Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) – und der ‚globale Süden‘


„Unser Lebensstandard basiert auf dem globalen Reichtum, der nicht gerecht verteilt ist.“ (taz: Hamed Abbaspur in König 2017)


Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber:

„[L]etztlich gibt es doch nur eine robuste und moralisch vertretbare Antwort: Jede Erdenbürgerin und jeder Erdenbürger hat exakt den gleichen Anspruch auf die Belastung der Atmosphäre, die zu den wenigen ‚globalen Allmenden‘ zählt.“ (2018, 108)

>> vgl. Abschnitt Intro, S. 39f.

Erläuterung 'Allmende'

Die Tragik der Allmende (‚Tragedy of the Commons‘, so benannt von dem US-amerikanischen Ökologen Garrett Hardin, 1968) besteht darin, dass das Allgemeingut – wie z.B. die Dorfwiese – wenn die Nutzung der Allmende (wie meist der Fall) nicht verbindlich reguliert ist, Menschen dazu tendieren, sie zu ihrem persönlichen Vorteil zu übernutzen. Im Falle der Dorfwiese würden also z.B. Bauern ihre Tiere bevorzugt auf die Dorfwiese treiben, um ihre eigenen Weiden zu schonen. Die Allmende schlechthin ist unsere Umwelt, vgl. auch die Hinterlassenschaften von Grillpartys in öffentlichen Parks – und unsere Atmosphäre. Doch sind Allmenden auch positiv gestaltbar – es bedarf dazu genauer Regeln bzw. entsprechender sozialer Kontrolle, um die Übernutzung auszuschließen. Die 2009 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnete Wissenschaftlerin Elinor Ostrom sammelte „mehr als 5.000 Beispiele funktionierender Commons. Viele davon existierten schon seit Jahrhunderten, wie bei den Fischern von Alanya in der Türkei, die bereits seit Menschengedenken ihre Fischereirechte auslosten, und den Bauern des Schweizer Dorfes Törbel, die Verabredungen über die Nutzung des knappen Brennholzes trafen“ (Bregman 2020, 343).

In einem Leserbrief in der Zeit schrieb Corinna Kreidler 2019:

  • „Im globalen Maßstab gehören alle Deutschen, auch junge und arme, zur feudalen Klasse, die sich ihren Lebensstandard auf dem Rücken des globalen Südens leistet. ‚Warum sollte einer reicher Deutscher mehr Rechte haben, das Klima in Gefahr zu bringen, als ein armer Kenianer?‘


Soziale Gerechtigkeit…

  • „lässt sich im Kontext der anthropogenen Erderwärmung in zwei ethische Grundüberzeugungen zusammenfassen:
  1. Jeder Mensch ist nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch vor der Natur gleich.
  2. Wer den Klimaschaden anrichtet, soll auch dafür geradestehen (‚Polluter Pays Principle‘)“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 107).
  • Die Klimakrise ist weit mehr als ein ‚Umweltproblem‘. Hier geht es um Menschen, um Menschenleben – und hier wiederum um das Leben von den ärmeren Menschen, um die Menschen des Globalen Südens, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben und am meisten von dieser Katastrophe betroffen sind und künftig am meisten darunter leiden werden.


Rahmstorf und Schellnhuber bringen es exakt auf den Punkt:

Die „Nutzung der Atmosphäre als Müllkippe den kommenden Generationen in den besonders klimasensiblen Entwicklungsländern auf[zu]bürden… empfänden [v]iele nichtstaatliche Umweltgruppen … als amoralische Krönung der historischen Ausbeutung der ‚Dritten Welt‘ durch die Industrieländer.“ (2018, 90)


Übersetzen wir diese Aussage mal für die Gegenwart in Zahlen:

Aktueller Stand der ‚Climate Justice‘:

  • 3,5 Milliarden Menschen = die ärmere Hälfte der Menschheit = 10% der globalen Emissionen
  • 700 Millionen Menschen = die reichsten 10% der Menschheit = 49% der globalen Emissionen

Zurzeit ist es so, dass „[d]ie ärmere Hälfte der Menschheit … nur für 10% der globalen Emissionen verantwortlich [ist], während die reichsten 10% die Hälfte aller Emissionen produzieren“ (Kontext: Goeßmann 2019).

  • Oxfam 2020: „Carbon Emissions Of The Richest 1 Percent More Than Double The Emissions Of The Poorest Half of Humanity.“


Und:

  • „[D]ie am wenigsten Verantwortlichen [bekommen] zugleich die Auswirkungen der Klimakrise am härtesten zu spüren“ (ebd.).

Die FAZ präzisiert das schon im Jahr 2006:

  • „Die ärmste Milliarde dieser Erde trägt keine Verantwortung für Kohlendioxydausstöße, ist aber in erster Linie davon lebensbedroht“ (Paoli 2006).

Weitere Zahlen aus der Studie von Oxfam:

  • „The average footprint of someone in the richest 1% could be 175 times that of someone in the poorest 10%“.
    • „The average emissions of someone in the poorest 10% of the world population is 60 times less than that of someone in the richest 10%.“
    • „Women bear the heaviest burden in a warming world, generally more heavily dependent on climate-sensitive livelihoods and with least to fall back on in harsh times“ (Oxfam 2015).

>> vgl. Aspekt Frauen sind von der Klimakrise stärker betroffen als Männer, S. 423f.


Und eine neue Oxfam-Studie von 2020 sagt über die Jahre 1990 bis 2015:

  • „Die reichsten zehn Prozent (630 Millionen) seien in dieser Zeit für über die Hälfte (52 Prozent) des CO2-Ausstoßes verantwortlich gewesen.    
  • Das reichste Prozent (63 Millionen) allein habe 15 Prozent verbraucht,     
  • während die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung nur für sieben Prozent verantwortlich gewesen sei.“ (zit. nach Spiegel 2020b)


Die globale Ungerechtigkeit wird auch anhand der finanziellen Besitztümer der Weltbevölkerung deutlich:

  • „Das reichste eine Prozent der Welt, und noch abscheulicher, die reichsten

    acht Menschen der Welt haben jetzt so viel Reichtum wie die gesamte ärmste Hälfte der Weltbevölkerung,

    wie Oxfam während des Weltwirtschaftsforums 2017 berichtete“ (Weizsäcker et al. 2017, 23-24).


Vermutlich eine Folge abweichender Definitionen von ‚Privatvermögen‘ und ‚Reichtum‘ – auf jeden Fall kommt Dieckmann zu einer anderen Zahl:

22,1 Mio Menschen besitzen die Hälfte des globalen Privatvermögens. (vgl. Dieckmann 2019)

Das bedeutet also folglich:

  • 22,1 Millionen Dollar-Millionäre besitzen etwa 103 Billionen US-Dollar.
  • 7,6 Milliarden Nicht-Millionäre besitzen etwa 103 Billionen US-Dollar (vgl. ebd.).


2020 wird Oxfam mit den folgenden Zahlen zitiert:

  • „2.153 Milliardäre [besitzen derzeit] … genauso viel Geld …, wie die 60 ärmsten Prozent der Weltbevölkerung zusammen genommen, also insgesamt 4,9 Milliarden Menschen“ (Spiegel 2020a).


Daraus folgert Maxton:

  • „Dies ist kein Kampf zwischen 99 Prozent und 1 Prozent der Menschheit. Es ist ein Kampf zwischen 99,995 Prozent und 0,005 Prozent der Menschheit“ (Maxton 2020, 76).


Michael E. Mann – dem wir die Hockeyschlägerkurve (vgl. S. 157) verdanken – formuliert es so:

  • „The great tragedy of the climate crisis is that seven and a half billion people must pay the price – in the form of a degraded planet – so that a couple of dozen polluting interests can continue to make record profits“ (zit. in Taylor/Watts 2019).

Wir sollten dabei nicht vergessen, dass dahinter dann eine ebenfalls begrenzte Anzahl von profitierenden Aktionär*innen und Pensionsfonds-Profiteur*innen steht.


