Was kann ich tun? – Haltung!

Macht’s wie wir: Werdet erwachsen“ (frei nach: Fridays for Future)


Missionieren funktioniert nicht – das mündet eher in eine Verweigerungshaltung des Gegenüber und reduziert vor allem eines: den Freundeskreis.1

Aber:

Wir können mit gutem Beispiel vorangehen – und uns nicht mehr darum kümmern, was die anderen lassen oder tun: Das Prinzip ‚Ich geh‘ schon mal voraus‘ – oder: ‚Wir fangen schon mal an.‘2

Details zu (1) und (2)

1 „Klimakommunikation, die die Identität, Werte und den Lebensstil anderer Menschen pauschal angreift, heizt dies an. Vorwürfe und die Titulierung als Sünder werden niemanden überzeugen, sondern Gegenvorwürfe erzeugen“ (Brüggemann 2019). In a nutshell: Meide es, zu polarisieren.

2 Der Buddhist Manfred Folker fasst es in andere Worte und meint, „dass das Ziel einer Aktivität in der Aktivität selbst liegt und nicht im Bestreben, andere Menschen ändern zu wollen. Es reicht, absichtslos das Beste zu geben“ (Folkers/Paech 2020, 81).


Dazu ist etwas vollkommen Unmodisches erforderlich: Haltung.

„Sei du selbst die Veränderung, die Du Dir wünschst für diese Welt.“

Mahatma Gandhi zugeschrieben

  • Natürlich ist es ein riesiger Unterschied, ob ich beim Institut mit dem Porsche oder mit dem Fahrrad vorfahre, ob ich auf meinem Dozentenpult eine Plastikflasche mit Wasser hinstelle oder eine jahrelang verwendbare Edelstahl-Trinkflasche. Gerade wenn wir irgendwo im Fokus des Interesses stehen – und da reicht schon ein Vortrag – schauen die Menschen genau hin.
  • Selbstverständlich ist es ein riesiger Unterschied, ob ich versuche mit meinem Bali-Urlaub anzugeben oder von meiner Harz-Trekkingtour erzähle.


Eine solche Haltung bzw. Selbstveränderung im Sinne Gandhis mag im Weltmaßstab und hinsichtlich der CO₂-Emissionen von marginaler Bedeutung sein, aber sie fördert mindestens das eigene Bewusstsein.

Und:

Wir speichern – wenn wir aktiv Dinge tun – die Dinge im Kopf leichter ab, die wir uns ohne praktische Anwendung nur schwer merken können, sodass wir, wenn wir proaktiv handeln, an uns selbst wachsen und auf dieser neuen Basis weiter voranschreiten können auf unserem Weg.

In diesem Sinne auch der Spiegel:

  • „Wenn niemand mehr Bewunderung dafür erntet, dass er mit dem Auto in unter fünf Stunden von Berlin nach München geheizt ist, sondern nur noch die irritierte Nachfrage hört, warum er nicht gleich den Zug genommen hat, dann kann den Verbrennungsmotor auch kein CSU-Verkehrsminister mehr retten. Wenn man die Bilder von der luxuriösen Fernreise keinem mehr zeigen mag, weil es peinlich geworden ist, mit seinem persönlichen Beitrag zur Klimakatastrophe auch noch zu protzen, dann wirkt das stärker als jede Erhöhung der Flugpreise“ (Kuzmany 2019).


Ähnlich argumentiert auch die Journalistin Julia Kopatzki, wenn sie schreibt, dass viele Menschen trotzig reagieren, wenn sie z.B. hören, dass der Anbau von Avocados enorme Mengen Wasser verschlingt (vgl. S. 182) und sie dann trotzdem (!) kaufen.

Aber:

  • „Trotz heißt zugleich, dass wir etwas begriffen haben. Nicht im Kopf – emotional. … Unser Verhalten sei abhängig von vier Faktoren, erklärt … [der Umweltpsychologe Andreas] Ernst.
  • Gewohnheit.
  • Die Möglichkeit einer guten Alternative.
  • Die Überzeugung, dass diese sich für uns lohnt.
  • Und der soziale Einfluss derer, die uns wichtig sind.
    ‚Wenn nur einer der vier Punkte ausfällt, kann unser Verhalten kippen‘, sagt … Ernst“ (2019, 48).


