Politik für Enkel*innen: Was ist politisch zu tun?

Wer die Vergangenheit wählt, verspielt die Zukunft.

Inhalt


Natur braucht einen Wert | CO2 braucht einen Preis

Ein wesentliches Grundproblem ist, dass Umweltverschmutzung in dieser Welt, wie sie zurzeit ‚funktioniert‘, keinen mathematisch unmittelbar messbaren Wert hat, sondern aus der Rechnung ausgeklammert wird:

  • Unternehmensgewinne werden eingestrichen – die zur Erzielung dieser Gewinne entstandenen Umwelt- und Klimaschäden werden i.d.R. von der Allgemeinheit getragen, d.h. ‚vergesellschaftet‘.
  • Man spricht hier von einer Externalisierung der Umweltkosten.
  • Das ist eine stillschweigende Subventionierung von umweltschädlichem Wirtschaften/Verhalten.
  • Das bedeutet auch, dass umweltschonendes Wirtschaften/Verhalten finanziell nachteilig wirkt.
    • Übersetzt auf Firmen bedeutet das, dass umweltschonendes Wirtschaften einen Wettbewerbsnachteil darstellt. (Ausgeglichen werden kann dieser jedoch durch Aufwertung des Images, der Marke, der Corporate Identity o.ä.)
    • Für Verbraucher*innen bedeutet das, dass man zurzeit i.d.R. mehr bezahlt, wenn man klimaschonend per Bahn nach Paris reist, als wenn man per Flugzeugdüse rund 0,5t CO₂ pro Person in die Luft schleudert, um dort hin- und zurück zu kommen.
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Die Zeit bringt das Beispiel eines Paares, dass 40 Euro pro Person für einen Hin- und Rückflug nach Málaga zahlt, derweil das Parkhaus, in dem ihr Auto für zehn Tage untergebracht ist mit 140 Euro zu Buche schlägt: „Manchmal zahlen die beiden auch nur das Parkhaus. Sie haben Vielfliegerkarten, sie besitzen ein Ferienhaus in der Nähe von Málaga“ (Ahr 2018). 

Es folgt:

  • Natur braucht einen Wert. (vgl. Aspekt Inwieweit sich der Wert von Natur in Geld ausdrücken lässt ist hoch umstritten, S. 672f.)
  • Die Externalisierung von Kosten darf nicht länger möglich sein.
  • Wir brauchen ‚wahre Preise‘ oder auch: ‚Kostenwahrheit‘.
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Eine ‚kostenwahre‘ Welt ist eine nachhaltige Welt. Wahre Preise sorgen dafür, dass umweltschädliche Produkte die teuersten sind. Wenn man sich das mal an Beispielen so richtig klar macht, bekommt man ein Gefühl dafür, wie heftig der Status quo ist. 

Die Menschheit braucht einen – wirkungsvollen – Preis für Umweltverschmutzung. Spezifisch auf die Klimakrise angewendet, liegt es hier nahe, CO₂ zu bepreisen.

Ottmar Edenhofer, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, dazu:

  • „Wenn wir CO₂-Bepreisung hätten, dann würden die Preise im Supermarkt auch den CO₂-Gehalt reflektieren. Und dann, an der Kasse würden wir weniger bezahlen, wenn wir CO₂-freundlicher eingekauft hätten“ (Nguyen-Kim 2019).


Anders ausgedrückt:

  • „Wir übersetzen gewissermaßen Klimaschädlichkeit in Geld“ (ebd.).


So weit, so gut. Was die mit einem Wert bemessene Natur definitiv nicht gebrauchen kann, ist hingegen diesen Wert in einen weltweiten Handel mit Emissionsrechten zu übersetzen:

In Madrid (COP 25, Dezember 2019) wurde in erster Linie über einen solchen globalen Handel mit CO₂-Emissionsrechten verhandelt. Erfolglos. Zum Glück. Denn auf diese Weise könnten Länder durch (angeblich achtbare) Zertifikate den eigenen Klimaschutz hinauszögern. In der Zeit führt Petra Pinzler dazu aus:

  • „[D]urch einen lax geschriebenen Artikel 6… [könnte es] jede Menge Zertifikate geben, die ihr Geld nicht wert sind – weil die Projekte, durch die angeblich CO₂ eingespart werden sollten, nicht seriös sind.
  • Wenn Brasilien also beispielsweise in der einen Ecke den Urwald abfackelt, anderswo aber Wald anpflanzt – dann könnte es dafür Zertifikate bekommen und die weltweit verkaufen.
  • Deutschland wiederum könnte sie kaufen und damit ein Verbot des Verbrennungsmotors hinauszögern – weil es ja durch die Zertifikate angeblich weniger CO₂ in die Atmosphäre entlässt.
  • Es gab in Madrid noch irrere Ideen: Brasilien hätte gern Zertifikate verkauft, wollte die Einsparungen aber dennoch sich selbst gutschreiben. Diese wären dann also doppelt verbucht worden“ (2019).

Es ist also zu begrüßen, dass hier die EU angesichts eines zu lasch geplanten Art. 6 nicht eingeknickt ist und die Verhandlungen in diesem Punkt lieber vorerst scheitern ließ.

  • CO2-Zertifikate sind im weltweiten Maßstab nicht überprüfbar bzw. nicht zu kontrollieren – es ist gänzlich unrealistisch, auch gerade vor dem Hintergrund der drängenden Zeit.
  • Jedes Land soll ‚vor seiner eigenen Haustür kehren‘ und umgehend seine Hausaufgaben machen.
  • Der globale Handel mit Emissionsrechten würde auch bedeuten, dass Länder/Firmen der Industrienationen versuchen würden, dem Globalen Süden CO2-Zertifikate abzukaufen. Das hilft dem Planeten nicht, dem Globalen Süden nicht und trägt m.E. (neo-)koloniale Züge.

Quellen des Abschnitts Natur braucht einen Wert | CO2 braucht einen Preis


Mit einem CO₂-Preis allein ist es indes bei Weitem nicht getan:



7 min – Wolfgang Lührsen: Pecha Kucha „Die Prinzipien der Transformation“, gehalten beim Ratstreffen des Zukunftsrates – Jedes Zehntel Grad, jede Art zählt: Die globale Umweltkrise als Chance, 16.2.2021 – https://youtu.be/HjREqZzN5Bs (Abrufdatum 12.01.2021)

Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem

Überschrift eines 2018er Gastbeitrages des Soziologen Harald Welzer in der Süddeutschen Zeitung:

  • „Wer vom Klimawandel spricht, darf vom Kapitalismus nicht schweigen.“


Grundlegende Erwägungen:

Der Soziologe und Sozialpsychologe Harald Welzer weist angesichts der viel beschworenen Eigenheit des Menschen, immer mehr zu wollen, pointiert darauf hin, dass dies lediglich „Folklore“ sei – er meint wohl ‚unterkomplex‘. Es sei zu einfach, zu denken,

  • „es sei ‚der Mensch‘, der mittlerweile zu einer geologischen Kraft geworden sei und das Erdsystem nachhaltig aus dem Takt bringe“ (Welzer 2018).

    Hieran stört Welzer die Perspektive eines vermeintlich unabänderlichen „kosmischen Verhängnisses“ (ebd.), das keine Verantwortlichen kenne.

    Aber:

    „Es ist erst der global verbreitete wachstumswirtschaftliche Kapitalismus, also eine historisch extrem junge Wirtschaftsform, der die gigantischen Zerstörungswirkungen entfaltet, die systemisch zu werden drohen“ (ebd.).

Auch Naomi Klein vertritt die Auffassung, dass es in erster Linie die aktuelle Ausprägung des Kapitalismus sei, die … jawohl: uns in die Scheiße geritten hat – und nicht der Mensch an sich. Womit der Buchtitel

  • This Changes Everything: Capitalism vs. Climate
  • (Titel des 2015er Grundlagenwerks zur Klimakrise von Naomi Klein)

viel Sinn macht.

>> vgl. dazu im Abschnitt Intro den Hinweis des SZ-Autors Matthias Kolb, dass „etwa die Hälfte des Kohlenstoffdioxids, dass die Menschheit jemals in die Atmosphäre geblasen hat, … in den vergangenen dreißig Jahren ausgestoßen [wurde]“ (2019, siehe S. 32), sowie im gleichen Abschnitt befindliche ‚universelle Kurve‘, die auf alle Bereiche unseres Lebens anzuwenden ist (S. 31).


Klimakrise bedeutet mehr als hellgrüne Politik im Sinne einer Energie-, Verkehrs- und Agrarwende plus den Kauf grünangestrichener Produkte.

  • Klimapolitik darf, kann und muss – entgegen der Altmaier‘schen Formel, die das Gegenteil behauptet (vgl. S. 228) – selbstverständlich auch auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätze gehen – wo und in welchen Bereichen es notwendig ist.


Frage: Warum?

Antwort: Nun, weil es sonst irgendwann gar keine Arbeitsplätze und erst recht keinen Wohlstand mehr geben können wird.

  • Machen wir uns klar: Ohne eine konsequente Politik, die Wert auf Zukunftsfähigkeit und zukunftsfähige Arbeitsplätze legt, kommen wir nicht vom Fleck. Nicht vom Fleck kommen bedeutet am Ende genau das, wo wir nicht hinwollen: Keine Arbeitsplätze mehr und keinen Wohlstand.
  • „Was helfen die Jobs, wenn sie der Selbstzerstörung dienen?“ (Kopatz 2019, 41).

>> vgl. dazu Aspekt Sozialverträglichkeit als Nebelkerze, S. 243f.

Franz Alt führt dazu aus:

  • „Seit dreihundert Jahren glauben die Ökonomen, Geld sei die Basis allen Wirtschaftens. Es ist jedoch die Natur, die diesen Namen verdient und die Basis der Ökonomie bildet. Auf einer toten Erde zu wirtschaften macht wenig Sinn und bringt auch keine Jobs“ (2020, 98).
„Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs“ – „There are no jobs on a dead planet“ (Pötter 2020, 1 u. DGB 2017). | unsplash/Markus Spiske

Die taz bzw. der Deutsche Gewerkschaftsbund fassen das nochmals drastisch zusammen:

  • „Auf einem toten Planeten gibt es keine Jobs“ – „There are no jobs on a dead planet“ (Pötter 2020, 1 u. DGB 2017).


Machen wir uns nichts vor: In der anstehenden sozial-ökologischen Transformation wird es noch mehr als in Agenda 2010-Zeiten die Ausnahme sein, dass Bürger*innen jahrzehntelang in der gleichen Branche oder gar am immer gleichen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz arbeiten.

Wichtig ist

  • nicht so sehr der Bestand des branchenbeständigen Dauerarbeitsplatzes als vielmehr, dass es für möglichst viele Menschen angemessene Arbeitsplätze gibt. Daher macht es heute und künftig keinen Sinn mehr, über Arbeitsplatzverluste einer einzelnen Branche zu klagen.
  • die branchenunabhängige Gesamtzahl der Arbeitsplätze (und ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE).

Sind wir mittlerweile nicht fast Alle irgendwie Quereinsteiger*innen? Und lebenslang Lernende?


Lassen wir das ‚Arbeitsplätze-Argument‘ weiterhin so unangefochten zu wie bisher, werden wir die Transformation nicht schaffen. Denn das Argument verhindert absolut den Umbruch. Ohne Perspektive. Jahr um Jahr. Die zeitliche Verzögerungspotenz liegt z.B. für Australien bei hundert Jahren:

  • „Der Überfluss an Rohstoffen, Öl und Gas, Eisenerz und Bauxit, war ein Segen für Australien, aber auch ein Fluch, weil er den Ehrgeiz, andere Industrien zu entwickeln, nicht gerade beförderte. 72 Prozent der australischen Exporteinnahmen kommen aus der Kohle, die Reserven würden wohl noch hundert Jahre reichen“ (Deininger 2020, 3).

    Warten wir also 100 Jahre, bis sich das ‚Arbeitsplatzargument‘ von selbst erledigt?
Anmerkung

Über die klimatischen Bedingungen, unter denen in 99 Jahren die letzte Kohle aus dem Tagebau bzw. Stollen gekratzt würde, möchte ich lieber nicht so genau Bescheid wissen. 

  • Guyanas Regierung wurde Hauke Goos zufolge gerade mit einem „Kolonialvertrag“ (2020) massiv über den Tisch gezogen, als es darum ging, zu welchen Bedingungen ExxonMobile künftig das vor gerade mal fünf Jahren entdeckte 200 Kilometer vor der Küste innerhalb der Hoheitsgewässer befindliche riesige Ölfeld auswerten wird.

    Warten wir also Jahrzehnte, bis sich auch hier das in diesem Fall garantiert nicht guyanische, sondern US-amerikanische ‚Arbeitsplatzargument‘ von selbst erledigt?

Die so begonnene Liste könnte – branchenübergreifend geführt – ein ganzes Buch füllen.

Viel sinnvoller erscheint mir da doch der Fokus auf die Gesamtzahl von Arbeitsplätzen, die Einführung eines BGE und die sozialabgefederte Anwendung der Regel ‚Im Zweifelsfall für den innovativen Arbeitsplatz‘ zu sein.

  • Wenn die Sicherung der Arbeitsplätze von gestern die Zukunft der Kinder und die innovativen Arbeitsplätze von morgen gefährden, dann haben diese durch Weiterbildungen, Umschulungen, Angebot eines Zweitstudiums, Sozialmaßnahmen und Frühverrentung um- bzw. abgebaut zu werden.


Richard David Precht weist in einem Interview mit dem Spiegel im August 2020 darauf hin, dass gerade das Arbeitsplätzeargument ein Argument für ein Bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) ist:

„Das Kernproblem ist, dass sich die Politik nicht viel traut, denn sie könnte Arbeitslose produzieren, ob beim Klimawandel oder der Digitalisierung. Das macht Politik erpressbar. Die beste Möglichkeit, aus dieser Falle herauszukommen, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen.“


Die Klimakrise macht in allen Lebensbereichen tiefgehende Veränderungen unabdingbar: Erforderlich ist eine Orientierung an einem noch auszuhandelnden ‚menschlichen Maß‘. Zu Entwickeln ist eine ‚Kultur des Genug‘.

>> vgl. Paech, Niko (2012): Befreiung vom Überfluss. Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom.
>> vgl. Folkers, Manfred und Paech, Niko (2020): All you need is less. Eine Kultur des Genug aus ökonomischer und buddhistischer Sicht. oekom.


Precht ergänzt:

  • „Woher soll die ungeheure Menge an Energie kommen, die die Server der digitalen Zukunft verbrauchen? Unser ganzes Lebensmodell bedarf einer Inventur. Gefordert ist nicht weniger als ein neuer Gesellschaftsvertrag“ (2018, 46; s.a. Kalkulation zum Thema Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. Bis auf weiteres: Eine Illusion., S. 265ff.).


Das Intro des ‚Handbuch Klimakrise‘ mit dem Punkt Ein ‚Weiter so‘ führt ins ‚Aus‘. ‚Business as usual = Death‘ wieder aufnehmend:

Wir alle, sowohl als Gesellschaft als auch als Individuen, werden uns und unser Verhalten stark zu ändern haben – Bernd Ulrich hält dazu in der Zeit treffend fest:

„Wenn es einen Weg gäbe, die Klimawende auch ohne grundlegende Veränderungen bei Produktion, Konsum und Mobilität zu bewerkstelligen, dann hätte die GroKo ihn sicher schon gefunden.“ (Ulrich 2019)

>> siehe dazu Aspekt Was ist politisch zu tun, S. 436, in Abschnitt Politik für Enkel*innen, S. 372.


Im Übrigen ist es angebracht einen Unterschied zwischen Überfluss- und Wohlstandsgesellschaft zu machen.


Es braucht immer ein*n Mutige*n, die/der die Wahrheit ausspricht – das bin jetzt mal zur Abwechslung ich selber. Für Deutschland auf den Punkt gebracht:

Wir haben den Überfluss, der uns nie zustand, loszulassen, um die Chance zu wahren, einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten.

>> siehe dazu Abschnitt Was kann ich tun, S. 163 und dort Aspekt Unhaltbarer Lebensstil in Deutschland, S. 164.


Und genau das ist die Botschaft, die von einer/m (nicht grünen/linken) führenden Politiker*in den deutschen Bürger*innen mitgeteilt zu werden hat
– bislang hat sich keine*r getraut.

  • Mit diesem eingeschenkten ‚reinen Wein‘ wäre endlich die Voraussetzung für eine politisch probate Diskussion und Durchsetzung von Notwendigkeiten zu Veränderungen in allen Lebensbereichen gegeben: Dann hätte man eine fundierte Basis, auf der man miteinander reden kann – und sicher auch mehr Verständnis/Einsicht/Interesse für Veränderungen.
  • Zurzeit gibt es (noch) eine stillschweigende Abmachung/Komplizenschaft zwischen weiten Teilen der Bevölkerung und den meisten Politiker*innen, eine gemeinsame Vogel-Strauß-Kopf-in-den-Sand-Taktik: Wir sitzen das Ding aus, machen Symbolpolitik – und ansonsten machen wir einfach weiter wie bisher.
  • Es bleibt am Ende die Frage, inwieweit deutsche Politiker*innen der älteren Semester rechts der (Dunkel-)Grünen die Dimension und Dringlichkeit der Klimakrise begreifen (wollen).

Und:

  • Mit ‚weniger Konsumieren, weniger Reisen, weniger Fleisch‘ ist es nicht getan. Unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem ‚funktioniert‘ nur dann, wenn wir ein HöherSchnellerWeiter-Leben im Überfluss führen, d.h. mehr konsumieren als notwendig, also: Überflüssiges kaufen, das nach zwei Wochen in der Ecke steht. Und weil das in diesem System notwendig ist, lobt der Staat auch umgehend ‚Abwrackprämien‘ u.ä. aus, um die Nachfrage künstlich hochzuhalten – und Menschen kaufen dann Autos, die sie zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht benötigen.

Wenn also unsere Wirtschaft nur ‚brummt‘, wenn Überfluss gelebt wird – und wenn wir diesen Überfluss loszulassen haben, um die Chance auf einen grundlegenden Wohlstand zu erhalten, folgt daraus logisch, dass wir unser derzeitiges Wirtschaftssystem hin zu einem künftig weniger wachstumsorientierten Modell umzubauen haben.

Auch hierüber erfahren wir nichts von deutschen Politiker*innen. Wenn diese – insbesondere die Vertreter*innen der Union – hervorheben, es liege an den Bürger*innen selbst im Interesse des Klimaschutzes Vernunft walten zu lassen und weniger zu konsumieren, dann ist das schlicht eine Lüge, weil genau diese geforderte ‚Vernunft‘ im derzeitigen wachstumsorientierten Turbokapitalismus in die Rezession führen würde. Dieses Dilemma muss schnellstmöglich aufgelöst werden.


Jeff Daniels bzw. Will McAvoy hält dazu in The Newsroom fest:

„Der erste Schritt, ein Problem zu lösen, ist, zu erkennen, dass es eins gibt.“

Übersetzt auf die Klimakrise bedeutet das:

  • Ein erster Schritt, die Klimakrise zu lösen, ist, zu erkennen und gegenüber den Bürger*innen zu benennen, dass das Dilemma ‚Vernunft = weniger Konsum = Rezession | mehr Konsum = Klimakollaps‘ nur durch einen grundlegenden Umbau des derzeitigen Wirtschaftsmodells hin zu einem weniger wachstumsorientierten Modell zu lösen ist.

>> Hier kommt mein Ansatz ‚LebeLieberLangsam‘ ins Spiel: https://lebelieberlangsam.de/


Im 2018er Wir sind dran-Bericht vom Club of Rome ist dazu festgehalten:

  • „Dana Meadows lehrte uns: ‚Menschen brauchen keine riesigen Autos; sie brauchen Respekt. Sie brauchen keine überfüllten Kleiderschränke. Sie müssen sich attraktiv fühlen und sie brauchen Vielfalt, Schönheit, etwas Spannung. Menschen brauchen Identität, Gemeinschaft, Herausforderungen, Anerkennung, Liebe, Freude. Dies alles mit materiellen Dingen zu erfüllen, führt zu unstillbarem Appetit auf falsche Lösungen für echte Probleme. Die psychische Leere ist eine der Triebkräfte für den Wunsch nach materiellem Wachstum. Eine Gesellschaft, die ihre immateriellen Bedürfnisse artikuliert, sucht und findet auch immaterielle Wege, diese zu befriedigen. Sie benötigt dann viel weniger Rohstoffe und Energie, böte dafür aber höhere menschliche Erfüllung’“ (Meadows et al. 1992).

>> vgl. Ausführungen zum Aspekt Menschen sind soziale Wesen – und wollen vor allem eines: Sinnstiftung und Anerkennung, S. 386 in Abschnitt Glaubenssatz ‚Der Mensch ist im Grunde schlecht‘, S. 380.


Maja Göpel bringt es auf die Formel:

  • „Fragen wir doch ruhig mal andersherum: Was zum Beispiel brauchen wir denn unbedingt, wenn wir gut versorgt sein wollen?“ (2020, 127)

Quellen des Abschnitts Wir müssen ran an unser Wirtschaftssystem



Erforderlich ist ein komplette, gedankliche

Grundlegende Neuausrichtung von Politik und Gesellschaft

Man kann die Dinge aus einer anderen, proaktiven Perspektive denken:

Was soll sich in Deutschland lohnen: Was soll belohnt und gefördert werden? Und was nicht?

  • Gesundheit – oder: Krankheit
  • Ein gutes Leben für Alle – oder: ein luxuriöses Leben für Wenige
  • Ein Leben basierend auf den Menschenrechten – oder: ein Leben, das im Grunde genommen auf faktischer Sklaverei, Kinderarbeit und Menschenrechtsverletzungen basiert
  • Kooperation – oder: Konkurrenz (Ellbogengesellschaft – oder: Gemeinsinn? | Nabelschau – oder: Gemeinwohl)
  • Pflege – oder: Aktienbesitz
  • ÖPNV – oder: privater Pkw
  • Schiene – oder: Lkw/Autobahn
  • Parkplätze – oder: Plätze und Parks
  • Liebe – oder: Geld/Leistung/Macht
  • Hygge1 – oder: Hybris
  • Regionales – oder: globales Obst/Gemüse (von Sorten, die auch hier wachsen)
  • Dinge, die lange halten – oder: Produkte mit implementierter Obsolenz
  • erneuerbare – oder: fossile Energien
  • CO₂-vermeidendes Leben – oder: zivilisationsaufkündigende CO₂-Prasserei
  • Parität – oder: Männer (Parität = Frauen sind gleichwertig an relevanten wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entscheidungen beteiligt, siehe Abschnitt Klima, Ökofeminismus und Parität, S. 423).
  • Lebendige Städte u.a. mit guter Luft – oder: privater Pendler*innenverkehr (MIV)
  • Strukturierte Städte – oder: zersiedeltes Land
  • Umwelt – oder: Untergang
  • Langfristiges – oder: Kurzsichtiges
  • bodenbewahrende Agrarkultur – oder: konventionelle bodenvernichtende Landwirtschaft
  • Sauberes Trinkwasser – oder: Tierställe

>> Wenn man sich die Liste anschaut: Nichts ist, wie es sein sollte.


>> Aber: Die bessere Alternative ist nicht undenkbar, sondern vorhanden und: machbar.


Es geht hier um eine Grundsatzentscheidung, die dann ordnungspolitisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet werden kann. So wie es zurzeit in die falsche Richtung ordnungs-politisch durch entsprechende Leitplanken und Normen begleitet wird.

Details: Erläuterungen zu (1) 'Hygge'

1 Hygge meint den Zustand des bewussten, runterfahrenden, wertschätzenden Miteinander-Abhängens z.B. bei Kerzenschein und Tee, des Palaverns mit Freunden, ohne zu tief in konfliktreiche (z.B. politische) Themen einzusteigen – und beschreibt letztlich das Streben nach freier Zeit (Freizeit) und Zeit-Erleben (allein oder mit Vertrauten) ohne großen materiellen oder organisatorischen Aufwand; s.a. Portal LebeLieberLangsam Beitrag Hybris vs. Hygge / Hygge contra Hybris unter https://blog.lebelieberlangsam.de/hybris-vs-hygge-hygge-contra-hybris  


Postfossile Gesellschaft und das Machtgefüge der Welt

In einer postfossilen Welt werden i.d.R. keine Kriege um Öl geführt. Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft wird das globale Machtgefüge massiv verändern. Um zu illustrieren, wie viel Macht und umgekehrt Abhängigkeit das fossile Zeitalter – aber auch Krieg – mit sich gebracht hat, sei auf folgenden Aspekt hingewiesen:

  • „Konservativ geschätzt hat die USA zwischen 1999 bis 2003 allein für die Aufrechterhaltung ihrer militärischen Präsenz in der Golfregion 600 Milliarden Dollar aufgewendet“ (Rammler 2017, 53-54).

>> Rammler, Stephan (2017): Volk ohne Wagen. Streitschrift für eine neue Mobilität. Fischer, S. 53-54, siehe hier auch zur engen „Verbindung zwischen unseren treibstoffsüchtigen Automobilflotten und Militärapparaten und der jahrzehntelangen Destabilisierung des Morgenlandes durch neoimperiale Ressourcensicherungspolitik der westlichen Industrieländer“ (S. 48ff.).


Für 600 Mrd Dollar kann man eine Menge Windräder bauen und Solarzellen installieren.


Das bedeutet zweierlei:

  • Die Welt hat die Chance, ohne diese Öl-Abhängigkeiten friedlicher zu werden.
  • Wenn jemand sagt, die Finanzierung des ökologischen Umbaus sei zu teuer – dann ist auf Basis obigen Zitats klar, dass diese Gelder zweifelsfrei vorhanden sind und wo die benötigten Mittel herkommen können. Sinnvolle Kriege gibt es nicht. In einer untergehenden Welt machen sie noch weniger als keinen Sinn.


>> siehe Aspekt Bundeswehr & Rüstung in ökologischer Perspektive, S. 81.
>> s.a. Aspekt U.S. military greenhouse gas emissions, S. 89 im Abschnitt Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen, S. 83.


Fazit des einleitenden Abschnitts Was ist politisch zu tun?

Diese Frage überblicksartig beantwortend wurde darauf hingewiesen, dass

  • es der Internalisierung der bisher externalisierten Kosten u.a. in Form eines CO2-Preises bedarf, damit es sich nicht länger lohnt, die Umwelt und das Klima zu zerstören. Es bedarf der Kostenwahrheit.
  • wir unser Wirtschaftssystem zu verändern haben, weil wir vom Überfluss fortkommen müssen, aber im derzeitigen Wirtschaftsmodell nur Überfluss eine Rezession verhindert.
  • das bisherige Arbeitsplatz-Argument aufzugeben ist zugunsten der Regel „Im Zweifelsfall für den innovativen Arbeitsplatz“.
  • eine Grundsatzentscheidung ansteht darüber, was sich künftig lohnen soll in unserer Gesellschaft – und was nicht.
  • die Welt eine Chance hat, ohne die alten Öl-Abhängigkeiten friedlicher zu werden.

Kommen wir zu konkreten politischen Zielen, die zeitnah umzusetzen sind, damit wir die Chance haben, überhaupt über eine künftige Zivilgesellschaft nachzudenken:



Konkrete politische Ziele

Fridays for Futures Forderungen vom April 2019 entsprechen den Vereinbarungen des 2015er Pariser Abkommens (korrekt: „Übereinkommen von Paris“ vom 12. Dezember 2015) – das bedeutet, dass Fridays for Future (FFF) lediglich das einfordern, was Deutschland ohnehin beschlossen hat – und damit, dass sich FFF ausschließlich auf Ziele berufen, zu denen sich Deutschland verpflichtet hat.
Daher mutet es grotesk und mehr als verlogen an, wenn nun seit spätestens Anfang 2019 die Politik-Hühner im Hühnerstall erschrocken aufflattern und FFF-Forderungen als überzogen/unrealistisch/ utopisch bezeichnen.

…mehr

So betont auch der Spiegel, dass Thunberg für nichts Radikales einträte und bezeichnet ihre Forderungen im Gegenteil als „fast bieder“ (Gorris et al. 2019, 59). 

Letztlich sind die Forderungen von FFF lediglich ein undezenter Reminder an die Regierung Merkel.


In Luisa Neubauers Worten:

  • „Was wir [als Fridays for Future] machen ist: Wir setzen uns dafür ein, dass die Bundesregierung selbst gesteckte Ziele einhält. Schon das ist absurd, dass wir dafür auf die Straße gehen müssen – das sollte selbstverständlich sein“ (Stern 2019).

Und:

  • „Wir sind in unserem Kern null radikal. Wir möchten, dass Politiker sich an eine unterzeichnete Vereinbarung halten. Das ist sehr unradikal“ (Kittlitz 2020).

FFF und Greta Thunberg sagen nichts weiter als: Hört auf die Wissenschaftler*innen und den Weltklimarat.


Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles im April 2019 einfordern:

  • Nettonull 2035 erreichen = Klimaneutralität bis 20351
  • Kohleausstieg bis 2030
  • 100% erneuerbare Energieversorgung bis 2035
  • (sog. ‚Dekarbonisierung‘)
  • Subventionen-Stopp für fossile Energieträger bis Ende 2019
  • Abschaltung von 1/4 aller Kohlekraftwerke bis Ende 2019
  • Einführung einer CO₂-Steuer auf alle Treibhausgas-Emissionen. Zügige Preisentwicklung hin zu 180 Euro pro Tonne CO₂ – in Übereinstimmung mit den Vorstellungen des Umweltbundesamtes (nicht zu verwechseln mit dem Umweltministerium) (vgl. FFF 2019 u. Spiegel 2019a).
Details: Erläuterungen zu (1)

vgl. Aspekt Nationales CO₂-Budget (Deutschland), S. 64. Diese 15 Jahre – der Zeitpunkt ab dem unsere Wirtschaft und auch alle übrigen Lebensbereiche dekarbonisiert zu sein hat, also sich unser Leben um 180° gedreht haben muss – können nur Menschen, die ausschließlich in Quartalszielen denken, lang vorkommen. 

Diese Ziele sind wünschenswert und ihre Umsetzung würde selbstredend einen großen Schritt nach vorn bedeuten.

Doch: Neben diesen auf eine Energiewende zielenden Forderungen und Zielen ist zweifellos auch in anderen Bereichen – eine tiefgehende Umgestaltung unseres Lebensstiles erforderlich.

  • Eine grundlegende Mobilitätswende, die nicht nur auf einen Austausch des Antriebssystems von Pkw setzt, ist erforderlich. Eine reelle Verkehrswende schließt die Umstellung von Privatbesitz-Pkw-Individualverkehr (MIV) auf multimodale Sharing-Verkehrssysteme unter Betonung von Schiene, Zweirad und ÖPNV mit ein >> siehe Abschnitt Verkehr & Mobilität: Eine Klima-notwendige Verkehrswende, S. 294ff.
    • Die Analyse des Handbuches Klimakrise ergibt, dass das Ende des Luftfahrt-Massentourismus, wie wir ihn kennen, erforderlich ist
      >> siehe Abschnitt Klimakiller Flugverkehr, S. 252ff. und hier insbesondere Aspekt Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. Bis auf weiteres: Eine Illusion., S. 265ff.
    • Kreuzfahrten sind – so sie Zubringerflüge beinhalten – der ‚ökologische Doppelschlag‘
      >> siehe Abschnitt Der ökologische Doppelschlag: Kreuzfahrten, S. 288ff.

  • Eine grundlegende Agrarwende beinhaltet die Prioritätensetzung auf Bodenerhaltung, Humus-Aufbau, Bewahrung der Biodiversität und Qualitätswahrung des Trinkwassers.
    Daraus ist zu folgern, dass
    • nur Bio die Welt dauerhaft ernähren kann, allein schon deshalb, weil wir sonst bald keine Böden mehr haben, auf denen etwas wächst
      >> siehe Abschnitt Ernährung der Weltbevölkerung, S. 620f. – und
    • die konventionell-industrielle Landwirtschaft und die CO2-emittierende konventionelle Massentierhaltung tiefgreifend umgewandelt zu werden haben zu Gunsten der bodenbewahrenden Agrarkultur
      >> siehe Abschnitte Fleisch & Treibhausgase, S. 549ff. und Landwirtschaft, S. 567ff.