Und Reichtum ist maßgeblich gegendert:

„Männer [besitzen] 50 Prozent mehr Vermögen als Frauen“ (Zeit 2020) – und zwar trotz vererbter Vermögen.

  • „[D]ie 22 reichsten Männer Afrikas [verfügen] über ein größeres Vermögen als alle afrikanischen Frauen zusammen“ (Spiegel 2020a).
  • Beim Weltwirtschaftsforum 2020 in Davos „sind 119 Milliardäre anwesend[, die] nur 0,5% Steuern auf ihre Vermögen zahlen“ (Vielhaus 2020).


Wir werden globale Ungerechtigkeit niemals ganz besiegen können. Aber ein derart abstruser Auswuchs sollte doch abzustellen sein?


>> Anmerkung: Auch in Deutschland klafft eine immer größere Lücke zwischen arm und reich:

„[D]as reichste Prozent… besitzt bereits rund 35 Prozent der individuellen Nettovermögen. Die reichsten zehn Prozent kommen gemeinsam auf 67,3 Prozent der Vermögen… Die untere Hälfte der Bundesbürger besitzt nur rund ein Prozent des gesamten Nettovermögens… [Mit einem] Gesamtvermögen von 22.800 Euro … [gehört man] statistisch schon zur reicheren Hälfte der Bevölkerung… Etwa 1,5 Prozent der Deutschen besitzt mehr als eine Million Euro. Wenig überraschend handelt es sich dabei meist um Männer, die schon älter sind. Sie sind zudem besser gebildet als der Durchschnitt und oft selbstständig… Nur 30 Prozent sind Frauen“ (Hermann 2020, 3).


Angesichts der in jeder Hinsicht mangelnden Climate Justice stellen Neubauer/Repenning für Deutschland, aber nicht nur für Deutschland, fest:

„Wer von Reduktionszielen spricht, darf von Umverteilung nicht schweigen.“
(2019, 202)

  • „[G]erecht wäre es, wenn … [der massive Umbau unserer Infrastrukturen] insbesondere auch diejenigen zahlen, die vom nicht-nachhaltigen Status quo besonders profitieren… Vermögenssteuern oder klimabezogene Vermögensabgaben sind zwei Antworten, die bis jetzt kaum diskutiert werden“ (ebd., 203-204).

 
„Warum wir uns die Reichen nicht mehr leisten können“ lautet der Titel eines Buches von Andrew Sayer (2017).

Ernsthaft: Warum sollte es auf einem Planeten hochgradig vermögende Menschen geben, wenn gerade diese – aufs Ganze gesehen – einen besonders hohen CO2e-Anteil am derzeitigen fossilen Kapitalismus haben – und ihr Vermögen dazu eingesetzt werden könnte, die Welt endlich ‚auf das richtige Gleis‘ zu setzen? Sie alle haben von den bestehenden fossilen Verhältnissen massiv profitiert und haben nun zurückzugeben, zurückzustecken und ihren Anteil zu leisten.


Der ehemalige Umweltminister Klaus Töpfer (CDU) zur mangelhaften ‚Climate Justice‘:

  • „Ich frage mich, wie ‚Fridays for Future‘ in Afrika aussähe. Das Durchschnittsalter der Menschen dort liegt bei zwanzig Jahren, sie sind unfassbar arm, suchen Arbeit, wollen diesen Teufelskreis durchbrechen. Wir müssen die Situation dieser Menschen mitdenken, wenn wir über Klimaschutz diskutieren. Es genügt nicht, weniger zu fliegen oder mit dem Rad ins Büro zu fahren, so wichtig das auch ist… Wir müssen die beiden großen Herausforderungen unserer Zeit miteinander verbinden: Beseitigung von Armut und erfolgreiche Klimarettung“ (zit. in Haberl 2019).


Den Faden aus dem Abschnitt Intro (S. 39) wieder aufgreifend:

Anders ausgedrückt:

  • „Solange wir den Klimawandel und die Ungleichheit nicht gleichzeitig angehen, kann man weder das eine noch das andere lösen. Wir müssen also verstehen, wir diese beiden verknüpft sind“ (Goeßmann 2019).


Es gilt: Nur eine globale Klimagerechtigkeit führt relevant zu Klima- und Umweltschutz – aus einem ganz einfachen Grund:

  • „Die Armen neigen dazu, für ihr Überleben und ihre Bedürfnisse die Ressourcen zu übernutzen, oft sogar zu zerstören. Die Reichen dagegen übernutzen die verfügbaren Ressourcen erst recht und dies oft aus reiner Gier. Demgegenüber werden soziale Gerechtigkeit und die Überwindung der Armut zu einem Schlüssel für den Umweltschutz“ (Weizsäcker et al. 2017, 208).


Positiv gewendet:

Die Verknüpfung der Aspekte ‚Klimakrise‘ und ‚Beseitigung der globalen Ungleichheit‘ birgt – in jeder Hinsicht – eine große Chance für die Menschheit.

Es geht auch nicht anders, denn der Globale Süden wird beim Klimaschutz nur mitmachen, wenn er davon profitiert, in dem er z.B. vergünstigt und u.U. patentrechtefrei bzw. lizenzfrei Zugang zu Technologien u.a. betreffend erneuerbare Energien erhält.

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Naomi Klein pointiert, dass wir „keine hundert Jahre mehr [haben], damit China und Indien ihre Dickens-Phasen hinter sich bringen können“ (2015, 36); siehe auch Abschnitt Intro, S. 40.

  • Denn so wie es bisher lief mit dem post- bzw. neokolonialen Imperialismus, ist es schlicht äußerst zynisch vom Kapitalismus als dem ‚bestmöglichen System‘ zu sprechen.1
  • Das ist eine zutiefst westliche Sichtweise, die man wohl nur einnehmen kann, wenn man gerade auf dem Sofa die Füße hochlegt, weil man ach so hart gearbeitet hat (vgl. S. 230f.) – oder der 45. Präsident der USA ist. Die Realität ‚da draußen‘ ist eine andere.
Details: Erläuterungen zu (1)

Bestmögliches System? Nils Klawitter schrieb im Frühjahr 2020 unter der Überschrift „Ausbeutung als Geschäftsmodell“ im Spiegel einen Kommentar zu den Arbeitsbedingungen in Fleischfabriken. Ja, richtig, das ist Ausbeutung – aber das Thema ‚Ausbeutung als geschäftsmodell‘ ist viel größer dimensioniert, Ich denke, Klawitter bringt es unbewusst auf den Punkt: Das Geschäftsmodell des unregulierten Neoliberalismus/Turbokapitalismus ist Ausbeutung – Sweatshops, Dauerpraktikant*innen, Ressourcenübernutzung, Niedriglohnsektor, Neokolonialismus, Kreuzfahrtschifffahrt, Allmende ‚Atmosphäre‘, eingeflogene Rumän*innen als Erntehelfer*innen, Systemrelevante Pfleger*innen in Altersarmut etc. pp. – die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Selbstverständlich geht es anders als bisher. Die angebliche Unausweichlichkeit von Politik und Geldwirtschaft – There Is No Alternative (TINA) – ist die vielleicht nachhaltigste Lüge von denjenigen, die alles so lassen wollen wie es derzeit ist.

Es geht immer auch anders. Alles könnte anders sein.

  • „Je energischer jemand behauptet, dass irgendetwas alternativlos sei, umso genauer sollten Sie es hinterfragen“ (Göpel 2020, 187).


TAALOA – There are always lots of alternatives!

in Anlehnung an die angeblich so oft alternativlose Politik der Regierung Merkel und an TINA – „There ist no Alternative“.

(TINA ist ein Schein-Argument von Margret Thatcher, um den Neo-Liberalismus durchzudrücken: Operation gelungen, Patient derzeit dem Koma nahe.)


