Globales, nationales & individuelles CO₂-Budget

Mit dem Pariser Abkommen von 2015 hat sich die Weltgemeinschaft völkerrechtlich verbindlich darauf verständigt, die Erderwärmung auf deutlich unter 2 Grad Celsius zu beschränken und sich darüber hinaus anzustrengen, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen (s.a. Seite 161).

Auf Basis dieser Angaben lässt sich die Menge der verbleibenden möglichen CO2-Emissionen für die Weltgemeinschaft, für die einzelnen Länder und auch für jeden einzelnen Menschen errechnen.


Wie viel CO₂ wir noch emittieren ‚dürfen‘:

Globales CO₂-Budget:

Die Klimaforscher*innen haben für den IPCC-Sonderbericht 2019 ein globales CO₂-Budget errechnet, also die Menge an Treibhausgasen, die wir als Weltgemeinschaft höchstens noch in die Atmosphäre bringen ‚dürfen‘:

(rechts oben der Button für das wichtige 1,5°-Celsius-Ziel)

Die Budgets beziehen sich darauf, die 1,5°/2,0°-Ziele mit einer Wahrscheinlichkeit von jeweils 67% zu erreichen.
Gemeint sind jeweils CO₂-Äquivalente, d.h. alle weiteren Treibhausgase sind in CO₂-Emissionen umgerechnet.
https://www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html
(vgl. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase.) (MCC 2020)

  • Um das 1,5-Grad-Ziel mit einer nach Ansicht des IPCC ‚hohen‘ Wahrscheinlichkeit von 67% zu erreichen, hatten wir Anfang 2018 das Budget von 420 Gt CO₂ und 10 Jahre Zeit, aktuell (Januar 2021) = 7 Jahre Zeit, also bis etwa 2028…
  • Um das 2,0-Grad-Ziel mit einer ‚hohen‘ Wahrscheinlichkeit von 67% zu erreichen, hatten wir Anfang 2018 das Budget von 1.170 Gt CO₂ und noch etwa 27 Jahre Zeit, aktuell = 24 Jahre, also bis etwa 2045…
  • Um das 1,5-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% zu erreichen, hatten wir Anfang 2018 das Budget von   580 Gt CO₂ und 14 Jahre Zeit, aktuell = 11 Jahre, also bis etwa 2032…
  • Um das 2,0-Grad-Ziel mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% zu erreichen, hatten wir Anfang 2018 das Budget von 1.500 Gt CO₂ und noch etwa 35 Jahre Zeit, aktuell = 32 Jahre, also bis etwa 2052…

… um global klimaneutral zu leben (vgl. IPCC 2018).

>> Irritierend ist, dass das Pariser Abkommen von dem „deutlich unter 2 Grad“-Ziel spricht, der IPCC-Sonderbericht 2019 hingegen von einem 2-Grad-Ziel, welches zugunsten des 1,5-Grad-Ziel unbedingt zu vermeiden sei.

  • Derzeitige jährliche globale Emissionen: ca. 42 Gt CO₂ (vgl. MCC 2020)
  • Derzeitige sekündliche globale Emissionen: ca. 1.331 t CO₂ (vgl. ebd.)
  • Tendenz: steigend – genauer: zunehmend langsamer steigend von Jahr zu Jahr (vgl. Zeit 2019, s.a. Aspekt CO2-Emissionen weltweit auf S. 52)

Das bedeutet, dass wir – wenn wir Menschen jährlich auf dem 2018er Niveau CO₂ emittieren (würden) – spätestens ab dem jeweils genannten Zeitpunkt global insgesamt Netto-Null-Emissionen benötigen, d.h. wir dürfen als Weltgemeinschaft nur noch so viel CO₂ pro Jahr in die Atmosphäre ausbringen, wie die Natur durch ihre sog. Systemdienstleistungen der Atmosphäre entnimmt, z.B. durch Photosynthese, Aufforstung, Humusbildung durch regenerative/bodenbewahrende Agrarkultur und Renaturierung von Mooren.

>> vgl. Abschnitt Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz, S. 468 u. Abschnitt Bodenbewahrende Agrarkultur: Humus und Kompost statt Stickstoff, S. 572; weiteres zu sog. Systemdienstleistungen siehe Abschnitt Sechstes Massenaussterben, S. 669, Aspekt Der Mensch ist auf sog. ‚Ökosystemdienstleistungen‘ angewiesen, S. 671.


Graeme Maxton rechnet vor (auf Basis der 50%igen Wahrscheinlichkeit für das 2 °C-Ziel):

  • „Wenn die Staatengemeinschaft die Problematik … bis 2020 (allerspätestens) ernsthaft in Angriff nimmt und die Emissionen um 1,25 Gigatonnen pro Jahr reduziert, kann die Dauer der Umstellung auf bis zu 30 Jahre verteilt werden. Kommt sie erst 2025 ernsthaft in die Gänge, müssen die Emissionen viel stärker reduziert werden – um 1,7 Gigatonnen pro Jahr (40 Prozent mehr) – um das Ziel zu erreichen“ (Maxton 2018, 40).
Details: 2020 als 'Crucial Year'

2020 gilt vielen Klimaaktivist*innen als das Jahr, ab dem es gelingen muss, jährlich weniger Treibhausgase zu emittieren. Dieses Anliegen geht maßgeblich zurück auf einen Appell vom 28.6.2017 von Christiana Figueres, Schellnhuber, Gail Whiteman, Rockström, Anthony Hobley und Rahmstorf: „When it comes to climate, timing is everything.“ Gemeint ist, dass mit jedem ungenutzten Jahr der Zielpfad steiler wird und damit die jährlichen Reduktionsziele immer schwerer einzuhalten sein werden, weil immer radikalerer Veränderungen notwendig sein werden, um die in Paris vereinbarten Ziele noch rechtzeitig zu erreichen. Latif bestätigt 2020 die Notwendigkeit eines ‚Scheitelpunkt 2020‘ im Interview mit dem Spiegel. Rahmstorf betont regelmäßig, dass es die Lage zwar immer dramatischer wird, die eine definierte Reißleine, nach der gar nichts mehr geht, so nicht gibt, vgl. S. 58.


23. Juli 2019

Greta Thunberg spricht elf Minuten lang vor der Assemblée nationale (dem französischen Parlament) in Paris und wiederholt VIER Mal, dass uns noch gerade mal 8,5 Jahre [Januar 2021 = 7 Jahre] bleiben, um mit einer 67%igen Chance das 1,5°-Ziel zu erreichen.

>> siehe https://www.youtube.com/watch?v=ESDpzwWrmGg/ 23.7.2019 (Abrufdatum 21.11.2019) [Tipp: Automatisch erzeugte englische Untertitel einschalten.]


Wir reden hier über 67%ige Chance, die Erderhitzung bei den vom IPCC dringend empfohlenen 1,5 °C zu halten:

  • Würden Sie sich in ein Flugzeug setzen, dessen Baureihe statistisch gesehen in zwei von drei Fällen keine Bruchlandung hinlegt? Und in einem von drei Fällen abstürzt?

Das so oft bemühte Ziel ‚Klimaneutralität bis 2050‘ basiert auf dem Pariser „deutlich unter 2 Grad“-Ziel – mit einer Erreichungswahrscheinlichkeit von 50%:

Die Politiker*innen dieser Welt setzen Ziele, die mit einer Münzwurfwahrscheinlichkeit einhalten werden.


Wir verbringen Wochen damit, um die perfekte Küche für unser Eigenheim zu finden – für das Weltklima reicht es uns, die Münze zu werfen?


Die Rechnung mit CO2-Budgets ist extrem hilfreich, u.a., weil sie die Erkenntnis, dass unsere Möglichkeit zu emittieren tatsächlich Grenzen hat, verdeutlicht – im Unterschied zu Reduktionszielen, die nur relativ bzw. prozentual vom heutigen Stand ausgehen und die Grenze bzw. das Ziel eher verschleiern.

Daher hier noch einmal in aller Deutlichkeit:

Es geht gar nicht um eine Reduktion von Treibhausgasen. Es geht um Klimaneutralität, also um Netto-Null-Emissionen.