  • Eine umfassende, sämtliche Lebensbereiche umwälzende sozial-ökologische Transformation (SÖT) unter Einschluss der Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) – vergleichbar in ihrem Ausmaß „mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit“1 (Schnabel 2018, 22)
    >> siehe Abschnitt Ideen für eine nachhaltige Zukunft, S. 484ff, Aspekt neuer Generationenvertrag, S. 485f. sowie Abschnitt Zusammenfassung, Aspekt SÖT, S. 680.
Details: Erläuterungen zu (1)

1 Precht hebt hier zusätzlich den Aspekt der vierten industriellen Revolution (Digitalisierung) hervor und merkt an: „Noch nie in der Geschichte hat eine gewaltige technisch-ökonomische Revolution nicht zu einer großen Veränderung und Neuerfindung der Gesellschaft geführt (2018, 107, Hervorhebung Precht). Auch Precht bedient sich bei der Dimensionierung des Ausmaßes der Transformation des Vergleiches ‚Mittelalter – Übergang in die Neuzeit‘, vgl. 2018, 11. 


Noch einmal zurück zu FFF. Die Umsetzung der zuvor o.a. FFF-Ziele würde auf jeden Fall einen großen Schritt nach vorn bedeuten – aber:

  • Sie, die Ziele von FFF kratzen indes nicht am neoliberalen Wachstumsdogma, Finanzialismus, Extraktivismus (=übermäßige Ressourcenausbeutung) und auch nicht am globalen Turbo-Kapitalismus inkl. dem Neo-Kolonialismus dieser Tage.

Dieses Handbuch Klimakrise verdeutlicht mindestens, dass die Vereinbarungen des Pariser Abkommens, die Fridays for Future unter Einhaltung des IPCC-1,5°-Zieles einfordern, keine radikalen Maximalanforderungen für die Bewältigung der Klimakrise, sondern vielmehr die allerunterste Kante der tatsächlich notwendigen Maßnahmen darstellen.

Warum das so ist?
Nun, dazu ist herauszustellen, wo wir nach Unterzeichnung und dem derzeitigen Stand der Umsetzung des Pariser Abkommens stehen:

  • Zurzeit befindet sich die Menschheit tatsächlich auf einem ‚drei bis vier Grad Celsius-Pfad‘ bis 2100 (vgl. Spiegel 2019b, Spiegel 2019c, Spiegel 2019e).

    Der neueste Unep-Bericht der UNO vom November 2019 wird im Spiegel wie folgt analysiert:
    • „Wenn die Weltbevölkerung so weiterlebe wie aktuell, droht die Temperatur bis zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 3,9 Grad statt wie angestrebt um nur 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu steigen. Selbst wenn alle Staaten ihre derzeit zugesagten Beiträge zum Klimaschutz auch wirklich erbringen, werden demnach 2030 noch immer 32 Gigatonnen CO₂ zu viel ausgestoßen, um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können“ (Spiegel 2019e).
    • Originaltext des Unep-Berichts:
      „Assuming that climate action continues consistently throughout the twenty-first century, a continuation of current policies would lead to a global mean temperature rise of 3.5 °C by 2100 (range of 3.4–3.9 °C, 66 per cent probability). This corresponds roughly to a tripling of the current level of warming as assessed by the IPCC (2018)“ (Unep 2019).

Mit anderen Worten: Wir haben da derzeit ein überaus umfassendes CO₂-Gap, das dringend vermieden bzw. abgebaut werden muss.

Graeme Maxton weist ebenfalls explizit darauf hin, dass ‚Paris‘ nur ein Anfang sein kann:

  • „Auch das Pariser Abkommen wird eine Klimakatastrophe nicht abwenden, nicht einmal dann, wenn sich jedes Land an seine zugesagten Emissionengrenzen halten würde. Die globale Durchschnittstemperatur würde bis zum Ende des Jahrhunderts dennoch um 3 °C steigen“ (2018, 38).

In diesem Sinne fordern im November 2019

  • „mehr als 11.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 153 Ländern … mehr Klimaschutz. Im Fachjournal BioScience (Ripple et al., 2019) konstatieren sie, ohne grundlegendes Umsteuern sei ‚unsägliches menschliches Leid‘ nicht mehr zu verhindern. Fast drei Viertel der 184 Zusagen zum Einsparen von Treibhausgasen, die Länder im Rahmen des Pariser Abkommens eingereicht haben, sind demnach nicht ehrgeizig genug. ‚Aus den vorliegenden Daten [und ohne weitere, ehrgeizige Zusagen] wird klar, dass ein Klima-Notfall auf uns zukommt‘“ (Zeit 2019).


Im Spiegel ist dazu zu lesen:

  • „Gemessen am Ziel, den Ausstoß von klimaschädlichen Substanzen bis 2030 um mindestens 40 Prozent zu reduzieren, seien nur die 28 EU-Staaten und sieben weitere Länder auf Kurs… Die Forscher fordern … Veränderungen vor allem in sechs Bereichen…[, darunter auch eine] nachhaltige Veränderung der Weltwirtschaft…“ (2019d).

Wie heftig die Staaten derzeit die Ziele von Paris verfehlen wird auch daran deutlich, dass laut dem Think Tank Carbon Tracker nicht einmal im Jahr 2020, „diesem historischen [Covid-19-]Krisenjahr [mit einer voraussichtlichen bundesdeutschen BIP-Schrumpfung von 6,3 Prozent] …, der weltweit CO2-Ausstoß NICHT so schnell [sinkt], wie es nach dem Pariser Klimazielen notwendig wäre“ (taz 2020, 8, Hervorhebung taz).

Wenn die jährlichen Klimakonferenzen weitgehend wirkungslos bleiben, eine allgemein zu große Passivität herrscht, wenn also ‚Paris‘ zu spät kommt, das hier beschlossene nicht ausreicht und nicht mal das nicht ausreichende umgesetzt wird, dann ist es verständlich, dass

  • „afrikanische Delegierte auf den UN-Klimakonferenzen … von ‚Genozid‘ [sprechen], wenn sie das kollektive Versagen beim Thema Emissionssenkungen beschreiben.
  • Und aus diesem Grund sagte Mary Ann Lucille Süring, Chefin der philippinischen Climate Change Kommission, auf dem Gipfel von 2013 in Warschau:
  • ‚Ich habe allmählich das Gefühl, dass wir darüber verhandeln, wer leben und wer sterben soll‘“ (Klein 2015, 336).

Dass wir nach Unterzeichnung und dem derzeitigen Stand der Umsetzung des Pariser Abkommens noch nicht ausreichend vorankommen, verdeutlichen auch der sog.


Earth Overshoot Day und die Planetaren Grenzen

Definition ‚Earth Overshoot Day

Als ‚Erdüberlastungstag‘ wird das Datum eines Jahres bezeichnet, an dem die Menschheit die planetaren Grenzen überschreitet, d.h. den Zeitpunkt, an dem wir uns mehr nehmen, als uns im Interesse unserer nachfolgenden Generationen zusteht; der Tag, ab dem wir die Ressourcen übernutzen.


„Jede*r Gärtner*in weiß, dass man nicht mehr einbringen kann, als auch wächst“ (Göpel 2020, 28).


Definition ‚planetare Grenzen‘/‚planetare Belastungsgrenzen‘

Das Konzept diesen Namens stammt aus dem „Jahre 2009 von einer Gruppe von 28 renommierten Wissenschaftlern unter der Leitung von Johan Rockström und Will Steffen“ (Weizsäcker et al. 2019, 44) und wurde 2015 überarbeitet bzw. aktualisiert. Es zeigt in einem Kuchendiagram die neun planetaren Grenzen, die als „planetarische Lebenserhaltungssysteme“ (ebd.) definiert werden:

Stratosphärischer Ozonabbau | Verlust der Biodiversität und Artensterben | Chemische Verschmutzung und Freisetzung neuartiger Verbindungen | Klimawandel | Ozeanversauerung | Landnutzung | Süßwasserverbrauch und der globale hydrologische Kreislauf | Stickstoff und Phosphor fließen in die Biosphäre und Ozeane | Atmosphärische Aerosolbelastung (ebd., 44-45).

  • Grün markiert sind einzig der Abbau der Ozonschicht, die Versauerung der Meere und der Süßwasserverbauch, die also derzeit sicher unterhalb der Belastungsgrenze liegen.
  • Grau unterlegt sind die Verschmutzung durch Chemikalien, funktionale Vielfalt der Biosphäre, Luftverschmutzung, was bedeutet, dass die Belastungsgrenzen noch nicht quantifiziert ist – also der Zustand unklar ist.
  • Gelb markiert, d.h. innerhalb des Unsicherheitsbereiches mit einem zunehmenden Risiko sind Klimawandel und Landnutzungsänderungen.
  • Rot markiert ist der Phosphorkreislauf, der damit jenseits des Unsicherheitsbereichs ist und ein Hochrisiko darstellt.
  • Rot markiert, aber darüber hinaus über die äußeren Grenzen des Diagramms hinausreichend, sind sowohl die genetische Vielfalt als auch der Stickstoffkreislauf graphisch dargestellt (Beschreibung folgt ebd., 45).

>> vgl. https://www.bmu.de/themen/nachhaltigkeit-internationales-digitalisierung/nachhaltige-entwicklung/integriertes-umweltprogramm-2030/planetare-belastbarkeitsgrenzen/ (Abrufdatum 16.6.2020)

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Donut_%C3%96konomie_-_deutsch.png
Kate Raworth ‚Donut-Modell‘, visualisiert per:
CC SA 4.0 by Apfelsamen

2012 ergänzte die Oxam-Mitarbeiterin und Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth das Modell um einen Innenraum bzw. inneren Kreis, der aus dem zuvor nur nach außen gerichteten Kreis-Diagramm visuell gesehen einen Donut machte, sodass tatsächlich vom ‚Donut-Modell‘ die Rede ist:

Die nach innen gerichteten Balken des so ergänzten Modells bilden zusätzlich zu dem Zustand der o.g. planetaren Obergrenzen die sozialen Untergrenzen an, d.h. den Grad an Mangel der sozialen bzw. gesellschaftlichen Grundlagen ab, konkret die Parameter Nahrung, Gesundheit, Bildung, Einkommen und Arbeit, Frieden und Gerechtigkeit, Politische Teilhabe, Soziale Gerechtigkeit, Gleichstellung, Wohnen, Netzwerke, Energie und Wasser.

>> vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Planetare_Grenzen#Das_Donut-Modell (Abrufdatum 6.7.2020)

>> s.a. The Amsterdam City Doughnut – A Tool for Transformative Action https://www.kateraworth.com/wp/wp-content/uploads/2020/04/20200416-AMS-portrait-EN-Spread-web-420x210mm.pdf (Abrufdatum 28.8.2020)



Zurück zum…

Earth Overshoot Day

Der vom Global Footprint Network berechnete sog. Earth Overshoot Day, welcher 2020 übrigens auch schon 50 Jahre alt wird, zeigt die atemberaubende Dringlichkeit des Handelns:

Wir haben nur eine Erde. Wir leben auf ihr, als gäbe es einen Planeten B, C, D etc.


1971 war es erstmals soweit: Am 21. Dezember begannen die Menschen mehr Ressourcen zu verbrauchen, als ihnen für das Jahr zur Verfügung stand (vgl. Greenpeace 2018).

„Die Wahrheit lautet, wenn wir in sinnvollen ökologischen Grenzen leben wollen, müssten wir zu einem Lebensstil zurückkehren, wie wir ihn in den 1970er Jahren hatten.“ (Klein 2015, 117)

Ja, warum eigentlich nicht? Auf dem technologischen Niveau und mit der gesellschaftlichen Offenheit von heute – mit der relativen Ruhe von 1975.

Ich kann daran absolut nichts Abstoßendes erkennen. Und erst recht nicht, wenn ich an die Alternative denke. Aber Vorsicht: Diese Option hat ein Verfallsdatum, und dieses ist zeitlich nicht mehr weit entfernt.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fe/Earth_Overshoot_Day_1969-2018.jpg
CC SA 4.0 by Footprint123

Earth Overshoot Day 2019 = 29. Juli. Wir nutzen die Ressourcen, als gäbe es 13/4 Erden.

>> Covid-19 sorgt dafür, dass der Overshoot Day 2020 drei Wochen später liegt als erwartet, d.h. am 22.8. (vgl. Röseler 2020, 9).

Das bedeutet, dass eigentlich an diesem Datum sämtliche Lichter ausgehen müssten für den Rest des Jahres.

Das Global Footprint Network schreibt dazu:

  • „Der Earth Overshoot Day (oder Erdüberlastungstag) markiert das Datum, an dem der jährliche Bedarf der Menschheit an Natur das übersteigt, was die Ökosysteme der Erde im ganzen Jahr regenerieren können. Der Earth Overshoot Day hat sich in den letzten 20 Jahren um zwei Monate vorgeschoben. Der 29. Juli ist der frühste Earth Overshoot Day in der Menschheitsgeschichte. Zum ersten Mal hat die Welt in den frühen 1970er Jahren die globale Grenze überschritten. Mittlerweile nutzt die Menschheit die Natur derzeit 1,75-mal schneller, als sich Ökosysteme regenerieren können. Damit können wir auch sagen, dass die Menschheit von 1,75 Erden lebt. Diese Übernutzung, oder Raubbau, ist möglich, weil wir das natürliche Kapital unseres Planeten liquidieren (und entsprechend Reserven abbauen) können und damit seine zukünftige Regenerationsfähigkeit untergraben“ (GFN 2019).
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:2018-Country-Overshoot-Days.jpg
CC SA 4.0 by Footprint123

Daneben sind solche Angaben auch auf einzelne Nationen herunterbrechbar:

Der deutsche Erdüberlastungstag lag 2019 auf dem 3. Mai.

  • Die Deutschen leben so, als gäbe es drei Erden.
  • Würden alle Menschen so leben wie wir, dann müsste es drei Erden geben.
  • „Die Menschen hierzulande leben ab dem 3. Mai daher auf Kosten kommender Generationen und der Menschen im Globalen Süden, die deutlich weniger verbrauchen, aber stärker von den ökologischen Folgen betroffen sind“ (Germanwatch 2019).
  • „An jedem Tag, der danach[, d.h. ab dem Earth Overshoot Day] kommt, nehmen wir bei der Natur einen Kredit auf, den wir nicht zurückzahlen, und haben im nächsten Jahr noch weniger Umwelt zur Verfügung als je zuvor… [Und:] Der Exportweltmeister importiert im großen Stil Natur und Ressourcen aus anderen Ländern“ (Göpel 2020, 28).

USA = 5 Erden | Großbritannien = 2,7 | Frankreich = 2,7 | China = 2,2 (vgl. ebd.)


„Mit jeder Grenze, die man Amazon-Kunden, SUV-Fahrern oder Fast-Food-Junkies jetzt nicht aufzeigt, wird die Zeit bis zur Sintflut kürzer.“
Jan Freitag in der Zeit, 2018


Daneben gibt es als Maß unseres Handelns noch die Doomsday Clock, den älteren unter den Leser*innen vielleicht noch als ‚Atomkriegsuhr‘ bekannt. Diese Uhr spielt mit dem Bild, dass es ‚Fünf vor 12‘ sei.

  • „1947 wurde sie mit der Zeigerstellung sieben Minuten vor zwölf gestartet und seither in Abhängigkeit von der Weltlage vor- oder zurückgestellt. Seit dem 25. Januar 2018 stand sie auf zwei Minuten vor zwölf. Am 24. Januar 2020 teilte das Bulletin of the Atomic Scientists mit, die Uhr auf 100 Sekunden vor Mitternacht umgestellt zu haben“ (wikipedia 2020, Hervorhebungen wikipedia).

So stand diese Uhr 1953 auf 2 Minuten vor 12, als sowohl die USA als auch die Sowjetunion erstmals innerhalb weniger Monate jeweils Wasserstoffbombentests unternahmen; zur Zeit des Kalten Krieges war dies hinsichtlich der Atomkriegsuhr ein einmaliger Rekord. Seit den 2000er Jahren rückt die Zeit immer näher an die 12 – aber erst 2019 erreichte sie nach 1953 erneut wieder die 2 Minuten. Bislang hatte man den Zeiger jahrzehntelang nur ganze Sekunden vor- und zurückschreiten lassen; sie auf 100 Sekunden vorzustellen besitzt daher schon eine gewisse Symbolkraft (vgl. wikipedia 2020 u. Spiegel 2020).


Quellen des Abschnitts Konkrete politische Ziele



Klimakrise als Chance

Die Zwillingskrise ‚Klima/Artensterben‘ kann auch als Chance betrachtet werden: Anders zu leben. Weltweit. Ohne Sweatshops, ohne faktische Sklaven: Mit einem besseren Leben für Alle. Wir brauchen diesen übersteigerten neoliberalen Finanzialismus-Turbokapitalismus nicht. Wir können auch anders.

Wir müssen auch anders: Die Krise – die drohende Katastrophe – macht ein umfangreiches Umschwenken der Menschheit erforderlich. Und das bietet die Chance, grundlegende Aspekte unseres globalen Zusammenlebens zu verändern, z.B. bezogen auf

  • unser Wirtschaftsmodell
  • unsere Art zu arbeiten und zu leben und
  • unser weltweites Finanz- und Bankensystem.

Diesen drei Aspekten ist dieser Abschnitt gewidmet.


Klimakrise als Chance: Unser Wirtschaftsmodell verändern

Zunächst haben wir als Realität anzuerkennen, dass wir nicht länger in einer ‚leeren Welt‘ leben – auf deren Basis immer noch sehr viele Menschen argumentieren –, sondern in einer ‚vollen Welt‘ mit definierten planetaren Grenzen (vgl. Göpel 2020a, 29-30 u. Weizsäcker/Wijkman 2019, 110f.).

Für Konzepte für weitergehende Maßnahmen Deutschlands und der EU betreffend die grundlegenden Aspekte unseres Zusammenlebens bedarf es glücklicherweise bzw. bezeichnenderweise zunächst keinerlei Forschung. Beispielsweise könnten die wissenschaftlichen Beiräte der Bundesregierung wie z.B. der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und der Sachverständigenrat für Umweltfragen und sowie das Umweltbundesamt problemfrei und easy aus der Hüfte geschossen innerhalb von zwei, drei Wochen alle benötigten Informationen aus ihren bisher von der Bundesregierung weitgehend ignorierten Datensätzen zusammentragen und präsentieren: Das ganze Wissen ist bereits vorhanden, die Konzepte sind da – um ausprobiert zu werden.


Darüber hinaus gibt es weltweit eine ganze Menge Menschen, Gruppen und Institutionen mit Ideen und Konzepten, wie wir die künftige Wirtschaft lokal, regional, national und global gestalten können. Diese per Trial & Error umzusetzenden Ideen1 verbergen sich hinter Begriffen wie PostwachstumsökonomieGemeinwohlökonomie2Suffizienz3Degrowth, Wellbeing Economy4, Transition Towns5, aber kleiner gedacht auch hinter Stichwörtern wie Urban Gardening, Solawi (=solidarische Landwirtschaft), Tauschkisten, Repair-Cafés…6

Details: Erläuterungen zu (1) bis (6)

1 Es gibt nicht das eine Konzept – und das ist auch gut so. Die derzeitige Ausprägung des Kapitalismus ist auch nicht an einem Tag am Reißbrett entstanden, sondern hat sich per Trial & Error nach und nach entwickelt und entwickelt sich täglich weiter, vgl. S. 217.

2 Gemeinwohlökonomie (GWÖ) bezeichnet alternative, ethische Wirtschaftsmodelle, bei denen sich Unternehmen am Gemeinwohl, an Kooperation und an den Bedürfnissen des Gemeinwesens orientieren und dies in einer jährlichen Gemeinwohl-Bilanz dokumentieren.

3 Paech merkt hier treffend an, dass „Suffizienz … die chronische Additionslastigkeit [vermeidet], mit der Nachhaltigkeitsdefizite im Kontext des ‚grünen‘ Wachstums, basierend auf Effizienz und Konsistenz, verarbeitet werden. Sie dringt insofern bis zu den Ursachen vor, als sie sich nicht unter den Vorbehalt stellen lässt, dass unverantwortbare Handlungsmuster und Objekte erst dann aufzugeben seien, wenn für sie ein aus Sicht der betroffenen Akteure und Schadensverursacher adäquater Ersatz geschaffen worden ist (Folkers/Paech 2020, 143). In anderen Worten: Grünes Wachstum bedeutet durch eine Gleichzeitigkeit konventioneller und progressiver Waren/Angebote/Produkte/Dienstleitungen grundsätzlich ein Mehr – wenn etwa sowohl konventionelle als auch energieeffiziente Baustoffe gleichzeitig im Markt befindlich sind, sind parallele Infrastrukturen vorhanden. Wenn man sich hingegen als Gesellschaft bewusst für ein Weniger (Suffizienz) entscheidet, fallen solche sich aus dem ‚Grünen Wachstum‘ ergebenen Faktoren weg. Weil man Ansprüche aufgibt, fallen von heute auf morgen Dinge einfach ersatzlos weg.

4 Die Wellbeing Economy ist eine Politik, die sich an den Bedürfnissen des Menschen (und seiner Mitwelt) orientiert. In Ablehnung des BIP gibt es in diesem Ansatz das Wellbeing Budget, welches die Lebensqualität (meist in Anlehnung an die Agenda 2030) umfassend und ganzheitlich misst mit dem Ziel „der Verbesserung des gesamtgesellschaftlichen Wohlbefindens“ (wikipedia 2020d). „Zusätzlich erlaubt das Framework den Regierungen zu prüfen, ob der heutige Wohlstand auf Kosten des Wohlstandes von künftigen Generationen erzielt wird. Ein weiterer wichtiger Aspekt des Wellbeing Budgets ist die Wirkungsmessung der zur Zielerreichung eingesetzten Maßnahmen. So soll ein Prozess mit Feedbackschleifen, Politikanpassung und -verfeinerung entwickelt werden bei dem die Maßnahmen laufend angepasst werden, um der Zielerreichung näher zu kommen. Schließlich soll ein Wellbeing Budget Gegenstand einer fortwährenden öffentlichen Debatte sein. Der Einbezug aller Beteiligter und Betroffener – wie der Zivilgesellschaft, der Unternehmen und der politischen Entscheidungsträger – soll es ermöglichen, einen breit abgestützten Konsens darüber zu finden, welche Ziele sich eine Gesellschaft setzt“ (ebd.). Seit Mai 2019 gibt es in Neuseeland das weltweit erste Wellbeing Budget. Auch Schweden und Island sind auf dem Weg, ein solches Konzept der Wohlfahrtsmessung einzuführen (vgl. ebd.; s.a. https://wellbeingeconomy.org/ (Abrufdatum 28.8.2020). Bemerkenswert und wohl eher kein Zufall: Sowohl Schweden, Neuseeland als auch Island haben mit Stand Sommer 2020 bemerkenswert Frauen-geprägte Regierungen bzw. in letzteren beiden Fällen konkret Regierungschefinnen.

5 Selbstdarstellung: „Im Rahmen der Transition Town Bewegung (übersetzt etwa ‚Stadt im Wandel‘) gestalten seit 2007 Umwelt- und Nachhaltigkeitsinitiativen in vielen Städten und Gemeinden der Welt den geplanten Übergang in eine postfossile gemeinschaftlich organisierte Gesellschaft und relokalisierte Wirtschaft. Initiiert wurde die Bewegung u. a. von dem britischen Permakulturalisten Rob Hopkins gemeinsam mit seinen Studierenden des Kinsale College of Further Education in Irland“ (Transition Initiativen 2020).

6 vgl. dazu Abschnitt Was kann Ich tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten, S. 169ff., Aspekt Für Fortgeschrittene, S. 190f. 

Ein wesentliches Messinstrument des bisherigen Wirtschaftsmodells ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), das vorgibt die Wirtschaftsleistung zu messen.

Details: Erläuterungen zu (1) bzgl. BIP

Denkbar ist also, dass ein aufgrund einer Katastrophensituation wirtschaftlich schlechtes Jahr, durch Investitionen, Aufträge und Maßnahmen – d.h. wirtschaftliche Aktivitäten zur Beseitigung der Katastrophe –, das BIP in Rekordhöhen wachsen lassen könnte, obwohl halb Deutschland arbeitslos und die Hälfte der Geschäfte geschlossen. 

  • Dass das BIP eben auch negative, schadensbeseitigende Investitionen misst1 – z.B. die Reinigung von Stränden nach Öl-Katastrophen –, ist allgemein bekannt. Maja Göpel fügt hinzu:
    • „Die versteckten Kosten dessen, was wir durch die Ernährung, wie wir sie jetzt gestalten, eigentlich alles in Kauf nehmen, an den Gesundheitskosten, an der Zerstörung der Ökosysteme … Wenn man das alles mal volkswirtschaftlich bilanziert, ist das häufig gar nicht so ein goldenes Bild, was wir da immer noch Wachstum nennen, sondern das entsteht als eine Fortschrittsgeschichte, weil wir einen Teil der Kosten ganz systematisch ignorieren“ (2020b).

  • Weil ‚Natur‘ für sich genommen (bislang) keinen messbaren Wert zuerkannt hat, nicht in die ‚Rechnung‘ eingeht und daher auch nicht unmittelbar für sich genommen Wachstum generiert, steht die ‚Natur‘ von Fall zu Fall dem BIP-orientierten Wachstum im Weg:

    „‚Es ist die Tragik der Moderne, dass wir auch gut funktionierende Dinge nicht so lassen können, wie sie sind, weil es das Wachstum schmälert‘, sagt Göpel. Ihr Lieblingsbeispiel sind die Bienen. Sie bestäuben Pflanzen kostenlos. ‚Das ist toll, aber so richtig verdient daran niemand‘, so Göpel. ‚Verkauft eine Firma jedoch Roboterbienen1, die den Job nach dem Bienensterben übernehmen, wächst das Bruttosozialprodukt‘“ (zit. in Jung/Schießl 2020).

    Der US-Politiker Robert Kennedy während des Vorwahlkampfes zur US-Präsidentschaft, 1968:

    „Das Bruttoinlandsprodukt misst alles, außer dem, was das Leben lebenswert macht“ (zit. in Pfister 2011).
Details: Erläuterungen zu (1)

Maja Göpel erwähnt an andere Stelle, wer Auftraggeber für die Erfindung einer Roboterbiene ist und das ein Patent für eine beantragt hat: Walmart (vgl. 2020a, 38). 

Eine Abkehr vom BIP zugunsten eines mehr an einem progressiven Wohlstandsbegriff orientierten Maßes ist daher erforderlich.


Die Frage ist, inwieweit eine einzelne Kennzahl überhaupt in der Lage ist, das (dann noch zu definierenden) Wohlbefinden von Bürger*innen eines Staates etc. abbilden kann.

  • „Viele einschlägige Forscher wollen … [inzwischen] mit einem ‚Armaturenbrett‘ voller verschiedener Werte operieren. Für Klima und Natur, Arbeit und Bildung, Verteilung und andere Gerechtigkeitsfragen“ (Heuser/Pletter 2020,22). Das BIP wäre dann nur noch ein Wert von mehreren. Bei der OECD ist mittlerweile „das wohl ausgefeilteste Armaturenbrett … [mit] elf Indikatoren [entstanden]: Einkommen und Wohlstand, Arbeit und deren Qualität, Wohnen, Gesundheit, Wissen und Fähigkeiten, Umweltqualität, subjektives Wohlbefinden, Sicherheit, Work-Life-Balance, soziale Beziehungen und ziviles Engagement“ (ebd.).
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„Die Marktfreunde fürchten, dass ein sogenannter alternativer Index eine linksalternative Politik fördert“ (Heuser/Pletter 2020, 22). Ich möchte ergänzen: Ich fürchte, dass der jahrzehntelange einseitige Fokus auf das BIP den Marktfundamentalismus und damit letztlich die gesamten negativen Folgen inkl. Klimakrise und sechstes Massenaussterben massiv befördert hat. 

>> s.a. Aspekt Wellbeing Economy, Fußnote auf S. 454


Ein zutreffenderes Maß als das BIP könnten auch die Konzepte der o.g. Gemeinwohlökonomie (GWÖ) einbringen. Ein wesentlicher Kopf hinter diesem Ansatz ist Christian Felber, der u.a. mit der Gemeinwohl-Bilanz eine alternative (zurzeit unter den gegebenen Umständen eher eine zusätzliche, ergänzende) Methode der Bilanzierung von Unternehmen entwickelt hat:

  • „Maximal 1.000 Punkte kann ein Betrieb in der Gemeinwohl-Bilanz erreichen. Die Sparda Bank kommt auf 602 Punkte, die Krankenkasse BKK ProVita schafft 790 Punkte. Rund 400 Unternehmen lassen sich mittlerweile nach solchen Richtlinien durch externe Auditoren testieren“ (Jung/Schießl 2020).

Dem Gemeinwohl-Prinzip verwandet ist die Genossenschaft.

Die einfachste und seit langer Zeit sehr erfolgreich umgesetzte Art, um Wirtschaft anders zu gestalten, ist die: Genossenschaft.

  • Fahren wir den Finanzialismus zurück und fördern wir massiv privatrechtliche Betriebe/Unternehmensformen, die keinen Gewinn im eigentlichen Sinne machen können – und wir sind da, wo wir hinwollen: Dann sind wir bei mittelständischen, dezentralen und doch betriebswirtschaftlich orientierten Unternehmen, die dem dienen, wofür Wirtschaft eigentlich gedacht ist. Sie dienen: der Gesellschaft.
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Manfred Folkers wendet es in Folkers/Paech so: „Ohne Zinssystem, ohne Renditeerwartung und ohne Streben nach Expansion und Maximierung wird sich ein Mittlerer Weg ergeben, der Maßhalten und Vielfalt in Einklang bringt“ (2020, 104). 

Revolutionär einfach. Und doch so Welt-bewahrend.

Daher regt dieses Handbuch an, das Genossenschaftsmodell zum Ausgangspunkt zu nehmen für eine Neuausrichtung des umzubauenden globalen Wirtschaftsmodells.

Nicht nur das globale Wirtschaftsmodell hat grundlegend umgebaut zu werden – auch unsere Art, zu arbeiten ist im Begriff, sich massiv zu verändern:


Klimakrise als Chance: Unsere Art zu arbeiten und zu leben verändern

Auch ohne Klimakrise und Artensterben macht die Digitalisierung unserer Gesellschaft und Wirtschaft erhebliche Umgestaltungen rund um das Thema ‚Arbeiten‘ erforderlich:

vgl. Marc Pendzich: Pecha Kucha „’Wohlstand‘ neu gedacht: Gemeinwohl & soziales Miteinander statt HöherSchnellerWeiter“, gehalten bei der Veranstaltung „Jedes Zehntel Grad, jede Art zählt: Die globale Umweltkrise als Chance“ des Zukunftsrat Hamburg, 16.2.2021 – https://youtu.be/GA4RImiZQsU (Abrufdatum 17.2.2021)

Die digitale Gesellschaft bringt u.a. durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) ganz neue Herausforderungen mit sich. Vor allem ist damit zu rechnen, dass in Deutschland sehr viele Arbeitsplätze u.a. im Bereich ‚Sachbearbeitung‘ in Verwaltungen bei Versicherungen, Finanzämtern etc. durch den Einsatz von Software abgelöst werden.

Bislang ersetzte Technik nur Muskelkraft und mechanische Tätigkeiten – jetzt geht es an mittlere geistige Tätigkeiten.1

Es wird immer Arbeitsplätze geben – aber es scheint zweifelhaft, dass diese noch das alte Solidarsystem mittels sog. sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze tragen werden können. Durch den Eintritt der Babyboomer bzw. des Pillenknicks ins Rentenalter sowie durch die ‚Agenda 2010‘2 ist dieses System ohnehin massiv ins Wanken geraten – wer hat heute schon noch einen unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Vollzeit-Arbeitsplatz? KI wird das System weiter marodieren.

Hier gibt es eine Reihe von Ansätzen, die sich unter dem Dach des Begriffes ‚Bedingungsloses Grundeinkommen‘ (BGE) versammeln. Grundideen sind, dass sich niemand mehr um sein Existenzminimum sorgen muss – und dass nicht länger Arbeit die Sozialkassen finanziert, sondern der Staat, z.B. via Finanztransaktionssteuer oder bspw. durch eine Maschinensteuer3 (auch Robotersteuer genannt). Mit einem BGE kann man keine großen Sprünge machen, aber es ist möglich keiner bezahlten Arbeit nachzugehen: Es ist leichter möglich nein zu einem Bullshitjob zu sagen.

Zu der an diesem Punkt der Diskussion regelmäßig aufscheinenden Widerrede, ‚für Führungskräfte geht das aber nicht‘ ist hier einzubringen, dass heute dieses Argument in Zeiten der starken Vernetzung, hochgradig arbeitsteiligen Organisationen und dem ständigen, flexiblen Neuzuschnitt von Verantwortungsbereichen nicht mehr wirklich gültig ist (vgl. Kopatz 2016, 252-253). Führt man dann noch das äußerst unterstützenswerte Vieraugenprinzip ins Feld, bleibt kaum mehr übrig als der Verdacht, dass es eigentlich in Kopatz‘ Worten um eine „kulturelle[] Borniertheit der von Männern dominierten Führungsriege [gehe]“4 (2016, 253).