Jürgen Habermaß hielt dem schon zu Thatcher-Zeiten entgegen:
„Wenn die utopischen Oasen austrocknen, breitet sich eine Wüste von Banalität und Ratlosigkeit aus.“
(1985, 161)


Was Ressourcenausbeutung, CO₂-Emissionen, Wachstumscredo und Lebensstil der Industrienationen zu Ende gedacht bedeutet:

  • Wir wachsen uns arm. (vgl. Alt 2019, 9)
  • „Die „imperiale Lebensweise [ist] derzeit im Begriff…, sich zu Tode zu siegen.“ 
  • (Brand/Wissen 2017, 14)


Climate Justice, Neokolonialismus und unsere imperiale Lebensweise

Womit hier wieder das Thema ‚Wachstum‘ auf der Agenda steht:

Wachstum kann nur erzeugt werden, wenn andere „auf ihren proportionalen Anteil verzichten“ (müssen). (Brand/Wissen 2017, 14)

>> s.a. Aspekt Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang, S. 391ff.


Und weiter:

  • „Die imperiale Lebensweise beruht auf Exklusivität, sie kann sich nur so lange erhalten, wie sie über ein Außen verfügt, auf das sie ihre Kosten verlagern kann“ (ebd., 15). 


Tragisch, dass das schon Karl Marx vor rund 170 Jahren erkannte:
„Das Bedürfnis nach einem stets ausgedehnteren Absatz für ihre Produkte jagt die Bourgeosie über die ganze Erdkugel. Überall muss sie sich einnisten, überall anbauen, überall Verbindungen herstellen“ (1847/48).


Mit ‚Außen‘ ist sowohl die Atmosphäre als auch die immer weitere räumliche Verbreitung der Wachstumswirtschaft auf immer neue Länder (Südostasien, aber auch in die Staaten des Ostblocks nach dem Mauerfall) gemeint. Nachdem auch dieses Raum-greifen an seinen Grenzen gerät, man also kaum mehr „in den Raum expandieren kann, um den Treibstoff für den Antrieb der Zivilisationsmaschine von außen zu holen[, verbleibt a]ls einzige Ressource zur Erzeugung globalen Mehrwert nur noch die Zukunft“ (Welzer 2016, 53) – man expandiert unter Missachtung der – globalen! – Generationengerechtigkeit in die Zeit.


Und in diesem Sinne, d.h. aufgrund der Kostenexternalisierung (Kostenauslagerung) – und in Kombination mit Shareholder Value (d.h. der Verpflichtung von Börsennotierten Unternehmen, den Gewinn zugunsten der Aktienbesitzer*innen zu maximieren) – kann es unter den heutigen Gegebenheiten generell (so gut wie) keine wirklich nachhaltigen Produkte geben.


Warum?

Gegenfrage: Warum verlagert man denn Produktionen z.B. nach Südostasien?

Antwort: Weil es dort aufgrund mangelnder Gesetzgebung, niedrigeren Umweltstandards, Korruption und niedrigen Löhnen billiger und somit lukrativer ist, zu produzieren. Die Sache ist systemisch – d.h. im System so angelegt.
Daher ist eine grüne bzw. nachhaltige Wirtschaft/Produktion ohne tiefgreifende Änderungen im Betriebssystem der globalen Wirtschaft und Politik grundlegend nicht möglich.

  • Kathrin Hartmann spricht daher vollkommen zu Recht von der GrüneLüge.

>> vgl. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell. Blessing. | s.a. Boote, Werner u. Hartmann, Kathrin (2018): Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können. Film-Doku.


Ulrich Brand und Markus Wissen gehen in diesem Punkt noch einen Schritt weiter:

  • „Ausgeblendet wird, dass Ökosysteme nicht deshalb zerstört werden, weil ihnen kein Preisschild anhaftet, das die Kosten ihres Verlusts quantifizieren würde [was aber nicht gegen eine CO₂-Steuer spricht!]. Der Grund liegt vielmehr darin, dass die Rechte der Menschen (häufig Kleinbauern und indigene Gemeinschaften), die in den entsprechenden Territorien leben, systematisch missachtet werden“ (2017, 150).


Hierauf ist ein genauerer Blick zu richten:


Ein Beispiel: Der ‚globale Impact‘ eines Smartphones

… in Form einer emotionalen aber inhaltlich sachlichen Reportage.


Dein neues Smartphone. Du findest es auf der hell designten Seite des Webshops Deiner Wahl… oder im angesagten Lifestyleladen in der Fußgängerzone: Der Produktberater hat zufällig das gleiche Gerät zu Hause – these things happen! –, und auch er ist der Meinung, dass es „ein super Gerät vom Preis-Leistungsverhältnis her ist“. Und dann ist es: Deins. Die sanft leuchtende, randlose Oberfläche mit dem glänzenden Retina-Display ist glatt poliert, es schimmert leicht – und noch keine Fingerabdrücke stören dieses Bild. Wunderbar. Es wird Dir beistehen, in guten und schlechten Zeiten. Bis das der nächste Handyvertrag Euch scheidet: Ihr werdet eine wunderbare einjährige Beziehung führen (vgl. Manhart 2016).

Details zu ‚1 Jahr und ex und hopp‘

Thema ‚1 Jahr und ex und hopp‘: Smartphonenutzung-Durchschnitt = 2,7 Jahre (vgl. Manhart et al. 2016). Fakt ist, dass mindestens ein großer Smartphoneanbieter Deutschlands eine jährliche ‚Handytauschoption‘ bereithält. Update 10/2018: Eine andere Firma garantiert neuerdings, dass es innerhalb von 24 Stunden ein kaputtes Handy durch das gleiche Modell ersetzt.

Hier könnte die Geschichte zu Ende sein, und meistens ist sie das auch… Aber verlassen wir heute mal die Oberfläche, öffnen das Smartphone fachgerecht und legen seine filigranen Bauteile frei – und graben mal dort, wo niemand so recht hinschaut.

Und wir müssen tief graben, denn unser kleiner ‚sehr leistungsfähiger transportabler Kleincomputer zur elektronisch gestützten Kommunikation und Unterhaltung‘ beginnt sein Dasein mit guter Chance tief unter der Erde in der Demokratischen Republik Congo in Zentralafrika.

Hier lagern 2/3 der globalen Lagerstädten von Kobalt – die seltene Erde, die für die Herstellung der Smartphone-typischen (und in E-Autos stets verbauten) Lithium-Ionen-Akkus unverzichtbar benötigt wird (vgl. Belkaïd 2020, 17). Daneben gibt es hier sehr viel Kassiterit, ein Erz mit einem hohen Zinngehalt, bestehend aus Kupfer, Gold und der ‚seltenen Erde‘ Coltan. Letzteres entspricht Tantal und steckt in jedem Smartphone zum Speichern von Energie, d.h. es wird als Kondensator verwendet (vgl. Jeska 2012 u. Umwelthelden 2016).

Ob mit bloßen Händen oder mit Meißel und Hammer – auf jeden Fall unter erbärmlichsten Arbeitsbedingungen „für umgerechnet zwei bis drei Dollar am Tag“ – niemand macht sich dort die Illusion reich werden zu können, es geht um das pure Überleben – arbeiten im Congo geschätzte „100.000 Menschen … in den Minen …, davon – so Unicef – sind 40.000 Kinder“ (Rittmann 2016 u. AI 2016a).

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Precht erwähnt in Jäger, Hirten, Kritiker. Eine Utopie für die digitale Gesellschaft „die Kinder, die [während der Industrialisierung] in den Kohleschächten Englands ihre Kindheit und oft ihr Leben verloren“ (17), was mich ein weiteres Mal darauf bringt, wie beschämend wenig sich doch eigentlich geändert hat seit den frühen Tagen der Industrialisierung. Nur dass eben der Ort des Elends, der Kinderarbeit und der Umweltverschmutzung nicht mehr im Londoner Großraum liegt, sondern ausgelagert wurde in den Globalen Süden, sodass diejenige/derjenige, der es in seinem Shopping-Delirium nicht wissen will, ein wenig ‚besser‘ als früher die Augen verschließen kann vor dieser Schande. Siehe auch S. 650.