>> siehe dazu das Statement des Klimatologen Anders Levermann im Intro S. 26.


Der Dalai Lama:
„Das Kohlenstoff-Budget, das uns nach den Berechnungen der Wissenschaftler noch bleibt, ist sehr klein. Deshalb muss dieses Budget die wichtigste Währung unserer Zeit werden“ (zit. in Alt 2020, 42).


Abschließend ist festzuhalten, dass weder das 1,5 Grad-Ziel noch das deutlich unter 2 Grad-Ziel derart absolut gesetzt sind, dass das Überschreiten der entsprechenden Budgets nachfolgend unweigerlich die Apokalypse nach sich ziehen würde.

Stefan Rahmstorf dazu:

  • „Die Klimaziele beruhen auf der Erkenntnis, dass die Folgen des Klimawandel drastisch zunehmen, je stärker sich der Planet erwärmt – nicht jedoch auf der Annahme, dass beim Überschreiten eines konkreten Schwellenwerts die Apokalypse hervorbricht, während vorher alles in bester Ordnung war“ (IPCC 2020).

CO2-Budgets und Gradziele beruhen auf Risikoabwägungen. Und das Risiko steigt mit jedem weiteren 10tel Grad, Kipppunkte zu überschreiten.


Quellen des Abschnitts Globales CO₂-Budget

Globales CO₂-Budget, förderbare Erdöl-/Kohle-/Gas-Vorkommen & die fossilen Industrien

Aus dem globalen CO₂-Budget ergibt sich des Weiteren konkret, wie viel die global agierende fossile Industrie fördern, verfeuern und emittieren darf/kann/soll. (In Relation zum Status quo eigentlich quasi nichts mehr!)

Im Unterschied zum Befund von ‚Die Grenzen des Wachstums‘ des Club of Rome (1) und den Ölkrisen der 1970er Jahre, ist nicht mehr die Endlichkeit der fossilen Rohstoffe die Herausforderung, sondern das ‚Zuviel‘ an förderbarem Erdöl/Kohle/Gas:

  • „Here’s the big problem. If you look at how much oil and coal and gas companies already have in their proven reserves, you’ll notice one thing:

    It’s up to five times as much as the entire carbon budget for the earth. If we let them digg it all up, we’re cooked. If it stays in the ground, we have a chance.“ (Klein/Lewis 2015)

Und:

  • „In den letzten Jahren haben wir eine Menge Erdgas in den Vereinigten Staaten entdeckt, die dem Doppelten der Ölvorräte Saudi-Arabiens entspricht“ (Klein 2015, 377) –

zitiert Naomi Klein Aubrey McClendon, seinerzeit CEO des Unternehmens Chesapeake Energy.

  • „2011 führte die Carbon Tracker Initiative… sämtliche von staatlichen und privaten Förderunternehmen angegeben Reserven … [auf]. Danach entsprechen die Öl-, Gas- und Kohlevorkommen, auf die diese Unternehmen bereits Anspruch erheben – Vorkommen, die schon jetzt in ihren Büchern stehen und mit denen Gewinne für ihre Aktionäre erzielt werden – 2.795 Gigatonnen Kohlenstoff. Das ist äußerst problematisch, weil wir in etwa wissen, wie viel Kohlenstoff wir von heute bis zum Jahre 2050 verbrennen dürfen, wollen wir eine ernsthafte Chance wahren (ungefähr 80 Prozent), die Erwärmung unter 2 [!] Grad Celsius zu halten: 565 Gigatonnen Kohlenstoff in der Zeit von 2011 bis 2049“ (Klein 2015, 185) – was dem o.g. Fünffachen entspricht. Klein schätzt den Wert dieser in den Büchern stehenden Reserven auf ca. 27 Billionen Dollar (vgl. ebd., 186). (2)

>> vgl. Aspekt ‚Committed Emissions, S. 92

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) Erläuterung Club of Rome: Ein Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen aus aller Welt aus diversen Fachbereichen. Berühmt wurde der Club of Rome 1972 durch die Veröffentlichung des Bestsellers ‚Die Grenzen des Wachstums‘, welches der Menschheit global erstmals klarmachte, dass ein endloses Wachstum in einer begrenzten Welt nicht geben kann und mit Umweltverheerungen einhergehen muss.

(2) Derweil ist die Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco 2019 in Folge des größten Börsenganges der Welt das weltweit finanzstärkste Unternehmen geworden (vgl. Göpel 2020, 111). Laut The Guardian ist Saudi Aramco auch im Bereich CO2-Emissionen Spitzenreiter. Mit den von der Firma geförderten fossilen Produkten wurden seit 1965 59,25 Milliarden CO2e in die Atmosphäre gebracht (vgl. Taylor/Watts 2019).


Wenn man dann noch berücksichtigt, wie viele Quellen durch technologische Fortschritte künftig theoretisch zusätzlich erschließbar sind und weiterhin die Tatsache einbezieht, dass viele Quellen überhaupt erst durch die Erderhitzung erschließbar werden (z.B. durch Eisschmelze), dann wird deutlich, dass die Menschheit gefordert ist, diese Rohstoffe bewusst in der Erde zu lassen.


„Wenn wir jetzt nichts gegen den Klimawandel unternehmen, werden wir in 50 Jahren getoasted, geröstet und gegrillt.“ Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) 2017 gegenüber Wirtschaftsvertreter*innen u.a. aus Saudi-Arabien (Lesch/Kamphausen 2018, 156).


Und das bedeutet, dass die fossilen Industrien „nicht in ihrer jetzigen Form überleben [können], wenn wir Menschen uns nicht selbst ausrotten wollen“ (Klein 2015, 84).


Angesichts des immensen finanziellen Anreizes, diese Rohstoffquellen auszuwerten, könnte sich die Umsetzung einer Merkel’schen freiwilligen Selbstverpflichtung eher schwierig gestalten. Ich glaube nicht, dass hier Freundlichkeit, ein Stuhlkreis, der Wille zum Konsens oder gar unverbindliche Industriezusagen weiterhelfen werden.


Michael Kopatz beendet sein Buch Schluss mit der Öko-Moral mit den Worten:

  • „Es wäre naiv zu glauben, der Wandel einer Wirtschaftsbranche ließe sich Hand in Hand mit den Profiteuren der alten Ordnung bewerkstelligen. Wir müssen kämpfen“ (2019, 236).

Das gilt letztlich für alle Bereiche „der alten Ordnung“.

Aber erst recht für die größte Industrie der Welt.

Die Lage ist dramatisch.

Es ist erforderlich, das Geschäftsmodell einer 1,3-Billionen-Dollar-Industrie zu zerstören.

Details zu dieser Zahl

Diese Zahl bezieht sich allein auf den Umsatz der sog. ‚Supermajors‘ der fünf größten Ölkonzerne der Welt (vgl. Witsch 2019). Der Journalist Chris Hayes wies 2015 darauf hin, dass man sich „von Reichtum in der Größenordnung mehrerer Billionen Dollar zu verabschieden“ (Klein 2015, 546) habe, wofür es wohl nur einen einzigen Präzedenzfall gäbe, nämlich die Abschaffung der Sklaverei (vgl. ebd., 547); s. Aspekt freiwillige Selbstdeprivilegierung, S. 508f.

Hier können keine Sonderinteressen von Belang sein. Es geht schlicht nicht.


