sich bis heute hartnäckig und zum Teil geradezu pikiert, die aus dieser Tatsache rechnerisch einfach abzuleitenden Schlüsse zu akzeptieren.“

Doch, kann man, sollte man – man muss es sogar, denn „genau auf ‚diese ganzen Tonnen‘ kommt es an“, wie der Klimaforscher Stefan Rahmstorf ausführt:

  • „Wollen wir die Erderhitzung auf eine bestimmte Temperatur begrenzen, folgt daraus eine noch erlaubte Restmenge an CO2-Emissionen für die Menschheit: das Emissionsbudget“ (2019b).

>> Es gibt ein globales Restbudget an Treibhausgasemissionen. Und daraus ergeben sich Emissionsbudgets für Staaten, Städte und Individuen – und für jede*n Einzelne*n von uns.

>> siehe ausführlich Abschnitt Globales, nationales & individuelles CO₂-Budget.


Das globale Emissionsbudget kann jede*r Bürger*in innerhalb einer halben Minute problemfrei in einer Tabelle aus dem Sonderbericht 2018 des Weltklimarats ablesen und dann auf 83 Millionen Bundesbürger*innen herunterrechnen. Das sollte auch einer/einem Umweltminister*in möglich sein.

>> s. Tab. „The assessed remaining carbon budet and its uncertainties“ unter http://www.klima-retten.info/Bilder/Table2-2.PNG, s. ausführlich Abschnitt Globales, nationales & individuelles CO₂-Budget, S. 56ff.)


Warum also sind Svenja Schulze & Co so zurückhaltend, wenn es darum geht, die einfache, grundlegende Zahl des verbleibenden Budgets für Deutschland zu nennen?

Den ersten Grund erklärt ein Zitat von Niko Paech:

  • „Gerechtigkeit [markiert] … ein zweistufiges Unterfangen: Zunächst wäre eine plünderungsfreie Verteilungsmasse festzulegen. Erst darauf basierend, kann im zweiten Schritt ein daraus zu generierender, definitiv limitierter – Wohlstand verteilt werden“ (Folkers/Paech 2020, 174).

Hier geht es also um Verbindlichkeit und darum, dass es die Bundesregierung nicht wagt, den Bürger*innen die Realität und daraus resultierende Konsequenzen zuzumuten.


Der zweite Grund besteht darin, dass die Bundesregierung offensichtlich gar nicht vorhat sich an ein solches Budget zu halten:

  • „Von welchem Emissionsbudget geht die Bundesregierung also [im Zusammenhang mit dem ‚Klimapaket‘] für Deutschland aus? Frau Schulze wollte es nicht verraten. Doch aus den deutschen Klimazielen lässt es sich leicht ableiten. Selbst wenn die Bundesregierung ihre Ziele für 2030 (55% unter 1990) und 2040 (70% unter 1990) konsequent einhält und Deutschland 2050 komplett klimaneutral wird, werden wir von Anfang 2019 bis zur Klimaneutralität insgesamt auf rund 13 Milliarden Tonnen CO2-Ausstoß kommen“ (Rahmstorf 2019b).

>> Auch der Green Deal der EU sieht im Frühherbst 2020 bis 2030 nunmehr eine CO2-Reduktion von 55% gegenüber 1990 vor – zuvor hatte die Latte bei nur 40% gelegen (vgl. Spiegel 2020).


Das tatsächliche CO2-Budget Deutschlands beträgt gemäß Anteil an der Weltbevölkerung 6,6 Milliarden Tonnen CO2 (vgl. SRU 2019), d.h. die Bundesregierung genehmigt sich im Namen der Bundesbürger*innen stillschweigend die doppelte Menge an CO2-Emissionen.

>> Rechnung vgl. Abschnitt Nationales CO2-Budget (Deutschland), S. 64f.

Das bedeutet:

  • Die Bundesregierung legt ein 54 Mrd Euro schweres ‚Paket‘ auf und nennt den Bürger*innen nicht einmal die allergrundlegendste Zahl, auf dem dieses Vorhaben fußt.
  • Kaum jemand stört sich daran.

>> Der Abschnitt Kohlekompromiss und ‚Klimapaket‘ enthält Hinweise, wie diese 54 Mrd Euro einzuordnen sind, s. Seite 66f.


Das sog. ‚Klimapaket ist folglich schon im Grundansatz nicht geeignet, um das Pariser Abkommen einzuhalten. (vgl. S. 66 u. Kontraste 2019)

Im Mai 2020 stellt der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) noch einmal pointiert fest:

  • „Die Ziele des Klimaschutzgesetzes seien ‚nicht wissenschaftlich hergeleitet und basieren nicht auf einem entsprechenden Transformationspfad bis 2050‘“ (Pötter 2020a, 9).

Das laut ‚Paris‘ über die Formel „deutlich unter 2 Grad“ hinaus anzustrebende Ziel, Anstrengungen zur Einhaltung von 1,5 °C zu unternehmen und vom Weltklimarat im Herbst 2018 nochmal untermauerte Forderung, die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, gibt die Bundesregierung mit diesem „Klimapaketchen“ – auch „Klientelschutzpaket“ genannt – faktisch auf.

>> Klimapaketchen = Klimaforscher Hartmut Graßl auf der Hamburger Klimawoche 2019 (zit. in Weiß/Bayer 2019);
>> Klientelschutzpaket = SZ-Autor Andreas Zielcke (2019,11)


Welcher Staat auf diesem Planeten sollte sich berufen fühlen, seine Klimaziele einzuhalten, wenn es das reiche Deutschland nicht tut?


Sowohl Klimapäckchen als auch Kohlekompromiss/Kohleausstiegsgesetz sind weder national noch hinsichtlich ihrer Strahlkraft international geeignet, eine Wende einzuleiten.

Der Klimatologe Mojib Latif, der eigentlich für seine Besonnenheit bekannt ist, zog im Herbst 2019 bei der Eröffnungskonferenz der Hamburger Klimawoche daher das Fazit:

„Mit diesen Maßnahmen leisten wir dem Klima viel eher Sterbehilfe.“ (Welt 2019)

>> siehe dazu Aspekt Nationales CO₂-Budget (Deutschland), S. 56f.
>> Klimapäckchen = Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter, zit. in der Tagesschau vom 26.9.2019


Bei einem Budget von 6,6 Mrd Tonnen CO2 ab Anfang 2020 ergibt sich laut Stefan Rahmstorf bei einer linearen Emissionsreduktion ein Reduktionspfad von 6%, infolgedessen Deutschland bis Ende 2035 klimaneutral zu sein hat (vgl. 2019a).

Der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) kommt zu einem in der Dimension ähnlichen Schluss:

  • „Bei fortdauernden Emissionen auf heutigem Niveau wäre dieses Budget in weniger als 9 Jahren (2028) verbraucht, bei einer linearen Reduktion nach etwas mehr als 17 Jahren (2037)… [bis] zur Treibhausgasneutralität…“ (SRU 2019).

Das bedeutet: ‚2050‘ ist eine rein politische Zahl, die mit der wissenschaftlichen Wirklichkeit und realen Erfordernissen nichts zu tun hat.


Es ist des Weiteren keineswegs egal, wann wir CO2 einsparen: Was in der Atmosphäre angekommen ist, wirkt. Wird es zeitlich früher emittiert, wirkt es früher: Dann sind zu einem früheren Zeitpunkt mehr Treibhausgase in der Luft, die ‚aufheizend‘ wirken.

Es gilt zudem: Die Ernte von Low Hanging Fruits – zum Beispiel durch rasche Abschaltung von Braunkohlekraftwerken – kann hinsichtlich der Fristsetzung von Rahmstorf und SRU durchaus fristverlängernd wirken.

>> Low Hanging Fruits = Maßnahmen, die relativ leicht umzusetzen sind und dabei von Fall zu Fall sogar besonders wirksam sind. Eine Low Hanging Fruit in Deutschland wäre z.B. die umgehende Abschaltung von einigen Braunkohlekraftwerken.


Zu berücksichtigen ist auch Folgendes:

  • „Jedes Auto mit Verbrennungsmotor, das heute neu auf die Straßen kommt, stößt noch die nächsten 15 Jahre klimaschädliches CO2 aus“ (Müller-Görnert 2019, 2).

