Eine neue Rückzugslinie: Klimawissenschaftsverweiger*innen – die immer gleichen ‚Argumente‘

Kreuzfahrt oder Enkel? Das ist hier die Frage? …ernsthaft???


Wir müssen reden: über Klimawissenschaftsverweigerung.

Kaum jemand würde heute in Deutschland noch behaupten, dass es generell keinen menschengemachten Klimawandel gäbe.

  • Die neue, weit verbreitete Rückzugslinie lautet, dass man die Handlungserfordernis zwar sehe, aber nur zu Veränderungen bereit ist, wenn alles so weiter geht wie bisher (?????) – vielleicht auf Basis einer wachstumsbasierten Green Economy
    Sie basiert auf dem Gedanken einer ‚einfachen Entkopplung‘, der relativen Entkopplung zwischen der Menge an Zerstörung und dem BIP-Wachstum. Der Gedanke dahinter: Produzieren wir mittels Innovation und Technologie mit weniger Naturverbrauch nachhaltige Produkte, können wir weiterhin wachsen ohne (übermäßig) zu zerstören – also weiter wie bisher konsumieren1.
    Dieser Effizienzgedanke ist m.E. eine Ausrede von Eintagsklimaschützer*innen: Denn das machen wir eigentlich schon seit der Nachkriegszeit: Unsere Produkte werden seither angeblich ständig besser, effizienter, umweltschonender, sparsamer, giftarmer etc. pp. Trotzdem nehmen Zerstörung und CO2-Emissionen immer weiter zu: Ein 50-jähriges Experiment, vollgepumpt mit Rebound-Effekten (vgl. S. 257f.), das uns an den Rand des Kollaps‘ gebracht hat, hat nunmehr als definitiv gescheitert angesehen zu werden.

    Zur absoluten Entkopplung ist es trotz aller Verheißungen nie gekommen. Die hätte bedeutet, dass der Ressourcenverbrauch und CO2-Emissionen bei gleichzeitigem Wachstum tatsächlich in absoluten Zahlen geringer geworden wären.

>> vgl. Aspekt Die Mär vom unabdingbaren Wachstumszwang, S. 392f.


Menschen, die Green Growth für bare Münze nehmen, sind m.E. nicht in der Realität angekommen2 und somit de facto Klimawissenschaftsverweiger*innen.

Ihnen ist eigen, dass sie zwar jeder ihrer Ausführungen vorausschicken, dass wir uns in einer menschengemachten (anthropogenen) Klimakrise befinden und sehen, dass „etwas passieren muss“ – aber dann mit jedem ihrer nachfolgenden Sätze ausschließlich die angebliche Unmöglichkeit von Veränderungen betonen.3

Der Begriff ‚Verweiger*innen‘ deutet dabei an, dass die Erkenntnisse der Klimaforschung zwar bis zu einem gewissen Grad gesehen, aber nicht ausreichend ernst genommen werden, sodass die Priorität auf einem ‚Weiter so‘ liegt.

Dieses ‚nicht ausreichend ernstnehmen‘ fundierter Wissenschaft ist m.E. wunderlich.

Hans Rosling zu der Verweigerung gegenüber unangenehmen wissenschaftlichen Fakten:

  • „[F]ragen Sie sich…: ‚Welche Art von Beweis könnte mich davon überzeugen, meine Meinung zu ändern?‘ Wenn die Antwort lautet ‚Es ist kein Beweis denkbar, der mich von meiner ablehnenden Haltung [z.B.] zur Impfung abbringen könnte‘, dann stellen Sie sich außerhalb der faktengestützten Vernunft, außerhalb des kritischen Denkens, dass Sie ja ursprünglich zu dieser Haltung gebracht hat. In diesem Fall, wenn Sie Ihre skeptische Haltung zur Wissenschaft konsequent beibehalten wollen, sollten Sie das nächste Mal, wenn Ihnen eine Operation bevorsteht, Ihrer Chirurgin sagen, dass sie sich das Händewachsen auch ruhig sparen kann“ (2018, 145).

Also:

  • Wir leben den ganzen Tag auf Basis von Wissenschaft. Unser gesamter Lifestyle, unser Essen, unser Smartphone, unsere Zahnkronen, das Internet, die Bremsgurte in unseren Autos – der Fahrstuhl, in den wir ohne zu zögern steigen –, unser Strom für Alles, der beschichtete Milch-Tetra-Pack, ja, auch unser zuverlässig-sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn – was auch immer: All das existiert heute, so wie es ist, ausschließlich auf der Basis von jüngeren und älteren (natur-)wissenschaftlichen Forschungen.

Und wenn dann die so hilfreiche Wissenschaft auf eine allzu „unbequeme Wahrheit“ (à la Al Gore) aufmerksam macht, dann wird gemauert4.

Dann heißt es „Ich finde xy wichtig und richtig, aber…“

Dazu Bernd Ulrich in der Zeit:

  • „[D]ie Abers sind der Schutzwall gegen eine Veränderung, die rhetorisch so bereitwillig begrüßt wird“ (2019a, 1).


Allgemein bevorzugen wir doch das Vorsorgeprinzip, oder?
In diesem Fall nicht: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf…

18 min – TED-Talk The moral roots of liberals and conservatives von 2008 zum Thema „Wie Menschen ticken“, deutsche Untertitel verfügbar, online unter https://www.ted.com/talks/jonathan_haidt_the_moral_roots_of_liberals_and_conservatives (Abrufdatum 23.2.2021)

Liegt die Priorität auf einem ‚Weiter so‘, läuft es gewöhnlich wie folgt:

Jeglicher vorgebrachter Lösungsansatz wird reflexartig mit pauschalen Glaubenssatz5-artigen (Schein-)Argumenten wie

„Arbeitsplätze“ | „Wachstum“ | „Verbote“ | „Verzicht“ | „Die Anderen“ | „Die Chinesen“ | „Was kann ich schon tun“ | „Umweltschutz muss man sich leisten können“6 | „Die Natur des Menschen“ | „Das ist ja Sozialismus“ | „Wenn es nach den Grünen geht, leben wir bald wieder in Baumhäusern“ etc. pp. pp. pp.

abgewatscht:

„Wer etwas will findet Wege – wer nicht will, findet Gründe.“

Nach Albert Camus. Auch dem Gründer von dm, Götz Werner, im Zusammenhang mit dem ‚Bedingungslosen Grundeinkommen‘ (BGE) zugeschrieben.

Details: Erläuterungen zu (1) bis (6)

1 So setzt Lego verstärkt auf pflanzliche Rohstoffe, konkret auf Polyethylen, „das aus Zuckerrohr gewonnen wird. Für dessen Anbau seien große Flächen nötig, auf denen besser Nahrungsmittel angebaut werde könnten“ zitiert die taz Sandra Schötter von Greenpeace. Und weiter: „Nur weil ein Kunststoff aus einer organisch nachwachsenden Rohstoffquelle gewonnen wird, heißt das nicht, dass er biologisch abbaubar und damit auch besser für die Umwelt ist“ (taz 2018).

2 Man mache sich klar, dass für weitere 50 Jahre der Green Growth-Versuche keine Zeit mehr ist.

3 Ina Soetebeer hat dankenswerterweise die Diskurse der Teilnehmer*innen der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags ‚Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität‘ (Schlussbericht 2013) untersucht und vier grundlegende Argumentationslinien von Menschen, die über Klimaschutz und Nachhaltigkeit diskutieren, herausgearbeitet: Dabei ergeben sich folgende ‚Diskurspfade‘. 1. der Global-Pioneering-Diskurs = Technologie und Markt als Problemlöser, Natur notfalls ersetzbar (vgl. ‚Roboterbienen‘, S. 455), keine nationalen Alleingänge wg. Firmenabwanderung | 2. der Green-Germany-Diskurs = technologiegläubig, aber Wachstumsgrenzen sehend und aufs Vorsorgeprinzip bedacht; Vorangehen schafft Innovation, der andere Länder folgen | 3. Der Suffizienz-basierte Diskurs fokussiert auf das ‚gute Leben‘, zu viel Produktion, zu viel Konsum, Reboundeffekte, Naturverträglichkeit, sieht Lücke zwischen Intention u. Handlung bei Menschen, Politik hat sich daher in Lebensstilfragen einzumischen | 4. Der Global Environmental and Social JusticeDiskurs konzentriert sich auf globaleUmweltgerechtigkeit, Stichwörter: Solawi, Regionalität, Tauschwirtschaft, „prangert eine systematische Externalisierung von Problemen auf marginalisierte Schichten und den globalen Süden an“ (Soetebeer 2015). (vgl. Aspekt Lobbyismusstrategien S. 401)

4 Diese Wissenschaftsfeindlichkeit und Realitätsverweigerung hat sich sogar bei der viel unmittelbareren Corona-Krise vielfach bemerkbar gemacht, man denke dazu an Äußerungen von Bolsonaro oder des 45. US-Präsidenten, an die vielen verharmlosenden Fake News sowie an das verantwortungslose Verhalten vieler Bürger*innen gerade am Beginn der Pandemie z.B. durch das Abfeiern von sog. ‚Corona-Partys‘.

5 Def. ‚Glaubenssatz‘: Dogma, eine Aussage bzw. Grundannahme, deren Wahrheitsgehalt als unumstößlich betrachtet wird, daher weder hinterfragt wird, noch einer Begründung bedarf. Häufig wird ein Glaubenssatz qua Sozialisation und kollektivem Narrativ intuitiv übernommen. Glaubenssätze können z.B. in religiösen, gesellschaftlichen u. familiären Lebensbereichen entstehen.

6 Ein Zwischengedanke: Das Klima nicht schützen zu müssen, muss man sich leisten können – und das können wir nicht.

Die Anführung von Systemzwängen wird ebenfalls gern und oft als Mittel genutzt, um die Unabänderlichkeit der derzeitigen Situation zu untermauern. Dazu hält Niko Paech fest:

  • „Systemzwänge werden oft willkürlich vorgeschoben, um die Folgen eigener Handlungen nicht verantworten zu müssen. … Vermeintliche Systemzwänge verhüllen zumeist eine bestimmte ‚Der Zweck heiligt die Mittel‘-Logik. Somit leiten sich die behaupteten Zwänge aus bestimmten Ansprüchen ab. Diese wären aber dahingehend zu reflektieren, wie gerechtfertigt sie gegenüber übergeordneten Interessen sein können“ (Folkers/Paech 2020, 18).

