Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheider*innengeneration – in Deutschland

27.7.2021: 26 min – Spiegel TV: Zwischen Hoffnung, Wut und Trauer: Das Leben nach der Flut, https://youtu.be/XYW7dtOPOLo (Abrufdatum 28.7.2021)
Update 16.7.2021

Ein katastrophales Extremwetterereignis ist in diesen Tagen über viele Menschen in Nordrhein-Westfalen, in Rheinland-Pfalz, in Belgien, in Luxemburg und in den Niederlanden hereingebrochen. Ich bin tief betroffen und in Gedanken bei den Opfern, Hinterbliebenden und Betroffenen.

  • Im heutigen ARD-Brennpunkt wird ein kleiner Fluss namens Kyll erwähnt, der in der Ortschaft Kordel (Rheinland-Pfalz) normalerweise eine Höhe von 70 Zentimetern hat und dann in Folge extremer Regenfälle auf einen Pegel von 8 Metern anschwoll (vgl. Minute 11, vgl. n-tv 2021).1
  • Diese absurd erscheinende Zahl („8 statt 0,7m“) – sowie die Tatsache, dass mancherorts ganze Häuserzeilen regelrecht weggespült wurden – werden rational erfassbarer durch folgende Angabe der taz vom gleichen Tag: „Im Wolkenstau vor Eifel und Hohem Venn regnete es über 200 Liter pro Quadratmeter binnen 48 Stunden, mehr als sonst den ganzen Sommer.“
  • Manche Reporter*innen reden in diesen Tagen von einer Naturkatastrophe – richtiger ist hier m.E. von einer durch den Klimawandel begünstigten sowie darüber hinaus durch Flächenversiegelung beförderten anthropogenen Umweltkatastrophe zu sprechen.

https://youtu.be/38jyZ00cERE (Abrufdatum 17.7.2021)

Es ist schwierig/bedenklich, Katastrophen zu vergleichen, weil sich jegliche Relativierung verbietet. Es darf jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass uns vor rund zwei Wochen Bilder aus Japan erreichten von einer durch Extremregenfälle indizierten Schlammlawine – die ebenfalls ganze Häuserreihen mit sich riss, siehe rechts den kurzen Tagesthemen-Beitrag.

  • „In den zurückliegenden zehn Jahren gingen nach amtlichen Angaben jährlich im Schnitt fast 1.500 Erdrutsche in dem bergigen Inselreich ab – das sind fast doppelt so viele wie in den zehn Jahren zuvor“ (Tagesspiegel 2021).

>> Ausführlicher zu Extremwetterlagen siehe nachfolgendes Kapitel. Zum Extremregen von 2017 im Harz-Vorland siehe ganz unten auf dieser Webpage.


1 2003 hatte die Kyll in Kordel mit 4,82 m den bisherigen Rekord erreicht (vgl. n-tv 2021).

Quellen des Updates:


Es folgt das Kapitel



Klimakrisen-Folgen zu Lebzeiten der derzeitigen Entscheider*innengeneration – in Deutschland

Innerhalb dieses Themenbereichs ‚Klimakrisen-Folgen‘ vermeide ich gewöhnlich bewusst die Nennung von Celsius-Durchschnittswerten:

  • Viele Menschen neigen dazu, innerlich die genannte Gradzahl auf die typischen Sommertemperaturen – auf ihre alltäglichen ‚Erfahrungswerte‘ – draufzuschlagen und sind dann: eher beruhigt.

Doch besteht definitiv kein Grund zur Beruhigung.


Klimaforscherin Friederike Otto dazu:

  • „Um es zugespitzt auszudrücken: Die veränderte globale Mitteltemperatur bringt niemanden um. Jedenfalls nicht direkt. Wohl aber durch ihren Einfluss auf das Wetter“ (2019, 29).


Durchschnittstemperaturen
verschweigen, dass mit zunehmender (Wärme-)Energie eine höhere Neigung zu stärkeren Extremwetterereignissen besteht, u.a. zu mehr, längeren und wärmeren Hitzewellen1, aber auch zu Extremniederschlägen:

  • Der Sommer 2018 war eine leise Andeutung dessen, was auf uns zukommt mit dem Zeithorizont 2050, also zu einer Zeit, in der die derzeitigen Entscheider*innengenerationen der Jahrgänge 1960 und jünger noch durchaus präsent sein werden – und Temperaturen aushalten werden müssen, an die sie in jungen Jahren nicht gewöhnt wurden und die sie als dann ältere/alte Menschen umso schlechter vertragen werden können.
  • Dies gilt übrigens auch, wenn wir sofort global quasi sämtliche CO₂-Emissionen unterbinden würden:2 Dieser Zug ist bereits abgefahren.
    • Um ein anderes Bild zu zeichnen: Das Klima ist wie ein riesiger Ozeandampfer oder wie ein Mega-Containerschiff: Einmal in Schwung, hat es einen langen, langen Bremsweg.3

      In diesem Bild bleibt auch Stefan Rahmstorf:
    • „Das Klimasystem ist ein träges System. Es erinnert an die Titanic, die auf den Eisberg zufährt. Legen wir erst zehn Meter vorher das Ruder um, ist es zu spät“ (zit. in Klimaschutz Baustelle 2018).
  • Mittels eines anderen Ansatzes verdeutlicht eine Studie der ETH Zürich die für 2050 in diversen Städten/Regionen Deutschlands zu erwartenden klimatischen Veränderungen:

Herausgegriffen:

„Ort (Erhöhung der Durchschnittstemperatur im wärmsten Monat) >> 2050 Klima wie in… in 2018″:

  • Berlin (+6,1 °C) >> Canberra
  • Hamburg (+5,4°) >> San Marino
  • München (+4,6°) >> Mailand
  • Amsterdam (+3,4°) >> Paris | Barcelona (+3,4°) >> Adelaide | Edinburgh (+4,3°) >> Paris | Kopenhagen (+5,0°) >> Paris | Marseille (+5,2°) >> Algier | Stockholm (+5,9°) >> Budapest (Spiegel 2019)


2050 werden die jetzigen Fridays For Future-Kinder und -Jugendlichen zwischen ca. 47 +-5 Jahre alt sein.


>> In der nachfolgenden Quelle sind bereits erfolgte Veränderungen und Ihre Folgen in Städten/Regionen nachzulesen:
> Kayser-Bril, Nicolas u. Wallentin, Leonard (2019): „Interaktive Karte zur Erderwärmung: So stark trifft der Klimawandel Ihren Ort“. in: Der Spiegel, 24.9.2018, online unter https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/klimawandel-wetter-analyse-fuer-ueber-500-staedte-in-europa-a-1224569.html (Abrufdatum 12.7.2019) >> s.a. Aspekt Urban Heat Islands S. 125f.

Details: Erläuterungen zu (1) bis (3)

1 In den USA arbeitet eine „stiftungsfinanzierte Allianz“ (Stöcker 2020) daran, „dass Hitzewellen künftig Namen bekommen, so wie Hurrikane. Im Kern geht es dabei um ein psychologisches Ziel: Hitzewellen sollen endlich als die Gefahr ins öffentliche Bewusstsein dringen, die sie tatsächlich darstellen“ (ebd.).

2 Graeme Maxton dazu: „Das Klimasystem reagiert … nur langsam auf Veränderungen. Deshalb wird die Temperatur auch dann, wenn die Menschheit keine Emissionen mehr produziert, noch viele Jahre weiter steigen“ (2020, 27); vgl. dazu die physikalischen Eigenschaften von CO2 & Co, die einige Jahrzehnte bis viele Jahrhunderte in der Atmosphäre verbleiben, s. Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase, S. 145).

3 Das bedeutet auch, dass es „sehr lange dauern [wird], bis sich ein merklicher Effekt einstellt, nachdem die Menschheit radikale Veränderungen eingeführt hat“ (Maxton 2020, 33).

In diesem Zusammenhang passt die folgende Zahl:

  • „Im sog. ‚Jahrhundertsommer‘ 2003 sind europaweit 70.000 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben.“ (Rahmstorf/Schellnhuber 2018, 69)


Im Einklang mit diesem Zitat statuiert die EuroHEAT-Studie:

  • „In der europaweiten EuroHEAT-Studie zu den Auswirkungen von Hitzewellen auf die Mortalität in Großstädten wurden während Hitzewellen Werte der Übersterblichkeit zwischen 7,6 und 33,6%, in extremen Einzelfällen auch über 50% gefunden“ (Brasseur et al. 2017, 139).


Die Klimaforscherin Friederike Otto dazu:

  • „Die Bestattungsinstitute in Paris waren so überfüllt, dass auf dem Großmarkt Rungis ein Kühllager für Lebensmittel zur Leichenhalle umgewidmet wurde“ (Otto 2019, 103).
  • Berlin im Sommer 2018 = 490 Hitzetote (laut Robert-Koch-Institut, vgl. Evers 2019, 98)


Noch einmal zu den genannten 70.000 Hitzetoten im Jahr 2003:

  • „Stellen Sie sich mal vor, Terroristen würden in Europa 70.000 Menschen umbringen – wir wären bereit, den Rechtsstaat aufzugeben, nur um dagegen anzukämpfen! Bei einer extremen Hitzewelle aber zucken die Leute mit den Schultern“ (Rahmstorf 2018).
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Beim finalen Lektorat ist mir aufgefallen, dass es einen weiteren Lebensbereich gibt, der eine skandalöse Opferzahl hervorbringt, das mit gesamtgesellschaftlichem Schulterzucken bedacht wird: Gemeint ist der Bereich ‚Verkehrsopfer‘, vgl. Abschnitt Thema ‚Verkehrsopfer inkl. Luftverschmutzung‘: Direkte Opfer des Motorisierten Individualverkehrs (MIV), S. 300.