Akram Belkaïd spricht von 200.000 Creuseurs – Minenschürfer*innen in i.d.R. illegalen ‚Kleinbetrieben‘ (2020, 17).


Und auch wer nicht irgendwann verschüttet wird, riskiert Lungenschäden und Dermatitis… die Zeit formuliert es so:

  • „Hunderte werden in den Minen des Kongos jedes Jahr lebendig begraben oder ersticken in den Abgasen dieselbetriebener Wasserpumpen“ (Obert 2011).

Belkaïd schreibt in Le Monde diplomatique:

  • „Unfälle sind in diesen ‚Todesstollen‘, wie die Einheimischen sie nennen, an der Tagesordnung“ (2020, 17).

>> s.a. Amnesty International-Video „This is what we die for: Child labour in the DRC cobalt mines“, online unter https://www.youtube.com/watch?v=7x4ASxHIrEA (Abrufdatum 27.1.2020)

  • „Am 15. Dezember 2019 teilten die International Rights Advocates (IRA) mit, dass sie bei einem Washingtoner Gericht gegen mehrere transnationale Unternehmen eine Sammelklage wegen der Mitschuld am Tod von 14 Kindern in den congolesischen Kobaltminen einreichen. Apple, der Google-Mutterkonzern Alphabet, Dell, Microsoft und Tesla werden sich vor Gericht verantworten müssen. Die IRA prangern an, dass der ‚Tech-Boom‘ dazu geführt habe, dass ‚in der DR Kongo Kinder für ein oder zwei Dollar Tageslohn das Kobalt aus der Erde holen, dass die reichsten Konzerne der Welt für die Herstellung ihrer teuren Gadgets brauchen‘“ (Belkaïd 2020, 17).

Weder Apple noch Samsung sind nach Auskunft von Amnesty International in der Lage zu garantieren, dass das Cobalt etc. ohne Kinderarbeit gefördert wurde (vgl. Spiegel 2016, vgl. AI 2016a, vgl. Belkaïd 2020, 17). Selbst wenn das gelänge: Auch die übrigen Zustände sind schlicht verheerend, so spricht Obert von „an Sklaverei grenzenden Arbeitsbedingungen“ (2011). … Hand in Hand geht mit alledem der ganze Abwärtsspiralen-Wust von Korruption, Wegelagerei, Schutzgelderpressung, Prostitution, Mord, zerstörter Sozialgefüge, Hunger – darüber hinaus gleichermaßen extreme, systematische und massenhafte sexuelle Gewalt gegen Frauen und Kinder (vgl. Koebl 2018, 81) – und damit immer noch nicht genug: „Mit dem Ertrag ihrer Plackerei finanzieren bewaffnete Gruppen [in Congo] einen [Bürger-]Krieg, der seit [22] Jahren wütet, mit Millionen von Toten“ (Obert 2011).

Natürlich gibt hier es keine einfachen Lösungen. Aber eines ist sicher: Diese Art von Hölle entsteht zu einem guten Teil durch Geld: Niemand hätte einen Grund in eine solche Mine zu steigen, wenn sich kein Abnehmer für das Erz finden würde.

Weltfirmen wie Apple oder Samsung scheuen sich selbstredend, in einem Atemzug mit solchen Zuständen genannt zu werden, aber irgendwie gelangt das Zeug eben doch in die Smartphones – via Umwege: So gehen „rund 90 Prozent der Produktion … heute nach Asien“ (Obert 2011).

>> Grafik zu den möglichen Lieferketten siehe hier: https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/apple-samsung-und-co-kinderarbeit-in-kobaltminen-im-kongo-a-1072704.html (Abrufdatum 27.1.2020); s. Spiegel 2016


Übrigens: Der Krieg bzw. das Chaos halten generell die Rohstoffpreise niedrig (vgl. Obert 2011), was Firmen und Aktionärinnen/Aktionäre sicher nicht gänzlich unangenehm finden. Und am Ende sieht dem eingeschmolzenen Erz (Kobalt, Coltan/Tantal) keiner mehr seine Herkunft an. Fakt ist: Das Zeug kommt mehrheitlich aus dem Congo und es ist wesentlich plausibler anzunehmen, dass in Deinem Smartphone genau dieses Erz steckt als dass genau dieses Erz nicht drinsteckt.


Also, nach Darstellung von Amnesty International (AI 2016b) verkaufen die Minenarbeiter oder bereits deren Zwischenhändler das Kobalt auf Märkten in den Städten an Geschäftsmänner oftmals chinesischer Herkunft. Diese wiederum verkaufen das Erz an die chinesische Firma CDM, die es einschmilzt. Deren Mutterfirma Huayou Cobalt Co., Ltd. exportiert es nach China und Südkorea und verkauft es dort an Batteriekomponentenfirmen, die ihre erneut zu transportierenden Vorprodukte an die Endfertiger verkaufen. Dann wird der fertigproduzierte Akku zur Smartphone-Produktionsfirma transportiert.

Details zu 'China investiert massiv in Afrika'

China investiert massiv in Afrika – und dort besonders stark in die Infrastruktur. Die Doku ‚Anderswo. Allein in Afrika‘ (2018) von Anselm Pahnke, der hier dokumentiert, wie er in 414 Tagen Afrika einmal von der Südspitze bis zum Mittelmeer allein mit dem Fahrrad durchquert, zeigt dies – über weite Strecken fährt Pahnke auf m.E. überraschend neuen und dabei guten bis perfekten Asphaltstraßen, deren Bau zu einem guten Teil finanziell irgendwie mit China verknüpft sein dürfte. Gleichwohl es selbstredend extrem hilfreich ist, in Afrika zu investieren und es nicht bei traditionell-wirkungsloser Entwicklungshilfe zu belassen, droht hier die Schuldenfalle. So sind „Chinas Auslandsforderungen um rund 50 Prozent höher, als es die [ohnehin hoch ausfallenden] offiziellen Statistiken ausweisen“ (Grill et al. 2019, 55). Dschibuti (70%), Republik Congo (fast 30%) und Kenia (>15%) sind zu hohen Prozent ihrer Wirtschaftsleistung bei China verschuldet, was nach Grill et al. ein Vielfaches ist in Relation zu Schulden bei westlichen Industrienationen (vgl. ebd.) – und ist auch hohen Zinsforderungen Chinas geschuldet (vgl. ebd.). Und: „Um sich vor Zahlungsausfällen zu schützen, räumen Kreditverträge der Volksrepublik umfangreiche Rechte ein, zum Beispiel den Zugriff auf Nahrungsmittel, Rohstoffe“ (ebd. 54). Gewinne werden des Öfteren durch China gleich wieder an die chinesischen Vertragsfirmen des jeweiligen afrikanischen Landes zurückgeleitet, „die Airports, Häfen oder Staudämme bauen; so entsteht ein geschlossener Finanzkreislauf, in den kein ausländischen Konto mit einbezogen ist“ (ebd.).

Wir haben jetzt mit Kobalt und Coltan/Tantal gerade mal zwei der sog. Konfliktrohstoffe näher betrachtet. Ein Smartphone besteht aber aus „sechzig Rohstoffe[n] aus bis zu hundert Minen …, darunter die Konfliktmaterialien Gold, Tantal, Wolfram und Zinn, die bewaffnete Konflikte in Afghanistan und Zimbabwe finanzieren“ (Hartmann 2018, 79). Diese Stoffe werden allesamt abgebaut bzw. mit teils extrem hohen Energiebedarf (Braunkohle!) aus den Gesteinen herausgelöst und schließlich – zunächst jeder Rohstoff einzeln, dann die Vorprodukte, schließlich die Einzelteile – jeweils teils global transportiert. „Kobalt … macht 3-4 Prozent des Gewichts eines Handys aus“ (IZFM 2014). „Ein ca. 80 Gramm schweres Handy hat einen ökologischen Rucksack von 75,3 Kilogramm. Er übersteigt damit das Eigengewicht des Gerätes um fast das Tausendfache“ (IZFM 2014).

>> ökologischer Rucksack siehe http://ressourcen-rechner.de/.