Harald Welzer hebt die Absurdität der angeblichen Alternativlosigkeit hervor:

  • „Aber es herrscht kein Krieg in Deutschland, keine Gewaltherrschaft. Es gibt kein Erdbeben, keine Überschwemmung. Kein Hurrikan bedroht unsere Existenz, und trotzdem behaupten die meisten Leute sie hätten keine Wahl“ – und konstatiert: „Das ist eine ziemlich arrogante Mitteilung, wenn man das Privileg hat, in einer freien und reichen Gesellschaft zu leben, aber das fällt nicht weiter auf, wenn alle so etwas sagen“ (2016, 16-17).

Postulierte Alternativlosigkeit ist des Weiteren ein politisches und rhetorisches Mittel zur Durchsetzung der eigenen Agenda.1


… oder es läuft so:

Die/der Klimawissenschaftsverweiger*in serviert etwas als Totschlagargument ohne sachliche Begründung. Eine solche Kostprobe für einen Wähler-anbiedernden unsachlichen Glaubenssatz liefert der ehemalige Bundesumweltminister2 und jetzige Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier: „Klimaschutz kann nicht auf Kosten von Wohlstand und Arbeitsplätzen gehen“ (Amann/Traufetter 2019)3 – womit er m.E. ruinös an seinem Nicht-Nachruhm arbeitet.4

Der wahrscheinlich wichtigste Spiegel-Redakteur in Sachen Klimaschutz, Christian Stöcker, konstatiert in diesem Zusammenhang:

  • „Bislang besteht Altmaiers Traumziel augenscheinlich aus einer Regulierung, die den Klimawandel stoppt, aber keinerlei strukturelle Veränderungen herbeiführt. Das ist selbst für Kinder als Wunschdenken zu erkennen“ (2019b).

Ich bin der Auffassung, dass einem Bundeswirtschaftsminister Wunschdenken nicht zu steht.

Diese als Wahrheit verkaufte Behauptung kann – da wir hier von einem hochintelligenten belesenen und zudem von einem Beraterteam umgebenen Menschen reden – m.E. nicht anders verstanden werden als eine bewusste Lüge. Die Altmaier’sche Formel ist eine bloße Behauptung, die die „blühenden Landschaften“ eines Helmut Kohl und die „sicheren Renten“ eines Norbert Blühm wie harmlose Bonmots erscheinen lässt: Hier ist davon auszugehen, dass es um eine gezielte Irreführung der Bevölkerung geht, die angesichts der Dimensionen der Klimakrise aus meiner Sicht gemeingefährlich ist und die – weil Peter Altmaier eine Äußerung mit potenziell derart weitreichenden Folgen nicht zusteht, m.E. Amtsmissbrauch nahelegt.

  • Wobei festzuhalten ist, dass Peter Altmaier damit lediglich in klare Worte fasst, was von den vormaligen Volksparteien zzgl. FDP seit Jahren vehement vertreten wird. Sich selbst und den Bürger*innen nicht die Dimension und Dringlichkeit der Klimakrise einzugestehen, bedeutet am Ende faktisch nichts anderes als die Verweigerung von wissenschaftlichen Tatsachen und eine Verweigerung von zukunftsgeeigneter Realpolitik.


Letztlich wollten die allermeisten Bürger*innen diese unbequeme Wahrheit bis etwa ‚Ein Jahr seit Greta Thunberg‘ aber auch so gar nicht hören. Und auch jetzt sind es noch viel zu viele.5


Hier haben in den letzten 20, 30 Jahren quasi alle Menschen des Establishment gemeinsame Sache gemacht… – ein unausgesprochenes Abkommen, nicht so genau hinzusehen nach dem Motto:

„Wenn Du nichts sagst, sag‘ ich auch nichts“ –

Eine Art jahrelange Vogel-Strauss-Kopf-in-den-Sand-Laisser-faire-Komplizenschaft des ‚Weiter so‘.

Auf Kosten der jungen Generationen und künftiger Nachfahren sowie des Globalen Südens.

Details: Erläuterungen zu (1) bis (5)

1 Gerne werden an dieser Stelle auch die ‚roten Socken‘ herausgeholt und behauptet, Kommunismus/Sozialismus sei die einzige gescheiterte und daher undenkbare Alternative zum Kapitalismus. Luisa Neubauer bringt es auf den Punkt: „Wenn jemand sagt ‚Kapitalismus überwinden‘, brüllen ihm andere entgegen: ‚Nein! Die DDR, Nordkorea – auf gar keinen Fall!‘ Was für eine absurde, einfallslose Vorstellung von Alternativen zum jetzigen System“ (2019b).

2 Mai 2012 bis Dezember 2013. War mir vollkommen entfallen. Zuweilen ist es erstaunlich, wie Politiker*innen die teilweise inhaltlich weit auseinander liegenden Ressorts wechseln. Das kann gut laufen – zuweilen macht sich dennoch der Eindruck breit, es handele sich bei Politiker*innen um Universal-Dilettant*innen.

3 Einer der Vorgänger von Altmaier, Wolfgang Clement, nachfolgend Lobbyist als Kuratoriumsvorsitzender der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM), erklärte noch 2010: „Klimaschutz steht unter Wachstumsvorbehalt.“ (zit. in Neumann 2012, 10).

4 Kurz vor Redaktionsschluss ändert Altmaier seine Wortwahl und konstatiert angesichts des enormen Handlungsdrucks (vgl. 2020b, 4): „Wir brauchen deshalb eine Klimagarantie und eine Wirtschaftsgarantie“ (2020a). Obgleich seine Analyse der Situation mit der wichtigen Ausnahme der Einschätzung des verbleibenden Zeitfensters überwiegend zutreffend ist (vgl. 2020b, 4), ist seine Folgerung, Klimaschutz und Wirtschaft müssten sich versöhnen, nicht per se falsch, aber der Dringlichkeit und Dimension der Krise nicht angemessen. Das sechste Massenaussterben hat er bedauerlicherweise offensichtlich gar nicht auf der Pfanne.

Wall-E: Filmausschnitt Fitless Humans https://www.youtube.com/watch?v=s-kdRdzxdZQ (Abrufdatum 4.6.2020).

5 Wie oft habe ich in den letzten Jahren in große, leere Augen geblickt, wenn das Thema ‚Klimakrise‘ ins Spiel kam? Die Songwriterin und Poetin Anne Clark dazu: „[W]eil wir so überwältigt sind vom Konsum von Klamotten, Essen, billigem Schrott, weil wir so stark damit bombardiert werden, ist es schwer, echte Leidenschaften zu entwickeln. Wir leben in einer ‚All you can eat‘-Gesellschaft‘“ (zit. in Zylka 2018). Mit anderen Worten: Wir sind satt – und wer satt ist von Brot & Spielen – das wussten schon Cäsar & Co –, zettelt keine Revolution an. Hagen Rether 2010: „So kriegt halt man ein Volk ruhig gestellt mit Billigflügen und Fleisch. Früher hieß das ‚Brot und Spiele‘ – heute heißt das Fleisch und Fliegen“. Und tatsächlich hängen viele von uns übersättigt zumindest mental dauerhaft im Liegestuhl – vgl. dazu auch ‚Wall-E‘, dem vielleicht wahrhaftigsten Film, den Disney je produziert hat. Für die offizielle Zielgrupe mag der Film sich 2008 wie Science Fiction angefühlt haben (das erste iPhone war zu diesem Zeitpunkt erst wenige Monate auf dem Markt) – aber, mal ehrlich – sind wir da nicht schon im Prinzip bereits angekommen? – siehe Filmausschnitt Fitless Humans https://www.youtube.com/watch?v=s-kdRdzxdZQ (Abrufdatum 4.6.2020).

Deswegen ist es auch richtig, wenn die Fridays for Future-Aktivistin Luisa Neubauer im Spiegel feststellt:

„Meine Generation wurde betrogen.“ (Amann/Traufetter 2019)

Rezo (2019a): „Die Zerstörung der CDU“. in: Youtube.de, 18.5.2019, Min 54f., online unter www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ/ (Abrufdatum 24.6.2019)

„Betrogen“ ist angesichts der potenziellen Folgen ein m.E. viel zu vornehmes Wort – Rezo hebt in diesem Zusammenhang in seinem YouTube-Video „Die Zerstörung der CDU“ hervor, dass Eltern und Großeltern doch i.d.R. an ihrem Nachwuchs interessiert sind – er findet, junge Menschen sollten auf ihre (Groß-)Eltern einwirken, um beim Klimaschutz voranzukommen:

  • „Denn Eltern und Großeltern ist nichts im Herzen wichtiger als sicherzustellen, dass ihre Kinder und Enkel in einer sicheren Welt leben und kein beschissenes Leben haben“ (2019a, Min 54f.)

Diesen Satz belegt der sonst so beeindruckend gute Quellenarbeit betreibende Rezo nicht.

Rezos unbelegter Annahme widersprechend hält Greta Thunberg 2018 in Kattowice fest:

Thunberg, Greta (2018): „Greta Thunberg addressed the COP24 plenary session December 12th“. in: Youtube.com, 14.12.2018, online unter https://www.youtube.com/watch?v=Z1znxp8b65E (Abrufdatum 11.5.2020)
  • „You say you love your children above all else and yet you are stealing their future in front of their very eyes.“


Mein persönlicher Eindruck ist, dass diese Rentner*innen-Generation viel zu sehr mit der Planung der nächsten Kreuzfahrt beschäftigt ist, um sich auch noch über so etwas Gedanken zu machen.

Oder: Die Großeltern sind auf Kreuzfahrt – statt auf dem Kreuzzug zugunsten ihrer Enkel*innen.

Ok, das war jetzt sarkastisch und pauschalisierend.


Zweifellos richtig ist:

Faktisch handelt es sich es beim derzeitigen Klima-Versagen von deutschen Politiker*innen und von uns Erwachsenen um die

Einseitige Kündigung des Generationenvertrages

Dieser war/ist dem Mensch-sein seit Jahrtausenden zutiefst eingeschrieben und besagt(e) sinngemäß:

  • Die Altvorderen kämpfen dafür, dass es den Kindern und Enkel*innen einmal besser gehen wird als ihnen;
  • Die Kinder der Altvorderen bezahlen (heute) via Sozialsystem indirekt die Rente der Alten und unterstützen Eltern und Großeltern im Alter bei der Bewältigung des Alltags.

Stattdessen demontiert die Politik – m.E. Grundgesetz-widrig, vgl.

  • GG Art. 2 „Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit“
  • GG Art. 20a „Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere“1

die Lebensgrundlagen der jungen und der kommenden Generationen („Recht auf Zukunft“).