‚Pictures help‘ – ein Bild:

Der Planet hatte einst eine heiße Atmosphäre, die sehr viel CO₂ enthielt: Die Erde war eine heiße CO₂-Hölle. Es bildete sich Leben, das Kohlenstoff C von dem CO₂ zum Leben braucht. Meist mit Hilfe der Photosynthese entzog dieses pflanzliche Leben dem CO₂ das C (=Kohlenstoff). Übrig blieb sozusagen der nicht benötigte Abfallstoff Sauerstoff O₂. Als es ausreichend von diesem Abfallprodukt O₂ in der Atmosphäre gab, entstand eine andere Form von Leben, das genau dieses Abfallprodukt zum Leben braucht: Tierisches Leben. Eine Art Gegenspieler, denn es braucht O₂ und gibt beim Ausatmen CO₂ in die Atmosphäre. So entstand ein Kreislauf und langfristig eine gewisse Balance – wobei im Laufe der Jahrmillionen der Atmosphäre nach und nach mehr und mehr C bzw. CO₂ entzogen wurde – so wurde es langsam kühler auf der Erde. (Lassen wir mal die Eiszeiten etc. vereinfachend beiseite). Wenn die Pflanzen, die das C gespeichert enthielten, starben, fielen sie auf den Waldboden und wurden von anderen Pflanzen, Bäumen, Laub etc. irgendwann auf verschiedene Weise verdeckt. Durch unterschiedliche Vorgänge – z.B. durch Luftabschluss und Druck – wurden aus dem Kohlenstoff C fossile Stoffe wie Öl, Kohle oder Gas. Wenn wir diese fossilen Stoffe (bestehend aus C) in der Luft/Atmosphäre verbrennen, zieht das Feuer – wie wir alle wissen – Sauerstoff (O₂) an, sonst kann es nicht brennen. Das Feuer würde ersticken ohne O₂. Der Kohlenstoff C verbrennt also, in dem er das C mit dem O₂ zusammenbringt zu CO₂.

Dieses Bild macht auch deutlich, dass Kohlenstoff nicht unser Feind ist, wie man angesichts der vielen Hiobsbotschaften rund um ‚ausgestoßenes‘ CO2 denken könnte. Der Kohlenstoffkreislauf, dessen historischer Teil im vorangegangenen Absatz dargestellt wurde – ist der grundlegende natürliche Prozess[2], der unser Leben ermöglicht, den wir aber aus der Balance gebracht haben: Kohlenstoff C und Kohlendioxid CO2 sind nicht schädlich – es geht um die Menge des CO2 in der Atmosphäre.

Details zum Begriff 'Kohlenstoffkreislauf'

Kohlenstoffkreislauf oder Kohlestoffzyklus meint den natürlichen Kohlestoffaustausch zwischen Atmosphäre, Landvegetation und Ozean, die allesamt sowohl Quellen als auch Senken sind. Ohne Industrialisierung ist dieser Prozess weitgehend und über einen sehr langen Zeitraum in Balance gewesen (vgl. Fußnote zu Treibhauseffekt S. 53). So betragen „[d]ie natürlichen Austauschmengen … zwischen Atmosphäre und Land 120 Gt C/Jahr (Gigatonnen Kohlenstoff pro Jahr) und zwischen Atmosphäre und Ozean 70 Gt C/Jahr“ (bildungsserver 2020). Seit der Industrialisierung kommt vor allem durch Verbrennung fossiler Brennstoffe sowie der Produktion von Zement mehr CO2 in die Atmosphäre (vgl. Aspekt CO2-Gehalt der Atmosphäre, S. 52f.). Der einfachste Teil des Kohlenstoffkreislaufes ist der oben beschriebene mit dem Wechselspiel zwischen CO2 und O2 zwischen Pflanzen und Tieren. Ein Teil des CO2, das Pflanzen binden, wird in den Boden eingetragen und verbleibt dort zu einem guten Teil z.B. in einem Jahrmillionen währenden Prozess in Form von eingelagertem Kohle, Gas oder Öl. Wenn Wälder sterben/brennen, wird CO2 in die Atmosphäre getragen… Das Meer nimmt einen Teil des CO2 via gelöstem Carbonat (auch über Muschelkalk) auf, über Phytoplankton, welches gefressen wird sowie durch absterbende Meeresorganismen, die sich am Meeresboden ablagern und via Druck zu Sedimentgestein werden … CO2 wird an Land in Kalkstein gelagert und gelangt durch Verwitterung selbigen Gesteins in die Atmosphäre. All diese Teilprozesse ergeben einen natürlichen, in sich stabilen Kohlekreiselauf – solange man nicht anfängt, die eingelagerten fossilen Kohlenstoffe in die Atmosphäre einzubringen.

Was also passiert – einfach ganz logisch betrachtet – wenn wir den zuvor über einen unvorstellbar langen Zeitraum von Jahrmillionen hinweg nach und nach der Atmosphäre entzogenen Kohlenstoff als CO₂ – innerhalb von gerade mal 250 Jahren – wieder in die Atmosphäre jagen?

  • Konkret verfeuert die Menschheit derzeit jedes Jahr – Jahr für Jahr – so viel Erdöl, Kohle und Gas, wie „sich zur Zeit der Entstehung … in rund einer Million Jahre gebildet hat“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 34).
  • Ganzheitlicher ausgedrückt: Wir konfrontieren unseren Planeten jährlich sozusagen mit der in einer Million Jahren gespeicherten Sonnenenergie.

Wir verändern die Zusammensetzung der Atmosphäre – und machen sie wieder, mit jedem Liter Öl, mit jedem Feuer, mit jeder Kohleladung, mit jedem Entzünden eines Gasofens, Stück für Stück zu der eingangs beschriebenen immer wärmeren und schließlich heißen CO₂-Hölle:

Wir feuern uns klimatisch gesehen sozusagen ins Dinosaurierzeitalter zurück.

  • Für dieses Klima sind wir definitiv nicht gemacht. Und unsere Häuser, unsere Technik, unsere Flora und Fauna auch nicht.

Zum Verständnis dieses Bildes bedarf es keines naturwissenschaftlichen Studiums. Wie kann es sein, dass das so lange kaum jemand gesehen hat bzw. sehen wollte?


Weiter im Bild des ‚Dinosaurierzeitalters‘:

Über die Grünen wurde in der Vergangenheit immer mal wieder gesagt, wenn es nach ihnen ginge, lebten wir bald alle wieder in Baumhäusern.

Es ist genau umgekehrt: Die Grünen sind derzeit die einzige (parlamentarisch relevante) Partei, die aktuell wenigstens ein bisschen – wenn auch viel zu zaghaft – daran arbeitet, dass unsere Nachfahren – um im Bild zu bleiben – nicht wieder in Baumhäusern leben müssen.

>> Siehe Aspekt Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln in Abschnitt Wir sind Erde, S. 47.


Vor genau diesem Hintergrund ist der Anfang 2020 ausgetragene Disput zwischen Fridays for Future – vertreten durch Luisa Neubauer – und dem Siemens-Chef Joe Kaeser zu sehen. Letzterer entschied sich (angeblich nach dem Treffen mit Neubauer), inmitten der verheerenden australischen Wald- und Buschbrände an dem Auftrag festzuhalten, eine Zugsignalanlage für ein im Entstehenden begriffenes riesiges Kohlebergwerk in Australien zu liefern.

Neubauer bezeichnet Kaesers Entscheidung als „aus dem Jahrhundert gefallen“ (Spiegel 2020a)(1). Die Adani Mine ist ein Projekt des indischen Industriekonzerns Adani, der hier „bis zu 60 Millionen Tonnen Kohle pro Jahr“ (Spiegel 2020b) vornehmlich für den indischen Markt fördern möchte. Die Kohle soll mittels Eisenbahn vom Bergwerk zum zukünftig „weltgrößten Kohlehafen“ (Kern 2020) von Abbot Point transportiert werden – und hier kommt Siemens mit seiner Signalanlage ins Spiel, „die Züge vor dem Entgleisen schützt“ (ebd.).(2)

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) Auch die Deutsche Bank, die m.E. nicht verdächtig ist, äußerst progressiv zu sein, hat [gemäß taz im Juni 2020] eine Finanzierung des Projektes ausgeschlossen „um nicht mit einem Projekt in Verbindung gebracht zu werden, das laut [dem Aktivisten David] Anderson die Rechte der lokalen Ureinwohner mit Füßen trete, schon in der Bauphase massive Umweltschäden anrichte und schließlich für höhere CO2-Jahresemissionen verantwortlich sei als das Land Chile“ (Wälterlin 2020, 5). Update Juli 2020: Laut der Umwelt-NGO Urgewald unterstützt „[d]ie Deutsche Bank eine Tochter des indischen Mischkonzerns Adani bei der Ausgabe einer milliardenschweren Anleihe“ (Schöneberg 2020, 8), wie ebenfalls die taz meldet: „‚Die Bank schafft es leider immer wieder, unsere niedrigen Erwartungen an ihren Klima-Ehrgeiz noch zu unterlaufen‘, sagte Urgewald-Campaignerin Regine Richter“ (ebd.).