Zur vermeintlich so schwierigen Finanzierbarkeit des BGE sei hier kurz folgendes angemerkt:

  • Derzeit wird Arbeit besteuert, z.B. bei sozialversicherungspflichtigen Jobs, wodurch (auch globales) Outsourcing provoziert wird bzw. Arbeitsplätze abgebaut werden.

Es ist wenig klug, erwünschte Dinge zu besteuern, von denen man mehr haben möchte. Es ist sinnvoller unerwünschte Dinge zu besteuern, von denen es weniger geben soll, z.B. Rohstoffverbrauche, Energie, Emissionen, zu viel Geld in einer Hand und Müll (vgl. Maxton 2018, 88 u. 118).

  • „[W]as uns das die ganze Zeit kostet, keine mutigen und kreativen Entscheidungen zu treffen, sondern aus der Angst heraus [bei der Jobwahl] lieber auf Nummer sicher zu gehen, das lässt sich überhaupt nicht bemessen“ (Bohmeyer 2020, 20).

Auf weitere typische Gegenargumente à la „Dann geht ja niemand mehr arbeiten (außer ich)“ möchte ich hier nicht eingehen – nur so viel:

  • „Gehen Sie davon aus, dass Sie nicht der ‚Normalfall‘ sind – und davon, dass die anderen auch keine Idioten sind“ – Hans Rosling über unsere Egozentrik bei gleichzeitig allzu negativem Menschenbild (2018, 196).

>> siehe zur Entkräftung der typischen Gegenargumente z.B. Werner, Götz (2018): Einkommen für alle: Bedingungsloses Grundeinkommen – die Zeit ist reif, Kiepenheuer und Witsch.

>> Mehr dazu siehe Aspekt Glaubenssatz ‚Der Mensch ist im Grunde schlecht‘, siehe S. 380ff.

>> Im August 2020 startet in Deutschland die Proband*innensuche zu einem umfangreichen Feldversuch zum Thema BGE: 120 Teilnehmer*innen erhalten 36 Monate lang ein BGE in der Höhe von 1.200 Euro – und 1.380 Teilnehmer*innen, die zuvor als statistische Zwillinge ausgewählt wurden, bekommen kein BGE, siehe dazu ausführlich Diekmann, Florian (2020): „Langzeitstudie zum Grundeinkommen: Das 1200-Euro-Experiment“. in: Der Spiegel, 18.8.2020, online unter https://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/grundeinkommen-studie-startet-das-1200-euro-experiment-a-413dcee7-1d58-4d19-abd1-8d241972ffd4 (Abrufdatum 1.9.2020)

Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 vgl. Opitz 2018, Min 66; siehe ausführlich Precht 2018. Er erwähnt eine Studie von 2013, der zufolge „die am weitesten entwickelten Länder der Erde in den nächsten fünfundzwanzig Jahren 47 Prozent ihrer Jobs [verlieren]“ (23). – Die Autoren der Studie „Frey und Osbourne listen mehr als siebenhundert Tätigkeiten auf, die teilweise oder ganz von Computern übernommen werden können“ (24) – vgl. www.oxfordmartin.ox.ac.uk/downloads/academic/The_Future_of_Employment.pdf (Appendix ab S. 57) – „Jede Tätigkeit, deren Routinen algorithmierbar sind, ist prinzipiell ersetzbar“ (Precht 2018, 24). Precht zitiert den Mathematiker und ehemaligen IBM-Manager Gunter Dueck, der angesichts der zunehmenden Bedeutung der/des Kundin/Kunden als Prosument*in von aussterbenden „Flachbildschirmrückseitenberatungsjobs“ spricht (vgl. 24-25), also von Jobs, die darin bestehen, jemanden zu beraten, während man auf einen Flachbildschirm starrt – wie bspw. im Reisebüro. „[D]ie Digitalisierung – und das unterscheidet sie von [den drei] früheren industriellen Revolutionen – erobert kein neues Terrain, sondern sie macht bestehendes effektiver“ (29). In der Delphi-Studie des Millennium-Projekts heißt es laut Precht: „Übrig bleiben vor allem jene Berufe, in denen ‚Empathie‘ gefragt ist, in denen man sich um etwas kümmert, jemanden umsorgt, ihn pflegt, ihm zuspricht, ihn coacht, ihn bildet, ihm individuelle Sorgen und Nöte lindert und ihm hilft, Probleme zu lösen… ‚Alle Menschen werden irgendetwas tun. Aber vieles davon geschieht eben nicht mehr im Rahmen von Erwerbsarbeit‘“ (118). Interessant: Michael Bohmeyer weist darauf hin, dass „[e]ine These zum Populismus ist: Er gedeiht oft dort, wo Existenzangst herrscht. Ein Grundeinkommen könnte sie lindern“ (2020, 20). Siehe auch Zwischengedanken zum Aspekt Erforderlich ist eine komplette Neufassung der Arbeit in Deutschland, S. 527.

2 Wie viel Prozent der Bürger*innen, die keinen sozialversicherungspflichtigen Job haben, haben sich ausreichend privat rentenversichert? Gewissermaßen hat die Agenda 2010 dafür gesorgt, dass Arbeitsplätze in der Gegenwart billiger wurden, um den Preis, das Deutschland künftig nicht um eine Grundrente für alle herumkommen wird (vgl. Bedingungsloses Einkommen, S. 458).

3 Ein dringend zu korrigierender Fehler der weltweiten Politik ist m.E. das Versäumnis, keine Steuer auf die Arbeit von Energiesklaven, d.h. Maschinen bzw. Roboter zu erheben, die zumindest einen Teil der wegfallenden Sozialabgaben einspielt. In diesen Tagen, in denen Maschinen per KI auch vormals geistige Tätigkeiten vermehrt ersetzen, wäre dies eine Möglichkeit, um den Menschen per auf diese Weise finanziertem BGE ein Leben ohne umfangreiche Lohnarbeit zu ermöglichen (vgl. Precht 2018, 9).

4 vgl. dazu Abschnitt Klima, Ökofeminismus und Parität, S. 423, Aspekt männliche Dynamiken, S. 426 

Der Punkt ist, dass wir m.E. künftig gar nicht mehr um ein BGE herumkommen werden, weil das alte Modell bereits jetzt nicht mehr funktioniert und nicht genug Vollzeitarbeit für alle da sein wird – hingegen aber (auf der Basis des BGE) viele ehrenamtliche Tätigkeiten übernommen werden können, die diese Gesellschaft solidarisch befördern werden.


Weniger Konsum (Keine Trosteinkäufe).

Mehr Gemeinschaft (Weniger Status).

Menschliches Maß (Weniger CO2).


Ich empfehle in diesem Zusammenhang jeder/jedem Fulltime-Job-Leser*in, innezuhalten und mal mit Bleistift und Papier Bilanz zu ziehen, wie viel Zeit sie/er an ihrem/seinem Arbeitsplatz ausschließlich dafür verbringt, um ihre/seine Statussymbole zu bezahlen. In meinen Augen ist das sich selbst gestohlene Eigenzeit: Die härteste Währung der Welt ist nicht der Dollar, der Euro oder der Franke. Die härteste Währung ist Zeit.

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Offensichtlich verbringen sehr viele Deutsche sehr viel Zeit damit, nur und ausschließlich für Status bzw. Status-Symbole zu arbeiten: „Jeder zehnte Erwerbstätige [in Deutschland] arbeitet gewöhnlich mehr als 48 Stunden pro Woche. Zweieinhalb Milliarden Überstunden im Jahr sind kaum noch Zeugnis von Strebsamkeit und Fleiß. Sie schaden der physischen und psychischen Gesundheit“ (Kopatz 2016, 274) – What for? Niemand sagt: „Bevor ich sterbe, möchte ich mir einen Tabletcomputer kaufen.“ (ebd., 273). Positiv unterstellt, die Überstundler*innen bekommen die Überstunden bezahlt. Was genau sind das für Statussymbole, für die die Überstundler*innen derart viel arbeiten? Nun, i.d.R. werden diese äußerst CO2-intensiv sein. 

>> siehe dazu mein Webportal https://lebelieberlangsam.de/, vgl. Ware, Bronnie (2011): 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Einsichten, die Ihr Leben verändern werden. Goldmann.
>> siehe auch Aspekt, dass Menschen in Deutschland durchschnittlich 13 lange Jahre ihres Lebens nur arbeiten: für ihr(e) Auto(s), S. 351.


Ein Schlussgedanke von Richard David Precht:

„[D]ie Daten von Armen [sind] nichts wert.“ (2018, 127)


Klimakrise als Chance: Unser weltweites Finanz- und Bankensystem verändern

Die Klimakrise bietet im Einklang mit dem bis hier geschriebenen darüber hinaus die Chance zur dringend erforderlichen Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems.


Mit der Forderung, die weitgehende Deregulierung der Finanzmärkte rückgängig zu machen, baut man sich i.d.R. eine breite Gegnerschaft auf.


Das ist nicht mein Anliegen – gehen wir daher auf die Positionen der Befürworter*innen der Deregulierung ein und nehmen diese Positionen zunächst einmal für ‚bare Münze‘:

Gehen wir also positiv davon aus, dass die Deregulierung der Finanzmärkte eine feine Sache ist und der Dreisatz des neoliberalen Glaubensbekenntnis korrekt:

Wenn Sie mögen, sprechen Sie mit – oder bauen Sie das Folgende am besten als Affirmation in Ihr morgendliches Motivationsprogramm, bevor Sie die Börsennachrichten einschalten… molto fortissimo, und alle zusammen:

Wachstum!
Deregulierung!
Shareholder Value!


(lauter!)


Also, spielen wir das Gedankengebäude ‚Deregulierung‘ doch mal durch:

Banken zum Beispiel. (Lehman Brothers: geschenkt.) Banken können gar nicht genug dereguliert werden. Denn: Sie wollen unser Bestes. Daher sollten wir ihnen bzw. ihren Manager*innen möglichst uneingeschränkt freien Lauf lassen und Billiarden-Spielgeld in Sekundenbruchteilen rund um den Globus hin- und herschieben lassen. Nichts kann passieren, denn auf den Markt und auf die Unsichtbare Hand – die mutmaßlich durch irgendein Drei Fragezeichen-Buch inspiriert wurde – ist stets Verlass.

Der Markt wird es schon regeln. Hat er immer getan. Vertrauen Sie ihm. Er will nur spielen.


Der Markt wird regeln, dass

  • wir zugunsten unserer Informationsgesellschaft künftig eine bessere Bildung in Kindergärten, Schulen und Unis etc. bekommen,
  • es keine Armut mehr gibt auf der Welt,
  • unsere Gesellschaft aus lauter zufriedenen Arbeitsnehmer*innen besteht,
  • wir alle bezahlbaren Wohnraum in den Städten finden,
  • wir gesündere Dinge auf den Teller bekommen statt fettiger Billig-Fertignahrung,
  • eine persönlich-liebevolle Pflege in Krankenhaus und Altenheim selbstverständlich wird,
  • Lobbyist*innen sich gleichermaßen edelmütig und uneigennützig gegen das sechste Massenaussterben einsetzen,
  • mit Öl kein Geld mehr zu verdienen ist,
  • die Renten steigen und
  • in politisch brisanten Gegenden mehr Wohlstand, Gerechtigkeit und demokratische Rechtssicherheit einkehren, und ach ja,
  • die Klimakrise marktliberal und technologieoffen gelöst wird.

Der Markt wird das alles regeln! Und komische Ideen abseits dieses wunderbaren Markrationalismus‘ sind folglich: rote Socken-Gedankenkitsch, links und somit fast schon Kommunismus.


Nun, ich nehme an, wir können uns darauf einigen, dass die Wahrscheinlichkeit des Eintreffens dieser Ereignisse eher niedrig zu veranschlagen ist.


Daher kommen wir um tiefgreifende Veränderungen des Finanz- und Bankensektors nicht herum:

  • Die (globale) Finanzwirtschaft – oder anders ausgedrückt: die Art wie Geld derzeit ‚funktioniert‘ wird sich deutlich verändern müssen – es geht, wie Michael Kopatz es ausdrückt, nicht um eine Revolution, sondern um „die Rückkehr zum Ordnungsrahmen der 1970er-Jahre, welcher die Auswüchse der Spekulanten zuungunsten sicherer Kapitalmärkte verhindert hat (2016, 18).
  • Dieser Ordnungsrahmen war „nach dem Zweiten Weltkrieg … – auch als Lehre aus dem in den Dreißigerjahren schon einmal gescheiterten, naiven Wirtschaftsliberalismus [entstanden]“ (Fricke 2018). Es gab „einen ziemlich weitgehenden Konsens darüber, dass es etwa für Banken eine strikte Kontrolle braucht, Wechselkurse besser offiziell festzulegen sind (um Spekulation zu stoppen) und nicht überall immer alles dereguliert werden musste. Und damals regierten in Deutschland ja auch keine Linksradikalen, sondern ein gewisser Konrad Adenauer und ein Ludwig Erhard“ (ebd.).

Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Shareholder Value

  • ‚Shareholder Value‘ ist antisozial, denn es dient nicht der Gesellschaft oder dem Gemeinwohl, sondern verlangt auf Kosten von Gesellschaft, Menschen und Umwelt Gewinnmaximierung ‚um jeden Preis‘ zu Gunsten weniger Menschen, namentlich der Aktionärinnen und Aktionäre.
    • ‚Shareholder Value‘ ein unverständliches Konstrukt: Wirtschaft bzw. Eigentum hat – so steht es auch im GG Art. 14 Absatz 2 – „zugleich dem Wohle der Allgemeinheit zu dienen“. Mir persönlich stellt sich daher die Frage: Wie und auf welcher Basis ist Shareholder Value mit dem Grundgesetz vereinbar?
    • Die Prämisse „Gewinnmaximierung um jeden Preis“ meint wirklich jeden Preis, egal wie hoch er auch sein mag: „Wer darauf hofft, dass Giganten wie RWE1, Bayer oder VW von sich aus mehr für den Klimaschutz tun werden, ist schrecklich naiv. Die Vorstandschefs können gar nicht, selbst wenn sie wollten. Sie sind einzig ihren Aktionären verpflichtet, nicht dem Gemeinwohl“ (Kopatz 2019b).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 RWE hat 2019 per Großkonzernlogik „[i]n einem milliardenschweren Tausch … die erneuerbaren Energien des Konkurrenten Eon übernommen. In wenigen Monaten gehen auch die Ökostromanlagen der bisherigen Konzerntochter Innogy an RWE. Der Konzern strebt laut SZ an, bis 2040 klimaneutral zu werden und setzt sich nach Angabe des Konzernchef Rolf Martin Schmitz „an die Spitze der Bewegung“ (Müller 2019). 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Derivate

  • Zahlreiche Spekulationsgeschäfte z.B. mit sog. Derivaten, die eher Spielcasino-Wetten gleichen, zumal sie wenig bis gar nichts mit der Realwirtschaft zu tun haben, gehören schlicht – wie es in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall war (vgl. Hermann 2019, 74) – verboten.

  • Mit Derivaten spekuliert man auf die künftige Kursentwicklung. Ulrike Hermann definiert in einfachen Worten: „Sie dienen dazu, sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Bauern können den Preis ihrer Ernten festlegen… Die Zukunft wird in die Gegenwart verlagert und damit berechenbar gemacht, weswegen diese Variante der Derivate auch ‚Future‘ heißt“ (2019, 74). Das Geschäft hat auf jeden Fall abgewickelt zu werden, was unpraktisch ist, wenn man nur spekulierend Geld verdienen will. Dafür gibt es dann zusätzlich die Derivate namens ‚Optionen‘ (vgl. ebd.). Diese „Derivate sind für die Börsianer so attraktiv, weil der ‚Hebel‘ enorm ist: … Man muss nur eine kleine Gebühr fürs Derivat zahlen – und schon kann man auf die Kursentwicklung von Aktien, Devisen, Zinsen oder Rohstoffen spekulieren“ (ebd.).

  • Seit 1997 gibt es auch Wetterderivate, die sog. ‚Wetterfutures‘. Positiv ausgedrückt können sie ein „Instrument des Risikomanagements eines Unternehmens darstellen“ (wikipedia 2020e). Weniger positiv erlauben diese „Katastrohen-Derivate“ (ntv 2008) es „Unternehmen und Banken…, auf Wetterveränderungen zu setzen, als wären tödliche Katastrophen ein Würfelspiel in Las Vegas (zwischen 2005 und 2006 verfünffachte sich der Markt für Wetterderivate beinahe, von 9,7 Milliarden auf 45,2 Milliarden Dollar)“ (Klein 2015, 18).

  • Neben Wetterfutures zeichnet sich „seit Anfang 2000 … ein deutlicher Trend der zunehmenden Spekulation mit Nahrungsmitteln ab“ (Oxfam 2020) – eine sog. ‚Finanzialisierung‘, was bedeutet, dass Spekulanten und die Regularien der Finanzmärkte vermehrt z.B. über die (globalen) Nahrungsmittel- und Rohstoffpreise bestimmen. „Mitte der 1990er Jahre war in den Statuten über den internationalen Handel noch festgeschrieben, dass Nahrungsmittel nicht als gewöhnliche Waren zu behandeln seien. Mit gutem Grund, denn jeder Mensch braucht Nahrung zum Überleben“ (Wallach 2020, 9). Doch trieben beispielsweise 2007/2008 „Finanzspekulanten … die Getreidepreise in die Höhe“ (Oxfam 2020). „Sowohl in den Jahren 2007/2008 als auch in 2011 waren die Weltmarktpreise für wichtige Grundnahrungsmittel wie Mais, Reis und Weizen binnen kürzester Zeit explodiert. Allein der Maispreis erhöhte sich [auf dem Weltmarkt] im Frühjahr 2008 innerhalb von knapp 2 Monaten um 46 Prozent“ (Heuser 2016). „In Äthiopien stiegen die Maispreise um 100 Prozent, in Uganda um 65 Prozent und in Tansania um 54 Prozent. Die Weizenpreise stiegen in Somalia um 300 Prozent, im Senegal um 100 Prozent und im Sudan um 90 Prozent. Nahrungsmittel wurden für viele Familien unbezahlbar“ (Oxfam 2020), denn sie geben ohnehin bis zu 80% ihres Einkommens für Lebensmittel aus (vgl. Heuser 2016).
    • „Die rasant steigenden Preise für Lebensmittel führten zu Hungerprotesten in 61 Ländern“ (Oxfam 2020).
  • Vergleichbares passierte z.B. auch am Beginn der Covid-19-Krise:
    • Ullrich Fichtner erwähnt im Zusammenhang mit Derivaten im Spiegel, „dass in London einzelne Hedgefonds aus dem Corona-Börsencrash Milliardenprofite schlugen“ (2020, 19).
  • Michael Kopatz hingegen hebt im Zusammenhang mit Spekulationsgeschäften die sog. Darkpools hervor:
    • „Ein anonymer Verkäufer kann seine Angebote weltweit in verschiedenen Darkpools platzieren. Interessenten geben Gesuche auf, ohne zu wissen, ob gerade solche Aktien angeboten werden. Eine Software bringt Gebote und Gesuche zusammen. Anders als bei normalen Börsen erfährt so keiner, dass überhaupt ein Handel stattgefunden hat“ (2016, 18, 230).
  • „2018 [wurden] Derivate im Nominalwert von 700 Billionen Dollar gehandelt … – die globale Wirtschaftsleistung betrug aber nur 85 Billionen Dollar. Die allermeisten Derivate können also gar keinen realen Gegenwert haben, sondern sind reine Spekulation“ (Hermann 2019, 74).1
    • Dazu hält Harald Lesch fest:
      • „Dieses virtuelle Geld, dass da [per Derivate & Co in den Finanzmärkten] hin- und hergeschoben wird und sich immer mehr und mehr vermehrt auf merkwürdige Weise … presst auf unsere reale Welt… Das ist der wirkliche Hammerdruck der da stattfindet. Machen Sie sich klar, das Weltbruttosozialprodukt besteht aus 70 europäischen Billionen Dollar. Die Versicherung [per Derivat & Co] für dieses, das was an den Börsen gehandelt wird, sind 700 Billionen Dollar. D.h. wir haben Versicherungen, die sind 10 Mal mehr wert als das Tatsächliche, was da ist.
    • Stellen Sie sich doch mal vor, Sie kaufen sich ein Auto für 2.000 Euro und versichern es für 20.000. Haben Sie dann noch ein Interesse daran, dass die Karre heilbleibt? Natürlich nicht“ (Lesch 2016, ab Min. 18).
  • Durch viele Derivate blicken nicht einmal mehr Fachleute durch – symbolisch wird das durch folgende Anmerkungen von Ulrike Hermann im Atlas der Globalisierung: „Das erste kommentierte Lexikon für Derivate erschien 1989 und war bereits 700 Seiten stark. Der Nachfolger, der 2006 kurz vor der Finanzkrise aufgelegt wurde, hatte fast 5.000 Seiten“ (2019, 75).
unsplash/Markus Spiske
  • Hermann hat derweil analog zu eingangs erwähnten Forderung von Kopatz nach Rückkehr zum Ordnungsrahmen der 1970er Jahre (vgl. S. 460) eine geradezu absurd einfache Lösung für diese reinen Spekulationsgeschäfte – es geht schlicht um dieser Wiedereinführung einer Grundregel, „die bis vor vierzig Jahren noch galt:
    • Ein Derivat darf nur kaufen, wer auch das dazu gehörige Grundgeschäft getätigt hat. Eine Fluglinie, die Öl benötigt, könnte also weiterhin Ölderivate erwerben, um sich gegen Preisschwankungen abzusichern. Aber reine Spekulanten wären ausgeschlossen“ (2019, 75).

Ähnlich wie beim fossilen Geschäftsmodell gibt es hier viele, viele Menschen2 inkl. zukünftigen Pensionsfonds-Rentner*innen, die aus finanziellen Gründen von obiger Idee nicht überzeugt werden können. Es wird nicht reichen, einen Runden Tisch zu gründen.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Zur reinen Spekulation gehören auch sog. Leerverkäufe, bei denen man Papiere verlauft, die man gar nicht besitzt und hofft, dass der Kauf der schon verkauften Papiere zu einem späteren Zeitpunkt günstiger ist als gegenwärtig, sodass man aus der Differenz einen Gewinn erzielt, vgl. wikipedia 2020a.

2 Hier geht es um Besitzstandswahrung, Macht und Geltungsbedürfnis von ohnehin hochgradig privilegierten Menschen – und um viele, viele Arbeitsplätze, die nicht mehr benötigt würden, wenn der Finanzialismus aufgegeben werden würde. 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Erfahrungen aus der Finanzkrise 2008/09

  • Die Aufhebung der Trennung des Kreditgeschäfts vom Investmentbanking hat sich definitiv nicht bewährt – vgl. die weltweite Finanzkrise 2008f.,
  • Banken haben auch nach 2008 kein relevantes Eigenkapital vorgeschrieben bekommen: „Es muss nur 3 Prozent der Bilanzsumme betragen, was lächerlich wenig ist“ (Hermann 2019, 75).
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Ähnlich absurd-bemerkenswert ist, dass „[ü]ber 90 Prozent des gesamten Geldes – mehr als 400 Billionen Dollar auf unseren Konten – … nur in Computern existieren]“ (Harari 2015, 219). 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Hochfrequenzhandel, Finanztransaktionssteuer

  • Nano-Sekunden-Handel ist nicht dem Menschen dienlich – und würde z.B. durch eine Finanztransaktionssteuer deutlich unattraktiver.
    • Letztere ‚Robin-Hood-Steuer‘ würde Finanztransaktionen z.B. durchschnittlich mit 0,05 Prozent besteuern. Die so generierten Gelder könnten dann z.B. für den Klimaschutz oder auch zur Bekämpfung der globalen Armut eingesetzt werden (vgl. Kopatz 2016, 18, 230 u. vgl. Precht 2018). (1 Nanosekunde ist eine milliardstel Sekunde. Das hat mit Handel und mit den Bedürfnissen von Menschen nichts mehr zu tun.)
  • Allgemein könnte man den Finanzsektor auf ein menschliches Maß runter bremsen. Nur weil man übermenschlich schnell sein kann, bedeutet das noch lange nicht, dass man diese menschliche Grenze auch einreißen muss. Auch könnten Berichtszyklen durchaus verlängert werden.

Haim Bodek, Hochfrequenzhändler, 2018:

  • „Ich verlasse den Raum grundsätzlich nicht und lasse hier ‚etwas’ unbeaufsichtigt handeln. Ich will bei dem Algorithmus sein, den ich erschaffen habe. Auch wenn ich ihn nicht unter Kontrolle habe. Ich beobachte ihn. Tut er auch das, wofür ich ihn entworfen habe? Ich rede nie mit Wirtschaftswissenschaftlern oder politischen Entscheidungsträgern. Es gibt da einfach keine Verbindung… [W]elche Leute Stellen wir ein? Wissenschaftler, IT-Experten und Anwälte. Wir stellen weder Betriebswirte [d.h. ‚mba’s‘] noch andere Wirtschaftswissenschaftler ein. Viele unserer mathematischen Modelle kommen aus Bereichen wie Pferdewetten“ (zit. in Opitz 2018, ab Min 79).

Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: weitere Aspekte und Lösungsansätze

  • Bei der Bewertung von Aktien kann es nicht ausschließlich auf einen finanziellen Wert ankommen, der darauf basiert, dass externe Kosten unberücksichtigt bleiben. Hier geht die Dagens Industri (DI), die größte täglich erscheinende Wirtschaftszeitung Skandinaviens voran und druckt im Börsenteil zunächst viermal im Jahr zusätzlich auch klimabezogene Kennzahlen der 124 größten schwedischen Unternehmen (vgl. Wiemker 2020).
  • Über die Art wie Zins und insbesondere Zinseszins funktionieren ist nachzudenken.
  • Grundsätzlich sind die Verhältnisse zwischen Arm und Reich sowohl innerhalb von Gesellschaften als auch global deutlich anzunähern.
  • Im kleineren Maßstab wiederum sind ergänzende lokale Währungen bzw. Regionalwährungen wie z.B. das ‚Brixton Pound‘ oder der ‚Chiemgauer‘ zu unterstützen. Diese bewirken – wenn sie von der lokalen Bevölkerung angenommen werden –, dass das Geld lokal zirkuliert. I.d.R. vernetzt sich die lokale/regionale Wirtschaft und arbeitet verstärkt zusammen. Kund*innen kaufen tendenziell lokaler ein. Somit wird also die eigene Region wirtschaftlich gestärkt (vgl. Laurent/Dion 2016).
    • Seit 1934 Jahren existiert in der Schweiz die vor allem in Gewerbekreisen verbreitete Parallelwährung WIR (‚Wirtschaftsring-Genossenschaft‘), die einst eine Maßnahme gegen die Weltwirtschaftskrise war und mit der heute – mit abnehmender Tendenz – rund 1,3 Mrd WIR („ein WIR entspricht gemäß Definition der WIR-Bank einem Franken“ (Scherrer 2017)) umgesetzt werden (vgl. ebd.).
    • Dann gibt es noch die in das Thema ‚Regionalwährung‘ oft mit hineinspielende, zusätzliche Idee vom Fließgeld/Freigeld – ein ‚umlaufgesichertes‘ Geld, das der Idee des Zinses und Zinseszinses entgegengesetzt ist und im Falle des Hortens an Wert verlieren würde, sodass es sich verstärkt lohnt (immer wieder) zu investieren – und zwar: regional (vgl. wikipedia 2020c).
  • Auch ist die Frage aufzuwerfen, inwieweit Spekulationsgeschäfte überhaupt noch statthaft sind, sodass sie nach Ansicht von Maxton „mit 100 Prozent besteuert werden [sollten]. Anders ausgedrückt: Wer ein Haus oder ein Gemälde kauft, sollte dies tun, weil er Wohnraum braucht oder ein hübsches Bild für die Wand, nicht weil er von deren Wertsteigerung profitieren möchte“ (2020, 134).
  • Auch weiterhin können in der Wirtschaft durchaus Wettbewerbsbedingungen herrschen – aber alles in einem kleineren Format, ohne Shareholder Value, fair, klimagerecht – und vor allem unter Einkalkulierung sämtlicher bisher externalisierter Kosten.

Wer hier angesichts der prinzipiell anstehenden umfangreichen Neuregulierungen und Gesetzesänderungen von „faktischer Enteignung“ spricht, mache sich klar, dass derzeit

  • ständig tausende von Bäuerinnen und Bauern vorwiegend im Globalen Süden faktisch enteignet werden, weil sie ihr erodiertes oder sogar desertifiziertes Land nicht mehr bestellen können und möglicherweise gezwungen sind, ihren Besitz aufzugeben und zu flüchten,
  • täglich allgemein Häuser, Grundstücke1 und sonstiges Hab und Gut ungezählter Menschen massiv entwertet oder zerstört werden und
  • z.B. konkret durch den Bau von immer neuen Megaställen oder durch den Ausbau von Straßen Anwohner*innen oft zu Recht den Wertverlust ihrer Häuser befürchten (vgl. Amann et al. 2013, 68).

Und wer der Auffassung ist, dass die hier genannten Punkte nichts mit seiner drohenden ‚faktischen Enteignung‘ zu tun hat, weil ihm ja die Gewinne seiner bisherigen Finanzgeschäfte im Rahmen des bestehenden Systems legal zugestanden haben, handelt letztlich auf die genau gleiche ethisch verwerfliche Weise wie die Vertreter*innen der Kolonialmächte, die einst die First Nations (die früher sog. „Indianer“) Landabtretungs- und Schürfverträge haben unterzeichnen lassen, obwohl diese außerhalb des Systems, d.h. außerhalb der kolonialistischen Gesetzgebung standen (und darüber hinaus keinen Schimmer davon hatten, was sie dort unterzeichnen).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Kopatz konstatiert, dass die kalte Enteignung z.B. „durch Straßenlärm … seit Jahrzehnten zu[nimmt] und … allgegenwärtig ist. Der Wert eines Mehrfamilienhauses kann sich an einer stark befahrenen Straße gegenüber Häusern in ruhiger Wohnlage halbieren“ (2019a, 102). 


Re-Regulierung des deregulierten Finanzsystems: Weitere Aspekte: Keine Privatisierung von Lebensnotwendigem

Bestimmte Bereiche sollten künftig nicht mehr unter ‚freien‘ Wettbewerbsbedingungen stehen:

  • Die Privatisierung von Institutionen, die existenzielle Bedürfnisse der Menschheit abdecken, hat sich m.E. insgesamt nicht bewährt: Es ist nicht sinnvoll, Trinkwasser,1 den ÖPNV, das Schienennetz, Elektrizitäts- und Wärmekraftwerke und Krankenhäuser zu privatisieren.2

  • Die Erforschung von neuen Medikamenten gehört nicht in die Hände von privaten Unternehmen: Patente auf Medikamente, die im Globalen Süden Leben retten können, bewirken u.U., dass viele Menschen an durchaus günstig herzustellende Medikamente (z.B. aus Kostengründen) nicht herankommen3 – und auch die unterbleibende Entwicklung von neuen Antibiotika ist hier ein deutlicher Hinweis.
    • „[N]ur 0,12 Prozent der kommerziellen weltweiten Forschungs- und Entwicklungsgelder [werden] für Tuberkulose und Malaria ausgegeben. Krankheiten, an denen jedes Jahr 1,7 Millionen Menschen sterben – nur nicht hier“ (Kops 2020, 12).
    • „Impfstoffe gegen Diphtherie, Tetanus und Masern sind von der öffentlichen Hand hergestellt und verteilt worden. Als Jonas Salk, der Erfinder des Polio-Impfstoffes, gefragt wurde, wer das Patent besitze, antwortete er: ‚Alle Menschen. Es gibt kein Patent. Können Sie die Sonne patentieren?‘“ (Trojanow 2020, 12).

  • Allgemein ist es nicht sinnvoll, Ärzte/Krankenhäuser nach quantitativen ärztlichen Leistungen zu bezahlen. Hier hat m.E. der Eid des Hippokrates zu genügen, um eine entsprechende Qualität bei grundsätzlich sehr guter Bezahlung sicherzustellen.

  • Das gleiche gilt für Organspenden: Hier darf m.E. grundsätzlich kein Geld drinstecken, es bedarf vielmehr einer Ethikkommission und maximaler Transparenz. Wenn diese Bedingungen erfüllt sind – und nur dann –, spricht m.E. viel für eine Widerspruchslösung, d.h. jede*r Bürger*in ist – sofern diese*r nicht explizit widersprochen hat – potenzielle*r Spender*in.

  • Leben kann nicht patentierbar sein. Dies schließt Saatgut und Gene mit ein.


Zusammengefasst gilt für die wesentlichen Lebensgrundlagen:

Gemeinwohl statt Privatinteressen und Patentschutz.