Unter den benötigten Materialien befinden sich zudem – wie erwähnt – auch Kupfer und Gold, bei dessen Abbau Böden und/oder Gewässer verseucht werden – oder auch Zinn, für den Regenwälder zerstört werden (vgl. Umwelthelden 2016). „Smartphones… bestehen [außerdem zu einem guten Teil] aus Siliziumwafern, deren Herstellung große Mengen an [oftmals Braunkohleverstromter] Energie und [Trink-]Wasser verbraucht. [Und:] Seit 2007 wurden rund 968 TWh [Terawattstunden] für die Herstellung von Smartphones aufgewandt. Das entspricht nahezu dem Energieverbrauch Indiens für ein ganzes Jahr: Dieser lag 2014 bei 973 TWh“ (Jardim 2017).


So, nun lagern die Bauteile Deines neuen Smartphones in einer Fabrik irgendwo in Südostasien. Damit reißen die unangenehmen Meldungen aber keineswegs ab:

So schlich sich – wie Matthias Fiedler (2017) für den Spiegel herausarbeitete – ein US-amerikanischer Student chinesischer Herkunft namens Dejian Zeng im Auftrag der chinesischen NGO (Non Governmental Organization) Labour Watch in eine Apple-Smartphonefabrik in Shanghai ein. Nach einem 30-sekündigen Vorstellungsgespräch wurde er zu ‚einem von 70.000‘ und schraubte mit einer ‚Frequenz‘ von 23 Sekunden – täglich, 6 Tage die Woche, offiziell 60 Stunden pro Woche, nach eigener Aussage in Wirklichkeit aber unfreiwillig 72 Stunden pro Woche –, also pro Tag 1.800 winzige immer gleiche Schrauben zur Befestigung des Lautsprechers an 1.800 iPhones. „Dafür erhielt er abzüglich der Kosten für Unterkunft und Verpflegung umgerechnet 455 Euro … [pro Monat – die Überstunden wurden schlecht vergütet – doch] der [monatliche] Mindestlohn in Shanghai liegt lediglich bei 2.190 Yuan, 291 Euro“ (Fiedler 2017). Alle zwei Stunden zehn Minuten Pause, Fehler werden in den Pausen nachgearbeitet, er erlebte auch mal neun Arbeitsstunden ohne Essen etc. pp. (vgl. Fiedler 2017)… „Sechs Wochen hielt Zeng durch“ (ebd.) …Soll ich fortfahren?

… vielleicht mit diesem Zitat aus dem Greenpeace-Video „10 Jahre Smartphone“:

Greenpeace-Video „10 Jahre Smartphone“, siehe https://youtu.be/amJjq1Bpur4 (Abrufdatum 21.10.2020)
  • „Über 200 Fabrikarbeiter in Südkorea führen ihre lebensbedrohlichen Erkrankungen, einschließlich Krebs, darauf zurück, dass sie bei ihrer Arbeit in den Halbleiterfabriken gefährlichen Chemikalien ausgesetzt sind“ (Jardim 2017).

… und dann sind da noch „dreizehn Beschäftigte des Foxconn-Konzerns, der im Auftrag von Apple produziert“, die sich direkt in der Fabrik „im ersten Halbjahr 2010“ das Leben nahmen, „meist, indem sie sich von oberen Stockwerken der Fabrikgebäude in den Tod stürzten.“ „Die Leute waren verzweifelt, auch wegen der Drangsal ihrer Arbeit: miese Löhne, sechzig Stunden Arbeit pro Woche – oder mehr, Einsamkeit im Firmenwohnheim, keine Aussichten, das zu ändern“ (alle Zitate aus: Koch 2011).

60 Stunden sind die Regelwochenarbeitszeit – und dann bekommt man von „Louis Woo, [der] ein enger Vertrauter des Vorstandschefs von Foxconn [ist]“ (Koch 2011), so einen Satz zu lesen:

  • „Es ist richtig, dass das chinesische Arbeitsgesetz nur 36 Überstunden pro Monat erlaubt. Wir übernehmen eine Führungsrolle, um dieses Ziel umzusetzen“ (ebd.).

Ein bestehendes Gesetz als Ziel? Hä?

Seither soll einiges passiert sein, die Löhne erhöht, Netze gespannt (!) … was auch immer. An der grundlegenden Problematik, dass nämlich die Arbeitsbedingungen ‚Sweatshop‘-Charakter haben, ändert das ü-ber-haupt nichts. Nur weil von ‚extrem schlimm‘ auf ‚sehr schlimm‘ zurückgefahren wurde, gibt es garantiert keinen Grund Beifall zu klatschen.

Das Stichwort ‚Kinderarbeit‘ taucht auch im Zusammenhang mit der Schlussfertigung von Smartphones auf, so wollte 2014 „der Smartphone-Weltmarktführer Samsung … neuen Vorwürfen zu Kinderarbeit bei einem Zulieferer in China nachgehen“ (taz 2014). Und im November 2017 hören wir davon, dass „in China [Berufsschulen] regelmäßig [3.000 minderjährige] Schüler in die Werke des Apple-Zulieferers Foxconn [schicken]. Dort arbeiten sie für das neue iPhone X länger als erlaubt. Wer sich weigert, riskiert offenbar seinen Abschluss“ (Spiegel 2017).

Ok, ich mach‘ hier einen cut.


Nun sind also alle Schrauben feinsäuberlich verschraubt, alles ist zusammengefügt, alle Produktteile in einen edlen Karton verpackt, mit Prüfsiegel, Zertifikat, Garantieerklärung etc. pp. Nun macht sich Dein Smartphone, wie schon zuvor seine Innereien/Einzelteile, auf die Weltreise und wird an Bord irgendeines Containerschiffs nach Europa, nach Japan oder in die USA verschifft. Lassen wir mal die trostlosen Arbeitsbedingungen auf den Schiffen beiseite: Festzuhalten ist auf jeden Fall, dass selbstredend auch dieser Transport erneut zum beeindruckenden CO2-Fußabdruck Deines noch nicht mal ausgepackten Smartphones beiträgt.

Der Container wird entladen und landet samt deines Smartphones auf einem Lkw. Nun wird er u.U. tausende Kilometer über Autobahnen zum Großhändler gebracht. Von dort geht es zum Einzelhändler, Du fährst eventuell mit dem SUV vor, um es zu kaufen.

Oder: Es landet bei Amazon o.ä., kommt per Lkw ins Hochlager, wird aus dem Hochlager genommen, zusätzlich verpackt und per DHL, Hermes o.ä. verschickt, sodass es erst ins Postlager und von dort aus per Lastwagen zu Dir transportiert wird, vielleicht bist Du sogar anwesend, sonst fallen für eine weitere Lieferung möglicherweise weitere CO2– und Stickoxid-belastende Wege an.


Diese überlangen Handels- und Produktionsketten inkl. der Vielzahl der Zwischenhändlern und den globalen Transportwegen, die auch dazu führen, dass es sogar unbekannt bleibt, woher konkret ein Konfliktstoff stammt, unterminieren jegliche Eigenverantwortung der Managerinnen und Konsumentinnen. Ich denke, dass das nicht ungewollt ist.


Endlich, endlich ist der Moment gekommen: Nun seid Ihr, Du und Dein very much loved-Smartphone ein smartes ‚Lebensabschnittspaar‘ für ein Jahr, ich hoffe, das Teil fällt weder runter noch wird es geklaut, denn sonst geht – symbolisch gesprochen – der ganze Zirkus im Congo möglicherweise schon wenige Wochen nach Kauf noch mal los, damit Du wieder und erneut ein edles Smartphone in den Händen halten kannst.

365 Tage später.

… Viele Deiner Freunde haben Dich seither ungefähr vier Mal gesehen, vielleicht haben sie noch nicht mal mitbekommen, dass Du vor einem Jahr ein neues Gerät erstanden hast… Du warst vielleicht drei Mal im Kino, 20 Mal beim Sport, warst einmal krank, vier Mal besoffen, zwei Mal im Kurzurlaub… noch einmal Blinzeln… und:

Das Jahr ist um.