(2) Vom Hafen von Abbot Point fahren dann „[d]ie Riesen … unter anderem durch das empfindliche Ökosystem des Great Barrier Reef“ (Klein 2015, 364). Kern fügt hinzu: „Erst nach Protesten wurde zugesagt, den Abraum des Hafenausbaus nicht einfach in das Korallenriff zu kippen“ (2020). Das Great Barrier Reef liegt direkt vor der Küste von Abbot Pont, vgl. Google Earth, Suchzeileneingabe: „from:Adani Mine to:Abbot Point“ – das Dunkle vor der Küste in das Great Barrier Reef.

Hier geht in erster Linie um die Frage, inwieweit es künftig für deutsche oder auch internationale Unternehmen opportun ist, noch mit fossilen Industrien zusammenzuarbeiten.


Update Juli 2020:

  • „Die frisch von Siemens abgespaltene Gesellschaft Siemens Energy will Turbinen an die Kohlekraftwerksblöcke Jawa 9 und 10 auf der indonesischen Insel Java liefern…, man komme [lediglich] seiner Vertragspflicht nun nach“ (Schwarz 2020, 8). Luisa Neubauer kommentiert dies so:

    „Wenn alle bereits geschlossenen Verträge mit fossilen Unternehmen umgesetzt werden, ist eine globale Erwärmung von mehr als 2 Grad nicht mehr zu verhindern“…

    Dass ein Vertrag bereits geschlossen sei, sei deshalb kein Argument mehr“ (ebd.).

>> vgl. Aspekt Committed Emissions, S. 92f.
>> vgl. Aspekt Divestment, S. 480, im Abschnitt Weitere politische Ziele bzw. hochwirksame Maßnahmen zum Klimaschutz.


Quellen des Abschnitts Budget für fossile Industrie

Nationales CO₂-Budget (Deutschland)

Auf Basis des verbindlichen Pariser Abkommens von Ende 2015 und des IPCC-Sonderberichts von 2019 lassen sich nationale Emissionsbudgets errechnen.

Stefan Rahmstorf über das nationale CO2-Budget Deutschlands:

  • ‚Deutlich unter 2 °C‘ = 1,75 °C mit einer Wahrscheinlichkeit von 67% = globales Budget 880 Gt CO2 seit Anfang 2016. Deutschlands Anteil an der Weltbevölkerung = 1,1% >> Deutschlands Budget seit Anfang 2016 = 9,7 Gt CO2. Jährliche Emissionen derzeit = 0,8 Gt CO2 >> Budget seit Anfang 2020 = 6,5 Gt CO2. Mit einer „sportlichen“ (Rahmstorf 2019) jährlichen Minderung von rund 6% der heutigen Emissionen – und nur dann – reicht das Budget Deutschlands noch bis inkl. 2035.


Zusammengefasst:

Deutschlands CO2-Budget

  • beträgt Anfang 2020 = 6,5 Gt CO2
  • ist Ende 2035 erschöpft, bei einem ‚sportlichen‘ Reduktionspfad von jährlich -6%

Fazit: Laut Stefan Rahmstorf haben wir noch rund 15 Jahre bis zur notwendigen Klimaneutralität Deutschlands.

Das Bundesumweltministerium twitterte zu dieser Berechnung von Rahmstorf:

  • Die Fakten von @rahmstorf sind korrekt. Die Annahmen zur fairen Verteilung der Restemissionen sind nachvollziehbar, entsprechen aber nicht den bisherigen Minderungen oder Zielen vieler Staaten. Die Bundesregierung wird Deutschland 2019 auf den Pfad zur Treibhausgasneutralität bringen“ (1:33 AM, 3. April 2019, zitiert in Rahmstorf 2019).

>> Gleichwohl diese Fakten vom Bundesumweltministerium anerkannt werden, weigert sich die Bundesregierung, eine CO2e-Budgetrechnung zu erstellen – die grundlegende Zahl schlechthin, ohne die jedes Klimagesetz ein stumpfes Schwert, d.h. unverbindlich bleibt, vgl. Abschnitt Intro, S. 24f.).


In der Dimension übereinstimmend kommt auch der Sachverständigenrat für Umweltfragen der Bundesregierung (SRU) zu einem in der Dimension gleichen Ergebnis: Der Rat errechnet 2037 als erforderliches Datum für Deutschlands Klimaneutralität (vgl. SRU 2019).

Rahmstorf führt weiter aus:

  • „Ab dem Jahr 2036 dürfen wir nichts mehr emittieren! Spielraum für Emissionen danach kann man sich nur erarbeiten, indem man dafür anfangs schneller reduziert – z.B. durch Abschalten von Kohlekraftwerken – oder durch negative Emissionen, denn relevant sind ja die Netto-Emissionen.“ (2019)

Das wirft die Frage auf, in welcher Dimension Deutschland auf natürliche negative Emissionen zurückgreifen kann:

„Mittels natürlichen Senken speichert Deutschland derzeit nur 15 Millionen [Tonnen Treibhausgase] pro Jahr.“ (Geden/Strefler 2019)

  • Zusätzliche Waldpflanzungen, Moor-Renaturierungen und „schonendere Methoden in der Landwirtschaft“ (ebd.) können hier ein wenig unterstützend wirken – aber klar ist: Da Deutschland 2020 auf dem Niveau von gut 800 Millionen Tonnen(1) jährlich Treibhausgase emittiert, bedeutet die erforderliche netto-Null-Emission für Deutschland faktisch eine quasi vollständige Abkehr von CO2e-Emissionen.
    • Deutschland muss runter von jährlich etwa 785 Millionen Tonnen CO₂e! Das ist dramatisch – und das bildet sich nicht annähernd ab im ‚Klimapaket‘ und den Absichtserklärungen unserer Politiker*innen.

Logische Konsequenz:

Wenn wir so etwas wie einen grundlegenden Wohlstand erhalten möchten, haben wir jetzt umgehend alle Hebel in Bewegung zu setzen.

Fahren wir unsere CO₂-Emissionen in den nächsten Jahren sehr schnell deutlich zurück, verlängern sich die Deadlines um einige wenige Jahre.

Aber nach dem Aufbrauchen des Budgets gilt die netto-Null-Emission, global und für Deutschland.

  • Und das bedeutet nicht weniger als die nahezu vollständige Ersetzung dessen, was unsere Welt am Laufen hält: Kohle, Gas, Öl.

Schlussgedanke:

Rahmstorfs Rechnung basiert auf der mit 67%-Wahrscheinlichkeit-„deutlich unter 2 °C“-Formel – und nicht auf dem, was der IPCC in seinem Sonderbericht vom Herbst 2018 für dringend erforderlich hält, nämlich die Einhaltung des 1,5°-Ziels.

>> Womit das Budget eigentlich noch viel kleiner ist, als Rahmstorf – der eben die völkerrechtlich bindende Pariser Einigung zu Grunde legt – errechnet.

Details: Erläuterungen zu (1) Zahl 'gut 800 Mio Tonnen Treibhausgase'

Zahl „gut 800 Mio Tonnen Treibhausgase“ vgl. Abschnitt Klimakrise in Zahlen: CO₂-Emissionen in Deutschland, S. 76. „Weiterhin ist der Berechnung zugrunde gelegt, dass die jährlichen Emissionen auf dem Niveau von 2017 verharren, während die neuesten Zahlen zeigen, dass die Emissionen immer noch steigen“ (MCC 2019). So stieg „der CO₂-Ausstoß aus fossilen Brennstoffen [2018 gegenüber 2017] um 1,8 Prozent auf einen neuen Rekordwert“ (Eichhorn 2019).