Machen wir uns klar:

Hitze kann man nicht wirklich ausweichen. Da helfen letztlich auch keine Klimaanlagen: Irgendwann muss man mal raus.

Logischerweise haben sich in Deutschland im Sommer 2018 die Verkäufe von Klimaanlagen deutlich erhöht:

  • „‚Mit jeder Hitzewelle entscheiden sich mehr Menschen zum Kauf‘, sagt Energieexpertin Tanja Kenkmann“. Und „Energietechnologieexperte John Dulac von der Internationalen Energieagentur (IEA) sagt: ‚Viele Deutsche arbeiten heute in klimatisierten Büros und fahren klimatisierte Autos – so wollen sie diese Temperaturen auch zu Hause‘“ (Spiegel 2018).

>> Die Welt gibt nunmehr Tipps, wie man für seinen Haushalt die richtige Klimaanlage findet (29.7.2019). Eine Boulevardzeitung fordert im Juli 2019 konkreten Klimaschutz unter der Überschrift „Tödliche Gluthitze in den Altenheimen“: „Schützt endlich unsere Omis und Opis mit Klimaanlagen“, so gesehen auf Seite 1 des in Deutschland meistgelesenen Boulevardblattes am 27.7.2019).

>> Da beißt sich die Katze in den Schwanz: Höhere Temperaturen führen zu mehr Klimageräten führen zu höherem Stromverbrauch führt in der fossilen Welt zu mehr CO₂ und damit zu höheren Temperaturen.

>> Hinzu kommen die bislang i.d.R. klimaschädlichen Kühlflüssigkeiten in der Klimaanlage, die durch Beschädigung oder nicht fachgerechte Entsorgung in die Atmosphäre gelangen können – also realistisch betrachtet viel zu oft tatsächlich in die Atmosphäre gelangen. Es gibt funktionierende klimaschonende, alternative Kühlflüssigkeiten, die sich aber bislang nicht durchgesetzt haben (vgl. Hoferichter 2019).

>> Seit einigen Jahren „stoßen EU-Fahnder oder Zollbehörden … auf Behälter mit geschmuggelten Kältemitteln… Dem steht jedoch ein Vielfaches an illegalen Importen gegenüber, die unentdeckt bleiben. [Unlängst] stellten im Hafen von Rotterdam [Fahnder] 14 Tonnen sogenannter teilfluorierter Kohlenwasserstoffe (HFKW) aus China sicher, die illegal in die EU eingeführt werden sollten… [D]er Schwarzmarkt für HFKW-Kältemittel[, der vornehmlich von organisierter Kriminalität betrieben wird, hat geschätzt] ein Volumen von bis zu einem Drittel des legalen Marktes… [D]as Volumen der jährlich illegal importierten HFKWs in die EU [entspricht] einem CO[2]-Äquivalent von bis zu 34 Millionen Tonnen“ (Diermann 2020). Treibhausgas-Emissionen Deutschlands 2018 = 858,4 Mio t CO₂e (vgl. S. 76).
Das sind weitere 34 Mio t CO2e = ca. 4% des ‚offiziellen‘ CO2e-Emissionen Deutschlands, die in keiner Statistik auftauchen, die jedoch potenziell (irgendwann in der Zukunft) die Atmosphäre belasten. Es ist davon auszugehen, dass solche illegalen Importe auch in andere Häfen, Staaten und Kontinenten stattfinden, sodass die Dimension dieses Aspektes nicht unterschätzt werden sollte. Dieser illegale Handel ist zudem ein Hinweis darauf, dass mit zunehmender klimaschützender Regulierung auch die Bestrebungen selbige zu unterlaufen zunehmen (werden) – weil hier Geld gespart/ generiert werden kann. Damit ist auch angedeutet, dass Klimaschutz nur funktionieren kann, wenn Regulierungen auch überprüft bzw. durchgesetzt werden: Jobs, Jobs, Jobs.  

>> vgl. Aspekt illegale FCKW-Produktion, S. 148f.


Nebenbei: Ich gehe davon aus, dass in die Klimapläne Deutschlands der künftige Mehrbedarf an Energie bzw. an (bis auf Weiteres) treibhausgashaltigen Kältemitteln für Klimaanlagen bislang nicht eingerechnet ist.


>> Interessant: „China und Südkorea beschlossen, öffentliche und staatliche Gebäude nie auf weniger als 26 Grad zu kühlen“ (Spiegel 2018).

>> Ikea macht derweil im Mai 2020 TV-Werbung für ein Klima-Anpassungsprodukt in Form von einem kühlenden Kissen, die in den deutschen Tropennächten (vgl. S. 125) das nächtliche Wohlbefinden steigern sollen (vgl. IKEA 2020).


Quellen des einleitenden Abschnitts



Die konkreten Folgen der Klimakrise in Deutschland für die derzeitige Entscheider*innengeneration:

Das Eingangskapitel basiert im Wesentlichen auf Fakten aus dem 350-seitigen Ergänzungsbericht Klimawandel in Deutschland. Entwicklung, Folgen, Risiken und Perspektiven (Brasseur et al. 2017) zum fünften Sachstandbericht des Weltklimarates (IPCC):

Temperaturen: Abnahme der Frosttage; Hitzewellen und Tropennächte

Abnahme der Frosttage:

Man geht bei einer „gemäßigten Entwicklung der atmosphärischen Treibhausgaskonzentrationen … davon aus…, dass die Zahl der Frosttage im Vergleich zum Bezugszeitraum 1971-2000 bis zum Ende des 21. Jahrhunderts abnehmen wird: um voraussichtlich rund 30 Tage pro Jahr im nordwestdeutschen Bereich und um bis zu 50 Tage pro Jahr in der Alpenregion. Für den Fall eines hohen Treibhausgasausstoßes … ergeben sich sogar Werte zwischen 40 und 70 Tagen pro Jahr“ (Brasseur et al. 2017, 51).

  • Erinnert sei dazu, dass 30 Tage ein Monat sind und somit vom althergebrachten Frostwinter im nordwestlichen Deutschland nichts übrig bleibt.

Friederike Otto hebt hervor, dass das Ausbleiben von Kältewellen – gefühlt ein Nicht-Ereignis – es kaum in die Schlagzeilen schafft:

  • „Über Kälte wird nur dann gesprochen, wenn es dann doch mal richtig kalt wird. Dabei sollte man es viel stärker thematisieren, dass unsere Winter aufgrund des Klimawandels immer milder und Frosttage zunehmend selten werden. … Wenn es allerdings einen ganzen Winter lang keinen Frost gibt, hat das gravierende Konsequenzen… Parasiten treten häufiger auf, die Nutztieren und Getreide, Obst und Gemüse zusetzen – um sie in Schach zu halten, kippen die Bäuer*innen dann umso mehr Pestizide auf die Felder und Äcker. Ein weiteres Problem: Viele Nutzpflanzen sind darauf programmiert, nach dem Frost zu knospen und zu blühen. Oder, wenn es keinen Frost gibt, eben nicht“ (2019, 107-108).


Hitzewellen und Tropennächte:

Die Häufigkeit von ‚gemäßigten Hitzewellen‘ steigt bei einem mittleren Szenario „bis zum Ende des 21. Jahrhunderts in Deutschland weitverbreitet um das 6- bis 18-fache an. In der Alpenregion könnte die Zunahme sogar noch größer ausfallen.

  • Zudem ist davon auszugehen, dass auch die Intensität von Hitzewellen in Mitteleuropa zukünftig deutlich zunehmen wird“ (Brasseur et al. 2017, 52).
  • Die Autor*innen ergänzen, dass die deutlich vermehrt auftretenden sog. Tropennächte aus medizinischer Sicht besonders relevant seien (vgl. ebd., 51). Dies gelte erst Recht für „Städte[, die auch heute schon] bis zu 10 °C wärmer als ihre Umgebung sein können“ (ebd., 139), sodass man von Urban Heat Islands (vgl. ebd., 226) spricht.
  • Die derzeit in Deutschland erfolgende extreme Nachverdichtung der (Groß-)Städte wirkt hier stark problemverschärfend.

Die Attribution Science konstatiert für die oben beschriebene 70.000-Opfer verursachende Hitzewelle von 2003 (!) bereits eine Verdopplung der Wahrscheinlichkeit eines solchen Ereignisses in Europa.

  • „Sommer wie diese – sie sind gekommen um zu bleiben“ (Otto 2019, 130).

Hagen Rether 2009:

„Hab‘n wir’s geschafft, hä?
Sind wir so lange mit dem Flieger in den Süden geflogen bis es warm genug wurde, dass wir hier bleiben können.“


Höhere Temperaturen sind mehr als ‚mehr Wärme‘:

  • „Die Überwärmung des urbanen Bodens kann für Stadtbewohner … negativ sein,… weil es durch die höhere Temperatur in einer Vermehrung hygienisch relevanter Mikroorganismen kommen kann, wodurch die Qualität des Trinkwassers herabgesetzt wird“ (Brasseur et al. 2017, 226).
  • „Die gesundheitlichen Risiken von thermischen Belastungen können [gerade in Städten] durch eine verringerte Luftgüte bei erhöhten Konzentrationen von Stickoxiden, Ozon und Feinstaub verstärkt werden“ (ebd., 139).

Doch mit diesen beiden Aspekten sind die möglichen und erwartbaren gesundheitlichen Probleme und Risiken nicht annähernd umrissen – und bedürfen eines eigenen Abschnitts:


Gesundheit: Die Klimakrise ist ein medizinischer Notfall

Zu den möglichen und erwartbaren unmittelbar hitzebedingten akuten gesundheitlichen Problemen und Risiken kommt die zunehmende Verbreitung von Krankheiten, die temperaturbedingt in der Vergangenheit nur weiter südlich vorkamen (vgl. Warnsignal Klima 2019a).


