Politik für Enkel*innen: Glaubenssätze dechiffriert

Von ‚Wachstumszwängen‘ und anderen Glaubenssätzen.

Wir alle haben unsere Unschärfen und haben Dinge qua Erziehung, Sozialisation, Gesellschaft und Medien ohne sie zu hinterfragen übernommen – und diese sind als Glaubenssätze tief in unserem Hirn eingefräst. Das macht die so verankerten Dinge aber nicht notwendig wahr und richtig.

  • Wachstum – ein Naturgesetz? Du kannst es Dir eine Welt nicht ohne Wachstum vorstellen? Bedeutet das automatisch, dass Wachstum per se (immer) richtig ist?

  • Und Kuchen ohne Eier geht nicht? Oops, Du bist nicht auf dem neuesten Stand. Das geht. Sehr gut.

  • Du kannst ohne Fleisch nicht leben? Nur weil Du es seit Deiner Kindheit nicht anders kennst, ist das so? – Kann es sein, dass Du nur nicht über den Tellerrand Deiner Gewohnheiten schauen magst? Ist eine solche gedankliche Unflexibilität nicht eher ein bisschen peinlich?

  • Ein Leben ohne Auto ist für Dich Städter*in nicht vorstellbar? Schau Dir die jungen Stadtbewohner*innen an – für die ist ein eigenes Auto ein Klotz am Bein – ‚Zugang statt Besitz‘ lautet die Formel – und schon ist man ein aufmerksamkeitsintensives Ding los, das 23 Stunden ungenutzt vor der Tür steht.


Aber kommen wir noch einmal konkret zum stärksten Glaubenssatz unserer Zeit: Zur Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang.

Interessanterweise entlarven Kinder ‚ewiges Wachstum‘ meistens sofort als ‚Quatsch mit Soße‘ – Erwachsene brauchen da i.d.R. sehr viel länger, dabei hat es der US-amerikanische Ökonom Kenneth E. Boulding schon vor Jahrzehnten auf den Punkt gebracht:

„Jeder, der glaubt, exponentielles Wachstum kann andauernd weitergehen in einer endlichen Welt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom.“

Kenneth E. Boulding (1910-1993), US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler (“Anyone who believes exponential growth can go on forever in a finite world is either a madman or an economist.”)

Fassen wir das doch mal in einen Dreisatz:

  1. Wir haben endliche Ressourcen auf der Welt, die sich nur über lange Zeiträume langsam – und nur teilweise regenerieren.
  2. Wachstum basiert auf Ressourcen. Nicht nur auf physischen Ressourcen, aber definitiv zu einem guten Teil auf physischen Ressourcen.
  3. Daher ist ein weitgehend von Ressourcen entkoppeltes Wachstum – auch wenn Herr Lindner das anders sieht – am Ende des Tages aufs Ganze gesehen nicht möglich.


Moderner – und beeindruckend einfach – drückt sich hier der Club of Rome aus:

„Dass die Wirtschaft ein Subsystem der Ökosphäre ist, scheint zu offensichtlich, um es extra zu betonen.“ (Weizsäcker et al. 2017, 110)

>> Erläuterung Club of Rome: Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern aus aller Welt aus diversen Fachbereichen. Berühmt wurde der Club of Rome 1972 durch die Veröffentlichung des Bestsellers Die Grenzen des Wachstums, welches der Menschheit global erstmals klarmachte, dass ein endloses Wachstum in einer begrenzten Welt nicht geben kann und mit Umweltverheerungen einhergehen muss. (s.a. Aspekt Wir haben’s nicht gewusst in Abschnitt Klimawissenschaftsleugner*innen auf Partys bzw. bei Diskussionen.)


Im Sinne der Klimagerechtigkeit (‚Climate Justice‘) ist noch in vielen Regionen des globalen Südens Wachstum notwendig, damit die dort lebenden Menschen (endlich!) ein menschenwürdiges Leben erlangen können.


Aber hier in Deutschland? Noch mehr Wachstum? Immer, immer weiter? Dann müssen wir noch mehr Überfluss leben, noch mehr Überflüssiges kaufen, damit der Konsummotor brummt.

  • Wollten wir nicht weniger…?

Dazu der Club of Rome im Jahr 2017:

  • „Die Menschheit steht vor nichts anderem als der Schaffung eines neuen Denken und einer neuen Philosophie, da die alte Wachstumsphilosophie nachweislich falsch ist.