Nationales CO₂-Budget (Deutschland):

Kohlekompromiss und ‚Klimapaket‘

Der sog. Kohlekompromiss, also das Verhandlungsergebnis der bundesdeutschen Kohlekommission im Frühjahr 2019, welches den Kohleausstieg bis 2038 vorsieht, reicht laut Klimaforscherin Brigitte Knopf für das 1,5°-Ziel nicht aus:

  • „Wenn man die Messlatte von nur 1,5 Grad Temperaturanstieg anlegt, ist die Strategie der Kohlekommission nicht Paris-kompatibel“ (Seidler/Römer 2019).

>> Brigitte Knopf ist Generalsekretärin des Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC)

>> Kohleausstiegsdatum anderer Staaten: Belgien = 2016; Dänemark = 2030; Frankreich 2021; Irland = 2025; Italien = 2025; Kanada = 2030; Niederlande = 2030; Schweden = April 2020; Großbritannien = 2025 (vgl. wikipedia 2020)

Das gleiche ist über das am 20. September 2019 von der derzeitigen Bundesregierung verkündete ‚Klimapaket‘ in der Höhe von 54 Mrd Euro zu sagen. So erwartet die Präsidentin des Umweltbundesamts, Maria Krautzberger „von der im Klimaschutzpaket der Bundesregierung geplanten CO₂-Bepreisung ‚keinerlei Lenkungswirkung‘“ (Zeit 2019a).

Mehr Ohrfeige geht nicht.

Da der Bundesregierung klar zu sein hat, dass das ‚Klimapaket‘ nicht ausreicht, hat sie sich – in den Worten des Spiegel – „für den Weg des kalkulierten Vertragsbuches [des Pariser Abkommens] entschieden“ (Stukenberg 2019, 8).

>> Zum zielverfehlenden ‚Klimapaket‘ s.a. Abschnitt Intro, S. 25f.


Update Dezember 2019 mittels eines Zitats von Brigitte Knopf:

  • „Die Nachschärfung [u.a. via Einstiegspreis auf 25 Euro und einer Entlastung der Bürger über die EEG (vereinfacht: über den Strompreis)] ist ein substanzieller Schritt in die richtige Richtung, um die Klimaziele für das Jahr 2030 zu erreichen. Das wird zwar noch nicht reichen, aber die Klimaschützer haben sich hier gegen die Bremser durchgesetzt. Das ist zum Jahresende ein ermutigendes Signal“ (Römer 2019).


Thema 54 Mrd Euro:

  • Was von Medien, Klimaforscher*innen und Umweltschutzorganisationen überraschenderweise kaum aufgegriffen wurde, ist die Tatsache, dass das Budget des Klimaschutzpaktes von 54 Mrd Euro zunächst oberflächlich gesehen hoch und in diesem Sinne beeindruckend erscheinen mag.
    • Diese 54 Milliarden Euro sollen bis inkl. 2023 ausgegeben werden, d.h. der Mittelwert beträgt jährlich 13,5 Mrd Euro.
    • Laut der aktuellsten Studie des Umweltbundesamtes zu umweltschädlichen Subventionen in Deutschland liegen diese in der Höhe von mindestens(1) 57,079 Milliarden Euro – jährlich (UBA 2016)(2). Es ist nicht erkennbar, dass hier das ‚Klimapaket‘ korrigierend, d.h. subventionsabbauend, eingreift.
      • Nicht erfasst sind in den 57 Milliarden Euro indirekte Subventionen, also Subventionen, die keine Budgetwirkung haben, sondern dadurch entstehen, dass Kosten externalisiert werden: Für die externen Kosten, d.h. die Umweltschäden, kommen nicht die Unternehmen auf, sondern die jetzt lebenden Menschen und deren nachfolgende Generationen.
    • Innerhalb von vier Jahren laufen hier also rechnerisch – und soweit quantitativ erfassbar – 228 Milliarden Euro auf, die in die gegenteilige, d.h. in die klimaschädliche Richtung weisen.
  • Fazit: In der Summe wird Deutschland – nach derzeitigem Stand und soweit in Zahlen bemessbar – zwischen 2020 und 2023, rein rechnerisch, 171 Milliarden Euro gegen den Klimaschutz ausgeben.

Das ‚Klimapaket‘ in der 54 Milliarden Euro entpuppt sich damit beim zweiten Hinsehen auch in finanzieller Hinsicht als nicht besonders großes Päckchen.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) Einige Posten werden mit ‚n.q.‘, d.h. nicht quantifizierbar ausgegeben und gehen daher nicht in o.g. Zahl ein.

(2) 57,079 Mio Euro aufgesplittet: Energiebereitstellung und -nutzung = 20.347 | Verkehr = 28.641 | Bau- und Wohnungswesen = 2.336 | Land- und Forstwirtschaft, Fischerei = 5.755 (UBA 2016, Tabelle 3). Sektor Verkehr in genauen Zahlen s. S. 294.


In diesem Sinne mutet es dann nur und ausschließlich von der Wortwahl her, nicht aber hinsichtlich der Aussage, drastisch an, wenn der gemeinhin als besonnen geltende Klimaforscher Mojib Latif zum ‚Klimapaket‘ feststellt:

„Mit diesen Maßnahmen leisten wir dem Klima viel eher Sterbehilfe.“
(Latif in Welt 2019)

Und, nebenbei bemerkt:

  • Die Bundesrepublik Deutschland plant für 2020 Verteidigungsausgaben in Rekordhöhe von 50,36 Milliarden Euro (vgl. Zeit 2019b,

>> siehe Aspekt Bundeswehr & Rüstung in ökologischer Perspektive, S. 81.

  • Der für 2020 vorgesehene Bundeshaushalt liegt bei 362 Mrd Euro (vgl. Gathmann 2019).


Update Januar 2020:

Der Kohlekompromiss vom Frühjahr 2019 wird nunmehr im Juli 2020 per Kohleausstiegsgesetz umgesetzt. Und hier gibt es dramatische Abschwächungen gegenüber der ursprünglichen Einigung zu verzeichnen, was in diesem Fall besonders schwierig ist, weil die Umweltverbände etc. bis an die äußerste Grenze ihrer ‚Schmerzgrenzen‘ gegangen sind. Das führt nun dazu, dass sich mittlerweile acht der 28 Mitglieder der letztjährigen Kohlekommission von der derzeitigen Formulierung des Referentenentwurfs distanzieren. Konkreter Anlass ist der Abschaltplan:

  • „Nicht hinnehmbar sei die Reihenfolge der Abschaltungen der Kohlekraftwerke, da es zwischen 2023 und 2028 nur zu wenigen Kraftwerksschließungen komme – und damit alle Verantwortung auf das Ende des Jahrzehnts verschoben werde“ (Götze 2020).
  • „Insgesamt 40 Millionen Tonnen würden letztlich mehr emittiert, als die ursprünglichen Empfehlungen der Kommission bedeutet hätten, kritisieren die acht Unterzeichner… [der Stellungnahme, d]arunter Hans Joachim Schellnhuber“ (Bauchmüller 2020).

Entgegen des Kohlekompromisses geht nunmehr im Jahre 2020 (konkret: 30.5.) mit Datteln IV am Dortmund-Ems-Kanal mit 1050 Megawatt ein Steinkohlekraftwerk ans Netz(1). Mit Keyenberg, Kuckum, Berverath, Oberwestrich und Unterwestrich werden nach Stand der Dinge und vorbehaltlich einer im September 2020 eingereichten Verfassungsbeschwerde weitere Dörfer abgebaggert (vgl. Götze 2020, vgl. Wyputta 2020, vgl. Spiegel 2020, vgl. Greenpeace 2020, 9 – siehe S. 533).(2)

Zudem ist „im Gesetz[esentwurf] … bisher nicht vorgesehen, dass die CO2-Zertifikate, die die deutschen Betreiber nach der Stilllegung ihrer Kraftwerke nicht mehr benötigen, vom Markt genommen werden“ (Kreutzfeld 2019, 8) – sodass diese anderweitig eingesetzt werden können, sodass die Emissionen des jeweiligen Konzernes gleich hoch bleiben könnten.