Und, im Ernst, wir sog. Erwachsenen machen kollektiv mit, nach dem Motto:

„Urlaub war uns wichtiger als eure Zukunft, sorry.“

… und reden uns die Welt schön.

gl. Baumann 2017, s.a. den m.E. beeindruckenden, 6-minütigen Videoclip von Prince Ea: „Dear Future Generations: Sorry“, online unter https://www.youtube.com/watch?v=eRLJscAlk1M (Abrufdatum 20.6.2020)

>> vgl. Baumann 2017, s.a. den m.E. beeindruckenden, 6-minütigen Videoclip von Prince Ea: „Dear Future Generations: Sorry“, online unter https://www.youtube.com/watch?v=eRLJscAlk1M (Abrufdatum 20.6.2020)


Und so könnte die Aussage weitergehen:

„Urlaub war uns nicht nur wichtiger als unsere Enkel*innen – wir haben uns den Flug-Kreuzfahrt-Malediven-3xMalle-Urlaub sowie den gesamten alltäglichen Luxus-Überfluss nach Meinung vieler ach so hart arbeitender Bundesbürger*innen auch wirklich verdient.

  • Das möchte ich explizit in Frage stellen – ausdrücklich mit Ausnahme der Menschen in Deutschland, die in Pflegeberufen und/oder im Niedriglohnsektor tätig sind, alleinerziehend durch alle Raster fallen und/oder mehr oder weniger Vollzeit arbeiten und trotzdem Hartz-IV-Aufstocker*innen sein müssen.


Für alle Anderen gilt meines Erachtens:

Egal, was und wie viel wir arbeiten, wir Erste-Welt-Schnösel, wir arbeiten nicht hart. Das können wir komplett vergessen. Der Minenarbeiter im Congo, der arbeitet hart. Er riskiert Kopf und Kragen – damit seine Kinder heute, nach drei Tagen, mal wieder etwas zu essen bekommen. Er arbeitet hart für die ‚seltenen Erden‘ Ihres Smartphones, ebenso wie der arme Mensch, der in Asien unser Smartphone unter sklavenähnlichen Bedingungen zusammenschraubt und seine Familie seit einem 3/4 Jahr nicht gesehen hat – wir haben mutmaßlich nur im Büro gesessen, einige E-Mails verzapft, uns ’ne Currywurst reingepfiffen und auf ein paar Sitzungen rumgegähnt.

Und falls Sie, werte*r Leser*in, darüber hinaus zu den wirklichen Spitzenverdienern gehören und sich immer noch einbilden, dass Sie verdient haben, was Sie monatlich aufs Konto überwiesen bekommen: Vergessen Sie auch das – Ihr Gehalt steht definitiv in keinem Verhältnis zu Ihrer Leistung: Niemand ist in der Lage, einen Arbeitsgegenwert von, sagen wir, +80.000 Euro jährlich zu erbringen.

Warum Sie trotzdem so viel ‚verdienen‘? Nun, ich vermute: Es ist Schmerzensgeld. Wie geht es Ihnen wirklich?


Ich nehme des Weiteren wahr, dass viele Menschen auf ihre Rente hin leben. So manche*r Arbeitnehmer*in fängt schon Jahre vor Renteneintritt an, die Tage im Kalender Tag für Tag abzustreichen und macht nur noch DnV (‚Dienst nach Vorschrift‘). Edgar Reitz legt Otto Wohleben in seinem Sechszehnstundenfilm „Heimat“ (1984) die Worte in den Mund „Zeittotschlagen ist Mord“. Nun kann man sich Gedanken machen, wie es um Deutschlands Arbeitswelt bestellt ist, wenn Menschen nichts lieber wollen, als ihr zu entfliehen. Viele Menschen verschieben also ihr Leben ‚auf später‘ – z.B. auf die Zeit der Rente. Und dann soll es losgehen, man hat es sich schließlich mindestens psychologisch hart erarbeitet und lange drauf gewartet. Aus diesem mühsam errungenen Renteneintritt wird nun latent ein Respekt für die Lebensleistung erwartet und daneben unausgesprochen (Gewohnheits-)Rechte abgeleitet, in Form eines „Etabliertenrechts“, dass sich häufig darin äußert nun das Recht zu haben die Welt zu bereisen.
Pardon, es gibt kein Etabliertenrecht. Wohl aber die Pflicht gegenüber den Nachkommen, den Planeten so zu hinterlassen, wie man ihn vorgefunden hat.


PS:
Pflegeberufe sind in Deutschland aufgrund extrem mieser Arbeitsbedingungen, völlig unangebrachter Niedriglohn-Bezahlung sowie mangels gesellschaftlicher Anerkennung wirklich harte Arbeit.

Ich vertrete die Auffassung, dass die (finanzielle) Wertigkeit von Berufen um 180° auf den Kopf zu stellen ist. Wir brauchen z.B. mehr hochqualifiziertes und daher auch: gut bezahltes Personal u.a. in Erzieherberufen, denn ihre Arbeit trägt maßgeblich zu unserer Zukunft und Innovationsfähigkeit bei.

Und ich bin mir sicher, dass wir – bezogen auf ‚grenzenlose‘ Spitzenverdiener*innen –, keinem Menschen der Welt einen Gefallen tun, wenn sie/er ein (eigentlich) nicht-ausgebbares Gehalt erhält. Damit hält sie/er einfach zu viel Macht in ihren/seinen Händen, Macht, mit der die Meisten m.E. nicht umgehen können.


„Corona-Update März 2020“:
Geradezu grotesk erscheint, welche Berufe sich nunmehr als allgemein anerkannt „systemrelevant“ herausstellen. Schön drückt es der Anthropologe, Kapitalismuskritiker und Autor des Buches ‚Bullshit Jobs‘ David Graeber aus:


„Hier in Großbritannien hat die Regierung eine Liste zusammengestellt mit den systemrelevanten Berufen – wer in denen arbeitet, darf weiterhin seine Kinder in die Schule schicken, wo sie betreut werden. Die Liste besticht durch die erstaunliche Abwesenheit von Unternehmensberatern und Hedgefondsmanagern! Die, die am meisten verdienen, tauchen da nicht auf. Grundsätzlich gilt die Regel: Je nützlicher ein Job, desto schlechter ist er bezahlt. Eine Ausnahme sind natürlich Ärzte“ (2020).


Mit der Wahrnehmung der Aufkündigung des Generationsvertrages stehe ich keineswegs alleine da, sodass Bürger*innen, Wissenschaftler*innen und Prominente im Jahre 2013 das Generationen-Manifest ins Leben gerufen und unterzeichnet haben. Sie fordern in zehn Punkten z.B. die Abwendung der Klimakrise, die Einführung des Verursacherprinzips, ein Mehr an Gerechtigkeit im Allgemeinen und die Aufnahme von Generationengerechtigkeit ins Grundgesetz im Besonderen (vgl. Lesch/Kamphausen 2018, 347f.).

>> Es kann weiterhin unterzeichnet werden: https://www.generationenmanifest.de (Abrufdatum 27.5.2020)


Der Scientists for Future-Mitbegründer Gregor Hagedorn sieht ebenfalls einen großen Mangel an Generationengerechtigkeit:

  • „[L]eider haben wir den Großteil unseres jetzigen Luxus eben nicht selbst erarbeitet. Sondern wir plündern die Konten unserer Kinder“ (2020, 11).


Und, im Bild zu bleiben: Und wir haben auch noch zusätzlich Kredite in nicht zu beziffernder Höhe bei den Menschen des Globalen Südens und deren Nachfahren aufgenommen – und bestimmen die Spielregeln in einer Art, die es so aussehen lässt, als ob die Länder des Globalen Süden hochverschuldet wären. Sind sie das?


Drastisch – aber ich fürchte, ohne Übertreibung – kann man diese Form des Lebens auf Kosten der Zukunft als diskriminierenden Generationen-Imperialismus bezeichnen, was letztlich folgendes umschreibt: Die gegenwärtig lebenden Entscheider*innen-Generationen führen einen Krieg gegen absolut wehrlose Menschen, die unsere eigenen Nachkommen sind.

In diesem Sinne auch Harald Welzer:

  • Die „Privilegiensicherung … [ist zum] einzigen Inhalt [von Politik] geworden. Man kann das als Diktatur der Gegenwart auf Kosten der Zukunft bezeichnen“ (2016, 131).

Das alles ist schon erstaunlich, was da derzeit passiert, denn an sich hat Rezo ja bezogen auf die vorherigen Jahrzehnte, Jahrhunderte und Jahrtausende durchaus recht: Dieser Generationenvertrag ist eigentlich quasi so alt wie die Menschheit und hat immer gegolten – bis jetzt:

  • „[E]iner der wichtigsten Sinngeber [für Menschen ist,] die sogenannte Generativität[, also] … das Bemühen,… etwas an andere Generationen weiterzugeben und zum ‚großen Ganzen‘ beizutragen“ (Schnabel 2018, 192).2

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 GG 20a wurde am 27.1.20.1994 in das Grundgesetz aufgenommen und am 26.7.2002 um die Worte „und die Tiere“ ergänzt. Da geht noch mehr: Bolivien und Ecuador haben die ‚Rechte der Mutter Erde‘ in ihren Gesetzen verankert. Art. 72 der Verfassung von Ecuador erhebt seit 2008 „‚Mutter Erde‘ erstmals zum Rechtssubjekt. ‚Pachamama, in der sich das Leben verwirklicht und realisiert, hat das Recht, in ihrer gesamten Existenz respektiert zu werden‘… Und: ‚Jede Person, Gemeinschaft, Volk oder Nationalität [kann] die zuständige öffentliche Autorität dazu auffordern, die Rechte der Natur umzusetzen‘“ (zit. in Prinz 2018).

2 „Generativität … hat mit dem Gefühl zu tun, sich in einen größeren Zusammenhang eingebunden zu fühlen, der das eigene begrenzte Leben überschreitet und der damit die individuelle Existenz mit Sinn erfüllt – über den Tod hinaus“ (Schnabel 2018, 192); vgl. dazu Abschnitt Menschen sind soziale Wesen – und wollen vor allem eines: Sinnstiftung und Anerkennung, S. 386).

Da ist schon die folgende Frage aufzuwerfen:

  • Was ist heute so anders, dass ein, zwei Elterngenerationen kollektiv die eigenen Kinder und Nachkommen im Stich lassen?

In den 80ern gingen Diejenigen, die darüber gelesen hatten, davon aus, Erderwärmung sei etwas, womit eventuell mal ferne Nachfahren umzugehen hätten. Wir bekämpften den sauren Regen.

In den 1990ern dachten Wir, Klimawandel ist etwas Theoretisches, dass am fernen Horizont wohl unsere Urenkel treffen könnte. Wir kauften FCKW-freie Kühlschränke, tanzten durch die Nacht und stiegen ins Flugzeug nach Mallorca.