Neben der wachsenden Gefahr Allergien zu bekommen…

…sind Zecken, die Borreliose und Hirnhautentzündung/FSME verursachen können, das wohl bekannteste Beispiel für neue bzw. klimabedingt höhere gesundheitliche Risiken:

  • „Die Verbreitung der Zecken nach Norden wird durch die globale Erwärmung und die milden Winter begünstigt“ (Warnsignal Klima 2019b).
  • „Vergleicht man die durchschnittlichen FSME-Inzidenzen der Zeiträume 1974/1983 und 1994/2003 in den 10 wichtigsten FSME-Ländern so stellt man eine Steigerung auf 411% fest“ (Warnsignal Klima 2019c).
  • „Dauerte die Zeckensaison früher von etwa März bis Ende Oktober, so sind die Spinnentiere [=Zecken] inzwischen ganzjährig aktiv, wie der Jenaer Zeckenforscher Jochen Süss sagt. ‚Bei Bodentemperaturen ab sieben Grad marschieren sie los‘“ (Spiegel 2020a).

>> Eine gute Übersicht über ‚Zecken in Deutschland‘ bietet der Spiegel-Artikel „Wo die Zeckengefahr am größten ist“ von Irene Berres vom Juli 2021 [paywall].

  • Im Juni 2019 schrieb die Zeit: „Tropische Zeckenart überwintert erstmals in Deutschland: Nach dem Fund von sechs Exemplaren halten es Wissenschaftler für möglich, dass sich die [fast zwei Zentimeter große] Hyalomma-Zecke in Deutschland ansiedelt. Die Art überträgt ein gefährliches Virus…[, dass das] Krim-Kongo-Hämorrhagische-Fieber verursacht. Diese Viruskrankheit ist die am weitesten verbreitete Viruskrankheit des Menschen, die durch Zecken übertragen wird. Zehn bis 40 Prozent der Erkrankungen enden tödlich, einen Impfstoff gibt es bisher nicht“ (Zeit 2019a).
    • Eher unangenehm: „Anders als europäische Zecken jagt die Hyalomma-Zecke aktiv und kann Warmblüter über mehrere hundert Meter verfolgen“ (ebd., s.a. auch Schumann 2018).
    • Doch gilt: „Eine Infektion ist allerdings nur möglich, wenn die Zecken zuvor Blut von einem Wirt gesaugt haben, der mit dem Virus infiziert war. Das ist in Deutschland unwahrscheinlich. Hierzulande wurden bisher nur vereinzelte eingeschleppte Fälle der Krankheit nach Reisen bekannt“ (Spiegel 2020a).

Auch invasive (=eingewanderte) tropische Mücken siedeln sich zunehmend an:

  • „Um sich mit dem Dengue-Virus, dem Zika-Virus oder dem Chikungunya-Virus zu infizieren, muss man längst nicht mehr in die Tropen reisen… ‚Der Sommer 2018 brachte nicht nur eine Hitzewelle mit sich – sondern auch neue Krankheiten‘, sagt Renke Lühken, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. So konnte 2018 erstmals die Übertragung des Westnil-Virus‘, das für das sogenannte Westnil-Fieber verantwortlich ist, nachgewiesen werden“ (BR24 2019).


In der 2019er Filmreportage ‚Wetter extrem – Hitzewellen und Wassermassen‘ des NDR (Teil 2, ab ca. Min 19) wird letzterer Aspekt möglicher Übertragungen des tropischen West-Nil-Virus‘ genauer behandelt:

  • „Seit der Jahrtausendwende fühlt sich … die Asiatische Tigermücke auch bei uns in Europa wohl… [Die Viren-Forscherin Anna Heitmann vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin untersucht,] ob unsere deutschen Mücken in der Lage sind, tropische Viren zu übertragen. Andererseits untersuchen wir dann auch im Vergleich tropische Mücken [zur Beantwortung der Frage unter] welche[n] klimatischen Bedingungen … die Viren sich in der Mücke vermehren, sodass eine Übertragung stattfinden kann‘… Mit diesem Verfahren kann Heitmann sehen, ab welcher Temperatur Viren in den Mücken überleben… Es gibt in Europa das West-Nil-Fieber-Virus, das letzten Sommer [, d.h. 2018,] einen großen Ausbruch in Europa hatte – da sind über 200 Menschen dran gestorben innerhalb von ganz Europa – und wir konnten in unseren Untersuchungen zeigen, dass die deutsche Hausmücke das [West-Nil-Fieber-Virus] übertragen kann‘ und zwar, wenn es über einen längeren Zeitraum deutlich über 24 Grad heiß ist. ‚Und das ist eben letztes Jahr[, d.h. 2018,] durch den langen warmen Sommer möglich gewesen und deshalb hatten wir die ersten Fälle auch in Deutschland, zum Glück nur bei Vögeln und Pferden… [und bei kommenden heißen Sommern] können [wir] nur hoffen, dass es nicht auch Humanfälle gibt innerhalb von Deutschland.‘“

>> Auf dem Webportal Mückenatlas.com kann man mittels einer interaktiven Karten die Ausbreitung der asiatischen Buschmücke zwischen 2012 und 2016 sehen: https://mueckenatlas.com/unsere-forschung/#verbreitung/ (Abrufdatum 4.9.2019) (etwas hinunter scrollen, rechts kleine Karte anklicken).


Update September 2020:

Nachdem 2019 erstmals innerhalb Deutschland (mindestens) drei Menschen per Mückenstich an West-Nil-Fieber erkrankt waren, haben sich nunmehr mit Stand September 2020 nachgewiesenermaßen zehn Menschen innerhalb Deutschlands (konkret Sachsen, Sachsen-Anhalt und Berlin) mit dem West-Nil-Fieber infiziert – drei von ihnen liegen mit Gehirnhautentzündung im Krankenhaus.

  • „Bei unter einem Prozent aller Betroffenen – in der Regel bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen – kommt es zu einer Hirnhautentzündung (Meningitis) oder seltener zu einer Entzündung des Gehirns (Enzephalitis), die tödlich enden kann“ (Spiegel 2020c).

Daraus ist abzuleiten, „dass sich noch Hunderte weitere Menschen infiziert haben, ohne dass die Erkrankung erkannt wurde“ (ebd.)


Und die Hitze sorgt über die eingangs gemachten Bemerkungen hinaus im weltweiten Maßstab für weitere Erkrankungen und Todesfälle:

  • „Vor Kurzem erst hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgerechnet, dass in den Jahren 2030 bis 2050 mit ungefähr 250.000 zusätzlichen Todesfällen durch die Erderwärmung zu rechnen sei. Nicht in dem genannten Zeitraum über zwei Dekaden, sondern in jedem Jahr. Dazu gehören die sogenannten nicht übertragbaren Leiden wie Herzinfarkt, Kreislaufversagen, Niereninsuffizienz, Hitzschlag“ (Bartens 2019, 2).


Zusammenfassend formuliert eine britische Medizin-Fachzeitschrift:

  • „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für die globale Gesundheit des 21. Jahrhunderts.“ (zit. in Evers 2019, 98)


Die Inhaberin des einzigen Lehrstuhls für Klimawandel und Gesundheit in Deutschland, die Epidemiologin Sabine Gabrysch, bestätigt diese Aussage und führt aus:

  • „Leider ist die Schwere dieser Diagnose noch nicht richtig verstanden worden in der Gesellschaft. Die Klimakrise ist ein Thema, dass erste Priorität haben muss. Wir haben es hier nicht mit einer leichten Grippe zu tun…, sondern mit einem planetaren medizinischen Notfall“ (Evers 2019, 98).


Die medizinische Fachzeitschrift The Lancet hebt im Herbst 2019 gemeinsam mit 120 Wissenschaftler*innen von 35 Institutionen hervor, dass insbesondere die Gesundheit von Kindern durch die Gefahren, die mit den steigenden Temperaturen der Klimakrise einhergehen, gefährdet ist,

  • „weil sich ihr Körper und ihr Immunsystem noch in der Entwicklung befinden“ (Baier 2019). Es fallen dann die Stichwörter Vibrio-Bakterien, Cholera, Dengue, West-Nil-Virus, Unterernährung inkl. geschwächtes Immunsystem, Luftverschmutzung inkl. Asthma, Allergien und, wenig überraschend: Hitze.
    • „Wenn es nicht gelingt, die Klimakrise zu stoppen, wird ein Kind, das heute zur Welt kommt, an seinem 71. Geburtstag in einer Welt leben, die durchschnittlich vier Grad wärmer ist als heute“ (ebd., vgl. auch Weber 2019).


Eigentlich geht die UN von einem Einpendeln der Weltbevölkerung von etwa 11 Milliarden Menschen im Jahr 2100 aus (vgl. Abschnitt 11 Milliarden Menschen, S. 613). Doch diese Schätzung geht von einer klimatisch nicht desaströsen Entwicklung aus. Würde sich die Menschheit im Jahr 2100 in einer drei bis vier Grad wärmeren Welt befinden, fallen die Schätzungen zur Anzahl der existierenden Menschen komplett anders aus:

  • „Kevin Anderson considers that ‚a 4°C future [relative to pre-industrial levels] is incompatible with an organized global community, is likely to be beyond ‚adaptation‘, is devastating to the majority of ecosystems, and has a high probability of not being stable‘… He says: ‚If you have got a population of nine billion by 2050 and you hit 4°C, 5°C or 6°C, you might have half a billion people [=500 Mio] surviving‘“ (zit. in Dunlop/Spratt 2017, 5).
  • „Hans Joachim Schellnhuber vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung hält es für schwierig, dass unter solchen Bedingungen eine Bevölkerung von mehr als einer Milliarde Menschen überleben kann. Das entspricht der Vernichtung von 90 Prozent des menschlichen Lebens“ (Maxton 2018, 35).
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Harald Welzer spricht ebenfalls von „eine[r] Milliarde Menschen vielleicht. Eher weniger.“ – vgl. Abschnitt Sind wir nicht (fast) alle mehr oder weniger kleine oder gar große Klimawissenschaftsleugner*innen?, S. 216.