Dein Mobilfunkanbieter mit seiner tollen ‚Handytauschoption‘ bzw. sein Konkurrent bieten Dir einen frischen Vertrag mit neuen Geiz-ist-so-verdammt-geil-Konditionen mit einem nigelnagelneuen Smartphone als Dreingabe an. ‚Time to Say Goodbye‘ also für Euch zwei Hübschen: Zeit für die Trennung von Tisch, Bett und Gesäßtasche.

…mehr

Schon in den 1950er Jahren nannten Designer diese geplanter Obsolenz durch neu auf den Markt gebrachte Modelle „dynamisches Veralten“: „‚Wir gestalten ein Auto‘, bekennt einer [dieser Designer] freimütig, ‚damit ein Mann mit seinem 1957 Ford unglücklich wird, noch bevor das Jahr 1958 vorbei ist‘“ (Albig 2020, 64).

Für viele Smartphones ist nun der Zeitpunkt gekommen, in irgendwelchen Schubladen zu verschwinden und vor sich hinzugammeln. Mittlerweile werden die im Unterschied zu herkömmlichen Handys ungleich teureren Smartphones durchaus öfter secondhand verkauft – womit sich der weitere Gang der Dinge mal längere, mal kürzere Zeit verzögert –, manche werden verschenkt oder – das kommt vor! – mustergültig recycelt1. Die meisten Handys aber lagern ein paar Jahre in der Schublade und landen dann direkt auf dem Schrott.2

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Aus Lithium-Ionen-Akkus kann „gerade etwas mehr als die Hälfte des Materials zurückgewonnen werden. Vor allem das wertvolle Metall Lithium geht vollständig verloren… Sie bestehen nur zu weniger als zwei Prozent aus Lithium… [Der Fachmann Bernd Friedrich dazu:] ‚Aus Lithium-Ionen-Batterien … wollen wir fünf verschiedene Metalle herausholen. Je geringer deren Anteile sind, desto aufwendiger wird es, sie zu trennen‘“ (Schlak 2019). Ein anderer Aspekt: „124 Millionen funktionierende Althandys liegen [mit Stand 2018] ungenutzt in deutschen Haushalten… Darin sind enthalten: 2,9 Tonnen Gold (Wert: 126 Mio Euro); 30,6 Tonnen Silber (Wert: 16 Mio Euro); 1.116 Tonnen Kupfer (Wert: 4,6 Mio Euro)“ (Fedrich 2020, 66-67).

2 „Wenn es um den neuesten Flachbildschirm-Fernseher oder das schicke Smartphone geht, verlässt viele Deutsche der Natursinn: Kein EU-Land produziert mehr Elektroschrott“ (Zeit 2014): 2010 = 777.000 Tonnen (ebd.), die vom Recycling-System erfasst sind. Die UN schätzen das Gewicht des gesamten jährlichen deutschen Elektroschrotts auf 2 Mio t (vgl. Kopatz 2019, 130). Es soll weltweit 8 Mrd aktive Mobiltelefone geben – aber nur 3,5 Mrd derzeit genutzte Zahnbürsten (vgl. Fedrich 2020, 110-111).

Und wo landet der Schrott? To keep a long story short: Oft im Globalen Süden, sehr oft in Afrika. Auf irgendwelchen gigantischen Müllhalden[4], die ganze Landstriche in Ödnis verwandeln und selbige auf Jahrhunderte verseuchen – und auf denen sich die Ärmsten der Armen tummeln und dort nach Elektronikteilen suchen, deren Kunststoffummantelungen sie dann vor Ort anzünden – und Du weißt bestimmt ja aus eigener Erfahrung, wie es riecht, wenn man Gummi, Plastik etc. anzündet … das ist zutiefst gesundheitsschädlich, was da in Augen und Lunge gerät, und auch der Kontakt mit den diversen Metallen, darunter Cobalt, macht: krank.

Apropos 'Müllhalden'

Technikschrott, Wohlstands- und Plastikmüll landet regelmäßig en masse im Globalen Süden: „Etwa eine Million Tonnen, ein Sechstel des gesamten Kunststoffabfalls, verkaufen Firmen wie Alba jährlich ins Ausland. Offiziell werden solche Überbleibsel des deutschen Verpackungswahnsinns nicht als Abfall deklariert, sondern als ‚Rohstoff für die Kunststoffindustrie‘“ (Asendorpf et al. 2018). >> s.a. Aspekt Untertagedeponien in Deutschland, in denen Müll als Bauschutt deklariert eingelagert wird Fußnote S.146.

Auf diesen schier endlosen Müllhalden suchen Menschen also nach ‚Wertstoffen‘, und auch hier sind es allzu oft – ein weiteres verstörendes Mal in diesem Abschnitt, quasi jeder Teil des Produktlebenszyklus‘ ist betroffen – Kinder und Jugendliche, die im Elektroschrott möglicherweise auf eines Deiner weggeworfenen Smartphones stoßen und mit dessen Rohstoffen ein paar Cent verdienen, die sie jedoch dazu bringen, auf der Müllhalde zu verbleiben, von der sie langsam aber sicher vergiftet werden.

  • „Viele Jugendliche leiden unter Kopfschmerzen, Juckreiz, Schwindel und fleckiger Haut. Die Langzeitfolgen sind noch schlimmer, die Dämpfe lassen das Gehirn der Jugendlichen schrumpfen, schädigen Nerven und Nieren – und verursachen Krebs“ (Bojanowski 2011).

>> Apropos ‚Mülldeponien-Arbeiter‘: Kennst Du das UNICEF-Foto des Jahres 2011?
siehe unter https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/unicef-foto-des-jahres-die-kinder-aus-sodom-a-804733.html (Abrufdatum 27.1.2020) (vgl. Hans 2011)


Der Kreis hat sich geschlossen. Dein Smartphone ist mehr oder weniger dort angelangt, von wo einige wichtige Stoffe der Bauteile herkamen: Der Grundstoff des Akkus ist nach einer – möglicherweise – nur rund eineinhalbjährigen Reise mehr oder weniger wieder an seinen Ursprungsort (Afrika) zurückgekehrt und macht zum zweiten Mal dort Menschen krank und in jeder Hinsicht das Land bzw. den Kontinent kaputt.

Smartphones sind nicht smart.

Das ist kein Argument gar keines zu besitzen. Aber jedes Jahr? Jedes zweite Jahr? Und: Es gibt Alternativen – die niemand in meinem gesamten Umkreis nutzt – z.B. das Shiftphone oder das Fairphone.


Die wahren Ökos unter meinen Freund*innen benutzen lieber i.d.R. noch ältere ‚Krücken‘ als ich.


Soweit ich weiß und sehe, stellen Shift&Fair technisch und funktional absolut ernst zu nehmende Alternativen dar – und auch die Preise fallen generell nicht aus dem Rahmen.


Ich für meinen Teil finde, dass ein Smartphone nichts ist, was man sich aus ‚Spaß an der Freud‘, aus Angabe, aus Status-Gründen oder auch ‚einfach nur, weil man es sich leisten kann‘ oder weil man es sich angeblich ‚verdient‘ hat, ständig und immer wieder, so wie ein Modeaccessoire, kaufen sollte.


Apropos Mode. Es ist doch so in Mode, ‚Respekt‘ zu fordern.
Na, prima: Ich fordere Respekt für die Menschen, die für uns ErsteWeltler*innen den Kopf hinhalten bei der Smartphoneproduktion – und das bedeutet, dass das un-smarte Teil verdammt nochmal gehegt und gepflegt und behalten wird, bis es irgendwann aus Altersschwäche auseinanderbröckelt.


… Und das Nächste muss ja nicht unbedingt ein Neues sein…

Unsere (Ur-)Großeltern – so geboren vor 1955 – würden auf jeden Fall jeden einzelnen von Euch, der ein funktionierendes Gerät wegwirft oder ‚einfach so‘ ersetzt, für bekloppt erklären… sie wären: entsetzt. Sind nun Deine Großeltern ‚von gestern‘? Was werden Deine Kinder/Enkel über Deine (Ur-) Großeltern denken? Und was werden sie über Dich denken?