In den Nuller Jahren flogen die Meisten nach Asien, Mallorca und Ägypten.

In der ersten Hälfte der 2010er Jahre erfassten Viele von uns, dass der Klimawandel tatsächlich menschengemacht ist und unsere Enkel betreffen wird. Zugunsten unser Kinder schrieben wir die schwarze Null, kauften Biogemüse und zeigten ihnen das Great Barrier Reef.

In der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts wurde Manchen klar, dass die Klimakrise unsere Kinder betrifft. Wir forderten eine Enkeltaugliche Politik – und unternahmen… Einiges, z.B. Zubringerflüge in die Südsee, um von dort aus auf Kreuzfahrt zu gehen.


Jetzt, um das Jahr 2020, lassen zu Wenige von uns die Erkenntnis zu, dass die Klimakatastrophe uns selbst trifft und mit uns unsere Kinder, Enkel*innen, Urenkel*innen und alle weiteren Nachfahren. Wir verbieten erfolgreich Plastiktüten und Ohrstäbchen, wir steigen in unseren SUV und wir fordern  z u g u n s t e n  u n s e r e r  G e n e r a t i o n – als Grundvoraussetzung für Vorgespräche über mögliche Verhandlungen zu weiterem Klimaschutz – die unabdingbare ‚Sozialverträglichkeit ‘aller künftiger Klimaschutzmaßnahmen. Denn, und das wird ja noch mal sagen dürfen: Ohne Generationengerechtigkeit kann es keinen Klimaschutz geben.



Luisa Neubauer – deren Satz, dass ihre Generation betrogen wurde, ich vor einigen Seiten als zu vornehm ausgedrückt empfunden habe – legt in ihrem mit Alexander Repenning verfassten Buch noch einmal nach:

  • „Wir sollten … [unseren Eltern und deren Generationsgenoss*innen] erklären, dass sie nicht gut genug auf die Welt aufgepasst haben, ihnen deutlich machen, dass ihre Hoffnung, es werde ihren Kindern besser gehen als ihnen selbst, zerplatzen wird, wenn sie nicht Teil eines radikalen Wandels werden. Sie müssen verstehen, dass sie uns ins offene Messer laufen lassen, wenn sie jetzt nicht aufwachen“ (2019, 33).

Dem ist nichts hinzuzufügen.

Exkurs „[ü]ber die sinkende Bereitschaft, Tatsachen noch von Meinungen zu unterscheiden“ (Haaf 2020, 55) Definitionen Klimawissenschaftsverweigerer*in & Co:

>Leugner*in – keine Ausführungen erforderlich.

>Verweiger*in – akzeptiert wissenschaftliche Befunde, argumentiert oberflächlich, dass Handlungserfordernis besteht, akzeptiert keinen Vorschlag oder Lösungsansatz als geeignet, ist nicht bereit Einschränkungen hinzunehmen – verweigert sich also im Ergebnis am Ende doch, Konsequenzen aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen zu ziehen.

>Relativierer*in – betreibt eine mildere Form von Verweigerung; lässt sich jedoch nicht auf die ganze Wahrheit ein.

Wie hoch mag der Anteil der Deutschen sein, die die wissenschaftlichen Befunde vorbehaltlos akzeptieren und aktiv eine Lösung der Krise anstreben?

Denn daneben gibt es noch die

Fatalist*in bzw. Evolutionist*in – sie geben die Menschheit verloren – Manche finden das schlimm, Andere zucken mit den Schultern – bis hin zu der Position der Antinatalist*innen, die lieber nicht geboren wären bzw. das mögliche Aussterben der Menschheit begrüßen.

Wer diese Position ernsthaft vertritt: Ok.

Aber ich denke, dass es eine ganze Reihe von Menschen gibt, die sich hinter dieser „Evolutions“-Position verstecken, weil sie bequem sein kann, psychologisch entlastend wirkt und ggf. zügellosen Hedonismus ermöglicht.
Und das finde ich für meinen Teil nicht komisch, insbesondere dann, wenn diese Position von Eltern oder Großeltern vertreten wird: Wer Kinder in die Welt gesetzt hat, hat – im Rahmen ihrer/seiner persönlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten – für sie einzustehen.

> Und dann gibt es noch Menschen, die sich – insbesondere im rechten Spektrum – aus der Gesellschaft zurückziehen und sich auf die Klimakatastrophe vorbereiten, sog. Preppers, siehe dazu: Grassegger, Hannes (2019): „Von der Klima-Angst radikalisiert“, online unter 
https://mobile2.12app.ch/articles/20641537 (Abrufdatum 25.7.2019)



Dreams are my reality / The only kind of real fantasy / Illusions are a common thing / I try to live in dreams / It seems as if it’s meant to be.
(Aus „La Boum“ (1980) – dem Film der Susi-Sorglos-Generation)

Ausreden, Ablenkungsmanöver und Ersatzdebatten: Die Zeit des ‚Aberns‘ ist vorbei

„Es ist eine Basisregel der Konfliktkommunikation, dass alles, was vor einem ‚aber‘ gesagt wird, nicht ernst gemeint ist.“
Michael Hengstenberg, 2019


Auch wenn es auch heute noch viele Klimawissenschaftsverweiger*innen gibt, so ist doch festzustellen, dass weit mehr Menschen eine etwas mildere Form der Klimawissenschaftsverweigerung betreiben und somit als ‚Klimakrisen-Relativierer*innen‘ zu bezeichnen sind:

Meines Erachtens sind in weiten Teilen der Bevölkerung bzgl. der Dringlichkeit und Dimension der Klimakrise ständig präsent und äußerst beliebt Ausreden und vor allem Ablenkungsmanöver in Form von Ersatzdebatten, beispielsweise:

Streiken statt Pauken – ändert die Generation Greta die Politik
Anne Will, 31.3.2019, die Folge mit Greta Thunberg,
der Fridays for Future-Aktivistin Therese Kah,
Harald Lesch und Robert Habeck, hier ab Min 8:30,
als Habeck und Lesch über
Fridays for Future bzw. die Schulpflicht sprechen.
https://www.youtube.com/watch?time_continue=5&v=p4nEjlGbGSc
  • Das einseitige Festklammern an einer Diskussion über vermeintliches Schulschwänzen (Ende 2018 bis ca. Frühjahr 2019):
    • Hier handelt es sich angesichts der dringenden Handlungserfordernisse schlicht um Notwehr und um zivilen Ungehorsam, die/der angesichts der vollkommen absurden Verweigerung der Regierung absolut gerechtfertigt ist.
  • (Selbst wenn diese Sachverhalte so nicht exakt im BGB etc. festgeschrieben sein werden: Die Klimakrise ist eine so noch nie dagewesene Bedrohung, die logischerweise auch ggf. neue juristische Sachverhalte schafft.)

    Auch Harald Lesch verlautbarte bei Anne Will,

    „dass die Demonstrationen [von Fridays for Future & Co] noch viel intensiver werden müssen“ – die Schulpflicht hält er in dem Zusammenhang im Vergleich zu der Bedrohung die der Klimawandel „für unerheblich“ (Anne Will 2019).
  • Das (seit langem beliebte) starre, beharrende Verweisen auf die (inhaltlich natürlich nicht falsche) Vielfliegerei von Jugendlichen:
    • Hier geht es in erster Linie um das Zeigen mit dem Finger auf andere, besonders dann, wenn sie sich nicht so edel verhalten, wie das ihre Kritiker*innen ‚erwarten‘. Die eigene Nase wird dabei lieber nicht angefasst (vgl. ‚Argumentum ad hominem‘ S. 19 u. 213).

      Im Übrigen sind diese Jugendlichen von der Generation, die ihr das vorwirft, erzogen worden – und möglicherweise wird die Vielfliegerei auch gar nicht so selten von den Eltern finanziert (oder die Kinder/Jugendlichen ‚müssen‘ mit in die Ferien)?
  • Die unangenehme Überbetonung der Frage des Umgangs mit Flüchtenden seit einigen Jahren im Allgemeinen und namentlich durch Bundesinnenminister Horst Seehofer im Herbst 2018 im Besonderen:
    • Hier steht die politische und mediale Ausreizung dieses Themas in keinem Verhältnis zu den Fakten und deren Bedeutung – daher hat die Frage zu lauten: Worum geht es hier eigentlich?
      • Wer Themen setzt, sorgt auch dafür, dass andere Themen unterrepräsentiert bleiben, d.h. …
  • Auch das Verharmlosen bzw. Nicht-Setzen eines Themas kann ein Ablenkungsmanöver sein:
    • Der Bundestagswahlkampf 2017 zeichnete sich massiv dadurch aus, dass
      ständig vor ‚Populismus‘ gewarnt wurde und die wirklich relevanten Themen nicht benannt wurden:

      Die Redakteurin der Süddeutschen Zeitung, Marlene Weiß, stellt hier die Frage, wie man das nennt, „was die meisten Parteien im [2017er] Wahlkampf beim Klima treiben?“ (2017)

      Ihre Antwort:

      „Dramatisierung kann man ihnen [, d.h. den Parteien,] nicht vorwerfen, im Gegenteil. Die größte globale Bedrohung wird einfach fast gar nicht erwähnt. Und wenn doch, dann so, dass es garantiert niemandem weh tut. Es ist ein Populismus, der die Gunst der Massen im Schweigen sucht… Wer sich davor um der Gunst der Massen willen drückt, der ist, so lange es kein besseres Wort dafür gibt, ein Populist der Verharmlosung“ (ebd.).


Politiker denken an die nächste Wahl, Staatsmänner an die nächste Generation.
James F. Clarke
(zit. nach Klimaschutz Baustelle)


Auch das Bonmot von den Verboten, der alten Fratze ‚Verbotspartei‘, der angeblich heraufdämmernden ‚Ökodiktatur‘ und der vermeintlich bedrohten Freiheit – insbesondere in Form der angeblich existierenden und zu verteidigenden FreienFahrtFürFreieBürger sind: Ersatzdebatten.

(FreieFahrtFürFreieBürgerinnen fordert übrigens niemand!)


‚Verbotspartei‘:

  • Werte*r Leser*in, ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass die Union sich nur und ausschließlich in dem Fall auf die Rechte des ‚Kleinen Mannes‘ (und für die ‚kleine Frau‘?) beruft, wenn gleichzeitig auch der Überfluss-Wohlstand des ‚großen Mannes‘ betroffen ist? Wenn also behauptet wird, dass eine Kerosinsteuer nicht möglich sei, weil dann die Bäckereiangestellte nicht mehr in den jährlichen Mallorca-Urlaub fliegen könne? Um die Bewahrung wessen Privilegs geht es hier eigentlich?