Halten wir fest:

  • Das Verhalten der Menschen unseres sozialen Umfeldes färbt auf uns ab. So wie die Wahrscheinlichkeit dick zu werden größer ist, wenn sich im Freundeskreis Menschen mit entsprechenden Körpermaßen befinden (vgl. Tagesspiegel 2007 u. Bartens 2010), so gilt das auch für anderes Verhalten: Besitzen Menschen in unserem Umkreis Autos – wie oft kaufen sie ein Neues? Zahlen unsere Freunde und Bekannten einen Lebenskredit für ihr Einfamilienhaus – leben sie vor den Toren der Großstadt? Wohin reist unser Umfeld, welche Ernährungsgewohnheiten sind charakteristisch, wo wird was geshoppt? – All diese Lebensaspekte werden latent von unserem jeweiligen Umfeld beeinflusst und inspiriert.


Jetzt kommt’s:

  • Das funktioniert auch umgekehrt:
    Wenn wir bewusst kein Auto haben, nicht fliegen, Vegetarier*in sind etc. pp. – dann bekommt das unser Umfeld mit (obwohl wir damit nicht hausieren gehen, ergo: nicht missionieren!), stellt Fragen, kommt manchmal ins Nachdenken, trotzt, wägt ab, beobachtet, ob auch andere Menschen des Umfeldes ähnlich wie wir agieren…


Und noch eins:

  • Wir rechtfertigen uns alle gegenseitig.
    Das wird immer dann augenfällig, wenn man als Einzelperson den stillschweigenden Konsens rund um eine ‚soziale Norm‘ aufkündigt – z.B., in dem man nicht mit Sekt auf den Geburtstag von Person X anstoßen möchte.

    Die Reaktionen sind – etwas pauschal ausgedrückt – voraussehbar: Dem jüngeren weiblichen Teil der Bevölkerung wird dann allzu gern unterstellt, dass sie schwanger ist – ich kann es nicht mehr hören –, und es ertönt quasi unvermeidlich das „ach komm, ein Schluck geht doch“-bla-bla-bla.
    • Hier wird sofort von der Gruppe sanktioniert, dass ein Gruppenmitglied sozusagen gegen die Gruppe aufsteht. Sogar bei so etwas harmlosen wie, heute mal keinen Alkohol zu konsumieren, wird dieses abweichende Verhalten seismographisch erkannt und sanktionierend reagiert. Kein Wunder, dass es vielen Menschen, die ja Gruppentiere sind, schwerfällt, non-konform zu sein, d.h. gegen die Gruppe aufzutreten.

>> Und deswegen ist es vielen Menschen so verdammt wichtig, was andere Menschen von ihnen denken.
>> vgl. auch Aspekt Menschen sind soziale Wesen – und wollen vor allem eines: Sinnstiftung und Anerkennung, S. 386.

  • Eigentlich geht es darum, dass die/der Andere ein leises schlechtes Gewissen hat – spätestens, wenn es darum geht, dass Person Y kein Fleisch isst, kann es am Grill u.U. sogar zu aggressiven verbalen Ausbrüchen kommen, obwohl die/der Vegetarier*in nichts weiter möchte, als ihre/seine Veggie-Bratwurst nicht unter die anderen gemischt zu sehen…


Wenn nun im Freundeskreis weitere Menschen keinen Sekt wollen, nicht fliegen, kein Fleisch essen – aber zu Demos gehen, aufs Fahrrad steigen, das Auto abschaffen, die Bahn nehmen, an die Nordsee statt in die Südsee reisen – dann wird dieses etablierte Rechtfertigungsschema schwieriger.


Zu diesem Schluss kommt auch der Direktor des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Matthias Sutter:

  • „Mein Eindruck ist, dass das soziale Umfeld den stärksten Einfluss hat. Wenn alle meine Freunde aufs Fliegen verzichten, ist der Druck auf mich hoch. Dazugehören und so leben zu wollen wie andere ist ein sehr starkes Motiv menschlichen Verhaltens. Öffentliche Personen sind dagegen sehr weit weg“ (2020).
Wir rechtfertigen uns alle gegenseitig | handbuch-klimakrise.de
Wir rechtfertigen uns alle gegenseitig | handbuch-klimakrise.de

Egal, um welches Thema es geht:

Anecken ist wichtig! Reibungslosigkeit aufkündigen!

Jeder kann etwas tun, jede Handlung färbt ab. Nicht 1:1 – und selbst, wenn der Freundeskreis immun sein sollte – das eigene Bewusstsein für die Dinge nimmt zu. Und vielleicht braucht man auch mal neue Leute um sich?