Der eigentliche Preis für ein Smartphone bildet sich nicht im Ladenpreis ab. Nicht mal annähernd.

Mir persönlich erscheint dieser zu zahlende Preis zu hoch zu sein.

Wann immer ich mit Menschen, die sich m.E. wenig Kopf um die Produktionsbedingungen ihrer Konsumgüter machen und überhaupt wenig Ahnung von den ungeheuren Zuständen des Globalen Südens haben, spreche, kommt es zum ‚Bonmot von den Arbeitsplätzen in der Dritten Welt‘: „Naja, aber wenn ich das 4-Euro-T-Shirt nicht kaufe, verliert die Näherin in Bangladesch ihren Arbeitsplatz“. So die immer gleiche Leier, anwendbar auf jedes prekäre Produkt der Welt.

Es ist doch eher so:

Jeder Kauf eines 4-Euro-T-Shirts bestätigt und stabilisiert den absolut unhaltbaren Status quo, zu dem es nie hätte kommen dürfen.


Daher gibt m.E. kaum ein unangebrachteres, falscheres Argument als das Argument von den ‚Arbeitsplätzen in der sog. Dritten Welt‘, mit denen ErsteWeltler*innen gerne ihren unreflektierten Konsum rechtfertigen.

Es geht hier um ein strukturelles Problem: Globale Firmen suchen sich die billigste Form der Produktion, nutzen also die aktuellen Welt-Gegebenheiten und die Armut der Welt aus – und wenn die politischen/finanziellen Bedingungen in diesem Land nicht mehr angenehm sind, verlagert man diese ‚Arbeitsplätze‘ (ich mag sie so nicht nennen) in ein anderes Land – futsch sind sie, das geht schneller als einmal Zwinkern – und was hinterlässt man? Blühende Landschaften? Nein, man hinterlässt ein Land in einem sozial desaströsen Zustand; desaströs sicher auch, was die Umwelthinterlassenschaften der Produktion angeht.

Anders ausgedrückt – der Deal lautet: „Ihr gebt Eure gewachsenen sozialen und kulturellen Strukturen auf, wir geben Euch ‚Arbeit‘ und vermeintlich westlichen Glanz, beuten Euer Land und Eure Leute aus, vergiften riesige Areale und Flüsse, ihr schaut nicht so genau hin, wir stützen Eure Oligarchie – und wenn uns das hier zu teuer, aufmüpfig oder dreckig wird, verschwinden wir wieder.“

Das ist er, der Dreisatz von Abhängigkeit, Ausbeutung und Umweltzerstörung.


Übrigens: Deine Regierung weiß das alles ganz genau. Und tut nichts. Du könntest sie daran erinnern.


Noch einmal das Intro mit dem Aspekt Nicht-Veränderung wäre Ihnen recht?, S.30, aufgreifend…

Die BWL-Professorin Evi Hartmann geht hier noch einen Schritt weiter. Sie stellt uns ErsteWeltler*innen – jeder/jedem von uns – die Frage: „Wie viele Sklaven halten Sie?“

Im Interview erläutert Hartmann den Titel ihres Buches mit den Worten:

  • „Wie soll ich das sonst nennen, wenn jemand für 50 Cent am Tag, 14 Stunden lang bei einer Bullenhitze von 60 Grad, ein günstiges T-Shirt für mich näht? Wir alle halten Sklaven – ich eingeschlossen. Nachdem 2013 die Textilfabrik in Sabhar in Bangladesch einstürzte, bin ich die Frage nicht mehr losgeworden, wie etwas so Schreckliches passieren kann – und bei mir und in meinem Umfeld ändert sich nichts. Wir kaufen weiter ein wie bisher. Das hat mich erschreckt“ (Utopia 2016).

Nun, kurz innehalten – ‚machen wir uns ehrlich‘: Ich glaube nicht, dass Eva Hartmanns Ansicht diskutabel ist. Die Frau hat einfach recht. Und wir sollten alle so fair sein, uns das einzugestehen.


Das alles bedeutet letztlich eines: Wir sind seit den prekären Arbeitsbedingungen des Frühkapitalismus‘ nicht wirklich vorangekommen. Im 18./19. Jahrhundert war es so, dass die alten sozialen Gefüge Europas durch die industrielle Revolution bedingte Umwälzung der Arbeitswelt. Die in die vom Land in die Städte ziehenden, aus ihren sozialen Kontexten herausgelösten Menschen waren ‚leichte Beute‘ für die prekären städtischen Fabrik-Jobs kaputtgingen.

Diese Art von Arbeitsplätzen, diese billige Arbeit gibt es auch im 21. Jahrhundert immer noch – nur dass diese Jobs eben nicht mehr in London oder Westeuropa zu finden sind, sondern vorrangig im Globalen Süden. Und auch hier wurden zunächst die alten sozialen Strukturen zerstört – zum Beispiel durch billige Exportwaren, die die Preise und damit die heimischen Märkte kaputt machte –, sodass die westlichen Firmen mit ihren outgesourcten Sweatshop-Jobs ein leichtes Spiel haben. Und dort veranlassen sie dann all das, was sie in Europa etc. längst nicht mehr dürfen, weder hinsichtlich der Arbeitsbedingungen noch hinsichtlich der Umwelt. Das ist Absicht, das hat System – und wir Profiteure der Industrienationen schauen zu bzw. weg.

>> Auf https://slaveryfootprint.org/ erfährst Du mehr über ‚moderne Sklaverei‘ – und kannst zudem berechnen, wie viele Menschen Du letztlich als Sklaven hältst. (Klingt harsch, oder? Die vorgenannte Wissenschaftlerin Evi Hartmann hat es gemacht und ist auf 60 gekommen, vgl. Utopia 2016).
>> vgl. Fußnote auf S. 644


Wenn ich all die vorgenannten Fakten und Zusammenhänge in meine Überlegungen mit einbeziehe, verschlägt es mir die Sprache, wie unglaublich anmaßend es ist, Smartphones über die ‚geplante Obsolenz‘ hinausgehend zunehmend auch noch so zu bauen, dass der Akku nicht entfernt werden kann und die Geräte vielfach nicht mal mehr reparierbar sind.

Über die Arroganz, die es bedeutet, ein funktionierendes Smartphone nach einem Jahr zu verschrotten, brauche ich mich wohl nicht mehr weiter zu äußern.

Der Umweltaktivist und ‚Entschleuniger‘ Douglas Tompkins erklärte in Florian Opitz‘ äußerst sehenswerten Film bzw. lesenswertem Buch ‚Speed – auf der Suche nach der verlorenen Zeit‘ (2012) im Zusammenhang mit Hightechgeräten wie z.B. Smartphones, dass wir für diese Geräte eben den gesamten globalen industriellen Komplex benötigen, der die Welt zerstört (vgl. S. 206), und weiter:

  • „Hier. Der Computer. Eine Massenvernichtungswaffe. Er zerstört die Umwelt in gigantischem Ausmaß. Er beschleunigt die Wirtschaft. Die ist allein in den letzten 25 Jahren um fünfhundert Prozent gewachsen. Ein unglaubliches Wachstum. Und mit welchen Konsequenzen? Immer weniger Fische im Meer. Die Erde ist ausgelaugt. Der Wald verschwindet, Wasser ist knapp und verseucht. Das Klima hat sich verändert. Diese fünf Sachen hätten wir nie hinbekommen, zumindest nicht so schnell und in diesem Ausmaß, wenn wir dieses Ding nicht hätten“ (Opitz 2012, S. 220-221).


Beim ersten Sehen der Film-Doku fand ich, dass Tompkins witzig pointierend ein wenig übertreibt.

Das finde ich jetzt: nicht mehr.

Und wie gesagt: Ein Smartphone ist ein kleiner Computer – und wer Zweifel hat, bedenke: das Teil kann mehr als die meisten vollwertigen PCs vor zehn, fünfzehn Jahren.