  • Es müssen zwei unterschiedliche Entkopplungsaufgaben verfolgt werden: Entkopplung der Produktion von Naturverbrauch… und Entkopplung der Zufriedenheit der menschlichen Bedürfnisse vom Imperativ zu immer mehr Konsum.“

(CoR: Weizsäcker et al. 2017, 121) (bezieht sich auf Maja Göpel (2016): The Great Mindsgift. Berlin: Springer, 20-21)


Weniger ist mehr in dieser ‚Welt des Zuviels‘:

Individuell:
Mal ernsthaft, was brauchen wir wirklich, um ein gutes Leben zu führen? Wie viel brauchen wir von dem Mist der in unseren Wohnungen und Kellern vor sich hinvegetiert? Wie viele Dinge schaffen wir an, weil andere sie haben, weil es zum guten Ton gehört, weil wir mithalten wollen? Was sind diese Dinge am Ende – am Ende Deines Lebens – wert?


Gesellschaftlich:
Denken wir den Bauboom, den Flächenverbrauch durch Neubausiedlungen, die Trinkwasserverseuchung durch Export-orientierte Massentierhaltung, die immer noch zunehmenden Autozulassungen – den vermeintlichen ‚Wachstumszwang‚ pro Jahr mal zu Ende – konsequent: Dann wäre Deutschland irgendwann eine einzige zersiedelte versiegelte (=zuasphaltierte) Stadt im Dauerstau, die unendlichen Häuserzeilen nur unterbrochen von Massentierställen.

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>> vgl. zum sog. ‚Wachstumszwang‘ die Film-Doku System Error – wie endet der Kapitalismus? von Florian Opitz, 2018. (Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt? Geht nicht. Doch quasi alle für den Film interviewten Menschen aus Wirtschaft und Politik klammern sich an das Glaubensbekenntnis vom Wachstum. Rational ist das nicht zu erklären. [Website zum Film])


Noch einmal zum Thema ‚Wachstum und Climate Justice‘:

  • Dem globalen Süden und „Afrika Entwicklungschancen einzuräumen heißt, dass sich die Industrie- und Schwellenländer noch viel mehr um Ressourcensparsamkeit kümmern müssen.“ (Demograf Reiner Klingholz in: Schmundt 2019, 113)

Anders ausgedrückt:

Die Industrieländer müssen sich viel mehr um ihre CO₂-Einsparung kümmern, um dem globalen Süden Chancen zu eröffnen und Wachstum zu ermöglichen – in eigenem Interesse.


Im Namen der Freiheit brauchen wir: Grenzen.

Kinder brauchen Grenzen. | Erwachsene „Kinder“ brauchen Grenzen. | Erwachsene brauchen Grenzen. | Gesellschaften brauchen Grenzen. | Wirtschaft braucht Grenzen. | Die Natur setzt Grenzen. | Die wir ignorieren können, bis zu einem gewissen Grad. | Doch irgendwann meldet sich die Natur lauter und lauter. | Und irgendwann wird sie ggf. die sich schlecht benehmenden „Gäste des Planeten“ einfach rausschmeißen.

>> Anmerkung: Den Gedanken, dass wir Teil der Erde und alles andere als Herrschende sind – Gäste sind – nimmt auch Naomi Klein in ihrer Film-Doku explizit auf:
>Klein, Naomi und Lewis, Avi (2015): This Changes Everything. Film-Doku inspiriert durch Naomi Kleins Buch This Changes Everything: Capitalism vs. Climate, deutscher Titel: Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima.


Das Schlusswort dieses Abschnitts überlasse ich den Ausführungen des Club of Rome:

  • „Im Angesicht der grausigen Gefahren ist es einfach nicht akzeptabel, dass Selbstsucht und Gier weiterhin positive soziale Wertschätzung als angebliche Triebkräfte des Fortschritts genießen. Fortschritt kann sehr wohl auch in einer Zivilisation gedeihen, die Solidarität, Demut und Respekt für Mutter Erde und künftige Generationen verlangt.“ (CoR. Weizsäcker et al. 28017, 132)

Quellen des Abschnitts

>> Schmundt, Hilmar (2019): „‚Wir sind spät dran‘. Globalisierung: Der Demograf Reiner Klingholz erklärt, wie Afrika aus der Überbevölkerungsfalle entkommen kann – und welche Länder auf diesem Weg bereits erfolgreich sind“. in: Der Spiegel, Nr. 24/8.6.2019, S. 113.

>> Weizsäcker, Ernst Ulrich von/Wijkman, Anders et al. (2017): Wir sind dran. Was wir ändern müssen, wenn wir bleiben wollen. Eine neue Aufklärung für eine volle Welt. Club of Rome: Der große Bericht. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus.



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