Bliebe es bei alledem, würde nach Ansicht von Barbara Praetorius, eine der Vorsitzenden der Kommission, „ein gesellschaftlicher Frieden… leichtfertig verspielt… Ohne ‚entsprechende Korrekturen‘ sehe man ‚den von uns bisher mitgetragenen Kompromiss durch Bund und Länder aufgekündigt‘, heißt es [in der Stellungnahme]“ (Bauchmüller 2020).


Update Juli 2020:

Dabei ist es geblieben, eine verbindliche Zertifikate-Löschung ist nicht im Gesetz enthalten, vgl. BMWI 2020.

Details: Erläuterungen zu (1) und (2)

(1) Das finden auch Kohlekumpel nicht so toll. Immerhin wurden ihre Arbeitsplätze kassiert – während nun Steinkohle aus Südamerika importiert wird. „Und vor allen Dingen wollen die hier Blutkohle aus Kolumbien verbrennen, die mit Kinderarbeit abgebaut [vgl. Preker/Braden 2018] wird, wo kämpferische Gewerkschaftler und Umweltschützer ermordet werden“, sagt Günter Belka, Mitglied der IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) und der Bergarbeiterbewegung Kumpel für AUF. Misereor hält dazu fest: „Deutsche Energieversorger nutzen jährlich bis zu 50 Millionen Tonnen Steinkohle aus Ländern, in denen Menschenrechte beim Kohleabbau zum Teil massiv verletzt werden. Deutschland ist damit größter Steinkohle-Importeur in Europa“ (2018). Die taz schreibt, dass „in Kolumbien… die Tagebaue riesige Landflächen [zerstören], die lokale Bevölkerung wird mit Gewalt vertrieben. Aus der Region César ist bekannt, dass paramilitärische Einheiten rund um Tagebaue eingesetzt werden. Hunderte Menschen wurden vertrieben, viel gar ermordet“ (Geadah/Pesch/Hofinger 2020, 4). Und wieder fallen die üblichen Stichwörter (vgl. Aspekt Der ‚globale Impact‘ eines Smartphones, S. 644f.): Verseuchung von Flüssen und Grundwasser, Landzerstörung, Morde, Atemwegserkrankungen, Wassernot, Landraub, Vertreibung, Hunger – sowie eine mit alledem verbundene höhere Kindersterblichkeit (vgl. insbesondere Miséor 2018).

(2) Es ist m.E. lächerlich, dass das gesundheitsschädliche Datteln IV ans Netz geht, aber Windkraftwerke wegen Klagen aufgrund eines Infraschalls von der Inbetriebnahme abgehalten werden.


Dänemark zeigt derweil ziemlich ‚locker aus der Hüfte geschossen‘, wie es geht:

Dänemark verabschiedete im Februar 2020 ein „auch für künftige Regierungen verbindliches [und mit zahlreichen Kontrollmechanismen versehendes] Klimagesetz“ (Wolff 2019) inkl. Bürgerversammlung mit den anspruchsvollen Rahmendaten 2030 = -70% gegenüber 1990, Klimaneutralität bis 2050, das Ganze ohne Atomkraft, und: „[D]ie gesamte CO₂-Reduktion soll auf dänischem Boden stattfinden und nicht etwa über den internationalen Handel mit Verschmutzungsrechten“ (ebd.). „Von einem ‚historischen Tag‘ spricht auch der [dänische] Industrieverband: ‚Die Industrie steht bereit: Wir werden den Rest der Welt inspirieren und freuen uns auf eine Führungsrolle“ (ebd.).



11.12.2019: Greta Thunberg konstatiert auf der Weltklimakonferenz in Madrid, dass das ‚so tun als ob man relevant etwas für das Klima täte‘ eine Täuschung der Bürger*innen sei und daher besonders gefährlich, weil sich viele Menschen deshalb in Sicherheit wiegen bzw. sich zurücklehnen.

>> Video Greta Thunbergs Rede auf der Klimakonferenz COP 25, Madrid, 11.12.2019, https://youtu.be/11FCyUB81rI?t=287/
(Abrufdatum 11.12.2019) [Tipp: automatische englische Untertitel aktivieren] [‚misleading‘ = irreführen, täuschen]
  • „And I still believe that the biggest danger is not inaction. The real danger is when politicians   and CEOs [CEO =Chief Executive Officer = Hauptgeschäftsführer*in] are making it look like real action is happening when in fact almost nothing is being done – apart from clever accounting and creative PR [PR = Public Relations = Öffentlichkeitsarbeit]“ (Thunberg 2019).
  • „[O]ur leaders are not behaving as if we were in an emergency. In an emergency you change your behavior: If there’s a child standing in the middle of the road and cars are coming at full speed, you don’t look away because it’s too uncomfortable. You immediately run out and rescue that child“ (ebd.).

Quellen des Abschnitts Nationales CO₂-Budget (Deutschland)

Individuelles CO₂-Budget:

Aus dem globalen Budget kann man errechnen, wie viel jeder Mensch pro Jahr klimaverträglich emittieren kann/darf:

Jeder Mensch besitzt bis 2050 ein klimaverträgliches CO₂-Budget von 2,3 t CO₂ pro Jahr.

Details

„Um die Auswirkungen des Klimawandels in verträglichen Grenzen zu halten, hat sich 2010 in Cancún die weltweite Staatengemeinschaft auf das Ziel verständigt, die durchschnittliche Erderwärmung bis 2050 auf 2°C gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, verbleibt bis 2050 ein globales Emissionsbudget von ca. 750 Mrd. t CO₂. Bei einer angenommenen mittleren Weltbevölkerung von 8,2 Mrd. Personen im Zeitraum 2010 bis 2050 bedeutet dies, dass jedem Menschen auf dieser Erde ein klimaverträglicher Ausstoß von im Durchschnitt jährlich rund 2,3 t CO₂ zusteht“ (Atmosfair 2020). Diese Annahmen basieren auf dem WGBU Sondergutachten von 2009, welches von 6,9 Mrd Menschen ohne Bevölkerungswachstum ausgeht und daher bei einem Globalbudget von 759 Mrd t CO2 für 2010 bis 2050 auf die Zahl 2,7 t CO2 kommt (vgl. WGBU 2009, 2). Alle diese Angaben sind bedenklich ungenau, da die Berechnung des Restbudget der Klimakonferenz von 2010 im mexikanischen Cancun längst durch neuere Zahlen abgelöst ist, die immer noch jährlich wachsenden Emissionen nicht berücksichtigt sind und auch die angenommene Bevölkerungszahl nur sehr grob gemittelt ist, obgleich man durchaus genauere UN-Bevölkerungsprognosen in die Berechnungen einbeziehen könnte.


Wichtig:
Die Angabe von Atmosfair „2,3t CO₂ pro Person pro Jahr“ bezieht sich auf das 2-Grad-Ziel (der Klimakonferenz in Cancún 2010), d.h. in Wirklichkeit ist das individuelle Budget noch geringer, denn das 1,5-Grad-Ziel soll unbedingt eingehalten werden laut dem Sonderbericht des Weltklimarats vom Herbst 2018 (siehe IPCC 2018) (vgl. WGBU 2009 u. atmosfair 2019).



Das ‚Kleingedruckte‘:

Ein pro-Kopf-pro-Jahr-Budget von 2,3t CO2 ist – selbst wenn man sich auf das Cancúner zwei-Grad-Ziel einlässt – eine  äußerst positive Auslegung der Rahmenbedingungen.

Keineswegs ist damit ein wirklich persönliches Lebensbudget oder gar ein Freizeitbudget gemeint: Das Budget bezieht sämtliche Emissionen, die für Sie – auch ohne Ihr Zutun und ggf. ohne Ihre Zustimmung – getätigt werden, mit ein. Und wenn irgendwo ein heftiger, CO2-intensiver Krieg vom Zaun gebrochen würde, dann ginge das auch zu Lasten Ihres persönlichen Budgets.

>> vgl. Abschnitt Bundeswehr & Rüstung in ökologischer Perspektive, S. 81. Aspekt U.S. military greenhouse gas emissions im Abschnitt Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen, S. 89.