Jede konventionelle Heizung, jedes herkömmlich gebaute Haus, jeder Euro, der heute in die falsche Richtung investiert wird, schafft Fakten und hat i.d.R. jahrzehntelange Wirkungen – die wir später zusätzlich zu beseitigen und zu bezahlen haben. Jeder fossil-konventionell ausgegebene Euro macht es wahrscheinlicher, dass wir es nicht rechtzeitig schaffen, klimaneutral zu werden.


Fazit: Deutschland hat noch rund 15 Jahre bis zur Klimaneutralität.


Der Klimatologe Anders Levermann hält fest: „Wir müssen die gesamte Wirtschaft umbauen“ – und führt dann aus, was Klimaneutralität faktisch und konkret bedeutet:

„Wir brauchen nicht weniger Emissionen, wir brauchen null Emissionen. Null! Das ist etwas anderes als Emissionen verringern. Etwas fundamental anderes, wenn sie mit Wirtschaftsvertretern sprechen. Verringern bedeutet, ich mache etwas weniger, und das wollen Wirtschaftsvertreter nicht. Null Emissionen heißt, ich mache etwas anders. Die Rolle der Politik ist, diesen Antrieb zu entfesseln.“ (2020)

>> Was netto-Null bezogen auf Deutschland bedeutet, siehe Aspekt natürliche Senken in Deutschland, S. 64.


Und: ‚Klimaneutralität 2035 bzw. 2037‘ ist eine ganz andere Hausnummer als ‚Klimaneutralität bis 2050‘.

Es ist angemessen und dringend erforderlich, das wir Bürger*innen von der Bundesregierung zu den grundlegenden Fakten zur Klimakrise aus freien Stücken umfassend, transparent und ohne Beschönigung in Kenntnis gesetzt werden. Ich rufe hiermit einen Wettbewerb aus:


Welche*r Politiker*in schenkt den Bürger*innen hinsichtlich der Klimakrise und des Artensterbens als erstes ‚reinen Wein‘ ein? (Irgendwann wird es jemand tun – besser ist es also, die/der Erste zu sein.)

Teilnahmebedingungen: Sie sind Kanzler*in, bekleiden ein bundespolitisches Amt, in dem der Begriff „Präsident“ vorkommt oder sind Ministerpräsident*in eines Bundeslandes. Mitglieder*innen der Grünen und der Partei Die Linke sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Der/dem Gewinner*in winkt ‚das Heft des Handelns‘ und ein hohes Maß an Authentizität als Gewinn.


Wer keinen reinen Wein einschenkt, kann auch nicht erwarten, umfangreiche Maßnahmen durchsetzen zu können, deren Notwendigkeit kaum jemand versteht, weil sie/er keinen reinen Wein eingeschenkt bekommt.

Latent weiß ohnehin jede*r Bundesbürger*in, dass es nicht mehr weitergeht wie bisher. Wozu noch Schweigen?

  • Wird der ‚reine Wein‘ mit einer Zukunftsperspektive verbunden eingeschenkt, könnte damit auch die Zeit der Orientierungslosigkeit und Lethargie, die Deutschland nach wie vor in weiten Teilen so fest im Griff hat, beendet sein: Patient*innen (hier: Bürger*innen) sind gewöhnlich froh, wenn sie nach Zeiten der Ungewissheit eine eindeutige Diagnose erhalten und somit endlich Klarheit haben. Die Dynamik, die die sich aus der eindeutigen Klimadiagnose entfalten könnte – sowie das verbreitete Gefühl in der Gesellschaft, dass es endlich wieder eine Idee gibt, wie die Zukunft aussehen könnte, könnte eine konstruktive Aufbruchsstimmung in Gang setzen, die der Demokratie in Deutschland gut zu Gesicht stehen würde (vgl. Prinzler/Ulrich 2018).   


Vielleicht gehe ich jedoch zu Unrecht davon aus, dass die Bundesregierung verstanden hat, welche Tragweite, Dimension und Dringlichkeit die Klimakrise besitzt?

Das kann auf Angela Merkel eigentlich nicht zutreffen:


Was wird man sich eines Tages über Angela Merkel erzählen?

Wir hatten mal eine promovierte Naturwissenschaftlerin als Kanzlerin, die hat wider besseres Wissen erheblich und massiv dazu beigetragen, den Planeten an die Wand zu fahren?


– 9 –
Grundlage: Was genau macht der Weltklimarat der UNO?

>> Weltklimarat der UNO = IPCC = Intergovernmental Panel On Climate Change.

Der IPCC forscht nicht selbst – vielmehr tragen dessen Wissenschaftler*innen die Forschungsergebnisse der globalen Klimaforschung zusammen, ordnen und bewerten diese in einem sich etwa fünf Jahre lang hinziehenden Prozess inkl. des sog. Peer Review-Verfahrens.

>> Erläuterung Peer Review-Verfahren:
„Unabhängige Gutachter*innen aus demselben Fachgebiet prüfen eine Studie, bevor deren Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Publikation erscheinen“ (Otto 2019, 17) – In der Regel in Form eines Doppelblindgutachtens – soll heißen weder Gutachter*in noch Forscher*in erfahren den Namen der anderen Person.

Weitere Details zur Entstehung der IPCC-Berichte

Alle Autor*innen des IPCC sind Wissenschaftler*innen, sie bekommen kein Geld für die Arbeit an den Berichten und übernehmen nur Aussagen, zu denen es mehrere Studien in Fachjournalen gibt, die zu gleichen Ergebnissen kommen… Der IPCC macht keine Politik, und im jeweiligen Weltklimabericht stehen auch keine konkreten Politikvorschläge. Der IPCC ist damit ein einmaliges Organ, das die Wissenschaft repräsentiert, aber über der Wissenschaft steht. Es spricht also viel dafür, sich eng an die Aussagen der Berichte zu halten“ (Otto 2019, 56-57).

>> „Neben Wissenschaftler*innen begutachten auch Vertreter*innen sämtlicher internationaler Regierungen die Berichte. Mehr Qualitätskontrolle geht nicht“ (ebd., 71).

Hinzuzufügen ist, dass Wissenschaft nichts dauerhaft Feststehendes, sondern eine Debatte ist, bei der sich Wissenschaftler*innen ständig gegenseitig abchecken und sich darüber abstimmen, was als gesichert gelten darf – und was nicht.


Der Klimaforscher Stefan Rahmstorf wies schon 2013 zu Recht darauf hin, dass das

  • „Konsensverfahren des IPCC, bei dem sich viele Forscher auf gemeinsame Formulierungen einigen müssen, im Gegenteil zu einer Art kleinstem gemeinsamen Nenner“ führt. „Die IPCC-Berichte untertreiben also eher, als dass sie übertreiben.“
Details zum Aspekt 'IPCC untertreibt tendenziell'

Allgemein zeigt die Erfahrung, dass Wissenschaftler*innen, die als seriös gelten wollen, sich lieber nicht ‚zu weit aus dem Fenster hängen‘: die sog. ‚akademische Zurückhaltung‘. Der Klimatologe Lonnie G. Thomas meinte hierzu 2010: „Klimaforscher sind wie die meisten Wissenschaftler ein phlegmatisches Völkchen. Theatralische Drohungen, uns könnte der Himmel auf den Kopf fallen, liegen uns nicht. Viele von uns fühlen sich in ihren Laboratorien oder bei Feldversuchen wohler als bei Interviews mit Journalisten oder Vorträgen vor Kongressabgeordneten“ (zit. in Klein 2015, 26).

Im Ergebnis haben sich Klimaforscher*innen im Regelfall, wenn sie sich mal zu korrigieren haben, immer in die gleiche Richtung nachzubessern: Es ist i.d.R. dramatischer und die Veränderungen geschehen schneller als zuvor per Konsensverfahren angenommen.