Hier hakt auch Stefan Rahmstorf ein, der 2019 in der Zeit verlauten ließ:

  • „Viele Kollegen, die ich kenne, glauben, dass wir sowieso niemals auf vier Grad Erwärmung kommen würden, weil uns vorher die Wirtschaft zusammenbricht und die Welt in Konflikten versinken würde.“


Zurück zum ‚planetaren medizinischen Notfall‘:

Abseits der körperlichen Erkrankungen sind schon jetzt auch Zunahmen bei Klimakrisen-bedingten psychischen Erkrankungen zu sehen.

>> siehe dazu Aspekt Klimakrisen-Depression/Eco-Anxiety S. 206, und vgl. Aspekt vermehrte (u.a. psychisch bedingte) Gewalt gegen Frauen in der Klimakrise z.B. bei akuten Klimakatastrophen S. 423.


Die auftauenden Permafrostböden könn(t)en zudem längst vergessene bzw. überwunden geglaubte Krankheiten zurückbringen. Diesen Aspekt hielt der Autor dieses Handbuches lange Zeit für zu spekulativ, um ihn im Buch zu erwähnen. Die Bemerkung Graeme Maxtons, dass „[a]uf der sibirischen Halbinsel Jamal … ausgetretene tödliche Anthrax-Sporen [= Milzbrand] bereits lokale Rentierherden sowie einige Menschen infiziert haben … [und ü]ber 650.000 Rentiere … 2018 geimpft wurden, um eine Ausbreitung der Krankheit zu verhindern“ (2020, 31) veranlasst ihn nun doch die Aufnahme dieses Aspektes in dieses Handbuch.


Und auch die Covid-19-Pandemie macht ein weiteres Mal überdeutlich, worauf Forscher*innen seit Jahren dringend und weitgehend ungehört hinweisen: Dass Umweltzerstörung Virenausbrüche und Pandemien begünstigt.

Dazu ist es zunächst wichtig, hervorzuheben, dass ein Großteil der schlimmsten Krankheiten von gestern und heute in einem erweiterten Sinne eigentlich „Zivilisationskrankheiten“ des sesshaft gewordenen Menschen sind:

  • „Masern, Pocken, Tuberkulose, Syphilis, Malaria, Cholera, die Pest: All diese Plagen entstanden erst, nachdem wir unseren nomadischen Lebensstil aufgegeben hatten. Wir bekamen die Krankheiten [– Zoonosen genannt –] von unseren neuen Haustieren geschenkt. Oder um es genau zu sagen: von ihren Mikroben. Masern stammen von der Kuh, und die Grippe ist das Ergebnis einer Ménage à trois zwischen Menschen, Schweinen und Enten“ (Bregman 2020, 128).
  • „[S]chätzungsweise 70 Prozent aller humanen Infektionskrankheiten [sind Zoonosen]“ (Rigos 2020, 10).
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Auch die Schweinegrippe, genauer gesagt die Tatsache, „[d]ass Schweine überhaupt an Grippe leiden, die ja ursprünglich von Vögeln stammt, geht höchstwahrscheinlich ebenfalls auf das Konto des Menschen, der Hühner und Schweine auf Bauernhöfen in engen Kontakt brachte“ (Rigos 2020, 13).

Mit diesem Vorwissen kommen wir nun zu den konkreten Umwelt- und damit auch Klima-bedingt begünstigten Krankheiten bzw. Krankheitsrisiken:

Fledermäuse – von denen wahrscheinlich das aktuelle Corona-Virus übergesprungen ist – suchen sich, wenn ihr Lebensraum schwindet, ‚anthropisierte Nischen‘ und sind dem Menschen daher räumlich näher als früher (vgl. Eichhorn 2020, s.a. Rigos 2020, 10), was grundsätzlich eine Übertragung von Viren wahrscheinlicher macht.

  • „Vor allem der Verlust von Wäldern erhöhe das Risiko … [für das Überspringen von Krankheitserregern von Fledermäusen]. So gingen in Südostasien in den vergangenen 40 Jahren 30 Prozent der Waldbedeckung verloren, während sich Plantagen und Städte ausdehnten. Weltweit werden zudem mehr als 160 Fledermausarten für ihr Fleisch oder aus medizinischen Gründen gejagt“ (ebd.).

Das Problem beschränkt sich keineswegs auf Fledermäuse. Im Rahmen dieses Handbuches sei nur kurz ein weiteres Beispiel genannt:

  • In Indonesien ziehen Flughunde auf der Suche nach Nahrung vermehrt in die Städte, nachdem ihr natürlicher Lebensraum, der Urwald bzw. die Regenwälder immer weiter und flächendeckend gerodet werden. Hier lässt der für sie selbst unschädliche Paramyxovirus Schweine
  • „reihenweise [erkranken] – und nicht nur sie. Eineinhalb Jahre später hatten sich in Malaysia 265 Menschen bei den Schweinen mit dem Virus angesteckt, 105 starben an einer schweren Gehirnhautentzündung. Das Nipah-Virus ist geblieben: Mittlerweile flammt es regelmäßig auch in Indien und Bangladesch auf. Bis zu drei Viertel aller Erkrankten sterben. Vom ursprünglichen Wirt hat es sich emanzipiert, es kann auch von Mensch zu Mensch weitergegeben werden“ (Eichhorn 2020).

Richard David Precht hebt zudem vollkommen zurecht hervor, dass, „so richtig es ist, dass Menschen ihrer physikalischen und biologishen Umgebung heute größere Wunden schlagen als je zuvor in der Geschichte der Menschheit – ein neuartiges Virus erschafft die Natur deswegen nicht, allenfalls geschieht die Übertragung und Ausbreitung im Zeitalter schwindender Naturräume, dichter Bevölkerung sowie universaler Luftfahrt und Luftfracht schneller. Aber dafür sorgen immer noch Menschen… Corona ist nicht die Antwort auf verletzte Rechte [der Natur]“ (2021, 9).

Alexandra Rigos hält derweil für Greenpeace fest:

  • „Fest steht …, dass die Kombination aus Fledermäusen, Waldzerstörung und Massentierhaltung eine tickende Zeitbombe ist – und wir Menschen tragen dafür die Verantwortung“ (2020,13).

>> vgl. auch den Aspekt Viren, veränderte Landnutzung und Rindfleisch, S. 553.


Eckardt von Hirschhausen gebührt das Fazit dieses beklemmenden Kapitels mit den Worten:

  • „Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten“ (Alverde 2020, 74).

Hitzestress der Fauna

Alles gerät durcheinander: Zugvögel bleiben im Norden, Fische weichen in nördlichere Meere aus, andere Tiere finden keine Nahrung mehr, weil ihr Futter in die nördlichen Meere ausgewichen ist, Vögel brüten oder Fische laichen früher, aber die Nahrung für die Brut ist noch nicht gereift… etc. pp. etc. pp.

Hagen Rether 2009:
„Ich habe im November gespielt in Berlin. In Köpenick sind Krokusse gesprungen – und die Maikäfer sind geschlüpft im November – weil sie doof sind.“


Hitzestress der Flora

Blick auf den Südhang vom Brocken im Harz, August 2020
Blick auf den Südhang vom Brocken im Harz,
August 2020, eigene Aufnahme.

Nicht nur für Menschen ist die Einschleppung von Viren, Bakterien, Pilze, Schädlingen, Parasiten etc. von Bedeutung. Man denke hier im Bereich der Flora an den Borkenkäfer.

  • „Durch den Klimawandel werden … häufiger dem Borkenkäfer zuträgliche Temperaturen (> 18 °C) erreicht. Je länger die Sommerperiode ist, desto mehr Generationen können sich pro Jahr entwickeln. In natürlichen Fichtenwäldern in borealen Zonen oder im Gebirge, kann der Buchdrucker [– eine Unterart des Borkenkäfers –] oft nur eine Generation anlegen. Ein warmes Frühjahr mit Temperaturen über 18 °C und ein warmer Herbst können bis zu drei Generationen pro Jahr erzielen, was zur massenhaften Verbreitung der Buchdrucker führt… Zudem verursachen extreme Witterungen, dass Bäume verstärkt durch Sonnenbrand, Windwurf und Stress durch Wassermangel geschwächt werden. Solche Bäume werden dann auch leichter vom Borkenkäfer befallen“ (Greenpeace 2019).

Forstwirtschaftliche Monokulturen begünstigen den Befall:

  • „Der Borkenkäfer wird erst in Monokulturen zum Schädling.“
    (Alexa Gräfin von Plettenberg zit. in Faller/Grefe 2020, 16)

Borkenkäfer brauchen für einen Baum sechs bis acht Wochen (vgl. Köppe 2019) – dann ziehen sie weiter.

Mir persönlich drängt sich da das Bild von Loriots Steinlaus auf – nur geht es halt nicht um Beton.


Aber das Bild, das die riesigen Flächen mit toten kahlen Bäumen sich mir im Harz des Jahres 2019 im Unterschied zum Vorjahr geboten hat, ist schon beeindruckend – um nicht zu sagen: schockierend.