Das UBA nennt „im Einklang mit der internationalen Staatengemeinschaft …[daher das Ziel eines künftigen jährlichen Budgets von] unter 1 Tonne CO2e pro Person“ (UBA 2020).
Das ist logisch – die künftig erforderliche Klimaneutralität lässt gar keinen anderen Schluss zu.
Doch ist 1 t CO2e derzeit in Deutschland für Einzelpersonen schon deshalb nicht erreichbar, weil allein die öffentlichen Emissionen pro Person derzeit 0,73t CO2e betragen (s. S. 72): Das Budget von 2,3t CO2 ist daher m.E. insgesamt als ein vorläufiges Zwischenziel zu verstehen.


Was nicht in die IPCC-Budget-Rechnungen eingeht:

Dass das ‚zulässige‘ Budget 2,3t CO2e pro Kopf pro Jahr auch für die Gegenwart eher hoch gegriffen ist, liegt daran, dass die IPCC-Ziele selbst eher weich sind und von äußerst optimistischen Prämissen ausgehen:

>>„Der IPCC weist [im Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel von 2018] darauf hin, dass dieses globale Gesamtbudget sogar noch um rund 100 Milliarden Tonnen kleiner sein könnte“ (Rahmstorf 2019).

>> Hinzu kommt, dass die Steigerung der Methankonzentrationen durch das unerwartet frühe Auftauen der Permafrostböden „in den Klimamodellen bei den Pariser Klimagesprächen 2015 nicht vorgesehen worden war und daher nicht berücksichtigt wurde“ (Maxton 2020, 32).

>> Auch sind die Emissionen der Luft- und Schifffahrt unberücksichtigt geblieben.

>> Ekardt et al. (2018) heben hervor, dass sich im Abkommen erstens „viele Berechnungen auf 2 Grad [abzielen], was mehr ist als die gemäß Art. 2 Abs. 1 PA zulässigen ‚deutlich unter 2 Grad‘… Zweitens ist die Einbeziehung der Nicht-Kohlendioxid-Emissionen nicht in allen Budgets gegeben… Drittens werden Budgetrechnungen auch dadurch relativ großzügig, dass das Referenzjahr des ‚vorindustriellen Niveaus‘, das gemäß Art. 2 Abs. 1 PA gilt, spät datiert wird und dadurch die globale Erwärmung, die bereits erfolgte, geringer eingeschätzt wird“ (77).

>> Für die Berechnung des verbleibenden CO2-Budgets geht das Pariser Abkommen zudem von negativen Emissionen aus, z.B. durch die systematische Schaffung von CO2-Senken – um so schwer zu vermeidbare Emissionen auszugleichen und auf diese Weise auf netto-Null zu kommen (vgl. Rahmstorf 2015). Bedauerlicherweise wurden die „‚Senken‘ … nicht näher definiert, sodass auch CO2-Abtrennungsverfahren (CCS [carbon capture and storage]) oder Geo-Engineering als solche gelten können“ (Nabu 2016, 3). (Schon 2014 wies der Beitrag der Arbeitsgruppe 3 des Weltklimarates zu dessen Fünftem Sachstandbericht darauf hin, dass, „[w]enn wir das Zwei-Grad-Ziel erreichen wollen, … zusätzlich große Mengen Kohlendioxid aus der Atmosphäre herausgezogen werden [müssen]“ (Staud/Reimer 2014)).

>> Konkret gerechnet: 318.296.300.000 t CO2 (=3.6.2020, 12:00 Uhr exakt, die Mercator-Uhr rauscht so schnell runter, dass ich gar nicht gucken kann und in den Hunderttausendern abgerundet habe, während ich diesen Satz um 12:08 Uhr schreibe, hat sich die „6“ Million in eine „5“ verwandelt) geteilt durch 7.803.549.200 (=3.6.2020, 12:01 Uhr exakt) lebende Personen auf dem Planeten = 40,79 t CO2 pro Person unter Einbezug sämtlicher klimarelevanter Aktivitäten auf dem Planeten, bis das CO2-Budget komplett aufgebraucht ist und die Welt klimaneutral zu sein hat (basiert auf https://www.mcc-berlin.net/forschung/co2-budget.html und https://countrymeters.info/de/World (Abrufdatum jeweils 3.6.2020). Will die Welt 2050 klimaneutral sein, ergibt sich von 2020 an (vereinfacht) gerechnet daraus der Wert 1,5 t CO2 pro Kopf pro Jahr.



Tatsächliche durchschnittliche Emissionen pro Person pro Jahr, nach Ländern:

D 11,6t | DK 7,25t | GB 7,09t | F 5,19t | A 7,77t | CH 4,63t | Polen 8,34t | Mexiko 3,88t | Senegal 0,59t | Indien 1,66t | China 6,71t | Japan 9,29t | USA 17,02t | Brasilien 2,19t | Rekordhalter: Katar 44,02t u. Niger 0,08396t | Durchschnitt: ca. 5t

>> Gossy 2015, hinsichtlich Durchschnittswert vgl. Statista 2019, s.a. auch Abschnitt Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum: Klimakrise in Zahlen, global gesehen, S. 83.


Zusammensetzung der durchschnittlichen Emissionen pro Person pro Jahr in Deutschland:

Heizung (1,64t) | Strom (0,76t) | Mobilität (2,18t) | Ernährung (1,74t) | sonstigem Konsum (4,56t) | öffentliche Emissionen (0,73t) (vgl. UBA 2020)

>> Berufspendler*in = allein für den Arbeitsweg durchschnittlich 1,5 t CO2 pro Person pro Jahr (vgl. Quarks 2018)


Emissionen pro Person pro Jahr, aufgesplittet nach Einkommen, global gesehen:

  • [D]ie drei reichsten Millionen [US-]Amerikaner [haben] durchschnittlich 318 Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf und Jahr…, während der Weltdurchschnitt pro Person etwa 6 Tonnen beträgt!“ (Weizsäcker 2017, 91).
  • „Das eine Prozent der reichsten [US-]Amerikaner produziert etwa 2,5%(!) der weltweiten Treibhausgase. Und die Top 10% der reichsten Haushalte der Welt tragen 45% der Gesamt-Treibhausgasemissionen bei“ (ebd., 92).

>> weitere Zahlen rund um das Thema Klimagerechtigkeit und der Globale Süden siehe S. 637.
>> vgl. auch Anmerkungen zur eklatanten Sprengung von individuellen Budgets durch Prominente, Vielflieger*innen und exorbitantem Lebensstil in der Fußnote auf S. 386.


Durchschnittliche Emissionen pro Person pro Jahr in Deutschland, gestaffelt nach Einkommen und Milieus:

  • „Es ist ein weitverbreitetes Vorurteil, dass einkommensarme Haushalte vergleichsweise viel Energie verbrauchen, weil sie sich keine sparsamen Geräte leisten können und sich wenig Gedanken über ihren Energieverbrauch machen“ (Kopatz 2016, 240-241).

Dazu einige Zahlen:

Energieverbrauch für die längste Urlaubsreise des Jahres und CO2-Emissionen pro Person in Deutschland, gewichtet, CO2e in Kilogramm

Bevölkerungsschnitt = 257 | Männer = 244 | Frauen = 267 | 18-29 Jahre = 137 | 30-49 = 275 | 50-59 = 430 | 65+ = 115 | Anteil am Haushaltseinkommen, altersgewichtet: unter 1.000€ = 65 | 1.000-1.999 = 209 | 2.000-2.999 = 441 | 3.000+ = 986 | Soziale Milieus: Traditionelle Milieus = 125 | Gehobene Milieus = 514 | Bürgerlicher Mainstream = 272 | Einfache, prekäre Milieus = 110 | Kritisch-kreative Milieus = 321 | Junge Milieus = 139 (nach BMU 2016, S. 114f.)

Hier fällt die Tatsache unter den Tisch, dass in den gehobenen Milieus i.d.R. deutlich mehr Reisen pro Jahr unternommen werden, sodass in der Realität die Unterschiede hoch wesentlich deutlicher ausfallen. (Bedauerlicherweise ist nach meinem Kenntnisstand keine bessere Statistik öffentlich zugänglich.)