Geht nicht – gibt’s nicht.

Wie auch vor Paris müssen wir uns daran erinnern, dass ‚unmöglich‘ keine Tatsache ist, sondern eine Einstellung.4

Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 Stellen Sie sich vor, Trinkwasser würde knapp – wollen Sie dann auf den Goodwill eines Privatunternehmens angewiesen sein? So wie in anderen Gegenden der Welt? (vgl. Doku Bottled Life – Nestlés Geschäfte mit dem Wasser. Film-Doku von Urs Schnell, 2012). Wie beim sog. ‚Wasserkrieg‘ 2000f. in Bolivien, zu dem es kam, nachdem das Wasser Boliviens (!) privatisiert und die Preise verdoppelt wurden? (vgl. Opitz, Florian (2006): Der große Ausverkauf. Film-Doku; vgl. Gouverneur 2020, 5). Im Übrigen ist Trinkwasserknappheit bezogen auf Deutschland definitiv nicht unrealistisch: „Momentan betreiben Landwirte nur auf 3 Prozent der Fläche Bewässerungsanbau, etwa beim Kartoffel- oder Rübenanbau in Niedersachsen. Schätzungen gehen davon aus, dass wir in 20 bis 30 Jahren ein Drittel der landwirtschaftlichen Flächen mit Grundwasser bewässern müssen. Dann werden wir Nutzungskonflikte bekommen, die wir bislang noch nicht kennen“ (Borchardt 2020, 9). „Auf eine Initiative Boliviens hin verabschiedete die UN-Generalversammlung am 28. Juli 2010 eine Resolution, die dem Zugang zu ‚einwandfreiem Trinkwasser und sanitärer Grundversorgung‘ zum Menschenrecht erklärte“ (Gouverneur 2020, 5).

2 vgl. dazu Opitz, Florian (2006): Der große Ausverkauf. Film-Doku. In diesem Film gibt es – neben vielem anderen – eine Szene, die das perfekte Sinnbild dafür ist, warum Privatisierungen in bestimmten Bereichen so gar keine gute Idee sind… Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass jede*r Zuschauer*in exakt wissen wird, welche Szene ich meine… Der Glaubenssatz (vgl. Definition Fußnote S. 227), Privatunternehmen seien innovativer als der Staat, ist nur eine These, deren Beweis aussteht. Wie viel Grundlagenforschung ist eigentlich in der Menschheitsgeschichte durch Privatunternehmen erfolgt? Man beziehe außerdem in die Überlegungen ein, wie viele Erfindungen durch privatwirtschaftliche Interessen schon verhindert oder in den Safe eingeschlossen wurden, um veraltete Geschäftsmodelle zu sichern. Und auch die ‚geplante Obsolenz‘ verhindert vielfach eine optimal-innovative Technik. Es gilt: Ein Privatunternehmen wird nicht notwendigerweise wirtschaftlich-effizienter geführt als z.B. eine Genossenschaft oder eine Anstalt des öffentlichen Rechts.

3 Auch heute fordert AIDS „alljährlich rund 750.000 weitere Opfer – ein Sterben, das in der westlichen Welt weitgehend unbeachtet bleibt, seit dort wirksame Medikamente zur Verfügung stehen“ (Grolle 20209, 103).

(Klimawoche 2020, Min 7)

4 Zitat von der Bewegung M2020 https://mission2020.global/ (Abrufdatum 1.7.2020), deutsch zit. nach Klimaretter 2017. Maja Göpel packt es in andere Worte: „Geht nicht ist häufig eine andere Formulierung für will nicht“ (Klimawoche 2020, Min 7). 


Quellen des Abschnitts Klimakrise als Chance


Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz

Bäume pflanzen/globale Aufforstung

The global tree restoration potential

Um 25 bis 35% könnten die globalen Treibhausgasemissionen reduziert werden, wenn weltweit Waldrodungen gestoppt und zerstörte Wälder wieder aufgeforstet würden (vgl. Gonstalla 2019, 49).

unsplash/Johannes Plenio
unsplash/Johannes Plenio

Bäume sind sehr gute, langjährige CO₂-Speicher. Eine im Juli 2019 veröffentlichte Studie namens The global tree restoration potential (Bastin et al. 2019) zeigt, dass eine globale Pflanzung von Bäumen das 1,5°-Ziel „zweifellos“ erreichbar mache. Mittels Satellitendaten wurde ausgewertet, „wo auf der Erde Platz für neue Bäume wäre und wie viel Kohlendioxid[] diese speichern könnten“ (Dambeck 2019). Die Erde könne „ein Drittel mehr Wälder [aktuell 2,8 Mrd Hektar + Fläche der USA, d.h. 900 Mio Hektar] vertragen, ohne dass Städte oder Agrarflächen beeinträchtigt würden“ (Zeit 2019). Bis zu 60 Jahre dauere es, bis die Wälder herangewachsen wären, dann aber „könnten sie 205 Milliarden Tonnen Kohlenstoff speichern… Das entspricht rund zwei Dritteln der 300 Milliarden Tonnen Kohlenstoff, die der Mensch seit der industriellen Revolution in die Atmosphäre gebracht hat“ (Dambeck 2019). Die Wirkung einer solchen Maßnahme sei viel größer als bislang bekannt gewesen sei. „Umso wichtiger sei es nun, schnell zu handeln … [zumal] sich in einem insgesamt heißeren Erdklima die Fläche [reduziere], die überhaupt für Wald geeignet ist“ (ebd.).

  • Ebenfalls in der Studie wird erwähnt, dass „[d]ie Menschheit … den ursprünglichen Baumbestand der Erde wohl bereits halbiert“ (Charisius 2019a) habe.


Diese Bäume global zu pflanzen und zu pflegen (Aufwand!/praktische Umsetzung!) vermag sicher den Klimaschutz zu befördern, um die Klimaschutzziele etwas leichter zu erreichen – die Dringlichkeit des Handelns und der starken Transformation bleibt auch beim massenhaften Bäume pflanzen angesichts der gigantischen Herausforderung ‚Klimakrise‘ ungebrochen: Zudem ist immer mehr Bäume pflanzen keine Dauerlösung auf diesem begrenzten Planeten, sondern kann allenfalls unterstützend wirken:

  • „Wälder können zwar Kohlendioxid aufnehmen und im Holz binden – aber eben nur in begrenzten Mengen während ihrer bis zu 100 Jahre dauernden Wachstumsphase. Will die Menschheit mit ihrem CO₂-Ausstoß weitermachen wie bisher, dann müsste sie alsbald die zwei-, drei- oder vierfache Fläche der USA freiräumen, um dort Bäume zu pflanzen“ (Charisius 2019b) – freiräumen? Natürlich nicht.

Allgemein hat die Idee m.E. eine größenwahnsinnige Anmutung – und mich würde auch interessieren, inwieweit der positive Effekt wieder durch den (fossilen?) Energieaufwand bei Pflanzung und Pflege geschmälert wird… Trotzdem: Systematisch Wälder zu schützen und viele, viele neue Bäume zu pflanzen ist dennoch definitiv richtig – es ist ein weiteres Puzzleteil auf dem Pfad der ‚großen Transformation‘.

  • Auf NGO-Ebene gibt es selbstredend schon länger umfangreiche Baumpflanz-Projekte. Hier engagiert sich u.a. die globale Nicht-Regierungsorganisation (Non-governmental organization) Plant for the Planet, die von dem seinerzeit 9-jährigen Felix Finkbeiner (*1997) gegründet wurde, unter der Schirmherrschaft von Fürst Albert von Monaco und Klaus Töpfer.

>> Hier gibt es Diskussionen um die Zahl der gepflanzten Bäume – und das Ziel 1.000 Milliarden Bäume liegt offensichtlich in weiter Ferne, im September 2020 erfolgt der berechtigte Hinweis, dass Gruner & Jahr nicht der ideale Sponsor ist (vgl. klimaluegen-Detektor 2020) – aber festzuhalten bleibt: Der Plant for the Planet-Ansatz ist Teil der Lösung, zumal es nicht nur um pure Bäumepflanzen geht, sondern eben auch um Umweltpädagogik und globales soziales Engagement.

  • Graeme Maxton weist zu Recht darauf hin, dass das Pflanzen von Bäumen ausschließlich CO2 und keine anderen Treibhausgase bindet (vgl. 2020, 49).
  • Und das Prinzip „Baum rein und alles ist gut“ ist natürlich zu simpel gedacht, symbolisch dafür mag dieses Zitat von Christian Ammer, Forstwissenschaftler an der Universität Göttingen, stehen:
    • Wenn man dagegen einen Trockenrasen mit seltenen Blütenpflanzen [durch Waldpflanzung] aufforstet, dann erhöht man unter Umständen zwar den Kohlenstoffspeicher“, sagt Ammer, „aber man vernichtet gleichzeitig einen Lebensraum für viele seltene Arten“ (zit. in Laskus 2020).
  • Auf einen anderen Umstand in diesem Zusammenhang weist Maike Rademaker hin:
    • Massive Aufforstung mit „Buchen, Eichen und andere[n] Laubbäumen“ (2020,12) bedeutet massive „Wildschadensverhütung“ zur Vermeidung von Verbiss – mit anderen Worten: „Wer einen klimastabilen Mischwald will, muss den Bestand an Schalenwild – vor allem Reh- und Rotwild – in vielen Regionen Deutschlands drastisch verringern. Und das heißt nicht nur, aber vor allem: sehr viel mehr Jagd (ebd.)1. Und das bedeutet u.a., dass „[d]ie jahrelang zusammengesparten Forstämter … besser ausgestattet werden [müssen]“ (ebd.).

>> vgl. Aspekt Waldsterben 2.0/‚Förstersterben‘, S. 131f.

>> zum Thema Bejagung/Verbiss/Wiederbewaldung siehe ausführlich Reidt, Lutz (2020): „Rolle der Jagd: Wie Deutschlands Wäldern zu helfen wäre“. in: Deutschlandfunk, 4.7.2020, online unter https://www.deutschlandfunk.de/rolle-der-jagd-wie-deutschlands-waeldern-zu-helfen-waere.724.de.html?dram:article_id=479920 (Abrufdatum 1.9.2020)

Details: Erläuterungen zu (1)

Entsprechendes sieht auch der Gesetzesentwurf der im September 2020 zur Verabschiedung vorgesehenen Novelle des Bundes Jagdgesetzes vor (vgl. Krumenacker 2020). 


Die Grüne Mauer im Sahel | The Great Green Wall | The Great Green Wall for the Sahara and the Sahel Initiative (GGWSSI)

  • ist ein 2007 von der Afrikanischen Union (AU) begonnenes Projekt, dass ein mindestens 15 km breites und etwa 8.000 km langes Band quer durch Afrika unterhalb der Sahara in der Sahelzone etwa auf den Breitengraden vom Senegal, von Mali, Niger, Tschad, Sudan und Eritrea vorsieht. Etwa 15% des Projektes sind laut Projektkoordinator Elvis Paul Tangem (Stand 2017) umgesetzt. Inzwischen ist man davon abgekommen, dass dieser Baumwall unbedingt durchgehend zu sein habe – dieses Bild einer mächtigen Grünen Mauer habe in erster Linie Symbolkraft: „Für den Agrarexperten [Chris] Reij geht es … weniger darum, massenhaft Bäume zu pflanzen, als vielmehr [pragmatisch von den örtlichen Gegebenheiten auszugehen, die Menschen einzubeziehen und in diesem Sinne] viele kleine, in den Dorfgemeinschaften verwurzelte Projekte zu unterstützen und existierende Baumbestände zu erhalten… [D]ie Verantwortlichen sprechen mittlerweile lieber von einem Mosaik als von einer Mauer. Außerdem geht die Initiative nun über die Sahelzone hinaus, insgesamt 21 afrikanische Staaten beteiligen sich“ (Goergen 2017). Klar ist auch, dass es hier um weit mehr geht, als um Bäume pflanzen.

„Never doubt that a small group of thoughtful, committed citizens can change the world;
indeed, it’s the only thing that ever has.“


Margaret Mead (1901-1978), US-Wissenschaftlerin (vgl. Quoteinvestigator 2017)

The Great Green Wall, Trailer, https://youtu.be/gCl05qDDacc (Abrufdatum 25.9.2020)

>> Im Herbst 2020 erscheint die Kino-Doku The Great Green Wall, in dem die feministische Musikerin Inna Modja die Sahelzone von West- nach Ostafrika bereist und den Status quo beleuchtet, s.a. https://youtu.be/gCl05qDDacc (Abrufdatum 25.9.2020)


Das Lebensprojekt des Yacouba Sawadogo

  • Mitten in der Sahelzone, im unwirtlichen Norden von Burkina Faso ist es einem einzelnen Menschen in dreißig Jahren harter körperlicher Arbeit – lange Jahre vollkommen allein – entgegen aller Widerstände (auch seiner Mitmenschen) gelungen, was westliche ‚Entwicklungshelfer‘ vergeblich versuchten: Yacouba Sawadogo hat einen Wald geschaffen, „30 Hektar ehemals totes Land, 42 Fußballfelder, auf denen 60 verschiedene Bäume [sic! Baumarten] und Sträucher [und Getreide] wachsen, die größte Artenvielfalt in diesem Teil der Sahelzone“ (Jeska 2012) („Vor 20 Jahren stand hier nur ein Baum!“, ebd.). 2018 wurde Sawadogo Yacouba mit dem sog. alternativen Nobelpreis, dem ‚Right Livelihood Award‘ ausgezeichnet (vgl. Grefe 2018).

Wenn ein einzelner Mensch vermag, im Sahel einen 42 Fußballfelder umfassenden Wald zu schaffen – dann zeigt das, was eigentlich alles möglich wäre – und es ist m.E. sehr frustrierend, dass es so oft bei solchen ‚Mutmachergeschichten‘ bleibt – weil immer angeblich alles nicht geht. Machen statt reden. 

In diesem Fall allerdings hat Yacouba Sawadogo inzwischen zahlreiche Nachahmer*innen gefunden (vgl. Grefe 2018) – andererseits wurde dem Projekt der eigene Erfolg zum Verhängnis: Dort, wo Wald und Felder entstanden waren und das lokale Klima wieder angenehm war, baute die Regierung: Häuser. Sawadogo „tat das, was er immer getan hat, wenn das Leben sich ihm entgegenstellte: Er fing wieder von vorne an. Wanderte mit seiner Hacke ein Stück weiter: dorthin, wo niemand war und wo niemand sein wollte, hackte neue Löcher“ (Jeska 2012).


Moore erhalten bzw. renaturieren

Moore = lediglich 3% der globalen Landfläche.

  • „[A]ber sie speichern doppelt so viel Kohlenstoff wie die Biomasse aller Wälder zusammengenommen“ (Succow 2019, 111).

Auch Sven Titz weist darauf hin, dass intakte Moore große Mengen an CO₂e binden:

  • „Die dort wachsende Biomasse wird nach dem Absterben nämlich kaum zersetzt, sondern lagert sich in Form von Torf ab. Moore besitzen dadurch die Fähigkeit, Kohlenstoff aufzunehmen und dauerhaft zu speichern – sie sind ‚Kohlenstoffsenken‘. Legt der Mensch das Moor trocken, kehrt sich der Prozess um: Die einstigen Feuchtgebiete setzen dann grosse Mengen an Treibhausgasen frei – vor allem Kohlendioxid, Methan und Lachgas.“ – „Wie gross das Problem ist, verdeutlicht jetzt eine Studie von Jens Leifeld [et al.] am Forschungsinstitut Agroscope in Zürich … Laut [deren] Rechnung könnten die Trockenlegungen in den Tropen ein bis vier Zehntel des Kohlenstoffbudgets aufbrauchen, das zur Einhaltung der Zwei-Grad-Grenze benötigt wird“ (2019).
  • 5% der Moore in Deutschland sind noch intakt (vgl. Succow 2019, 111.).
  • „5% Deutschlands waren ursprünglich mit Mooren bedeckt – eine Fläche so groß wie Sachsen… Die meisten Moore wurden trockengelegt. Heute sind nur noch 0,1% mit nassen Mooren bedeckt – eine Fläche so groß wie Bremen“ (Fedrich 2020, 64-65).


Der Biologe (und 1990 kurzzeitig als stellvertretender Umweltminister der DDR fungierende) Michael Succow:

  • „Große Flächen in Deutschland werden [derzeit] revitalisiert. Mecklenburg-Vorpommern ist dabei ein Vorbild. In dem Bundesland sind schon über 20.000 Hektar Moore wieder vernässt worden. Ein Problem ist aber die Überdüngung der umliegenden Äcker. Das Grundwasser, das die Moore speist, ist hoch mit Nitrat und anderen Stoffen belastet. Das fördert eine andere Pflanzenwelt, vor allem dichte Schilfbestände. Die für Moore typische moosreiche Vegetation hat keine Chance. Es wird Jahrzehnte oder teils Jahrhunderte dauern, bis Moore wieder ihre einstige Pflanzendecke mit starker Torfbildung haben“ (ebd.).

>> Erläuterung: Sahel = arabisch ‚As sahil‘ = ‚Ufer der Wüste‘ (Jeska 2012)


Quellen des Abschnitts Bäume pflanzen/globale Aufforstung/Moore erhalten bzw. renaturieren



Subventionen abbauen

Das Thema ‚Subventionen‘ läuft auch im 21. Jahrhundert immer noch und weiterhin in die falsche Richtung. So stellt der Internationale Währungsfonds (IWF) 2015 heraus, das die Höhe der Subventionen für fossile Energieträger bei 5,3 Billionen Dollar liegt. Diese Summe wurde

  • „von Regierungen weltweit … dafür ausgegeben, die Preise für Kohle, Öl und Gas künstlich niedrig zu halten… Die IWF-Experten halten die Höhe der Subventionen für ‚schockierend‘, denn sie machen rund 6,5 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts aus. Damit werde für die Preisstützung von Kohle, Öl und Gas weltweit mehr Geld ausgegeben als für den Gesundheitssektor“ (Wetzel 2015).

Diese Summe enthält neben den direkten Subventionen, die 2015 bei 333 Milliarden Dollar1 lagen, die „‚wahren Kosten‘, die durch ihre Förderung, die Verteilung und den Verbrauch von Kohle, Gas und Öl entstehen. Das schließt auch Umwelt-, Gesundheitsschäden und die Klimaerwärmung mit ein“ (ebd.).

  • „Klimaökonom Lord Nicolas Stern von der Londoner School of Economics zeigt sich erfreut über das IWF-Papier: ‚Diese sehr wichtige Analyse zerstört den Mythos, dass fossile Brennstoffe billig sind, es zeigt wie riesig die tatsächlichen Kosten sind. Es gibt keine Rechtfertigung für diese enormen Subventionen‘, so Stern im Guardian. Er schätzt allerdings, dass die Vollkosten durch den Klimawandel und damit die Subventionen der fossilen Energieträger noch ‚viel größer sind als dieser Bericht aufzeigt‘“ (DW 2015).
Details: Erläuterungen zu (1)

Auch 2017 liegen diese Kosten knapp unter 300 Mrd Dollar, vgl. IEA 2018, 112. 

Naomi Klein kommt auf andere, aber nicht weniger erschreckende Zahlen:

  • „Nicht nur erhält die Fossilindustrie jährlich Subventionen in der Höhe von 775 Milliarden bis eine Billion US-Dollar, sondern sie dürfen auch noch unsere gemeinsame Atmosphäre als kostenlose Mülldeponie nutzen – ein Sachverhalt, den der Stern Report (Stern Review on the Economics of Climate Change) als ‚das größte Marktversagen, dass die Welt je erlebt hat‘, bezeichnet“ (Klein 2015, 92).

>> vgl. Abschnitt Forschungs-Historie Klimawandel, Aspekt Stern-Report, S. 161


Das bedeutet, dass trotz der Klimakrise nach wie vor ungebremst unvorstellbare Summen an Geldern in die falsche Richtung fließen. Sie stützen die größten Industriebranchen der Welt, die ohnehin bislang viel zu erfolgreich für ein Weiterbestehen ihres die Menschheit gefährdenden Geschäftsmodells kämpfen.


Die FDP fordert – gerade auch angesichts der Klimakrise – freie Märkte, faire Wettbewerbsbedingungen und Technologieoffenheit. Soll doch die ‚unsichtbare Hand1‘ entscheiden, welche Produkte und Technologien sich durchsetzen. Wunderbar. Machen wir. Streichen wir die Subventionen aller Marktteilnehmer, führen das Verursacherprinzip ein – dann haben wir den freien Markt. Dann kosten die Dinge, was sie tatsächlich kosten. Solarstrom ist schon jetzt, unter den derzeitigen Bedingungen, günstiger als fossiler Strom.

Details: Erläuterungen zu (1) 'unsichtbare Hand'

Auch von Adam Smiths ‚magischer‘ unsichtbarer Hand aus dem Munde von sich selbst als rational bezeichnenden Menschen mag ich nichts mehr hören. Aber, um im Bild zu bleiben gibt es diese magische Hand vielleicht doch: Die unsichtbare Hand greift sowohl in Deutschland als auch global den Armen in die Tasche und steckt es den ohnehin schon Reichen zu. Spannend ist hier der Hinweis von Maja Göpel, dass das „zweite große Werk [von Adam Smith] ‚Die Theorie der ethischen Gefühle‘ heißt, in dem er die Fähigkeit zum Mitgefühl als Wesenszug des Menschen beschreibt… [und Smith] klar für regulierende Gesetze eintrat, also mitnichten davon ausging, der Markt werde schon alles von allein regeln“ (2020, 64). 

In die falsche Richtung investierte Gelder sind mehr als nicht in die richtige Richtung eingesetztes Geld.

Die Schäden, die diese Subventionen verursachen, müssen nachfolgend ebenfalls und zusätzlich bezahlt werden: Wenn man an einer Wegkreuzung falsch abbiegt, muss man erst wieder den Fußweg zurückgehen, um dann die andere Wegstrecke zu nehmen. (Falscher Fußweg und Rückweg zum Ausgangspunkt summieren sich auf.) So ist das hier auch. Das bedeutet, dass Klimaschutz noch teurer wird als ohnehin schon.

Mehr noch: Mit jedem Tag werden durch Beibehaltung dieser Route eine Reihe von Fakten geschaffen, die nicht oder nur schwer reversibel sind.


Ein ‚Weiter so‘ ist mehr als ein ‚Weiter so‘:

Mit jedem gebauten LNG-Terminal, jeder Flughafenerweiterung, jeder genehmigten Kohlemine, jedem Bauplan für ein Kohlekraftwerk werden Fakten geschaffen, Klagegründe gegeben, Entschädigungsforderungen heraufbeschworen, Ressourcen verbraucht, Ingenieursleistungen gebunden, Forschungsressourcen in die falsche Richtung gelenkt, Arbeitsstunden verbraucht, Menschen in rückwärts-gewandten Berufen ausgebildet und letztlich Zeit und Geld verbrannt, das nicht mehr für Klimainvestitionen zur Verfügung steht und für den Rückbau, die Schadensbeseitigung, Entschädigungs-Kompensation, Weiterbildung bzw. Zweitstudium benötigt wird. Noch wichtiger als der Faktor Geld/Ressourcen ist die knappste und derzeit wertvollste Ressource überhaupt: Zeit.

Wir haben also die bizarre Situation, dass das ‚Klimapaket‘ verabschiedet wurde, aber (gemäß meinen Recherchen) per Klimapaket keine Reduktionen bei Subventionen von fossilen Energien und sonstigen klimaschädigenden Unternehmungen1 vorgesehen sind. Damit ist das ‚Klimapaket‘ ein add-on und tilgt zu einem kleinen Teil die Schädigungen, die durch die klimaschädlichen Subventionen verursacht wurden: Der Staat stellt Geld für die Ermöglichung von Schäden, um sie anschließend selbst zu bezahlen.2

  • Gleiches gilt für die Post-Covid-19-Kaufprämie für E-Autos (und plug in-Hybride). Dies ist zusätzlich vom Staat investiertes Geld – die Abschaffung des Dieselprivilegs hätte eine ähnliche (und längerfristigere) Wirkung, wäre aber nicht mit Mehrausgaben bzw. dem Bezahlen von Schäden verbunden gewesen. Es fehlt die Einsicht, die erforderlichen Maßnahmen einzuleiten – und die Deutschen zahlen den fehlenden Mut ihrer Regierung mit Steuergeld.
Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Mit einer Ausnahme: Am 21.12.2018 wurde in Deutschland die letzte Steinkohle-Zeche geschlossen, womit diese Subventionen in der Höhe von jährlich 1,732 Mio Euro ablaufen (von 57,079 Mio Euro) (vgl. UBA 2016).

2 Ein konkretes Beispiel: „RWE verdient nach eigenen Angaben bei der Braunkohleverstromung drei Cent pro Kilowattstunde. Die Gesundheits- und Umweltschäden durch die gleiche Menge Braunkohlestrom schätzt das Umweltbundesamt auf 19 Cent pro Kilowattstunde“ (Stöcker 2019). Das bedeutet: Die Allgemeinheit bezahlt – neben der Stromrechnung – mit ihrer Gesundheit und letztlich weitere 19 Cent pro Kilowattstunde, damit RWE 3 Cent pro Kilowattstunde verdienen kann. 

Wenn man das Thema ‚indirekte Subventionen‘ noch ein wenig weiter fasst, also den Verzicht auf Internalisierung von externalisierten Kosten – den Umweltschäden – mit einbezieht und dann diese Schäden, die die kommenden Generationen massiv betreffen werden, mit einrechnet und die vom UBA veranschlagten Kosten pro Tonne an CO2-Emissionen (180 Euro/t bei einer Abzinsung künftiger Schäden mit 1% pro Jahr | 640 Euro/t ohne Abzinsung1), kommen wir für die 2019 ausgestoßenen 813 Mio t CO₂e (vgl. S. 76) auf Geldsummen2, die kaum noch Sinn machen: Dann subventioniert Deutschland seine klimaschädlichen Wirtschaftsunternehmen nochmals und zusätzlich mit etwa 155 Mrd. Euro/Jahr bzw. ca. 549 Mrd. Euro/Jahr. Abzuziehen sind davon die Belastungen von Unternehmer*innen und Verbraucher*innen durch den Europäischen Zertifikatehandel (EU ETS) in der Höhe von knapp 10 Mrd Euro3. Abzuziehen sind auf Basis des nunmehr nachgebesserten ‚Klimapakets‘ ab 2021 weitere ca. 11,8 Mrd Euro.4

Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 Das UBA benennt die Klimakosten wie folgt: 1% reine Zeitpräferenzrate (zentraler Kostensatz) = 180 Euro/t CO2 und 0% reine Zeitpräferenzrate (für Sensitivitätsanalysen) = 540 Euro/t CO2 (vgl. UBA 2019); vereinfacht ausgedrückt: Mittels einer Abzinsung berechnet man den Wert einer zukünftigen Zahlung bzw. Schadens.

2 2018 = 858,4 Mio t CO2e x180 bzw. x640 (vgl. UBA 2020)

3 45% von 858,4 Mio t CO2e = 386,28 x25 Euro = 9,7 Mrd Euro (Rund 45% der EU-Treibhausgasemissionen werden durch den Emissionshandel (EU Emissions Trading System (EU ETS) abgedeckt, vgl. EC 2015). Der Kurs der ‚CO2 European Emission Allowances’ schwankt in den letzten Monaten um die 23 bis 26 Euro, vgl. https://www.boerse-online.de/rohstoffe/co2-emissionsrechte (Abrufdatum 28.5.2020)

4 55% von 858,4 Mio t CO2e = 472,12 x25 Euro = 11,8 Mrd Euro 

Fazit: Ungeheure Mengen von Subventionen fließen derzeit ungebremst in umweltschädliche Produkte, Unternehmen und Projekte. Diese haben unverzüglich abgebaut zu werden. Sofern es künftig noch Subventionen geben soll, haben diese unmittelbar mit einem CO2– und Nachhaltigkeitsvorbehalt gekoppelt zu sein: Es besteht keinerlei Bedarf an konservativ-bewahrenden, sondern ausschließlich an progressiv-innovativen Subventionsvorhaben.


Eine Umkehr dieses Trends ist derzeit nicht abzusehen.

>> vgl. Aspekt Divestment, S. 480, im Abschnitt Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz.


Quellen des Abschnitts Subventionen abbauen


„Wie ein Wasserpegel heben Standards alle Boote.“ (Kopatz 2016, 373)

Standards setzen, um Wirtschaft und Gesellschaft ökologisch zu entwickeln

Michael Kopatz hat sich in seinem Buch Ökoroutine – Damit wir tun, was wir für richtig halten des Themas ‚Regulieren durch Standards setzen‘ angenommen:

Mit dem Begriff ‚Ökoroutine‘ ist gemeint, dass Öko zur Routine, d.h. zur Regel, zur Regel für Alle wird.

  • Für Bürger*innen in Form von Leitplanken, Ordnungsrecht etc.
  • Für Unternehmen z.B. in Form von Industriestandards

>> vgl. auch Aspekt Verbote – na klar. Was denn sonst?, S. 238f.

Vielversprechend erscheint m.E. insbesondere folgender Aspekt zu sein:

Kopatz‘ Ansatz geht von der Beobachtung bzw. Erfahrung aus, dass viele Bürger*innen einerseits durchaus Handlungsbedarf sehen und sich andererseits dennoch nicht umweltkonformer verhalten wollen, weil es ‚der Nachbar‘ auch nicht tut (vgl. S. 170 u. 377).

Ähnliches gilt für Unternehmer*innen, die ihr Unternehmen gerne auf ‚nachhaltigere Pfeiler‘ stellen würden, aber angesichts der möglicherweise nicht mitziehenden Konkurrenz doch davor zurück-schrecken.

Kopatz stellt fest:

  • Verhältnisse ändern, statt [mühsam, wenn nicht vergeblich] Verhalten“ (Kopatz 2019, 67) von Unternehmer*innen und Bürger*innen.
  • „Wenn nicht das persönliche Verhalten zur Disposition steht, sondern die Rahmenbedingungen insgesamt, sind Menschen durchaus vernünftig“ (Kopatz 2019, 67).
  • „Statt mit moralischen Appellen von den Konsumenten das ‚richtige‘ Verhalten einzufordern ist es viel effektiver, die Produktion zu verbessern“ (Kopatz 2019, 15).


Kopatz bringt die Grundlage seiner ‚Ökoroutine‘ auf die kürzest mögliche Formel:

  • „I will, if you will“ (Kopatz 2020).


Anders gefasst: „Verhältnisse ändern Verhalten“ (Kopatz 2019, 57).


Das geht konkret so:

  • Man setzt Standards, die dann mit Übergangsfristen schrittweise angehoben werden. So vermeidet man Wettbewerbsnachteile, plötzliche Preissprünge und Abstrafungen durch Wähler*innen.
  • „Neben steigenden Standards braucht es Limits und Obergrenzen, beispielsweise für den Flugverkehr“ (Kopatz 2019, 15).

Letztlich ist die Idee nicht neu und langjährig erprobt:

  • Steigende Standards gibt es schon längst und seit Jahrzehnten in vielen Bereichen; sie sind eine feste Größe beim Regulieren von Industriebranchen und zum Schaffen gerechter Wettbewerbsbedingungen.
  • Das vielleicht augenfälligste Beispiel kennen wir alle mit den regelmäßig erfolgenden und in diesem Sinne verlässlichen, Planungssicherheit gebenden Erhöhungen von Umweltstandards – bspw. in Form von Abgasnormen (‚Euro-Normen‘) bei Autos wird dies bereits seit spätestens Anfang der 1990er Jahre betrieben.


Neu ist hingegen die Idee, dieses bewährte Prinzip systematisch und umfassend zur Lösung der Klima- und Umweltherausforderungen zu machen – Kopatz geht es um systematische Implementierung solcher Standarderhöhungen in allen Bereichen mit dem Ziel, klimagerechte Umweltnormen zu etablieren.


Industrie/Wirtschaft:

Bewährt hat sich das Ganze z.B. bei Effizienzstandards ist der Bauwirtschaft:

  • „Die Entscheidung der EU-Staaten, auf ständig steigenden Effizienzstandards für die Bauwirtschaft zu setzen, zeigt exemplarisch, wie sich Ökoroutine mit europäischer und nationaler Rahmen-setzung systematisch ins Werk setzen lässt. Die hohen Standards sind nicht nur ein Beitrag zur Bekämpfung der Erderwärmung und begrenzen künftigen Energieverbrauch. Sie entlasten den einzelnen Bürger auch von der moralischen Abwägung zwischen Klimaschutz und Küchendesign. … Klimapolitisch ambitionierte Bürgermeister und Stadtplaner müssen fortan nicht mehr darum bangen, dass das geplante Neubaugebiet nicht angenommen wird, weil die energetischen An-forderungen zu hoch sind, denn auch die Baugebiete der Nachbargemeinde sind gleichermaßen zum Klimaschutz verpflichtet“ (Kopatz 2016, 118-119).