>> Das Ganze kann man sich auch auf einer interaktiven Karte namens ‚Global Forest Change‘ anschauen, hier herausgegriffen das Beispiel Harz (wenn Sie nicht wissen, wo Sie sind, mal rechts den Haken“ von „Data Products“ wegklicken oder darunter den Transparent-Layer-Schiebebutton verschieben. Sie können sich auf dieser Karte jeden Wald der Welt anschauen, oder auch Ihre unmittelbare Lebensumgebung: http://earthenginepartners.appspot.com/science-2013-global-forest/ (Abrufdatum 27.7.2019)


‚Waldsterben 2.0‘

So nennt der Förster und Vorsitzende des Bundes Deutscher Forstleute (BDF), Ulrich Dohle, das, was zurzeit in Wäldern Deutschlands abgeht: Mittlerweile ist übereinstimmend von einem erneuten, schon begonnenen Waldsterben die Rede, denn auch abseits von den Borkenkäfer-Opfern Fichten gibt es z.B. von Pilzen befallene Eschen. „[E]ine ähnliche Entwicklung zeichnet sich bei Ahorn ab“ (Köppe 2019). Das Hauptproblem sei [2019] vor allem die Trockenheit – im zweiten Jahr in Folge.

Details

Stand 2019. Auch im Jahr 2020 ist es in Deutschland mit Stand September deutlich zu trocken. Wir befinden uns abweichend von obiger Aussage nunmehr also im dritten Jahr. Bezogen auf 2018 und 2019: „Im Ergebnis zeigte sich, dass es seit 1766 in Mitteleuropa keine solchen zwei aufeinanderfolgenden Sommer-Dürren dieses Ausmaßes gegeben hat. Mehr als 50 Prozent der Fläche Mitteleuropas waren davon stark betroffen“ (SZ 2020a; vgl. Schwarz 2020, 9).

Auch die eigentlich widerstandsfähige Buche sei von Waldschäden betroffen (ebd.), was ein gewaltiges potenzielles Problem darstellt, weil die Buche einer der wichtigsten und weitverbreitesten Baumarten Deutschlands ist.


Henrik Hartmann vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena:

  • „Wirklich intakte Bestände sehe ich kaum noch. Stattdessen sehe ich Eschen sterben, ich sehe Buchen und Kiefern sterben. Und von der Fichte brauchen wir gar nicht zu reden“ (Seidler 2020b).

Forstwissenschaftler Jörg Ewald dazu:

  • „Die Buchen sind stark geschädigt und das ist wirklich beunruhigend, denn die Buche gilt eigentlich als eine robuste, gut an unsere Breiten angepasste Baumart… Aber jetzt sehen wir…, dass sie sehr stark von der Trockenheit betroffen ist… Die Dürre trifft den deutschen Wald im Herzen. Das Klima hat sich in einer Weise verschoben, dass es uns schwerfällt, damit umzugehen“ (zit. in Endres 2019).

Im Vergleich zu den 1980er Jahren ist

  • „das Sterben … viel dramatischer. Betroffen sind viel größere Flächen – und nicht nur einzelne Baumarten, sondern viele.“ „Viele Bäume sterben, auch alte Exemplare, und an manchen Orten sterben ganze Baumbestände. Davor kann einem schon angst und bang werden. So eine Situation kannten wir bisher nicht“ (ebd.).
Klöckner: „Jetzt ist er in weiten Teilen am Sterben,
und kaum einer redet davon.“ Eine Analyse:
„Look up“ Gary Turk – 61 Mio views, Stand Juli 2019
https://youtu.be/Z7dLU6fk9QY

CDU-Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner erklärt im Juli 2019 in einem Moment ungewohnter Offenheit – ohne dass daraus eine m.E. angemessene Aktivität erwachsen wäre:

  • „In den Achtzigerjahren habe das Thema Waldsterben alle beschäftigt. ‚Jetzt ist er in weiten Teilen am Sterben, und kaum einer redet davon.‘“ (Zeit 2019b)


Christian Stöcker hat dazu die Zahlen:

  • „Schon im Mai 2020 lag die Expertenschätzung für die Waldfläche, die dieses Jahr zugrunde gehen wird, bei 400.000 Hektar. Das ist, sorry, zweimal so viel wie die Fläche des Saarlandes“ (2020).


Alexa Gräfin von Plettenberg, Agraringenieurin und Vorsitzende des Vereins Waldbesitzerinnen NRW hat

  • „60 Prozent Nadelhölzer in unserem Betrieb, vor allem Fichte… [E]twa ein Drittel des Waldes ist kaputt… [Wir machen im Moment] nichts anderes als … tote Bäume markieren, die gefällt werden müssen.“ (zit. in Faller/Grefe 2020, 16)

Pierre Ibisch, Biologe und Professor für Nature Conservation:

  • „Was wir jetzt erleben, hat neue Dimensionen… Das Modell der Monokultur aus Kiefern oder Fichten ist am Ende. Denn genau die verlieren wir sehr schnell durch die Folgen des Klimawandels. Und ich sehe tatsächlich extreme Szenarien: Es kann sein, dass diese Monokulturen in zehn, zwanzig Jahren nicht mehr stehen… [I]m schlimmsten Fall gibt es auf großen Flächen nur [noch] langsam nachwachsendes Gebüsch. Der Wald bekommt Druck von vielen Seiten, und es kann durchaus Synergieeffekte geben, die ihn großflächig kollabieren lassen, wo es besonders monokulturell und trocken ist… Zu viel Stickstoff aus dem Verkehr und Landwirtschaft verändert die Böden, Pestizide von den Feldern verringern die Zahl der Waldlebewesen1. Der Wald ist durch Straßen zerschnitten, und zu allem Übel legen die Förster auch noch ein dichtes Netz von Rückegassen an, um Bäume rauszutransportieren. Im Boden ist das lebenswichtige Geflecht aus Pilzen und Baumwurzeln gestört. Wald, das sind zunehmend Inseln in der offenen Landschaft, die sich besonders leicht erwärmen. So geschwächt, hat der Klimawandel mit ihnen leichtes Spiel“ (zit. in Faller/Grefe 2020, 17).
Details: Erläuterungen zu (1)

Eine im September 2020 veröffentlichte Studie zeigt, dass sich „Pestizide und deren Abbauprodukte … kilometerweit durch die Luft [verbreiten]… Glyphosat sei in allen Regionen Deutschlands und weit abseits von potenziellen Ursprungsäckern nachgewiesen worden… Selbst auf der Spitze des Brockens im Nationalpark Harz seien zwölf Pestizide nachweisbar“ (Zeit 2020c).

Gewissermaßen ist leider auch von einem ‚Förstersterben‘zu sprechen – es fehlt offensichtlich an Nachwuchs und finanziellen Mitteln. Warum der Harz so aussieht, wie er aussieht hat auch mit fehlenden Förster*innen zu tun:

  • „Es gab nicht genug Leute, um das Holz [der nach einem Sturm gefallenen Bäume] rechtzeitig aus den Wäldern zu holen“ – also bevor der Borkenkäfer zuschlagen konnte, sagt der schon eingangs zitierte Förster Ulrich Dohle im betreffenden Spiegel-Artikel (Köppe 2019, vgl. auch Endres 2019).

Auch interessant: In privaten Wäldern „ist die Lage jetzt besonders dramatisch“ (Endres 2019), weil hier vielfach im Unterschied zu öffentlichen Wäldern keine Investitionen unternommen wurden, um die Monokultur der Nadelbäume aufzubrechen (vgl. ebd., s.a. Aspekte Aufforstung und Verbiss, S. 469f.).


Ich stelle fest: Was nicht dem ‚Wachstum‘ bzw. Shareholder Value dient, fällt hinten rüber. Wälder, Bildung, Pflege, die nächste Generation, die Umwelt, das Klima… die Zukunft.

Es bedarf hier deutlicher Worte:

Ich schließe mich Rezo an, wenn er konstatiert, dass die CDU/CSU mit Stand 2019 in den letzten 36 Jahren 29 Jahre an der Macht war und somit maßgeblich unser Land geprägt hat – maßgeblich in einer zutiefst zerstörerischen Weise geprägt hat.

Denn egal, was unsere Merkel’sche Regierung vielleicht in der Vergangenheit in anderen Themenbereichen durchaus richtig gemacht hat:
Sie hat wider besseres Wissens nicht relevant versucht die Klimakrise zu verhindern, sodass wir nun auf den Abgrund zurasen. Und was nützt es, als Regierung andere Dinge richtig gemacht zu haben, wenn die Lebensgrundlagen der Bevölkerung durch die Klimakrise und Artensterben unmittelbar und existenziell gefährdet werden?

Packen wir das in ein Bild:
Nehmen wir an, Angela Merkel ginge zur Schule und würde neben 9 typischen Fächern wie Deutsch, Mathe und Musik auch im Hauptfach ‚Überlebenskunde‘ unterrichtet. Nehmen wir weiter an, am Ende des Schuljahres bekäme Angela Merkel überall eine „1“ – nur nicht in ‚Überlebenskunde‘: Da prangte im Zeugnis eine „5“ = ungenügend. Nun ergäbe sich folglich ein Schnitt von 1,4. Das Zeugnis sähe also soweit prima aus – aber: Kann man das Fach ‚Überlebenskunde’ ausgleichen?


>> vgl. auch Rezo (2019): „Die Zerstörung der CDU“. in: Youtube.de, 18.5.2019, Min 25f., online unter
 www.youtube.com/watch?v=4Y1lZQsyuSQ/ (Abrufdatum 24.6.2019), s. a. Aspekt Der Realitäts-Schock in Abschnitt Intro S. 35.