– 8 –
Eine gute, eine dramatische und eine spannende Nachricht:

  • Die gute Nachricht:
    Wir haben es noch in der Hand1, einen katastrophalen Klimawandel2 zu verhindern.
  • Die dramatische Nachricht:
    Der Point of no Return ist nahe. Wir haben sofort mit einer umfassenden globalen Transformation zu beginnen – es ist die größte Herausforderung, vor der die Menschheit je gestanden hat.
  • Die spannende Nachricht:
    Wir erhalten durch die Klimakrise prinzipiell die Chance, die Welt neu zu denken, den überdrehten Finanzialismus-Shareholder-Value-Turbokapitalismus einzudämmen und den Menschen bzw. das Leben – und nicht das (zerstörerische) Geld – in den Mittelpunkt unseres Daseins zu stellen.
Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Dies folgt aus den IPCC-Berichten und entspricht dem Gesamtfazit dieses Handbuches. Ergänzend kommt der ehemalige Generalsekretär des Club of Rome, Graeme Maxton, in seinem 2020 erschienen Buch zu dem Schluss, dass „[d]er Klimawandel … noch eingedämmt werden [kann, allerdings sei es] für einfache Lösungen, die uns wenig abverlangen, bereits zu spät“ (2020, 16). Die Klimaforscherin Friederike Otto schreibt: „Es ,liegt in unserer Hand, für das Wetter zu sorgen, dass wir in Zukunft haben wollen, aber vor allem, das wir denjenigen in unserer globalen Welt zumuten wollen, die sich nicht ausreichend vor wütendem Wetter schützen können… Jeder Mensch kann also selbst dazu beitragen, ob wir eine zwei, drei oder vier Grad wärmere Welt bekommen“ (2019, 205 u. 207). Auch Mojib Latif konstatiert, dass „[w]ir … das Heft des Handelns noch in der Hand [haben]. Aber es wird schwieriger, je länger wir warten“ (2020, 104). Der im September 2020 veröffentlichte WMO-Bericht United in Science (vgl. UN 2020) erklärt anhand des Unep Emissions Gap Report, dass wir das Heft des Handelns noch in der Hand haben und das 1,5 °Celsius-Ziel erreichbar bleibt, wenn „die Emissionen… im kommenden Jahrzehnt jedes Jahr um sieben Prozent sinken, also zehnmal nacheinander das schaffen, was im Krisenjahr 2020 erwartet wird. Das sei immer noch möglich, erfordere aber ‚dringende und konzertierte Aktionen von allen Staaten in allen Bereichen‘“ (Pötter 2020c, 8). Damit das (unter?) Zwei-Grad-Ziel erreichbar bleibt, haben die Emissionen im begonnenen Jahrzehnt jährlich um 3% zu sinken (vgl. Eichhorn 2020).

2 Definition „gefährlicher/katastrophaler Klimawandel“: Dieser tritt ein, wenn weiterhin ungehemmt fossile Energieträger verbrannt werden, sodass es zu einem Sprung kommt zu einem Klima, wie es vor 15 Millionen Jahren im Erdzeitalter Neozän, einer Heißzeit mit 5° oder 6° Celsius über unseren Durchschnittswerten und mit einem bis zu 60 Meter höherem Meeresspiegel herrschte, vgl. Schellnhuber 2019. (Hans Joachim Schellnhuber, Klimaforscher, bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) im Gespräch mit Richard David Precht).

Womit nicht gesagt sein soll, dass es leicht wird, diese Chance zu nutzen… aber im Ernst: Die Natur setzt uns die Pistole an die Schläfe. Kommt es zur großen Katastrophe, ist sie final und die Zivilisation Geschichte.


This Is The End Of The World As We Know It (frei nach R.E.M.) –


Das alles bedeutet aber auch:

Es kann endlich anders weitergehen, weil es anders weitergehen muss, wenn es weitergehen soll.


Ich persönlich halte die Umsetzung des Gedankens, dass uns die Klimakrise gewissermaßen eine Chance bietet, die wir sonst nicht gehabt hätten, für nicht besonders wahrscheinlich – aber definitiv für wesentlich wahrscheinlicher als die Erfolgsaussichten des ‚Der-letzte-Strohhalm‘-Gedankens „Die erfinden da noch was“.

Hm, und wenn „die“ doch nichts erfinden sollten?

Und, nebenbei:

Die Zeit für „Die erfinden da noch was“ ist bereits abgelaufen.

Innerhalb der nächsten sieben Jahre = 2.555 Lebenstage = 1.300 politischen Arbeitstage wird definitiv kein technisches Wunder zu erwarten sein: Wir haben unsere Maßnahmen auf Basis der derzeitigen Gegebenheiten auf den Weg zu bringen.

Nur Technologie, die unmittelbar verfügbar ist, kann bei der Planung von Maßnahmen etc. Berücksichtigung finden.

Details: Einordnung des 'Die-erfinden-da-noch-was'

Niko Paech spricht im Zusammenhang mit dieser Art von Fortschrittsgläubigkeit von der irrationalen Hoffnung auf einen alle Probleme lösenden technologischen Messias (Folkers/Paech 2020, 25). Der US-amerikanische Umweltautor Kenneth Brower schreibt dazu: „Die Idee, dass die Wissenschaft uns retten wird, ist die Schimäre, die es der heutigen Generation erlaubt, nach Belieben Ressourcen zu verbrauchen, als würde ihr keine Generationen mehr nachfolgen. Sie ist das Beruhigungsmittel, dass es der Zivilisation erlaubt, so unerschrocken auf die Umweltkatastrophe zuzumarschieren“ (zit. in Klein 2015, 351). Sibylle Berg bezeichnet diese Idee als „[d]ie Ausrede der Kapitalisten, dass der Fortschritt die Erde reparieren wird, [die]… sich nicht einlösen [kann]“ (2020). Precht weist darauf hin, dass bei dieser Art des Techniker-Denkens „[d]ie Vieldimensionalität tatsächlicher Lebenszusammenhänge … nicht vor[kommt]“ (2018, 55) – und daher unterkomplex ist.

Konzentrieren wir uns auf die Chance, die Klimakrise unter Bewahrung der wesentlichen Lebensgrundlagen der Menschheit weitgehend zu bewältigen und dabei gesellschaftlich sogar voranzukommen:

Denn: Gesetze/Leitplanken/Gewohnheiten sind ohne technische Erfindungen veränderbar.


Da die Natur uns unmissverständlich mitteilt, dass es nicht mehr so weitergehen wird – haben wir nur genau diese eine Möglichkeit und diese eine Chance, denn das bisherige post-/neokoloniale, Ressourcen-verschwendende, materialistische neoliberale Überfluss-Ausbeutungsmodell führt ins: Aus.

Ergo: Wir haben die Chance, wir haben die Möglichkeit, aber wir haben: keine Wahl.

Radikal ist, so weiterzumachen wie bisher.


– 7 –
Nicht
-Veränderung wäre Ihnen recht?

  • Fragen Sie mal einen Menschen des Globalen Südens (= sog. ‚Dritte Welt‘), der täglich 14 Stunden in einem Sweatshop arbeitet, wie sie/er die Sache sieht. Sie/er ist übrigens faktisch Ihr Sklave. Das finden Sie übertrieben?

Die BWL-Professorin Evi Hartmann meint dazu:

  • „Wie soll ich das sonst nennen, wenn jemand für 50 Cent am Tag, 14 Stunden lang bei einer Bullenhitze von 60 Grad, ein günstiges T-Shirt für mich näht? Wir alle halten Sklaven – ich eingeschlossen.“ (Utopia 2016)

>> s.a. in Abschnitt Ideen für eine nachhaltige Zukunft den Aspekt freiwillige Selbstdeprivilegierung, S. 508f. u. in Abschnitt Klimagerechtigkeit den Aspekt Der ‚globale Impact‘ eines Smartphones, S. 644ff.


– 6 –
DIE universelle Kurve…

…für das HöherSchnellerWeiter-Leben des Anthropozäns1 und vor allem des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart:

Die universelle Kurve zur Beschreibung des Anthropozäns –
mit dem markanten Knick nach dem Zweiten Weltkrieg

Rechts sieht man – vereinfacht und stark vergröbert – die prinzipiell für alles passende Kurve bzw. Grafik zur Entwicklung der Folgen der industriellen Revolution und des HöherSchnellerWeiter-Lebens: Eine zunächst langsam und nach einem deutlichen Bruch nach dem Zweiten Weltkrieg immer dramatischer ansteigende exponentielle Kurve.2

>> Die Kurve mancher Aspekte – wie z.B. eine Datenreihe der technisch ermöglichten Kommunikation liegt natürlich bis ins 20. Jahrhundert bei null, aber dann folgt die Kurve ebenfalls der exponentiellen Kurve.