Robert Pausch sieht das ähnlich und nennt in der Zeit einige Beispiele für eine eher die ‚Ottilie Normalverbraucherin‘ weniger fokussierende Politik der letzten Monate vor dem Hochkochen der Verbote-Diskussion im Herbst 2019:

  • „[I]m ökonomischen Normalbetrieb lässt sich nicht so recht behaupten, dass die kleinen oder auch nur die mittelgroßen Leute das Ziel jener Kräfte wären, die sich ihnen nun so verbunden fühlen. Als die Paketboten für bessere Arbeitsbedingungen stritten, hieß es aus der CDU, jetzt sei ‚nicht die Zeit für neue Belastungen für die Wirtschaft‘. Ein höherer Mindestlohn war natürlich eine ‚Gefahr für den Wirtschaftsstandort‘. Und als in Berlin der Protest gegen die steigenden Mieten lauter wurde, reagierte die FDP mit der Forderung, das Grundgesetz zu ändern, um den ‚Respekt vor dem Eigentum‘ zu stärken. Das alles ist weder verwunderlich noch verwerflich. Es ist bloß ein bisschen erstaunlich wie sehr die bürgerlichen Kräfte ihrer Bürgerlichkeit entfliehen wollen, wenn es nicht um die Wirtschaft, sondern um die Umwelt geht“ (2019, 3).


Niko Paech macht dazu eine weitere Beobachtung:

  • „Um zu vermeiden, dass dieser Wohlstandsvorbehalt primitiv oder eigennützig erscheinen könnte, wurde und wird der schöngeistige Anspruch vorgeschoben, Nachhaltigkeit dürfe sich nicht zulasten der sozial Schwachen oder gar ‚Armen‘ auswirken“ (Folkers/Paech 2020, 121).

    Und:

    „Indes scheint das materielle Niveau, dessen Unterschreitung mit Armut gleichgesetzt wird, in Deutschland wöchentlich zu wachsen“ (ebd.).


Also, warum also jetzt? Warum erinnern sich – vor allem – Union und FDP ausgerechnet jetzt an Ottilie Normalverbraucherin?

  • Geht es wirklich um die Menschen mit nicht so hohen Einkommen?
  • Oder nicht doch eher um die Verteidigung des Status quo, der alten (fossilen) Industrien, der Merz’schen Aktionär*innen, der ‚oberen Zehntausend‘ – ergo: um die Profiteure des fossilen Zeitalters?


‚Ökodiktatur‘:

  • Eine ‚Ökodiktatur‘ könnte in der Tat kommen. Aber nicht wegen ein paar Leitplanken, einem Tempolimit oder Beschränkungen des HöherSchnellerWeiter. Eine Ökodiktatur droht dann, wenn die ökologischen Verhältnisse, die klimabedingten Katastrophen, Missernten, Versorgungsengpässe und die dadurch entstehenden Proteste Demokratie und Rechtsstaat verunmöglichen. Daher dient Klimaschutz definitiv der Bewahrung und Pflege der Demokratie.


Das sieht auch Bernd Ulrich so:

  • „Wenn es irgendwann einen grün gefärbten Notstandsstaat geben sollte, dann, weil die Klimakrise so dramatisch geworden ist, dass sie anders nicht mehr unter Kontrolle gebracht werden kann. Die Ökodiktatur verdankte sich dann nicht einem politischen Sieg der Ökologen, sondern deren Niederlagen und dem aggressiven Attentismus ihrer Kritiker, nicht aus ökologischer Ideologie, sondern aus ökologischen Unterlassungen“ (2019b).

>> Attentismus = von Opportunismus bestimmte, abwartende Haltung


Sehr schön bemerkt dazu Carolin Emcke in der Süddeutschen Zeitung über den freiheitspredigenden Liberalismus, d.h. vor allem über die FDP:

  • „Anstatt eine realistische Einschätzung der Klimakrise zu gewinnen, wird deren Dramatik wegmoderiert, um denen, die dringende, komplexe Reformen fordern, unrealistische, unterkomplexe Panikmache zu unterstellen. Anstatt nüchtern die Klimafolgenforschung zu analysieren und nach geeigneten politischen Instrumenten zu suchen, werden die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Lernens, der diskursiven Vermittlung notwendiger Veränderung ideologisiert als ‚Umerziehung‘. Das Erstaunlichste ist vielleicht, wie der gegenwärtige politische Liberalismus mit einem Repertoire an populistischen Trigger-Begriffen wie ‚Verbot‘, ‚Askese‘ und ‚Verzicht‘ das eigene Reflektionsdefizit zu maskieren sucht“ (Emcke 2019).

Ich möchte dazu anmerken, dass ich weniger erstaunt bin als die Redakteurin Emcke. Ein simpler, aber wesentliche Beweggrund so zu handeln ist wenig erstaunlich und in ein Wort zu fassen: Es geht hier neben kurzfristigem Denken m.E. vor allem um: Geld.

Etwa fantastisch mutet derweil an, dass – in den Worten von Michael Kopatz auf dem Ersten Hamburger Klimagipfel – heutzutage schon „die Vermeidung von Expansion als Verzicht diskutiert“ wird (20.1.2020, vgl. S. 284).


Die Taktik der ‚Freiheitskämpfer*innen‘ vornehmlich der CDU/CSU und FDP betont also die/den mündigen Bürger*in, der/dem man möglichst wenig vorschreiben sollte.

Das neoliberale Modell von der allumfassenden Deregulierung im Zeichen der Freiheit von Menschen und Märkten wird ganz bestimmt regeln, das wir

> zugunsten unserer Informationsgesellschaft künftig eine bessere Bildung in Kindergärten, Schulen und Unis etc. bekommen,
> es keine Armut mehr gibt auf der Welt, unsere Gesellschaft aus lauter zufriedenen Arbeitnehmer*innen besteht,
> wir alle bezahlbaren Wohnraum in den Städten finden,
> wir gesündere Dinge auf den Teller bekommen statt fettiger Billig-Fertignahrung,
> alle Kindergärten in Deutschland endlich ausreichend Erzieher*innen anstellen,
> fossile Lobbyist*innen sich gleichermaßen edelmütig und uneigennützig für das Klima einsetzen,
> die Renten steigen und
> in politisch brisanten Gegenden mehr Wohlstand, Gerechtigkeit und demokratische Rechtssicherheit einkehren.

Es ist prinzipiell ja sicher auch nicht falsch, möglichst wenig vorschreiben zu wollen, verkennt aber, dass hier eine merkwürdige i.d.R. männlich-gewohnheitsrechtliche ‚Freiheit‘ als Ausrede in Anspruch genommen wird, die so gar nicht existiert – und von der wohl auch kaum jemand möchte, dass es sie wirklich gibt.

Festzuhalten ist, dass die Gesetze, Regeln, Verordnungen und Richtlinien Deutschlands ganze Wandschränke füllen:

  • Wir leben in einem äußerst regulierten Staat – und das ist – von der ausufernden Steuererklärung mal abgesehen – i.d.R. auch gut so. Das sind schlicht gesellschaftliche Vereinbarungen. Ob nun dazu noch ein paar Gesetze hinzukommen oder nicht, macht den Kohl nicht fett und rechtfertigt erst einmal nicht diese Aufschreie, wie wir sie beinahe täglich zu hören bekommen.

Mely Kiyak konstatiert dazu in der Zeit:

  • „Ja klar, Verbote. Was denn sonst? Es braucht nicht weniger Regulierung, sondern mehr. …Und bei Grenzübertritt fette Strafzahlungen. Geld ist die einzige Sprache, die Konzerne verstehen. Wenn man Herstellern nicht verbietet, ihren chemischen Schrottzucker in süchtig machende Lebensmittel zu kippen, wird sich nichts ändern… Freiheit nennen es jene Politiker, denen das Wohl der Agrarindustrie – nur ein Beispiel – näher ist als das Wohl der Wähler. Wie lächerlich. Was ist denn der Staat? Wann genau fing das eigentlich an, dass das Verbieten tabuisiert wurde? Kann es sein, dass die am Diskurs beteiligten gar nicht merken, dass der Staat auf dem Fundament von Verboten steht?“ (Kiyak 2019).

Es ist letztlich ein Schrei derjenigen, die das im Weltmaßstab ungeheuer hohe Maß ihrer Freiheit nicht zu schätzen wissen, wie Hatice Akyün ausführt:

  • „Wer glaubt, dass Rasen etwas mit Freiheit zu tun hat, sollte sich mal mit Menschen aus Nordkorea und Afghanistan unterhalten, um zu erfahren, was Freiheit für einen Menschen wirklich einschränkt. Ein Tempolimit gehört sicher nicht dazu“ (2019).

Rezo antwortet auf die Frage, ob er lieber ‚dafür‘ oder ‚dagegen‘ sei mit dem Hinweis:

  • „Das eine impliziert doch immer das andere. Ist nur Wording und Perspektive. Genau wie jedes ‚Verbot‘ auch als ‚Recht‘ und jede ‚Einschränkung‘ als Freiheit umformuliert werden kann. So was sind immer nur Framing1-Diskussionen, die vom eigentlichen Thema ablenken wollen“ (2019b, 9): Was in den Augen von Raucher*innen/Raser*innen ein Verbot ist, vermag in der Perspektive von Nicht-Raucher*innen/Fußgänger*innen ein Schutzrecht zu sein, welches darüber hinaus Sicherheit oder Freiheit bietet.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Framing/Wording gibt es selbstredend schon lange, genaugenommen mutmaßlich, seit dem es Sprache gibt. Bezogen auf Deutschland ist ein prägnantes Beispiel im Bereich der Atom- bzw. Kernenergie zu finden: So sprechen Gegner*innen der Atomkraft von selbiger, Befürworter*innen hingegen von Kernkraft. In den letzten Jahren ist Framing als rhetorisches Mittel verstärkt in den Fokus geraten. Dazu gehört auch die Nicht-Verwendung von Wörtern. So wurde Ende 2017 die US-Gesundheitsbehörde von der US-Regierung angewiesen folgende Wörter nicht mehr zu benutzen: „vulnerable“, „entitlement“, „diversity“, „transgender“, „fetus“, „evidence-based“ und „science-based“ (vgl. Sun/Eilperin 2017). „In manchen Fällen wurden Alternativen mitgeliefert, etwa [Alternativen] für ‚evidenzbasiert“ und ‚wissenschaftlich begründet‘: Die ‚CDC [= Centers for Disease Control and Prevention] gründet ihre Empfehlungen auf Wissenschaft unter Berücksichtigung von öffentlichen Standards und Wünschen‘, so soll die alternative Formulierung lauten“ (Welt 2017). Selbstverständlich sind auch Wörter wie „Climate Change“ unerwünscht: So wurden Anfang 2018 „Erwähnungen des Klimawandels offensichtlich systematisch von offiziellen Webseiten der US-Regierung entfernt“ (Spiegel 2018). Und weiter: „Das Wort ‚Klima‘ wird auch auf anderen Webseiten der US-Regierung umschifft. Ein Programm der US-Umweltbehörde Epa hieß beispielsweise früher ‚Climate Ready Water Utilities‘, was so viel bedeutet wie ‚an das Klima angepasste Wassernutzung‘. Das Programm heißt jetzt ‚Resilient Water Utilities“, also etwa ‚belastbare Wassernutzung‘“ (ebd.). Gewissermaßen erinnert dieses Vorgehen an George Orwells Buch 1984. In dieser Dystopie wird von den Machthabern die englische Sprache nach und nach durch eine sprachpolitisch umgestaltete Sprache, das sog. Neusprech ersetzt, um auf diese Weise systematisch sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten zu beschränken und damit die Freiheit des Denkens aufzuheben (vgl. wikipedia 2020). Man erinnere sich hier an die Abschaffung der Steigerungsform und Ersetzung durch „plus“ und „doppelplus“ im Buch. Das ‚Beste‘ wäre demnach ‚doppelplusgut‘. Besonders spannend im Zeitalter der US-präsidentiellen Fake News ist „Doppeldenk“. Der Begriff beschreibt „die Fähigkeit, zwei einander widersprechende Denkweisen gleichzeitig als wahr zu akzeptieren“ (ebd.).

„[D]er Staat ist nicht immer der, der Freiheiten beschneidet, sehr oft ermöglicht er sie erst“ (Göpel 2020, 155).

Markus C. Schulte von Drach spannt einen größeren Bogen:

  • „Die Freiheit des einen hört nicht nur dort auf, wo die Freiheit des anderen anfängt. Sie hört dort auf, wo sie auf Kosten der Lebensgrundlagen anderer geht. Und die anderen sind hier die Menschen in den Entwicklungsländern und die kommenden Generationen“ (2017).
  • Graeme Maxton pointiert, dass „[d]ie heutige Auslegung von Freiheit … auf dem Irrglauben auf[baut], dass das Individuum über allem steht“ (2018, 150).

Maja Göpel sieht es so:

  • „Die Wahrheit ist: Ohne Regulierung gibt es keinen Markt. Nur durch Gesetzgebung sind Verträge, Standards, Verbindlichkeiten geschützt“ (zit. in Jung/Schießl 2020).


Neubauer/Repenning drehen – zu Recht – die althergebrachte Argumentation um:

  • „Was ist radikal daran, umwelt-, klima- und gesundheitsschädliche Geschäftspraktiken zu verbieten? Radikal ist es, sie nicht zu regulieren. Radikal ist es, stattdessen Anreize zu schaffen, die Unternehmen, die Umwelt, Klima und Gesundheit schädigen, steuerlich zu entlasten. Radikal ist es, einen anhaltenden ökologischen Wahnsinn im Namen der Freiheit zu verteidigen. Radikal, auf die denkbar destruktivste Weise.“ (2019, 144)

Harald Welzer findet, dass „wir viel offensiver [über Verbote] reden müssen. Ohne stabiles Ordnungsrecht würde unserer Gesellschaft nicht funktionieren. Es garantiert unsere Freiheit, man denke nur an das Schusswaffen- und Rauchverbot. Für mich ist klar, dass die Menschen erfahren müssen, was auf sie zukommt – aber eben mit der Betonung auf Zugewinn an Freiheit und Lebensqualität. Dafür braucht es einen Perspektivwechsel“ (2020, 10).

Und die Transformationsforscherin Maja Göpel entlarvt die Verbotsdebatte ein weiteres Mal souverän mit den Worten:

  • Wir reden doch beim Steuersystem auch nicht davon, dass wir ein paar Anreize setzen müssten, dass die Leute vielleicht freiwillig Steuern zahlen. [Es hat gute Gründe, dass die Rentenversicherung gesetzlich zur Zahlung verpflichtet.] Gesellschaften sind immer mit Regeln strukturiert. Und jede Regel hat genau diese beiden Effekte: Es ist nie einfach einseitig ein Verbot, sondern es ist immer auch eine Entscheidung für etwas anderes. Ich finde es gut, wenn wir darauf verzichten, die Ökosysteme zu zerstören und gut leben können wir dabei allemal. Es ist doch inzwischen allzu sichtbar, dass diese Verbotsrhetorik fast immer nur aufgerufen wird, wenn es um Fragen des Konsums geht. Bei anderen Dingen ist die Verbotsfrage schnell im Raum – zum Beispiel, Demonstrationen in der Schulzeit zu untersagen“ (Göpel 2020a).

    „Verzichten heißt in reichen Ländern… eigentlich nicht mehr und nicht weniger, als darauf zu verzichten, den Planeten zu ruinieren“ (Göpel 2020b, 127).

Übrigens:

  • Die positive Form des Verzichts ist die Genügsamkeit. Wer (selbst-)genügsam ist, verzichtet nicht.

Folkers ergänzt:

  • „Suffizienz… verspricht auch eine höhere Lebensqualität und Autonomie im Sinne einer Befreiung von Überfluss“ (Folkers/Paech 2020, 27).

Der Spiegel beobachtet in diesem Zusammenhang:

  • „In ihrer Verzweiflung über die Erfolge der Grünen greifen ihre politischen Gegner zum alten Klischee der ‚Verbotspartei‘ – und erkennen nicht, dass niemand mehr Angst davor hat… Bei den Wählern hat sich offensichtlich (auch dank ‚Fridays for Future‘) die breite Erkenntnis durchgesetzt, dass Spaß künftig nur noch zu haben ist, wenn wir die Erde nicht vorher unbewohnbar machen“ (Kuzmany 2019).

In diesem Sinne fügt Niko Paech hinzu:

  • „Früher oder später wird die Angst um die Überlebensfähigkeit unserer Zivilisation größer sein, als die Angst vor dem Wohlstandsverlust, der sich zudem begrenzen und ertragen ließe“ (2020, 3).

Die Klimakrise ohne Ordnungsrecht und Verbote lösen zu wollen, d.h. ausschließlich auf Vernunft, Anreize und den freiwilligen ‚Verzicht‘ von Bürger*innen zu setzen ist m.E.: weltfremd.1



Christian Stöcker wirft in diesem Zusammenhang eine rhetorische Frage auf:

  • „Wie groß glauben Sie, wäre das Ozonloch, wenn man es damals in den Achtzigern dem Konsumenten überlassen hätte, sich aus ethischen Erwägungen für Kühlschränke und Haarspray ohne Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) zu entscheiden?“ (2019a).


weltfremd… und verlogen: Jeder Mensch weiß aufgrund seiner Lebenserfahrung, dass

  • er selbst sogar mit Verhaltensänderungen bzgl. kleiner, lästiger, schlechter Angewohnten und Genügsamkeit meist große Mühe hat und dass
  • das auf die Gesellschaft und auf die Menschheit bezogen nicht klappen kann: Wir sind nicht rational.


Und hier hat man auch über die Freiheit der Anderen nachdenken:

  • Über das Recht der Bürger*innen auf körperliche Unversehrtheit, z.B. auf gesunde Luft in den Städten oder das Recht auf eine gleichberechtigte Teilnahme am Verkehr sowohl der Fußgänger*innen als auch der Radfahrer*innen – es geht also um einen Interessenausgleich und nicht um das angebliche Recht des am lautesten Plärrenden.


Es ist interessant, dass die Kontroversen um die Einführung der Gurtpflicht, der neuen deutschen Rechtschreibung und des Rauchverbots in Deutschland in Restaurants etc. zunächst mit gleicher Vehemenz wie die derzeitige Diskussion um Tempolimits und CO₂-Steuer geführt wurden – danach aber jeweils unerwartet gut und mit breitem Konsens angenommen wurden.

Soll heißen, wir sollten uns davon nicht zu sehr beeindrucken lassen, das Ding durchziehen, aber selbstverständlich bei Ökosteuern auf Sozialverträglichkeit in Form von intelligenten Steuern mit Rückvergütungen etc. achten – dann gibt es erwartbar auch keine ‚Gelbwesten‘-Dynamiken.


Und, bei der Gelegenheit: Ich möchte NIE WIEDER den Begriff ‚freiwillige Selbstverpflichtung‘2 hören müssen – dass ist nichts anderes als ein Euphemismus für aufschiebende sowie wirkungs- und folgenlose Lobbyismus-freundliche Parteipolitik, gekoppelt mit der Ausrede, dass

  • jede*r Bürger*in in einer Demokratie das Recht habe, sich durch tägliches Fastfood das Leben zu verkürzen und
  • es ihre/seine freie Entscheidung sei, ob sie/er (z.B. aufgrund einer Zigaretten-Plakatwerbung)3 zur Raucherin bzw. zum Raucher werde.
  • Noch ein Lieblingswort von Konzernchefs und Lobbyisten: ‚Nachhaltigkeit‘:
    • Wenn man den CEOs (=Chief Executive Officer = Hauptgeschäftsführer*in) der großen Konzerne zuhört, dann könnte man glauben, es sei ihnen nicht wichtiger als: Nachhaltigkeit.
Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 In diesem Sinne habe ich mehrfach mit Unionspolitiker*innen Kontakt aufgenommen und sie auf Basis z.B. auf Daniel Ludwigs Aussage „Klimaschutz … nicht mit Bevormundung und Verboten, sondern nur durch Sensibilisierung“ (KN-online 2019) um Auskunft gebeten mit Fragen wie: „Wie sollen Ihrer Ansicht nach Bundesbürger*innen so sensibilisiert werden, dass sie innerhalb von wenigen Jahren mehrheitlich so ‚vernünftig‘ werden, dass sie selbstmotiviert wesentlich weniger fliegen?“ – Oder: „Es übersteigt mein Vorstellungsvermögen, dass dies mit purer Freiwilligkeit bei Themen wie Fliegen, Autofahren, Massentierhaltung/Fleischkonsum, Pestiziden in der Landwirtschaft, Energiewende/Windkraft etc. pp. gelingen könnte. Sie hingegen scheinen es für möglich zu halten. Bitte weihen Sie mich ein, geben Sie mir etwas von Ihrer Zuversicht ab: Wie soll das vonstatten gehen?“. Auf beide Fragen habe ich Antworten erhalten, die jedoch bedauerlicherweise nicht wirklich weiterführend waren, sodass ich entweder nicht die richtigen Ansprechpartner*innen erwischt habe oder es keine Antwort auf die Frage gibt. Ich bleibe am Ball…

2 Versuchen Sie eine solche ‚freiwillige Selbstverpflichtung‘ mal an ihrem Arbeitsplatz oder im Kindergarten einzuführen. Finden Sie diesen Vergleich hinkend? Ja. Aber ist er falsch? (vgl. dazu auch Abschnitt Sandkastenspiele im politischen Kindergarten Deutschland, S. 372f.)