>> Definition ‚Shareholder Value‘ = Unternehmensprinzip, demzufolge Gewinnmaximierung zu Gunsten der Dividenden der Aktionär*innen ‚über allem‘ stehe. Der ‚Erfinder‘, Jack Welch, bezeichnete dieses wohl 1981 entstandene Prinzip im Jahre 2010 als „die blödeste Idee der Welt“ (Büschemann 2010). „Man könne eben nicht auf Gewinnmaximierung abzielen, sondern müsse Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Wettbewerbsfähigkeit erhält man dadurch, dass man ein gewisses Ansehen hat“ (Fischer 2018, 498).


Exkurs ‚Waldsterben der 1980er Jahre‘

Wie war es da, wie schlimm war das wirklich?

War es – wie so Viele glauben – eine falsche Prognose?

  • „‚Viele halten das [aufgrund des sog. sauren Regens] prognostizierte Waldsterben von damals noch immer für eine Spinnerei… Doch das stimmt nicht.‘ Vielmehr hätten politische Maßnahmen wie der verpflichtende Einbau von Katalysatoren die Katastrophe verhindern können“ (Förster und Vorsitzender des Bundes Deutscher Forstleute (BDF), Ulrich Dohle, zit. in Köppe 2019).

Der Biologe Pierre Ibisch:

  • „Dass der Wald in den Achtzigerjahren nicht gestorben ist, war ja ein Erfolg dieser [wissenschaftlichen] Warner. Die Hauptursache, Schwefeldioxid, wurde mit Filtern aus der Luft genommen“ (zit. in Faller/Grefe 2020, 16).

Folgen der Zunahme von Extremwetterereignissen

Die Klimaforscherin Friederike Otto vom ‚World Weather Attribution‘-Team stellt grundlegend fest:

  • „Das Wetter ist heute ein anderes, weil wir Menschen das Klima verändert haben“ (2019, 12).
  • „Jedes Wettergeschehen – ein Hurrikan genauso wie ein leichter Sommerregen – findet heute unter anderen Umweltbedingungen statt als noch vor 250 Jahren“ (ebd., 10-11). Und:
  • „Inzwischen hat jeder Sturm mit dem Klimawandel zu tun“ (ebd., 17) – mal mehr, mal weniger, aber der Einfluss ist prinzipiell immer vorhanden.

Mit mehr Energie im System ‚Erde‘ steigt die Häufigkeit von Extremwetterereignissen an, betreffend Temperaturen, Wind, Niederschlag und dauerhafte Wetterlagen inkl. Dürreperioden:

  • „Übereinstimmend wird eine hohe Verletzlichkeit der Hochspannungsnetze gegenüber Extremwetterereignissen, Stürmen und Schneelasten angenommen, welche in größeren Gebieten die Versorgungssicherheit beeinträchtigen kann. Auch können Hitzewellen zu einer verminderten Leistungsfähigkeit und zu Kapazitätsengpässen bei konventionellen Grundlastkraftwerken führen, da diese auf ein kontinuierliches Wasserangebot zur Kühlung angewiesen sind“ (Brasseur et al., 244).

>> vgl. in Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase, S. 145 den Aspekt Extremwetterereignisse, S. 149

Man denke dazu an das Jahr 2018 und die

  • wochenlange Nicht-Schiffbarkeit des Rheins wegen zu niedrigen Flussständen mit großen Auswirkungen auf die Wirtschaft, die von Zulieferungen abhängig ist und die
  • Zwangsabschaltungen bei Atomkraftwerken aufgrund zu hoher (Fluss-)Wassertemperaturen in Frankreich.

Solche nunmehr zunehmenden Risiken sprechen übrigens interessanterweise

  • gegen Großkraftwerke, wie sie für die Vergangenheit maßgeblich waren – und
  • für eine dezentrale, kleingliedrige Energieversorgung, wie sie strukturell die zukunftsorientierten Erneuerbare Energien bieten.

Hitzeschäden

1,5 Min: Blow ups – tödliche Gefahr auf der Autobahn | BR24 24.7.2018, https://www.youtube.com/watch?v=V7_SPqwhHY4 (Abrufdatum 8.11.2020)

  • Naomi Klein leitet ihr Grundlagenwerk Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima mit dem Beispiel eines Flugzeugs ein, dessen Räder 2012 vor dem Abflug aus Washington 10 cm „in dem schwarzen Asphalt versunken [waren] wie in frischem Beton“ (2015, 10).
  • Hitzeschäden auf Straßen („Betonfahrbahnen“) in Form von sog. Blow-Ups sind insbesondere für Motorradfahrer*innen lebensgefährlich – und sogar der Sonne ausgesetzte Bahnschienen können verbiegen [=Gleisverwerfung] – mit gleichfalls potenziell tödlichen Folgen.
  • Österreich testet nunmehr Eisenbahnschienen weiß anzustreichen. Auch in der Schweiz und in Deutschland laufen derartige Versuche (vgl. Spiegel 2019a).

Zusammengefasst ist von einer größeren bzw. zunehmenden Vulnerabilität der Infrastruktur und damit auch der Gesellschaft zu sprechen. Gemeint ist damit, dass die Verletzlichkeit der Systeme und damit die Versorgungsunsicherheit – in jeder Hinsicht – zunimmt.

>> Der Politologe Dirk Messner hebt hervor, dass die Gesellschaft via Covid-19 erneut gemerkt hat, wie vulnerabel „selbst die wohlhabendsten Länder sind“ (2020).


Waldbrände, Missernten und Meeresspiegel

„Scott Morrison gehört zu der Garde rechtskonservativer Machtmenschen, die mit ihrer kurzsichtigen Politik den ganzen Planeten in Haft genommen haben. Er ist wie Donald Trump in den USA oder Jair Bolsonaro in Brasilien…“ „[W]er Rechtsradikale und Erzkonservative wählt, wählt die Klimakrise“ (Hahn 2019).


Waldbrände

Aufgrund von längeren trockenen Phasen, erkrankten Bäumen und höheren Temperaturen kommt es vermehrt zu Waldbränden – auch in Deutschland:

  • „Schon unterhalb von einem Grad Erwärmung dehnt sich demnach ‚mit hoher Konfidenz‘ [d.h. mit hoher (Forschungs-)Sicherheit] die Waldbrandsaison aus…“ (2019).

kommentiert dies Stefan Rahmstorf.


Das Erleben wir seit einigen Jahren ganz konkret

  • in Kalifornien, worüber bedauerlicherweise in Deutschland erst dann medial intensiv berichtet wurde, als die Promisiedlungen der Ortschaft Paradise als „Hölle auf Erden“ (Alt 2020, 14) abfackelten und auch Thomas Gottschalk sein ‚Anwesen‘ verlor (vgl. Spiegel 2018).1 2
  • 2020 an der US-Westküste in den Staaten Kalifornien, Oregon und Washington – also letztlich von Mexiko bis Kanada –, wo Trockengewitter mit Stand September eine Gesamtfläche quasi der Größe Schleswig-Holsteins in Flammen setzten (vgl. Buchter 2020). Die Luft ist vielerorts „‚gesundheitsgefährdend‘ oder ‚sehr ungesund‘“ (SZ 2020b). Der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom wandte sich inmitten einer abgebrannten Landschaft u.a. Richtung Washington mit den Worten: „Wenn Sie nicht an wissenschaftliche Erkenntnisse glauben mögen, dann vielleicht an die erkennbare Realität“ (zit. in Buchter 2020). 
    • September 2020: Neue Sachverhalte bringen neue Begriffe hervor: Zu den Bränden Kaliforniens zitiert die Zeit den Gouverneur von Washington, Jay Inslee, mit den Worten, es handele sich nicht um Waldbrände, sondern um Climate Fires, d.h. Klimabrände (vgl. Gaul 2020).
    • Ein Blick an den Himmel reichte im September 2020, um die Dramatik der Klimakrise sichtbar zu machen: „Der Rauch der Waldbrände in Kalifornien zog in der Erdatmosphäre bis nach Deutschland. Das ist der Grund, warum die Sonnenuntergänge bei uns gerade besonders kräftig strahlen. Obwohl Kalifornien 9000 Kilometer entfernt ist“ (Traufetter 2020).
  • 2018 in Schweden, wo etwa 40 Waldbrände wüteten und Schweden nicht über Löschflugzeuge verfügte, weil sie zuvor noch nie erforderlich gewesen waren (vgl. Welt 2019 u. Hermann 2019).
  • in Russland, wo seit vielen Jahren und überall im Permafrostgürtel, soll heißen im Polarkreis, in der Arktis, 2019 riesige Flächen von Wäldern in Flammen stehen (vgl. Kramer 2019): „Die wohl größten Brände, die unser Planet je gesehen hat – in einer der kältesten Regionen, die unser Planet kennt“ (ebd.; vgl. Aspekte Waldbände im Polarkreis, S. 109, Abschnitt Permafrost S.106).
  • im Amazonasgebiet, wo u.a. wegen legaler und illegaler Rodungen gewaltige Flächen von Regenwald abbrennen (vgl. Blickle et al. 2019) und
  • in Australien 2019/20,
    • wo noch vor dem australischen Sommer und dem gewohnten Beginn der Waldbrandsaison aufgrund von jahrelanger heftiger Dürre und extrem hoher Temperaturen gewaltige Flächen brennen, ja, gefühlt ganz Ost-Australien ‚in Flammen steht‘ (vgl. Spiegel 2019b). „Heute sind selbst Sümpfe so trocken, dass sie brennen“ (Deininger 2020, 3)3.
      • Besagte australische Waldbrände verursachten seit August 2019 (allein bis Mitte Dezember) rund 240 Mio t CO₂: „195 Millionen Tonnen davon entfallen auf den Bundesstaat New South Wales…“ (Spiegel 2019c). 240 Mio t CO₂ markieren knapp die Hälfte der gesamten jährlichen CO₂-Emissionen Australiens.4
      • Anfang Januar 2020, also noch während der andauernden Buschfeuer, schätzte der Ökologe Chris Dickman „highly conservative“, dass allein in New South Wales 800 Millionen Tiere in den Feuern verendet sind (vgl. Mannix 2020). Euan Ritchie, associate professor of wildlife ecology at Deakin University, schätzt die Sache insgesamt wie folgt ein: „Realistically, the number of animals killed in these fires is many, many, many billions. And we’ll never know what that true number is, because for some species we don’t know their abundance and what we have lost” (ebd.).
      • Zum Symbol geriet das Foto eines kleinen (d.h. jungen) aufrecht ‚stehenden‘, „sich offenbar in einem Maschendrahtzaun verfangen[en ‚Joey‘ genannten Kängurus, dessen Körper verkohlt war]“ (Rydlink 2020). Der Fotograf des Bildes, Brad Fleet, ergänzte: „‚Für die Tiere, die überlebt haben, wird es von jetzt an noch schwieriger‘… Das Feuer habe ihnen jegliche Lebensgrundlage genommen, es gebe kein Futter mehr und keine Unterschlüpfe“ (ebd.).5
      • Laut der Attribution Science (Zuordnungswissenschaft) erhöhte „[d]er menschengemachte Klimawandel [in Australien] die Wahrscheinlichkeit für eine feuerfreundliche Wetterlage um mindestens 30 Prozent“ (Götze 2020).