Anders ausgedrückt: Man kann sämtliche Kurven u.a. zu den Themen

Treibhausgasemissionen | Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre | Erderhitzung | Bevölkerungsentwicklung3 | globales Wachstum | städtische Bevölkerung | Transport/Mobilität | technisch ermöglichte Kommunikation | Tourismus | Düngemittelverbrauch | Trinkwasserverbrauch | Ressourcenausbeutung | Massenaussterben/Biodiversitätsverlust | Versauerung der Meere | Verlust an tropischem Wald

übereinanderlegen.4 Sie sind weitgehend: deckungsgleich.

Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 Für die Bevölkerungsentwicklung gilt die obige Deckungsgleichheit bzw. die universelle Kurve nur und ausschließlich für die Vergangenheit und die Gegenwart. Entgegen der allgemeinen Annahme flacht die Kurve in den nächsten Jahrzehnten ab. Um das Jahr 2100 pendelt sich die Zahl der lebenden Menschen nach UN-Angaben etwa 11 Milliarden Menschen ein – siehe dazu Abschnitt 11 Milliarden Menschen, S. 612ff.

2 Beruht gedanklich auf Welzer 2016, der sich auf Steffen et al. 2004 bezieht, vgl. auch Lesch/Kamphausen 2016, 316; vgl. auch Weizsäcker/Wijkman 2017, 48, vgl. Hertwich, E.; Peters, G. P. (2009): „Carbon Footprint of Nations: A Global, Trade-Linked Analysis Environ“. in: Sci. Technol. 2009, 43 ( 16) 6414–6420.

3 Anthropozän. Hiermit wird das derzeitige Erdzeitalter bezeichnet, in dem der Mensch (altgriechisch: anthropos) zu dem entscheidenden Faktor auf dem Planeten geworden ist: „In dem neuen Zeitalter verändert der Mensch etliche Prozesse im System Erde: Vielerorts hat die Erosion zugenommen; die Konzentration der Treibhausgase Methan und Kohlendioxid steigt, ebenso wie die Temperatur der bodennahen Lufthülle und der Meere; große Mengen Stickstoff, Phosphor, Aluminium, Plastik und Flugasche werden freigesetzt; radioaktive Isotope markieren den Beginn des Atomzeitalters; artifizielle Gase tragen zur Entstehung des Ozonlochs bei; Tier- und Pflanzenarten werden über den Planeten verteilt, manche im Labor verändert, wieder andere sterben aus. Viele dieser Veränderungen laufen im Vergleich zur Erdgeschichte ungewöhnlich schnell ab“ (Tietz 2016).

4 Uns Menschen fehlt ein Blick/Gefühl für exponentielles Wachstum – ein Gedankenspiel: „Die Fläche, die von Seerosen bedeckt wird, verdoppelt sich alle 24 Stunden. Wenn die Ersten sagen, wir haben ein Problem mit den Seerosen, sagen die anderen: Wieso, 90 Prozent des Teichs sind doch noch offen? Wenn das Problem offensichtlich wird, ist der Teich schon zur Hälfte bedeckt. Aber dann dauert es noch genau einen Tag, bis er ganz voll ist“ (Uta Eser, Biologin und Umweltethikerin zit. in Faller/Grefe 2020, 18). „Das heißt: Am letzten Tag kommt die ganze zweite Hälfte dazu. Das ist exponentielles Wachstum – und so wenig Gespür haben wir dafür. Und darum ist es wichtig, dass wir bei der Seuchenbekämpfung [etc.] nicht auf unser Gefühl, sondern auf die Mathematik hören“ (Glogger 2020).

  • „Zwischen 1980 und 2010 hat sich der jährliche globale Verbrauch von Biomasse, mineralischen Rohstoffen und fossilen Brennstoffen von unter 40 auf 80 Milliarden Tonnen verdoppelt. Längst ist nicht mehr die Rede von ‚Peak Oil‘, jenem Zeitpunkt also, ab dem die Ölfördermengen abnehmen werden, sondern vom ‚Peak Everything‘“ (Hartmann 2018, 16-17).
  • Hervorzuheben ist, dass es erst mit der Etablierung des ‚neoliberalen Turbokapitalismus‘ seit Mitte/Ende der 1980er Jahr ‚so richtig losging‘, vgl. Aspekt Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem, S. 438f.
  • Wachstum, Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen, z.B. gemessen an den 8 wichtigsten Sektoren, gehen „ziemlich strikt mit[einander] … einher“ (Weizsäcker 2019), Wachstum als Grundantwort kann daher nicht die Antwort sein (vgl. ebd.). Am Ende gilt immer noch: Mehr BIP = Mehr CO2.
  • Die Menschen der Industrieländer haben „in der Lebensspanne zweier Generationen den Planeten] an den Rand des Kollapses gebracht“ (Göpel 2020, 17).

>> vgl. Aspekt Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang, S. 391f.

Erläuterung des Begriffs 'BIP'

BIP = Bruttoinlandprodukt = GNP = Gross National Product = „Konsum plus Investitionen plus Regierungsausgaben plus Nettoexporte“ (Klein 2015, 118). Wurde in den USA während des Zweiten Weltkrieges zur Maßeinheit für (kriegs-)wirtschaftliches Wachstum und nachfolgend (zunächst) als volkswirtschaftliche Gesamtrechnung in den westlichen Staaten eingeführt (vgl. Opitz 2018, ca. Min 7. u. wikipedia 2020a). Früher – und auch in dem Song von Geier Sturzflug, der zur Zeit der Neuen Deutschen Welle (NDW) 1983 populär wurde, war viel die Rede vom ‚Bruttosozialprodukt‘. Dieses wurde 1999 in Bruttonationalprodukt (BNP) umbenannt. BIP = Inlandskonzept = „alle im Inland erwirtschafteten Einkommen (egal ob von Inländern oder von Ausländern erzielt“ (wikipedia 2020a) | BNP = Inländerkonzept = alle von Inländern erwirtschafteten Einkommen (egal ob im Inland oder im Ausland erzielt)“ (ebd.).

Der Klimaforscher Mojib Latif konstatiert daher zu den bisherigen globalen politischen Anstrengungen:

  • Aus naturwissenschaftlicher Sicht gibt es [bislang] überhaupt keinen Klimaschutz, denn solange die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen immer weiter steigen, kann man nicht von Klimaschutz sprechen“ (2019b).

>> Zahlen zu den weiterhin weltweit steigenden Emissionen siehe Abschnitt Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen.


Mehr als dramatisch:

– 5 –
„Etwa die Hälfte des Kohlenstoffdioxids, das die Menschheit jemals in die Atmosphäre geblasen hat, wurde in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen.“ (Kolb 2019)
1

Das bedeutet (vereinfacht ausgedrückt), dass

  • es mit den globalen CO₂-Emissionen erst so richtig schlimm wurde nach den ersten Klimakonferenzen (die ab 1988 regelmäßig stattfanden2),
  • „[d]ie Menschheit … dem Planeten in diesem Zeitraum wissentlich größeren Schaden zugefügt [hat] als unwissentlich in den vorangegangen Jahrtausenden“ (Neubauer/Repenning 2019, 58),
  • wir „uns bald fünfzig Jahre in einer Scheinrealität eingerichtet [haben,] in der wir statt physikalischen und biologischen Indikatoren lieber den monetären gefolgt sind“ (Göpel 2020, 35-36),
  • wir dramatisch viel Zeit verschleudert haben, d.h. wir uns jetzt viel schneller und heftiger umzustellen haben, als wenn wir zu angemessener Zeit damit begonnen hätten und
  • wir derzeit so gar nicht auf dem richtigen Weg sind.

Mehr noch, es bedeutet, dass der Mitte der 1980er Jahre einsetzende Neoliberalismus3

  • mitsamt deregulierten Finanzmärkten (‚Finanzialismus‘),
  • übersteigertem Extraktivismus (=übermäßiger Ressourcenabbau),
  • der massiven, neokolonial geprägten Globalisierung,
  • der Produktionsverlagerungen in den Globalen Süden und
  • der HöherSchnellerWeiter-Konsumismus

eine ganz schlechte Idee mit verheerenden Konsequenzen gewesen ist.

Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 Graeme Maxton drückt es 2018 anders aus: „Seit den 1970er-Jahren sind die menschengemachten CO2-Emissionen um 90 Prozent gestiegen“ (28). Mojib Latif erklärt 2020, dass „[d]er jährliche Ausstoß von CO2 … [seit 1990] um mehr als 60 Prozent [gestiegen ist]“ (2020, 104).

2 Gerechnet ab der Weltklimakonferenz 1988 in Toronto (World Conference on the Changing Atmosphere), die noch vor dem Umweltgipfel 1992 in Rio de Janeiro stattfand und der ersten Klimakonferenz (COP 1) vorausging.

3 Der Neoliberalismus basiert auf drei Säulen: „Nach Joseph Stiglitz … [sind diese in der] neoliberalen Überzeugung von einer Kombination dieser drei Elemente gekennzeichnet“ (wikipedia 2020b): 1. Privatisierung ehemals staatlicher Aufgaben inkl. der Privatisierung von Grundversorgungseinrichtungen wie Wasser, Energie, Bahn, Telekommunikation, 2. Deregulierung des Kapitalmarktes inkl. Steuersenkungen insbesondere für Vermögende und Unternehmen und 3. Rückführung der Staatquote (‚schwarze Null‘) mittels der sog. Austeritätspolitik (siehe Fußnote S. 217). Rund um das Thema ‚weniger Staat‘ lieferte einst der ‚Staats-Feind‘ und Fan des ‚Nachtwächterstaats‘ Ronald Reagan 1988 bei einer Ansprache das folgende Bonmot: „There seem a[n] increasing awareness of something we Americans have known for some time that the ten most dangerous words in the english language are ‚Hi, I’m from the government and I’m here to help‘“ (Klein/Lewis 2015, Minute 26:54).
1979 wehte im Weißen Haus noch ein vollkommen anderer Wind, als Jimmy Carter (auch) vor dem Hintergrund der Ölkrise in einer Fernsehansprache folgende Worte an die US-Bürger*innen richtete: „Human identity is no longer defined by what one does, but by what one owns. But we’ve discovered that owning things and consuming things does not satisfy our longing for meaning. We’ve learned that piling up material goods cannot fill the emptiness of lives which have no confidence or purpose“ (Carter 1979). (Carter wurde nicht wieder gewählt. 1980 zog Ronald Reagan ins Weiße Haus.)

Obgleich wir so gar nicht auf dem richtigen Weg sind, lautet das Rezept der meisten Etablierten und derjenigen, die in diesem ‚Spiel‘ etwas zu verlieren haben: Mehr vom Gleichen.


Das ähnelt psychologisch der Situation am Roulette-Tisch, wenn der Verlierende nicht mehr aufhören kann, zu spielen…


Albert Einstein (1879-1955) wird das in diesem Zusammenhang passende Zitat zugeschrieben:

„Die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden, die sie erzeugt haben.“

Die Scientists for Future-Mitbegründerin, Politökonomin und Transformationsforscherin Maja Göpel hält dazu fest:

  • Unsere heutige Welt unterscheidet sich fundamental von der Welt vor zweihundertfünfzig Jahren, als die industrielle Revolution begann. Und doch suchen wir heute vorwiegend mit der damaligen Sichtweise auf die Welt nach Lösungen“ (2020, 15).


Die Taktik ‚Mehr vom gleichen‘ kann keine Lösung sein.

Denken wir diese Taktik doch mal zu Ende, treiben wir es auf die Spitze:

  • Mehr Ressourcenverbrauch?
  • Mehr fossile Energien?
  • Mehr Konsumismus?1
  • Mehr Wachstum?
  • Mehr Neoliberalismus?
  • Mehr Fliegen?
  • Mehr Fleisch?
  • Mehr Autos in Deutschland?
  • Mehr Abholzung des Regenwaldes?
  • Mehr Überfischung?

Klingt doch eher unheimlich.

Aber: Nichts anderes wollen seit Jahrzehnten die Parteien der sog. Mitte, namentlich der SPD, Union und der FDP, wenn ihre Politiker*innen sich in ihrem Wachstums-Credo gedanklich verhaken.

Details zu (1) 'Mehr Konsumismus?'

Man mache sich klar, dass die Rechenleistung eines Smartphones „120 Millionen Mal höher ist als die des Bordcomputers von Apollo 11, mit dem vor fünfzig Jahren die Mondlandung gelang“ (Göpel 2020, 129).

In der Geschichte der Menschheit ist es gemäß dem Autoren Jared Diamond wiederholt vorgekommen, dass große Gemeinschaften ihre vormals blühenden Kulturen in Krisenzeiten an die Wand gefahren haben, weil Gesellschaften im Krisenfalle dazu neigen, die „Strategien zu intensivieren… mit denen man bislang erfolgreich gewesen war“ (Welzer 2016, 14). Diamonds Grundantwort in seinem Buch Kollaps von 2005 lautet, dass mehr von dem, was in die Krise geführt hat, nicht Teil der Lösung sein kann – und: Wer an seinem eigenen Ast sägt, wird irgendwann hinunterfallen.

Details: Der Fall 'Osterinsel'

Entgegen Diamonds Ausführungen und den sicher geglaubten Wahrheiten trifft dies nach aktuellem Forschungsstand auf die Osterinsel nicht zu. Die angebliche, von den Inselbewohner*innen selbst verursachte Katastrophe hat nicht stattgefunden. Siehe dazu Bregman, Rutger (2020): Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit. Rowohlt, 139ff.

  • Am eigenen Ast gesägt haben auch die Bürger*innen der in Ozeanien isoliert gelegenen Insel Nauru, deren reiche Phosphorvorkommen zunächst jahrzehntelang durch die Kolonialmächte Großbritannien, Australien und Neuseeland ausgebeutet wurden. Nach der Unabhängigkeit ging der Extraktivismus in Eigenregie weiter, sodass das Land für kurze Zeit zu einem der reichsten Staaten der Welt wurde. Naomi Klein spricht hier von einem „obszönen Reichtum“ und zitiert eine Bewohnerin mit den Worten: „Als ich jung war… gingen wir oft auf Partys, wo die Leute den Babys tausende Dollar hinwarfen…“ (Klein 2015, 201). Doch das System kippte, „Alkohol am Steuer war [nunmehr] die Haupttodesursache auf der Insel, die Lebenserwartung deprimierend gering, und Nauru erhielt… den zweifelhaften Titel, das ‚fettleibigste Land der Erde‘ zu sein“ (ebd., 203). In Stichwörtern lässt sich die weitere Geschichte skizzieren: „Oase für Geldwäsche“, „doppelter Bankrott“, „größtenteils Mondlandschaft“, zur finanziellen Entschuldung: „Internierungslager für die australische Regierung für Migrant*innen“ und in diesem Zusammenhang: ‚Menschenrechtsverletzungen‘ (vgl. 204f. u. Neubauer/Repenning 2019, 42f.).
Anmerkungen zur australischen Migrant*innenpolitik

Die EU-Flüchtlingspolitik halte ich persönlich für indiskutabel. Meine Auffassung zur australischen Flüchtlingspolitik vermag ich nicht in Worte zu fassen. Machen Sie sich lieber selbst ein Bild: Siehe ABF (2014): „No Way. You will not make Australia home“. in: Australian Border Force, online unter https://youtu.be/rT12WH4a92w (Abrufdatum 30.1.2020)

Naomi Klein findet zu recht die Idee Australiens beklemmend, „Menschen, die morgen selbst Klimaflüchtlinge sein könnten, als Gefangenwärter für die politischen und Wirtschaftsflüchtlinge von heute anzuwerben“ (2015, 207).

  • „Die Geschichte Naurus gleicht einer tragischen Parabel über die Folgen menschlicher Gier und Kurzsichtigkeit im kapitalistischen Wirtschaftssystem“ (Neubauer/Repenning 2019, 44).