Derweil gilt die Agrarindustrie gemeinhin als nur schwer reformierbar; Kopatz sieht hier weniger Probleme:

  • Die Reaktion von Landwirt*innen auf die Forderung nach ‚höheren Standards‘ lautet gemäß Kopatz regelmäßig so:
    • „Also, wenn sich auch die Holländer, die Franzosen und Spanier an die höheren Standards halten müssen, dann habe ich damit kein Problem“ (2019, 148).
  • „[D]ie Agrarwende [ist] so einfach auf den Weg zu bringen, dass man sich verwundert die Augen reibt… Das Regelwerk ist bereits vorhanden… Ein Fahrplan für die Agrarwende müsste nur noch vorgeben, in welchem Ausmaß und Zeitraum der Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln und Dünger zu reduzieren ist. Das kann eine großzügige Zeitspanne sein, etwa bis zum Jahr 2030“ (2016, 92).
    Prima, dass das Regelwerk bereits vorhanden ist. Doch können großzügige Übergangszeiten m.E. im Widerspruch zu Kopatz‘ Ausführungen nur und ausschließlich dort gewährt werden, wo – auch aufgrund jahrelangen Verschleppens – keine ‚Gefahr im Verzug‘ vorliegt. Dies erscheint mir
    • bei Glyphosat und/oder massiv Bienen- bzw. Insekten-schädigende Stoffen und
    • beim Tierwohl und allgemeiner
    • beim Thema Rinder-Massentierhaltung (Methan) und Stickstoffdüngung/Lachgas/Trinkwasser
      der Fall zu sein. Hier bedarf es einer schnellen, m.E. sofortigen Abhilfe, die sich jedoch nicht in vereinzelten Sofortmaßnahmen erschöpfen kann, sondern in eine ebenso schnelle wie umfassende (europaweite) Agrarreform zu münden hat.

>> vgl. Abschnitte Fleisch, Fisch & Ernährung, S. 549 und Landwirtschaft S. 567ff.


Konsument*innen:

  • Sinnbildlich gilt: Wenn der Nachbar keinen SUV kaufen kann, brauche ich auch keinen.

    Mehr noch: Uns Verbraucher*innen können solche Standards manchmal sogar massiv entlasten. Hierzu spielt Kopatz auf die EU-Ökodesignrichtlinie an, welche dafür sorgt, dass die Leerlaufverluste z.B. von Unterhaltungselektronik, die zuvor „nicht selten Leerlaufverluste von 40 Watt und mehr“ (2016, 146) aufwiesen nunmehr bei länger ausgeschalteten Geräten auf unter ein halbes Watt normiert seien (vgl. Schulz 2019) – sodass die Bürger*innen sich darum keinen Kopf mehr machen müssten (vgl. Kopatz 2016, 146).


Kopatz merkt hier zu Recht an, dass das ein großer Vorteil von Standards ist. Aber die Krux ist, das Standards lückenlos zu sein haben – sonst läuft es wie bei den Motorrollern, die in den 2000er Jahren mit zwei Vorderrädern auf den Markt kamen und aufgrund einer entsprechenden Gesetzeslücke ohne eigenständigen Führerschein mit einem Standard-Autoführerschein benutzt werden durften.1 (Die Lücke wurde 2013 geschlossen, vgl. Wille 2018).

Details: Erläuterungen zu (1)

„Mit einer Spurbreite von mehr als 46 Zentimeter galt ein Dreirad-Scooter als Zwei- und nicht als Einspurfahrzeug, daher Autoführerschein“ (Wille 2018). 

Auch die Ökodesignrichtlinie, die hinsichtlich des Leerlauf-Stromverbrauchs sicher einen großen Schritt nach vorn bedeutet, ist keineswegs lückenlos. So lautet auch im Jahre 2019 die Empfehlung von Utopia:

  • „Auch für Computer oder Zubehör gibt es eine EU-Verordnung, die alle Hersteller dazu zwingt, den Stromverbrauch bei abgeschalteten Geräten auf ein halbes Watt zu reduzieren. Oft tricksen Hersteller aber und führen einen eigenen Ruhemodus ein. Einige Geräte haben dagegen gar keinen ‚Aus‘-Schalter. Da hilft dann die beste Verordnung nichts. Kaufe also nichts, was nicht auch einen echten ‚Aus‘-Schalter hat“ (Schulz 2019).

Dabei liegt die Lösung so nahe: Jedes elektrische Gerät hat unabhängig von irgendwelchen Spar-Modi einen mechanischen An-Ausschalter aufzuweisen. Eine Zeile Gesetzestext. Wenige Dinge sind leichter zu regulieren.

Und in Kombination bzw. Ergänzung mit einer EU-CO2-Grenzsteuer (vgl. S. 209) wäre die Einführung bzw. der ökologisch orientierte Zuschnitt von Zöllen möglich:

  • „Für Textilien fallen in Europa zum Beispiel zwölf Prozent des Warenwerts an Zollgebühren an, für Lederschuhe acht Prozent. Die EU unterscheidet also nach der Warenart und nutzt ganz selbstverständlich den immensen Steuerungsspielraum, den Zölle bieten. … Es wäre also auch denkbar, den Import von menschenfreundlich hergestellter Kleidung vom Zoll zu befreien und konventionelle Produkte deutlich höher als bisher zu verzollen. Ein ähnliches Vorgehen wäre auch in Hinblick auf Elektronikprodukte möglich: Hersteller von Produkten wie dem Fairphone, die sich nach-weislich um faire Produktionsbedingungen auch im Bergbau bemühen, könnten ihre Ware günstiger einführen“ (ebd., 174-175).

Kopatz‘ Fazit:

  • Der Einzelne ist mit der Bewältigung von derart komplexen Problemlagen wie etwa dem Klimawandel überfordert … Der verschwenderische Umgang mit Ressourcen ist und bleibt Routine in unserer Kultur. Doch Routinen können sich ändern. Ökoroutine nimmt das hohe Umweltbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger ernst und möchte auf dieser Basis Standards verbessern, Limits festlegen und Anreize schaffen“ (2016, 346-347): „Ökoroutine verändert die Verhältnisse so, dass sich nachhaltiger Konsum verselbstständigt“ (ebd., 356).

Und:

  • „Viele Gründe sprechen für die Fortführung und Ausweitung der Ökosteuer.
    • Zu beschließen ist sie jedoch nur schwer.
    • Einfacher ist das bei Limits … und Standards, denn sie machen sich nicht unmittelbar in der Geldbörse bemerkbar und lassen [sich] weniger leicht als unsozial abtun“ (ebd., 372).

Umweltschädigendes Verhalten ist in diesem Gedankengebäude

  • i.d.R. innerhalb von festgelegten Limits weiterhin prinzipiell möglich,
  • aber unbequem und
  • vom Verursachenden zu bezahlen.

Der Ansatz der Ökoroutine bedeutet eine gesellschaftlich-wirtschaftliche Umkehr der Verhältnisse, die i.d.R. die Menschen mit dem höchsten CO2-Fußabdruck am meisten betrifft, also die Vermögenden (vgl. S. 254).

Dabei ist wichtig, dass sich Vermögende nicht beliebig heraus kaufen können.

>> vgl. Aspekt Deckelung von Flugkilometern, S. 286


Die von Michael Kopatz selbst so bezeichnete ‚unbequeme Wahrheit‘ lautet:

„Nur Limits beenden den Exzess“ (2019, 95).

Michael Kopatz‘ Ansatz ist m.E. eine der vielversprechendsten Reformideen, die wir haben – wäre da nicht der Faktor Zeit. Und das Zeitfenster ist seit Veröffentlichung der Ökoroutine im Jahre 2016 nach meiner Einschätzung angesichts der immer dringlicheren Nachrichten der Klimatolog*innen wesentlich kleiner geworden.

Der Ansatz ‚Ökoroutine‘ kratzt übrigens m.E. deutlicher am Wachstumsdogma, als man zunächst annehmen könnte:

  • Allein die Deckelung des Infrastrukturausbaus sowie die Finanzmarktregulierungen würden hier für entscheidende Veränderungen sorgen.

Quellen des Abschnitts Standards setzen, um Wirtschaft und Gesellschaft ökologisch zu entwickeln
  • Klein, Naomi (2015): Kapitalismus vs. Klima. Die Entscheidung. Frankfurt a.M.: S. Fischer.
  • Kopatz, Michael (2016): Ökoroutine. Damit wir tun, was wir für richtig halten. München: oekom Verlag.
  • Kopatz, Michael (2019): Schluss mit der Ökomoral. Wie wir die Welt retten, ohne ständig daran zu denken. oekom.
  • Kopatz, Michael (2020): [Rede beim Ersten Hamburger Klimagipfel]. 20.1.2020.
  • Schulz, Sven Christian (2019): „Der schlimmste Stromschlucker heißt Standby: 12 fiese Fakten“. in: uptopia. de, 29.3.2019, online unter https://utopia.de/ratgeber/standby-die-wichtigsten-fakten/ (Abrufdatum 4.9.2020)
  • Wille, Walter (2018): „Tech-Talk: Drei and Error“. in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.1.2018, online unter https://www.faz.net/aktuell/technik-motor/wer-darf-dreiraedrige-motorroller-fahren-15379348.html (Abrufdatum 4.9.2020) 


Divestment: Kapitalabzug aus fossilen Unternehmen

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1d/Stop_subsidies_on_fossil_fuels_icon_2.png
Stop subsidies on fossil fuels icon | public domain

Die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft ist unabdingbar. Und obgleich viele Staaten zumindest ansatzweise Reformen einleiten, um sich vom Öl loszueisen, agierten die Player der Finanzmärkte in den 2010er Jahren, als gäbe es kein Morgen, sondern nur Quartalsberichte.

  • Seit der Unterzeichnung des Pariser Abkommens haben Greenpeace zufolge
    „24 [beim 2020er Weltwirtschaftsforum] in Davos anwesende Banken … immer noch unglaublich viel Geld in fossile Brennstoffe investier[t]: 1,4 Billionen Dollar“ (Brinkmann 2020).

Vor diesem Hintergrund erhält, seit etwa 2010, eine im universitären Bereich der USA namentlich am Swarthmore College in Pennsylvania entstandene Bewegung mehr und mehr Zulauf und Einfluss (vgl. Stewart 2014).

Grundidee ist, dass diejenigen großen Unternehmen, deren kapitalintensives Geschäftsmodell auf fossilen Energien beruht, auf das Kapital ihrer Kapitalgeber*innen angewiesen sind; der Entzug dieses für das Geschäft notwendig verlässlich zuströmenden Kapitals würde das Ende des bisherigen Geschäftsmodells bedeuten.

Und selbst wenn der Kapitalentzug nur teilweise gelingt, brandmarkt der weltweit erkennbare Wille vieler Großanleger*innen die fossilen Unternehmen, für die das mindestens eine moralische Katastrophe bedeutet.

Es geht um eine Art Delegitimierungsprozess. Und Divestment bedeutet mehr als nur Geld abziehen, denn das Geld wird ja woanders und zwar – so die Idee – nachhaltiger investiert.

  • „Die Church of England steht an der Spitze einer erstaunlichen globalen Bewegung: Immer mehr Anlageprofis drängen Konzerne dazu, umweltpolitische und soziale Aspekte in ihren Geschäftsmodellen zu berücksichtigen und die Standesregeln guter Unternehmensführung einzuhalten. Das Schlagwort lautet ESG Investing. Das Akronym steht für Environmental, Social und Governance“ (Bartz 2019, 62-63).
  • „Den vielleicht größten Hebel, um Druck auf Klimamuffel auszuüben, hat die Church of England über die Initiative ‚Climate Action 100+‘ (CA100+), ein Zusammenschluss von über 340 Investoren, die gemeinsam mehr als 33 Billionen Dollar verwalten. Gemeinsam mit der niederländischen Fondsgesellschaft Robeco steuern die Briten die Initiative. Ihr Augenmerk gilt den weltweit größten Dreckschleudern, jenen 100 Konzernen, die zwei Drittel aller Treibhausemissionen ausstoßen… ‚Ab 2023 wird deinvestiert‘, sagt Adam Matthews, der den Pensionsfonds der Church of England leitet, einen weiteren Fonds der Klerikalen mit etwa zwei Milliarden Pfund“ (Bartz 2019, 63).

Und das ist in der Tat ein äußerst mächtiger Hebel, wie auch die Kampagne Fossil Free der Klimaschutzorganisation 350.org zeigt, die u.a. von Barack Obama, Prince Charles und vom Friedensnobelpreisträger Al Gore unterstützt wird: Mittlerweile ziehen sich diverse Pensionsfonds, Stiftungen sowie das Land Irland finanziell aus entsprechenden Unternehmen zurück. Mit Stand Juni 2020 deinvestieren 1237 Organisationen und mehr als 58.000 Personen, die zusammen mehr als 14 Billionen US-Dollar verwalten (vgl. Gofossilfree 2020).

>> Details siehe https://gofossilfree.org/divestment/commitments/ (Abrufdatum 30.6.2020)

Beispielsweise Norwegen baut nunmehr – Stand Oktober 2019 – Stück für Stück seinen Staatsfonds (der den Wohlstand der kommenden Generationen sichern soll) um und trennt sich von Anlagen in der Höhe von ca. 5,4 Milliarden Euro, die in die weltweite fossile Industrie investiert wurden (vgl. Spiegel 2019).

Der guten Nachricht folgt – Stand Januar 2020 – Ungereimtes:

  • „Vor Norwegens Küste hat ein riesiges Ölfeld die Produktion aufgenommen. Es soll 50 Jahre lang fossilen Brennstoff liefern“ (Seidler 2020) – die Begründung für dieses Investment möchte ich ‚neoliberal‘ nennen: „Besser umweltschonend gefördertes norwegisches Öl als anderes“ (vgl. ebd.). Und „[d]as Geld aus dem Öl- und Gasgeschäft wandert zu einem guten Teil in … [den o.g.] Staatsfonds (‚Staten pensjonsfond Utland‘)“ (ebd.), der eben kein Geld in internationale fossile Unternehmen steckt.
    • Norwegen hat zudem im Sommer 2020 die sog. ‚Eiskante‘ verschoben, d.h. selbige „politisch neu definiert – und damit den Rahmen für das Gebiet [neu] gesteckt, in dem potenziell nach Öl und Gas gesucht werden darf… [und bricht damit nach Ansicht des WWF] mit seiner langen Tradition wissenschaftsbasierter Entscheidungen“ (Preker 2020).


Auch dem Bund und den Länder Deutschlands kann man bislang keine Vorbildfunktion attestieren: Die Initiative Fossil Free Berlin kommt zu dem Ergebnis: „Allein der Bund steckte den Autoren zufolge rund 800 Millionen Euro in Fossil-Aktien“ (Böcking 2020). Matthias von Gemmingen von Fossil Free Berlin: „Sie glühen und brennen, die Aktiendepots von Olaf Scholz und den anderen Finanzministern… Diese Art von Börsengeschäften sind mit dem Pariser Klimaabkommen unvereinbar“ (zit. in ebd.).

Wenngleich der m.E. vielversprechende Divestment-Ansatz bislang nur Achtungserfolge vorweisen kann, überwiegen die guten Nachrichten:

  • Beim Bau der Adani-Mine im Nordosten Australiens (vgl. S. 62), wurde 2018 bekannt, dass
    • „die Minen aus dem laufenden Geschäft finanzier[t werden] … müssen, weil sich keine Investoren fanden. Der Analyst Tim Buckley bezeichnete das Projekt [welches im Jahr 2030 für 5,4 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen stehen könnte] als ‚unbankable‘… 62 Großkonzerne [haben] ausgeschlossen, sich an der Erschließung der Mine zu beteiligen … 16 globale Versicherungsunternehmen haben sich … geweigert, das Vorhaben zu versichern“ (Arzt 2020, 8).

Und:

  • „Eine Analyse des Imperial College London und der IEA[, d.h. die International Energy Agency] zeigte kürzlich, dass in den vergangenen Jahren bei den Investitionen in erneuerbare Energien die Renditen erheblich besser waren, als bei den Projekten fossiler Energieträger. Das betreffe sowohl die USA als auch Großbritannien, Frankreich und Deutschland“ (Janzing 2020).


Prima soweit… Doch wo stehen wir eigentlich hinsichtlich der finanziellen Bedeutung der fossilen Industrien? Das verdeutlicht dieses Zitat:

„[A]n der Londoner Börse wurden 2019 fast ein Viertel aller Dividenden von Öl- und Gasfirmen gezahlt“ (Pötter 2020, 9).


>> vgl. Aspekt Notwendigkeit zur Zerstörung des Geschäftsmodells der größten Industriebranche der Welt, S. 519


Immerhin: Ein Bericht des Think Tanks Carbon Tracker warnt im Juni 2020, dass „Investitionen in Öl, Gas und Kohlen viel riskanter als gedacht [seien]“ (Pötter 2020, 9), weil Erneuerbare Energien billiger seien und fossile Energien keine Zukunft haben, „warnt Geldgeber und Aufsichtsbehörden vor einer riesigen Kohlenstoffblase“ und empfiehlt „einen geordneten Rückbau von fossilen Vermögenswerten zu planen“ (ebd.).


Quellen des Abschnitts Divestment


„Das Thema globale Erwärmung ist aus meiner Sicht eines der wichtigsten umweltpolitischen Themen, dass wir behandeln müssen. Und deshalb werde ich mit allem Nachdruck versuchen, möglichst viele politische Erfolge in Berlin zu erreichen, auch wenn der Prozess auch mir oft zu langsam geht.“
Angela Merkel, 1995, als Umweltministerin
1

Klimanotstand ausrufen

Photo by Ma Ti on Unsplash
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Von der Ausrufung eines Klimanotstandes will die CDU/CSU i.d.R. nichts wissen – das ist verständlich, markiert doch jede Ausrufung eines Klimanotstandes das eklatante Klimapolitik-Versagen der Union, die – wie Rezo sich ausdrückte – mit Stand 2019 in den letzten 36 Jahren 29 Jahre an der Macht war. Also genau zu der Zeit, in der „etwa die Hälfte des Kohlenstoffdioxids, das die Menschheit jemals in die Atmosphäre geblasen hat, … ausgestoßen [wurde] (Kolb 2019, vgl. Abschnitt Intro, S. 32) und parallel der Ressourcenverbrauch und der Konsumismus in schwindelerregende Höhen entglitten sind.

>> vgl. Rezo (2019): „Die Zerstörung der CDU“. in: Youtube.de, 18.5.2019, Min 25f., online unter www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ/ (Abrufdatum 24.6.2019), s. a. Aspekt Der Realitäts-Schock in Abschnitt Intro S. 35.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Quelle: TV-Interview mit der Bundesumweltministerin Angela Merkel, 1995, aus den Archiven, Quelle: Deutsche Welle 2019. 

Es hat schon etwas Irrlichterndes, sich nun mit einer ‚Mehr vom Gleichen‘- und ‚nahezu-weiter-so‘-Programmatik als Problemlöser und Garant für ‚Freiheit‘ darzustellen.

Andere Regierungen sind schon wegen deutlich weniger zurückgetreten.


Andere Parteien und Parlamente in Deutschland und Europa sehen im Gegensatz zur Union durchaus die Notwendigkeit einen Klimanotstand zu erklären: Derzeit haben 69 Städte, Gemeinden und Kreise in Deutschland – darunter München, Konstanz, Kiel, Bochum, Wiesbaden und Heidelberg – den sog. ‚Klimanotstand‘ ausgerufen (vgl. wikipedia 2020).

Des Weiteren hat das EU-Parlament für Europa den ‚Klimanotstand‘ ausgerufen.

Hier scheiden sich die Geister, inwieweit dies eine reine Symbolpolitik und somit überflüssig sei – und inwieweit der Begriff ‚Notstand‘, der ja eigentlich „eine Ausnahmesituation darstelle, deren Bekämpfung die Einschränkung von Bürgerrechten in Kauf nimmt“ (Gilbert 2019, 5) angemessen sei. „Manche Städte, darunter Kiel, sprechen deswegen in ihren Beschlüssen explizit vom international benutzten Begriff ‚climate emergency‘“ (ebd.). „Berlin hat als erstes Bundesland eine ‚Klimanotlage‘ deklariert“ (Wetzel 2019).

Was genau ist an Symbolpolitik prinzipiell schlecht? Nach meiner Ansicht sollte derzeit jede Maßnahme ergriffen werden, um den vielen noch vom unendlichen HöherSchnellerWeiter träumenden Bürger*innen zu verdeutlichen, dass wir vor drastischen Umbrüchen und Veränderungen stehen. (Die Nutzung des englischsprachigen Begriffs ‚emergency‘ könnte evtl. in Deutschland nicht klar genug machen, worum es tatsächlich geht.) Und im Ernst: Es herrscht faktisch Klimanotstand – auch wenn er sich aktuell im Alltag der Deutschen nur bedingt zeigt.

Wo Klimanotstand im Sinne von Climate Emergency herrscht, bedarf es einer deutlichen Reaktion.

Daher ist es überfällig, die Bewahrung der Lebensgrundlagen nicht nur allgemein umschrieben wie in GG 20a – „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“ –, sondern eben durch exakte Benennung der Herausforderung durch Implementierung der Worte „Klimaschutz“, „sechstes Massenaussterben“ und „Klimagerechtigkeit“ in das Grundgesetz und auch in die Verfassungen der Bundesländer einzubringen.

Und dabei reicht es nicht, wie gerade in Hamburg geschehen, in die Präambel der Hamburger Verfassung sich zur „Verantwortung für die Begrenzung der Erderwärmung“ (Klimaschutzgesetz 2019) zu bekennen. Hier bedarf es eines Klimavorbehalts, der direkt als Artikel im Grundgesetz bzw. in den Landesverfassungen steht.

>> Definition ‚Klimavorbehalt‘: Alle Gesetzesentwürfe sind durch eine Ethikkommission auf ihre Klimatauglichkeit hin zu prüfen.


Quellen des Abschnitts Klimanotstand ausrufen



Ideen für eine nachhaltige Zukunft

Eingangs ist hier auf die ‚Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung‘ (kurz: ‚Agenda 2030‘) der UN hinzuweisen, welche 17 Nachhaltigkeitsziele, die ‚Sustainable Development Goals‘, die SDGs beschreibt. Vereinfacht ausgedrückt handelt es sich bei den SDGs um die Ziele, auf deren Erreichung im Jahre 2030 sich die Menschheit im September 2015 geeinigt hat.

Erstes und damit oberstes Ziel – SDG 1 – ist, die Armut in all ihren Formen und überall zu beenden. Die Klimakrise ist unter SDG 13 erfasst, Aspekte des Biodiversitätsverlustes/Massenaussterbens folgen in SDG 14 und 15.

1 Armut beenden | 2 Ernährung sichern | 3 Gesundes Leben für alle | 4 Bildung für alle | 5 Gleichstellung der Geschlechter | 6 Wasser und Sanitärversorgung für alle | 7 Nachhaltige und moderne Energie für alle | 8 Nachhaltiges Wirtschaftswachstum und menschenwürdige Arbeit für alle | 9 Widerstandsfähige Infrastruktur und nachhaltige Industrialisierung | 10 Ungleichheit verringern | 11 Nachhaltige Städte und Siedlungen | 12 Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen | 13 Sofortmaßnahmen ergreifen, um den Klimawandel und seine Auswirkungen zu bekämpfen | 14 Bewahrung und nachhaltige Nutzung der Ozeane, Meere und Meeresressourcen | 15 Landökosysteme schützen | 16 Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen | 17 Umsetzungsmittel und globale Partnerschaft stärken (vgl. wikipedia 2020)


>> Definition ‚Nachhaltigkeit‘ gemäß Brundtland Report siehe S. 242


Eine Konkretisierung der 17 Oberziele ergibt sich durch einen Katalog von 169 Unterzielen.

Eine grundlegende Kritik an der Gestaltung der Agenda 2030 ist, dass zur Messung der Ziele vor allem das GDP (Gross Domestic Product), also das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dient und somit Nachhaltigkeit direkt am Wachstumskriterium gemessen wird. Anders ausgedrückt steht Nachhaltigkeit gewissermaßen unter Wachstumsvorbehalt (vgl. Seidl/Zahrnt 2015).

Auf Basis der SDGs wurde Anfang 2017 die ‚Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie‘ verabschiedet (vgl. Bundesregierung 2020). Auch viele Städte nehmen sich explizit der Umsetzung der 17 SDGs an (vgl. z.B. Hamburg 2017 u. München 2016).

  • Positiv ausgedrückt, sind die 17 SDGs nach meiner Einschätzung bemerkenswert bekannt und werden inkl. der markanten Grafik (s.o. Linkverweis) überall sowohl von Unternehmen, Verwaltungen und Politiker*innen als Referenz und Zielsetzung angegeben.1
  • Weniger positiv ausgedrückt – und das dokumentiert jede Seite dieses Handbuchs – passiert hinsichtlich der Umsetzung dieser Ziele viel, viel zu wenig. Von dem umfassenden Paradigmenwechsel, der zur Erreichung der SDGs erforderlich wäre, ist die Weltgemeinschaft weit entfernt.
Details: Erläuterungen zu (1)

So auch beim ‚Balance‘-Nachhaltigkeitsbericht 2019 der Lufthansa Group (S. 33), der sogar die Unternehmenspolitik konkret mit einzelnen SDGs in Verbindung bringt (vgl. S. 32). Hochglanzpapier ist geduldig. Auch die Rheinmetall Group („Mobility. Security. Passion“ (2020, 205) hat eine „mögliche[n] Beitrag Rheinmetalls zu den 17 UN Sustainable Development Goals … im [Geschäfts-]Berichtsjahr [2019] ermittelt und eine Zuordnung nach den Rubriken Trusted Company, Responsible Business, Employer of Choice, Environmental Stewardship und Committed Corporate Citizen vorgenommen“ (2020). Rheinmetall Defence bezeichnet sich als das „führende[] europäische[] Systemhaus für Verteidigungstechnik“ (2020, 106) – neudeutsch für ‚Rüstungskonzern‘. 

Aus den vielen Aspekten, die sich aus den SDGs ergeben, sei das für das folgende Kapitel wichtige SDG 16 kurz herausgegriffen:

In SDG 16

‚Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen – Friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen‘

geht es u.a. um Partizipation, d.h. um Bürger*innenbeteiligung und -teilhabe. Dies ist ein Querschnittsziel, womit gemeint ist, dass davon ausgegangen wird, dass ohne SDG 16 andere Ziele nicht oder nur unzulänglich erreicht werden können.

>> Hier werden die SDGs einzeln und verständlich erklärt: https://www.eda.admin.ch/agenda2030/de/home/agenda-2030/die-17-ziele-fuer-eine-nachhaltige-entwicklung.html (Abrufdatum 30.6.2020)


Umsetzung des SDG 16 in Deutschland: Mehr Demokratie, neue Formen der politischen Partizipation

Nachdem der alte Generationenvertrag faktisch aufgekündigt ist (vgl. S. 230f.), bedarf es eines neuen Gesellschaftsvertrages, der uns Klarheit über die Frage verschafft, wie wir „eigentlich zusammenleben [wollen] in einer Welt, die zunehmend unter dem Zeichen des Klimawandels steht?“ (Schmidt 2019, vgl. Abschnitt Was kann ich tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten, S. 196).

Einen feststehenden Masterplan kann es nicht geben. Es bedarf des Trial & Error (vgl. Aspekt Auch der Kapitalismus ist nicht an einem Tag entstanden, S. 217f.) – und hier reicht es nicht, dass wenige Berufspolitiker*innen sich in den immergleichen Gremien und Kreisen Gedanken machen.

  • „Die Zukunft wird nur auf einem Weg zu erreichen sein, der selbst durch Irr- und Abwege, unpassierbare Stellen, gut Passsagen, Steigerungen und Gefälle, kurz: durch alles andere als Gradlinigkeit gekennzeichnet ist“ (Welzer 2016, 139).


Um hier voranzukommen, d.h. um einen neuen Generationenvertrag auszuhandeln, sind Ideen möglichst vieler Bürger*innen von Nöten, d.h. es bedarf einer umfassenden Beteiligung der Zivilgesellschaft und der Partizipation der Bürger*innen.

  • Die anstehende sozial-ökologische Transformation ist derart groß – sie wird alle Lebensbereiche auf den Prüfstand zu stellen haben – daher vergleicht Ulrich Schnabel die Dimension der „Umwälzung [zu Recht] … mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit (2018, 22) –, dass man zur Umsetzung die Bürger*innen einzubinden hat, mitzunehmen hat, ja, mitnehmen muss. Und das geht über: Teilhabe.
    • Es bedarf der umfassenden Beteiligung der Zivilgesellschaft und Teilhabe der Bürger*innen, um in einem konstruktiven Sinn das zu gewährleisten, was Politiker*innen gewöhnlich meinen, wenn sie postulieren, ‚man müsse alle mitnehmen‘. Letzteres kann nicht bedeuten, dass man bei gleichbleibendem Politikverständnis und dem Status quo der überwiegend passiv bleibenden Wähler*innen darauf wartet, dass sich sämtliche Bürger*innen aus ihrer Wohlstandsstarre gelöst haben. ‚Mitnehmen‘ bedeutet vielmehr die Einladung an alle Bürger*innen aktiv zu werden, gemeinsam mit der Politik die Gesellschaft zu gestalten bzw. umfangreiche Angebote zur Bürger*innenbeteiligung zu machen. Bürger*innen sind viel umfassender (sowohl mit Unterstützung digitaler Beteilungsformen als auch via Bürger*innenversammlungen) als bisher in die politischen Gestaltungsprozesse einzubinden. Die Neuverteilung von Arbeit auf Basis eines Bedingungslosen Grundeinkommens wird vermehrt Zeit und Raum für aktive Teilhabe schaffen.

>> zum Aspekt Bedingungsloses Grundeinkommen siehe S. 458f.


Bürger*innen brauchen gerade in Zeiten der vereinsamenden und vereinzelnden Digitalisierung Begegnungsstätten und Infrastruktur, um niedrigschwellig per Trial & Error Projekte z.B. zu Umweltthemen entwickeln und stemmen zu können, ohne erst einmal ein Jahr lang Projektanträge zu stellen und Fördergelder zu beantragen, bei denen – wie z.B. in Hamburg üblich – stets ein finanzieller Eigenanteil zu leisten ist.

…mehr

Hamburg sieht ein m.E. extrem aufwändiges Bewerbungsverfahren vor und steuert im Erfolgsfalle nur den ‚Fehlbetrag‘ dazu. Die Stadt verunmöglicht damit gute Ideen, deren Macher*innen keine Bürokratie- und Finananzbeschaffungsgenies sind. 

CC SA 4.0 by Bahnfrend
Oodi in Helsinki | CC SA 4.0 by Bahnfrend

Extrem interessant sind in diesem Zusammenhang Projekte wie bspw. die 2018 eröffnete, riesige (und zudem wunderbar designte) Bibliothek Oodi1 mitten im Zentrum von Helsinki unweit des Hauptbahnhofes, welche als „Ode an die Gemeinschaft“ im Sinne eines „gemeinsamen Wohnzimmers der Bürger*innen zu verstehen ist – und ein beliebter Treffpunkt und eine vielgenutzte Begegnungsstätte mit Coworking-Spaces und gruppendynamischen Sitzgelegenheiten. Es gibt Meeting-Räume, die man „für wenig Geld … [mieten kann], um dort …[z.B. dem] Job als Freelancer nachzugehen, Radiointerviews zu führen, Fotoshootings zu machen… [oder um] Geschäftskunden zu treffen“ (Weißmüller 2019). Es existiert Infrastruktur für Indoor- und Outdoor-Veranstaltungen, es gibt Tablets zum Ausleihen (und Fortbildungen für Bürger*innen mit technologischem Nachholbedarf), 3D-Drucker, Großprinter, Nähmaschinen, Bastel- und Elektronik-Labore, ein vollausgestattetes Tonstudio, ein Kino, zwei Cafés – und das Ganze genau gegenüber dem Parlamentsgebäude (vgl. Blickgewinkelt 2019, Oodi 2020, Weißmüller 2019).

Oodi ist „eine Hommage an Finnlands Unabhängigkeit und an die Gemeinschaft der Bürger*innen“ (Blickgewinkelt 2019), ein „living meeting place“ (Oodi 2020) und sieht aus wie die schönere Schwester der Elphi – hat die fünf Mio Finn*innen aber ‚nur‘ 98 Mio Euro gekostet, also etwas mehr als 1/10 der Kosten des Hamburger Konzerthauses.

Details: Erläuterungen zu (1)

…benannt nach der ‚Ode‘, also im altgriechischen Sinne eines Liedes bzw. eines Liedtextes. 