In Deutschland herrschte im Jahr 2020, nachdem es seit einem Monat so gut wie gar nicht geregnet hat und im April lediglich „vier Prozent des langjährigen Mittels“ (Seidler 2020a) fielen, in einigen Regionen bereits Mitte April 2020 die höchste Stufe für Waldbrandgefahr:

  • „In mehreren Regionen Deutschlands rücken Feuerwehrleute aus, um Waldbrände zu löschen“ (Zeit 2020b). Bei einem dieser Waldbrände wurde in der Grenzregion die „[n]iederländische Ortschaft Herkenbosch evakuiert“ (Spiegel 2020b).


Wohlgemerkt: Das alles geschieht bei ‚nur‘ 1,1 °C weltweiter Erderwärmung und entsprechenden Änderungen der Niederschlagsregimes.


1,1 °C: Was wird bei noch höheren Werten passieren?


>> vgl. in Abschnitt Die Physik des Klimawandels: Treibhausgase, S. 145 den Aspekt Extremwetterereignisse, S. 149

Details: Erläuterungen zu (1) bis (5)

1 „Von den 20 schlimmsten Waldbränden in der Geschichte Kaliforniens ereignete sich die Hälfte seit 2015“ (Buchter 2019, 21). Weil es dort so knochentrocken im „heißeste[n] Sommer, den Meteorologen für Kalifornien jemals aufgezeichnet haben“ (ebd.) war, reichten marode (Überland-)Transmissionsleitungen und Hochspannungsmasten, um – wie schon rund 1.500 Mal zuvor seit 2014 – Waldbrände auszulösen. Die börsennotierte Firma Pacific Gas and Electric (PG&E) „kommt mit der Instandhaltung nicht hinterher… [hat aber] seit 2014 Dividenden im Wert von 3,5 Milliarden Dollar ausgeschüttet“ (ebd.). Das Unternehmen steht seit vielen Jahren „in der öffentlichen Kritik. Explosionen von PG&E-Gaspipelines töteten in den vergangenen Jahren neun Menschen“ (ebd.), die 2018er Brände kosteten 84 Menschen das Leben (vgl. Zeit 2020a). Und wer sich angesichts der verantwortungslosen Firmenpolitik an den im Jahr 2000 erschienenen Julia-Roberts-Film bzw. an den authentischen Fall rund um Erin Brockovich erinnert fühlt, liegt richtig: In den 1950er und 1960er Jahren verseuchte giftiges Chrom (VI) vom PG&E-Firmengelände bei Hinkley (Kalifornien) das Grundwasser (vgl. wikipedia 2020) und führte zu extremen Gesundheitsbeeinträchtigungen der Bewohner*innen und vieler Kinder. „Lab tests showed that the chemical could cause breast, brain, lung, and other cancers, along with miscarriages, birth defects, and tumors“ (Pearl 2015). „In 1996, Erin and her lawyer Edward L. Masry settled their class-action lawsuit for $333 million, the largest settlement of a direct-action lawsuit in U.S. history (encaptioned Anderson, et al. v. Pacific Gas and Electric – Superior Ct., County of San Bernardino, Barstow Division, file BCV 00300)“ (SkillMD o.J.). Und wie sieht es heute dort in Hinkley aus? „The town Erin Brockovich rescued is basically a ghost town now there’s still hexavalent chromium in the water, the town’s houses are being knocked down, and the only place to buy beer is about to close“ (Pearl 2015).

2 Satellitenfotos der kalifornischen Waldbrände, die „[s]ogar aus dem All … das Maß der Katastrophe erahnen [lassen]“ (Spiegel 2020d) vom August/September 2019 finden Sie hier: https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/waldbraende-an-der-westkueste-der-usa-das-inferno-aus-satelliten-sicht-a-27ef930b-3637-4fb6-9321-15dbc44d8357 (Abrufdatum 14.9.2020)

3 Diese Trockenheit führte u.a. auch dazu, dass ein Viertel von Sydney über eine Entsalzungsanlage mit Trinkwasser versorgt wurde/wird (vgl. Spiegel 2019d).

4 Ein beliebtes Argument in Australien ist, dass man „nur für 1,6 Prozent der globalen Emissionen verantwortlich sei. Wenn aber die Verschmutzung durch Exporte seiner fossilen Brennstoffe dazu gerechnet wird, sind es 5 Prozent“ (Wälterlin 2020, 5). Aber: ‚Nur‘ 1,6% bei 25 Mio Einwohner*innen = 0,32% der Weltbevölkerung ist aber auch für sich genommen ganz schön knackig.

5 Kurz zuvor war ein Video eines Koalas viral gegangen, der eine Radlerin (erfolgreich) um Wasser anbettelte: https://www.jetzt.de/umwelt/koala-bettelt-radfahrer-in-australien-um-wasser-an (Abrufdatum 18.5.2020) [ursprünglich auf instagram am 29.12.2019 von bikebug2019 gepostet]. In solchen Momenten, in denen ich das Video oder o.a. Foto anschaue, fällt es mir schwer sachlich zu bleiben… obwohl, eine Frage an Sie: Ist es unsachlich, die Frage aufzuwerfen, inwieweit es uns Menschen bzw. der Menschheit zusteht, bei unserem eingeleiteten kollektiven Suizidversuch (vgl. S. 686) auch noch die überwältigende Mehrheit aller biologischen Lebensformen dieses Planeten mit in den Tod zu reißen?


Missernten

All die vorgenannten Faktoren rund um höhere Temperaturen und Extremwetterereignisse haben neben dem Einfluss auf das Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen auch einen Impact auf die Landwirtschaft:

  • Mehr Starkwetterereignisse (inkl. Hagel, Starkniederschlagereignisse, Überflutungsgefahren) bedeuten mehr Ernteausfälle – Hitze bedeutet Hitzestress für das Vieh (insbesondere für das Rind).
  • „Auch Parasiten treten häufiger auf, die Nutztieren und Getreide, Obst und Gemüse zusetzen – um sie in Schach zu halten, kippen die Bäuer*innen dann umso mehr Pestizide auf die Felder und Äcker.
  • Ein weiteres Problem: Viele Nutzpflanzen sind darauf programmiert, nach dem Frost zu knospen und zu blühen. Oder, wenn es keinen Frost gibt, eben nicht“ (Otto 2019, 107-108, bewusst hier noch einmal zitiert).

Meeresspiegel

Und schließlich geht es bei den konkreten Folgen für die derzeitige Entscheider*innen-Generation (und deren Grundstücke in Küstennähe) auch um höhere Wasserpegel:

  • Über den zunehmend höheren Meeresspiegel ist zu sagen, dass die Norddeutsche Tiefebene gleich zweifach von der Nordsee und der Ostsee von steigenden Meeresspiegeln bedroht ist.


Womit allenfalls zart angedeutet ist, dass der Klimaschutz als Anpassungsmaßnahme z.B. durch Küstenschutz oder Erosions-Anpassungsmaßnahmen in Gebirgen eine Menge Geld kostet:

  • Die so investierten Gelder werden damit für andere Dinge wie z.B. für Soziales, Kulturelles oder sonstiges Infrastrukturelles nicht mehr zur Verfügung stehen.

Hier wird künftig auch so manche Immobilie betroffen sein – für einen fundamentalen Wertverlust reicht vollkommen, wenn die umliegende Infrastruktur bedroht, beschädigt oder zerstört wird. Oder das Haus in der Nähe der Küste bzw. auf Meeresspiegelhöhe steht.

>> s.a. Aspekt ‚Ewiges‘ Eis, Meeresspiegelanstieg & Gletscherschmelze, S. 99ff.


Es tritt allgemein hinzu:

Klimawandel gilt allgemein als threat multiplier oder auch als „Risikoverstärker in komplexen Systemen.“ (Brasseur et al. 2017, 287)

  • Er gilt als „Bedrohungsmultiplikator, der die Folgen durch komplexe Wirkungsketten in vernetzten Systemen verstärkt“ (ebd., 293);

Allgemein ist aus den vorherigen Ausführungen zu schließen, dass die Versorgungssicherheit, deren Gewährleistung so viele Bundesbürger*innen derzeit hinsichtlich des Themas ‚Energiesicherheit‘ umtreibt1, auch betreffend

  • die Ernährung und
  • lebenswichtige Medikamente für akut und chronisch Kranke,

schwieriger, mit mehr Aufwand als bisher und unter nur unter hohem finanziellen Einsatz – und möglicherweise aufgrund von instabilen globalen Lieferketten auch weniger zuverlässig – zu gewährleisten sein wird. Auch das wird Geld kosten, das an anderer Stelle fehlen wird.