Es geht zum Glück auch anders:

  • Ein positives Beispiel in der Menschheitsgeschichte bildet hingegen die „Gesellschaft von Tikopia, einer winzigen tropischen Insel im Südwestpazifik. Die Bewohner des Eilands waren große Freunde des Schweinefleischs. Doch als die Tiere über ihre Felder herfielen, keulten sie die Bestände. Den Wiederaufschwung schafften sie, indem sie ihren Speisezettel umstellten und ihren Ressourcen anpassten“ (Willmann 2005).

– 4 –
Der Realitäts-Schock.

Der YouTuber Rezo brachte die Klimakrisen-Situation vor den Europawahlen im Mai 2019 mit seinem ‚Realitäts-Schock‘-Video auf den Punkt:

  • „Mir war vorher nicht bewusst wie krass diese Parteien vorbei an Expertenmeinungen Politik machen. Man kann daher sagen, dass der aktuelle Kurs von CDU und SPD unser Leben und unsere Zukunft zerstören werden. Und das ist keine übertriebene wütende Parole, sondern der Konsens von tausenden Experten, die sich auf unzählige wissenschaftliche Untersuchungen stützen.“
maiLab / Mai Thi Nguyen-Kim:
Rezo wissenschaftlich geprüft, VÖ 24.5.2019
https://youtu.be/tNZXy6hfvhM (Abrufdatum 26.11.2019)

>> siehe: „Die Zerstörung der CDU“, 18.5.2019, Aussagen zur Klimakrise ab Min 5, ca. 20 min, www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ/ (Abrufdatum 24.6.2019)

Aus meiner Sicht trifft jede Aussage des Klimakrisen- und des Fridays for Future-Parts (am Ende des Videos) messerscharf den Punkt. Auch die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim hat Rezo wissenschaftlich überprüft und hatte nichts Relevantes zu beanstanden.

>> siehe: „Rezo wissenschaftlich geprüft“, 24.5.2019, https://youtu.be/tNZXy6hfvhM/ (Abrufdatum 26.11.2019)


Und die oben von Rezo beschriebene Zukunft hat bereits begonnen:

„warming stripes“ by Ed Hawkins:
Durchschnittliche jährliche globale Temperaturen 1850-2017

Creative Commons License
Image by Ed Hawkins. Jedes Jahr seit 1850 entspricht einem Farbbalken (4.12.2018 veröffentlicht).

Details & Quellen zur Grafik

This image is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.
www.climate-lab-book.ac.uk/2018/warming-stripes/ (Abrufdatum 1.6.2019)

s.a. https://showyourstripes.info/ (Abrufdatum 28.6.2019)
Hier findet man zusätzlich auch die „warming stripes“ für Deutschland 1881-2017

Auf der Grafik beträgt die Differenz 1,35° Celsius, weil die Zahlen bis 1850 zurückreichen [data]. Als Referenzwert für die aktuelle Erwärmung dient das Jahr 1900 – wo es eben global „nur“ 1,1° Celsius kühler war als heute.

Ausführlich dazu siehe Abschnitt Graphische Veranschaulichungen der Erderwärmung inkl. der sog. Hockeyschläger-Kurve.

Diese von Ed Hawkins so anschaulich gestaltete Grafik ‚Warming Stripes‘ bildet mittels eines farblichen Streifens pro Jahr die globalen Durchschnittstemperaturen seit 1850 ab. Vielleicht hätten sich die 709 Parlamentarier*innen des Bundestages im Vorfeld der Verabschiedung des ‚Klimapakets‘ mal diese Grafik anschauen sollen, die trotzdem nur eine Andeutung dessen sein kann, was Ernst Ulrich von Weizsäcker so formuliert:

„[D]ie Welt steht in Flammen.“ (HNA 2019)

Der vormalige Präsident des Club of Rome meint das gleichermaßen metaphorisch und wörtlich und nimmt nachfolgend Bezug auf die globalen verheerenden Waldbrände, die durch hohe Temperaturen und klimabedingte Dürren begünstigt in Kalifornien, im Amazonasbecken, in Schweden, in Russland, im gesamten Polarkreis wüteten und wüten – und die seit Oktober 2019, deutlich vor der eigentlichen Sommersaison, Australien verwüsteten. Und das alles bei ‚nur‘ +1,1 °C.

Wir befinden uns derzeit auf einem 3-bis-4-Grad-Pfad:

  • Diese Brände sind ein lauter Aufschrei und ein extrem deutliches Warnsignal der Erde, adressiert an die Menschheit, endlich ins aktive Handeln zu kommen – wenn sie, die Menschen, weiterhin ein Leben inkl. Zivilisation führen möchten – und die Chance für ihre Kinder und Kindeskinder „auf eine für das menschliche Leben sinnvolle Zukunft“ (Maxton 2018, 8) bewahren möchten.

>> Details und Nachweis zu ‚3-4-Grad-Pfad‘ siehe Abschnitt Konkrete politische Ziele, S. 448.


– 3 –
Ein ‚Weiter so‘ führt ins ‚Aus‘. ‚Business as usual = Death‘

>> Letzteres stand auf einem Plakat von Extinction Rebellion zu lesen, als im Oktober 2019 der Betrieb der Londoner U-Bahn lahmgelegt wurde (vgl. Snaith 2019).

Es bedarf daher einer grundlegenden Änderung unseres Lebensstils und unseres Wirtschaftens.

Wir alle, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen, werden uns und unser Verhalten stark zu ändern haben – der Zeit-Journalist Bernd Ulrich hält dazu treffend fest:

„Wenn es einen Weg gäbe, die Klimawende auch ohne grundlegende Veränderungen bei Produktion, Konsum und Mobilität zu bewerkstelligen, dann hätte die GroKo ihn sicher schon gefunden.“ (2019)

>> siehe dazu Aspekt Was ist politisch zu tun, S. 436, in Abschnitt Politik für Enkel*innen, S. 372.

Im Übrigen ist es angebracht, einen Unterschied zwischen Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft zu machen.

Es braucht immer ein*n Mutige*n, die/der die Wahrheit ausspricht – das bin jetzt mal zur Abwechslung ich selbst. Für Deutschland auf den Punkt gebracht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

>> siehe dazu Abschnitt Was kann ich tun, S. 163 und dort Aspekt Unhaltbarer Lebensstil in Deutschland, S. 164.

Und genau das ist die Botschaft, die von einer/m (nicht grünen/linken) führenden Politiker*in des Bundestages den deutschen Bürger*innen mitgeteilt zu werden hat – bislang hat sich keine*r getraut.

  • Und: Mit ‚weniger Konsumieren, weniger Reisen, weniger Fleisch‘ ist es nicht getan. Unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem ‚funktioniert‘ nur dann, wenn wir ein HöherSchnellerWeiter-Leben im Überfluss führen, d.h. mehr konsumieren als notwendig, also: Überflüssiges kaufen, das nach zwei Wochen in der Ecke steht. Und weil das in diesem System notwendig ist, lobt der Staat auch umgehend ‚Abwrackprämien‘ u.ä. aus, um die Nachfrage künstlich hochzuhalten – und Menschen kaufen dann Autos, die sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht benötigen.

Wenn also unsere Wirtschaft nur ‚brummt‘, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser derzeitiges Wirtschaftssystem hin zu einem künftig weniger wachstumsorientierten Modell umzubauen haben.

Auch hierüber erfahren wir nichts von deutschen Politiker*innen. Wenn diese – insbesondere die Vertreter*innen der Union und der FDP – hervorheben, es liege an den Bürger*innen selbst im Interesse des Klimaschutzes Vernunft walten zu lassen und weniger zu konsumieren, dann ist das schlicht eine Lüge, weil genau diese geforderte ‚Vernunft‘ im derzeitigen wachstumsorientierten Turbokapitalismus in die Rezession führen würde. Dieses Dilemma hat schnellstmöglich aufgelöst zu werden.

>> Ich nehme an dieser Stelle Anton Hofreiter, Fraktionschef der Grünen, von diesem Vorwurf aus. Aber er ist ja an der Teilnahme des eingangs von mir ausgerufenen Wettbewerbs ohnehin ausgeschlossen, vgl. S. 27.