3 Die Bundesregierung handelt! Ab 2022 dürfen herkömmliche Tabakprodukte nicht mehr per Plakat-Außenwerbung beworben werden. Es sei denn, es handelt sich um einen Kiosk. Oder um eine Tankstelle. Oder um Tabakerhitzer. Oder um E-Zigaretten. Ab 1.1.2021 ist Kino-Zigarettenwerbung verboten. Es sei denn, es handelt sich um einen Film 18+… Und, liebe Eltern, Autofahren mit Baby an Bord und Kippe in der Hand ist weiterhin Teil Eurer Freiheit als freie Bürger*innen; vgl. Zeit 2020.


Exkurs zum Begriff ‚Nachhaltigkeit‘

Die allgemein anerkannte Definition des Begriffes aus dem sog. Brundtland Report1 von 1987:

  • Eine Entwicklung ist nachhaltig, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“
    • im englischen Original: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“ (UN-documents 1987, s.a. LdN 2019).

In einfacheren Worten drückt es Harald Welzer aus:

  • „Nachhaltigkeit bedeutet Wirtschaften in der Zeit: Also, ich darf zu einem gegebenen Zeitpunkt nicht mehr verbrauchen als nachwachsen kann“ (2019).

Diese Definition hat mit dem Manager-Gewäsch (à la Green Washing) nichts, aber auch gar nichts zu tun.


Interessant ist auch, dass – in den Worten von Felix Austen – „die Idee von ‚design or disaster‘ … im ursprünglichen Verständnis von Nachhaltigkeit bereits verwurzelt [ist]. Bei der ersten Nennung des Begriffs Nachhaltigkeit durch Hans Carl von Carlowitz im Jahr 1713 beschreibt der Oberberghauptmann es vereinfacht gesagt als ein Prinzip, nach dem einem Wald nur so viele Bäume entnommen werden sollten, wie im Wald im selben Zeitraum wieder nachwachsen können. Denn nur so kann der Wald seine Bewirtschafter dauerhaft mit Bäumen versorgen… Der konsequente Schluss daraus:

Wer in seinem Forst nicht nachhaltig wirtschaftet, in dessen Wald wird sich etwas ändern. Ob er das will oder nicht“ (2020, 157-158).

Und diese Veränderung wäre dann zu begleiten: By design or by disaster.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Der Report entstand ab 1983 unter der Leitung der ehemaligen Ministerpräsidentin Norwegens, Gro Harlem Brundtland.


Es steht m.E. zu befürchten, dass der nächste wie ein Hundeknochen zerkaute Begriff das Wort ‚Transformation‘ sein wird. Der Begriff ist ernstgenommen und wie er derzeit noch von Befürworter*innen einer sozial-ökologischen Transformation verwendet wird einfach zu explosiv, um nicht durch Vereinnahmung durch die ‚Weiter So’s‘ entschärft zu werden.


Zurück zu den Ablenkungsmanövern.


Luisa Neubauer:

  • Letztlich mache das alles deutlich, wie überfordert der öffentliche Diskurs ist,

    „der sich an das Einzige klammert, was im weitesten Sinne klimapolitisch bedeutsam und irgendwo begreifbar ist: Autos und Flugzeuge.
    (2019a)


Dabei sind die großen Fragen doch ganz andere:

  • Woher kommt die Selbstverständlichkeit, dass es okay ist, dem Planeten und der Umwelt wissentlich so massiv zu schaden?
  • Auf Basis welchen Rechtes provozieren die Industrienationen Naturkatastrophen wie die Überschwemmungen z.B. in Mosambik?
  • Wieso dürfen Politik und Industrie die Freiheiten der heutigen und vor allem der zukünftigen Generationen derart bedrohen?


Übrigens ist auch die prioritäre Forderung nach Bildung zur Bewältigung von Klimakrise & Co ein Ablenkungsmanöver. Bildung ist selbstredend ein hohes Gut und hat selbstverständlich bspw. nach finnischem Vorbild massiv ausgebaut und mit viel, viel Geld gepimpert zu werden. Doch aus dem Munde von konservativen Politiker*innen kommt der Ruf nach Bildung im Zusammenhang mit Klimakrise & Co m.E. allzu oft als Schlüssel zur Lösung der (Klima-)Probleme daher. Dieser ‚Vernunft-Ansatz‘ ist m.E. insofern ein Ablenkungsmanöver, als das wir schlicht keine Zeit mehr haben, auf die Ergebnisse dieser Bildungsoffensive zu warten. Hier geht es also ein weiteres Mal um das ‚Auf die lange Bank schieben‘.


„Maßstab für ein neues Bildungssystem kann nicht ein gemutmaßter Arbeitsmarkt sein, sondern das Ziel, unsere Kinder dazu befähigen, sich in der zukünftigen Welt gut zurechtzufinden.“ (Richard David Precht 2018, 168)


Die seit Sommer/Herbst 2019 in den Diskurs eingeführte aktuellste Nebelkerze der Bundesregierung oder auch: die neue Rückzugslinie lautet: Klimaschutz müsse sozialverträglich sein, niemand dürfe zurückgelassen werden.

Sonst drohten Zustände wie im Frankreich der Gelbwesten.

  • Das blöde an solchen ‚Argumenten‘ ist, dass sie nie ganz falsch sind, also eine Teilwahrheit beinhalten, aber den Schwerpunkt grundlegend falsch setzen.
  • Der Vergleich zu Frankreich ist das typische Politiker*innen-Spiel mit der Angst – Macron hat schlicht absurde Fehler gemacht, die Deutschland – gerade auch auf Basis von Macrons Erfahrung – leicht vermeiden kann.
    • Natürlich soll Klimaschutz sozialverträglich sein – das hat auch keine einzige Partei links der Mitte in Frage gestellt.

Hier wird also eine Trivialität zur Message aufgeblasen, die letztlich unterstellt, es gäbe in der (linken) Politik Politiker*innen, die den sozialen Aspekt nicht sehen.

Tatsächlich besitzt das Wort ‚Sozialverträglichkeit‘ derzeit in Deutschland nach meiner Wahrnehmung einen Subtext, der da heißt „das Wohlstandsniveau halten‘ oder auch „keine Antastung des Lebensstils“ – was ein physikalisches Wunder erfordern würde (vgl. Folkers/Paech 2020, 195) – ergo lautet dieser Subtext faktisch: ‚Weiter so‘.


Sozialverträglichkeit ist ein hohes Gut. Klimaschutz soll sozialverträglich sein, und das haben wir immer auf dem Schirm zu halten – und richtig ist trotzdem: Die grundlegende Priorität hat logisch eine andere sein: Ohne Klima ist alles nichts, also können ungewünschte Veränderungen und auch – zumindest gemessen am derzeitigen Überfluss – soziale Abstriche erforderlich sein:

  • Noch nicht angekommen ist in der Politik und bei den meisten Bürger*innen, dass letztlich das CO2-Budget den Handlungsrahmen setzt, d.h. die planetaren Grenzen markieren die Leitplanken des Möglichen:

    Alle Gesetzesvorhaben/Regulierungen/Rechtsverordnungen/Leitplanken haben unter einen Klima- und Zukunftsfähigkeitsvorbehalt gestellt zu werden. Alles andere ist Traumtänzerei. (vgl. S. 484)

    Reduziert man das Thema auf „Planet oder Arbeitsplatz?“ entspricht diese Dichotomie „Sein oder nicht sein“. Und auf diese Frage kann es nur eine Antwort geben.
…mehr

Es darf nicht übersehen werden, dass diese Dichotomie eine Geisterdebatte ist, weil z.B. im Bereich ‚Erneuerbare Energien‘ so viele Arbeitsplätze entstanden sind – die dann nachfolgend allzu oft ‚gealtmaiert‘ wurden, s. Aspekt Arbeitsplätze mit zweierlei Maß gemessen, S. 539).

  • Was kann ‚Sozialverträglichkeit‘ angesichts der drohenden Klimakatastrophe bestenfalls noch bedeuten?

    Ich denke: Das Recht auf einen grundlegenden Wohlstand – und nicht etwa eine ‚Bestandsgarantie des Überflusses‘.
  • Auf die Vorbedingung ‚Sozialverträglichkeit‘ des Hamburger Bürgermeisters Tschentscher – der auch das ‚Klimapaket‘ großartig findet (Stand Herbst 2019) – reagiert Luisa Neubauer:

    „‚So zu tun, als sei Klima eine Sache, die man verhandeln kann, das stimmt einfach nicht. Das ist annähernd leugnerisch’… Klimaschutz müsse stattdessen die Grundlage aller politischen Entscheidungen sein“ (NDR 2019).


    Aber eigentlich, ein wenig mehr in die Zukunft gedacht, ist die Perspektive eine ganz andere:

    Um soziale Härten zu vermeiden bedarf es nicht weniger und langsameren Klimaschutz, sondern mehr und schnelleren Klimaschutz:
    • Das Weiter so führt ins Aus. Beharren oder Bremsen ist daher keine Lösung.
    • Ein Sprung nach vorne, d.h. Veränderung um unseres Wohlstandes willen – ist anstrengend, aber unsere Chance. Übrigens unsere einzige. Unsere letzte.

Vielleicht ist das ja auch alles ein großes Missverständnis.

M.E. bedeutet Sozialverträglichkeit, dass wir Reformen in der Form vornehmen, dass die jungen Menschen und künftigen Generationen in Sinne der Generationengerechtigkeit nicht in den sozialen Absturz getrieben werden.


Möchte da jemand widersprechen?


Sozialverträglichkeit schließt Generationengerechtigkeit ein. Und damit ist die Besitzstandswahrungs-Argumentation der ‚Weiter So‘s sofort vom Tisch.

Um soziale Härten zu vermeiden bietet es sich an, als Gesellschaft gemeinsam unseren Lebensstil grundlegend zu überdenken und die große (vor allem finanzielle) Ungleichheit in Deutschland zugunsten einer weitgehenden, Steuer-ermöglichten Angleichung der Lebensverhältnisse zu reformieren.