Details: Erläuterungen zu (1)

Maja Göpel, Generalsekretärin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) und Mitglied des Club of Rome hebt hervor, dass das Argument der unbedingt zu gewährleistenden Versorgungssicherheit insofern quatsch ist, weil ausgeblendet wird, dass diese auch mit den Ansprüchen der Bürger*innen gekoppelt ist: Der Strombedarf wächst ständig – und es bleibt vollkommen unhinterfragt, dass ein ‚Genug‘ eben auch das erforderliche Grundniveau der Energieversorgung deckeln würde. „Versorgungssicherheit von Energie, von Nahrung, von allem bleibt implizit eine wachsende Größe. Die darf nicht gefährdet werden, egal auf welchem Niveau sie aktuell ist. Niemand macht sich die Mühe, zu erläutern: Was ist denn eigentlich Versorgungssicherheit? Wann ist genug? Das ist das nie ausgesprochene Selbstverständnis der Wohlstandsgesellschaft“ (2020).


Ein letzter Aspekt zum Thema ‚Klimafolgen für die Entscheider*innengeneration in Deutschland‘:

Aber die Renten, die sind sicher?

Dazu ist im 2017er „Wir sind dran“-Club of Rome-Bericht folgender Hinweis zu finden:

  • „Dass Umweltschäden nicht eingerechnet werden, heißt, dass sich der Druck auf jetzt schon knappe natürliche Ressourcen beschleunigt: Bäume werden gefällt, Gewässer verschmutzt, Feuchtgebiete trockengelegt und die Ausbeutung von Kohle, Öl und Gas forciert, wenn es dafür Käufer gibt. Und große Vermögen, etwa Pensionsfonds, sind gefangen in Fossilwerten, die man zunehmend als Hochrisiko einstufen muss“ (Weizsäcker 2017, 34 vgl. Böcking 2020).


Zu ergänzen ist, dass bei sich zunehmenden Ausmaßen der Klimakrise die Weltwirtschaft angesichts von drohenden (regionalen) Katastrophen, Ernteausfällen etc. pp. erwartbar in eher unruhige Fahrwasser geraten wird – was mutmaßlich auch Folgen für die angeblich so sicheren Renten hätte.

Deutschland ist ‚Exportweltmeister‘ – das macht uns aber gleichzeitig auch besonders abhängig von funktionierenden internationalen Märkten und könnte uns künftig auf die Füße fallen.

>> s.a. LebeLieberLangsam-Beitrag Kommen wir zur: Unbequemen Wahrheit. Hier geht es ebenfalls darum, dass es eine Illusion ist, zu glauben, wir Deutschen/Europäer*innen/Bewohner*innen und Rentner*innen der Industrieländer lebten auf einer ‚Insel der Seligen‘ >> https://blog.lebelieberlangsam.de/kommen-wir-zur-unbequemen-wahrheit


Doch nicht nur die Renten sind gefährdet:

Versicherungen neigen dazu, nur das zu versichern, was mit guter Chance kein Versicherungsfall wird.

Ein prägnantes Beispiel dazu führt die Filmreportage ‚Wetter extrem – Hitzewellen und Wassermassen‘ des NDR (Teil 2, ab ca. Min 11) auf: Vor dem ‚Jahrhundertsommer‘ 2018 hatte es im Sommer 2017 im Harz katastrophal viel geregnet mit dem Ergebnis, dass im Harzvorland ganze Städte unter Wasser gesetzt wurden. Mir persönlich ist aus der Zeit eine (aus Sicherheitsgründen im Schritttempo erfolgende) Bahnfahrt von Goslar nach Hannover in lebendiger Erinnerung geblieben, bei der sich mir der Eindruck aufdrängte, ich führe bei Springflut über den Hindenburgdamm nach Sylt: Rechts und Links über weite Strecken nur Wasser.

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Paul Ludwig Hans Anton von Beneckendorff und von Hindenburg (1847-1934) hat einen rückblickend eher als problematisch einzuordnenden Lebenslauf. Der 1927 eingeweihte Damm sollte daher – wie dieser Tage oft gefordert – umbenannt werden.

Der entsprechende Ausschnitt aus der Film-Doku: NDR (2019): „Wetter extrem – Hitzewellen und Wassermassen (2/3)“. in: YouTube, 30.8.2019, online unter https://www.youtube.com/watch?v=2QWdfoPAtHg, s.a. Folge 1: https://youtu.be/zmhw_JJt5QE u. Folge 3 https://youtu.be/k4rX90WcZdQ (Abrufdatum jeweils 2.7.2020)

In Bad Salzdetfurth,

  • „vor den Toren Hildesheims“, stieg „der Pegel der Innerste [– eines Nebenflusses der Leine –] … auf sieben Meter“. In der Folge liefen Keller und Erdgeschoss des Hauses der im Film vorgestellten Familie Wiebel voll, die Öltanks der Heizung schwammen auf. Zwei Jahre später hat „die Sanierung ihres Hauses bereits mehr als 100.000 Euro gekostet. Drinnen riecht es nach ausgelaufenem Heizöl, das in die Wände gezogen ist… ‚Wir haben komplett alles rausgerissen nach dem Hochwasser: Estriche raus, Fußbodenheizung raus, Elektrik … Es hat sich … Öl in den Leitungen hochgezogen… im Erdgeschoss haben wir komplett auf einen Meter die Steine austauschen müssen, also wirklich rausmauern und dann wieder reinmauern. Die Möbel waren sowieso … alle hin, wir haben alles einmal komplett entsorgt‘… Vier Monate musste die Familie bei Freunden wohnen. Und ihr Haus ist [zwei Jahre später] immer noch eine Baustelle… Auszuziehen, verkaufen, irgendwo anders nochmal neu anzufangen… ‚war nie richtig eine Option für uns. Das Haus war noch nicht ganz bezahlt – und wer kauft so ’ne Immobilie, die so beschädigt ist? Da hätten wir nichts für gekriegt und die Schulden wären trotzdem noch da gewesen, von daher war nur die Option, wir bauen es wieder auf und machen es für uns so zurecht, wie wir es haben wollen und versuchen es einigermaßen zu schützen mit den Mitteln, die wir haben‘. … [Familie] Wiebel wohnt seit 20 Jahren hier. Damals schien die Lage unbedenklich. Durch … [den Ortsteil] fließt nur ein kleiner Bach, die Innerste ist einen Kilometer entfernt. Deshalb war … [die Familie] nicht gegen Hochwasser versichert. ‚Vor 20 Jahren habe ich absolut nicht daran gedacht, so was in der Form abzuschließen. Und als man es dann machen wollte, hat mans nicht mehr gekriegt, weil auf einmal dann sind entsprechend die Zonen so eingeteilt sind, dass man keine Versicherung mehr bekommt.‘“

Ich habe großen Respekt davor, dass bzw. wie die Familie Wiebel ihr Schicksal so entschieden und tatkräftig in die Hand genommen hat. Doch bedeutet das alles auch: Ein weiteres Wetterextremereignis dieser Art hätte für viele Menschen im Harzvorland mutmaßlich den finanziellen Ruin zur Folge. So würde es Menschen dort ergehen, so ergeht es angesichts anderer Extremwetterereignisse auch Menschen in anderen Landstrichen Deutschlands, Europas, etc. pp.

Versicherungen schließen Wetten ab, die sie möglichst gewinnen möchten. Manager*innen des Versicherungswesens und erst recht von den die Versicherer absichernden Rückversicherungen wissen daher überdurchschnittlich genau darüber Bescheid, wie es um die globale Klimakrise tatsächlich bestellt ist. Ihnen sollte man genauer zuhören.

>> Siehe Analyse, Schadensbilanzen und Zukunftsperspektiven bei der Rückversicherung Munich Re unter
https://www.munichre.com/de/risiken/naturkatastrophen-schaeden-nehmen-tendenziell-zu/waldbraende-und-buschfeuer-klimawandel-als-aenderungsrisiko.html (Abrufdatum 2.7.2020)

Also: Versicherungen versichern nur, was erwartbar nicht eintritt. Daher werden in Deutschland mehr und mehr Objekte/Projekte nicht mehr oder zu immer ungünstigeren Konditionen versichert (werden).

Das bedeutet, dass

  • „[n]ationale und lokale Regierungen … sich um Probleme kümmern müssen, die der freie Markt nicht lösen kann. Zur Deckung der Kosten für Krankenhausaufenthalte von Hitzeopfern… und für die Erfüllung der Funktion eines Versicherers, wenn sonst niemand mehr einspringt, müssen höhere Steuern erhoben werden“ (Maxton 2018, 52).

>> Eine gut verständliche Zusammenfassung der globalen Wirkungen bei +1,5°, +2°, +3° und sogar +4° Celsius ist in der Süddeutschen Zeitung zu finden:
> Ebitsch, Sabrina et al. (2019): „Anatomie einer Katastrophe“. in: Süddeutsche Zeitung, online unter https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/politik/was-die-klimakrise-wirklich-bedeutet-e946076/?utm_source=pocket-newtab/ (Abrufdatum 6.11.2019) (scrollen zum unteren Drittel ab „Was kommt also auf die Welt zu?“

>> s.a. Pendzich, Marc (2019): „Antrag auf Beiladung zur Greenpeace-Klimaklage gegen die Bundesregierung“. in: LebeLieberLangsam.de, online unter https://blog.lebelieberlangsam.de/klage/


Quellen des Abschnitts Die konkreten Folgen der Klimakrise in Deutschland für die derzeitige Entscheidergeneration


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