Daraus ergibt sich – hier in den Worten des Sozialpsychologen Harald Welzer – eine Forderung an uns, an die Erwachsenen- und Entscheider*innen-Generationen:

  • „Die größte Aufgabe meiner Generation ist, unser Erfolgsmodell der liberalen rechtsstaatlichen Demokratie auf die Basis eines völlig neuen Naturverhältnisses zu stellen. Das heißt Aufhören mit der expansiven Form des Wirtschaftens, die alle Bedingungen für unser Überleben langfristig zerstört“ (2019).

>> Ausführlich dazu siehe Aspekt Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem, S. 436, in Abschnitt Politik für Enkel*innen, S. 372.


– 2 –
Status quo und Perspektive

Das Thema ‚Klimakrise/sechstes Massenaussterben‘ ist so groß, drängend und erschlagend, dass viele Menschen allein schon deshalb den ‚Kopf in den Sand‘ stecken.

Hinzu kommt, dass die Menschheit bei diesem Thema bislang nur langsam vorankommt, was so Manchen verständlicherweise nicht eben übermäßig zuversichtlich stimmt.

Aber:

Im Herbst 2018 hätte niemand erwartet, dass wir jetzt dort stehen, wo wir stehen.

  • Fridays for Future (FFF) und Extinction Rebellion (XR) geben – neben anderen Gruppen und NGOs (Non Governmental Organizations) wie z.B. Ende Gelände sowie die ‚Klassiker‘ à la Greenpeace und B.U.N.D. – derzeit erfolgreich den Pfad vor:
    • Wir Bürger*innen finden mittlerweile eine funktionierende Protestkultur und -infrastruktur vor – wir brauchen uns als Individuen dort nur ein wenig anzuhängen – und schon ist jede*r von uns auf dem Weg.

Und, ganz wichtig ist die Erkenntnis:

Für die Durchsetzung einer politischen Agenda benötigt man nicht unbedingt die aktive Mehrheit der Bevölkerung,

sondern eine Art ‚Katalysator‘, d.h. Multiplikator*innen, die vorangehen:

  • „Es müssen drei bis fünf Prozent der Unternehmer und Vorstände sein, die sich in diese Geschichte [eines neuen Narratives, wie es weitergehen soll] einschreiben, drei bis fünf Prozent der Unterhändler auf den internationalen Klimaverhandlungen, drei bis fünf Prozent der Staatschefs, drei bis fünf Prozent der Professorenschaft, der Lehrer, der Polizistinnen, der Anwälte, der Journalisten, der Schauspielerinnen, der Hausmeister, der Arbeitslosen usw. Dann potenzieren sich die Kräfte, weil das, was die einen tun, von den anderen begleitet und gefördert werden kann“ (Welzer 2016, 285).

Und:

  • „Der Weg in eine nachhaltige Moderne… wird nur unter der Voraussetzung wirkungsmächtig werden, … [wenn] in jedem gesellschaftlichen Segment, in jeder Schicht, in jedem Beruf, in jeder Funktion ein paar Prozent der Beteiligten beginnen, die Dinge anders zu machen“ (ebd., 285).
  • Welzers Aussage zur Entstehung wirkungsmächtiger Gruppendynamik wird bestätigt durch die Forscherinnen Erica Chenoweth and Maria J. Stephan, die umfassend belegen, dass
    • friedlicher Protest etwa doppelt so effektiv ist wie Gewalt-beinhaltener Protest – und dass
    • die Aktivierung von 3,5% der Bevölkerung ausreicht, um relevante politische Veränderungen herbeizuführen (vgl. Robson 2019).

>> Anmerkung: 3,5% = 2,87 Mio Bundesbürger*innen – bei Fridays for Future waren am 20.9.2019 laut Veranstalter immerhin rund 1,4 Mio Menschen bundesweit auf den Straßen, also rund die Hälfte der erforderlichen ‚kritischen Masse‘ (Wenderoth/Koch 2019).

Erläuterung zu 'höhere Effektivität von gewaltfreiem Protest'

Erica Chenoweth zeigte anhand der Analyse diverser Protestbewegungen, „dass über 50 Prozent der friedlichen Kampagnen erfolgreich waren, gegenüber 26 Prozent der gewaltsamen. Der wichtigste Grund hierfür… bestände darin, dass sich mehr Menschen an dem gewaltlosen Widerstand beteiligen. Durchschnittlich mehr als elfmal so viele“ (zit. in Bregman 2020, 303).

Eine wirklich gute Nachricht ist im Welzer’schen Sinne daher:

Tausende weltweit aktive Aktivist*innen von Fridays for Future haben (basierend auf Greta Thunbergs Schulstreik und sozusagen gemeinsam mit dem meteorologisch unheimlich anmutenden Sommer 2018) international, aber insbesondere in Deutschland das Thema ‚Klimakrise‘ nunmehr in die Mitte der Gesellschaft getragen.

>> siehe ausführlich dazu Aspekt Konkrete politische Ziele, S. 446, in Abschnitt Was ist politisch zu tun?, S. 446.

Erläuterungen zu Extinction Rebellion und Ende Gelände

Extinction Rebellion, kurz XR, [zu Deutsch ‚Rebellion gegen das Aussterben‘, das im Logo eingekreiste ‚X‘ symbolisiert eine Sanduhr] ist eine weltweite Bewegung, die sich mit Mitteln des zivilen Ungehorsams gegen das Massenaussterben von Tieren und Pflanzen und das mögliche Aussterben der Menschheit als Folge der Klimakrise einsetzt“ (wikipedia 2019). Das Interessante daran ist m.E., dass XR Gewaltfreiheit zum Prinzip erhebt – so ist es üblich, sich gegenüber der Polizei betont freundlich zu verhalten und des Weiteren z.B. bei Straßenbesetzungen keinen Widerstand gegen das Wegtragen zu leisten.
XR hat drei Grundforderungen: 1. „Tell the truth“ 2. „Act Now“ 3. „Beyond Politics“ – mit letzterem wird der Aufbau einer partizipatorischen Demokratie gefordert: Bei „Bürgerversammlungen… sollen die Wege zur Lösung der Klimakrise entwickelt werden“ (ebd.).
XR ist ein lockerer Zusammenschluss von Menschen, d.h. es gibt keine Sprecher*innen o.ä. – niemand spricht für Andere, jede*r spricht für sich selbst. In diesem Sinne sind auch Äußerungen Einzelner sog. Vordenker*innen dieser Bewegung zu bewerten, von denen ich mich ausdrücklich distanziere.

Aus der „Erklärung der Rebellion“:
„Wenn weder die gewählte Volksvertretung noch das Gesetz den angemessenen Schutz und das Wohlergehen der Bevölkerung gewährleisten können, liegt es in der Hand der Bürgerinnen [und Bürger], die notwendigen Veränderungen einzuleiten – zur Abwendung der Katastrophe und für die Zukunft unserer Kinder. Dann ist es nicht nur unser Recht zu rebellieren, sondern unsere Pflicht“ (XR 2019, 11).

Übrigens: Wer sich je gewundert hat, dass das katholische Irland von heute auf morgen eine überaus progressive Gesetzgebung zu den Themen ‚gleichgeschlechtliche Ehe‘ und ‚Schwangerschaftsabbruch‘ erhalten hat: Das ‚Wunder‘ basiert auf einer ebensolchen Bürger*innenversammlung (Citizens‘ Assembly), wie sie Extinction Rebellion für das Thema ‚Klimakrise‘ fordert (vgl. ebd., S. 95).

>> s.a. Portrait der Bewegung: Fahrion, Georg (2019): „Neue Umweltbewegung: Extinction Rebellion Greta Thunbergs radikale Geschwister“. in: Der Spiegel, 19.8.2019, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/extinction-rebellion-was-die-neuen-klima-aktivisten-planen-a-1282370.html (Abrufdatum 24.8.2019)


Ende Gelände
ist ein Bündnis von Klimaaktivist*innen, das sich dem zivilen Ungehorsam mit Besetzungen z.B. des Tagebaus Garzweiler verschrieben hat, um ein umgehendes Ende der Braunkohleförderung bzw. -verstromung durchzusetzen. Ein weiteres zentrales Anliegen ist Klimagerechtigkeit, die sog. ‚Climate Justice‘. Ein Wahlspruch von Ende Gelände lautet: „System Change not Climate Change!“ (vgl. https://www.ende-gelaende.org/de/)


– 1 –
Ein letztes Schlaglicht dieser Einführung:

Ein sehr wichtiger Gesichtspunkt im Zusammenhang mit der Erderhitzung ist die mehrdimensionale ‚Klimagerechtigkeit‘, international als ‚Climate Justice‘ bekannt:

Hier geht es um Generationengerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit, soziale Gerechtigkeit, globale Kohlenstoffgerechtigkeit bzw. um Gerechtigkeit bei der künftigen Nutzung von Ressourcen.