  • Hier können Regeln, Verbote, Regulierungen und Ordnungsrecht im Sinne der großen Mehrheit der Bürger*innen wirken.

    Zumal nicht einzusehen ist, dass ein Reicher z.B. das Klima weiterhin totfliegt ohne Einschränkung – nur weil er es sich leisten kann.

Zu letzterem Punkt schreibt Bernd Ulrich in der Zeit:

  • „Die Klimakrise stellt das bisherige System von Anreiz und Belohnung aber noch auf andere Weise infrage: Die Ungleichheit lässt sich vielleicht noch ökonomisch begründen, ökologisch keinesfalls. Warum sollte ein Reicher mehr Rechte haben, das Klima in Gefahr zu bringen, als ein Armer? Und was passiert mit der Motivation der Mittel- und Oberschicht, wenn Wohlstand oftmals nicht mehr bewundert wird, sondern ökologisch verpönt ist, was wird dann aus der Vorzeigbarkeit des Reichtums?“ (2019b).

Von einem solchen, großen Gesellschaftsprojekt, mit dem wir die alten Ungleichheiten gleichsam parallel zum Klimaschutz loswerden, spricht zurzeit rechts der Grünen niemand.


Kommen wir zu einem weiteren Nebenschauplatz, der es – unwichtig wie er ist – als Ablenkungsmanöver regelmäßig ganz weit auf die vordersten Seiten der Medien schafft:

  • Die stets aufkeimende Diskussion bei jedem Extremwetter nach dem Motto „Ist das noch Wetter oder doch schon Klima?“ – „Ist der Sturm X oder ein Extremwetter Y ein Resultat der Klimakrise oder einfach nur ein Sturm bzw. ein Unwetter, das auch ohne die Erderwärmung eingetreten wäre?“
  • Diese Diskussion ist an sich irrelevant, weil sie den wissenschaftlichen Fakten nichts hinzufügt oder deren Gültigkeit relativiert.
Attribution Science: Schlechte Zeiten für Klimaleugner |
WDR (15.11.2017)
www.youtube.com/watch?v=lQ_5SbbOH1g (Abrufdatum 24.7.2019)

Seit einigen Jahren sind solche Fragen endlich gut und präzise zu beantworten, u.z. durch das neue wissenschaftliche Fachgebiet namens ‚Event Attribution Science: die ‚Attributions-Wissenschaft‘ oder auch ‚Zuordnungsforschung.

  • Hier berechnen die Forscher*innen – vornehmlich ein Kreis um die in England wirkende deutsche Klimaforscherin Friederike Otto – mit den etablierten Wetter- und Klimamodellen die Wahrscheinlichkeit eines Wetterereignisses zweimal:
  • Einmal unter den aktuellen CO₂-geschwängerten Bedingungen und
  • einmal unter den Bedingungen „einer simulierten [vorindustriellen] Welt, die eben nicht mit Unmengen an Treibhausgasen wie Kohlendioxid aufgeheizt worden ist“ (Evers 2017).
  • Eine deutliche Differenz der beiden Wahrscheinlichkeiten markiert den statistisch signifikanten Einfluss des Klimawandels bzw. der Erderwärmung.
    • Ein Beispiel:
      „So kamen durch die Gluthitze im indischen Bundesstaat Andhra Pradesh im Jahr 2015 mit Temperaturen bis zu 48 Grad über 1.800 Menschen ums Leben, vor allem in den Elendsvierteln, wo es weder Klimaanlagen noch Schatten spendende Bäume gibt. Wir fanden heraus, dass eine solche Hitzewelle durch den Klimawandel dort etwa doppelt so wahrscheinlich geworden ist“ (Otto 2019, 105).
  • Hilfreich ist, dass der Befund der Klimaforscher*innen innerhalb weniger Tage erfolgt, was ihnen den Titel Climate SWAT Team, d.h. ‚Klima-Spezialeinheit‘ (vgl. Otto 2019, 76), eingebracht hat. Somit können sich Klimaforscher*innen nun mittlerweile doch zum Thema ‚Wetter‘ äußern – und das noch in der Phase, in der ein Thema für Mensch, Politik und Medien relevant ist.
  • Dieser neue Wissenschaftszweig ist derart erfolgreich (und wichtig!), dass der Deutsche Wetterdienst (DWD) als erste Wetterdienst weltweit spätestens ab 2020 regelmäßig entsprechende Studien zum „Fingerabdruck des Klimawandels“ (Otto 2019, 135) veröffentlichen wird.

Die Klimakrisen-Wahrheit, die Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier verschweigt:

„Es wie bei vielen Krankheiten: Je länger man wartet, desto unangenehmer wird die Therapie.“

>> Martin Kolmar, Professor für Volkswirtschaftslehre und Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen – über die Erfordernis möglichst schnell umfassend zu handeln (2019).


Ein Zwischengedanke: 
„Wir müssen nicht ‚das Klima‘ retten – sondern uns!“ (Eckart von Hirschhausen in Koruhn 2019)


Zurück zur handfesten Klimawissenschaftsleugnung (vgl. S. 221): Dies ist eine Einstellung, mit der man sich heute ins Abseits stellt. Daher empfehle ich umgehenden Aufmerksamkeitsentzug und sofortige Rückkehr zum eigentlichen Thema z.B. der Party-Diskussion:

  • Es ist nicht unsere Aufgabe, Menschen von etwas zu überzeugen, von dem sie nicht überzeugt werden wollen. Und: Wer z.B. schlicht nicht weiß, was unabhängige Wissenschaft bedeutet und meint, sich auf Basis von Nicht-Wissen eine Meinung1 über wissenschaftlich erwiesene Fakten bilden zu können, nur auf ihm genehme Meinungen hört oder Verschwörungstheorien anhängt, den wird man auf einer Party, bei einer Diskussion mutmaßlich nicht auf den Boden der Tatsachen holen können.2 Da erscheint es m.E. sinnvoller, wenn diese Person – anstatt auf sie einzugehen – im Kreis der übrigen Teilnehmer*innen mitbekommt, wie die weitere faktenbasierte Diskussion ihren Lauf nimmt und wie andere Menschen mit dem Thema umgehen.
Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

1 Der indische Philosoph Jiddu Krishnamurti über Meinung und Wahrheit: „In der Welt gibt es so viele Meinungen wie Leute. Und Sie wissen, was eine Meinung ist. Sie selbst sagen dies, und ein andere sagt das. Jeder hat seine Meinung, aber Meinung ist nicht Wahrheit. Hören Sie deshalb nicht auf bloße Meinungen. Es spielt dabei keine Rolle, wessen Meinung es ist; finden Sie vielmehr selbst heraus, was wahr ist. Meinungen können über Nacht geändert werden, Wahrheit aber kann nicht verändert werden“ (1964, 148).

2 Schon die Grundannahme, man müsse einem Verschwörungsanhänger nur ausreichend Argumente und Fakten vorlegen, um zu überzeugen, ist falsch. Man begegnet sich schlicht nicht auf der gleichen Ebene: Das Rationale erreicht nicht den Gläubigen. Der Experte für Verschwörungstheorien Michael Butter führt dazu aus: „Sie glauben noch stärker daran, wenn man Gegenbeweise vorlegt.“ Und: „Wir wissen aus einer Reihe von Studien, dass überzeugte Anhänger irrationaler Ideen noch stärker daran glauben, wenn man Gegenbeweise vorlegt“ (2020).


Fazit des Abschnitts Eine neue Rückzugslinie: Klimawissenschaftsverweiger*innen – die immer gleichen ‚Argumente‘

Aber… Kein aber.

Lieber Aberer*innen, die Zeit des ‚aberns‘ ist vorbei. ‚Aber‘ gilt nicht mehr. Für ‚Aber‘ haben wir keine Zeit mehr.


… und da kommt auch niemand, der noch mal eben schnell was erfindet…



Die Party – La Boum – ist vorbei:

Maybe my foolishness is past / And maybe now at last / I’ll see how the real thing can be.



Ergo:

Wir brauchen „die kulturell bisher einmalige Leistung, … [auf die Klimakrise und das sechste Massenaussterben] nicht reaktionär, sondern progressiv zu reagieren. Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen.“ (Luthmann 2019)


Eine Wahnsinns-Idee.

Technologiegläubigkeit: Ein Konservatismus der besonderen Art

Unter denjenigen, die die Klimakrise, das sechste Massenaussterben, die Endlichkeit der Ressourcen und allgemein die Grenzen des Wachstums, nicht wirklich ‚auf der Pfanne‘ haben, gibt es Menschen, die alles beim Alten lassen möchten (und/oder noch gerne etwas länger mit fossilen Energieträgern Dollar, Dollar, Dollar verdienen möchten) – und die zu diesem Zweck tief und irreversibel in die Chemie und Physik des Systems ‚Erde‘ eingreifen würden: per Geo-Engineering. Da bliebe: Nichts beim Alten.
Das würde einen ganzen Planeten inkl. Menschheit, Fauna und Flora zu Teilnehmern eines gigantischen Experiments mit ungewissem und potenziell vernichtendem Ausgang machen. „In der Antike nannte man das Hybris. … Wendell Berry nannte es ‚arrogante Ahnungslosigkeit“ (Klein 2015, 326)1.

Mehr möchte ich dazu nicht schreiben.

Obwohl… doch:

Mein derzeitiger Favorit unter all den wunderbaren, faszinierenden Projektideen: Eine Mauer um die Antarktis, damit die Eisberge nicht abbrechen und fort schwimmen können. Denn: Dann schmilzt das Eis auch ganz bestimmt nicht. Ich bin dabei! Gleich Morgen steig‘ ich in einen Fischkutter und bringe mal eben auf einen Sprung das Baumaterial für 17.968 Kilometer Küstenlinie da hin. Ein Klacks.

Bei den Daniel-Düsentrieb-Geschichten in den ‚Micky Mäusen‘ hat so etwas auch immer funktioniert.

Details: Erläuterungen zu (1)

1 Der Philosoph, Farmer und Dichter Wendell Berry fügte dieser Feststellung hinzu: „Wir erkennen arrogante Ahnungslosigkeit durch ihre Bereitschaft, in zu großem Maßstab zu arbeiten und daher viel aufs Spiel zu setzen“ (zit. in Klein 2015, 326).


Quellen des Abschnitts Eine neue Rückzugslinie: Klimawissenschaftsverweiger*innen – die immer gleichen 'Argumente' inkl. Technologiegläubigkeit: Ein Konservatismus der besonderen Art



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