>> s.a. Aspekt Entscheidend für den CO2-Verbrauch ist das Einkommen in Abschnitt Fliegen, Kreuzfahrten, S. 254.


CO2-Emissionen pro Person in Deutschland, gewichtet, CO2e in Tonnen pro Jahr

Bevölkerungsschnitt = 5,1 | Männer = 5,6 | Frauen = 4,7 | 18-29 Jahre = 4,7 | 30-49 = 5,5 | 50-59 = 5,6 | 65+ = 4,4 | Anteil am Haushaltseinkommen, altersgewichtet: unter 1.000€ = 4,2 | 1.000-1.999 = 5,0 | 2.000-2.999 = 6,0 | 3.000+ = 7,0 | Soziale Milieus: Traditionelle Milieus = 5,6 | Gehobene Milieus = 6,4 | Bürgerlicher Mainstream = 5,2 | Einfache, prekäre Milieus = 4,2 | Kritisch-kreative Milieus = 5,4 | Junge Milieus = 4,7 (nach BMU 2016, S. 124f.)

Details: Erläuterungen

Diese Statistik weist bzgl. Flugreisen die gleichen Mängel auf wie die vorherige. Die Kategorie ‚Energieverbrauch gesamt‘ schließt folgende Aspekte mit ein: Heizung, Baden/Duschen, Waschen/Trocknen von Wäsche, Kühlen/Gefrieren, Kochen, Geschirrspülen, Beleuchtung, Mediennutzung, Sauna, Alltagsmobilität, Urlaubsreisen, Nahrungsmittel, Kleidung, Betrieb von Aquarien sowie Haustierfutter, vgl. BMU 2016, 98ff. …Aquarien? Tierfutter? Wenn wir nur halb so viel Energie in die Bewältigung der Herausforderungen stecken würden wie wir in die Forschung stecken, gäbe es weniger Herausforderungen.


Also:

  • „Der CO2-Rucksack vergrößert sich mit dem Einkommen. Betuchte Menschen unternehmen nicht selten jedes Jahr einen Interkontinentalflug, verfügen über Zweit- und Drittwagen und besitzen vergleichsweise häufig extrem schwere und verbrauchsintensive Fahrzeuge. Sie tun es, weil sie es können“ (Kopatz 2016, 241).

Es gilt:

  • Aus der Nummer, zu viel CO₂ zu erzeugen, kommen deutsche Bürger*innen als Einzelpersonen nicht komplett raus – allein unsere öffentlichen Emissionen für Verwaltung, Schulen, Krankenhäuser etc. betragen 0,73t CO₂ pro Jahr pro Person (s.o.) – also mehr als eine Senegalesin bzw. ein Senegalese jährlich durchschnittlich generiert.
Details

Eine andere Art, seinen Lebensstil ökologisch messbar zu machen ist der ökologische Fußabdruck. Hier wird auf der Angebotsseite ermittelt, wie hoch die Biokapazität der Erde ist und „[a]uf der Nachfrageseite wird berechnet, wie viel Biokapazität die Menschen nutzen… dargestellt in der Maßeinheit ‚globale Hektar‘ [gha]“ (Brot für die Welt 2019), s. https://www.fussabdruck.de/ (Abrufdatum 1.6.2020). Des Weiteren gibt es den Wasserfußabdruck, bei dem ermittelt wird, wie viel (Trink-)Wasser – virtuelles Wasser genannt – wir unter Einbezug der von uns genutzten Lebensmitteln und Produkte, deren Herstellung und Transport ja ebenfalls Wasser benötigt, für unseren individuellen bzw. kollektiven Lebensstil benötigen, siehe https://www.waterfootprint.org/en/resources/interactive-tools/personal-water-footprint-calculator/personal-calculator-extended/ (Abrufdatum 1.6.2020) (vgl. UBA 2018).

  • Aber selbstverständlich können wir etwas tun und unseren persönlichen CO₂-Abdruck reduzieren – persönlich habe ich laut Atmosfair eine jährliche CO₂-Bilanz (= CO2-Fußabdruck) von 5,05t CO₂. Mein Leben ist selbstgenügsam, aber nicht asketisch:

Rahmen für ca. 5t CO₂ pro Person pro Jahr in Deutschland:

kein eigenes Auto | nur Fahrrad & ÖPNV | mehrere Bahnreisen in Deutschland | keine Flüge | ‚echter‘ Ökostrom | mäßig gedämmtes Mehrfamilienhaus | eine eher kleine Wohnung(1) | geringer Wasserverbrauch | kein Wäschetrockner | tendenziell saisonal-regionale Ernährung & kaum Tiefkühlkost | vegetarische Ernährung, Kriterium: Alles was mal Augen hatte(2)(3)

Das bedeutet:

  • 5t CO₂ pro Person pro Jahr kann in Deutschland jede*r erreichen, wenn sie/er es möchte. Es ist ein selbstgenügsames Keep it Simple-, aber kein asketisches Leben.
  • 5t CO₂ pro Person pro Jahr – das ist immer noch viel zu viel, aber weniger als die Hälfte dessen, was die Bundesbürger*innen jährlich durchschnittlich raushauen. Und ohne eigenes Passivhaus, Wärmepumpe und Solaranlage auf dem Dach geht es in Deutschland auch kaum noch besser.
  • Nur weil etwas nicht ideal ist, nicht das Optimum erreichbar ist, wir als Individuen nun mal nicht aus dem System ‚Deutschland‘ rauskommen bzw. dem Kapitalismus nicht (komplett) entgehen können, ist das definitiv kein Argument, die Hände von vorneherein in den Schoß zu legen.
  • Unser jeweiliger, im Weltmaßstab abstrus hoher CO₂-Abdruck macht eher deutlich, dass jede*r jede Möglichkeit nutzen sollte, um Überfluss und überflüssige CO₂-Verbrauche zu vermeiden.

>> Hinweis: Zur Ermittlung der eigenen CO₂e-Emissionen mittels des CO₂-Rechners des Umweltbundesamtes (UBA) gibt es dieses Tool: http://www.uba.co2-rechner.de/de_DE/
>> Auch unser Haustier ist in unsere persönliches Pro-Kopf-Bilanz mit einzubeziehen… vgl. Fußnote auf S. 181.
>> s.a. allgemein Abschnitt Was kann Ich tun? – mögliche konkrete Verhaltensänderungen und Aktivitäten, S. 169.

Details: Erläuterungen zu (1) - (3)

(1) siehe dazu Aspekt Zunahme der Wohnfläche in Deutschland, S. 502.

(2) Eigentlich bin ich kein Vegetarier. Ich esse gern klimagerecht-maßvoll Fleisch/Fisch und habe kein prinzipielles Problem damit, wenn Tiere für die Ernährung des Menschen sterben. Das ergibt sich für mich schon aus der Menschheitswerdung. Ich esse Tier- und Fischfleisch, wenn die Tiere/Fische ein artgerechtes Bioland- oder Demeter-Leben leben konnten, vom lokalen Schlachter/Fischer von Hand geschlachtet und umgehend vor Ort verarbeitet werden. Also nie. (Man entwöhnt sich im Übrigen.)

(3) Der Umweltpsychologe Gerhard Reese hat neben seinem wissenschaftlichen Lebenslauf (CV) auch seinen Klimalebenslauf (Climate CV) auf seiner Uni-Website hinterlegt: https://www.uni-koblenz-landau.de/de/landau/fb8/psychaus/arbeitsgruppe-umweltpsychologie/personen/gerhard-reese/climate-cv (Abrufdatum 22.6.2020)


Fazit zum individuellen CO₂-Budget:

Wir verbrauchen jede*r, selbst wenn wir überhaupt nicht fliegen und uns vorbildlich verhalten, zu viel CO₂ – daran ist unmittelbar nur teilweise etwas zu ändern – aber das bedeutet in der Konsequenz, dass die CO₂-Emissionen unseres Reiseverhaltens noch oben drauf kommen, obwohl wir dafür gar kein Budget zur Verfügung bzw. übrig haben.


Quellen des Abschnitts Individuelles CO₂-Budget


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