Details: Kohlenstoffgerechtigkeit

Der Begriff ‚Kohlenstoff-Gerechtigkeit‘ „stammt von Wangari Maathai[, einer] kenianischen Aktivistin und Begründerin des Green Belt Movements in Kenia… [Ihr geht es um] die Anerkennung der Umstände, unter denen sich die Staaten auf den Weg zu einer kohlenstoffneutralen Wirtschaft machen“ (Neubauer/Repenning 2019, 192).

Und:

  • Die Klimakrise ist weit mehr als ein ‚Umweltproblem‘. Hier geht es um Menschen, um Menschenleben – und hier wiederum um das Leben von den ärmeren Menschen, um die Menschen des Globalen Südens, die am wenigsten zur Erderwärmung beigetragen haben und am meisten von dieser Krise betroffen sind und künftig (vorläufig) am meisten darunter leiden werden.
  • Auch finanziell, denn die letztlich durch die CO2-Emittenten verursachten Schäden müssen ja irgendwie beseitigt werden:
    • „Perverserweise sind Menschen in Armut nur für einen Bruchteil der weltweiten Emissionen verantwortlich, aber sie werden die Hauptlast[, d.h. u.a. die finanziellen Kosten] des Klimawandels tragen und die wenigsten [u.a. finanziellen] Fähigkeiten haben, sich davor zu schützen“, so der UNO-Sonderberichterstatter Philip Alston. (Die Presse 2019, vgl. Abschnitt Klimagerechtigkeit S. 625ff.).
... mehr

Philip Alston warnt darüber hinaus vor einer „‚Klima-Apartheid‘, in dem die Wohlhabenden dafür bezahlen, Überhitzung, Hunger und Konflikten zu entkommen und der Rest der Welt leidend zurückbleibt“ (Die Presse 2019).

Rahmstorf und Schellnhuber bringen die für ‚Climate Justice‘ notwendige Konsequenz mit folgenden Worten auf den Punkt:

„[L]etztlich gibt es doch nur eine robuste und moralisch vertretbare Antwort: Jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre, die zu den wenigen ‚globalen Allmenden‘ zählt.“ (2018)

Ohne umfassende Klimagerechtigkeit inkl.Technologie-, Wissens- und Know-how-Transfers hat der Globale Süden, haben dessen Regierungen, haben dessen Bewohner*innen keinen Grund, bei der Bewältigung der Klimakrise und bei einer Abmilderung des sechsten Massenaussterbens mitzuziehen.

Details zum Aspekt 'umfangreiche Klimagerchtigkeit erforderlich'

Das sieht auch Ernst Ulrich von Weizsäcker so. Er schlägt vor, auf Basis der historischen Emissionen ein Budget zu errechnen, welches die Industrienationen dann quasi schon aufgebraucht haben und daher CO2-Emissionsrechte vom Globalen Süden einzukaufen hätten, dessen Regierungen dann bevorzugt auf Erneuerbare Energien setzen würden, um CO2-Emissionsrechte nicht selbst zu nutzen, sondern verkaufen zu können (vgl. Weizsäcker 2019). Ein Schritt, um dem Globalen Süden die Hand zu reichen, wäre zudem ein umfassender ‚Schuldenerlass‘. Der Globale Süden mag aufgrund von Regeln, die die Industrienationen aufgestellt haben, auf dem Papier Schulden haben – angesichts der jahrhundertelangen kolonialistischen Strukturen, auf dem der komplette Wohlstand der Industrienationen beruht, ist es doch wohl so, dass die Industrienationen Schulden in astronomischer Höhe bei den Menschen und Ländern des Globalen Südens haben. „Laut dem Weltwährungsfonds (IMF) würde ein vollständiger oder teilweiser Schuldenerlass für 39 Länder rund 75 Milliarden US-Dollar (Stand 2014) kosten – das entspricht ungefähr jener Geldmenge, die die US-Notenbank im selben Jahr jeden Monat im Rahmen ihres quantitativen Lockerungsprogramms druckte“ (Maxton 2018, 119-120). Auch Naomi Klein weist dezidiert darauf hin, dass „wir eines ganz sicher nicht verlangen [dürfen], nämlich, dass die Menschen, die am wenigsten zu der gegenwärtigen Krise beigetragen haben, die ganze Rechnung oder auch nur einen Teil davon bezahlen. Das würde nur dazu führen, dass verheerende Mengen CO2 in unsere Atmosphäre gelangen“ (2015, 502): „Die reichen Länder müssen dem Süden … zu einer Wirtschaft mit niedrigen Emissionen verhelfen“ (ebd. 500).

Schon dieser eine Aspekt für sich genommen bedeutet, dass unser bisheriges Weltwirtschaftssystem, dass auf Ausbeutung des Globalen Südens basiert, definitiv ausgedient hat.

>> siehe ausführlich dazu Abschnitt Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) – und der Globale Süden‘.


Zeit, den Kopf aus dem Sand zu ziehen:

– 0 –
Zero. Ignition. Go!

Vielleicht ist die Menschheit eines Tages – rückblickend – für diese tiefe Krise dankbar, weil sie uns die Augen geöffnet und geholfen hat, den neoliberalen Turbokapitalismus, das HöherSchnellerWeiter, den Neokolonialismus, den Materialismus, den Finanzialismus sowie die Ausbeutung des Globalen Südens etc. pp. zu überwinden.

Utopisch? Ja. Und gleichzeitig doch wahrscheinlicher und chancenreicher denn je.

Denn: So lange der Neoliberalismus ‚funktionierte‘, gab es keinerlei Möglichkeiten bzw. wurden keine Gelegenheiten (‚Windows of Opportunity‘) genutzt, um das System abzukühlen, es per Betonung der Sozialen Marktwirtschaft zu zähmen oder den erst in den 1980er Jahren entschlüpften neoliberalen Geist wieder in die Flasche zu stecken.

Das erscheint mir das neue Narrativ zu sein:

Die Doppelkrise Klimakrise/Massenaussterben bietet – trotz der bedrohlichen Kulisse – eine Chance. Sie ist die Chance, die wir bislang nie hatten. Sie kann uns von unserem selbstzerstörerischen Trip befreien, das Leben freier machen und für globale Gerechtigkeit sorgen – nutzen wir sie.

Die Chance ist nicht groß. Aber es ist unsere einzige Chance.

Details: Erläuterungen zum Aspekt/Begriff 'Narrativ'

„Katastrophenmeldungen … halten Menschen aber nur aus, wenn sie eine Perspektive haben. … [P]ositive Emotionen verhindern, dass sie in die Verdrängung gehen… [Sie] brauchen eine Vorstellung davon, wo wir hin wollen. Diese Vision nicht mitzukommunizieren, ist ein bisschen so, wie in ein Taxi zu steigen und zu sagen: ‚Fahren Sie mich nicht zum Hauptbahnhof‘“ (Bronswijk 2020, 26).

Ein Schlussgedanke:

Der Geologe Anthony Leiserowitz, der sich in Yale mit dem Yale Program on Climate Change Communication mit einem ganzen Team um die Frage der gelungenen Klimakommunikation kümmert, bringt die entscheidende, konstruktive ‚Klimabotschaft‘ auf die folgende „Climate Change in 10 Words“-Kurzformel:

„It’s real, it’s us, it’s bad; experts agree, there’s hope!“

>> siehe 30-Sekunden-Video von Leiserowitz: https://youtu.be/TbtVXWNrN9o , 2017 (Abrufdatum 2.2.2020)

„Der Klimawandel ist erwiesen und menschengemacht, hat gravierende Risiken, CO2 ist die Ursache, wir können etwas tun!“ (Übersetzung: Michael Brüggemann, 2019)

Legen wir also los.


Quellen des Abschnitts Intro



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