Die sich als Zukunftsstadt definierende Metropole Hamburg möchte nun basierend auf dem finnischen Vorbild ein „Haus der digitalen Welt“ erschaffen, einen Bildungs- und Zukunftsort, „in dem die digitalen Angebote etwa der Volkshochschule, der Bücherhallen und sonstiger Anbieter gebündelt werden sollen, in dem aber auch Unternehmen sich darstellen können und Hamburger täglich in Berührung mit den neuesten Entwicklungen kommen können“ (Lauterbach 2019).

Wird hier nicht nach Art der Pfeffersäcke geknausert, sondern tatsächlich eine Vision umgesetzt, könnte das tatsächlich ein Aufbruchsstimmung erzeugendes Projekt sein, welches motivierend, inspirierend und positiv Teilhabefördernd und somit Demokratie-stabilisierend wirken könnte.

Wenn die so motivierten und vernetzten Bürger*innen dann noch in relevantem Maße Bürger*innenhaushalte zur Verfügung gestellt bekommen, steht einer echten produktiven Beteiligung der Zivilgesellschaft nichts mehr im Wege.

  • Bregman führt hier das Beispiel an, dass 1989 die brasilianische Metropole Porto Alegre „ein Viertel ihres Etats den Bürgern anvertraute. Zehn Jahre später war diese Idee von mehr als hundert brasilianischen Städten übernommen wurden… Anno 2016 hatten mehr als 1.500 Städte, von New York bis Sevilla und von Hamburg bis Mexiko-Stadt, einen ‚partizipativen Haushalt‘ eingeführt“ (2020, 329). In Porto Alegre bildeten sich diverse Nachbarschaftsvereine (vgl. 331), geriet „die Bestechungskultur unter Druck“ (333), sind Bürger*innen „bereit …, mehr Steuern zu zahlen (334), werden mehr Bürger*innen „durch eine Kanalisation versorgt“ (334) und stiegen die „Ausgaben für das Gesundheitswesen“ (335). Bis solch durchschlagende Wirkungen in Städten wie Hamburg zu vermelden sind, bedürfte es sicher deutlich höherer Budgets – aber insgesamt scheint diese doch ein sehr vielversprechender, ausbaufähiger Ansatz zu sein.
    • Bürger*innenbeteiligung geht auch digital, z.B. über die von Mehr Demokratie e.V. mitentwickelte schon existierende Open-Source-Tools wie ‚Consul‘1, eine anpassbare Beteiligungsplattform, die schon in über 100 Städten wie z.B. Madrid, Barcelona und Paris in insgesamt 34 Ländern genutzt wird (vgl. Mehr Demokratie 2020).
    • Allgemein gilt, dass man im Blick zu haben hat, dass Bürger*innenbeteiligung i.d.R. eine Beteiligung derjenigen Bürger*innen bedeutet, die dafür die Ressourcen haben.2
    • Auch Bürger*innenversammlungen können hier, gerade auch bei konkreten Problemlagen wie der Klimakrise oder dem sechsten Massenaussterben, hilfreich sein und Ideen entwickeln sowie ein stückweit repräsentativ und deutlich dem Bürger*innenwillen Ausdruck verleihen, wie es Demoskop*innen-Umfragen nicht vermögen.
    • Emmanuel Macron hat nach dem Gelbwesten-Debakel die ‚Flucht nach vorn‘ angetreten und eine umfangreiche Bürger*innenbeteiligung in Gang gesetzt: Im Juni 2020 stimmte in Frankreich ein aus 150 zufällig ausgelosten Personen bestehender „Bürgerrat für den Klimaschutz, eine europaweit einmalige Einrichtung, über insgesamt 149 Vorschläge ab und einigte sich auf vergleichsweise Radikales“ (Joeres). Ein bei 110 km/h liegendes Tempolimit auf Autobahnen, Abschaffung von Werbung für klimaschädliche Produkte bzw. Dienstleistungen, Verbot des Baus neuer Flughäfen (vgl. ebd.). „Fleischgerichte sollten in Kantinen durch vegetarische Alternativen ersetzt werden. Finanziert werden sollten die klimapolitischen Vorhaben durch eine Klimasteuer, gezahlt von Wohlhabenden“ (ebd.; vgl. Balmer 2020, 9). Die Vorschläge des Bürgerrats sollen im Herbst 2020 ins französische Parlament eingebracht und debattiert werden. 
      • Auch in England wurde 2019 eine Bürger*innenversammlung eingesetzt (vgl. Schwarz/Mihatsch 2019).
      • Warum also nicht auch in Deutschland?

  • Des Weiteren ist, diesen Gedanken der Bürger*innenversammlungen fortspinnend, darüber nachzudenken, neben Bundestag und Bundesrat eine weitere Kammer zu etablieren, die zunächst beratenden Charakter haben kann. Die in diesem Gremium versammelten Bürger*innen sind per Losentscheid in die Bürger*innenkammer gekommen.3
    • Die Idee, parlamentarische Vertretungen durch Losverfahren zu bestimmen, ist alles andere als neu und wird des Öfteren – wenn es die alleine Form der Willensbestimmung einer Institution wäre – als ‚Demarchie‘ bezeichnet. Schon Aristoteles sagte: „So gilt es, wie ich sage, für demokratisch, dass die Besetzung der Ämter durch das Los geschieht, und für oligarchisch, dass sie durch Wahl erfolgt“ (Scheffel 2019).
      • Ein zeitgenössisches Beispiel für ein demarchisches Vorgehen findet sich in Island:
        • Nach der Finanzkrise 2008 haben die Bürger*innen von Island mittels monatelanger Demonstrationen durchgesetzt, dass die Regierung, der Premierminister und der Direktor der Zentralbank zurücktreten (vgl. Laurent/Dion 2016, Min 85ff.). „Am 6. November 2010 trafen sich 1.000 ausgeloste Bürger, um die Prioritäten für ihr Land festzulegen… Im folgenden November wurden 25 Bürger gewählt, um eine neue Verfassung zu schreiben… [Katrín Oddsdóttir:] ‚Wir wollten eine neue Verfassung schreiben für Islands Volk durch Islands Volk‘… [Birgitta Jósndóttir:] „Jeder hatte Zugang zur verfassungsgebenden Versammlung, jeder konnte mitdiskutieren per E-Mail oder Facebook, konnte anrufen oder zur Sitzung kommen. Es war alles sehr offen.‘… [Oddsdóttir:] ‚Wir bekamen sehr gute Vorschläge. Manche haben wir in unseren Verfassungsentwurf aufgenommen. Es gab immer wiederkehrende Themen: Wie können wir die gewählten Vertreter zur Verantwortung ziehen? Wie Transparenz herstellen und sehen, was sie machen? Wie die Macht verteilen, um der Korruption vorzubeugen? Die Menschen sind nicht destruktiv, höchstens eine winzige Minderheit. Die meisten sind nett und gut. Doch Geld und Macht blenden sie. Das ist eine traurige Regel. Und Macht will sich behaupten. Damit wollten wir brechen“ (ebd.).

          (>>vgl. Aspekt Menschen sind im Grunde gut, neigen aber einem negativen Weltbild, S. 380ff., und siehe hier insbesondere Aspekt Machtgefühle stören einen mentalen Prozess, S. 385f.)

          Eine Zweidrittelmehrheit, d.h. 67%, aller Isländer*innen, stimmten für den so entstandenen Verfassungsentwurf. Die Übernahme des Verfassungsentwurfs als Basis einer neuen Verfassung durch das Parlament scheiterte an den in der Opposition befindlichen Konservativen (vgl. ebd., Min 90 u. wikipedia 2020).

          David van Reybrouck weist in hier zitierten Doku Tomorrow von Mélanie Laurent und Cyril Dion auf folgendes hin:

          „Ein einem Fall praktizieren wir das Auslosen schon: bei der Auswahl von Geschworenen. In Belgien, Norwegen, Frankreich, den USA etc. Auch wenn das System bei Weitem nicht perfekt ist, sieht man, dass die 12 Geschworenen ihre Aufgabe meistens sehr ernst nehmen. Sie strengen sich unglaublich an, eine Entscheidung zum Wohl der Gesellschaft zu treffen. Jemand, der ausgelost wird, hat vielleicht weniger Sachkenntnisse als ein Politiker… Doch hat er mehr Freiheit als ein Parlamentarier. Er ist nicht so stark an unterschiedliche Interessen gebunden.“

          Aus diesen Informationen ist definitiv eines herauszulesen: Da geht mehr als bisher.
Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 siehe https://www.mehr-demokratie.de/fileadmin/pdf/2019-05-15_Consul_dossier_deutsch_final_1_.pdf (Abrufdatum 25.5.2020)

2 Interessant und künftig im Thema ‚Bürger*innenbeteiligung‘ zu berücksichtigen: Das sog. Beteiligungsparadoxon oder Partizipationsparadoxon ist charakterisiert dadurch, „dass das Engagement und das Interesse der Bürgerinnen und Bürger an einem Projekt oder Verfahren bei dessen Beginn noch recht gering sind. Zu diesem Zeitpunkt sind aber die Möglichkeiten, auf Projekt oder Planung Einfluss zu nehmen, sehr hoch“ (Hirschner 2017, 323). Beteiligen sich Betroffene wie gewöhnlich oft „im zeitlichen Ablauf eines Planungs- oder Genehmigungsverfahrens erst sehr spät … [, hat das] negative[n] Folgen für ihre Einflussmöglichkeit“ (ebd.) – und schafft Unzufriedenheit.

3 Dieses Gremium ist alleine deshalb sinnvoll, weil es eine Möglichkeit bietet, dass Parlamentarier*innen wieder mehr Kontakt zu anderen Berufsfeldern und Lebensumgebungen bekommen – denn im Unterschied zur alten Bundesrepublik ist der Bundestag bzgl. der gesellschaftlichen Zusammensetzung und der dort vertretenden Berufe extrem homogen, was nicht hilfreich ist. 

Nachfolgend sind – in loser Folge – Ideen, Anregungen und Möglichkeiten aufgelistet, der Klimakrise und dem sechsten Artensterben nachhaltig zu begegnen:


Grundsatz: Money is it >> Nachhaltigkeit muss sich lohnen

  • Konkret
    • auf Staats- und Unternehmensebene: Es darf sich finanziell nicht lohnen, als Firma/Staat Umweltkosten zu externalisieren und z.B. CO2 in die Luft zu jagen.
    • auf individueller Ebene: Es darf sich finanziell nicht lohnen, das Auto zu benutzen statt den Bus zu nehmen oder nach Paris zu fliegen statt in die Bahn zu steigen.

Klimaschutz kann – in einem ersten Schritt – sehr einfach sein. Vielfach braucht man einfach… nichts zu tun: Keine weitere Startbahn bauen, den weiteren Ausbau des Hafens unterlassen (vgl. Kopatz 2020). Einfach die bisherigen Kapazitäten beibehalten. Nicht einmal das schaffen wir zurzeit. Wir schaffen es nicht einmal, nichts zu tun bzw. wesentliche Faktoren der steigenden Emissionen durch Unterlassung zu bremsen.

>> Ganz nebenbei bemerkt, haben wir in Deutschland einen riesigen Sanierungsstau – bspw. haben 2.500 Brücken erneuert, d.h. neugebaut zu werden (vgl. Bruhns et al. 2020, 61) – und das ist völlig unabhängig von der Klimakrise ein gewichtiges Argument, sich der Bestandspflege bzw. Instandhaltung der bestehenden Infrastruktur und nicht dem Neu- oder Ausbau zu widmen.


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Politik‘ sind z.B.

  • ein Lobbyismus aufdeckendes/verhinderndes lückenloses deutsches Transparenzregister/Lobbyregister inkl. der vollständigen Offenlegung des Kalenders/der Meetings etc.1, der Nebentätigkeiten2 und Parteispenden3,
Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 Hier verweist Kopatz darauf, dass es Schätzungen zu Folge „in Berlin inzwischen circa 5.000 Lobbyisten [gibt]. Sie stehen 630 Abgeordneten gegenüber und haben nichts anderes zu tun, als Tag für Tag Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger auszuüben“ (2016, 47). Und weiter: „Durch [Lobbycontrol] … weiß man, dass rund 1.000 Lobbyisten einen Hausausweis für den Bundestag haben. Ein Gerichtsurteil verlangte im Spätsommer 2015 die Veröffentlichung dieser Daten. Die Grünen legten die Namen sogleich offen, anschließend auch die SPD. Die CDU/CSU hingegen weigerte sich“ (ebd., 48). Roßmann berichtet 2020 in der SZ davon abweichend von „fast 800 Lobbyisten, die über einen Hausausweis für den Bundestag verfügen.“

2 Hinsichtlich des Bundestages gibt es derzeit nicht-meldepflichtige und meldepflichtige Nebentätigkeiten. Rekord hält laut der taz derzeit Gregor Gysi mit 38 meldepflichtigen, davon 35 bezahlten Nebentätigkeiten. Christian Lindner hält mit 19 bezahlten Nebentätigkeiten Platz 2. „Rechnet man alle bezahlten Nebentätigkeiten Gysis zusammen, ergibt sich für die Jahre 2017, 2018 und 2019 ein Einkommen in Höhe von 255.000 Euro, wenn man jeweils das Minimum der einzelnen Stufen ansetzt. Setzt man den Mittelwert an, ergibt sich sogar eine Summe von 376.000 Euro. Durch die 36 Monate der laufenden Legislaturperiode geteilt, kommt … Gysi auf Nebeneinkünfte [bei Ansetzung des Minimums] in Höhe von über 7.000 Euro pro Monat neben der regulären Diät“ (Oppong 2019). „Alle Abgeordneten, die [mit Stand 2017!] auf mehr als 150.000 Euro nebenbei kommen, gehören alle der CDU und CSU an. … [Der Sozialwissenschaftlers Sven Osterberg berichtet:] ‚Zwei Drittel der Abgeordneten, die bezahlte Nebentätigkeiten haben, sind Mitglieder der Unionsfraktion‘“ (Esslinger 2017). Geld ist das eine. Aufmerksamkeit das andere: Wer im Bundestag sitzt, hat sich m.E. auf die Belange der Bürger*innen zu fokussieren und nicht auf sein Portemonnaie. Doch mindestens ein Drittel aller Bundestagsabgeordneten geht Nebentätigkeiten nach (Stand 2013, vgl. Kopatz 2016, 48). Und: „Eine Studie von Transparency International Deutschland zu Interessenkonflikten im Bundestag kam im Dezember 2016 zu dem Schluss, dass bei etwa einem Sechstel der Bundestagsabgeordneten potenzielle Interessenkonflikte festzustellen sind“ (Lobbycontrol 2017a, 32). Hier kann man übrigens Abgeordneten und Kandidierenden direkt Fragen stellen: https://www.abgeordnetenwatch.de/ (Abrufdatum 8.6.2020)

3 Im Wahljahr 2017 profitierten die „CDU mit 1,7 Mio Euro und die FDP mit 970.000 Euro … von dem Zuwachs an [meldepflichtigen, über 50.000 Euro betragenen] Großspenden. Auf sie entfallen 93% der Großspenden über 50.000 in diesem Jahr“ (Lobbycontrol 2017b). Inzwischen gibt es anscheinend einen Trend zum Sponsoring – die entsprechenden Summen z.B. von BMW brauchen im Gegensatz zu Spenden-Geldbeträgen nicht veröffentlicht zu werden (vgl. ebd.). 

  • die Übertragung der Entscheidungsgewalt über die Diäten der Politiker*innen an eine Ethikkommission,
  • die umfangreiche Erhöhung der Diäten bei gleichzeitiger eindeutiger Regelung, dass Politiker*innen keinen Nebentätigkeiten nachgehen dürfen und keine geldlichen/materiellen/immateriellen Zuwendungen von Dritten erhalten dürfen, die das Preisniveau eines Kaffees übersteigen (‚Ein-Kaffee-Regel‘)
  • klar definierte Übergangszeiten vom politischen Amt zu einer anderen Tätigkeit – und umgekehrt.
  • Ein anderer Aspekt im Bereich ‚Politik/Wirtschaft‘:
    • Der Begriff ‚Korruption‘ ist eng mit dem Thema ‚Rechtssicherheit‘ bzw. ‚Rechtsstaat‘ verknüpft. Im Rahmen des Handbuchs kann dieser Punkt nicht vertieft werden, daher sei nur dieser eine Punkt herausgegriffen:
    • 2018, d.h. im Jahre 9 der Hilfspakete und der von außen gesteuerten Sanierungskonzepte, findet sich im Spiegel bzgl. Griechenlands folgende Anmerkung:

      „Auch sogenannte doppelte Gesetze sollen dann [=bald] der Vergangenheit angehören … Bislang war es so, dass für einen Sachverhalt unterschiedliche Regelungen galten, und die Entscheidung darüber welche gilt, in den Händen des zuständigen Beamten lag“ (Christides/ Rapp 2018, 89).

      Manche Zitate brauchen keinen Kommentar. Dies ist so eines.

Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Wirtschaft‘ sind z.B.

  • ein Unternehmensstrafrecht sowie ein höheres Maß an Haftung für Manager*innen, um z.B. Eskapaden à la Dieselskandal weniger attraktiv erscheinen zu lassen.
  • die Ermöglichung von Gruppenklagen (statt nur Musterfeststellungsklagen) zur Erhöhung des Verbraucherschutzes – dazu der einstige Geschäftsführer von Greenpeace, Thilo Bode:
    • Wir „brauchen … dringend ein Unternehmensstrafrecht, damit mit man nicht nachweisen muss, dass ein Herr Winterkorn persönlich die Abschaltsoftware bei VW angeordnet hat, sondern eines, das Unternehmen zivil- und strafrechtlich haftbar machen kann… Es ist anachronistisch, wie die Konzernlobby zu sagen, Unternehmen könnten nicht schuldhaft handeln. Natürlich können sie das, schauen Sie sich VW an“ (Dettmer/Hesse 2019).
  • ein umfangreiches Lieferkettengesetz, um Menschenrechte und umwelt-/klimagerechte Produktion sicherzustellen.
    • Menschenrechte und Umweltschutz gehören zusammen. (Oft werden sie auch parallel/gleichzeitig verletzt.)
    • Ein erstes Lieferkettengesetz wird in Deutschland derzeit vorbereitet. Demzufolge „‚müssen [Unternehmen] künftig prüfen, ob sich ihre Aktivitäten nachteilig auf die Menschenrechte auswirken‘, heißt es in den Eckpunkten für ein ‚Sorgfaltspflichtengesetz‘ der Bundesministerien für Arbeit (BMAS) und Entwicklung (BMZ)… [D]ie Regulierung [soll] für Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten gelten, deren Zentralen in Deutschland stehen… [Indes ist das] ‚Haftungsrisiko für die Unternehmen begrenzt‘“ (Koch 2020).
      • Das Gesetz könnte einen (kleinen) Schritt nach vorn bedeuten. Doch wird Peter Altmaier im August 2020 von einem Bündnis aus mehr als 100 Organisationen massiv kritisiert:
        „Altmaier lehne alle Elemente ab, die ein Gesetz erst wirksam machen würden, sagte die Sprecherin der Initiative Lieferkettengesetz, Johanna Kusch. Er wolle das Vorhaben ‚offensichtlich mit allen Mitteln verhindern‘“ (Zeit 2020).
      • Umweltaspekte scheinen nach derzeitigem Stand jedoch nicht in den Gesetzestext einzufließen.
      • Wenn man die Gesamtheit der im ‚Handbuch Klimakrise‘ dargelegten Fakten mit in die Erwägungen einbezieht, würde ein ideales Lieferkettengesetz faktisch das Ende des bisherigen Wirtschaftsmodells bedeuten – was natürlich auch Altmaier erkennt.1

Man kann einen Hund nicht zum Jagen tragen.
Cheryl Strayed, in ihrem Buch Der große Trip, Goldmann, 2014, S. 220.

Details: Erläuterungen zu (1)

Und nicht nur Altmaier. Auch „[d]er Chef der [sog.] Wirtschaftsweisen, Lars Feld, warnte … davor, dass die deutschen Unternehmen durch das Gesetz stark belastet würden. ‚Mit einem Lieferkettengesetz wird die Axt an das bisherige Erfolgsmodell der deutschen Wirtschaft mit stark internationalisierten Wertschöpfungsketten und einer starken Produktion im Ausland gelegt‘, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Er schaue ‚mit großem Entsetzen‘ auf das Vorhaben“ (Zeit 2020). Man könnte aus alledem schließen, dass der Gesetzesentwurf der beiden Nicht-Altmaier-Ministerien bislang grundlegend in die richtige Richtung zielt und im Falle der Umsetzung offensichtlich wirksam wäre. | Was um Himmels Willen ist ein ‚Wirtschaftweiser‘? Ist nicht allein schon dieser Begriff ein Hinweis auf die ‚Vergötterung‘ des Kapitalismus und damit ein Fingerzeig, dass das Thema religiöse Züge trägt? – vgl. Aspekt Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang, S. 392ff. | Auf die derzeit mangelnde praktische Umsetzbarkeit weist Kolja Rudzio in der Zeit hin: „Sollte jeder Zulieferer tatsächlich zehn weitere Zulieferer haben, ergäben sich bei den 400 Textilfabrikanten von Kik schon auf der dritten Stufe der Lieferkette insgesamt 40.000 beteiligte Unternehmen“ (2020, 21). Diese organisierte Verantwortungslosigkeit brauchen wir ja mittelfristig nicht hinzunehmen, vgl. S. 186. 

  • Grundsätzlicher könnte man die Sache wie folgt angehen:
    • Normen, die in der EU gelten, haben auch für Non-EU-Staaten/Unternehmen, die in der EU Produkte verkaufen möchten, zu gelten. Die Einhaltung von EU-Arbeitsschutzgesetzen, EU-Umweltauflagen, EU-Sozialversicherungs-Aspekte haben über von der EU finanzierte in der EU ansässige Non-Profit-Unternehmen zertifiziert zu werden. Damit schützt man nicht nur EU-Arbeitsplätze und verhindert die Abwanderung von Firmen, sondern auch Menschen des Globalen Südens vor Ausbeutung und Umweltzerstörung.
    • Hilfreich könnte hier ein Gesetz sein, welches analog zur CO2-Grenzsteuer festlegt, was überhaupt rein darf in die EU, d.h. nur Menschenrechts-zertifizierte Produkte.
    • Bspw. Fast Fashion gehörte – was die EU betrifft – umgehend der Vergangenheit an.

>> vgl. Aspekt EU-CO2-Grenzsteuer, S. 209


Weitere nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Wirtschaft‘:

  • Abseits der Diskussion um CO2-Steuern etc. kann man zur Reduzierung von ‚Verschmutzungsgewinnen‘ auch direkter ansetzen mittels wesentlich „höhere[n] Lizenzgebühren für die Öl-, Gas- und Kohleförderung“ (Klein 2015, 142).
  • Manfred Folkers wirft durchaus zu Recht die Frage auf, warum Lohnerhöhungen komplett unhinterfragt stets prozentual erfolgen („‚Wer schon viel bekommt, erhält effektiv mehr‘“; Folkers/ Paech 2020, 59).
  • Ein Equal Pay Act, eine extreme Vereinfachung der Steuererklärungen, maximale Transparenz nach skandinavischem Vorbild bei Steuerdaten, sodass letztlich jeder Mensch Zugang zu diesen Daten hat sowie Gender Mainstreaming gehören auch in diese Liste – Details vgl. Abschnitt Klima, Ökofeminismus und Parität, S. 432f.
  • (Wieder-)Einführung des Prinzips: „Was möglich ist, wird in der Region produziert“ (Wilms 2019, 9.) Und das hätte zur Folge: Rohstoffe würden in den Herkunftsländern verarbeitet, sodass der Globale Süden seine Abhängigkeit abzuschütteln vermag. Der Welthandel würde stark zurückgehen, ist aber nicht unmöglich (vgl. Anne Pinnow, Soziologin, Nachhaltigkeitsmanagerin und Ethnologin in Wilms 2019, 9).
  • Anknüpfend an den Gedanken, dass Umweltschutz sich lohnen muss, ist das Gewünschte zu fördern, das Unerwünschte zu besteuern.
    • Daher ist es sinnvoll eine hohe Steuer auf gesundheitsschädliche Produkte zu erheben: Zigaretten, Alkohol, Zucker – jegliche Fertignahrung, die mehr als (vorschlagsweise) fünf Inhaltsstoffe aufweist.1 Dabei hat die Regel „Prinzip statt Ausnahme“ zu gelten.

      Hinter alledem steht weniger der Gedanke, Menschen einzuschränken als vielmehr der solidarische Gedanke, volkswirtschaftliche Kosten z.B. zur Finanzierung von Krankenkassenbeiträgen niedrig zu halten: Man sollte nie übersehen, dass billige Fertignahrung etc. zu höheren Kosten im Gesundheitswesen2 führt etc. pp.
  • Den Gedanken der genossenschaftlicheStruktur von Unternehmen nochmals aufgreifend (vgl. S. 456), ist festzuhalten, dass für eine bessere Sozialstruktur, für das Arbeitsklima, für Nachhaltigkeit und auch für Arbeitsergebnisse Mitbestimmung bzw. das genossenschaftliche Miteigentum an dem Unternehmen, dessen Arbeitnehmer man ist, sehr hilfreich sein kann:
    • „Wenn man Menschen die Möglichkeit gibt, einen Job, ein Geschäft, eine Initiative als etwas Eigenes betrachten zu können, dann setzen sie sich dafür ein, entwickeln es weiter und kultivieren es. Bei fremdbestimmten Aktivitäten erfüllen die Leute eine Aufgabe, nicht mehr, und über die Bezahlung hinaus haben sie wenig davon. Selbstbestimmtes Wirtschaften befördert Achtsamkeit, Sorgfalt und Engagement“ (Welzer 2016, 273, vgl. Aspekt Sozialunternehmen Sekem-Farm, S. 575f.).

      Pointiert ausgedrückt:

      ‚Dienst nach Vorschrift‘ und ‚Burn-out‘ oder
      ‚Nachhaltigkeit‘, ‚Engagement‘ und ‚gutes Betriebsklima‘?

      Das ist hier die Frage.
Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 vgl. dazu Aspekt Steuersätze von Lebens- und ‚Genuss‘-Mitteln Fußnote auf S. 186

2 Hierzu gibt es das zynische Gegenargument, dass beispielsweise Raucher*innen statistisch gesehen früher sterben, sodass sie gar nicht in das Alter kommen, in dem wiederholt langwierige intensivmedizinische Maßnahmen genutzt werden – weiterhin könnte man hinzufügen, dass die Rentenkassen entlastet werden. Wollen wir uns wirklich auf eine solche Diskussion einlassen? 


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Qualität und Langlebigkeit von Produkten‘

  • Verlängerung der „gesetzlichen Gewährleistung“ (umgangssprachlich „Garantie“ genannt) insbesondere für elektronische Neuwaren von 24 Monaten auf z.B. fünf Jahre – wie in Norwegen (vgl. EVZ 2019). Und zack, plötzlich würden die gleichen Geräte viel länger halten.
    • Dass so viele Geräte bereits nach wenigen Jahren kaputtgehen hat oftmals mit der sog. ‚geplanten Obsolenz‘1 zu tun. Hier kommen von Herstellern bewusst eingebaute ‚Sollbruchstellen‘ zum Tragen. Dies kann ein elektronisches Bauteil sein, welches so konstruiert ist, dass es mit Absicht nicht ‚ewig‘ hält; es kann fest verbaut/verklebt sein, ohne dass das nötig wäre, Ersatzteile können fehlen oder nicht mehr hergestellt werden, Software nicht mehr mit Updates funktionsfähig/Sicher gehalten werden – geplante Obsolenz fördert den Konsumismus bzw. die Wegwerfgesellschaft und tritt immer dann auf, wenn die/der Kund*in das Gerät weiter verwenden wollen würde, aber aus den erwähnten Gründen nicht mehr kann.
    • In einem Wirtschaftmodell, dass darauf angewiesen ist, dass Verbraucher*innen Dinge im Überfluss kaufen, ist geplante Obsolenz Teil des Systems, dass zu (nicht-nachhaltigem) Wachstum führt.
      • Würde man geplante Obsolenz von heute auf morgen komplett unterbinden, würde Deutschland u.U. in eine Rezession hineinschliddern.
        Dies ist ein weiterer Hinweis, dass das Wirtschaftsmodell dysfunktional ist – und nicht durch kleine Maßnahmen ‚reparierbar‘ ist.
Details: Erläuterungen zu (1)

Hier muss natürlich die Geschichte von der Glühbirne – Centennial Light genannt – kommen, die seit 1901 quasi ununterbrochen leuchtet: „In der Feuerwache im [US-]amerikanischen Örtchen Livermore [bei St. Francisco] wird jährlich der Geburtstag einer Birne begangen, die im Jahre 1901 eingeschraubt worden war und seither Helligkeit verbreitet… [Dass Glühfäden heutzutage durchbrennen,] ist … lediglich das Ergebnis der frühesten Absprache eines Kartells der Glühbirnenhersteller, die 1924 gemeinschaftlich beschlossen, die Lebensdauer der Glühfäden technisch zu begrenzen und zwar auf rund 1.000 Stunden“ (Welzer 2016, 268) – vgl. http://www.murks-nein-danke.de/ (Abrufdatum 18.5.2020). 

  • Erweiterte Auflagen zur Bereitstellung von Ersatzteilen bzw. zur Reparatur1 (‚Recht auf Reparatur‘), zur Rücknahme von kaputten Produkten und zu Recycling-Verpflichtungen mit dem Ziel einer Kreislaufwirtschaft (‚Cradle to Cradle‘). Wenn Produzenten ihre Produkte am Ende der ‚Lebenszeit‘ zurückzunehmen und zudem Recycling-Auflagen zu erfüllen haben, werden sie ihre Produkte entsprechend so konstruieren, dass die Unternehmen mit den zurückkommenden Rohstoffen möglichst viel anfangen können.
  • Zertifizierte nachhaltige Unternehmen können mit einer niedrigeren Gewerbesteuer bevorzugt/gefördert werden, wie es z.B. Heidelberg plant (vgl. Friedmann 2019, 51.)
  • Websites sollen möglichst barrierefrei sein. Warum gilt das nicht auch für den Besuch eines Supermarktes?
    • Warum müssen eigentlich wir Bürger*innen zu regelrechten Expert*innen werden, um auch nur den Hauch einer Chance zu haben, dem Palmfett-Isoglukose-Transfett-naturidentischen-Low-fat-low-carb-low-quality-high-price-Scheiß zu entgehen?
    • Nicht jeder Mensch ist psychisch, intellektuell, sprachlich oder physisch in der Lage, das Kleingedruckte einer Produktverpackung zu lesen und/oder zu verstehen – oder ist dafür zu alltagsbelastet. Maßstab für das, was man Verbraucher*innen zumuten kann, sollte ein*e Alleinerziehende*r sein (vgl. S. 174).
    • Wer jetzt mit „Hauptsache die Wirtschaft brummt“ kommt, offenbart ein eigenartiges Demokratieverständnis und macht zudem einen Gedankenfehler: Wenn 83 Millionen Menschen im Supermarkt täglich erneut und immer wieder komplizierte Entscheidungen zu treffen haben, ist das gemessen daran, dass es einmalig eines einzigen Gesetzes bedürfte, um im Supermarktregal für Übersicht und Gesundheit zu sorgen, wahnsinnig ineffektiv. Das sind letztlich Kräfte, Zeitaufwändungen und Gesundheitsverluste, die richtig viel Geld, Energie und Innovationskraft kosten.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Schweden hat die „Mehrwertsteuer auf Reparaturen von Fahrrädern, Kleidung oder Schuhen … [von 25% ausgehend!] um die Hälfte gesenkt. Wer einen Handwerker ins Haus kommen lässt, um seine Waschmaschine oder den Kühlschrank reparieren zu lassen, zahlt künftig weniger für die Arbeitsstunde“ (Spiegel 2016). 


Nachhaltige Maßnahmen betreffend den Einzelhandel offline/online

  • Gegen die Verödung der Städte bzw. des Zusammenbruchs des Einzelhandels aufgrund von Onlinehandel schlägt Richard David Precht vor:
    • „Eine Idee in die richtige Richtung ist, den Erwerb von Konsumgütern über das Internet zu verteuern und den Einzelhandel steuerlich zu begünstigen. Bei einer Internet-Mehrwertsteuer von zusätzlich 25 Prozent wird der Einzelhandel wieder konkurrenzfähig. Und wenn der Bund den gigantischen Erlös an die Städte verteilt, ist auch wieder hinreichend Geld in der Kasse für Stadt- und Strukturentwicklung“ (Precht 2019, 62).
  • Hier bringt sich auch Graeme Maxton ein und fordert „für kleine Pakete die Nutzung zentralisierter Abholstationen vor[zu]schreiben“ (2020, 125).
  • In diesem Sinne auch:
    • Die Gewohnheit, sich als Käufer*in z.B. Kleidungsstücke systematisch in diversen Größen zu bestellen, um dann alles Nichtpassende und Nichtgefallende porto- und gebührenfrei zurückzuschicken ist klimaschädlich.1

      Eine Zalando-Sprecherin erklärt: „‚Über alle Märkte [der verschiedenen von Zalando belieferten Länder] liegt die Retourenquote bei 50 Prozent‘ … – die Retourenquote im Modebusiness ist höher als bei anderen Produkten“ (Manager Magazin 2018, vgl. Spiegel 2019).