Das gleiche gilt für das Einkaufsverhalten. Selbstverständlich ist jede (Nicht-)Kaufentscheidung eine Abstimmung an der Ladenkasse.

  • Und auch hier gilt: Natürlich erzähle ich im Freundeskreis, dass wir Palmöl mittlerweile komplett aus unserer Wohnung verbannt haben und Nestlé von uns keinen Cent erhält.

Aber wichtig ist auch:

Die Forderung nach einer weitgehenden Privatisierung/Individualisierung der Klimakrise ist ein Ablenkungsmanöver der CDUcsuSPDfdp-Politik und der Industrie samt ihrer Green Washing-Produkte.

Deren Aufforderung:

  • „Kauf nachhaltige Produkte und die Welt wird gerettet sein. Und Du kannst weiter unbesorgt shoppen“ ist: Schwachsinn
  • Was ich hier bezogen auf die Möglichkeiten individuell zu Handeln schildere, rettet definitiv nicht die Welt und kann so verstanden sehr frustrierend sein.

>> Zum Thema Abschiebung der Verantwortung durch Industrie und Politik, d.h. zu dem Versuch, die Klimakrise zu ‚privatisieren‘ bzw. zu ‚individualisieren‘, siehe S. 171f.
>> s.a. Abschnitt Ausreden, Ablenkungsmanöver und Ersatzdebatten: Die Zeit des ‚Aberns‘ ist vorbei, S. 234.

Sinnvoll erscheint hier m.E., dass eine zu tun, ohne das andere zu lassen.


Konkret geht es darum,

  • durch eigenes Alltagshandeln ein Bewusstsein für sich (und teilweise auch für sein Umfeld) zu schaffen,
  • wach zu werden,
  • proaktiv in die Welt hineinzugehen,
  • an sich selbst zu glauben,
  • die gegenseitige Negativ-Rechtfertigung und Reibungslosigkeit zu durchbrechen,

    um auf dieser Basis z.B.
  • ins Gespräch zu kommen,
  • miteinander zu diskutieren,
  • Themen zu setzen,
  • zu Demos zu gehen,
  • Podiumsdiskussionen zu besuchen,
  • Mitglied einer Umweltschutzorganisation zu werden,
  • politisch aktiv zu werden und/oder
  • in einer NGO (Non Governmental Organization) mit zu arbeiten… (s.a. Kuzmany 2019).

„Doch manche Dinge kann man nicht durch Nachdenken ergründen, man muss sie erfahren.“
Michael Ende in: Die unendliche Geschichte


Details: Erläuterungen zu (1) bis (4)

1 Anders ausgedrückt: Wie vergewissern uns ständig durch Beobachtung des Verhaltens Anderer, ob unser eigenes Verhalten ‚ok‘ ist – und entscheiden dann unter Umständen neu, wie wir uns zukünftig verhalten.

2 Wenn man die Reibungslosigkeit und ggf. das Ja-Sagertum aufgibt, ist sozialer Gegenwind erwartbar.

3 Zum Thema Green Washing ist das Buch von Kathrin Hartmann, Die Grüne Lüge. Weltrettung als profitables Geschäftsmodell, sowie der Film von Werner Boote, Werner und Kathrin Hartmann, Die Grüne Lüge. Die Ökolügen der Konzerne und wie wir uns dagegen wehren können, beide 2018 erschienen, sehr empfehlenswert.

4 So werben mittlerweile Fluggesellschaften damit, dass sie in neue, modernere Flugzeuge investieren, sodass sie künftig weniger CO2 ausstoßen als andere Fluggesellschaften. Das ist Green-Washing: Auch die modernsten Flugzeugmotoren emittieren viel zu viel CO2 – das ist keine Problemlösung (vgl. Abschnitt Klimakiller Flugverkehr, S. 252 und Aspekt Exkurs: Grünes Fliegen? Vielleicht. Irgendwann. Bis auf weiteres: Eine Illusion, S. 265. Da die anderen, älteren, verkauften Flugzeuge irgendwo auf der Welt weiterfliegen, haben neue Flugzeuge zusätzlich gebaut zu werden – ein klassischer Rebound-Effekt: Dann gibt es noch mehr Flugzeuge. Ergo: Wir kommen um das Weniger nicht herum (vgl. Rebound-Effekt, S. 256).


Quellen des Abschnitts Was kann ich tun? – Haltung!



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