Und das bedeutet auch, dass quasi alles, was in diesem Text beschrieben wurde auch für Laptops und Tablets gilt – nur dass diese beiden Gerätetypen hoffentlich seltener bereits nach einem Jahr weggekickt werden.

Und es gilt auch für die Akkuspeicher von E-Autos, vgl. Abschnitt Autoindustrie und die E-Mobilität, S. 326f.


Nein, Dein Smartphone ist nicht smart. Es ist nach meiner Wahrnehmung und auf den Punkt gebracht vielmehr das Symbol einer globalen desaströsen Entwicklung mit der fatalen Ausbeutung der Menschen des Globalen Südens und ihrer Umwelt durch die von uns so verehrten, kaum Steuern zahlenden transnationalen Erfolgsunternehmen.

Ich finde, man sollte sich zweimal überlegen, ob man vor lauter Bewunderung für ein neues Shareholder-Value-Ekelkapitalismus-Edelprodukt nachts vor einen ‚Flagstore‘ übernachtet, um am nächsten Morgen bei Ladenöffnung eine*r der ersten zu sein, die/der sich Blut und Leid an die Hände schmiert. Sorry, am Ende dieses Abschnitts gerate jetzt auch ich an meinen Grenzen, daher haue ich gleich noch einen raus:


Mein Schlussgedanke:

Früher haben Sklaven Handlangerdienste erledigt. Heute gibt es Sklavenarbeit, um Geräte1 herzustellen, die Handlangerdienste erledigen. Krass? Ja. Überspitzt? Ja. Falsch? Nein.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Diese Geräte werden zutreffend auch als Energiesklaven bezeichnet.

Die in diesem Abschnitt beschriebenen Arbeitsbedingungen treffen letztlich auf sämtliche Sweatshops der Welt zu – ein wenig an angepasst die Branche hier, ein wenig angepasst an das Land dort – aber insgesamt läuft das so wie hier beschrieben.


Dazu einige Updates aus der Zeit nach der Niederschrift dieses Abschnitts:


Update 12.6.2019 mit einem Zitat aus der Zeit:

  • „Alle Menschen, die ein Mobilfunktelefon benutzen, … wissen, dass dafür Kinder misshandelt und ausgebeutet werden. … Unicef meldet, dass 40.000 Kinder in den Minen im Süden des Kongo arbeiten. … Laut Amnesty International wird die Hälfte des Kobalts auf dem Weltmarkt von Kindern im Kongo abgebaut. Dieser Rohstoff landet in deutschen Autos von BMW und Daimler, in Handys von Apple, Sony, Samsung und Microsoft. Gibt es irgendeinen Deutschen, der angesichts dieser Tatsache auf sein Telefon verzichten würde? Natürlich nicht“ (Kiyak 2019).


Update 1.10.2019:

Klaus Töpfer, der ehemalige Umweltminister (CDU) erwähnt über eine Mülldeponie in Nairobi:

  • „[W]enige Tage zuvor [wurden] Männer ermordet …, die versucht hatten, eine Art Genossenschaft für die Vermarktung dieser Fundstücke aufzubauen, um die Preise gegenüber den monopolistischen Zwischenhändlern erhöhen zu können. Damals habe ich intensiv gespürt, in was für einem Teufelskreis diese Menschen gefangen sind“ (Haberl 2019).


Update 22.11.2019:

Die Geschichten rund um die Arbeitsbedingungen im Globalen Süden inkl. China gleichen sich, es ist fast schon langweilig, darüber zu schreiben – ohje, ich werde zynisch… – Nein, liebe*r Ottonormalverbraucher*in, es sind keine Einzelfälle, es hat System und ist systemisch – denn nur durch genau diese Arbeitsbedingungen können wir unsere Smartphones etc. so billig ‚holen‘:

So berichtet die Zeit über eine neue Undercover-Studie in chinesischen Spielzeugfabriken, die für

  • „Disney, Mattel, Lego und Hasbro fertigen… 126 Überstunden pro Monat… Sozialversicherungsbeiträge nicht gezahlt … Arbeiterinnen und Arbeiter … müssten ihre Kinder bei Verwandten auf dem Land zurücklassen … teilweise würden bis zu 15 Arbeiter zum Schlafen in ein Zimmer gepfercht … vorgeschriebene Sicherheitstrainings fehlen … Arbeiterinnen werden laut des Reports häufig beschimpft, sexuell belästigt… [D]ie Initiative [kommt] zu dem Ergebnis, dass sich an den Arbeitsbedingungen [seit dem ersten Bericht von 2001] ‚erschreckenderweise wenig geändert‘ habe“ (Geil 2019).

Der Spiegel ergänzt in dem 2018er Artikel „In der Spielzeughölle“ über das gleiche Thema:

  • „Erst wurde ihr Personalausweis abgenommen, dann unterschrieb sie einen Arbeitsvertrag, in dem zwar das Datum fehlte, sie aber ‚freiwillig‘ Überstunden akzeptierte, um ihren Lohn aufzubessern … Inklusive der Wochenendearbeit kommen Lovable-Arbeiter auf bis zu 104 Überstunden pro Monat. Bei Wah Tung sind es sogar bis zu 175 Mehrarbeit, obwohl das chinesische Arbeitsrecht höchstens 36 Überstunden im Monat erlaubt … Drei von vier Spielsachen, die ein Kind irgendwo in der Welt bekommt, stammen mittlerweile aus China …“ (Klawitter 2018, 72-73).

>> vgl. auch Arbeitsbedingungen auf Kreuzfahrtschiffen, Aspekt Kreuzfahrten und Ethik: Für eine Handvoll Dollar., S. 292ff.


Selbst in der Fahrradbranche geht es rau zu; die meisten nach Deutschland importierten Fahrradrahmen stammen gemäß einem Zeit-Artikel (2019) von Zacharias Zacharakis aus Kambodscha1:

  • „‚Das Schlimmste ist der ständige Druck durch die Produktionsvorgaben‘, sagt [Sok, ein Schweißer in der Fabrik von A&J]… 50 [Fahrrad-]Rahmen in der Stunde müsse sein Team produzieren, was bei schwierigen Konstruktionen einfach nicht zu schaffen sei. ‚Wenn wir dann nur 30 Rahmen fertig haben, schulden wir der Fabrik noch 20‘, sagt er. Das müsse sein Team nachholen, indem es noch weniger Pausen mache. Oft sei das aber unmöglich. ‚Wir hängen ständig hinterher und haben nicht einmal Zeit, auf die Toilette zu gehen. Das ist Arbeit bis zur totalen Erschöpfung‘, sagt Sok. A&J gewähre am Mittag nur eine 50-minütige Pause.“
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Ganz interessant: „Als eines von 49 Ländern der Welt, die als besonders arm gelten, darf Kambodscha seit 2001 alle Waren – ausgenommen sind nur Waffen – zollfrei in die EU einführen“ (Zacharakis 2019).

>> Dieser Abschnitt erschien zuerst im Blog LebeLieberLangsam.de als „Smartphones sind nicht smart. (Teil 2/2: Der ‚globale Impact‘ von Smartphones)“. Diesem Beitrag ist ein weiterer Beitrag vorgelagert: „Smartphones sind nicht smart. (Teil 1/2: Der ’soziale Impact‘ von Smartphones)“, siehe https://blog.lebelieberlangsam.de/smartphones-sind-nicht-smart-teil-1-2-der-soziale-impact-von-smartphones.

>> Nach Niederschrift dieses Beitrags ist die Kino-Doku Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier herausgekommen. Hier geht es um die ‚Sodom‘ genannte Elektroschrott-Halde in Ghana, auf der rund 6.000 Menschen ‚leben‘, siehe: Weigensamer, Florian u. Krönes, Christian (2018): Welcome to Sodom – Dein Smartphone ist schon hier. Film-Doku.


Quellen des Abschnitts Klimagerechtigkeit ('Climate Justice') - und der 'globale Süden'



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