      „[J]edes sechste Paket wird wieder zurückgeschickt. Um Müllberge und Klimabelastung zu reduzieren, könnte eine gesetzlich vorgeschriebene Rücksendegebühr helfen… [so eine Studie]. Schon eine Gebühr von rund drei Euro könnte die Zahl der Retouren um 16 Prozent senken, erwarten die befragten Onlinehändler. Bei [ca. 280 Millionen zurückgeschickten Paketen bzw.] 490 Millionen zurückgeschickten Artikeln im vergangen Jahr entspräche das etwa 80 Millionen Retouren weniger. Das würde dem Klima fast 40.000 Tonnen CO₂[e] ersparen“ (HA 2019, 16; vgl. Retourentacho 2018/19, vgl. Spiegel 2019).2

      Eine solche Gebühr würde des Weiteren dem fairen Wettbewerb dienen, weil kleinere Online-Händler*innen sich gebührenfreie Rücksendung vielfach eigentlich nicht leisten können. Zudem sind die zahlreichen Retouren bereits im Verkaufspreis einkalkuliert, sodass diese unter den neuen Voraussetzungen sinken könnten (vgl. ebd., vgl. Spiegel 2019).
  • Apropos Online-Warenversand:
    • Wettbewerb ist eine gute Idee? Nicht immer: Jeden Tag dasselbe Bild in den Wohnvierteln Deutschlands – erst kommt der gelbe DHL-Lkw, dann vielleicht der weiße Transporter von Hermes. Und natürlich darf auch das braune Vehikel von UPS nicht fehlen. Mit guter Chance statten auch GLS und DPD Ihrer Straße einen Besuch ab. Fünf große Logistikunternehmen mit entsprechenden Lkw-Flotten, fünf Verteilzentren – und letztlich ein relevantes Maß an Platzverschwendung, Gesundheitsbelastung und vermeidbaren CO2-Emissionen. Auch dadurch, dass Pakete ja nicht immer nur einmal ausgeliefert werden…
    • Weitgehend unbemerkt, bekommt man z.B. bei Amazon seit mehreren Jahren über die Shop in Shop-Systeme, namentlich dem ‚Marketplace‘, vielfach und immer mehr auch Ware – z.B. einzelne Kleidungsstücke – direkt aus China per Luftfracht geliefert. Wer schaut sich schon an, wer hinter dem Namen eines Marketplace-Anbieters steckt, wenn die Lieferzeit nur wenige Tage beträgt? Konkret hatte ich in der Vorweihnachtszeit 2017 unter Zeitdruck eine in Unkenntnis obiger Ausführungen von mir nicht hinterfragte Wunschliste abzuarbeiten, die per pragmatisch-unromantischer Mail mit einer umfangreichen Linklist bei mir eingetroffen war. Es kamen innerhalb weniger Tage drei eingeflogene Pakete von drei verschiedenen Bekleidungsanbietern aus China. Problem: Eine Jacke passte nicht, ein Teil gefiel nicht. Also leitete ich die Warenrücksendung ein. Mich erreichten von zwei offensichtlich chinesischen Mitarbeiter*innen mit europäischen Pseudonymen wie Jane innerhalb weniger Stunden zwei ziemlich gut in deutscher Sprache formulierte Mails, in denen mich bei Unternehmen unabhängig voneinander baten, die Pakete doch zu behalten gegen einen Preisnachlass von 15% bzw. 30%. Nun wollte ich es genauer wissen: Wer in Deutschland am Markt teilnimmt, hat gemäß den Regeln Waren zurückzunehmen. Wie soll das global funktionieren, wie kann man da im Wettbewerb bestehen? Nach meinem erneut vorgetragenen Rückgabewunsch hat mir die Firma mit den 30% das komplette Geld (12,40 Euro)3 zurückerstattet – mit der Bitte das Kleidungsstück zu behalten. Das 15%-Angebot für die 33-Euro-inkl.-Versand-Jacke wurde zunächst auf 35% raufgesetzt. Als ich mich darauf nicht einließ sollte ich die Jacke auf Kosten des Unternehmens zurücksenden, was ich tat – um dann das Paket einige Wochen später als in China unzustellbar erneut vor meiner Haustür zu finden. Wahnsinn. Seitdem wird in diesem Haushalt nur noch unter genauen Auflagen im Netz bestellt.

Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 Online-Shopping ist nicht in jedem Fall per se klimaschädlicher als der persönlich unternommene Einkauf. Fedrich rechnet wie folgt: Online-Bestellung inkl. Rückversand von Schuhen: Lagerung und Versand = 1.030g CO2 (600g CO2; Strom PC 60g; CO2; Retoure 370g CO2) | Ladeneinkauf per Rad oder zu Fuß =1.270g CO2 (270g CO2 Umschlagszentrum und Anlieferung; Energie für Laden 1.000g CO2) | Ladeneinkauf per ÖPNV 20 km Anreise 1.710g (es kommen zum Einkauf per Rad noch 440g CO2 Busabgase hinzu) | Ladeneinkauf per Auto 20 km Anreise = 3.270g CO2 (es kommen zum Einkauf per Rad noch 2.000 g CO2 Autoabgase hinzu). Allerdings wird „[r]etournierte Ware … häufig einfach weggeschmissen. Ökologisch ist das eine Katastrophe“ (Fedrich 2020, 184-185). Und: Per Rad oder zu Fuß Einkaufen stärkt letztlich die lokale Wirtschaft – wer will schon, dass die Läden der unmittelbaren Umgebung dicht machen? Aus dieser Rechnung folgernd bietet sich ein Einkauf per Internet am ehesten für Produkte an, bei denen wir uns recht sicher sind, dass sie nicht zurückgeschickt werden brauchen, die nicht in der näheren Region zu Fuß oder per Rad beschafft werden können und – ganz wichtig: die innerhalb Deutschlands verschickt werden, vgl. Anmerkungen zu weltweiter Luftpost-Versendung einzelner Kleidungsstücke etc. über Shop-im-Shop-Systeme, S. 496f.

2 Bislang wurden viele Retourenwaren und unverkaufte Artikel verbrannt. Wenn man 12 bis 24 neue Kollektionen pro Jahr in die Läden bringt (vgl. Greenpeace 2017), dann ist das Kleidungsstück zum Zeitpunkt der Kund*innenrücksendung quasi schon ‚aus der Mode‘ – und damit u.U. schwer oder gar nicht verkäuflich, zumal ja auch Platz geschaffen werden soll im Laden, im Lager oder auf der Websiteoberfläche für die nächste neue Kollektion. Letzteres trifft auch allgemein auf unverkaufte Ware zu. So habe die Luxusmarke Burberry allein im letzten Geschäftsjahr 2017/18 Ware zum ursprünglichen Verkaufspreis von 32 Mio Euro verbrannt (vgl. Spiegel 2018a). In den vergangenen fünf Jahren sollen Produkte in der Größenordnung von 100.000 Euro vernichtet worden sein (vgl. ebd.). Amazon vernichtete im gleichen Zeitraum „neuwertige Waren im großen Stil“ (Spiegel 2018b). Und H&M bringt neuwertige Klamotten „tonnenweise“ (Focus 2017) zur Müllverbrennung. Es „sollen seit 2013 [bis mind. 2017] jedes Jahr [in Dänemark] circa zwölf Tonnen [d.h. 12.000 kg] verbrannt worden sein“ (ebd., vgl. Ayoub 2017).

3 Offizielle Kosten für Verpackung und Versand für das Kleidungsstück aus der chinesischen Provinz Guangdong: 1,50 Euro 


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Verpackungen/Zero Waste‘

Ein guter Anfang bzgl. Zero Waste. | Unsplash/Markus Spiske
  • Für Lebensmittelverpackungen hat zu gelten: Keep it simple.
  • Bis Zero Waste ist es sicher noch ein weiter Weg. Aber auf dem Weg dahin können wir die gröbsten Verpackungseskapaden beseitigen.
    • Wir können die Ausgabe aller Arten von Mitnahmetüten unterbinden: Es gibt dann in der Gemüseabteilung und an der Kasse unabhängig vom Material keine Tüten-Einwegprodukte mehr, auch nicht gegen Bezahlung. Wer zwei Mal ohne Champignons nach Hause gegangen ist, wird es beim dritten Einkauf ‚auf dem Kasten‘ haben – und eine mit der Grammzahl des Eigengewichts bedruckten Standard-Mehrwegverpackung dabeihaben und dort ihre/seine Pilze einpacken.1 Das ist – sofern die Regeln überall die gleichen sind – überhaupt kein Problem.
    • Es kann zudem gesetzlich festgelegt werden, welche typischen Supermarktprodukte unverpackt verkauft zu werden haben: Gemüse, Obst, Nudeln, Reis, Müsli, Wurst2, Käse, Nüsse…
    • Auch was Einwegverpackungen aus Glas und Verbundstoffen betrifft, kann per Keep it simple leicht Abhilfe geschaffen werden: Es reicht vollkommen aus, flüssige Supermarktprodukte in lediglich ca. 20 Mehrwegflaschentypen3 zu verkaufen: Dann kann auch kein Hersteller plötzlich 400 statt 500 ml abfüllen. Aber viel wichtiger: Mehrwegflaschen/-verpackungen brauchen nicht mehr – wie es zurzeit mit einer Reihe von Produkten der Fall ist – zum Originalabfüller/-hersteller zurück transportiert zu werden, was enorme Wege spart. Und was die Markengestaltung des Produktdesigns angeht, können sich die Designer*innen schlicht mehr bei der Etikettgestaltung austoben. Ausgenommen sind von alledem lediglich Produkte, die in der Flasche einen irreversiblen Geschmack oder sonstige Rückstände hinterlassen.
    • Die weiterhin erhältlichen Verpackungen haben im Unterschied zu bisherigen Verbundstoffen aus nur einem Material zu bestehen, z.B. aus Monoplastik. Sie sollten daher keine Etiketts aus anderem Material aufweisen und idealerweise nur aus einem Teil bestehen. Letzteres trifft z.B. edel verpackte Kekse etc., bei denen die Verpackung oftmals im Verhältnis zum Inhalt unangemessen vielschichtig und groß erscheint. Im ‚Einkaufsguide Verpackungen‘ der Stadtreinigung Hamburg – eine Art ‚Verpackungs-Ampel‘ ist auch zu lesen, dass „[s]chwarze oder sehr dunkel eingefärbte Kunststoffe… von den [Mülltrennungs-]Scannern meist nicht richtig erkannt [werden] und … somit nicht recycelt werden [können]. Perfekt sind helle oder transparente Verpackungen [aus Monoplastik]“ (2020, 3).
    • Allgemein kann man regulieren, dass Menschen beim Kauf von Produkten tatsächlich ausschließlich die Produkte erwerben. Die Verpackung des Produktes bleibt somit Eigentum und somit in der Verantwortung des Unternehmens. Somit obliegt es dem Unternehmen, den Joghurtbecher wieder zurückzunehmen durch ein geeignetes Pfandsystem. Und gleichzeitig ist ihm aufgetragen nur sortenreine Verpackungsmaterialien zu verwenden, die leichter recycelt werden können.

>> vgl. Abschnitt Was kann ICH tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten, S. 189 sowie ‚Einkaufsguide Verpackungen‘: https://www.stadtreinigung.hamburg/einkaufsguide/#0 (Abrufdatum 2.2.2020)

Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 Die Menschheit ist zum Mond geflogen. Ich gehe davon aus, dass sie auch das Mitführen von Mehrwegverpackungen beim Einkauf hinbekommt.

2 Keep ist simple: Es macht überhaupt keinen Sinn, als Supermarkt eine Wurst- und Käsetheke zu haben und drei Meter weiter zusätzlich noch ein Kühlregal, in dem man das gleichartige Angebot noch einmal in Fluten von Plastik eingepackt vorfindet.

3 „Die umweltfreundlichste aller Getränkeverpackungen ist die [definitiv mikroplastikfreie!] Glasmehrwegflasche. Nach der Rückgabe im Laden wird sie gereinigt und kann etwa 40 bis 60 Mal wiederverwendet werden. So fällt auch der bei der Glasproduktion entstandene relativ hohe Energiebedarf in der Gesamtbetrachtung weniger stark ins Gewicht. Zusätzliche Umweltbelastungen entstehen lediglich durch Reinigung und Transport der relativ schweren Glasflaschen. Diese werden durch die häufig regionalen Vertriebsstrukturen mit kurzen Wegen aber meist gering gehalten“ (Berliner Abfallcheck o.J. [Träger ist der BUND Berlin]), s.a. ‚Einkaufsguide Verpackungen‘ von der Stadtreinigung Hamburg mit einer Art ‚Verpackungs-Ampel‘: https://www.stadtreinigung.hamburg/einkaufsguide/#0 (Abrufdatum 2.2.2020) 


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Bildung/Erziehung‘

Italien führt derzeit das Schulfach Klimakunde ein. „33 Stunden im Jahr, eine Lektion pro Woche also. In allen Schulstufen, von der ersten Primarklasse bis zur Maturità. ‚Obligatorisch mit allem Drum und Dran, also auch mit richtigen Zensuren‘, sagt [der italienische Minister für Erziehung und Forschung] Fioramonti“ (Meiler 2019).

  • Ohne eigene, analoge umfassende Erfahrungen in freier Natur wird das Thema ‚Klimakunde‘ aber allzu abstrakt bleiben:

    „Der durchschnittliche Bewegungsradius von Kindern hat sich seit des Sechzigern von mehreren Kilometer auf etwa 500 Meter reduziert, während die Risiken, denen sie tatsächlich ausgesetzt sind, immer weiter abgenommen haben“ (Stöcker 2018).

Niko Paech pointiert:

  • „Heute lebt die erste Generation junger Menschen, die sich Naturerlebnissen bestenfalls noch auf Instagram und YouTube hingeben“ (Folkers/Paech 2020, 12).
  • „Die Natur nehmen viele Menschen bis heute als ein bloß äußeres Setting wahr, dem sie nichts schulden: etwas außerhalb ihrer Körper und außerhalb ihrer Gefühle. Was aber wenn der verdorrende Kirschbaum letztlich nichts anderes ist als wir selbst. Um eine solche Sicht in unser Herz einzulassen, bedarf es unerhörten Wandels“ (Weber 2020, 22).

Manfred Folkers:

  • „Wer noch nie eine Kartoffel gepflanzt, ein Blumenbeet gepflegt oder ein Hähnchen geschlachtet hat;… wer die Grenzen der zur Verfügung stehenden Mittel in ihrer Finanzierbarkeit sieht, hält die Natur für eine Erfüllungsgehilfin der eigenen Wünsche“ (Folkers/Paech 2020, 79).
  • Knapp die Hälfte aller heutigen Kinder in Deutschland ist „noch nie allein auf einen Baum geklettert“ (Stöcker 2018; Stand 2015).

In Covid-19-Zeiten stellt Richard David Precht fest:

  • „Apropos biologische Wesen! Vielleicht wird ja gerade das wieder spürbar. Wie viele Menschen fühlen sich heute näher mit ihren Smartphones verwandt als mit Tieren und Pflanzen? Qua Technik schien der Mensch aus der Natur wie aus der Geschichte herausgetreten zu sein“ (2020).

Tatsächlich bewegen wir uns hier in einer gewichtigen Abwärtsspirale: Menschen – ob nun Kinder, Jugendliche oder Erwachsene –, die der Natur und dem Dasein im unversiegelten nicht betonierten Freien entfremdet sind, verstehen oftmals auch nicht wirklich, dass sie Teil der Natur sind und nur mit ihr und dank ihr existieren können: Wenn man keine Beziehung zur Natur aufgebaut hat – wozu sollte sie dann gerettet werden? Welcher Entfremdete sollte warum die erforderliche Energie aufbringen?


Ein Zwischengedanke:

Hätten wir Städter*innen bei klarem Himmel nachts die Möglichkeit, statt rötliches Streulicht das schwarze Himmelszelt aufgespannt mit mehr als einer Handvoll Sterne zu sehen – vielleicht wären wir weniger entfremdet und im wahrsten Sinne des Wortes mehr: geerdet?

Pierre Rabhi über die Notwendigkeit einer anderen Erziehung angesichts der Herausforderungen der Welt:

  • „Zu fragen: ‚Welche Erde hinterlassen wir unseren Kindern?‘, reicht nicht aus; man muss auch die Frage stellen: ‚Welche Kinder hinterlassen wir dem Planeten?‘“ (2015, 124-125).

Die hier dargelegte Entfremdung spiegelt sich gewissermaßen auch in einem der weitverbreitesten universitären Studiengänge bzw. Berufsfeld wider:


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Universitäre Bildung/Ökonomisierung des Lebens‘

Es ist indes nicht einzusehen, warum an den allermeisten Universitäten Betriebs- und Volkswirte immer noch fast ausschließlich mit einem im wahrsten Sinne des Wortes weltfremden Curriculum (Studium-Lehrplan) konfrontiert werden.

Auf das i.d.R. fehlende über den Tellerrand-Denken weist Richard David Precht explizit hin:

  • „[O]hne Utopie ist wahrscheinlich … niemandem geholfen, außer einigen Profiteuren des Status quo… [Der] Möglichkeitshorizont [von heutigen Wirtschaftswissenschaftlern wird] … fast immer vom Status quo bestimmt … Etwas anderes haben sie ein ihrem Studium auch nicht gelernt, und für Visionäres ist in ihren ungezählten Fachpublikationen keinen Raum. So schaffen viele von ihnen das Kunststück, trotz aller gewaltigen Umbrüche seelenruhig davon aus[zu]gehen, Arbeit, Beschäftigung und Gesellschaftsstruktur blieben in den nächsten Jahrzehnten mit der heutigen Zeit vergleichbar“ (2018, 111).

Graeme Maxton klinkt sich nahtlos ein:

  • „Viele schließen … ihr Studium ab, ohne je von alternativen ökonomischen und sozialen Entwicklungsmodellen gehört zu haben. Die meisten Wirtschaftsuniversitäten setzen ihren Schwerpunkt in der Lehre auf Gewinnerzielung und fördern damit ein kurzsichtiges Denken. Und auch wenn sie Module in Ökologie und Umwelt anbieten, hinterfragen nur wenige, warum die Volkswirtschaftslehre die Natur als Externalität behandelt“ (Maxton 2018, 105).

Bregman fügt noch eine eher unerfreuliche menschliche Komponente hinzu:

  • „[I]n den 1990er Jahren fragte sich der Ökonom Robert Frank, was das Bild vom Menschen als selbstsüchtigem Wesen mit seinen Studenten machte… [und stellte dann per Studie fest]: Je länger sie Ökonomie studiert hatten, desto egoistischer waren sie geworden“ (2020, 35).

Anders ausgedrückt: Studierende der ökonomischen Theorien bekommen tagein, tagaus das Menschenbild „eines Egoisten, der in jeder Situation darauf bedacht ist, kühl den eigenen Vorteil zu kalkulieren“ (Göpel 2020, 56) präsentiert – und werden, und das darf nicht verwundern, tendenziell selbst so1. „Aus diesem Grund überraschte das Ergebnis des Ultimatumspiels2 die Wirtschaftswissenschaften so sehr … [Es passte nicht in das Weltbild des homo oeconomicus, d]ass die Proband*innen … lieber gar kein Geld nahmen, solange der andere in ihren Augen nicht gerecht teilte“ (ebd., 57).

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Natürlich spielt hier auch die Persönlichkeit hinein, die die Person ihre/seine Studienwahl treffen ließ.

2 „Ein Akteur, Spieler 1, macht zunächst ein Angebot über die Aufteilung eines vorgegebenen Geldbetrags, das Spieler 2 anschließend annehmen oder ablehnen kann. Akzeptiert er den Vorschlag von Spieler 1, so wird dieser umgesetzt und an die Spieler ausgezahlt. Lehnt er jedoch ab, so erhalten beide Spieler nichts“ (Ockenfels o.J.). Ergebnis: Nur wenn der Betrag für Spieler 2 bei etwa 1/3 lag, nahm diese*r den Vorschlag an, was Spieler 1 offenbar auch korrekt antizipiert (vgl. ebd.). 

Wer in einem solchen Umfeld studiert oder arbeitet, hat sich – wenn wir Bregman und Junger ernstnehmen (vgl. S. 383f.) – in einer nicht menschengerechten Umgebung selbiger anzupassen und sich daher von sich selbst als Mensch zu entfremden. „Durch die radikale Orientierung am Aktienwert seien Manager*innen und Leiter*innen der Börsenfirmen [– so Anwalt Jamie Gamble –] rechtlich dazu verdonnert, sich wie Soziopathen zu verhalten“ (zit. in Göpel 2020, 67). Dass passt hervorragend zu der Beobachtung von Karen Duve, die 2014 ein ganzes Buch zum Thema Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen veröffentlicht hat und eben das Problem darin sieht, dass gerade in den Chefetagen oft Menschen sitzen, die sich wie der homo oeconomicus gerieren und statistisch gesehen überdurchschnittlich oft einen Befund haben.

Bedauerlicherweise macht das ökonomische Denken heutzutage keineswegs Halt an der Ausgangstür von börsennotierten Unternehmen. Die Denke färbt ab und ist gerade in den letzten Jahren weiter eingesickert in unser Berufsleben – vergleiche z.B. die Quantisierung von Nicht-Quantifizierbarem in der Pflege – und in unser Alltagsleben, man denke hier nur an das Thema Selbstoptimierung sowie Wischtechniken bei der Partner*innenwahl. Das alles wird uns nicht helfen bei der anstehenden sozial-ökologischen Transformation. Vollkommen richtig bemerkt Maja Göpel dazu:

  • „Ein System, das Egoismus belohnt, erzieht zum Egoismus. Wir brauchen eine Neubetrachtung der Werte, die Menschen in ihrer kooperativen Lebendigkeit stützen“ (2020, 72-73).
  • „Materielle und soziale beziehungsweise umweltorientierte Werte verhalten sich den materialistischen Werten gegenüber wie auf einer Wippe. Wenn die einen zunehmen, nehmen die anderen ab. Wenn die homo-oeconomicus-Perspektive Kultur und Struktur dominiert, dreht sich alles um Status, Macht und Geld. Gleichzeitig schwinden Mitgefühl, Großzügigkeit und Umweltbewusstsein, und die Frage nach dem Genug und dem Wohlergehen des ganzen wird aus Theorie und Weltanschauung getilgt. Und wenn das Wir im Ich immer kleiner wird, entsteht auch ein gesamtgesellschaftliches Problem. Aber die gute Nachricht aus [Tim] Kassers Forschung ist; Die Werte-Wippe funktioniert auch in die andere Richtung. Sobald die sozialen und ökologischen Werte höher im Kurs stehen, sinkt die Wichtigkeit der materiellen Werte“ (ebd., 133-134).

Damit ist ein wesentlicher Punkt der sozial-ökologischen Transformation angerissen: Wir brauchen eine umfassende, alles in Frage stellende Inventur unseres Lebensstils und somit einen erheblichen Wertewandel…


… der sich dann z.B. darin niederschlägt, dass der nächste Punkt dieses Abschnittes nicht als provozierend wahrgenommen würde:


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Ernährung in öffentlichen Institutionen wie Kantinen, Mensen, Kitas…‘

Wenn eine Stadt wie bspw. Hamburg mit energetischen Dämmungen und Solarbedachungen der öffentlichen Gebäude vorangeht, sollte sie auch – wie der BUND Hamburg in seinem ‚Klima-KRISENplan‘ im Vorfeld der Veröffentlichung des ‚Hamburger Klimaplans‘ 2019 herausarbeitet – „sich ab sofort verpflichten, in allen öffentlichen Kantinen und Mensen sowie bei Veranstaltungen in der Regie der Stadt ausschließlich Lebensmittel aus ökologischer Erzeugung sowie vorrangig regionale und saisonale Angebote nutzen. Zudem muss das Fleischangebot verringert werden, denn die Tierhaltung gehört weltweit zu den großen Verursachern von Treibhausgasemissionen“ (BUND 2019).

Ich schließe mich dem an und erweitere den Gedanken auf Kindergärten und Schulen. Pädagogische Einrichtungen prägen unsere Kinder von klein auf und stellen sich zunehmend der Verantwortung einer klimagerechten Erziehung zur Nachhaltigkeit. Betreffend die Ernährung von Kindern z.B. in Kitas und Schulen ist hier – und das ist eine simple Maßnahme – komplett auf nachhaltige, weitgehend regional-saisonale, vegetarische und damit definitiv gesunde Ernährung umzustellen. Fleisch- und Fisch-lose Ernährung ist ohnehin der kleinste gemeinsame Nenner von hochgradig unterschiedlichen Ernährungsgewohnheiten in Kitas und Schulen – und vereinfacht vieles: Die Umstellung erspart diverse ‚Extrawürste‘, sodass ich mich wundere, dass dieser Vorschlag nicht längst – aus Gründen der Bequemlichkeit – umgesetzt ist. Und es schränkt niemanden wirklich ein: Logischerweise werden die Kinder außerhalb der Kita so ernährt, wie die Eltern das wünschen, sodass keine Diskussion über mögliche ‚Ernährungsdefizite‘ notwendig sein wird: Täglicher Fleischkonsum ist definitiv nicht gesund. Und: Es ist im Sinne von uns allen, dass Kinder nachhaltige Ernährungsformen kennenlernen und auf ein Fleisch-reduziertes Erwachsenenleben vorbereitet werden.

>> vgl. Aspekte Rindfleisch bzw. Vegetarismus ab S. 178 sowie Abschnitt Fleisch, Fisch und Ernährung ab S. 549.

Maja Göpel in Klimawoche 2020, Min 80 https://youtu.be/jeNuHttfMRw?t=4840 (Abrufdatum 19.11.2020)

Der Bereich ‚öffentliche Beschaffung‘ ist allgemein so aufzustellen, dass die öffentliche Hand – als Vorbild und weil hier Zukunfts-entscheidende Budgets vergeben werden – Aufträge grundsätzlich und institutionell so verankert an besonders nachhaltige/zukunftsfähige Unternehmen vergibt.

Wir sollten bei allen Mechanismen gucken, „wie all das öffentliche Geld systematisch in die Richtung geschoben wird, dass die Transformation stattfinden kann und die[jenigen] begünstigt werden, die sich auf den Weg machen, weil wir momentan in vielen dieser Förderprogramme… [das] noch viel zu wenig … eingebaut haben. D.h., warum sollten all die öffentlichen Gelder nicht ganz klar auf die Zielerreichung dieser Gesellschaft programmiert werden, warum sagt man dann, ‚das ist staatliche Kontrolle des Marktes‘, wenn es darum geht, die Marktanreize, die uns an Nachhaltigkeit vorbeigehen, zu korrigieren, damit wir unsere Ziele erreichen können? Und dann kann die Wirtschaft das wunderbar tun“ (Maja Göpel in Klimawoche 2020, Min 80).


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Wohnungsbau/Wohnen‘

Eine oft übersehene Form von Wachstum.
  • Wir haben die Art, Wohnungen zu bauen oder zu sanieren zu überdenken:

    Derzeit unterliegen die gebauten/sanierten Wohnflächen dem Prinzip des ‚ImmerMehr‘. So steigt nicht nur allgemein die Wohnfläche pro Wohnung an: Auch die Zahl der Wohnungen steigt – weniger, weil es mehr Einwohner*innen gibt, sondern vor allem, weil die Zahl der Single-Haushalte in den letzten dreißig Jahren massiv angestiegen ist – und nun bei über 41,1 Prozent liegt (vgl. BiB 2016).

    Michael Kopatz erläutert dazu sinngemäß auf dem Ersten Hamburger Klimagipfel trocken:

    Man kann auch zu zweit, dritt oder viert in einer Wohnung leben. Das ist möglich.“ (20.1.2020).


2018 = 42,2 Mio Wohnungen in Deutschland | 2011 = 40,6 Mio
2018 > 17 Mio Singlehaushalte | > 40% aller Haushalte werden von einer Person bewohnt
(vgl. check24 2019)


Wohnfläche der Wohnungen:

  • „Im Jahr 2014 … lag die Wohnfläche pro Kopf in Ein-Personenhaushalten mit 66,7 Quadratmetern… um mehr als ein Drittel höher als die Wohnfläche pro Kopf in Zwei-Personenhaushalten mit 48,0 m2. Die Mitglieder von Haushalten mit drei oder mehr Personen beanspruchten sogar nur eine durchschnittliche Fläche von 30,6 m2“ (UBA 2019).

Auch in den 1970er Jahren konnte man in Deutschland angemessen wohnen.

  • 1972 lag die Wohnfläche pro Person bei 26,4 Quadratmetern.
  • 1989 bei 36,4 m2.
  • 2018 bei 46,7 m2 (vgl. Gesis, o.J., UBA 2019).1

Details: Erläuterungen zu (1)

Die Zahlen aus dem Jahre 1972 und 1989 sind auf die Bundesrepublik Deutschland bezogen. 

Michael Kopatz trifft den Punkt:

  • „Während es in Tokio normal ist, wenn eine vierköpfige Familie auf 40 Quadratmetern lebt, gelten hierzulande zwischen 120 und 150 Quadratmeter als angemessen. … Es gab in Deutschland eine Zeit, da war es normal, dass zwei Kinder sich ein Zimmer teilen. … Heute ist fast ein Zustand erreicht, in dem sich Jugendliche arm fühlen, wenn ihnen ‚nur‘ zwölf Quadratmeter zur Verfügung stehen. Im Singledasein setzt sich die Maßlosigkeit fort. Es ist Teil unserer Kultur, wenn zwei Personen auf 100 Quadratmetern leben“ (2016, 113).

Kopatz fügt an anderer Stelle hinzu, dass dieses Bedürfnis nach mehr Quadratmetern und nach Single-Wohnungen zur Folge hat, dass jährlich etwa 300.000 Wohnungen gebaut werden, trotzdem eine Not an Wohnraum besteht und das alles, obwohl sich doch die Einwohnerzahl seit 1970 nicht grundlegend verändert hat (vgl. 2019, 173-174).

Die Einführung eines Wohngemeinschaftschafts-Bonus, wie ihn German Zero fordert, könnte hier einen in die richtige Richtung zielenden Anreiz setzen (2020, 38).

  • Durchschnittlicher Stromverbrauch (Berlin)
    1.500 kWh = Single-Haushalt | 2.500 = 2 Personen | 4.250 = 4 Personen (vgl. check24 2019)
  • > Ein Singlehaushalt verbraucht deutlich mehr Strom als Mehrpersonenhaushalte.
  • Je größer die Wohnung, desto höher die sog. ‚Graue Energie‘ (vgl. S. 94), die für sie verbaut wurde. Desto höher prinzipiell die erforderliche Menge von Strom und Wärmeenergie. Desto mehr Platz für Konsumprodukte etc. pp. pp. – Zersiedelung, Versiegelung, Anfahrtswege/Verkehrsaufkommen, Zahl der Stellplätze, Zahl der Pkw… hier kommt eine Menge an letztlich energie-intensiven Faktoren zusammen.
  • Hier wird sich etwas zu ändern haben. Wer das anzweifelt, möge dieses Wachstum mal einfach in die mittlere Zukunft weiterdenken.
  • Viele Menschen bleiben – vollkommen nachvollziehbar – in ihren großen Wohnungen, z.B. wenn die Kinder aus dem Haus sind, weil betreffend den freien Wohnungsmarkt ein Umzug in eine kleinere Wohnung in der gleichen oder in einer vergleichbaren Umgebung aufgrund des neuen Mietvertrags unweigerlich teurer würde: Weniger Platz für mehr Geld. Dazu schlagen die Grünen in Berlin das ‚Recht auf Wohnungstausch‘ vor, bei dem Mieter*innen „bestehende Mietverträge untereinander … tauschen“ [können:] Das soll zunächst nur für Wohnungsgesellschaften gelten, private Kleinvermieter sollen davon ausgenommen bleiben“ (Eubel 2019). Dieser immerhin vom Deutschen Mieterbund begrüßte Vorschlag stellt sicher einen Bruch mit bisherigen rechtlichen Usancen dar – aber für Business as Usual ist im wahrsten Sinne des Wortes ‚kein Platz mehr‘.
    Manche Baugenossenschaften bieten solche Verfahren schon in eigener Initiative seit vielen Jahren an.
  • Tiny Houses, flexiblere Wohneinheiten mit Gemeinschaftsräumen (‚Clusterwohnungen‘), WGs mit Büroanschluss, altersgerechtes Wohnen mit Freund*innen oder in der Mehrgenerationenhaus… es gibt so viel mehr Möglichkeiten als das traditionelle (und nach meiner Wahrnehmung allzu oft Beziehungs-killende) Schlafstadt-Eigenheim vor den Toren der Großstadt, das man im Winterhalbjahr wochentags nur bei Dunkelheit sieht, wenn man den täglichen Stau zum zweiten Mal hinter sich gebracht hat.

Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Stadtgestaltung‘

Der zunehmenden Versiegelung von Städten hat entgegengewirkt zu werden. Für die Menschen – aber auch zur Wasserregulierung. Wenn die Extremwetter dazu führen, dass es mal wochenlang gar nicht regnet und dann sehr viel, ist es wichtig, gezieltes Wassermanagement zu betreiben – um weder aufgrund von Überflutungen noch aufgrund von Dürreperioden zu leiden: Berlin hat etwa 430.000 Stadtbäume (vgl. Weißmüller 2020), die zur Kühlung der Stadt erheblich beitragen: „Auf 50 bis 100 Meter breiten Grünflächen zum Beispiel ist an heißen und windstillen Tagen eine Abkühlung von bis zu vier Grad Celsius möglich“ (ebd.).

Eine moderne City soll eine

  • „‚Sponge-city“, also Schwammstadt, sein: Wie ein Schwamm soll die Metropole das Regenwasser nicht mehr direkt in ihr Kanalsystem abfließen lassen, sondern speichern und erst allmählich und nach Bedarf wieder abgeben. ‚Die Grundidee ist immer dieselbe‘, sagt [die Ingenieurin Darla] Nickel. Regenwasser soll vor Ort gehalten werden, der natürliche Wasserhaushalt gestärkt und daraus Nutzen gezogen werden.“ (Weißmüller 2020).
  • „Wer aber das Regenwasser vor Ort halten will, braucht Grünflächen – ob in Form von Dachgärten und Fassadenbegrünung oder durch bepflanzte Zwischenräume und neue Parks. Das bringt Grün in die Stadt und damit auch mehr Lebensqualität für die Bewohner“ (ebd.).

Gerade auch vor dem Hintergrund, dass wir künftig weniger bzw. erwartbar wieder mehr regional verreisen werden, ist innerstädtisches Grün sehr wichtig.


Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Publizismus: Journalismus/Internet‘

  • Es ist die Frage aufzuwerfen, inwieweit in Deutschland ein strengeres Medienrecht on- und offline zu konstruktivem Journalismus beitragen könnte. Bspw. eine Aufwertung von Persönlichkeitsrechten, eine Ausweitung der Gegendarstellung z.B. durch grundsätzliche Verlegung auf Seite 1 und wesentlich höhere Strafzahlungen/Schadensersatz/Schmerzensgeld bei evidenten Falschmeldungen könnten hier mäßigend auf unseriöse Medienangebote wirken. Auch eine genauere Formulierung des Programmauftrages für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der Information, Bildung und Unterhaltung gleichermaßen dienen soll (vgl. NDR 2019), könnte hilfreich sein, weil die Ausrede, Information sei gewährleistet, in dem man sie in Spartenkanäle und/oder außerhalb der Primetime sendet, nicht mehr gelten sollte. Konkret…
  • Erforderlich ist die Absetzung der ARD-Sendung ‚Börse vor acht‘.
    Diese Sendung gaukelt den Zuschauer*innen in Zeiten des Nano-Sekunden-Handels vor, irgendetwas Relevantes würde noch auf dem Börsenparkett entschieden. Zur besten Primetime-Sendezeit wird hier Zuschauer*innen suggeriert, dass sich die wichtigsten Nachrichten des Tages um die Frage ranken, wie sich der DAX entwickelt. Im Februar 2018 eröffnete ich einen längeren Mailkontakt mit der ARD mit der Feststellung, dass selbige damit „ein starkes politisches Signal auf ein strikt konservatives ‚Weiter so‘, auf die heutzutage unglaublich falsche These ‚Gehts der Wirtschaft gut, gehts auch den Menschen gut‘1 [setzt] und … so – nach meiner Ansicht – jegliche neutrale (=nicht-wirtschaftsfreundliche) Anmutung [verlässt]. Und mehr noch, die ARD verpasst aus meiner Sicht die Chance, der Gesellschaft durch existenzielle Themen und progressiveres Programm – ja, warum nicht eigentlich: ‚Klimanachrichten‘? – über die wirklich wichtigen und zukunftsrelevanten Dinge [regelmäßig, gerne auch mit einem positiven Schwerpunkt] zu informieren“ (s.a. Göpel 2020, 82, s.a. Kopatz 2016, 68-69).2 Die Antworten der Sachbearbeiterin, die das Thema offensichtlich derart irrelevant fand, dass eine Weiterleitung bzw. eine Kontaktherstellung für sie nicht in Frage kam, fielen gleichbleibend nichtssagend-professionell-unverbindlich aus. Eine sachliche Auseinandersetzung war nicht erwünscht.

>> Inzwischen ist eine Change.org-Petition am Start, die ebenfalls die Absetzung der Sendung zum Ziel hat, siehe
https://www.change.org/p/ard-strahlen-sie-anstelle-der-b%C3%B6rse-vor-8-eine-sendung-aus-die-sich-dem-klimaschutz-widmet-4f3eb6cd-6030-4a0e-8d01-c7beb4b55ef5 (Abrufdatum 28.1.2020)

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Der sog. Fahrstuhleffekt (‚The tide lifts all boats‘), demzufolge der Lebensstandard für alle gemeinsam insgesamt steige (vgl. Welzer 2016, 128), auch Trickle-Down-Effect: Dessen Verfechter*innen inkl. Adam Smith behaupten, erfolgreiches Wirtschaften wohlhabender Menschen durch „immense Vervielfachung der Produktion“ (Adam Smith zit. in Kurz 1993) käme auch den weniger Begünstigten zugute, sodass „letztlich die Kluft zwischen Arm und Reich verringert“ (Maxton 2018, 55) werde. „Im Umkehrschluss: Damit die Armen mehr vom Kuchen abbekommen, muss der Kuchen immer größer werden“ (Göpel 2020, 84). Tatsächlich ist es jedoch seit Jahrzehnten so, dass sich die Schere zwischen Arm und Reich jedoch immer weiter öffnet – sowohl in Deutschland als auch global (vgl. Ausführungen im Abschnitt Klimagerechtigkeit, S. 638). Meiner Wahrnehmung nach wird die These i.d.R. besonders von Menschen vertreten, denen zupass kommt, wenn die These als ‚wahr‘ geschluckt wird – und in der Tat ist sie tief in das Denken namentlich der Bürger*innen Deutschlands eingesickert, wie sich an weitverbreiteten Glaubenssätzen wie „Hauptsache die Wirtschaft brummt“ bemerkbar macht. Sicher ist die Idee vom Fahrstuhleffekt nicht per se falsch, nahe liegender ist jedoch, dass es sich um einen Legitimierungsversuch der Nutznießenden handelt. Im Grunde stellt der Fahrstuhleffekt eine alte Art dar zu argumentieren – auch Kolonisator*innen und Missionar*innen mach(t)en diesen Effekt stets für sich geltend.

2 Fernsehen sollte – auch – der Unterhaltung dienen. Und wir haben alle die Freiheit nicht einzuschalten. Es stellt sich indes trotzdem die Frage, inwieweit es im Jahr 2020 noch ethisch verantwortbar und auf Basis der Einnahmen des Rundfunkbeitrages vertretbar ist, in Anlehnung an historische Sendeformate des 20. Jahrhunderts wie Love Boat und Traumschiff eine Dauer-Werbesendung für Kreuzfahrten – ‚Verrückt nach Meer‘ – zu produzieren und zu senden (vgl. Change.org-Petition 2020). Ähnliches gilt für das unangemessene Übermaß an unkritischen Zoo- bzw. Natur-Sendungen in Dauerschleife – denen ich einen politisch-sedierenden Einfluss unterstelle, was sich m.E. darin zeigt, dass sie in einem überaus merkwürdigen Kontrast zum Naturverbrauch und zur Billigfleisch-Akzeptanz der Bürger*innen Deutschlands stehen. Auch stellt sich die Frage, ob Stefan Mross‘ Hochzeit (mit Anna-Carina Woitschack) wirklich ein samstägliches TV-Großereignis sein muss in Form der Primetime-Sendung ‚Schlagerlovestory.2020 – Das große Wiedersehen‘ (vgl. Ewald 2020). Ich habe nichts gegen solche Sendungen: Unterhaltung ist wichtig – für alle Zielgruppen. Wenn jedoch Sendungen mit Realitätsbezug i.d.R. nur nach 22 Uhr oder in Spartenkanälen gesendet werden, dann ist das hochgradig problematisch und entspricht nicht der Informationspflicht und dem Bildungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Davon ausgehend, dass ARD und ZDF eine eher ältere Zielgruppe, die noch lineares (d.h. nicht zeitversetztes) Fernsehen schaut, bedient – und diese die Mehrheit der Wähler*innen stellt (vgl. Aspekt Wahlmacht, S. 224), dann ist das hinsichtlich der Zukunftsfähigkeit Deutschlands ein fatales Signal: Auch Unterlassung ist eine Handlung. Ich plädiere für eine Abschaffung der Quotenerhebung und eine Betonung des öffentlich-rechtlichen Auftrages zur Primetime. Hier geht es nicht um Erziehungsfernsehen, sondern einfach um Unterhaltung mit Fantasie abseits von Rosamunde Pilcher. „In Großbritannien zum Beispiel ist das schon ganz anders. Die BBC etwa fordert nicht nur nachhaltige Produktionsstandards ein, sondern hat alle Sektionen im Sender dazu aufgerufen, sich Gedanken zu machen wie ‚environmental sustainabilty‘, also Nachhaltigkeit auch inhaltlich [in Form von ‚Green Storytelling‘] eine Rolle spielen kann – und zwar in allen Genres“ (Urbe 2020, 18). So sendet die BBC eine fiktive Doku, die in einer nicht definierten baldigen Zukunft spielt, in der der Konsum von Fleisch verboten ist. Abschließend ist anzumerken, dass bzgl. der in den letzten Jahren gesendeten Dokus und bzgl. der üblichen Berichterstattung zum Thema ‚Klimakrise‘ der Hinweis auf die Zusammenhänge zwischen Wachstum und planetaren Grenzen i.d.R. nicht ausreichend deutlich ausfällt. 

  • Als das Internet massentauglich wurde kursierte die Idee, die Vision und das Versprechen, das Internet würde die Welt freier machen und demokratisieren. Nach meinem Eindruck ist diese Idee bzw. dieser Anspruch alles in allem gescheitert. Diktaturen schotten einfach die bestehenden Grenzen nicht nur physisch, sondern auch online ab – oder nötigen maßgeblichen Global-Playern ihre Bedingungen – d.h. Zensur – auf. Und die monopolistischen Strukturen der übernationalen Konzerne sorgen auch nicht dafür, dass bspw. Suchergebnisse neutral sind. In aller Naivität habe ich das o.g. ‚große Versprechen‘ nie verstanden – es scheint mir persönlich wesentlich sinnvoller, das Internet als einen verlängerten Arm des regulierungsbedürftigen realen Lebens zu sehen, sodass die Rechtsverhältnisse zwischen digitaler und analoger Welt entsprechend weiter anzugleichen wären.

Nachhaltige Maßnahmen im Bereich ‚Werbung‘

  • Es ist die Frage aufzuwerfen, inwieweit es sinnvoll ist, zu ermöglichen, in den Massenmedien klimaschädliche Produkte und Dienstleistungen sowie einen entsprechenden Lifestyle zu bewerben. Michael Brüggemann mit dem Fachgebiet Klima- und Wissenschaftskommunikation schreibt über TV-, Radio-, Kino-, Internet- und Plakatwerbung:
    • „Was in Deutschland wichtiger ist als die Aktivität einer kleinen Gruppe von Leugnern des Klimawandels, sind die täglichen Werbebotschaften, die uns zum Kauf klimaschädlicher Produkte aufrufen“ (2019).
      Schon mit Blick auf TV-Werbung der 1950er Jahre in den USA konstatierte ein ungenannter Motivationsforscher:
    • „Reklame sei weniger dazu da, ein [bestimmtes] Produkt zu verkaufen… als den puritanischen Seelen der [US-]Amerikaner ‚die moralische Erlaubnis zu geben, ohne Schuld Spaß zu haben‘. Tatsächlich scheint die Therapie anzuschlagen: Jedes Jahr, jubeln die Marketingleute, werde es leichter, Luxusprodukte zu verkaufen“ (Albig 2020, 58).
  • Denkbar wäre im größeren Maßstab Gegenwerbung, wie sie Greenpeace als ‚Fake-Anzeigen‘ oder ‚Adbusting‘ in der Rubrik ‚Keine Anzeige‘ auf der letzten Seite, auf dem Backcover des Greenpeace Magazins abdruckt (vgl. Greenpeace Magazin 2017, mit Beispielen).

>> siehe Greenpeace Magazin (2017): „Original und Fälschung: Eine Ausstellung zeigt die besten Fake-Anzeigen aus dem Greenpeace Magazin“. in: Greenpeace Magazin, 2.6.2017, online unter https://www.greenpeace-magazin.de/nachrichten/original-und-faelschung-eine-ausstellung-zeigt-die-besten-fake-anzeigen-aus-dem (Abrufdatum 7.6.2020)


Ideen für eine nachhaltige Zukunft: Wie könnte ein positives Narrativ aussehen?

  • Umweltbewegte Menschen postulieren immer wieder, es müsse ein positives Narrativ geben, an dem sich die Bürger*innen orientieren und festhalten können, eine „Zielvorstellung, die solche Großanstrengungen wie den Bau einer neuen Infrastruktur lohnend erscheinen lässt“ (Heuser 2019, 24). Nun, selbstverständlich ist es gut, zu wissen wo man hin will. So habe ich hier im Eingangsabschnitt Intro das Narrativ formuliert:

Die Doppelkrise Klimakrise/Massenaussterben bietet – trotz der bedrohlichen Kulisse – eine Chance. Sie ist die Chance, die wir bislang nie hatten. Sie kann uns von unserem selbstzerstörerischen Trip befreien, das Leben freier machen und für globale Gerechtigkeit sorgen – nutzen wir sie. (vgl. S. 41)

Über dieses Narrativ hinausgehend, fürchte ich jedoch, dass das gewünschte allgemeine, emotional erreichende, von Menschen mehrheitlich positiv aufgefasste Narrativ nicht zu finden ist, und zwar, weil es m.E. selbiges so nicht gibt. Ein Teil der Botschaft wird immer zu lauten haben, dass eine Veränderung hin zu einem deutlichen Weniger von materiellen bzw. konsumistischen Ansprüchen erforderlich ist, was nun mal bis auf Weiteres für Viele keine besonders verführerische Botschaft darstellt.

Das positivste Narrativ, dass angesichts der fortgeschrittenen Klimakrise noch realistisch zu erzählen ist, besteht m.E. darin, dass unsere Kinder, Enkel*innen und Nachfahr*innen weiterhin ein sinnmachendes Leben auf einem lebenswerten Planeten leben können, wenn wir jetzt handeln.

Und ich denke, dass das angesichts der Tatsache, dass der Karren ziemlich tief im Dreck steckt, schon eine verdammt gute Nachricht ist – die vollkommen auszureichen hat, um endlich, endlich loszulegen.


Ideen für eine nachhaltige Zukunft: Die neuen No Go’s unserer Zeit

In diesem Zusammenhang ist es sinnvoll, konkret über die Aspekte unseres gesellschaftlichen Lebens nachzudenken, die zu no go’s geworden sind: No go‘s sind dort zu finden, wo die Divergenz zwischen Soll- und Ist-Zustand z.B. aufgrund des CO2-Ausstoßes unhaltbar geworden ist.

Das Belassen beim Ist-Zustand suggeriert zudem den mit der globalen Krise nicht so vertrauten Menschen ein ‚Weiter so‘, wo es kein ‚Weiter so‘ geben kann:

  • Fußball-WMs in Flächenländern bzw. mit über tausende Kilometer verteilten Sportstätten, in denen Spieler*innen, der gesamte Staff und die Fans zwischen den einzelnen Spielen hin- und herfliegen ‚müssen‘.

    (Ich fürchte, auch die Zeiten, in denen alle Welt zu einem solchen Event einfliegt, haben vorbei zu sein: Stichwort ‚Klimaneutralität 2035/37‘.)
  • Einmalig aufgebaute Spielstätten à la Olympia:
    • Bis dato wird jeweils irgendwo auf der Welt alle vier Jahre jeweils sowohl für die Winter- und auch die Sommerspiele ein ganzes Sammelsurium an Beton-Stadion-Klötzen hochgezogen, die hinterher i.d.R. nicht mehr gebraucht werden.
    • Warum kann denn die Sommerolympia nicht künftig wieder dauerhaft nach Griechenland zurückkehren? Das wäre doch eine wunderbare Tradition.
    • Warum sollte es nicht einen festen Ort für Fußball-WMs geben? Oder sechs, d.h. auf jedem Kontinent eine, sodass diese alle vier Jahre auf einem anderen Kontinent stattfindet. (Gemeint sind hier Afrika, Asien, Australien, Europa, Nordamerika, Südamerika.)
    • Warum können Fußball-Europameisterschaften nicht auf nur zwei, drei Städte verteilt stattfinden, drei Spiele täglich auf Kunstrasen? (Die Öko-Bilanz von Kunstrasen ist in Relation zu Stadionneubauten geradezu fantastisch.)
    • Katar hat etwa 2,8 Mio Einwohner*innen – das entspricht etwa der Einwohner*innenzahl von Hamburg und Köln. Hamburg und Köln verfügen gemeinsam über zwei WM-taugliche Fußballstadien. In Katar soll es bis zum ersten Anstoß acht WM-Fußballstadien geben mit mindestens 40.000 Zuschauer*innenplätzen, summeriert: 300.000 Plätze. Damit kommen auf einen Sitzplatz 10 Bürger*innen Katars.

>> Was da an klimarelevantem Beton/Zement verbaut wurde… für eine vierwöchige Veranstaltung… alle Welt wird einfliegen. Und das im Jahre 2022. Mir wird schlecht… allein aus Klima-Gründen ist diese WM m.E. mit einem Boykott zu belegen… Es gibt noch 6.500 weitere Gründe: Seit der Vergabe der WM an Katar im Jahre 2010 sind in Katar beim allgemeinen Aufbau der WM-Infrastruktur laut Guardian bis Ende 2020 mehr als 6.500 aus dem Ausland angeworbene Bauarbeiter ums Leben gekommen (vgl. Pattisson et al. 2021). Da spritzt einem ja das Blut in die Augen beim Fernsehgucken. Ja, das muss so deutlich.

PS: Weitere Argumente für einen Boykott liefern die massiv missachteten Menschenrechte insbesondere auch gegen Arbeitsmigrantinnen in Katar (vgl. AI 2021).

  • Bezogen auf Deutschland setzen z.B. die Cruise Days in Hamburg ein vollkommen falsches Zeichen. Hier gibt es nichts zu feiern (vgl. Aspekt Der ökologische Doppelschlag: Kreuzfahrten, S. 288ff.). Die Cruise Days demonstrieren eine Normalität, wo keine mehr ist.
  • Wintersport in Gegenden, in denen keine reelle Chance auf einen weißen Winter besteht: So berichtet der Spiegel über die ‚Wintersporthochburg‘ Oberhof, die im Winter 2019/20 einen Weltcup ausrichtete. Was fehlte, war der Schnee. „Und auch die 37 Schneekanonen im 800 Meter hoch gelegenen Ort halfen nicht sehr viel weiter – es war zu warm fürs Schneeschießen… Für den Weltcup … mussten 2.000 Kubikmeter Schnee in mehr als 30 Lkw-Ladungen aus Gelsenkirchen vom dortigen Biathlonspektakel 370 Kilometer weit nach Thüringen gekarrt werden“ (Ludwig/Purschke 2020, 99).

>> Siehe auch Aspekt Konsequenzen (die angesichts der Zahlen des Flugverkehrs zu ziehen sind), S. 281


Nachhaltige Maßnahme ‚Freiwillige Selbstdeprivilegierung‘

Einen auf den ersten Blick ganz erstaunlichen Gedankengang werfen Luisa Neubauer und Alexander Repenning in ihrem Buch Vom Ende der Klimakrise: Eine Geschichte unserer Zukunft auf, basierend auf der Forschung der Transformationsforscherin Luise Tremel: Die Rede ist von der ‚Freiwilligen Selbstdeprivilegierung‘. Gemeint ist die freiwillige, d.h. selbstinitiierte und dann politisch verpflichtend umgesetzte Abschaffung von Gewohnheitsrechten1, die moralisch nicht mehr haltbar sind oder die eigentlich nie haltbar waren:

Dem äußerst spannenden Gedankengang von Luise Tremel soll hier angemessener Platz eingeräumt werden.
Nach der notwendigen Vorrede, dass „der Fall [natürlich] nicht ohne Weiteres auf heute übertragbar … [sei, es jedoch „große Parallelen [gäbe]“ (Neubauer/Repenning 2019, 173), führt Luise Tremel aus:

  • „Rund um den Atlantik … wurde mit Sklaven und mit Sklavinnen gehandelt und mit den Gütern, die von diesen Sklaven produziert wurden. Das waren die ersten Massenprodukte der Weltgeschichte, auf den ersten Massenmärkten. Der Zucker gilt als das Öl des 18. Jahrhunderts, die Baumwolle dominiert das 19. – beide wurden fast ausschließlich von Sklaven hergestellt. Die Sklaverei war also für sehr viele Menschen an sehr vielen Orten mit Wohlstand verbunden, mit der Ausnahme der Sklaven selbst – ansonsten gibt es in den Gesellschaften, die sich der Sklavenarbeit bedienen, eigentlich niemanden, der nicht in irgendeiner Weise an der Ausbeutung teilnimmt: Sie war die Geschäftsgrundlage für landwirtschaftliche Produktion, Transportunternehmen jeglicher Art, Reedereien, große und kleine Handelsunternehmen, Versicherungswirtschaft, Banken, verarbeitende Industrien aller Couleur. Die Sklaverei hat deshalb in allen diesen Branchen Arbeitsplätze geschaffen und gesichert. Das Steueraufkommen hat Staatskassen gefüllt, Privathaushalte kamen über Haussklaven zu Komfort, und die großen Massen der Menschen in diesen Gesellschaften konnten sich Zucker, Baumwollprodukte, Kaffee usw. überhaupt erst dadurch leisten, dass die eigentlichen Kosten dieser Produkte externalisiert wurden – auf Sklaven ausgelagert. Die Sklaverei hat also alle wirtschaftlichen Prozesse dominiert…“ (Tremel 2017, 4).

Ersetzt man in diesem Absatz den Begriff ‚Sklave‘ durch ‚Öl‘ (bzw. ‚fossile Brennstoffe‘) und denkt man an moderne Produkte, weist der vorhergehende Absatz (abgesehen vom unmittelbaren Menschenrechtsaspekt) erstaunliche und massive Parallelen zu den ‚modernen‘ Industriegesellschaften auf: Der Mechanismus ist weitgehend der gleiche. Tremel führt weiter aus:

  • „Was die Abschaffung der Sklaverei für den Transfer auf ökologische Fragen aber besonders interessant macht, ist, dass die Sklaven und Sklavinnen allein keine Möglichkeit hatten, ihre eigene Ausbeutung gezielt zu beenden. … Deshalb mussten Menschen, die keine Leidtragenden der Ausbeutung waren, mit dafür kämpfen, dass die Sklaverei aufhört. D.h. Menschen lassen hier aus freien Stücken von etwas, aus dem sie bisher Vorteile ziehen, und zwar weil sie jemand anderen schützen oder besserstellen wollen.

    Genauso werden Menschen und Gesellschaften, für die es bequem und/oder lukrativ ist, an der Ausbeutung der Natur teilzunehmen, sich dafür entscheiden müssen, diese Privilegien zu beschneiden oder abzugeben. Ohne eine solche freiwillige Selbstdeprivilegierung ist ein guter Ausgang der Transformation kaum zu denken“ (Tremel 2017, 5).

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Die hier so benannte freiwillige Selbstdeprivilegierung ist also definitiv keine freiwillige Selbstverpflichtung (vgl. Neubauer/ Repenning 2019, 175). 


Neubauer/Repenning kommentieren diese Ausführungen:

  • „Die Parallelen zum Status quo sind unverkennbar… [D]ie Sklaverei [wurde] nicht abgeschafft, weil sie wirtschaftlich unrentabel wurde. Sie wurde abgeschafft, weil sie falsch und moralisch verwerflich war… Die Mehrheit der [britischen] Abgeordneten[, die für Großbritannien diese Entscheidung trafen,] hatte nicht betont, dass der Sklavenhandel zwar ein Problem sei, doch nationale Alleingänge keine Lösung seien für eine solche globale Herausforderung. Sie hatten nicht darauf verwiesen, dass ihnen Wettbewerbsnachteile entstehen. Sie hatten auch nicht angeführt, dass die Behandlung der Sklav*innen in anderen Ländern ja viel schlimmer sei. Sie hatten den Sklavenhandel einfach verboten, obwohl dies mit wirtschaftlichen Nachteilen einherging“ (2019, 174-175).

>> siehe Abschnitt Ausreden, Ablenkungsmanöver und Ersatzdebatten: Die Zeit des ‚Aberns‘ ist vorbei, S. 234ff. sowie zu Altmaiers Wunschdenken S. 228.

Und in einem Interview führt Neubauer weiter aus:

  • „Und das war nicht unumstritten, es gab die Proteste, es gab die Widerstände, es gab die Wirtschaftler, die gesagt haben, das wollen wir nicht und dann wandern wir ab… – und die Arbeitsplätze… man hat es gemacht, einfach weil es[, d.h. die Sklaverei,] nicht richtig war. … Es ist möglich, zerstörerische Praxen zu beenden, wenn sie moralisch falsch sind“ (Neubauer 2019, ab Minute 28).


Mit anderen Worten, die abwehrenden Reaktionen der damaligen Wirtschaft folgten genau den gleichen Argumentationslinien wie denen der heutigen CEOs.

M.E. kann man den Bogen noch weiter spannen, denn das heutige, expansive Wirtschaftsmodell, das wir gemäß Tremel, Neubauer und Repenning im Zuge einer freiwilligen Selbstdeprivilegierung abschaffen können, bringt

  • aufgrund der neokolonialistischen Strukturen und, mehr noch,
  • aufgrund der unhaltbaren und unfreien Arbeitsbedingungen, die von extremen Abhängigkeitsverhältnissen geprägt sind

‚faktische Sklaven‘ oder auch ‚moderne Sklaven‘ hervor.

Wie im Intro des Handbuches angerissen, halten wir alle – ich, Sie, Du, wir – faktisch Sklaven.

Die BWL-Professorin Evi Hartmann dazu:

  • „Wie soll ich das sonst nennen, wenn jemand für 50 Cent am Tag, 14 Stunden lang bei einer Bullenhitze von 60 Grad, ein günstiges T-Shirt für mich näht? Wir alle halten Sklaven – ich eingeschlossen.“ (Utopia 2016)

Ja, wie soll man das anders nennen, als beim Namen?


Kathrin Hartmann (nicht Evi Hartmann!) hat dazu in ihrem Buch Die Grüne Lüge eine überaus unangenehme Zahl recherchiert:

  • „46 Millionen Menschen schuften heute als moderne Sklaven“ (2018, 17).

Ideen für eine nachhaltige Zukunft: Welche Einzelmaßnahme würde am meisten bringen?

Viele Menschen hätten gerne eine Antwort auf die Frage, was die eine Maßnahme wäre, die am meisten bringen würden für Nachhaltigkeit und Klima.

Dieser Frage ist das Project Drawdown seit 2013 auf den Grund gegangen.

Grundlegend gibt das Projekt folgende Empfehlung aus:
1. Reduce Sources | 2. Support Sinks | 3. Improve Society (vgl. 2020a, 11)

Des Weiteren listet das Project Drawdown die heute technologisch ausgereiften möglichen Reduzierungsmaßnahmen nach ihrem globalen CO2-Reduzierungspotential gemäß zwei Szenarien auf.


Szenario 2 (1,5°) ergibt folgende Top 10:

Onshore Wind Turbines = global 147,72 Gigatonnen CO2e-Ersparnis | Utility-Scale Solar Photovoltaics1 119,13 | Reduced Food Waste 94,56 | Plant-Rich Diets2 91,72 | Health and Education 85,42 | Tropical Forest Restoration 85,14 | Improved Clean Cookstoves 72, 65 | Distributed Solar Photovoltaics3 68,64 | Refrigerant Management 57,75 | Alternative Refrigerants 50,53 | Summe 1576, 47 (vgl. Drawdown 2020b)

1 Photovoltaik-Kraftwerke | 2 Klima-adäquate, gesunde Ernährung – vgl. Planetary Health Diet, S. 188. | 3 Photovoltaik auf Dächern etc.


Szenario 1 („deutlich unter 2°) ergibt folgende Top 10:

Reduced Food Waste 84,45 | Health and Education 85,42 | Plant-Rich Diets 65,01 | Refrigerant Management 57,75 | Tropical Forest Restoration 54,45 | Onshore Wind Turbines 47,21 | Alternative Refrigerants 43,53 | Utility-Scale Solar Photovoltaics 42,32 | Improved Clean Cookstoves 31,34 | Distributed Solar Photovoltaics 27,98 | Summe 997,17 (vgl. ebd.)


Wenn man die Punkte ‚Refrigerant Management‘ und ‚Alternative Refrigerants‘ zusammenzieht unter den Oberbegriff ‚Kühlkette‘, spielt dieser Aspekt ebenfalls ganz vorne mit bei den Szenarios.

Gleichwohl betonen die Produzent*innen dieser Listen, dass es die ‚silver bullet‘ bei einem komplexen Problem wie der Klimakrise nicht geben kann, sondern die Lösung eben in einer möglichst günstigen Kombination der verschiedenen Einsparpotenziale liegt (vgl. 2020a, 4).

>> siehe https://drawdown.org (Abrufdatum 23.6.2020)


Ideen für eine nachhaltige Zukunft: Backcasting – die Dinge vom Ende her denken

Den Blick über den Tellerrand wagen:

  • Wir denken meist nur über die unmittelbare Zukunft nach – alles andere wird als unrealistisch abgetan. Doch reiner Gegenwartsbezug allerdings ist ebenfalls gewissermaßen träumerisch.
  • Was uns fehlt, ist, zu wagen, die Dinge vom Ende her zu denken – das sog. Backcasting. Hier geht es darum, von der Zukunft her zu denken, d.h. ein erforderliches und/oder gewünschtes Ergebnis zu benennen und dann konkret die notwendigen Schritte einzuleiten.
  • Hierzu ist es hilfreich, via Ombudsfrauen und -männer, welche institutionell verankert die nachfolgenden Generationen vertreten, die ‚Zukunft‘ mit in Diskurse und in demokratische Prozesse einzubinden, d.h., „der langen Sicht einen Platz am Verhandlungstisch zu geben“ (Maja Göpel in Klimawoche 2020, Min 28).

Abschließend sollen hier noch zwei Hinweise erfolgen:

1. Ganz allgemein gefasst:

  • Soziale Gerechtigkeit kann auch von oben angepasst werden (vgl. Göpel 2020, 163).


2. Solch umfassende, nachhaltige Reformforderungen, wie sie auf den vorangegangenen Seiten vorschlagen und erörtert wurden, kommen nicht überall gut an. Doch basieren diese i.d.R. auf den Sustainable Development Goals und fordern daher nichts Außergewöhnliches ein.

  • Es ist hervorzuheben, dass es die von der Weltgemeinschaft beschlossenen SDGs nun mal gibt. Daher ist es moralisch vollkommen in Ordnung, sich auf deren Umsetzung/Einhaltung zu berufen.


>> s.a. weitere Ideen für eine nachhaltige Zukunft:
German Zero (2020): „Der 1,5-Grad-Klimaplan für Deutschland. Gemeinsamer Aufbruch gegen die Klimakrise“. in: German Zero, 2-2020, online unter https://assets.website-files.com/5e663c02af4002dcdcab78dc/5ece7812eb97a0be582bad67_Der%201%2C5-Grad-Klimaplan%20f%C3%BCr%20Deutschland.pdf (Abrufdatum 3.7.2020)


Quellen des Abschnitts Ideen für eine nachhaltige Zukunft


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